Anmelden

Die Diagnose· Folge 157

Falsch gedacht

Freitag, 25. September 2026 · 30 min

MP3

Shownotes

Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/diediagnose

EXKLUSIVES NordVPN-Angebot ➼ Unter nordvpn.com/diagnose gibt es einen Mega-Rabatt und 4 Extra-Monate auf die 2-Jahrespakete
Testet es jetzt risikofrei mit einer 30-Tage-Geld-zurück-Garantie!
Ein Mann leidet immer wieder an Nackenschmerzen und geht zur Massage. In seinem Fall kann sie aber nicht helfen.
Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de

Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Das, was sehr häufig passiert, so bei Nackenschmerzen, da denken ja alle immer zuerst, muss was Orthopädisches sein. Und das war bei ihm auch so. Er hatte sämtliche Orthopäden der Stadt konsultiert, war da gewesen, dann hatten die irgendwie Massagen verschrieben. Dann hatte er eher das Gefühl, dass es nach der Massage schlechter wird und auch manchmal sogar richtig schlimm wird nach der Massage. Und ist da aber dann trotzdem weiter hingegangen, weil alle immer gesagt haben, naja, es muss ja helfen, da sind Verspannungen und die müssen irgendwie weg.

Ich habe da totales Verständnis für jegliches Misstrauen. Das ist ja bei Patientinnen und Patienten, die ich sehe, ganz häufig so, dass die schon eine ganz lange Odyssee haben. Und ganz viele Ärztinnen und Ärzte und Therapeutinnen schon gesehen haben, die alle immer sagen, ich weiß, was das ist und ich verschreibe ihnen jetzt irgendwie, ich mache jetzt irgendwas und dann ist es weg.

Also es ist absolut menschlich unnormal, mit ein bisschen Zurückhaltung zu reagieren und zu sagen, naja, jetzt gucken wir erstmal, ob es wirklich funktioniert. wird. Ärztinnen und Ärzte sollen Leben retten, sie sollen Krankheiten erkennen und Leiden heilen. Aber was ist, wenn sich eine Krankheit nicht so leicht erkennen lässt?

Was, wenn rätselhafte Beschwerden es den Medizinerinnen und Medizinern schwer machen, die Ursache einer Erkrankung zu finden? Ich bin Annika Geißler, Ärztin und Redakteurin und beim Stern für die Rubrik Die Diagnose verantwortlich. Hier erzählen Medizinerinnen und Mediziner von ihren ungewöhnlichsten Fällen.

Heute spreche ich mit Professorin Dr. Dagny Holle-Lee. Sie ist Neurologin und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums am Uniklinikum Essen. Sie war 2023 schon einmal zu Gast in unserem Podcast. Es geht heute um einen ganz besonderen Fall, in dem die eigentliche Patientin etwas in den Hintergrund rückte und dafür ihr Ehemann immer mehr in den Vordergrund.

Der hatte seit mehr als zehn Jahren seltsame Nackenschmerzen und das jeden zweiten Tag. Weder Physiotherapie, noch Spritzen, noch Massagen hatten geholfen. Die Halswirbelsäule sei schuld, so hatte er es immer wieder von Medizinern gehört. Aber in Wirklichkeit steckte eine ganz andere Ursache dahinter.

Es war so eine typische Situation bei mir in der Sprechstunde. Es ist ganz häufig so, dass Patientinnen oder Patienten nicht alleine kommen, sondern einfach einen Ehepartner, Freund, Freundin, wen auch immer mitbringen. Was ich eigentlich auch gut finde, weil vier Ohren immer mehr hören als zwei und ich erzähle ja auch immer ganz viel.

Und manchmal kommt dann gar nicht die ganze Information wirklich an, wenn man da alleine ist. Deswegen ist das gar nicht so ungewöhnlich. Und das war bei dieser Patientin auch so. Die brachte ihren Ehemann mit und das war so eine meiner typischen Migräne-Patienten, die ihre Geschichte erzählte und ihre typischen Symptome erzählte.

Ich habe mir das so alles angehört, klassische Migräne und wir haben dann ganz viel über ihre Symptome gesprochen. Einmal über Begleitsymptome, Übelkeit und so weiter, aber was bei ihr so typisch war, ist, dass sie sehr gequält war von Nackenschmerzen. Dann haben wir sehr viel über Nackenschmerzen gesprochen. Und ich merkte schon, dass der Ehemann daneben immer unruhiger wurde, irgendwie immer mehr zuhörte.

Und irgendwann habe ich ihn dann so angeguckt und gefragt, ja. Haben Sie was dazu beizutragen? Oder es stört irgendwas von den Sachen, die ich jetzt erzähle. Und da sagt er, nee, aber irgendwie, also irgendwie kommt mir das auch bekannt vor. Ich habe auch total viel Nackenschmerzen. Das ist so auch mein Lebensthema irgendwie.

Und ich habe das, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, wirklich 10, 15 Mal im Monat und irgendwie kommen mir ganz viele Symptome, über die wir jetzt hier sprechen, ganz bekannt vor. Auch das ist gar nicht so selten in der Sprechstunde, dass man am Anfang eigentlich mit der Patientin oder dem Patienten spricht und am Ende beide behandelt hat, weil beide dann sozusagen ein Thema haben.

Darf ich da ganz kurz einhaken, nur weil Sie die Szene so schön beschrieben haben. Also bei der Patientin war ja alles klar, wie Sie gesagt haben und Sie sprachen über die Symptome, die Beschwerden und es war eindeutig eine Migräne und das ging immer weiter in die Tiefe. Und der Mann machte große Augen, weil sie über den Nacken so viel sprachen.

Was hat er denn dann gesagt oder zu seiner Frau oder zu ihnen gesagt, als er da so immer hellhöriger und hellhöriger wurde? Ja, man merkte schon, dass dieses Nackenthema zwischen den beiden schon eine ganz große Rolle gespielt hat, weil er sich offensichtlich zumindest häufiger mal darüber beschwert hat zu Hause, dass er Nackenschmerzen hatte und auch schon ganz viel gemacht hatte.

Die Frau hatte ihn schon zur Akupunktur geschickt und zum Osteopathen und alles Mögliche. Und man merkte richtig, dass das bei denen zu Hause offensichtlich am Küchentisch auch ein Thema war, dieser Nackenschmerz. Und was ihm aber, glaube ich, in dem Gespräch klar wurde, war, dass er auch noch so weitere Symptome hatte, also dass ihm häufiger mal so übel war.

Aber das hatte er einfach ignoriert bislang, dass er auch mal so ein bisschen lichtempfindlicher war und so weiter. Aber er hatte bei seiner Frau halt immer nur so große Migräneattacken miterlebt mit so in Anführungsstrichen richtigen Kopfschmerzen, sodass es seine, er hatte seine Schmerzen eigentlich gar nicht so richtig ernst genommen.

Die waren störend, aber der konnte damit arbeiten gehen. Der hat seinen Alltag trotzdem gemacht, sodass es ein großes Thema war, aber eben irgendwie nicht so groß, dass er jetzt richtig dafür irgendwie in Aktion getreten wäre. Und große Migräneattacken, wie Sie es genannt haben, die können ja sehr eindrücklich sein.

Also sehr, sehr schlimme Kopfschmerzen, dann eben noch mehr Lichtempfindlichkeit. Die Menschen sind ja teilweise wirklich dann den ganzen Tag oder noch länger ausgenockt, müssen im Dunklen liegen, brauchen Ruhe. Das ist ja schon sehr beeindruckend und eindrücklich für den Partner oder die Partnerin oder Angehörige, wie doll und stark das sein kann.

Also wenn das so im Fokus steht, aha, das ist Migräne, dann scheint das ja total klar zu sein. Genau. Und es war auch so, dass er eine Schwester hatte und eine Mutter, die ebenfalls auch unter Migräne litten. Und das hatte ihn schon seine ganze Kindheit, war er mit so Migräne als Krankheit aufgewachsen. Aber eben auch eine andere Art von Migräne. Eben auch, dass man sich ganz zurückziehen muss in ein dunkles Zimmer und gar nicht mehr richtig teilnehmen kann am Leben.

Sodass er immer das Gefühl hatte, dass das mit ihm jetzt gar nichts zu tun hat, sondern eben was anderes ist, was er hat. Und das ist schon auch das, was sehr häufig passiert, so bei Nackenschmerzen. Da denken ja alle immer zuerst, muss was Orthopädisches sein. Und das war bei ihm auch so. Er hatte sämtliche Orthopäden der Stadt konsultiert, war da gewesen. Dann hatten die irgendwie Massagen verschrieben.

Dann hatte er eher das Gefühl, dass es nach der Massage schlechter wird und auch manchmal sogar richtig schlimm wird nach der Massage. und ist da aber dann trotzdem weiter hingegangen, weil alle immer gesagt haben, naja, es muss ja helfen, da sind Verspannungen und die müssen irgendwie weg. Dann hatte man wieder Diagnostik gemacht. Also man macht dann ja immer gerne irgendwie ein MRT vom Nacken.

Das halte ich immer für ganz unproblematisch, weil man bei diesen Nackenbildern immer irgendwas findet. Also man sieht dann immer eine Steilstellung von der Wirbelsäule. Man sieht so ein bisschen, der war jetzt auch 50, so ein bisschen Degeneration. Also es ist halt nicht mehr neu alles. Und man findet ein bisschen Bandscheibenprodrosion, also so Vorwölbungen und so.

Und dann sagen alle, naja gut, dann wird es wohl davon kommen. Und so war das bei dem auch gewesen. Es gab halt so nichts Richtiges an Diagnose, aber eben so genug, dass er irgendwie ruhiggestellt war, um weiter einfach so ein bisschen Sachen halt auszuprobieren und sehr viel Ibuprofen einzunehmen, um das überhaupt irgendwie zu schaffen.

Ja, das ist ja so. Ich glaube, wenn man dann im mittleren Alter entweder Röntgenaufnahmen oder MRT-Aufnahmen macht, eben von Wirbelsäule oder Nacken, Sie haben es ja schon gesagt, degenerative Veränderung, dass da ein paar Ausziehungen an den Wirbelkörpern sind, dass die Bandscheibe schon sich ein bisschen vorwölbt.

Und ich glaube, da findet man ja in den Bildern häufig was, was nicht zwingend dann zu diesem Schmerz führen muss. Das ist ja im unteren Rücken auch oft beschrieben und erklärt worden. Aber das war quasi so sein Konzept. Da ist was am Nacken orthopädisch verändert, an den Wirbeln, an der Bandscheibe und deswegen habe ich Nackenschmerzen.

Die würde ich mir ja, wenn es denn tatsächlich, da kann ich mir irgendwie punktuell vorstellen und vielleicht auch die ganze Zeit, wenn da irgendwas komisch aussieht an der Wirbelsäule. Ja, ich finde das auch immer spannend, weil so erkläre ich es ja auch. Wenn irgendwas kaputt ist, dann funktioniert das die ganze Zeit nicht.

Also das ist wie ein gebrochenes Bein. Das ist ja nicht, dass ich damit heute joggen gehe und morgen ist wieder gebrochen und übermorgen gehe ich wieder joggen. Aber irgendwie ist das Konzept von vielen im Kopf von so Nackenschmerzen gar nicht unvereinbar damit, dass es irgendwie ein Bandscheibenvorfall oder so sein könnte, der dann aber auch 15 Tage im Monat ja offensichtlich keine Beschwerden macht.

Aber das stimmt absolut. Das passte überhaupt gar nicht zusammen. Aber für ihn war es eben so, es gab keine bessere Erklärung. Und dann hat er sich eben mit dem zufrieden gegeben, was da über Jahre erzählt wurde. Und wahrscheinlich, wenn dann eine Bandscheibe wirklich auf Nerven drücken würde, würde es auch eher ausstrahlen, wahrscheinlich in Richtung Arme und wäre eben die ganze Zeit da.

Genau, das ist ganz wichtig. Ein richtiger Bandscheibenvorfall im Nacken macht halt Armbeschwerden. Der zieht eigentlich nicht nach oben. Und das, was er beschrieb, war wirklich ein Nackenschmerz, der eher auch Richtung Kopf, Hinterkopf zog und manchmal auch bis ganz nach vorne zog, manchmal auch einseitig war.

Also das passte schon von den Grundsymptomen überhaupt nicht zu einem Bandscheibenvorfall. Ich fasse nochmal zusammen. Mann mittleren Alters, schon über längere Zeit, wenn nicht sogar Jahre, Nackenschmerzen, die mal kommen und die mal gehen und die mal da sind und mal nicht, aber ihn ganz schön in Mitleidenschaft ziehen.

Er hat so die Idee, dass es was Orthopädisches sein könnte und geht zu Massagen. Da wird es eigentlich eher schlechter, aber in braver Manieren. Man muss weitermachen und Verspannungen müssen behandelt werden und das muss doch mal weggehen. Wahrscheinlich auch, wie Sie sagten, Spritzen ab und zu, könnte ich mir vorstellen.

Genau, das Übliche, was dann eben gemacht wird. Es wird was reingespritzt, es wird was eingerenkt, es wird irgendwie Akupunktur mal versucht und Osteopathie und so. Das Übliche, was dann versucht wird, wenn einem nichts einfällt. Nun saß er nun also bei Ihnen und bekam immer größere Augen, als Sie mit seiner Frau über Migräne und Nackenschmerzen redeten.

Blieb er dabei und Sie gingen weiter in die Tiefe oder sagte er, da muss ich nochmal extra kommen? Wie haben Sie weitergemacht? Ja, also es war mir ziemlich schnell klar, dass er da wirklich wahrscheinlich was mit anfangen kann und habe ich es so gemacht, wie ich es meistens mache. Ich habe gesagt, wissen was, wir sprechen jetzt erstmal mit das Thema ihrer Frau zu Ende und dann sprechen wir noch ihr Thema an.

Wenn ich es irgendwie schaffe, mache ich es im gleichen Besuch, weil das bei uns immer so lange dauert, bis man einen neuen Termin bekommt. Und ehrlicherweise fängt man dann ja wieder von vorne an. Und so hatte ich ja schon ganz viel Erklärung zu den Kopfschmerzen, Nackenschmerzen gemacht. Das heißt, ich habe mit seiner Frau alles zu Ende besprochen.

Dann haben wir gesagt, so und jetzt fangen wir nochmal neu an und jetzt erzählen sie mir einfach mal ganz unvoreingenommen was über ihre Nackenschmerzen. Genau, und dann hat er mir das eben erzählt, dass er seit über zehn Jahren und eben schon eine lange Leidensgeschichte und so weiter. Und wie fühlten sich die Nackenschmerzen bei ihm an? Er hatte das Gefühl, die fangen im Nacken an und krank.

Gehen da mal in den Kopf oder ziehen nach vorne. Hat er Ihnen das so beschrieben? Und das passt ja auch zu seinem Konzept. Irgendwas muss am Nacken sein und dann geht es halt hoch. Genau. Er hat beschrieben, dass es eben im Nacken startet, so ein Drücken, da ziehen da sehr unangenehmer Schmerz. Und dass es an vielen Tagen eben auch in den Hinterkopf zieht oder auch an einzelnen Tagen eben weiter bis in die Stirn.

Und dass er dann schon so das Gefühl hat, dass er im Büro nicht richtig funktioniert, das Denken irgendwie schwieriger ist. Dass er auch schon so das Gefühl hat, naja, man könnte sich mal hinlegen, aber das im Alltag einfach gar nicht gemacht hat, sondern dann im Zweifel eben ein Schmerzmedikament genommen hat und einfach weitergearbeitet hat.

Der hat das eigentlich auch für sich gar nicht so richtig analysiert. Der hat das eher so hingenommen, dass das kommt und dann halt immer wieder mal versucht, irgendwas dagegen zu machen und war jetzt eher in so eine Akzeptanz gegangen, dass es wohl jetzt so zu seinem stressigen Leben einfach dazugehört.

Und das war ja ganz schön oft im Monat. Sagen Sie bitte nochmal, wie oft? Das ist ja nicht nur einmal oder zweimal gekommen. Nein, er hat die Hälfte des Monats darunter gelitten. Also das war durchaus ein ganz relevanter Leidensdruck. Und es war auch so, dass er am Anfang das so ein bisschen bagatellisiert hat und dann seine Frau aber sagte, naja, aber jetzt mal ganz ehrlich, wenn wir jetzt mal drauf gucken, eigentlich sagst du jeden zweiten Tag, dass du heute wieder Nackenschmerzen hast.

Und da ist es ihm überhaupt erst bewusst geworden. Und das erlebe ich ganz häufig, gerade Menschen, die sehr viel Schmerzen haben, die konzentrieren sich da nicht so drauf. Und das ist ja auch gut. Also man soll ja auch nicht jeden Tag nur denken, oh, habe ich schon wieder und schon wieder. Es ist schon gut, dass man nicht die ganze Zeit sozusagen darüber nachdenkt.

Aber gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass man es irgendwie mal objektiviert, damit man überhaupt eine Vorstellung hat, wie häufig es ist und wie viel Bedarf an Behandlung jetzt besteht. Und das Besondere in der Familie, in seiner Herkunftsfamilie war das... Mutter und Schwester, glaube ich, haben Sie gesagt, auch an Migräne litten.

Was er aber gar nicht so sofort im Fokus hatte. Woran liegt das? Ist das immer noch eine Frauenkrankheit, Migräne in Anführungsstrichen? Ja. Dass man sagt, ja gut, bei den Frauen ist das häufig. Ich als Mann habe halt dann eher Nackenschmerzen, so. Genau. Also es gibt da so zwei Komponenten. Das eine ist, dass viele gar nicht wissen, dass es eine erbliche Erkrankung ist.

Das heißt, es ist halt irgendwie so Zufall, dass jetzt irgendwie da alle Kopfschmerzen, Migräne haben. Und dann ist es immer noch so, dass ganz viele nicht wissen, dass Männer auch unter Migräne leiden. Und das ist immer noch sehr stigmatisiert. Also ich erlebe es auch in der Sprechstunde ganz häufig, dass Männer wirklich Schwierigkeiten haben, das überhaupt auszusprechen und dann lieber Spannungskopfschmerz sagen und haben, weil das natürlich immer so nach Arbeit klingt.

Und man hat sich sehr angestrengt und dann kriegt man Spannungskopfschmerz. Und Migräne klingt eher so, man ist irgendwie undiszipliniert und hat versagt und jetzt kriegt man Migräne. Ja, es ist interessant, wie unterschiedlich diese Kopfschmerzarten wahrgenommen werden oder was die für einen Ruf haben, in Anführungsstrichen, immer noch.

Erklären Sie doch bitte mal, Sie hatten ja das nun schon sehr deutlich rausgearbeitet, in welche Richtung das bei Ihnen ging. Er hat das Gefühl, es fängt im Nacken an und zieht nach oben. Wie ist das denn bei Migräne-Patienten und Patientinnen? Wie entsteht der Schmerz? Erklären Sie ein bisschen was dazu und warum ist es vielleicht genau umgekehrt, der Verlauf des Schmerzes?

Ja, heutzutage gehen wir davon aus, dass die Migräne eine sogenannte neurogene Entzündung ist. Das heißt, es kommt im Gehirn, aber vor allem auch an den Hirnhäuten zur Entzündungsreaktion. Und im Prinzip sind es die Hirnhäute, die anfangen wehzutun, weil da überhaupt Schmerzrezeptoren sind. Aber die Schmerzfasern über Nervus Trigeminus zum Beispiel ziehen eben auch bis in den Nackenbereich.

Und deswegen ist es sogar so, dass etwa 70 Prozent der Menschen mit Migräne, auch Nackenschmerzen haben und häufig auch das Gefühl haben, der Schmerz fängt im Nacken an, obwohl er im Hirnstamm irgendwo entsteht und die Schmerzfasern einfach nur runterreichen. Es ist einfach so, das Gehirn selber macht eben keinen Schmerzreiz oder tut nicht weh und dann projiziert es eben Schmerz in andere Bereiche.

Und das kann wirklich bis in die Schulter gehen, bis in den unteren Rückenbereich. Also das ist ganz wild, wo es wehtun kann, obwohl es eigentlich eine Migräne ist. Und wie oft haben Sie Patientinnen und Patienten vor Ort, wo das ähnlich verläuft und die vielleicht ganz lange, ich sage jetzt mal bei Orthopäden und Orthopädinnen waren, beim Hausarzt waren, die ganz lange auf der Suche waren, vielleicht zufällig davon gehört haben, bei Ihnen gelandet sind.

Das dauert ja alles. Also wie lange verzögert sich das dann? Sehr lange. Also das ist wirklich ein Problem. Wenn die Patienten nicht so ganz ausgeprägte Attacken, also mit Übelkeit erbrechen, also wo man vollkommen ausgenockt ist, dann wird die Diagnose meistens relativ flott gestellt. Aber wenn man starke Attacken einfach nur hat, die im Nacken sind, wird es häufig über auch Jahre oder Jahrzehnte nicht diagnostiziert.

Und ich erlebe es auch jetzt immer noch, dass ganz viele Migräne-Patienten, Wenn man dann so sagt, nee, der Nackenschmerz ist eine Migräne, und die das dann mal therapieren, dann wiederkommen, obwohl die schon 30 Jahre Erfahrung mit Migräne und Spezialisten im Prinzip schon sind, dann sagen, ach, jetzt habe ich erst verstanden, dass das auch dazugehört. Ja.

Sagen Sie bitte doch mal, Sie haben es vorhin gesagt, aber das fand ich doch eine eindrückliche Zahl, dass von den Migräne-Patienten wie viele auch Nackenschmerzen haben? 70 Prozent. Also das ist was total Typisches. Also Nackenschmerz zu haben bei der Migräne ist eher die Regel als die Ausnahme. Und dass es so unterschiedliche Verlaufsformen gibt bei der Migräne, hat man bestimmt schon mal gehört.

Oder weiß man in Ansätzen, dass es vielleicht nicht nur die große Attacke ist, über die wir vorhin gesprochen haben, wo man im abgedunkelten Zimmer liegen muss, sich vielleicht übergeben muss, einen Tag oder anderthalb Tage nicht arbeiten kann. Dieses Kommen und Gehen, bisschen lichtempfindlich nicht so gut denken können, das ist irgendwie so eine kleinere Verlaufsform. Oder wie muss man sich das vorstellen?

Genau, es ist eben so, Migräne ist ein ganz weites Spektrum. Und das kann einfach nur ein bisschen Drücken im Kopf sein oder auch nur ein Schwindel oder auch nur eine Lichtempfindlichkeit. Oder es ist eben das ganz große Bild mit Übelkeit erbrechen, Ich liege im ganz abgedunkelten Raum. Und gerade bei Männern, muss man sagen, ist das drumherum häufig weniger.

Da ist ein Schmerz und drumherum ist ein bisschen Lichtempfindlichkeit, ein bisschen Übelkeit. Aber wenn man jetzt nicht gezielt nachfragt, würden die das von alleine vielleicht gar nicht angeben oder gar nicht wahrnehmen. Und dann ist es immer schwierig zu diagnostizieren. Also an sich nicht schwierig zu diagnostizieren, aber es geht dann halt so unter, wenn man sich nicht auskennt mit der Erkrankung.

Wie sind Sie weiter vorgegangen? Sie haben das rausgearbeitet gemeinsam? Ja, und es war so, wie es meistens ist, dass er so ein bisschen ungläubig war. Also er hat schon so gedacht, naja gut, und dann habe ich gesagt, wir geben der Sache vielleicht einfach mal eine Chance. Sie haben jetzt ja über ein Jahrzehnt alles Mögliche ausprobiert, was nicht funktioniert hat.

Jetzt können wir auch mal was anderes ausprobieren. Und was ich gemacht habe, ist, dass ich ihm mal ein Tryptan verschrieben habe. Das ist ein spezielles Migräne-Medikament und das wirkt eben deutlich besser als normale, einfache Analgetika, sowas wie Ibuprofen. Und ich habe gesagt, wir haben nichts zu verlieren. Es wirkt oder es wirkt nicht.

Es ist, wenn es nicht wirkt, auch kein Beweis, dass es keine Migräne ist. Aber wenn es wirkt, ist es einfach ziemlich klar, dass es dann eine Migräne ist. Und darauf hat er sich gut einlassen können. Und schon wenige Tage später hat er mir eine E-Mail geschrieben oder ich weiß gar nicht, mich angerufen. Auf jeden Fall hat er mir die Nachricht zukommen lassen, dass es exzellent wirkt.

Und das ist eine total schöne Erfahrung, auch für mich als Therapeutin, weil, diese Erfahrung, dass plötzlich eine Akutmedikation wirkt für jemanden, der ein Jahrzehnt im Prinzip nichts Richtiges hatte und immer so mit Ibuprofen und dann wird es mal ein bisschen besser, aber eigentlich nicht dieses, ich nehme was und es ist einfach innerhalb von zwei Stunden weg oder deutlich besser.

Das ist eine ganz einprägsame Erfahrung und natürlich schön zu sehen. Und deswegen meldete er sich, hat das zurückkommuniziert und war jetzt auch überzeugt, dass das einer Migräne zuzurechnen ist, weil das auch für ihn so beeindruckend war, dass es jetzt so gut wirkt. Ist ja auch nachvollziehbar. Wenn man eigentlich seine Ehefrau begleitet, dann sozusagen es in die Richtung so ein bisschen umschwenkt, man hellhörig wird, dann guckt man in die Richtung, sie sagen, naja, lassen Sie es uns versuchen.

Und er hatte schon zehn Jahre hinter sich gebracht mit dieser Ärzte-Odyssee und nicht so richtig irgendwas hat angeschlagen. Manchmal wurde es sogar schlimmer. Dann zu sagen, ja, mache ich, kann ich mir vorstellen, ist ja schon mal ein Schritt. Ich habe da totales Verständnis für jegliches Misstrauen.

Das ist ja bei Patientinnen und Patienten, die ich sehe, ganz häufig so, dass die schon eine ganz lange Odyssee haben. Und ganz viele Ärztinnen und Ärzte und Therapeutinnen schon gesehen haben, die alle immer sagen, ich weiß, was das ist und ich verschreibe ihnen jetzt irgendwie, ich mache jetzt irgendwas und dann ist es weg.

Und wenn ich dann die fünfte oder zehnte bin, die dann auch sagt, also ich bin mir sicher, was es ist und wir versuchen was, dann können die ja, also es ist absolut menschlich und normal, mit ein bisschen Zurückhaltung zu reagieren und zu sagen, naja, jetzt gucken wir erstmal, ob es wirklich funktioniert.

Wie nimmt man so ein Tryptan ein im akuten Fall, wenn man merkt, oh, da bahnt sich im Nacken was an, jetzt muss ich reagieren? So früh wie möglich, das ist immer der beste Tipp, weil es dann einfach besser wirkt. Und es ist, ich sage mal, wie im Zug die Notbremse ziehen, einfach nicht zu lange warten.

Und dann wirkt es häufig einfach am besten. Und das nimmt man in Tablettenform ein? Oder gibt es da unterschiedliche Sachen? Ja, es gibt als Tabletten, es gibt so Schmelztabletten. Wenn einem sehr übel ist, dann bietet es sich auch an, dass man zum Beispiel Nasenspray einnimmt als Tryptan. Oder das Tryptan als Nasenspray, weil es dann zumindest teilweise ein bisschen über die Nasenschleimhaut resorbiert wird.

Es gibt aber auch sogar das Triptan als eine Subkutanspritze. Wenn man zum Beispiel morgens schon aufwacht und man hat stärkste Migräne, dann ist man ja auf jeden Fall zu spät und dann ist man aber mit dieser Subkutanspritze relativ schnell in einem wirksamen Bereich. Dieser Patient hat es als Tablette genommen. Es hat ihm gut geholfen.

Sie haben diese freudige E-Mail oder Nachricht bekommen. Wie schön. Haben Sie da noch ein bisschen weiter mit ihm an den Medikamenten was eingestellt, dass es ihm vielleicht noch besser ging? Ja, auf jeden Fall. Es ist ja so, die Akutmedikation macht halt nur die akute Attacke jetzt erstmal besser oder weg, bestenfalls.

Aber die ändert nichts an der Frequenz der Attacken. Und das, was man dann macht, über nicht-medikamentöse Maßnahmen hinaus, in so einem Fall, wäre eine medikamentöse Prophylaxe. Also ein Medikament, was man verschreibt, damit einfach weniger Attacken auftreten. Und das, was ich ihm dann verschrieben habe, war Amitriptylin.

Das ist ein Antidepressivum. Ich weiß, dann gibt es immer wieder so, oh Gott, ein Antidepressivum bei Migräne. Ja, das Medikament kann nichts dafür, dass es zuerst bei Depressionen eingesetzt wurde. Es ist ein hervorragendes Medikament gegen Migräne in niedrigerer Dosierung. Also man braucht gar nicht eine volle Dosis, die man so für eine Depression braucht, sondern nur eine ganz kleine Dosis. Das hilft häufig exzellent.

Und für so einen Patienten wie Ihnen ist das häufig ganz gut, weil da spielen häufig Schlafstörungen und sowas auch eine Rolle. Und das hat als Nebenwirkung, dass es müde macht. Dann nimmt man es abends ein, schläft auch noch besser und hat den positiven Effekt für die Migräne. Sind die Vorbehalte bei diesem Medikament, wenn das eigentlich gegen Depressionen ist, dann verändert das, keine Ahnung, mein Wesen, meine Persönlichkeit, stellt mich ruhig. Da gibt es ja wahrscheinlich viele Ängste.

Oder warum haben die Patientinnen und Patienten da eher so ein bisschen Vorbehalte? Ja, einfach natürlich, weil es zur Gruppe der Antidepressiva gehört. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wenn man das verschreibt, dass man es auch einordnet und erklärt. Weil es ist aus meiner Sicht eines der bestwirksamen und auch aus, sagen wir mal, bezüglich der Nebenwirkungen eines der verträglichsten.

Und es wird aber häufig nicht eingenommen aus falschen Ängsten heraus. Ich habe vollstes Verständnis, wenn jemand das aus irgendwelchen Gründen nicht möchte, ist das total richtig. Aber was ich in der Praxis erlebe, ist, dass sich Patientinnen und Patienten eine wirksame Medikation selber vorenthalten, einfach nur, weil sie im Internet irgendwas gelesen haben oder irgendeine Nachbarin irgendwas erzählt hat, was aber gar nichts mit der Realität zu tun hat.

Deswegen glaube ich, ist in dem Bereich unglaublich wichtig, dass man gut aufklärt, damit Patientinnen und Patienten überhaupt eine informierte Entscheidung treffen können. Und dann kann man sich dafür oder dagegen entscheiden, das ist mir alles recht. Ja, gerade wenn Sie sagen, der Schlaf wird besser, man kann besser schlafen, das trägt ja auch dazu bei, dass wahrscheinlich sozusagen diese Attacken nicht, so häufig kommen oder das Schmerzempfinden auch irgendwie das besser regulieren kann.

Was empfehlen Sie denn außerdem noch, jetzt mal außer den Medikamenten, so rundherum, wenn jemand an Migräne leidet oder an dieser Art von Migräne, die ja so ein bisschen, ich sag jetzt mal kleiner in Anführungsstrichen ist? Also das, was wir generell empfehlen und was ich auch für sehr sinnvoll halte, ist regelmäßiger Alltag. Also wirklich versuchen, regelmäßig essen, schlafen, trinken. Das Migräne-Gehirn mag so ein bisschen langweilen, wenn es alles sehr gleich ist.

Sport ist gut und häufig wird ja dann so gesagt, ja, nichts, was den Nacken irgendwie belastet. Das würde ich gar nicht so sehen, sondern eher so ein bisschen gucken aufs eigene Körpergefühl. Also man darf durchaus auch Krafttraining für den Nacken machen, nur nicht übertreiben. Wenn man merkt, danach wird es immer schlimmer, dann lieber nicht.

Entspannungsverfahren sind gut, also Yoga, PMR oder Spaziergänge oder so irgendwas, was einen runterbringt. Wo man immer so ein bisschen aufpassen muss, sind diese Massagen. Häufig ist es so, dass dieses Rumgedrücker am Nacken es noch schlechter macht. Das ist dann so kontraintuitiv, wenn man denkt, es ist verspannt und man muss da doch massieren und so weiter.

Aber diese Massagen erlebe ich häufig, machen es eher schlimmer. Nicht bei jedem und wem es hilft, soll es gerne machen. Aber wenn man die Erfahrung macht, dass man da eher schlechter rausgeht, als man reingegangen ist, dann nicht machen. Und sagen Sie nochmal, was PMR ist. Das hatten Sie bei den Entspannungserfahren aufgezählt. Nur mal einmal auflösen, bitte.

Ja, sehr gerne. Das ist progressive Muskelrelaxation nach Jakobsen. Das ist so ein Verfahren, wo man Muskeln anspannt, entspannt und ist im Prinzip so ein bisschen was wie eine Meditation, Nur für Leute einfacher, wo der Gedankenfluss immer nicht abbricht, weil man sich so ein bisschen ablenkt, indem man selber Muskeln anspannt und wieder entspannt.

Und das macht es dann so ein bisschen einfacher, wenn die Gedanken sonst immer zu viel kaputt machen an der Meditation. Und das mit den Massagen finde ich hochspannend, weil ja, eigentlich ja jeder und jede so im Kopf hat, das tut gut, das entspannt mich auch, das lockert was, was ja glaube ich in vielen Fällen auch stimmt und bei vielen Menschen hilft.

Aber interessant, dass sie sagen, bei dieser Art von Nackenschmerzen, also was Migräne begründet ist, muss das gar nicht gut sein oder ist es häufiger kontraproduktiv. Ich habe wirklich schon ganz viele Patienten gesehen, wo es nach so einer Massage überhaupt erst richtig losgegangen ist mit den Beschwerden.

Also man muss da wirklich vorsichtig sein. Wenn man so eine Veranlagung für Migräne hat, gut, weiß man nicht immer, aber wenn man es weiß, dann wirklich mit so Manipulationen am Nacken sehr vorsichtig sein. Ja. Was ist denn sozusagen das Wichtigste, was Sie aus dieser Fallgeschichte den Hörerinnen und Hörern mitgeben möchten?

Worauf sollten die achten? Wo sollten sie hellhörig werden? Was ist so Ihr Fazit daraus? Ja, also vor allem, dass man bei so quälenden Nackenschmerzen die Migräne zumindest mal mitdenkt. Einfach mal dran denken, mal den Arzt, die Ärztin darauf ansprechen, ob das nicht auch in diese Richtung einfach gehen kann.

Wirklich mal einen Kalender auch führen, um das mal genau zu dokumentieren, wie häufig es ist. Dann sieht man nämlich häufig auch den Rhythmus und so weiter. Dann macht es es einfacher. Und ich würde gerne auch wirklich Männer motivieren, sich ernst zu nehmen mit Schmerzen und nicht zu denken, oh Gott, ich bin ein Mann, ich darf das gar nicht haben.

Ich meine, eigentlich müsste das schon klar sein heutzutage. Aber es ist immer noch in vielen Köpfen drin, dass es irgendwie eigentlich so ein Frauending ist, Kopfschmerzen zu haben. Und das wäre mir schon wichtig, weil es ist so, in der Gruppe der 20- bis 50-Jährigen haben fast 30 Prozent der Menschen auch der Männer Kopfschmerzen, Migräne. Also es ist überhaupt nichts Seltenes.

Und es lohnt, da hinzugucken, weil es ganz häufig sehr gut zu therapieren ist. Ganz herzlichen Dank und vielen Dank für die spannende Erzählung. Schön, dass Sie hier waren. Dankeschön. Das war die Diagnose. Ich bin Annika Geißler. Bis zum nächsten Mal. Die Diagnose. Der Stern-Podcast.

Anmelden oder registrieren

Jetzt

0:00 / 0:00