
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Die Kennedys: Clan der Sieger
Dienstag, 3. März 2026 · 58 min
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Shownotes
Mit maßlosem Ehrgeiz kämpft der Millionär Joseph P. Kennedy, aufgewachsen in den irischen Einwanderervierteln von Boston, um die gesellschaftliche Anerkennung seiner Familie. 1944, nach dem Scheitern der eigenen politischen Karriere und dem Tod des ältesten Sohnes, steigt der Zweitgeborene zum Hoffnungsträger der Familie auf: John Fitzgerald Kennedy, ein 27-jähriger Luftikus, der binnen weniger Jahre US-Senator wird - und sich zu Höherem berufen fühlt.
Historische Reportage: Mathias Mesenhöller (GEO)
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
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1944, nach dem Scheitern der eigenen politischen Karriere und dem Tod des ältesten Sohnes, steigt der Zweitgeborene zum Hoffnungsträger der Familie auf, John Fitzgerald Kennedy. Ein 27-jähriger Luftikus, der binnen weniger Jahre US-Senator wird und sich zu höherem Berufen fühlt. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente.
Und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben. Präsentiert von GEO Epoche. Weitere hochwertige Audio-Inhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+. Der 13. August 1944 ist ein warmer Sonntag in Hyannis Port. Also beschließen die Kennedys, das Mittagessen auf der Veranda einzunehmen, mit Blick auf den Nantucket Sound, an dessen Strand die Sommerresidenz der Familie liegt.
Für den Nachmittag planen die Kinder, an einer Regatta teilzunehmen. Joseph P. Kennedy, der Patriarch, legt großen Wert auf Sport und Wettkampf, Siegeswille. Ehrgeiz, Härte, das sind die Tugenden, die der Selfmade-Millionär fordert. Wir wollen hier keine Verlierer, in dieser Familie wollen wir Gewinner, stachelt er seine Söhne und Töchter an, auch gegen einander.
Sechs der neun Kinder von Rose Fitzgerald und Joseph P. Kennedy sind an diesem Tag in Hyannisport. Sogar John F., den sie Jack nennen, der zweitälteste, der Charmeur mit dem breiten Grinsen und der lässigen Art. Über das Wochenende darf er das Krankenhaus verlassen, in dem Ärzte die Folgen einer misslungenen Rückenoperation zu kurieren versuchen und wo er sich kurz zuvor den Wagen des Vaters hat stehlen lassen, dessen Wut sich zu Jacks Glück gegen den Dieb richtet, nicht auf die Frage, was ein Patient nachts außerhalb des Hospitals zu suchen hat, eine Krankenschwester verführen hätte, Jack antworten müssen.
Doch Joseph P. Kennedy hat andere Sorgen. Noch immer fehlt am Mittagstisch einer, der längst zurück sein sollte, Joe Junior, der älteste Sohn. Die Sonne, wie ein Bekannter der Familie einmal gesagt hat, zu der Jack nur der Mond sei. Joes Dienstzeit als Marineflieger im Krieg gegen die Deutschen ist längst abgelaufen.
Die Familie rechnet täglich mit der Nachricht, dass er heimkehrt und die politische Karriere fortsetzt, die der Vater ihm bestimmt hat. Denn ihm, und nur ihm, traut der Patriarch das zu, woran er selbst gescheitert ist. Joseph P. Kennedy will seinen ältesten Sohn im Weißen Haus sehen. Als ersten irischstämmigen und katholischen Präsidenten der USA.
Das ist sein Traum. Der Sinn all der Millionen, die er verdient hat. Nach dem Essen zieht sich der Vater zum Mittagsschlaf in sein Zimmer zurück. Rose liest in der Zeitung. Die Kinder unterhalten sich mit gedämpften Stimmen im Wohnzimmer. Es klopft. Rose öffnet. Vor der Tür stehen ein Marine Kaplan und ein weiterer Priester. Sie wechseln ein paar Worte.
Rose dreht sich herum und hastet die Treppe hinauf. Augenblicke später eilt ihr Mann herab und geht mit seiner Frau und den Geistlichen in ein Nebenzimmer. Als er wieder heraustritt, ist sein Gesicht grau. Mühsam beherrscht, gibt er die Nachricht an seine Kinder weiter. Joe Junior ist über England abgestürzt. Da bricht seine Stimme und Tränen schließen ihm die Augen.
Er besteht darauf, dass die Geschwister wie geplant segeln gehen. Dann wankt er auf sein Zimmer und schließt sich ein. Eines der Kinder kommt der Aufforderung des Vaters nicht nach. Lange und nachdenklich wandert Jack am Strand unterhalb der Veranda auf und ab. Etwas später beobachtet er seinen trauernden Vater aus der Ferne.
Gott, da geht der Alte, sagt er zu einem Freund, da geht er und sinnt über den nächsten Zug nach. Jetzt bin ich es, musst du wissen, jetzt bin ich an der Reihe, es ist mein Auftritt. Zu diesem Zeitpunkt ist John Fitzgerald Kennedy ein 27-jähriger Invalide, der unter schweren Rückenschmerzen und geheimnisvollen Infektionskrankheiten leidet, der sich als politischer Autor einen Namen gemacht hat, als sprachbegabt gilt, aber auch als hemmungsloser Schürzenjäger, als Luftikus, schwächlich und vergnügungssüchtig.
Jack, dessen Ehrgeiz nicht einmal sein Vater recht einzuschätzen weiß, in dessen Namen das unvollendete Erbe zweier irisch-amerikanischer Clans anklingt, der Kennedys und der Fitzgeralds, und auf den sich nun, nach dem Tod seines Bruders, die Ambitionen des Patriarchen konzentrieren werden. Ein Ehrgeiz, ja, eine Wut, deren Wurzeln ins Boston des 19.
Jahrhunderts reichen, in die Nöte und Erniedrigungen, den zähen Kampf der irischen Einwanderer um Auskommen und Anerkennung in Amerika. Am Anfang steht ein eingeschleppter Pilz. 1845-46 verbreitet er sich über die Kartoffelfelder Irlands und verwandelt sie in endlose Flächen schwarzer stinkender Fäulnis.
Drei weitere Missernten folgen. Jeder sechste Landbewohner verhungert oder stirbt an Krankheiten. Rund zwei Millionen Menschen fliehen aus der Heimat, davon etwa drei Viertel in Richtung USA. Eine der Hafenstädte, in denen sie von Bord gehen, ist Boston, im neuenglischen Massachusetts. Die Metropole, in der einst die amerikanische Revolution ihren Ausgang nahm, wird zu jener Zeit von einer Anzahl alteingesessener Familien dominiert, deren enormer Reichtum aus Handel, Reederei und Textilindustrie stammt.
Unter denen es aber ebenso zum guten Ton gehört, eine führende Rolle im Gemeinwesen anzustreben, In der Politik, als Gelehrter in den Künsten, eine Art republikanische Aristokratie. Drei Präsidenten haben die Boston Bramins hervorgebracht, sowie eine in den USA bis dahin einmalige kulturelle Blüte und die älteste und renommierteste Hochschule des Landes, Harvard.
Doch auch der Dünkel dieser Kaste ist legendär. Die Lowells reden nur mit den Cabots, heißt es. Und die Kerberts reden nur mit Gott. Als englischstämmige, entschiedene Protestanten blicken die alteingesessenen mit wachsender Abscheu auf die katholischen Hungerleider, die nun in ihr Gemeinwesen strömen.
Im Jahr 1855 machen die Neuankömmlinge bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus. Sie wohnen in Slums. Kinderreiche Familien drängen sich in lichtlosen Zimmern zusammen mit Strohsäcken als Betten. Die Miete verdienen sie als Hausierer oder Hafenarbeiter, sofern sie Arbeit bekommen. Denn oft hängen in den Straßen Schilder mit der Aufschrift, ihren brauchen sich nicht zu bewerben.
Die Einwanderer von der Insel rangieren am untersten Ende der Bostoner sozialen Hierarchie. Dass etwa jedes zweite ihrer Kinder vor dem sechsten Lebensjahr stirbt, erklärt ein Ausschuss der Gesundheitsbehörde noch 1875 mit angeborener Schwäche und ungesunden Sitten. Doch Amerika ist eine Demokratie. Öffentliche Ämter werden in Wahlen vergeben.
Jeder männliche Bürger hat eine Stimme, gleichgültig wer er ist und was er besitzt. Innerhalb kurzer Zeit etablieren die Neueinwanderer in ihren Vierteln effiziente Klientelnetze. Ein Boss sammelt die Stimmen seines Wahlkreises und vermittelt im Gegenzug Jobs, erwirkt Gewerbescheine, verteilt Geld an Kranke oder für ein ordentliches Begräbnis holt einen Sohn aus dem Gefängnis.
Bald übernehmen irische Seilschaften auf lokaler Ebene die traditionell einwandererfreundliche demokratische Partei und errichten eine Art Schattenstaat. Das System basiert auf Loyalität, aber auch auf Manipulation. Einschüchterung, Stimmenkauf, präparierte Stimmzettel und Kartellabsprachen sichern die Macht der Bosse und machen sie zu einer politischen Kraft.
1885 stellen die Iren zum ersten Mal den Bürgermeister und acht Jahre später begegnen sich im Senat des Staates Massachusetts zwei irisch-katholische Vertreter Bostons, Patrick Joseph P. J. Kennedy und John Francis Fitzgerald. P.J. Kennedy, der es vom Kneipier zum wohlhabenden Spirituosenhändler gebracht hat, ist groß gewachsen, hart und verschlossen.
Ein Mann, der öffentliche Auftritte hasst, reden sowieso. Lieber wirkt er im Strategieausschuss, einer Art geheimen Zentralkomitee der Demokratischen Partei Bostons. Fitzgerald dagegen ist klein, schmal, extrovertiert. ein guter Redner, Hände schüttelnder Volkstribun, Frauenschwarm. Diese beiden, so unterschiedlichen Männer, werden zu erbitterten Gegnern.
Über ein Jahrzehnt lang kämpfen sie mit wechselndem Erfolg um die Macht. Schließlich bewirbt sich Fitzgerald 1905 gegen den Kandidaten des Strategieausschusses um die Nominierung der Demokratischen Partei für die Bürgermeisterwahlen. Fitzy inszeniert einen in Boston nie gesehenen Wahlkampf. Auf den Kundgebungen versorgen seine Leute das Publikum mit kleinen Sternenbannern.
Blaskapellen und Fackelzüge marschieren. Ganze Straßenzüge werden mit Fahnen ausstaffiert. Und mittendrin ein überschäumender Kandidat, der jeden zu kennen scheint. Stets ein persönliches Wort hat einen Gefallen verspricht. Später werden sie ihn Honeyfitz nennen, den honigsüßen Fitz. Er gewinnt sowohl die Nominierung als auch die anschließenden Wahlen.
Das Publikum liebt ihn, verzeiht ihm Wahlbetrug und Amtsmissbrauch, auch Gerüchte über Frauengeschichten, zu viele profitieren von seinen Wohltaten, der Ämterpatronage, dem gewaltigen Ausbau des öffentlichen Dienstes. Doch 1913 tritt ein Herausforderer noch gröberen Schlags auf. James Michael Curley droht damit, eine Affäre des Bürgermeisters mit einem blonden Zigarettenmädchen, in Wahrheit wohl eine New Yorker edelprostituierte Publik zu machen, und so den Ruf der gesamten Familie in den Schmutz zu ziehen.
Fitzgerald verzichtet auf eine erneute Kandidatur, auch um seine drei Töchter zu schützen und deren Aussicht auf standesgemäße Ehen. Ausgerechnet seine Lieblingstochter Rose jedoch beharrt seit Jahren auf einer indiskutablen Partie, einem Bo mit Sommersprossen und rotblondem Haar, mächtigem Selbstbewusstsein und breitem Grinsen, Joseph P.
Kennedy, dem Sohn seines langjährigen Gegenspielers des zähen, bedächtigen PJ. Nicht gut genug, finden Roses Eltern und schicken ihre Tochter nach Europa ins Internat. Doch während Fitz Jebels Karriere ausklingt, steigt Joseph P. Kennedy 1914 mit 25 Jahren zum jüngsten Präsidenten einer Bank in Boston auf.
Der Ex-Bürgermeister kapituliert und willigt in die Verbindung ein. Als das Paar einen Sohn bekommt, wird er auf den Namen des Vaters getauft, Joseph Patrick Kennedy Joe Jr. Beim zweiten jedoch, 1917, beharrt Rose auf dem Andenken ihrer Sippe und setzt die Vornamen John Fitzgerald durch. Unterdessen versucht Honey Fitz ein Comeback. 1916 kandidiert er für den Senat in Washington gegen einen der angesehensten und mächtigsten Bostoner Aristokraten, Henry Cabot Lodge.
Fitz-Javard verliert. Damit setzt sich die Reihe seiner politischen Niederlagen fort. Es ist ein Abstieg, den viele Jahre später ein anderer rächen wird. Trotz all seines Charms, Joseph P. Kennedy ist ein Getriebener. Als Sohn eines Boston-Irischen Strippenziehers, der sich mit Macht aber erfolglos um Aufnahme in die vornehme Gesellschaft bemüht hat, folgt er dem Zwang, diese Anerkennung zu erringen.
Die erste Stufe war Harvard, die Kaderschmiede der alten Elite. Doch auch dort hat er erfahren, dass sich der Sohn eines katholischen spirituosen Großhändlers noch so sehr bemühen kann. Für die Yankee-Elite bleibt er, ein irischer Kneipiers-Spross, von den wirklich guten Kreisen ausgeschlossen. Die Konsequenz, die er daraus zieht, lautet, das Einzige, was diese Leute verstehen, ist Geld.
Also setzt er sich zum Ziel, mit 35 Millionär zu sein. Joseph beginnt als Bankier, wird Industriemanager, dann Aktienhändler. Sein Geschäftssinn ist enorm, seine Rücksichtslosigkeit groß. Er ist clever und verschwiegen und verdient dank seiner exzellenten Verbindungen an Insider-Informationen, an manipulierten Kursen, vermutlich auch am Alkoholschmuggel der Mafia.
Sein Wille zum Erfolg ist absolut. Und an seinem 35. Geburtstag ist er nicht nur einfacher, sondern gleich mehrfacher Millionär. Als er sich um die Aufnahme in den elitären Cohasset Country Club bewirbt, holt er sich erneut eine Abfuhr. Denn Josephs Vermutung, in diesen Kreisen zähle nur das Geld, ist falsch.
Die Snorbs der alten Kaste setzen ein Vermögen einfach voraus, aber sie lehnen ab, wie er seines verdient hat. Ebenso Josephs rüde Umgangsformen, seinen Glauben, sich überall einkaufen zu können oder herauszumogeln, etwa aus der Wehrpflicht im Ersten Weltkrieg. Für die Boston Bramens ist Joseph nur ein irischer Emporkömmling.
Aus Wut über die Demütigung und um seinen Kindern ähnliche Erfahrungen zu ersparen, zieht er 1927 mit der Familie nach New York. Erst in den exklusiven Stadtteil Riverdale, später in den nicht minder noblen Vorort Bronxville. Um die Verbindung mit Massachusetts nicht ganz zu kappen, erwirbt er die strahlend weiße Seevilla in Hyannisport, etwas abseits der Sommersiedlungen der Aristokraten.
Neben den Geschäften bleibt die Familie, der Clan, der Mittelpunkt seines Lebens. Ist er auf Reisen, stellt Rose die Kinder jeden Sonntag in einer Reihe am Telefon auf, damit ihr Vater mit jedem sprechen kann. Zudem geht ein Strom von Briefen ein, in denen er den Nachwuchs lobt, tadelt, Ratschläge erteilt.
Ist er zu Hause, widmet er sich ihnen mit der gleichen Intensität wie dem Geldmachen. Joseph versteht Erziehung als Ausbildungslager für den gesellschaftlichen Erfolg, für ein Leben, in dem es darum geht, das zu bekommen, was man haben will, egal mit welchen Mitteln. Also fordert er eine Mentalität des Sieges um jeden Preis, fordert Wagemut, Disziplin und Verzicht auf Selbstmitleid.
In Hyannisport lässt er einen Tennisplatz anlegen, die Rasenfläche funktioniert er in einem Football- und Softball-Feld um. Wer sich den betont rau geführten Wettkämpfen verweigert, wer aufgibt oder vor Schmerz weint, wird angeherrscht oder links liegen gelassen. Bei den meistförmlichen Essen hat jedes Kind Rechenschaft über Erfolge und Misserfolge abzulegen.
Der Patriarch fragt seinen Nachwuchs nach wichtigen Personen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens ab, doziert anhand von Landkarten über Politik und immer wieder Disziplin. Wer nur Sekunden zu spät bei Tisch ist, auch als Gast, kann eine wütende Zurechtweisung erwarten. Zwar wird ein gewisses Maß an Unsinn toleriert, ungehorsam aber in keinem Fall.
Meist reicht dem Vater ein Blick, um den Betreffenden zittern zu lassen. Doch er kann auch explodieren oder ein Kind sarkastisch bloßstellen. Nicht minder extrem ist seine vorbehaltlose Unterstützung jedes Familienangehörigen gegenüber Außenstehenden. Die Kennedys sind die Besten. Und wer sie kritisiert, ihnen die Show stiehlt, gar dem Patriarchen widerspricht, wird abgekanzelt oder geschnitten.
Als Joe Junior eine Regatta verliert, bekommt er von seinem wutbleichen Vater ein neues, größeres Segel geschenkt, Was zwar regelwidrig ist, aber ein Kennedy soll nicht nach den Regeln verlieren, sondern gewinnen. Zu denen, die dabei auf der Strecke bleiben, gehört Rose. Meine Mutter ist ein Nichts, wird John F. Kennedy später sagen.
Während seiner Kindheit und Jugend sei sie entweder in Paris einkaufen gewesen oder habe in irgendeiner Kirche auf den Knien gelegen. Sei sie doch einmal zu Hause gewesen, habe er sie nie zärtlich erlebt. Sie ist eine offenbar kalte, bigotte, verschwendungssüchtige Person, obsessiv auf soziale Reputation bedacht.
Dabei selbst schrullig genug, sich Notizzettel mit anstehenden Erledigungen an die Kleider zu heften. Das ist es, was Joseph P. Kennedy aus Rose Fitzgerald gemacht hat. Denn schon bald nach der Hochzeit kommt er immer später heim, arbeitet abends und an den Wochenenden. Derweil findet Rose sich in ein stilles Vorstadt Haus gesperrt, fernab der vertrauten irischen Umgebung.
Die vordem von der Öffentlichkeit hofierte Tochter des Bürgermeisters ist einsam und gedemütigt. Die tiefreligiöse, keusche, ja prüde Rose sieht Sex allein als Mittel zur Fortpflanzung, wofür ihr Mann nur Spott übrig hat, sie vor gemeinsamen Freunden als verklemmt darstellt und anderweitig Befriedigung sucht.
Denn während Rose fast ununterbrochen schwanger ist, jagt Joseph den Frauen hinterher. Mitte der 1920er Jahre steigt er ins Filmgeschäft ein und hat eine halb öffentliche Liaison mit dem Star jener Zeit Gloria Swanson. Ein Lustobjekt, ebenso wie Statussymbol für den erfolgshungrigen Aufsteiger. Revue-Mädchen, Prostituierte, die Frauen von Geschäftspartnern.
Sex lebt Joseph seinen Söhnen vor, sollten sie haben, so oft es nur geht. Rose lässt die Filme, die daheim im Privatkino gezeigt werden, auf schlüpfrige Stellen prüfen. Ihr Mann befingert während mancher Vorführung die Freundinnen seiner Töchter. Und dem halbwüchsigen Jack legt er eine Sammlung aufgeblätterter Pornohefte aufs Bett.
Joseph B. Kennedys Söhne lernen, Frauen als Leistungsbeweise in einer steten Jagd nach Bestätigung zu sehen. Dieser Hang nach Anerkennung macht vor allem Joe Junior und Jack zu Rivalen. Vom dritten Bruder Robert durch vier Schwestern getrennt, fechten sie den Kampf um die Position des Ersten unter den Söhnen als Duell aus.
Joe Junior ist robust, streitlustig, mit einem explosiven Temperament und scharfer Zunge begabt, der Liebling des Vaters und sein Stadthalter unter den Geschwistern. Der natürliche Erbe, beseelt von dem Ehrgeiz, die elterlichen Forderungen zu erfüllen und die Nummer eins zu bleiben. Jack dagegen ist häufig krank.
Wochen verbringt er im Bett, mit Scharlach, Keuchhusten, Masern, Röteln, mit Bronchitis, schweren Allergien, nach der Entfernung von Blinddarm, Polypen und Mandeln. So wird er als einziges der Kinder ein passionierter Leser, erst von Ritter- und Abenteuergeschichten, dann noch vor der Pubertät, von politischer und historischer Literatur.
Ein magerer, ja schwächlicher Junge. Dennoch bekämpft er Joe Juniors Dominanz, wann immer er kann, stiehlt dessen Nachtisch, nimmt Joes Badezeug, lässt sich auf einem Fahrrad Karambolage rennen ein, an dessen Ende er mit 28 Stichen genäht werden muss. Zu den Geschwistern kann Joe liebevoll und fürsorglich sein.
Seinem unmittelbaren Konkurrenten Jack rammt er dagegen ein ums andere Mal den Football in den Magen und lacht über den Schmerz verkrümmt am Boden liegenden. Ihre Prügeleien werden derartig brutal, dass der jüngere Bruder Bobby entsetzt schreiend daneben steht, die Hände auf den Ohren. Jack verliert praktisch jeden dieser Kämpfe.
Mit der Zeit beginnt er sich in Joe Juniors Schatten einzurechten, als witziger Unterhalter, das Kind mit der eigenwilligen Ausdrucksweise, früh ironisch, auch gegen sich selbst, unpünktlich, nachlässig, ein Träumer. Im Internat, auf das er 1931 dem gefeierten Athleten und Musterschüler Joe folgt, macht Jack aus seinem Kleiderschrank eine Müllhalde.
Er hält mittelmäßige bis schlechte Noten, rebelliert gegen Lehrer, wird fast relegiert. Eines Abends setzt er sich mit einem Klassenkameraden in ein Taxi nach New York und lässt sich in einem Harlemer Bordell für drei Dollar entjungfern. Den Rest der Nacht verbringt er mit der panischen Suche nach Salben gegen Geschlechtskrankheiten.
Dieser ersten Erfahrung mit Frauen folgen weitere. Jack lernt, seinen Charme zu gebrauchen, den Anschein von Einfühlung und Zuwendung, eingebettet in ein strahlendes, offenes Lachen. Er bleibt im Wettbewerb, mit seinen Mitteln. Als die Abgängerklasse des Internats traditionsgemäß den besten Tänzer, den bestaussehenden, den geistreichsten wählt, legt er es auf den Titel »Größte Aussicht auf Erfolg« an, ein Witz angesichts seiner Leistungen.
Doch sein Esprit hat ihm Freunde gewonnen, die nun für ihn werben. Mit Geschick und liebenswürdiger Beretsamkeit begeistert er weitere Unterstützer, tauscht Stimmenzusagen, andere kauft er und geht so 1935 im Jahr seines Schulabschlusses als Sieger aus der ersten Wahlkampagne seines Lebens hervor. Dennoch, Joe bleibt akademisch und sportlich uneinholbar, zumal Jack fortwährend von Krankheiten zurückgeworfen wird, von Verdauungsproblemen, Erbrechen und Untergewicht, Schwächeanfällen, Infektionsschüben.
Neben die eigentlichen Beschwerden treten die Quälereien langer Krankenhausaufenthalte. Die Ärzte legen ihm Klistiere, bis es wie Trinkwasser herauskommt, traktieren ihn mit dicken Rektalsonden, führen einen Gummischlauch durch seine Nase in den Magen und gießen Alkohol hinein. Und immer wieder Untersuchungen und peinliche Entblößungen vor Fremden.
Einmal auch, als er gerade eine Erektion hat und das bei einem jungen Mann, der Berührungen nicht ertragen kann. Keine freundschaftliche Umarmung, kaum einmal Zärtlichkeit beim Sex. Eine Blockade, so werden Biografen es später erklären, die aus der emotionalen Kargheit des Elternhauses rührt, einer Kindheit ohne körperliche Nähe.
Er verarbeitet all das mit drastischen Briefen an die Freunde, voller obszöner Bemerkungen über die Schwestern, sarkastisch überspielter Todesfurcht und rotziger Absagen an jedes Selbstmitleid. Trotzdem ruhen alle Hoffnungen auf dem robusten und geradlinigen Joe Junior, für den der Vater eine politische Karriere plant und der selbst längst freimütig bekennt, er wolle der erste katholische Präsident der USA werden.
Das freilich ist ein Ziel, das sich Joes Vater auch gesteckt hat. Seit Anfang der 1930er Jahre hat Joseph P. Kennedy begonnen, seinen finanziellen Erfolg in politischen Einfluss umzusetzen. Dazu hat er Franklin D. Roosevelt, den Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, in den Wahlkämpfen von 1932 und 1936 mit Geld und öffentlichen Auftritten unterstützt.
Roosevelt gewinnt beide Male und schließlich erhält Kennedy als Lohn den prestigeträchtigsten Botschafterposten in Europa, London. An einem Sommerabend des Jahres 1938 schreiten er und Rose in Schloss Windsor an livrierten Dienern vorüber, zum ersten Dinner beim König und der Königin, und in einem ruhigen Moment entfährt es Kennedy zum Teufel Rose.
Das war ein weiter Weg von Ost-Boston bis hierher. Der erste irrestämmige US-Botschafter in Großbritannien, nun Mitglied der exklusivsten Gesellschaften. Ein Triumph ohne Gleichen. Und eine katastrophale Fehlbesetzung, denn Kennedy betrachtet die Politik wie ein Geschäftsmann und der heraufziehende Europäische Krieg erscheint ihm als denkbar schlechtes Geschäft.
Er plädiert vehement dafür, sich mit Nazi-Deutschland zu arrangieren. Und behält diese Position auch nach Kriegsausbruch bei. England sei bereits verloren. Die USA hätten in dem Konflikt nichts zu gewinnen, wohl aber Milliarden Dollar und das Leben tausender junger Männer zu verlieren. Sie sollten Europa seinem Schicksal überlassen.
Zugleich spinnt der selbstbewusste Botschafter Intrigen, um Roosevelt im Präsidentenamt zu beerben Dessen Ärger wird zu kalter Wut, als Kennedy droht, ihn als Kriegstreiber anzuprangern Ende 1940 muss der Botschafter zurücktreten und wird kaltgestellt Kennedys politische Laufbahn ist beendet, Einmal mehr, so sieht er es, haben die Aristokraten ihn abblitzen lassen.
Also konzentriert er seine Energie, seinen maßlosen, enttäuschten Ehrgeiz auf die Karrieren seiner älteren Söhne. Beide haben inzwischen ihren Harvard-Abschluss. Beide haben auf ausgedehnten Besuchen in Europa Zugang zu den intellektuellen und politischen Eliten vor allem Englands gewonnen. Eindrücke und Gespräche, von denen besonders Jack profitiert.
Zum ersten Mal genießt er im Wettstreit der Brüder eine eigene Rolle Während Joe als Parteitagsdelegierte bereits politisch aktiv ist hat Jacks Diplomarbeit über die britische Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler die Anerkennung des Patriarchen gefunden Noch als Botschafter hat er die Veröffentlichung eingefädelt eine Publicity-Kampagne organisiert und unter der Hand mehrere tausend Exemplare aufgekauft, um den Absatz hochzutreiben.
Mit gerade einmal 23 Jahren ist Jack ein Bestseller-Autor. Unterdessen bewegt sich Amerika auf den Kriegseintritt zu, den Vater Kennedy um jeden Preis verhindern wollte. Mit anderen Elite-Zöglingen meldet Joe Junior sich zur Offiziersausbildung bei den Marinefliegern. Jack will nachziehen, gehört aufgrund seiner Konstitution aber eigentlich ausgemustert.
Der Vater nutzt seine Beziehungen und bewirkt, dass die Marine ihn dennoch nimmt. Es kann der Reputation ja nicht schaden. Zugleich aber gebraucht der Patriarch die gleichen Verbindungen, um seine Jungs von den gefährlichsten Kriegsschauplätzen fernzuhalten. Doch Kennedy unterschätzt, wie tief er seinen Söhnen den Willen eingepflanzt hat, sich auszuzeichnen.
Beide verschaffen sich ihre Fronteinsätze. Vor der südpazifischen Inselgruppe der Salomonen patrouilliert in der Nacht auf den 2. August 1943 Leutnant Jack Kennedys Torpedoschnellboot PT 109. Ohne Radar sind die Männer in dieser mondlosen Nacht halb blind, vermutlich auch ein wenig unaufmerksam, und so bemerken sie zu spät den mächtigen Schatten, der gegen zwei Uhr mit hoher Geschwindigkeit auf sie zukommt.
Plötzlich kracht der Bug des japanischen Zerstörers Amagiri in die Beplankung, zerreißt PT-109, die Treibstoffvorräte explodieren. Nur weil der Fahrtwind des Zerstörers die Flammen niederdrückt, überleben elf der 13 Besatzungsmitglieder. Auf das treibende Wrack gekauert, überstehen sie die Nacht. Am nächsten Tag schwimmen die Männer zu einer Insel in der Nähe, Kennedy schleppt einen Verletzten durch das Wasser.
Später schwimmt er wieder hinaus, um Hilfe zu suchen und ertrinkt fast. Aber sein Kampfgeist hält die Moral aufrecht. Endlich treffen sie auf Eingeborene mit einem Kanu. Kennedy ritzt einen Hilferuf in eine Kokosnuss und schickt die Insulaner damit los. Nach einer Woche werden alle geborgen. Die Presse berichtet ausführlich über das Abenteuer des Seeoffiziers aus prominenter Familie, von der Rettung der Crew, weniger vom Verlust des Bootes.
Als Jack Kennedy Anfang 1944 heimkehrt, ist er ein Kriegsheld. Aber einer, dessen Rückenbeschwerden ihn hinken lassen und einen weiteren Dienst unmöglich machen. Ein Mann, den der Verlust zweier Kameraden hat reifen lassen und der den eigenen Ruhm mit ironischer Distanz betrachtet. Dennoch, als befreundete Journalisten anbieten, die Geschichte noch einmal groß herauszubringen, willigt er ein, spricht auf öffentlichen Veranstaltungen.
Sein Vater besorgt ihm eine Auszeichnung, der Patriarch ist stolz und glücklich und entschlossen aus der Heldengeschichte Prestige zu schlagen. Doch einer erträgt all das nicht, Joe Junior. Ein Freund der Familie beobachtet, wie er vor Wut und Eifersucht schluchzt, nachdem bei einem Kurzurlaub auf Joseph P.
Kennedy getrunken wurde, den Vater unseres Helden und damit Jack gemeint war. Für den Moment ist er nur Zweiter, ein Verlierer. Kurz darauf wird Joe nach England verlegt. Er fliegt ereignislose Patrouillen, bringt es auf die für eine Ablösung notwendige Zahl von Einsätzen, startet aber weiterhin. Ignoriert die Mahnung des Vaters, sein Glück nicht zu erzwingen, meldet sich heimlich zu einem Kommando, für das ein weit höherer Orden ausgesetzt ist als Jacks-Medaille. Am Abend des 12.
August 1944 hebt Joe Junior vom Flugplatz Firstfield in Ostengland ab. Knapp eine halbe Stunde später zündet vermutlich ein Fehler in der Elektrik seines Liberator-Bombers den Sprengstoff an Bord. Eine gewaltige Explosion zerreißt die Maschine, verwandelt sie in einen riesigen Feuerball. Von Joe Kennedys Leiche, wie auch von der seines Co-Piloten, wird nie ein Überrest gefunden.
Hyannisport, 13. August 1944. Die Nachricht vom Tod seines Lieblingssohns und Hoffnungsträgers nimmt dem eisernen Patriarchen die Fassung. All meine Pläne für meine eigene Zukunft waren mit Joe eng verbunden, schreibt er einem Freund, und das ist kaputt. Abendelang sitzt Joseph allein in seinem Zimmer und hört Wagner Overtüren.
Er weint, schnauzt Gäste an, die seine Trauer stören, schimpft auf den Kriegspräsidenten Roosevelt diesen Scheißkerl, der meinen Sohn umgebracht hat, fällt in stummes Elend und kommt nur allmählich wieder zu sich. Währenddessen steht Jack zwei Rückenoperationen durch, um einer bleibenden Verkrüppelung zu entgehen und bittet Freunde, Lehrer, Vorgesetzte sowie die letzte Geliebte des gefallenen Bruders um Beiträge zu einem Gedenkband, Titel »Erinnerungen an Joe«.
Seine Art, mit dem Verlust umzugehen bei aller Rivalität. Ende 1944 reist er mit einer Rohfassung des Buches zum Wintersitz der Familie nach Palm Beach, Florida. Was dort geschieht, wird er später mit einem Einberufungsbefehl vergleichen. Vater Kennedy will keine Rückschau, er will seinen ältesten Sohn im Weißen Haus sehen und der älteste ist nun Jack. Doch beide haben ihre Zweifel.
Jack fehlt die robuste Gesundheit des Bruders, jene Mischung aus Brutalität und Jovialität, die Joe Junior als geborenen Politiker erscheinen ließ. Die Rolle im Schatten hatte ihre bequemen Seiten, hat Jack an eine gewisse Narrenfreiheit gewöhnt und jetzt mit diesem alles erdrückenden, kontrollsüchtigen Mann zusammenarbeiten, seinem Vater, der noch aus jedem in seiner Umgebung einen Lakaien oder einen Feind gemacht hat.
Andererseits ist da das Vermächtnis und der Reiz der Macht, des Status. Joe Juniors Tod hat auch einen Weg freigemacht für Jacks eigenen lange unterdrückten Ehrgeiz. Jetzt bin ich an der Reihe, es ist mein Auftritt. Zunächst nimmt er seine Arbeit als Autor wieder auf und berichtet 1945 von einer Konferenz in San Francisco, auf der die UN-Charta beschlossen wird und von den Wahlen in Großbritannien.
Dann begleitet er die US-Delegation zur Nachkriegskonferenz der Alliierten in Potsdam, betrachtet große Politik aus der Nähe und wird sich zunehmend sicherer, er will es, es ist seine Berufung. Da sondiert sein Vater bereits in Boston, wo die Namen Kennedy und Fitzgerald einen besonderen Klang haben, das politische Terrain, und räumt einen Startplatz frei.
Denn jener Abgeordnete, der Bostons Einwandererviertel, eine Hochburg der Demokratischen Partei, im Washingtoner Repräsentantenhaus vertritt, ist in Geldnot. Kennedy hilft ihm aus und verspricht, auch seinen nächsten Wahlkampf zu unterstützen, wenn der Abgeordnete auf das Mandat in Washington verzichtet und stattdessen für das Amt des Bürgermeisters kandidiert.
Der Mann schlägt ein. Es ist eben jener James Michael Curley, der 1913 Honey Fitz aus dem Amt des Bürgermeisters vertrieben hat. Und es geht um eben jenes Abgeordnetenmandat, das Jacks Großvater einst wahrgenommen hat. Allein der 11. Wahlbezirk gilt als einer der ärmsten und heterogensten des Landes.
Hier wohnen Iren und Italiener, Chinesen, Abkömmlinge von insgesamt 37 Nationalitäten in überwiegend engen, dunklen Häusern zwischen rauchenden Fabriken, Öltanks, lärmenden Hochbahnen und Güterbahnhöfen. Anfangs lachen die örtlichen Parteigrößen den Millionärssohn Jack einfach aus. Selbst wohlwollende Beobachter erinnert der Neue an einen grünen Jungen.
Er ist extrem dünn, Hemd und Jacke wirken etliche Nummern zu groß und seltsam scheu, unbegabt, sich unter die Leute zu mischen. Hinzu kommen die Schmerzen, die Krankheiten und Jacks Unordnung. Die ersten Wahlhelfer finden seine Schreibtischschubladen angefüllt mit unbezahlten Rechnungen, unbeantworteter oder nicht einmal geöffneter Post.
Im April 1946 verkündet er, sich um die Nominierung der Demokratischen Partei im 11. Wahlkreis zu bewerben. Zehn weitere Kandidaten treten an, als aussichtsreichster Mike Neville, beliebt, erfahren, in Boston, verwurzelt. Doch während Neville das Haus seiner Familie mit einer Hypothek belasten muss, um 25.000 Dollar für seinen Wahlkampf zusammenzubringen, kann Vater Kennedy mühelos das Zehnfache oder mehr in Jacks Kampagne stecken.
Flugblätter, Plakate, TV-Werbung. Inserate werden so massiv wie nie zuvor bei einer Vorwahl der Demokraten eingesetzt. Kennedys Stab heuert eine teure Werbeagentur an, gibt demoskopische Studien in Auftrag, kauft den Konkurrenten die Wahlhelfer weg und besticht Wähler wie Gegner. Mit seinen Beziehungen zu Verlegern sorgt Joseph P.
Kennedy dafür, dass die Redaktion des Boston American Mike Neville's Bemühungen schlicht totschweigt, während teils reich bebilderte, freundliche Porträts seines Sohnes in Look, Life und anderen Magazinen erscheinen. Die Strategie der Kennedys, so der frustrierte Neville sei, kauft sie oder macht sie platt.
Antreiber, strategischer Kopf, unbestrittener Chef der Kampagne ist der Patriarch. Er entscheidet, John F. Kennedy vor allem als Veteran und Kriegshelden vorzustellen. Er lässt auf einen Schlag sämtliche Plakatflächen Bostons mieten, als einem Berater der zündende Slogan einfällt, die neue Generation stellt einen Führer.
Einen Führer freilich, den seine Helfer anfangs, in die Kneipen, Spielsalons und Versammlungssäle hineinschubsen müssen, der seine schwache Rhetorik mithilfe von Tonbändern verbessern muss und mit dem Vater jede Rede Absatz für Absatz durchgeht, Tempo und Vortragsstil analysiert. Doch Jack lernt schnell. Bald entwickelt er ein Gespür für das Publikum, stellt weniger über Inhalte oder Parolen eine Verbindung her, sondern mit emotionalen Gesten.
Etwa, wenn er scheu den Müttern gefallener Soldaten sagt, er kenne ihre Gefühle, auch er habe eine Mutter, die um einen Sohn trauere. Anderswo bringt er mit lässiger Gewandtheit und Selbstironie die Neider seiner Millionen dazu, in ihm nicht den Schnösel zu sehen, sondern den lebenden Beweis, dass eine Einwandererfamilie zu den alteingesessenen Aristokraten aufschließen kann.
Und wie ein Denkmal dieses unglaublichen Aufstiegs begleitet Jacks Großvater Honey Fitz seinen Enkel mit stolzem Enthusiasmus durch die Stadt, führt ihn ein, wirbt für ihn. Bei Fitzy lernt Jack, wie wertvoll ein trainiertes Personengedächtnis sein kann und beginnt systematisch Namen und Gesichter auswendig zu lernen.
Er übt, sich Hafenarbeitern vorzustellen und mit feindseligen Stadträten zu reden, geht in ärmliche Wohnungen, ist mit Italienern italienisch und mit Chinesen chinesisch. Vor allem aber, er stellt fest, dass es ihm Spaß macht. Am Ende bringt Jack etwas in die Kampagne ein, mit dem sein Vater nie gerechnet hatte.
Charisma. Mit seinem Auftreten gewinnt er Stimmen und Unterstützer, ohne dafür zu zahlen, zumal unter den Jüngeren Jack findet so viele begeisterte Wahlhelfer, dass alte Parteiarbeiter es kaum glauben können Die Jungen vor allem bringen die Botschaft in die unterschiedlichen Milieus, wählt Kennedy. Einen Tag vor der Abstimmung dann überschwemmt Vater Joseph den Bezirk noch einmal mit 100.000 Nachdrucken einer Reportage über Jacks Taten im Pazifik.
Am 18. Juni 1946 erringt John F. Kennedy in der Vorwahl um den demokratischen Bewerber im 11. Wahlbezirk seinen ersten triumphalen Sieg. »Wie wollen Sie eine Million Dollar schlagen?«, fragt der deklassierte Mike Neville. Andere sehen längst klarer. Neben der Macht des Geldes ist während der Kampagne eine zweite Kraft sichtbar geworden.
Jack ist ein junger, charismatischer und entschlossener Politiker, der die Hoffnungen einer Generation auf sich zu ziehen vermag. Im Herbst gewinnt er erwartungsgemäß die Hauptwahl und wird mit 29 Jahren Abgeordneter im Repräsentantenhaus, einer der beiden Kammern des US-Kongresses. Der neue Abgeordnete ist jung und sieht noch jünger aus, sommersprossig, mit vollem, meist ungekämmtem Haar.
Entspannt ist er auch sonst, steht in Pulli und Tonschuhen in der Cafeteriaschlange, betritt den Parlamentssaal in Kaki-Hosen und zerknautschtem Leinenjackett mit herausgerutschtem Hemdzipfel. Wenn er Anzüge trägt, sind sie oft billig und hängen an ihm wie an einem Konfirmanden. Im Aufzug wird er mit dem Liftboy verwechselt, ein Abgeordneter hält ihn für den Laufburschen.
Jacks Lässigkeit ist eine Art aristokratischer Instinkt, das Gefühl eines selbstverständlichen Anwesenheitsrechts im Abgeordnetenhaus. Und doch nimmt es ihm kaum jemand übel. Kennedys natürliche Offenheit, das strahlende Lachen zwischen den leichten Segelohren, gepaart mit einer gewissen Scheu, sind einfach zu gewinnend.
Ein Kolumnist vergleicht seine Erscheinung mit der eines exilierten Prinzen. Nur arbeiten mag er nicht recht, lieber wirft er im Büro mit einem Football. Das dreistöckige Reihenhaus, das er mit einem Freund und seiner Schwester Eunice bewohnt, zudem mit einer Köchin der Familie und einem Diener, gleicht er einer Studenten-WG.
Die Teppiche sind abgewetzt, auf den Stühlen liegt achtlos hingeworfene Kleidung, in den Sofa-Ritzen steckt Unterwäsche, hinter Büchern findet sich ein verschimmelter Hamburger. Pausenlos gehen Freunde und Verwandte ein und aus und Frauen, denn Jack sucht den Sex mit der Manie eines Abhängigen, Sekretärinnen und Stewardessen, Models, Sportlerinnen, Namen aus dem Filmgeschäft, im Grunde ist es ihm egal Seine beinahe mechanische Eroberungsobsession übertrifft wohl noch die seines Vaters Auch in der Fixierung auf Selbstbestätigung statt Genuss, Jack gelangt nie über seine bevorzugte Perneler-Redensart hinaus »Slam, bam, thank you, ma'am«, etwa »Rums, Bums, danke, Lady«.
Hinter dem Charisma ist nichts als Leere. John F. Kennedy vermag Menschen so routiniert zu verführen, weil sie ihn im Grunde nicht interessieren. Verabredungen oder Zusagen hält er nur ein, wenn ihm der Sinn danach steht, Sonst aber typiert er selbst enge Freunde und loyale Helfer. Da er praktisch nie Geld bei sich trägt, zahlen immer wieder andere für ihn und müssen oft mehrere Briefe schreiben, um Summen zurückzuerhalten, die für sie groß sind, für ihn aber zu unbedeutend, um sich daran zu erinnern.
Er ist ein guter Zuhörer und einnehmender Plauderer, aber manchmal grob unhöflich. Sich den Namen einer Eroberung bis zum Frühstück zu merken, gehört nicht zu seinen Tugenden. Jacks Nachlässigkeit entsprengt einer Egozentrik, die mit dem politischen Erfolg voll ausreift. Auch die Krankheiten tragen dazu bei. Das Gefühl, es könne jederzeit vorbei sein, treibt ihn stetig tiefer in eine rücksichtslose Unrast, die hat's nach mehr, nach Tempo, nach immer Neuem.
1947 bricht er bei einem Besuch in London abermals zusammen und diesmal finden die Ärzte eine Erklärung für die dauernden Infektionen und Verdauungsbeschwerden, die Fieberschübe, seine chronische Schwäche. Jack leidet an der Addison'schen Krankheit, einem seltenen Defekt des Hormonsystems. Das Leiden, unheilbar und noch wenige Jahre zuvor häufig mit tödlichem Ausgang, lässt sich mit höhen Steroidgaben etwas lindern, ein weiteres starkes Medikament in dem Cocktail, dem Jacks Körper seit Jahren ausgesetzt ist.
Der Abgeordnete Kennedy bemüht sich im Repräsentantenhaus der Zweiten Kammer im Parlament neben dem Senat gerade so sehr, dass es reicht, sich die Wiederwahl zu sichern. Er unterstützt den öffentlichen Wohnungsbau, zumal für Veteranen, die Ausweitung des Sozialstaats, höhere Mindestlöhne und eine liberalere Einwanderungspolitik.
Ein wirkliches Programm aber hat er nicht, Denn eigentlich interessiert ihn das Klein-Klein der Innenpolitik kaum, anders die großen Fragen der Nationen, vor allem die Außen- und Weltpolitik. Die aber ist die Domäne des kleineren elitären Senats, zudem eines der klassischen Sprungbretter ins Weiße Haus.
Nach zwei mühelosen Widerwahlen, 1948 und 1950, ist es abermals der Patriarch Joseph P. Kennedy, der seinem Sohn das Ziel vorgibt. Henry Cabot Lodge Jr., Senator für Massachusetts, muss sich 1952 zur Wahl stellen, ausgerechnet der Enkel jenes Bostoner Aristokraten, der 1916 Honey Fitz bei dessen Comeback-Versuch aus dem Feld geschlagen hat.
Lodge ist ein mustergültiger Spross der Yankee-Elite, reich, gut aussehend, wohlerzogen, ein Star der republikanischen Partei. Wenn du ihn geschlagen hast, hast du den Besten geschlagen, erklärt Joseph seinem Sohn. Warum sich an etwas Geringerem versuchen? Er will immer noch keine zweiten Sieger in seiner Familie.
Und er will seine ganz persönliche Rache an einer Klasse, die er hasst und verachtet. Im Frühjahr 1951 beginnt Jack Kennedy Massachusetts zu bereisen und sich außerhalb seines Heimatwahlbezirks bekannt zu machen. Lodge reagiert mit einer ähnlichen Arroganz wie die Bostoner Demokraten sechs Jahre zuvor. Er lässt Joseph P.
Kennedy mitteilen, er möge doch sein Geld nicht verschwenden. Aber auch ein Kongressabgeordneter der Demokraten fragt sich unter der Hand nach Jacks Motiven. Warum bleibt er nicht einfach dabei, ein Playboy zu sein? Und ein Vertrauter, der um die schlechte Gesundheit des jungen Kennedy weiß, mahnt Jack zu warten, bis es ihm besser gehe.
Ich kann nicht warten, lautet die Antwort. Ich habe keine Zeit. Ich muss es jetzt tun. Jack Kennedy ist nun ein Getriebener wie sein Vater. Am 6. April 1952 erklärt er seine Kandidatur. Die beiden zentralen Elemente dieser Kampagne sind die gleichen wie sechs Jahre zuvor, Joseph P. Kennedys Geld und Jacks Persönlichkeit.
Doch nun kommt ein drittes hinzu, das 1946 nur ansatzweise eingesetzt wurde, die Familie. Robert, der dritte Sohn, übernimmt die Organisation und zeigt sich bald als einziger in der Lage, den Vater zur Raison zu bringen, wenn dessen sprunghafte polternde Art das gesamte Unternehmen gefährdet. In einer Abfolge von 18 Stundentagen bringt Bobby eine beispiellose, von 50.000 Freiwilligen bis in den letzten Winkel des Bundesstaats getragene Kampagne zustande.
Mit diesem Wahlkampf beginnt seine Zukunft als Jacks bester Mann. Vor allem aber laden die Kennedys zum Tee und der ganze Clan beteiligt sich daran. Der Patriarch, Rose, der Kandidat, seine Brüder und Schwestern. Honey Fitz ist 1950 gestorben. Etwa 70.000 Wähler in der großen Mehrheit Frauen erhalten von Hand adressierte Einladungen und die Gelegenheit, die glamouröse Familie des Kandidaten bei einem solchen Empfang persönlich kennenzulernen.
In den besten Räumen der schicksten Hotels am Platz, an Tischen mit spitzen Decken und Silberleuchtern. Für viele ist es ein Ausflug in eine Aufstiegsfantasie zum Anfassen. Rose Kennedy ist mit ihren Pariser Kleidern und dem Flair von Weltläufigkeit eine Hauptattraktion. Nach Jahren der Erniedrigung bekommt ihr stoisches Kuschen einen Sinn, spielt sie eine Rolle im Kalkül der Männer.
Und sie spielt sie gekonnt, spielt »Ich bin eine von euch« vor italienischen Matronen, Und vor Yankee-Hausfrauen die Grand Dame. Und dann natürlich Jack, jung, attraktiv, heroisch und idealistisch, lässig, herzlich. Junggeselle dazu, seine spätere Frau Jackie kennt er schon, aber zeigt sich noch nicht mit ihr in der Öffentlichkeit.
Vor einer Veranstaltung in dem Städtchen Linn kann der örtliche Modist nur staunen über all die Mädchen, die den Kandidaten mit neuen Kleidern beeindrucken wollen. 70.000 Stimmen, das ist etwa der Vorsprung an Voten, der am Ende die Wahl entscheidet. Es sind die Stimmen der Frauen und der seit dem späten 19.
Jahrhundert neu hinzugekommenen Einwanderer, die Kennedy in die Senat bringen. Am 5. November 1952 um 7.34 Uhr kabelt Henry Cabot Lodge Jr. Seine Glückwünsche an Kennedys Hauptquartier. Doch bereits ein paar Stunden zuvor, lange bevor die Stimmen ausgezählt waren, hat ein Studienfreund zu Jack gesagt, der Sieg sei sicher.
Warum? fragt Jack. Ich denke, du stehst für das Beste der neuen Generation. Nicht Generation im Sinne von Alter, sondern von Minderheiten, die zuletzt angekommen sind. Und Lodge steht für das Beste der alten Yankees. Ich schätze, es gibt mehr von den Neuangekommenen als von den alten Yankees. Rose drückt es persönlicher aus und garstiger.
Endlich haben die Fitzgeralds ihre Rechnung mit den Lodges beglichen. John Fitzgerald Kennedy steht für eine veränderte Nation und er hat einen Startplatz für das Rennen um die Spitze dieser Nation erobert. Er hat den Besten geschlagen. Jack ist endlich Erster geworden. Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen, die Geschichte machten, in Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen.
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