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Die Diagnose· Folge 159

Schwindelerregend

Freitag, 23. Oktober 2026 · 34 min

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Shownotes

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Bei einer Zahnuntersuchung wird einem Mann schwummerig, wie zuvor schon öfter. Der Grund zeigt sich im Röntgenbild.
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Er klagte, ihm würde schwarz vor Augen werden, das Herz würde flattern, ihm würde ganz kribbelig werden. Und ich merkte auch, wie er wirklich kreidebleich wurde. Und irgendwas stimmte nicht mit ihm. Ist das eine Ohnmacht? Ist das eine Unterzuckerung? Ist das eine mögliche Angstreaktion? Was ist das? Der hat mir dann im Nachgang auch gesagt, ja, das war so genau das, was er auch schon zuvor immer wieder erlebt hatte. Und das waren unterschiedliche Gelegenheiten. Einmal, als er nach langer Zeit wieder mit dem Sport angefangen hat.

Dann beim Friseur und zwar beim Haare waschen. Bei ihm war es so, dass in der Aufnahme eben doch noch etwas anderes zu erkennen war. Und das sollte sich dann als interessant herausstellen. Und zwar konnte ich unterhalb des Kieferwinkels eine auffällige Stelle entdecken. Ärztinnen und Ärzte sollen Leben retten. Sie sollen Krankheiten erkennen und Leiden heilen.

Aber was ist, wenn sich eine Krankheit nicht so leicht erkennen lässt? Was, wenn rätselhafte Beschwerden es den Medizinerinnen und Medizinern schwer machen, die Ursache einer Erkrankung? Ich bin Annika Geißler, Ärztin und Redakteurin und beim Stern für die Rubrik Die Diagnose verantwortlich. Hier erzählen Medizinerinnen und Mediziner von ihren ungewöhnlichsten Fällen.

Heute zu Gast ist Oralchirurgin Barbara Sasse. Sie arbeitet am Zentrum für Implantologie und Oralchirurgie der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte. Ihre Faszination für die Chirurgie begann früh, mit gerade mal 14 Jahren. Damals landete sie nach einem Reitunfall selbst in der Chirurgie, mit einem Frontzahntrauma, also ein vorderer Zahn war verletzt.

Es hätte danach zwei Optionen geben können, sagt sie. Entweder eine lebenslange Zahnarztphobie zu entwickeln oder selbst diesen Beruf zu ergreifen. Barbara Sasse wurde schließlich Zahnärztin. Nach dem Studium der Zahnmedizin entschied sie sich für die Fachdisziplin der Oralchirurgie. Eine spezielle Ausbildung, die etwa drei bis vier Jahre in Anspruch nimmt.

Mit Barbara Sasse spreche ich heute über einen Patienten, der nach einem Sportunfall und einem Frontzahntrauma zu ihr kam. Bei der Untersuchung auf dem Behandlungsstuhl wurde ihm plötzlich schummerig und er wirkte benommen. Später erzählte er, das sei ihm schon häufiger passiert. Beim Sport, beim Autofahren, beim Friseur.

Seltsam. Was steckte da dahinter? Das war ein Patient, der tatsächlichen Frontzahntrauma erlitten hatte durch einen Sportunfall. Und zum zeitlichen Setting muss ich sagen, das war 2019, das heißt vor Corona. Wir haben das Trauma erstmal versorgt. Es war klar, dass der Zahn leider nicht zu halten sein würde. Wir haben dann den Wurzelrest entsprechend ziehen müssen, und hatten den Patient erstmal versorgt.

Provisorisch versorgt. Und zwar mit einer Klebebrücke. Das ist so eine semipermanente Lösung, um den Patienten erstmal wieder salonfähig und auch kauffunktionell zu rehabilitieren, also wieder herzustellen. Ja, und dann traf es natürlich die Pandemie. Und in Zeiten des Lockdowns war es dann bei vielen Patienten so, viele sind nicht gekommen, weil die Zeiten unsicher waren. Und man wusste nicht, soll ich jetzt zum Zahnarzt hingehen, ja oder nein.

Tja, so war es dann auch bei dem Patienten, den ich dann wirklich erst 2022 wiedergesehen habe. Und natürlich dann immer noch mit dem Anliegen, wie versorgen wir die Lücke definitiv mit einem Implantat oder eben doch ganz konventionell mit der Brücke. Und ja, als ich den Patienten dann wieder sah, ich kannte ihn von vorher, er war natürlich jetzt Anfang, Mitte 50.

Er machte immer noch einen fitten Eindruck, aber er war vorher sehr sportlich, drahtig, sehr agil. Und im Gespräch stellte sich dann auch heraus, dass sich so ein bisschen die Behäbigkeit eingeschlichen hatte. Der Sport war reduziert worden. Man hatte vielleicht hier und da ein bisschen mehr gegessen zum Ausgleich.

Und der ganze Lifestyle hatte sich so ein bisschen verändert. Er hat viel Homeoffice, nicht mehr so aktiv am Leben teilgenommen. Aber ihm ging es erstmal nicht schlecht. Also er klagte auch nicht groß. Und dann haben wir eigentlich relativ zügig mit der klinischen Untersuchung begonnen. Aber ich glaube, er hat Ihnen noch was erzählt zum Sport. Oder war das noch gar nicht vorher?

Weil wir haben uns ja vorher ein bisschen über den Fall unterhalten. Und ich glaube, da hat er Ihnen von Episoden erzählt, die Sie so ein bisschen stutzig gemacht haben. Ja, aber das war mehr so beiläufig erstmal. Die Bedeutung kam erst hinterher, weil ich ihn fragte, ob irgendwelche Grunderkrankungen da seien, Allergien, das Übliche, was man halt im Vorgespräch abfragt.

Und er sagte, ja, also er wäre schon beim Hausarzt gewesen, er hätte ab und zu so Schwindelattacken gehabt, ganz komisch, auch mit einem Kribbeln im Arm. Aber Hausarzt hätte erstmal die Standarduntersuchung gemacht, Blutbild kontrolliert, EKG, so einen kleinen Neurocheck gemacht. Das wäre eigentlich alles unauffällig gewesen.

Und der Patient hat sich dann damit auch erst mal zufrieden gegeben und hat gesagt, okay, also ich habe es kontrollieren lassen. So ganz koscher war ihm das wohl nicht, weil er konnte das auch, so sagte er im Nachgang jedenfalls, nicht so richtig deuten, weil es kam und ging. Schwindelattacken, das kann ja von bis vieles bedeuten. Also ich sitze zu Hause am Schreibtisch und dann wird mir schwindelig oder ich gehe oder zu welchen Gelegenheiten trat das auf und wie lange hielt das an?

Also der Patient berichtete, dass erst mal im Vorgespräch, nachdem dann klar war, okay, der Hausarzt hat erst mal alles kontrolliert, war soweit alles in Ordnung, bin ich da im ersten Moment gar nicht mehr so drauf eingegangen. Erst im Nachhinein haben wir uns noch mal darüber unterhalten. Und da hat er dann doch mehr Details verraten.

Und das waren unterschiedliche Gelegenheiten. Das war einmal, als er nach langer Zeit wieder mit dem Sport angefangen hat. Und dann eine andere Gelegenheit war beim Friseur. Und zwar beim Haare waschen. Ein anderes Mal hat es ihn tatsächlich im Homeoffice am heimischen Schreibtisch erwischt. Aber er konnte das nicht miteinander in Beziehung setzen.

Es kam, dauerte ein paar Minuten maximal, wo er sich wirklich schwimmig fühlte, kurz vor der Ohnmacht stehend, Sterne vor den Augen, ein ungutes Gefühl. Und er sagte oder berichtete, dass er sich dann auch immer relativ schnell wieder von diesen Attacken oder Episoden erholt hätte. Und ja, so hat er sich dann zwar an den Hausarzt gewandt, aber hat sich dann mit den Untersuchungsergebnissen erst mal so weit zufrieden gegeben.

Das versteht man ja auch, wenn man dann hört, EKG ist gut, Blutbild ist gut, Blutzucker ist gut. Kann man ja erstmal einen Haken dahinter machen, das kann man ja nachvollziehen. Nun hatten Sie ihn bei sich wegen dieser Frage, machen wir ein Implantat, wird es doch anders versorgt mit dem Frontzahn. Dann gucken Sie sich den Patienten ja vermutlich genau an, um das nochmal zu checken. Wie ist denn die Lage jetzt eigentlich? Wie sind Sie weiter vorgegangen?

Also ein gründlichender Bestandteil dieser Implantatberatung ist natürlich auch immer Röntgendiagnostik. Und da der Patient ja auch schon ein paar Jahre nicht mehr vorstellig war, haben wir dann gesagt, okay, wir machen einmal eine Rundumaufnahme, ein sogenanntes OPG oder Panoramaschichtaufnahme. Das ist eine Aufnahme, die uns einen Überblick über Kiefer und Zähne mit allen benachbarten Strukturen gibt.

Und die Helferin hat den Patienten mitgenommen zum Röntgen. Nach Durchführung der Aufnahme kam der Patientin wieder zu mir ins Behandlungszimmer, und setzte sich in den Stuhl. Und ich habe dann einmal klinisch mit der intraoralen Inspektion einmal weitergemacht. Und ich mache immer auch einmal ein sogenanntes CMD-Screening.

CMD steht für Kranium-Mandibuläre Dysfunktion, sprich Kiefergelenkserkrankungen, knirschen Pressen. Alles, was dazu gehört, das wird einmal überprüft. Und dafür habe ich den Patienten im Stuhl sitzen und kontrolliere einmal Beweglichkeit des Kiefers, dass die Kopfbeweglichkeit überstrecke auch, taste die Muskulatur ab.

Und als ich damit begonnen hatte und den Patienten einmal wirklich den Kopf nach hinten habe überstrecken lassen, Da wurde ihm auf einmal schlecht. Sprich, er klagte, ihm würde schwarz vor Augen werden, das Herz würde flattern, ihm würde ganz kribbelig werden. Und ich merkte auch, wie er wirklich kreidebleich wurde.

Und irgendwas stimmte nicht mit ihm. Und das kam für mich dann natürlich auch erst mal wie aus heiterem Himmel, sodass ich auch erst mal gucken musste, okay, woran liegt das? Ist das eine Ohnmacht? Ist das eine Unterzuckerung? Ist das eine mögliche Angstreaktion? Was ist das? Da sind Sie ja wahrscheinlich, sage ich jetzt mal so, als Zahnärztin und Spezialistin, auch schon einiges gewöhnt, nehme ich an, wenn Sie da Patienten oder Patientinnen im Zahnarztstuhl haben.

Viele haben Angst, sind vielleicht eh schon so ein bisschen mit schwitzigen Händen und was kommt jetzt und oje. Aber das war in diesem Fall doch nochmal anders und auffälliger. Ja, ich würde schon sagen, weil der Patient war eigentlich nicht als ängstlich bekannt. Blutzucker, also kein Diabetes, nichts, was da in die Richtung eigentlich gehen würde, was man dann vermutet.

Von daher war ich dann doch erstmal in dem Moment alarmiert. Ich habe den Patienten dann gelagert und erst mal abgewartet, wie die Reaktionen ausfallen. Er hat sich dann relativ rasch stabilisiert. Wir haben hier in der Klinik natürlich auch bestimmte Möglichkeiten, Impulsoximeter anzulegen. Also zu gucken, was machen bestimmte Kreislaufparameter.

Und das, was man sonst tut, erst mal Fenster auf, Frischluft, den Patienten lagern und gucken, okay, kommt er wieder oder ist es jetzt wirklich so bedrohlich, dass ich noch weitere Schritte einleiten muss. Das heißt, er war schon doch wirklich so ein bisschen weggetreten, wenn ich das jetzt mir vorstelle. Und was meinen Sie mit Lagern, dass man dann, oh je, jetzt muss er schnell in die stabile Seitenlager oder was haben Sie mit ihm gemacht?

Tatsächlich in Schocklage, den Stuhl nach hinten gefahren. So ein bisschen geguckt, dass er Sauerstoff bekommt, also Frischluftzufuhr, deswegen auch das Fenster geöffnet und ihn angesprochen, geschaut, ob er reagiert und das war Gott sei Dank der Fall. Er war auch nicht komplett bewusstlos, aber er war benommen.

Und das hat er mir dann hinterher auch so wiedergegeben, als hätte er irgendwie Hörschwierigkeiten gehabt, Flimmern vor den Augen, Schwindel, dieses benommene, taumelige Gefühl. Und irgendwie da auch dieses Kribbel, dieses Ameisenlaufen, diese Parästhesie. Aber eben auch für einen relativ kurzen Zeitraum. Also der Patient hat das als relativ kurz empfunden.

Ich hatte den Eindruck, also tatsächlich hat es sich ungefähr um zwei, drei Minuten gehandelt, bis ich dann merkte, er erholt sich wieder gut, es passt wieder, er kommt wieder zu sich. Und wir haben das dann natürlich, als er dann wieder präsent war, ansprechbar war, haben wir das dann natürlich auch besprochen.

Und er hat mir dann im Nachgang auch gesagt, ja, das war so genau das, was er auch schon zuvor immer wieder erlebt hatte. Diese kurzzeitigen Attacken, die er sich nicht erklären konnte, wo er sich dann auch wieder gefangen hatte und auch hinterher keine Kopfschmerzen hatte. Also es gab dann keine Konsequenzen oder dass der Kreislauf dann für Stunden im Keller war.

Also die Erholung war immer relativ rasch. Aber trotzdem ja eine Schreckminute oder zwei Schreckminuten auch für Sie wahrscheinlich und die Kolleginnen, die da mit im Raum waren. Aber schön, dass er sich ja dann doch schnell wieder erholt hat und Sie das besprechen konnten. Genau, und etwa zeitgleich war ja die Röntgenaufnahme eingetroffen.

Das heißt, nachdem sich die Situation etwas beruhigt hatte und ich sicher sein konnte, dass es dem Patienten wieder gut geht, habe ich mich dann erst mal wieder dem Bildschirm zugewandt und habe mir diese Röntgenaufnahme tatsächlich dann auch mit Verstand angeguckt. Und da war etwas zu entdecken, was wir eigentlich als Nebenbefund wahrnehmen.

Also Hauptaugenmerk sind natürlich in unserem Fall immer Zähne und Kieferknochen, und natürlich Kiefergelenke. Aber bei ihm war es so, dass in der Aufnahme eben doch noch etwas anderes zu erkennen war. Und das sollte sich dann als interessant herausstellen. Und zwar konnte ich unterhalb des Kieferwinkels eine auffällige Stelle entdecken.

Die mich zu der Verdachtsdiagnose brachte dass das Gefäß die Halsschlagader, die Arteria kerotis dass dort auffällige Ablagerungen zu erkennen waren. Erklären Sie doch mal bitte, wie Sie das genau gesehen haben, weil ich glaube, die Hörerinnen und Hörer können sich schon vorstellen, diese Aufnahme, die man auch vielleicht selber beim Zahnarzt oder der Zahnärztin schon bekommen hat, wo dann sozusagen das ganze Gebiss zu sehen ist und eben Kieferknochen und so Teile vom Schädel, da ist man ja als Patient auf die Zähne fixiert, wenn man überhaupt mal einen Blick drauf wirft und dann sieht man, da ist eine Krone oder da ist eine Füllung und so weiter.

Aber man sieht noch mehr. Und was haben Sie gesehen? Sie haben gesagt, da war was Auffälliges. War das heller, dunkler? Wie sah das aus? Tatsächlich bei diesem Patienten, in seinem Fall, war es eine einseitige Auffälligkeit. Und da wären wir immer schon hellhörig. Solange eine Symmetrie da ist, kann man davon ausgehen, na ja, das ist noch irgendwo im normalen Bereich.

Wenn etwas nur einseitig auftritt, da geht der Blick schon automatisch hin. Und bei ihm war es tatsächlich eine, wir sagen, eine Verschattung, stellt sich als weißliche Struktur dar. Und zwar in einem Bereich, wo eigentlich keine Verschattung sein dürfte. Und zwar sieht man das in dieser Aufnahme im Bereich des Unterkieferwinkels, etwa auf Höhe der oberen Halswirbel.

Und da projiziert sich eben Gefäßstrukturen und Weichgewebe können wir eigentlich gar nicht im Röntgenbild erkennen. Wir können tatsächlich nur feste Hartgewebe erkennen, sprich Knochen- oder Zahn-Hartsubstanz oder eben Ablagerungen, die halt kalkhaltig sind oder kristallhaltig sind, die erscheinen dann auch in diesen Röntgenaufnahmen.

Und das war, ich will mal sagen, röhrenförmig, länglich. Etwas zerklüftet und von der Ausdehnung vielleicht so 10 bis 12 Millimeter lang. Also was, was da definitiv eigentlich nicht hingehörte. Ganz genau. Und nur eine kleine Nachfrage, weil Sie gesagt haben, Sie nennen es Verschattung, wo man ja jetzt als Hörer oder Hörerin denken würde und ich auch.

Naja, Schatten ist irgendwie dunkel, aber es stellt sich im Röntgenbild als was Helleres dar. Das habe ich richtig verstanden. Genau. Und zwar, das ist ein bisschen paradox. Aufhellungen sehen im Röntgenbild dunkler aus, Verschattungen sehen heller aus. Das hat was mit der Absorption von Röntgenstrahlen zu tun. Das heißt, der Röntgenfilm wird nicht so belichtet, wenn bestimmte Strukturen die Röntgenstrahlen vorher abfangen.

Okay, dann haben wir das auch nochmal nachvollziehen können. Vielen Dank. Sie haben das entdeckt und haben gesagt, da ist was, haben Ihnen das gezeigt, wie ging es weiter? Ich habe dann erst mal den Hausarzt kontaktiert. Und zwar habe ich mich telefonisch mit ihm verbinden lassen und. Habe ihn dann auch persönlich sprechen können und ihm den Vorfall geschildert, der sich kurz zuvor im Handelstuhl ereignet hatte und hatte ihm auch von dieser Röntgenaufnahme berichtet.

Und wir hatten dann im kurzen Telefongespräch einmal vereinbart, dass der Patient wirklich direkt zum Hausarzt geht und dass dort einmal eine weiterführende Diagnostik gemacht wird, um eben abzuklären, ist diese Stenose wirklich da oder ist es ein Artefakt, was auch manchmal passieren kann, dass sich Dinge im Röntgenbild darstellen, die aber gar nicht so tatsächlich real da sind?

Oder ist es tatsächlich das, was ich vermutet hatte, nämlich ein drohender Gefäßverschluss durch Ablagerung? Und der Patient ist dann auch praktisch direkt aus meiner Sprechstunde zu seinem Hausarzt gefahren. Dort wurde einmal eine Sonografie durchgeführt und weitere Untersuchungen und es hat sich tatsächlich bewahrheitet, es war eine Stenose.

Das hatte ja dann auch das ganze Setting, abgesehen mal von dieser Szene davor mit dieser kurzen Ohnmacht und dem Schwindel und dem Kribbelgefühl, hatte ja dann auch noch eine weitere Dramatik. Sie haben das entdeckt im Röntgenbild, Sie haben telefoniert. Der Patient fuhr direkt zum Hausarzt, das hat man ja auch nicht alle Tage, so dass man sagt, das ist jetzt hier aber wirklich eilig.

Erklären Sie doch bitte mal den Verdacht, der sich ja dann bestätigt hat, wir haben jetzt schon die Worte gehört, Stenose, es ging da um ein Gefäß, dass Sie das nochmal so ein bisschen für uns erklären. Stenose bedeutet, es liegt eine Einengung der Halsschlag, also im Bereich der Karotis, Karotis ist die Halsschlagader, eine Einengung vor durch Ablagerung von atherosklerotischer Plagg.

Warum kommt es zu diesen Ablagerungen? Das kann unterschiedliche Gründe haben. Teilweise ist es halt durch die Anatomie, weil sich die Karotis ja gabelt. Also das ist eine Stelle, wo sich häufiger diese Plagg absetzen. Das kann. Durch Lifestyle-Faktoren beeinflusst werden, wie das Rauchen, durch Übergewicht, durch erhöhte Blutfettwerte.

Und letztendlich ist das Risiko, wenn sich dort ein Verschluss bildet, eben groß, dass es zu Cerebrovaskulären, also zu Schlaganfällen kommen kann, oder auch zu anderen Embolien. Einfach weil das ein wichtiges Gefäß ist, was ja dann Richtung Hirn, den Blutfluss führt. Und wenn da was verengt ist oder zu ist oder was abgeht, kann es zum Schlaganfall kommen.

Wie hat denn der Patient auf Ihre Entdeckung reagiert, bevor er dann zum Hausarzt ging? Hat er das ganz ruhig aufgenommen und gesagt, naja, jetzt kümmern wir uns drum? Der Patient war geschockt in dem Moment. Er hatte mit vielem gerechnet, damit hat er sicherlich nicht gerechnet. Vor allen Dingen, weil eben die Blutwerte bei ihm, also sie waren nicht ideal, aber sie waren auch nicht dramatisch schlecht.

Natürlich hatte er durch die Pandemie, durch den Lockdown ein paar Kilo zugelegt. Er hatte Bewegungsmangel gehabt. Wie gesagt, der Sport war nicht mehr so präsent. Und insgesamt die Aktivität hatte nachgelassen. Aber es war nicht so, dass er sich jetzt wirklich krank gefühlt hätte. Abgesehen von diesen Episoden mit den Schwindelattacken.

Aber so im Alltag ging es ihm nicht schlecht. Und wie gesagt, er hatte ja auch durch seinen Besuch beim Hausarzt hat er sich so ein bisschen in Sicherheit gewogen. Und dass jetzt doch etwas vorliegen könnte, was unter Umständen eben zum Schlaganfall führen könnte, das hat ihn tatsächlich erstmal schockiert und auch geängstigt.

Und im Nachgang. War er unheimlich dankbar, dass es durch dieses Standardverfahren, was wir ja als Zahnärzte im Grunde täglich anwenden, dass das praktisch zu Früherkennung geführt hat. Und dass dadurch Schlimmeres verhindert werden konnte. Da war er unheimlich dankbar. Und die Szenen, die er ja Ihnen dann berichtet hat, wo er das schon mal gehabt hat mit diesem Schwindel, mit diesem Ohnmachtsgefühl.

Sie hatten es anfangs erwähnt, beim Friseur, beim Haare waschen, bei irgendwelchen sportlichen Aktivitäten. Jetzt bei Ihnen im Zahnarztstuhl ist ja immer dieses wahrscheinlich beim Sport auch über Strecken des Kopfes oder des Halses nach hinten gewesen. Nur dann oder erst dann wurde es aufgelöst. Ich glaube, der Schreibtisch passt nicht so ganz dazu. Aber dass man sich diese Kopfbewegung und dieses Überdehnen des Halses noch mal vorstellt.

Nee, der Schreibtisch passt insofern dazu, weil er sich da einmal gerekelt hat, gestreckt und gerekelt. Deswegen, es war halt auch für den Hausarzt oder für mich erst mal dadurch schwierig, da wirklich einen Kontext herzustellen, Zusammenhang herzustellen und für den Patienten natürlich auch, weil es eben unterschiedliche Situationen waren.

Und die unterschiedlichen Kopfbewegungen haben halt dazu geführt, die Stenose selber bleibt ja unverändert, die bleibt ja davon unverändert. Aber eben durch Kopfbewegungen hat sich eben die Durchflussgeschwindigkeit oder die Durchflussmöglichkeit des Blutes halt war beeinträchtigt. Und das hatte immer wieder dazu geführt, dass der Patient eben doch, ja wir sagen, es geht so ein bisschen in die Richtung transitorische ischämische Attacke, da immer wieder Probleme dann entwickelt hat. Aber wie gesagt.

Was so viel heißt wie transitorisch, das ist zeitweise oder vorübergehend, chemisch, es kommt zu wenig Blut letztlich im Gehirn an und Attacke, ja, ist klar. Ich glaube, das ist für die Hörerinnen und Hörer und für mich einfach so ein interessantes Bild, was man vor Augen haben kann beim Friseur, beim Haare waschen, im Zahnarztstuhl, beim Regeln am Schreibtisch, beim Sport, vielleicht bei irgendwelchen Überstreckungsbewegungen.

Also wenn man das schon mal im Hinterkopf abspeichert und sagt, ach, das habe ich schon mal gehört, ist, glaube ich, schon viel gewonnen. Eine andere Situation hatte er auch noch beschrieben, die muss ich vielleicht noch kurz, und zwar Kopf wenden im Auto. Ah, okay. Das hatte er auch erwähnt im Nachgang.

Da hatte er auch einen Vorfall erlebt. Also aber im Nachhinein passt es halt wieder. Bei extremen Kopfbewegungen konnte er damit immer diese Episoden provozieren. Nur eben die unterschiedlichen Settings haben dazu geführt, dass er das nicht verknüpfen konnte. Nun hatte der Hausarzt ihren Verdacht bestätigt, hatte einen Ultraschall gemacht.

Das war klar, es ist eine Karottestenose. Was ist danach passiert? Der Patient wurde medikamentös eingestellt. Gott sei Dank waren keine weiteren Eingriffe erstmal notwendig. Er hat aber wieder seine sportliche Tätigkeit aufgenommen. Er hat auch ein paar Kilo abgenommen wieder. Das heißt, er hat so ein bisschen an den Lifestyle-Faktoren hat er selber aktiv mitgearbeitet.

Und alles andere wurde erst mal medikamentös eingestellt. Und seitdem wird er regelmäßig untersucht und kontrolliert. Und ja, also das ist weiterhin unter Beobachtung. Aber Gott sei Dank ist es nicht zu anderen oder schwereren Eingriffen gekommen. Und medikamentös eingestellt heißt, er kriegt Blutgerinnungsmittel oder Blutverdünnungsmittel, besser gesagt, dass der Blutfluss besser erhalten bleibt? Genau.

Wie oft kommt denn sowas vor, dass man so eine Auffälligkeit, wie Sie es genannt haben, in so einem Übersichtsröntgenbild beim Zahnarzt, bei der Oralchirurgin, beim Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen, dass da was auffällt, wo man sagt, gut, das hat jetzt aber mit den Zähnen nichts zu tun. Ist das ganz, ganz, ganz selten? Haben Sie da Erfahrungswerte?

Gibt es da Literatur dazu? Es gibt Literatur dazu und zwar die ersten Studien, die sich damit beschäftigt haben, Die sind schon in den 80ern veröffentlicht worden und seitdem kommen immer neue Studien dazu. Die Ergebnisse, das unterscheidet sich so ein bisschen. Man sagt ungefähr. Variiert zwischen 5 bis 10 Prozent aller Aufnahmen, dass irgendwo Auffälligkeiten zu sehen sind.

Und bei diesen 5 bis 10 Prozent muss man einmal unterscheiden, sind das Überlagerungseffekte, Effekte zum Beispiel vom Kehlkopf oder vom Zungenbein, was ja auch noch da ist. Manchmal können auch Lymphknoten, die so ein bisschen kalzifiziert sind, können das auch manchmal überdecken. Oder sind das tatsächlich im Sinne von Differenzialdiagnosen wirklich echte Pathologien, also Auffälligkeiten mit Krankheitswert.

Da muss man sagen, von diesen 5 bis 10 Prozent fallen in etwa 10 Prozent, also von diesen Prozentzahlen, tatsächlich auf Gefäßveränderungen, also Ablagerungen in den Gefäßen. Wir sehen aber auch zum Beispiel Speichelsteine oder Ablagerungen in den Gaumenwandeln. Das können wir dort auch erkennen. Es gibt auch Strukturen vom Bandapparat, die sich verknöchern können.

Also da gibt es vieles. Oder auch von der Schilddrüse gibt es auch manchmal, Überlagerungseffekte oder auch, dass man dort bestimmte Dinge erkennen kann. Also es kommt nicht so selten vor, es ist aber auch nicht alltäglich. Und da wünscht man sich einen wachsamen Zahnarzt oder eine wachsame Zahnärztin.

Wie ging es denn mit der eigentlichen Frage, weswegen der Patient zu Ihnen gekommen war? Was machen wir jetzt mit diesem Frontalzahn, der nicht mehr da war, mit diesem Implantat, was vielleicht kommen sollte? Wie ging es damit weiter? Sehr gut. Der Patient hat natürlich erstmal. Die Carotestenose therapieren lassen und nachdem er dort ein ruhigeres Fahrwasser gefahren ist und auch wieder beruhigt war, hat er sich wieder vorgestellt, wir haben implantiert.

Natürlich mussten wir auch dort Rechnung tragen, dass er eben blutverdünnende Medikamente dann eingenommen hat, die er im Übrigen auch nicht absetzen darf und soll. Das ist auch ganz wichtig, dass man da nicht eigenmächtig irgendwie an den Medikamenten etwas abändert. Das ist für uns aber gut handelbar und er ist mittlerweile glücklich und zufrieden mit seinem Implantat, kommt regelmäßig zur Nachsorge und es geht ihm soweit gut.

Wunderbar. Und im Zahnarztstuhl trat dann auch nichts dergleichen mehr auf. Beim Implantieren des Implantats muss man ja auch wieder so, ja, wahrscheinlich in den Zahnarztstuhl, nützt ja nichts. Tatsächlich hat er berichtet, dass nachdem die entsprechenden Medikamente eingenommen wurden, natürlich hat man das erstmal kontrolliert und abgewartet, wie die Ergebnisse sind und hat auch immer wieder einmal Ultraschall gemacht.

Und seitdem hat er keine Komplikationen mehr gehabt. Toll. Was mich sehr freut für ihn. Und ich nehme jetzt mal aus dem Fall mit, wenn jemand was vom Friseur und Haare waschen erzählt oder vom Sport oder vom Autofahren oder vom Zahnarztstuhl, dass es da irgendwie komisch und schwummerig wird, dass man dann doch nochmal genauer nachfragen sollte, sei es auch im Bekanntenkreis.

Nachdem man diesen Fall gehört hat, was ist denn so das Fazit für Sie? Was Sie aus dem Fall mitnehmen, doch nochmal genauer die Röntgenaufnahmen angucken. Aber das sprang Ihnen ja hier offenbar relativ schnell ins Auge. Ich glaube, dass wir als Zahnärzte, als Oralchirurgen eben auch einen Beitrag dazu leisten können, solche Nebenbefunde, Zufallsbefunde, die ja nicht primär eigentlich unser Fachgebiet betreffen, dass wir da eben im Sinne des Patienten auch entsprechend dann schalten müssen.

In dem Moment zählt nicht das Implantat, zählt nicht die Versorgung der Zähne, sondern da zählt erstmal primär etwas ganz anderes. Und zwar im Sinne der Früherkennung, dass man sagt, da müssen Sie jetzt erstmal andere Stellen abarbeiten. Das hat jetzt absolute Priorität. Das kann lebensrettend sein. Und alles andere, die Zähneimplantate, das kriegen wir auch zu einem späteren Zeitpunkt versorgt, dass man da eben entsprechend richtig handelt, um den Patienten eben gut zu versorgen.

Ganz herzlichen Dank für diesen spannenden Fall und dass Sie uns den so anschaulich dargestellt haben. Und ja, also ich führe mich jetzt schon mal diese erhöhte Wachsamkeit, wenn aus dem Bekanntenkreis derartige Geschichten vielleicht mal berichtet werden. Dass ich die für mich mitnehme. Ganz herzlichen Dank dafür. Sehr gerne.

Das war die Diagnose. Ich bin Annika Geißler. Bis zum nächsten Mal. Die Diagnose. Der Stern-Podcast.

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