
Ein Jahr in der Natur· Staffel 3· Folge 16
Das Wattenmeer – Die verborgene Welt zwischen Ebbe und Flut
Donnerstag, 14. Mai 2026 · 20 min
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Shownotes
Das Wattenmeer ist das größte zusammenhängende Wattenökosystem der Erde – ein UNESCO-Weltnaturerbe, das zweimal täglich im Rhythmus der Gezeiten atmet. Auf rund 500 Kilometern Küste und 11.500 Quadratkilometern Fläche erstreckt es sich grenzüberschreitend zwischen den Niederlanden, Deutschland und Dänemark.
Wir erzählen von der Entstehung nach der letzten Eiszeit, von der untergegangenen Stadt Rungholt und der Grote Mandrenke von 1362, vom Schlick als Lebensraum für Milliarden Bakterien und vom Wattwurm als biologischem Pflüger des Watts. Millionen Zugvögel rasten hier auf ihrem Weg entlang des Ostatlantischen Zugwegs, während Seehunde, Kegelrobben und Schweinswale durchs Watt ziehen – und wir fragen, was der Klimawandel für diese einzigartige Landschaft bedeutet.
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Wasser, das kommt und geht. Ein Horizont, der sich endlos dehnt. Und doch ist dieser Ort eines der artenreichsten, dynamischsten und bedeutsamsten Ökosysteme unseres gesamten Planeten. Es ist ein Ort, der atmet, im Rhythmus von Ebbe und Flut, zweimal am Tag, seit Jahrtausenden, es ist das Wattenmeer, lass den Tag hinter dir.
Stell dir vor, du stehst barfuß am Rand des Watts, kurz nachdem die Flut zurückgegangen ist. Unter deinen Füßen ist der Schlick noch feucht und kühl, ergibt leicht nach, trägt dich, aber die Luft riecht nach Salz und Jod und etwas uraltem, das sich nicht leicht in Worte fassen lässt. Möwen kreisen lautlos über dir, weiter draußen spiegelt das flache Wasser den blassen Himmel, alles ist still und alles ist voller Leben. Das Wattenmeer ist eine flache Küstenlandschaft an der südöstlichen Nordseeküste, die sich über rund 500 Kilometer von Den Helder in den Niederlanden im Westen bis zur dänischen Halbinsel Skallingen im Norden erstreckt. Es umfasst die gesamte Küste der niederländischen Provinzen Nordholland, Friesland und
Groningen, die gesamte niedersächsische und Schleswig holsteinische Nordseeküste Deutschlands sowie den südwestlichen Teil der dänischen Nordseeküste. Mit einer Gesamtfläche von rund 11500 Quadratkilometern ist das Wattenmeer das größte zusammenhängende tidenflat Ökosystem der Erde. Zum Vergleich, Das ist eine Fläche, die größer ist als der gesamte Libanon oder etwa die Hälfte der Schweiz. Seit 2009 ist der überwiegende Teil des Wattenmeers als UNESCO Weltnaturerbe anerkannt, eine Auszeichnung, die es teilt mit dem Great Barrier Reef.
Dem Amazonas, Regenwald und dem Yellowstone Nationalpark im Jahr 2014 wurde das dänische Wattenmeer in das Welterbegebiet integriert, womit das gesamte Wattenmeer nun grenzüberschreitend unter internationalem Schutz steht. Das Herzstück dieses Ökosystems ist das Phänomen, das ihm seinen Namen gibt, das Watt als Watt bezeichnet man jene Flächen, die bei Niedrigwasser, also bei Ebbe.
Trockenfallen und bei Hochwasser, also bei Flut, wieder überspült werden. Dieser Wechsel geschieht im Wattenmeer mit großer Regelmäßigkeit in einem Rhythmus von etwa 6 Stunden und 12 Minuten wechseln sich Ebbe und Flut ab, sodass es pro Tag 2 vollständige Tidenzyklen gibt. Verantwortlich dafür ist die Gravitationskraft des Mondes und in geringerem Maße auch der Sonne, die das Meerwasser auf der Erde in riesige Wellen zieht, die sich langsam um den Globus bewegen. Die Geschichte des Wattenmeers reicht weit zurück und sie ist eine Geschichte ständigen Wandels. Vor etwa 10000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, lag der Meeresspiegel der Nordsee noch rund 50 bis 60 Meter tiefer als heute, was jetzt die Nordsee
ist, war damals teilweise Festland, eine flache, von Flüssen durchzogene Tundra Landschaft, die sogenannte Doggerland, auf der Menschen jagten und lebten. Mit dem Abschmelzen der großen Eismassen stiegen die Meeresspiegel weltweit an und die Nordsee füllte sich langsam. Das Wattenmeer in seiner heutigen Form ist ein vergleichsweise junges Gebilde. Vor etwa 7500 Jahren begann sich die charakteristische Küstenlandschaft aus Schlickflächen, Prielen und Salzwiesen zu entwickeln, als der Meeresspiegelanstieg sich verlangsamte und sedimentarblagerungen, begannen die flachen Küstengebiete zu formen, die Inseln und Halligen, die heute das Wattenmeer säumen.
Die nordfriesischen Inseln wie Sylt, Föhr und Amrum, die ostfriesischen Inseln wie Borkum, Juist und Norderney sowie die Halligen wie Hoge und Langeneß sind Überreste einstiger Festlandgebiete, die durch Sturmfluten und Meeresanstieg vom Festland abgetrennt wurden. Besonders die großen Sturmfluten des Mittelalters haben die Küstenlandschaft dramatisch verändert.
Die erste Marcellus Flut von 1219 und vor allem die zweite Marcellus Flut von 1362, die als Grote Manndränke die große Ertränkung in die Geschichte einging, rissen riesige Landflächen in die See und forderten 10 Tausende von Todesopfern die Stadt Rungholt, eine bedeutende mittelalterliche Handelsstadt in Nordfriesland, versank in der Flut von 1362 und ist bis heute eines der bekanntesten Beispiele für die zerstörerische Kraft des Meeres an dieser Küste, die.
Archäologische Funde im Wattenmeer haben Überreste von Rungholt zutage gebracht. Brunnen, Deichreste, Hafenanlagen, die der Schlick über Jahrhunderte konserviert hat. Wer das Wattenmeer zum ersten Mal sieht, sieht vielleicht Schmutz, wer genauer hinschaut, sieht eines der produktivsten biologischen Systeme der Erde, der Schlick des Watts ist kein toter Boden, er ist ein dreidimensionaler Lebensraum von außerordentlicher Komplexität.
Ein einziger Teelöffel Wattenmeerschlick enthält durchschnittlich rund eine Milliarde Bakterien. Mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Diese Bakterien sind nicht nur irgendwie vorhanden, sie sind die Grundlage eines gesamten nahrungsnetzes, sie zersetzen organisches Material, recyceln Nährstoffe und machen den Schlick zu einem der fruchtbarsten Böden überhaupt auf und im Schlick leben weitere Mikroorganismen.
Einzellige Algen, sogenannte Diatomen oder Kieselalgen bilden auf der Oberfläche des Watts bei Niedrigwasser einen Goldbraunen, glitschigen Film. Dieser Film ist in Wahrheit eine dichte Gemeinschaft photosynthetisierender Organismen, die bei Sonnenlicht Energie produzieren und die Grundlage der gesamten Nahrungskette im Wattenmeer bilden. Pro Quadratmeter Wattfläche können diese mikroskopisch kleinen Algen eine Biomasse produzieren, die jener eines tropischen Regenwaldes vergleichbar ist. Eine Tatsache, die die scheinbar öde Schlickfläche in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Im Schlick selbst leben Tiere in einer Dichte, die kaum vorstellbar ist.
Wattschnecken, Wattwürmer, Herzmuscheln, Sandklaffmuscheln, Strandkrabben, Garnelen, Uferkrebse und unzählige weitere Arten bevölkern den Untergrund. Der Wattwurm Arenicola Marina ist dabei einer der fleißigsten Bodenbewohner. Er frisst täglich eine Menge Schlick, die dem Vierfachen seines eigenen Körpergewichts entspricht, filtriert dabei organisches Material heraus und scheidet den Rest als charakteristische Sandspiralen aus.
Jene kleinen, lockigen Häufchen, die jeder kennt, der schon einmal über ein Watt gewandert ist. Pro Hektar Wattfläche können Wattwürmer den Boden bis zu einer Tiefe von 20 Zentimetern vollständig umwälzen. Eine biologische Pflugarbeit, die den Schlick durchlüftet und fruchtbar hält. Kein Ökosystem der Erde ernährt mehr Zugvögel als das Wattenmeer.
Das ist keine Übertreibung, sondern eine wissenschaftlich belegte Tatsache. Das Wattenmeer liegt an einer der bedeutsamsten Vogelzugrouten der Welt, dem sogenannten Ostatlantischen Zugweg, der sich von der Arktis bis nach Westafrika erstreckt. Jedes Jahr rasten im Wattenmeer schätzungsweise 10 bis 12000000 Zugvögel.
Auf dem Weg von ihren arktischen Brutgebieten in Sibirien, Grönland, Island und Kanada zu ihren Überwinterungsgebieten in West und Südafrika und im Frühjahr wieder zurück. Das Wattenmeer ist für diese Vögel kein beliebiger Zwischenstopp, sondern eine absolute Notwendigkeit. Hier können Sie in kurzer Zeit enorme Mengen an Nahrung aufnehmen, die im Schlick lebenden Würmer, Muscheln und Krebstiere, um genug Energie für den nächsten Abschnitt ihrer auf tausende von Kilometern langen Reise zu speichern.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der Knut, ein mittelgroßer Wattvogel, der auf seiner Reise von der kanadischen Arktis bis nach Westafrika und zurück jährlich bis zu 30000 Kilometer zurücklegt. Vor dem Abflug aus dem Wattenmeer kann ein Knut sein Körpergewicht innerhalb von 2 bis 3 Wochen nahezu verdoppeln, er frisst sich buchstäblich rund um genug Fettreserven für den nächsten nonstop Flug anzulegen, der ihn ohne Unterbrechung über den Atlantik führt.
Dabei vergrößern sich nicht nur die Fettdepots, auch die Verdauungsorgane, das Herz und die Flugmuskeln verändern ihre Größe in einem Prozess der reversiblen Organplastizität. Ein biologisches Phänomen, das Forscherinnen und Forscher noch heute in Staunen versetzt. Der Austernfischer mit seinem leuchtend orange roten Schnabel, eines der Wahrzeichen des Wattenmeers, ist ein ganzjähriger Bewohner der Küste.
Er hat sich auf Muscheln spezialisiert und kann mit seinem kräftigen Schnabel Herzmuscheln Aufhebeln oder die Schließmuskeln von Miesmuscheln durchtrennen. Eine erlernte Technik, die Küken von ihren Eltern über Monate hinweg mühsam erlernen. Unterschiedliche Individuen haben dabei unterschiedliche Techniken entwickelt, was Ornithologen als eine frühe Form kultureller Weitergabe von Wissen interpretieren. Daneben rasten und brüten im Wattenmeer Säbelschnäbler, Rotschenkel, Alpenstrandläufer, Pfuhlschnepfen, Brandgänse, Eiderenten und Dutzende weiterer Arten. Die Pfuhlschnepfe hält dabei einen bemerkenswerten Weltrekord, sie absolviert den längsten Bekannten nonstop Flug eines Vogels von Alaska bis nach
Neuseeland über den gesamten Pazifik, ohne eine einzige Landung über eine Distanz von bis zu 12000 Kilometern in etwa 9 bis 11 Tagen. Das Wattenmeer ist nicht nur ein Vogelparadies, es ist auch Lebensraum für Säugetiere, die an die Gezeitenzone angepasst sind und für Fische, die das Wattenmeer als Kinderstube nutzen.
Der Seehund Foca Vitulina ist das bekannteste Säugetier des Wattenmeers, schätzungsweise 35000 bis 40000 Seehunde leben im gesamten Wattenmeer, verteilt auf Sandbänke und Inseln, auf denen sie sich bei Ebbe sonnen und ihre Jungen aufziehen. Seehunde sind hochintelligente soziale Tiere, die im Wasser mit einer Eleganz manövrieren, die ihren schwerfälligen Bewegungen an Land in keiner Weise entspricht.
Sie können bis zu 200 Meter tief tauchen und dabei bis zu 30 Minuten unter Wasser bleiben, obwohl die flache Wattenmeerlandschaft solche Tiefen kaum bietet. Die meisten Jagdausflüge finden in den tieferen Prielen und der angrenzenden Nordsee statt, die. Im 19 und frühen 20 Jahrhundert wurden Seehunde im Wattenmeer intensiv bejagt.
Ihr Bestand brach dramatisch ein. Nach dem Ende der Bejagung und dem Beginn aktiver Schutzmaßnahmen in den 1970er Jahren haben sich die Bestände erholt, ein Beispiel dafür, dass Naturschutz wirkt, wenn er konsequent betrieben wird, die Kegelrobbe halichoeros grypus ist die größere und seltenere der beiden im Wattenmeer vorkommenden Robbenarten. Sie kann eine Länge von über 2 Metern und ein Gewicht von bis zu 300 Kilogramm erreichen.
Lange war sie im deutschen Wattenmeer ausgestorben, doch seit den 1900 90er Jahren hat sie sich wieder angesiedelt und zählt heute einige 1000 Individuen. Kegelrobben werfen ihre Jungen im Winter auf sandigen Stränden und Inseln und die weißen, flauschigen Jungtiere gehören zu den bewegendsten Anblicken, die das Wattenmeer zu bieten hat.
Der Schweinswal Focoena Focoena. Der kleinste Wal der Nordsee durchstreift die tieferen Gewässer des Wattenmeers auf der Jagd nach Fischen. Er erreicht eine Länge von etwa 1,5 bis 1,8 Metern und ist damit vergleichsweise klein, aber als einzige Walart, die regelmäßig im Wattenmeer vorkommt, von großer ökologischer Bedeutung. Schweinswale sind stark durch Unterwasserlärm gefährdet durch den Bau von Windkraftanlagen, durch Schiffsverkehr und durch militärische Sonarübungen.
Das Wattenmeer ist zudem eine der bedeutsamsten Kinderstuben für Nordseefische Schollen, Seezungen, Heringe und Garnelen. Leichen in den flachen, warmen, nahrungsreichen Gewässern des Watts oder nutzen es als Aufzuchtgebiet für ihre Larven und Jungfische. Ohne das Wattenmeer würden die Fischbestände der gesamten Nordsee zusammenbrechen, eine Tatsache, die die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung dieses Ökosystems für ganz Nordwesteuropa unterstreicht. An den Rändern des Watts, dort wo der Untergrund hoch genug liegt, um nicht mehr bei jeder Flut überschwemmt zu werden, entstehen Salzwiesen auf norddeutsch, auch Quellermatten oder Anwachsen genannt.
Diese Übergangszone zwischen Watt und Festland ist ein Lebensraum für hochspezialisierte Pflanzen, die das Kunststück fertig bringen, im salzhaltigen, zeitweise überfluteten Boden zu gedeihen, der Queller Salicornia Europaya ist eine der bemerkenswertesten dieser Pflanzen. Er ist eine fleischige, gelenkig aussehende Pflanze ohne Blätter, die im Herbst leuchtend rot wird und ganze Teppiche auf den niedriger gelegenen Salzwiesen bildet.
Queller ist ein sogenannter Halophyt, eine salzliebende Pflanze der Aktivsalz in seinen Zellen anreichert, um den osmotischen Druck des umgebenden salzigen Bodens auszugleichen. Er ist eines der ersten Glieder in der Sukzession der Salzwiese, wo Queller wächst, verlangsamt er die Wasserströmung. Sedimentiert Schlick und erhöht langsam den Boden, bis andere Pflanzen folgen können. Weiter landeinwärts folgen Strandflieder, Strandaster, Andelgras und schließlich die typischen Kräuter der höher gelegenen Salzwiesen.
Diese Wiesen sind Brutgebiet für Möwen, Austernfischer, Rotschenkel und Kiebitze und im Herbst Weiden dort Schafe, die seit Jahrhunderten die Salzwiesen kurz halten und damit die Artenvielfalt erhalten. Die Dünen der Wattenmeerinseln sind ein weiteres Ökosystem für sich, aufgebaut aus Sand, der vom Meer an den Strand gespült und vom Wind ins Landesinnere getragen wird, bieten Dünen Lebensraum für Pflanzen und Tiere, die extreme Trockenheit, Salz und Nährstoffarmut tolerieren können. Strandhafer, Sandsäge und Kriechweide sind typische Dünenpflanzen Kaninchen, Feldhasen, Ringelnattern und seltene Insekten bevölkern die Dünentäler. Auf einigen Inseln brüten Silbermöwen, Heringsmöwen und Sturmmöwen in dichten Kolonien
in den Dünen. Ein ohrenbetäubendes Schauspiel im Frühsommer. Menschen leben an der Wattenküste seit Jahrtausenden bereits in der Jungsteinzeit vor etwa 5000 Jahren siedelten Menschen auf den höher gelegenen Gesträndern an der Küste und nutzten das Watt als Nahrungsquelle. Die Muschelberge, sogenannte Köcken Möddinger oder Muschelküchen Abfallhaufen, die Archäologinnen und Archäologen an der Nordseeküste gefunden haben, Zeugen von einer jahrtausendealten Tradition des Muschelsammelns im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung begannen die Küstenbewohner, künstliche Hügel aus Erde und Mist aufzuschütten, auf denen sie ihre Häuser errichteten, um bei Sturmfluten sicher zu sein. Diese Hügel heißen Warften oder
Wurten. Und viele der heutigen Halligdörfer stehen noch immer auf solchen Warften. Die Halligen, selbst, jene Kleinen, kaum über den Meeresspiegel ragenden Inseln ohne schützende Deiche, werden bei schweren Sturmfluten bis heute regelmäßig überflutet, nur die Warften mit den Häusern ragen dann als einsame Inseln aus dem Wasser, die Menschen, die dort leben, nennen dieses Ereignis Land unter, ein Wort, das alles sagt der Deichbau begann im großen Maßstab im Mittelalter.
Durch das Eindeichen von Marschland, dem fruchtbaren Schwemmland hinter den Küsten, gewannen die Küstenbewohner landwirtschaftliche Flächen, schufen aber gleichzeitig eine Abhängigkeit von Deichen, die bis heute andauert. Die Küstenschutzinfrastruktur des deutschen Wattenmeers ist eine der aufwendigsten und teuersten der Welt, Tausende Kilometer Deiche, siele, Schöpfwerke und Sperrwerke schützen das Hinterland vor der Nordsee.
Die Wattwanderung, das geführte oder eigenständige Wandern, über das bei Ebbe trockengefallene Watt ist seit dem 20 Jahrhundert zu einer beliebten Freizeitaktivität geworden. Jährlich gehen 100 Tausende von Menschen im Wattenmeer auf Wattwanderung, begleitet von erfahrenen Wattführerinnen und Wattführern, die nicht nur über den sicheren Weg durch Priele und Treibsand Bescheid wissen, sondern auch über die Biologie und Geschichte dieses Ökosystems.
Es ist eine der Direktesten und sinnlichsten Arten, Natur zu erfahren. Der Schlick unter den Füßen, der Geruch der Nordseeluft, die Möwen über dem Kopf und das Wissen, dass man gerade durch einen der artenreichsten Lebensräume der Erde läuft. Das Wattenmeer ist in seiner Existenz so eng mit dem Meeresspiegel verknüpft, dass der Klimawandel zu seiner drängendsten Bedrohung geworden ist. Der globale Meeresspiegel steigt, das ist wissenschaftlicher Konsens.
Die Frage ist, wie schnell er steigt und ob das Wattenmeer mit diesem Anstieg mithalten kann. Grundsätzlich hat das Wattenmeer eine natürliche Fähigkeit, mit steigendem Meeresspiegel mitzuwachsen, durch die Ablagerung von Sedimenten, also von Sand und Schlick, die die Flut ins Watt trägt, kann sich das Niveau des Wattenbodens langsam heben, dieser Prozess hat das Wattenmeer in der Vergangenheit durch natürliche Meeresspiegelschwankungen begleitet, doch er hat Grenzen.
Wenn der Meeresspiegel schneller steigt, als Sedimente abgelagert werden können, wird das Watt tiefer, die Überflutungszeiten länger und die Lebensbedingungen für die im Schlick lebenden Organismen schlechter. Aktuelle Studien des Common Warden Sea Secretariot, der gemeinsamen Behörde der 3 Wattenmeerstaaten Niederlande, Deutschland und Dänemark, zeigen, dass Teile des Wattenmeers bereits heute Anzeichen von Stress zeigen. Die Bestände einiger charakteristischer Arten, darunter bestimmte Wattvögel und Muscheln, sind in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen.
Ob dies direkt auf den Klimawandel, auf Überfischung, auf Schadstoffbelastung oder auf eine Kombination dieser Faktoren zurückzuführen ist, wird noch wissenschaftlich diskutiert. Neben dem Meeresspiegelanstieg bedrohen Stickstoffeinträge aus der Landwirtschaft, Mikroplastik, Schiffsverkehr, Freizeitdruck und der Ausbau der Offshore Windenergie das empfindliche Gleichgewicht des Ökosystems.
Die Herausforderung besteht darin, die Energiewende, die zum Schutz des Klimas dringend notwendig ist, so zu gestalten, dass sie nicht auf Kosten jener Ökosysteme geht, die durch den Klimawandel bereits unter Druck stehen. Das Wattenmeer ist ein Ort des Rhythmus. Zweimal täglich kommt die Flut, zweimal täglich zieht sie sich zurück. Kein Tag ist wie der andere.
Und doch bleibt das Grundprinzip unverändert, ein und Ausatmen, kommen und gehen, werden und vergehen. In dieser Regelmäßigkeit steckt eine tiefe Weisheit, die weit über die Biologie hinausgeht. Das Wattenmeer existiert nicht, trotz seiner Vergänglichkeit, sondern wegen ihr. Gerade weil es sich ständig verändert, ist es so lebendig.
Die Zugvögel kommen, weil es diese Fülle gibt, die Fische, Leichen hier, weil es diesen Schutz gibt, die Robben ruhen hier, weil es diese Stille gibt, und all das funktioniert nur, solange das Gleichgewicht erhalten bleibt, das Gleichgewicht zwischen Ebbe und Flut, zwischen Sediment und Wasser, zwischen Nutzung und Schonung, diese Erde ist das Einzige, was wir wirklich haben, nicht als Ressource.
Nicht als Kulisse, sondern als Heimat. Das Wattenmeer mit seinem Schlick und seinen Möwen, seinen Robben und seinen Zugvögeln, seinem Kommen und Gehen der Gezeiten ist ein kleines, kostbares Stück dieser Heimat, und es ist es wert, dass wir innehalten und zuhören bis zur nächsten Folge von Einschlafen mit Natur.