
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Struensee-Affäre: Der Leibarzt und die Königin
Dienstag, 31. März 2026 · 32 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Als Vertrauter des gemütskranken Königs Christian VII. steigt der deutsche Mediziner Johann Friedrich Struensee um 1770 zum wahren Regenten Dänemarks auf. Der Bürgerliche setzt radikale Reformen in Gang – stürzt jedoch bald über seine Politik und eine Affäre mit der Königin
Historische Reportage: Dominik Bardow
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
Wir freuen uns, wenn ihr GEO Epoche auf Instagram (@geo_epoche) und Facebook (@geoepoche) folgt.
Ihr habt Fragen oder Feedback für uns? Wir freuen uns über eine Mail an podcast@geo.de
Viele weitere Audio-Geschichten aus der Welt von GEO hört ihr auf GEO+. Unter geo.de/probe könnt ihr für 1 Euro einen Probemonat starten.
MEHR GEO EPOCHE ZUM HÖREN...
"Germanen gegen Rom": Unter geo.de/germanen gelangt ihr an alle Folgen der sechsteiligen Podcast-Serie sowie ein vergünstigtes Abo für GEO+.
"Deutschland 1945": Unter geo.de/1945 findet ihr alle acht Folgen sowie ein vergünstigtes Abo für das Verbrechen der Vergangenheit-Special über das Kriegsende 1945.
"Menschen, die Geschichte machten – kurz erzählt": Das neue Kurzformat von GEO EPOCHE mit Peter Kaempfe auf GEO+. Zu allen bisher erschienenen Folgen geht es hier: geo.de/menschen
... UND ZUM LESEN
Als Vertrauter des gemütskranken Königs Christian VII. steigt der deutsche Mediziner Johann Friedrich Struensee um 1770 zum wahren Regenten Dänemarks auf. Der Bürgerliche setzt radikale Reformen in Gang – stürzt jedoch bald über seine Politik und eine Affäre mit der Königin
Unter geo-epoche.de könnt ihr einen Monat lang GEO EPOCHE+ für einen Euro testen – mit fast 3000 Artikeln zu allen Aspekten der Weltgeschichte, unseren Podcasts und weiteren Audio-Inhalten.
+++ Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/Menschendiegeschichtemachten +++
Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de
Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Als Vertrauter des gemütskranken Christian VII. Stieg der deutsche Mediziner Johann Friedrich Struhensee zum wahren Regenten Dänemarks auf, stürzte jedoch bald über eine Affäre mit der Königin. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben.
Präsentiert von GEO Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von Geo hören Sie auf Geo+. Es gibt Gerede am Dänischen Hof. Dem Friseur der Königin Feld, so wird er es später vor Gericht, zu Protokoll geben, irgendwann im Jahr 1770 ein neues Parfum an Caroline Mathilde auf. Kammerfrauen meinen, einen neuen, mit Granat besetzten Kreuzanhänger in ihrem Ausschnitt erspäht zu haben.
Andere Bedienstete merken an, dass sie nicht stören dürften, wenn der Doktor bei der Königin sei. Er bleibe oft mehr als zwei Stunden. Und dann verlasse sie den Raum mit zerzaustem Haar. Und sieht nicht die Prinzessin, die sie im Juli 1771 zur Welt bringt, dem Leibarzt des Monarchen ähnlicher als dem König?
Caroline Mathildes Mutter, im Sommer 1770 aus England angereist, wundert sich bei einem Treffen darüber, wie selbstbewusst ihre Tochter neuerdings ist. Als sie auf Englisch eine Unterhaltung beginnt, bedeutet ihr, Caroline Mathilde, man möge doch Deutsch sprechen, damit alle folgen könnten. Der König spricht recht gut Englisch, nicht aber der ebenfalls anwesende Doktor.
Und als im Herbst desselben Jahres der schwedische Kronprinz in Kopenhagen weilt, ein Schwager von König Christian VII., ist er irritiert, dass sich dieser Parvenu von deutschem Mediziner gebärdet, als sei er der Regent, der 33-jährige Johann Friedrich Struhensee. Rasant ist Struhensee vom armen Arzt, als der er noch 1768 in der holsteinischen Stadt Altona wirkte, zum königlichen Leibdoktor und schließlich zum wahren Herrscher Dänemarks aufgestiegen.
Ein Bürgerlicher, der ebenso klug daherreden wie geheimnisvoll schweigen kann. Der sich den Ideen der Aufklärung verschrieben und Posten erhalten hat, die Angehörigen seines Standes sonst verschlossen bleiben und nun Reformen vorantreibt, die das Königreich Dänemark zum Besseren verändern sollen. Niewohl hat im Norden Europas ein Mann ohne adelige Herkunft in so kurzer Zeit derart viel Macht erlangt wie Johann Friedrich Struhensee.
Viele Gerüchte ranken sich um den Arzt, dessen Karriere nicht unwesentlich auf der Gunst einer unglücklich verheirateten Königin und der eines Königs beruht, der späteren Historikern als geisteskrank und regierungsunfähig gilt. Das Graune, das in der Zeit seines Wirkens erst am dänischen Hof und schließlich in ganz Europa zu hören ist, über seinen rasanten Aufstieg und seine Affäre mit Caroline Mathilde, wird sich zu Empörung und Verschwörung, Klage und Anklage verdichten.
Und so wird die Ära, wie auch das Leben jenes Deutschen, der nicht nur den dänischen König, sondern auch dessen Reich zu kurieren suchte je und grausam enden. Um 1750, als Johann Friedrich Strunsee in seiner zu Preußen gehörenden Heimatstadt Halle das Studium der Medizin aufnimmt, reicht die Macht der dänischen Krone über weite Teile Nordeuropas, umfasst neben dem eigentlichen Dänemark auch Norwegen, Island, Grönland, die Fährröhr, die Herzogtümer Schleswig und Holstein, sowie die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, die durch Erbschaft an das dänische Herrscherhaus gefallen sind.
Zudem sind dänische Kaufleute bis an die Küsten Afrikas und Indiens vorgestoßen, wie zu Inseln in der Karibik, und haben die Grundlage für ein kleines Kolonialreich geschaffen. Doch so beeindruckend die schiere Größe des Gesamtstaats auch sein mag, in seiner inneren Verfasstheit kränkelt das Reich. Dänemark lebt von der Landwirtschaft, neue Gewerbezweige entwickeln sich nur schleppend, die prestigeträchtigen Seidenmanufakturen etwa, die fortgesetzt hohe staatliche Zuschüsse benötigen, werfen kaum Gewinne ab.
Zwar haben die Könige die politische Macht des Adels weitgehend zurückgedrängt, doch auf dem Land haben die Gutsherren nach wie vor das Sagen, sind die Menschen der Gnade und Gerichtsbarkeit der meist adeligen Grundbesitzer ausgeliefert. Diese kassieren von den Bauern den Zehnten und Pachtzinsen, können sie zudem zum Militärdienst verpflichten.
Immer mehr Bauern fliehen daher ins Ausland oder in die dänischen Städte, vor allem nach Kopenhagen, wo Elendsquartiere wuchern, während die Äcker um die Dörfer veröden. Weil sie als Feldarbeiter und Soldaten fehlen, hat König Christian VI. 1733 sogar die Schollenbindung wieder eingeführt. Männliche Dänen dürfen bis zum 36. Lebensjahr, später noch erweitert bis zum 40.
Lebensjahr, den Hof, auf dem sie geboren sind, nicht verlassen. Dennoch senken die Geburtenzahlen auf dem Land gefährlich für einen Agrarstaat, der auf vieler Hände Arbeit angewiesen ist. Reformen und Innovationen, die in anderen Ländern die Produktivität der Landwirtschaft erheblich steigern, werden in Dänemark weitgehend ausgebremst.
Dem Staat fehlt es so an Einnahmen und die dänische Krone verschuldet sich mehr und mehr. Johann Friedrich Strunsee lernt diese Probleme bald nach seinem Studium kennen, das er im Alter von nur 19 Jahren beendet. 1757 tritt der Sohn eines Pastors in Altona eine Arbeitsstelle an. Die Stadt an der Elbe ist als Teil der Grafschaft Holstein-Pinneberg um 1640 durch Erbschaft an die dänische Krone gefallen.
Rund 70 Jahre später im Großen Nordischen Krieg von den Schweden niedergebrannt worden und nach dem Wiederaufbau zur zweitgrößten Stadt des dänischen Gesamtstaats gereift. In ihren Straßen leben rund 24.000 Menschen. Als Stadtphysikus widmet sich Stuhensee vor allem den Ärmsten der Armen, zudem als Landphysikus der Herrschaft Pinneberg den Bauern unter denen Seuchen wie Ruhr, Typhus oder Diphtherie grassieren.
Wissbegierig und ohne Scheu sucht er die Menschen in ihren dunklen, feuchten Behausungen auf, durchstreift die Hafenviertel, inspiziert Bordelle, die Häuser von Engelmacherinnen, die käfigartigen Einzelzellen, in die man geisteskrank gesperrt. Der neue Amtsarzt ist entsetzt über die Methoden, mit denen seine Zunft allgemein gegen Krankheit und Siegtum kämpft.
Während im einfachen Volk Wundermittelchen und Aberglaube verbreitet sind, ergehen sich viele Mediziner in spekulativen Gedankenmodellen, haben aber kaum je persönlich Kranke untersucht. Er selbst ist geprägt vom Denken der Aufklärung, hat in Halle Vorlesungen des Philosophen Christian Wolff gehört, eines führenden Protagonisten dieser modernen Geisteshaltung, der dort gemäß dem Motto der Aufklärer lehrt, wage es, deinen Verstand zu gebrauchen.
Brunsee hält es als Arzt mit empirischer Beobachtung statt mit realitätsfernen Konstrukten über das Wesen von Krankheiten, verordnet Hygiene statt Gebete. Er liest viel, grübelt etwa über eine Methode, die osmanische und englische Ärzte gegen die Pocken anwenden, an denen allein im Westen Europas jedes Jahr hunderttausende Menschen sterben.
Sie lösen bei Gesunden eine leichte Form der Krankheit aus. Und er experimentiert selbst mit dieser frühen Form der Impfung, erst mit ihm an vertrauten Waisen, später mit Kindern auf großen Gutshöfen. Der Erfolg öffnet ihm die Türen der Landsitze des Adels, der sich nun auch behandeln lassen will von diesem unkonventionellen Arzt, der ohne Talar und Brille auftritt.
Sein Charme und seine Klugheit verfangen in den vornehmen Salons, besonders bei Frauen. Schon bald sagt man ihm Affären nach. Strohensee veröffentlicht unterdessen Aufsätze zu Geburtshilfe und Geschlechtskrankheiten, fordert generell ein verbessertes Gesundheitswesen. 1763 hält er in einer Schrift fest, dass ein Staat eine gesunde Landbevölkerung benötige und übt klare Kritik an den Verhältnissen, wobei er wohl vor allem Holstein und Schleswig im Auge hat.
Die Frohendienste, die Leibeigenschaft, die vielen Abgaben, die Furcht, zu Kriegsdiensten gezwungen zu werden, nötigen die Bauern, den Pflug zu verlassen. Es sind politische Konzepte, die das siechende Reich der dänischen Könige kurieren könnten. Doch wie soll er solche Ideen umsetzen als einfacher Bürger?
Wie in anderen absolutistischen Staaten der Zeit liegt die Macht in Dänemark formal allein in den Händen des Monarchen. Die Gunst der Könige regelt die Hierarchie, und das mehr denn je, die nach vollkommener Kontrolle strebenden Herrscher haben die alten Adelsfamilien von der Macht verdrängt, vergeben Ämter und Titel nach Gutdenken, mitunter auch an Bürgerliche.
Und da sie in Dänemark außerhalb der eingesessenen Eliten kaum geeignete Kandidaten finden können, rekrutieren sie Minister, Berater und Beamte gern aus deutschen Landen. Zehn Jahre nach Antritt seiner Stelle in Altona erhält Johann Friedrich Struhensee einen Auftrag, der ihn dem Zentrum der Macht ganz nahe bringt.
Er soll, wohl auf Empfehlung zweier adeliger Freunde bei Hofe hin, Graf Schack Karl von Ranzau und Enewold von Brandt, König Christian VII. Auf einer Reise ärztlich begleiten. Der Sohn des an den Folgen seiner Trunksucht verstorbenen Monarchen Friedrich V., ist Anfang 1766 im Alter von 17 Jahren auf den Thron gelangt, jedoch zu labil, um selbst zu regieren.
Als Spross einer Familie mit engen Verwandtschaftsverhältnissen und Sohn eines alkoholkranken Vaters, der ihn von strengen Lehrmeistern erziehen ließ, wird Christian VII. Oft von Albträumen geplagt. Während der Deutsche Johann Hartwig Ernst von Bernstorf die Regierungsgeschäfte führt, flüchtet sich der junge Monarch ins Theater, gibt sich dem Alkohol und gemeinsam mit seinem lebenslustigen Favoriten, dem Grafen Konrad Holck, nächtlichen Streifzügen durch Bordelle und Kneipen hin.
Christian VII. gerät in Raufereien und Sexskandale, entwickelt auch eine sadistische Ader, er erlässt besonders grausame Strafen, schaut der Folterung von zum Tode Verurteilten und Hinrichtungen zu. In der dänischen Kapitale gibt es bald Getuschel, der König scheint gemütskrank zu sein, benimmt sich oft wie ein launisches Kind, seine Stimmung schwankt jäh zwischen Wutausbrüchen und dumpfer Apathie.
Besserung erhoffen sich Holck, inzwischen zum Hofmarschall erhoben, und Bernsdorf von einer Reise durch Europa, auf die sie Christian VII. Zweieinhalb Jahre nach der Thronbesteigung schicken, und wählen zu seiner Begleitung einen Arzt aus, der Voltaire ebenso verehrt wie der König. Tatsächlich hat Johann Friedrich Strohensee neben seiner medizinischen Tätigkeit auch mit der Übersetzung eines Gedichts des großen Schriftstellers und Philosophen aus dem Französischen auf sich aufmerksam gemacht.
Am 6. Juni 1768 trifft Strohensee Christian VII. Und dessen Gefolge auf Schloss Ahrensburg bei Hamburg. Die weichen Gesichtszüge, der flackernde Blick, die fahrigen Bewegungen, dem Arzt wird sofort auffallen, dass etwas nicht stimmt mit seinem Patienten, der, so spekulieren Mediziner später, an Schizophrenie oder am Asperger-Syndrom leidet.
Christian VII., das erfährt nun auch Strohensee aus eigener Anschauung, redet oft klug und charmant daher, sackt dann plötzlich mit apathischem Blick zusammen und stammelt wirr vor sich hin. Der dänische König ist psychisch krank und von seinem Amt überfordert. Strohensee stellt während der bis nach England und Frankreich reichenden Reise fest, dass Alkohol und Frauen, die Höflinge dem König zuführen, nur schaden.
Er empfiehlt ihm Ruhe, lässt Ausflüge absagen, animiert den Monarchen jedoch zu Besuchen einer als vorbildlich geltenden Manufaktur und anderer fortschrittlicher Institutionen, unterhält sich mit ihm über das Theater und Voltaire. Tatsächlich bessert sich Christians Zustand, zumindest zeitweise. Im Dezember allerdings verfällt der König in Langeweile und Trübsinn, bricht die Reise weit früher als geplant ab.
Gleichwohl darf Struhensee dem Monarchen nun als dessen Leibarzt 1769 nach Kopenhagen folgen. Die Kapitale Dänemarks ist mit ihren rund 100.000 Einwohnern eine Weltstadt, in deren Hafen selbst die größten Schiffe der Zeit ankern können. Hier, an der Meerenge zwischen der dänischen Insel Seeland und der lange zu Dänemark zählenden, inzwischen aber schwedischen Region Schonen, verlaufen die Handelsströme zwischen Nord- und Ostsee.
Das Wasser ist allgegenwärtig in der reichen Metropole. Kopenhagen erstreckt sich beiderseits eines Meeresarms und ist durchzogen von Kanälen, über die Kaufleute ihre Waren in Kontore und auf Märkte bringen. Strohensees neue Wirkstätte ist zumeist die kleine Insel Slotsholmen, seit dem Mittelalter Dänemarks Herrschaftszentrale, wo er in einem Seitenflügel von Schloss Christiansborg untergebracht wird.
Das Gebäude im Rokoko-Stil ist eine der größten Residenzen Europas und eine Welt der Langeweile, wie Strohensee feststellt. Strenge Etikette und wiederkehrende Zeremonien prägen das Hofleben. Ein steter Reigen von Masken, Bällen, Konzerten, Theatervorführungen und Schlittenfahrten bei Fackelschein soll Abwechslung bieten.
Intrigen und Tratsch blühen, fortwährend wird um Titel und Ämter gestritten. Strun See, der nun wie die Adeligen Puder und Perücke trägt, führt immer wieder längere Gespräche mit dem König. Dieser redet sich wohl die Ängste seiner Kindheit von der Seele und wird von seinem Arzt schließlich ermuntert, sich einer sinngebenden Beschäftigung zuzuwenden, dem Regieren.
Denn wie schon sein Vater unterschreibt Christian VII. Meist einfach, was man ihm vorlegt. Trotz aller Bemühungen seines Leibarztes scheint der Monarch aber weiterhin mehr an Ausschweifungen interessiert, wie ein Zuhälter führt ihm sein Hofmarschall Holk Mätressen zu. Dabei ist Christian VII. seit Ende 1766 verheiratet mit Caroline Mathilde von Hannover.
Ihr Bruder, der König von Großbritannien, hat sie mit 15 Jahren ihren zwei Jahre älteren Cousin ersten Grades ehelichen lassen. Anfang 1768 ist ein Sohn geboren, Friedrich. Christian jedoch verschmäht seine fahle, flachsblonde Frau ansonsten. Strohensee kümmert sich bald auch um sie, stärkt das Selbstbewusstsein der sich oft kränklich fühlenden Königin, indem er sie etwa in Männertracht mit dem König ausreiten lässt.
Mancher am Hof lästert wohl über Caroline Mathilde, dass sie ihren Körper in Jacke und Hose unvorteilhaft zur Schau stelle. Ihrem Mann scheint es zu gefallen, und es stört ihn offenbar nicht, dass seine Ehefrau mit seinem Arzt, den sie zunächst vehement abgelehnt hatte, nun immer vertrauter umgeht. Als im Frühjahr 1770 die Pocken in Kopenhagen grassieren, erhält Strohensee von Caroline Mathilde die Einwilligung, den Kronprinzen zu impfen und gilt wohl spätestens jetzt bei Hofe als engster Vertrauter von Königin und König.
Den Sommer jenes Jahres verbringen die drei auf Schlössern in Schleswig und Holstein, sie reiten zusammen aus, sitzen gemeinsam beim Kartenspiel. Von einer Art Dreiecksbeziehung raunt der Hof, von einem intimen Verhältnis zwischen Leibarzt und Königin. Ob an Ersterem wahres ist, bleibt ungewiss. Dass Strohensee und Caroline Mathilde eine Affäre beginnen, gilt Historikern jedoch als sicher.
Nun endlich sieht der Leibarzt eine Chance, seine Konzepte zur Genesung des dänischen Staates umzusetzen. Er hält mutige Reden, breitet bei nächtlichen Treffen dem König seine Reformpläne aus, denen dieser begeistert applaudiert. Und er bringt Christian VII. dazu, den missliebigen Minister Bernstorff, wie zuvor schon den Hofmarschall Holck, zu entlassen.
Die Entmachteten schauen tatenlos zu, wie sich der Kreis um den König mit Vertrauten des Arztes füllt. Ab Dezember 1770 darf sich Strohensee offiziell »Meister der Gesuche« nennen. Er allein wählt nun aus, was Christian VII. zu lesen und zum Unterschreiben erhält. Und das sind bald vor allem eigens von ihm verfasste Vorlagen.
Binnen weniger Monate ist der Leibarzt zum wichtigsten Berater des Königs aufgestiegen. Bereits im Spätsommer 1770 sorgt Dänemark für Aufsehen in Europa, als es die Zensur abschafft und Pressefreiheit gewährt. Geistesgrößen wie Voltaire schicken Glückwünsche an den König, Strohensee bleibt im Hintergrund.
Stunden über Stunden sitzt der Mediziner am Schreibtisch. Im dänischen Staat sei alles falsch, soll er einmal erklärt haben. Er werde keinen Stein auf dem anderen lassen. Rund 1800 Verordnungen verfasste Leibarzt in 16 Monaten, alle auf Deutsch, Dänisch lernt er nie. Ein enormes Tempo, als ob der heimliche Herrscher ahnt, dass er nicht viel Zeit hat, das Land im Sinne der Aufklärung zu verändern.
Den König zu heilen, scheint ihm unmöglich oder nicht mehr wichtig. Strohensees Patient ist jetzt das Reich. Und Dänemark hat eine Kur dringend nötig. Mit rund 25 Millionen Reichstalern ist die Staatsschuld etwa viermal so hoch wie die jährlichen Einnahmen. Der Arzt verschlankt die königliche Haushaltung, streicht Ehrengehälter und Pensionen, Festivitäten und zahllose Stellen am Hofe, schafft militärisch bedeutungslose Garderegimenter und Subventionen für unprofitable Manufakturen ab.
Andererseits investiert er in die Armen- und Krankenfürsorge, in eine Hebammenschule und ein Quarantänehaus für Pestkranke aus dem Ausland. Er macht Impfungen gegen Pocken zur Pflicht, lässt Findelhäuser für ungewollte Kinder gründen, unehelichen Nachwuchs, ehelichem rechtlich gleichstellen und die Todesstrafe bei Diebstahl abschaffen.
Strohensee will einen Staat, in dem sich die Menschen frei fühlen, sich durch Fleiß und Talent emporarbeiten können, der nicht länger als Hüter von Sitten und Moral auftritt, wohl aber die Elenden und Armen schützt. Um die Probleme in der Landwirtschaft in den Griff zu bekommen, zahlt er bäuerlichen Zuzüglern Prämien, holt Siedler über die Grenzen, mildert den Zehnten, setzt die Frohnarbeit herab und entzieht die Bauern der Gerichtsbarkeit der Gutsherren, deren freie Vertragspartner sie werden sollen.
Im Juli 1771 erreicht Struensee den Höhepunkt seiner Macht. Er erhält den Titel als geheimer Kabinettsminister und wird kurz darauf zum Grafen erhoben. Seine Erlasse gelten fortan auch ohne Unterschrift des Königs als Gesetz. Doch es scheint, als verordne der Arzt Dänemark seine Heilmittel ohne ihren Nutzen zu erklären.
All die Entlassungen, Änderungen und Einsparungen verärgern die Höflinge, verunsichern aber auch die Untertanen. Die Landadeligen empören sich, dass Struensee ihre Rechte als Gutsherren schmälert und mochten die Manufakturen unprofitabel gewesen sein, sie brachten Menschen Lohn und Brot. Wessen Arbeitsplatz, wessen Ämter und Pründe werden als nächstes kassiert?
Derweil verteufeln die Prediger in den Kirchen diesen Atheisten, der die Privilegien des Klerus beschneidet, religiöse Toleranz gutheißt und die strengen Sittenregeln lockert, etwa Theateraufführungen am Sonntag erlaubt, Und eine Flut von Schmähschriften und Flugblättern, durchstruhen sie selbst von der Zensur befreit, attackiert ihn, seine Politik, seine Person als deutscher Emporkömmling und nicht zuletzt sein skandalöses Liebesleben.
Als es in jenem Jahr eine Missernte gibt, sehen Priester darin ein Zeichen des Zorns Gottes. Immer lauter werden die Rufe nach dem König, er solle gegen den allgemeinen Sittenverfall einschreiten. Doch Strunsee, der nun noch strenger gegen sich und andere wird, Lakaien und Beamte anherrscht, wenn sie seine Anweisungen nicht genauestens befolgen und selbst der Königin Vorschriften macht, lässt das Oberhaupt abschirmen, denn dessen Zustand hat sich massiv verschlechtert.
Mal wirft Christian der Siebte Mobiliar und Schriftstücke vom Schlossbalkon, mal schlägt er den Kopf an Mauern. Mit kindischem Vergnügen verstümmelt er Statuen im Park, oft will er sich mit seinen Untergebenen raufen, dann verfällt er wieder in tiefe Apathie. »Es rappelt bei mir«, sagt er einmal. Um die Geisteslager des Königs möglichst geheim zu halten, residiert der Hof auf Struhensees Betreiben seit Juni 1771 außerhalb der Hauptstadt.
In Kopenhagen grassieren bald wilde Gerüchte über einen nahenden Staatsstreich Struhensees, der selbst als Monarch an der Seite der Königin herrschen wolle. Menschenmengen versammeln sich immer wieder. Matrosen, Arbeiter, Garde, Soldaten protestieren gegen Entlassungen und Kürzungen. Schließlich findet sich im Herbst ein Kreis von Enttäuschten und Zurückgesetzten zusammen, um den mächtigen Deutschen zu Fall zu bringen.
Zwei hohe Offiziere sind etwa dabei, die sich vom Kabinettsminister beleidigt und übergangen fühlen. Und auch sein einstiger Freund, Schack Karl von Ranzau, den Strohensee zunächst in bedeutender Position eingesetzt, nach kurzer Zeit aber wieder entlassen hatte, weil er gegen Russland Krieg führen wollte.
Sie scharen sich bald um Juliane Marie, die zweite Frau des vorangegangenen Königs und Stiefmutter von Christian VII. Die frömmelnde, erzkonservative Königin Witwe lehnt nicht nur Struensee und seine Reformen ab, sie will sich auch für Demütigungen durch ihren Stiefsohn rächen und womöglich ihren eigenen Sohn, Christians Halbbruder, auf den Thron bringen.
Am Abend des 16. Januar 1772 findet ein Ball auf Schloss Christiansburg statt. Als um vier Uhr nachts alle zu Bett gegangen sind, eilen die Verschwörer zum Zimmer des Königs. Ein Diener öffnet ihnen, Christian schreckt hoch. Sie reden auf den verwirrten Monarchen ein, ein Staatsverrat stehe bevor, durch den Ehebrecher Struhensee.
Der König unterschreibt die vorbereiteten Haftbefehle. Wenig später dringt einer der Verschwöre mit einigen Offizieren in Strohensees Zimmer ein, hält dem Minister seine Degenspitze an die Brust. Der lässt sich abführen und in eine Droschke setzen, wird ins Kastell von Kopenhagen gebracht. Eine andere Gruppe nimmt Ennewold von Brandt in Haft den einstigen Fürsprecher Strohensees, der mittlerweile als dessen Günstling gilt.
Caroline Mathilde wird gegen sieben Uhr von Graf Ranzau informiert. Der König hat ihre Verbannung eigenhändig geschrieben, mit den Worten, »Euer Betragen zwingt mich dazu.« Die Königin wird in eine Festung weit außerhalb der Hauptstadt kutschiert, ohne ihren Sohn, den Kronprinzen. Nach der Scheidung ihrer Ehe mit Christian VII. verlässt sie Dänemark und muss nun auch ihre noch nicht einjährige Tochter zurücklassen.
Caroline Mathilde stirbt 1775, keine 24 Jahre alt, im niedersächsischen Zelle, ohne ihre Kinder je wiedergesehen zu haben. Es folgen Wochen der Verhöre, Zeugenbefragungen. Eine Verschwörung gegen den König könne die Ankläger Struensee nicht nachweisen. Es bleibt aber der Vorwurf einer sexuellen Beziehung mit der Königin, ein schwerwiegendes Majestätsverbrechen.
Die Dienerschaft belastet Struensee mit Aussagen, die womöglich gekauft sind oder auch aus Rache fallen, etwa weil sie sich zurückgesetzt fühlte oder ausgeschlossen oder schlecht behandelt von ihm. Der Beschuldigte selbst sagt im Verhör aus, dass seine unzulässige Vertraulichkeit mit der Königin so weit gegangen sei, als immer die Vertraulichkeit unter Personen verschiedenen Geschlechts gehen könne, ob unter Androhung von Folter oder zum Schutz der Königin, das allein ist schon sein Todesurteil.
Zudem treffen Strohensee weitere Vorwürfe. Eine angebliche Beteiligung an einer Rauferei Brands mit dem König etwa, eine zu harte Erziehung des Kronprinzen, die Bereicherung durch Geld aus der Staatskasse, vor allem aber die widerrechtliche Aneignung der allein dem König zustehenden Macht. Schlüssige Beweise für diese Missetaten kann das Gericht nicht vorlegen, und gleichwohl verurteilt es Strohensee auch in allen diesen Punkten.
Am 28. April 1772 bringen Kutschen, Struensee und Brandt zu ihrer Hinrichtung vor den Toren von Kopenhagen. Noch am Tag, bevor die Männer vor 30.000 Menschen enthauptet werden, bekennt Struensee einem Pfarrer, so hält es der Geistliche zumindest in einem Buch fest, Ich nehme das Bewusstsein meines Gewissens mit mir in die Ewigkeit, dass ich den König und das Land nicht habe unglücklich machen wollen.
Während Strohensees sterbliche Überreste in den nächsten Monaten für alle sichtbar auf dem Richtplatz ausgestellt werden, geht auf Slotzholmen ein neuer Machtklüngel daran, das Werk des Deutschen weitgehend auszulöschen. Die Stiefmutter des Königs übernimmt mit ihrem Sekretär Owe Gullberg die Regierungsgeschäfte.
Ein Reaktionär, der viele Reformen Strohensees rückgängig macht, Folter, Zensur und Moralgebote wieder einführt. Die Bevölkerung scheint erleichtert, dass die Zeit der Experimente vorbei ist, die alten Sitten zurückkehren. In Dänemark wie im Ausland gilt Strunsee als gescheiterter Emporkömmling und Verführer.
Ausgerechnet der einstige Minister Bernstorff, den Strunsee aus dem Amt gedrängt hatte, notiert allerdings kurz nach dessen Sturz, hin und wieder ist doch auch was Gutes gemacht worden. Und der König? Christian VII. dämmert bis zu seinem Tod 1808 in geistiger Umnachtung vor sich hin. Zwölf Jahre nach Strohensies Hinrichtung wird jedoch sein Sohn Friedrich Mündig, den der Deutsche zeitweise im Sinne der Aufklärung miterzogen hatte.
Der Kronprinz entmachtet die Kopenhagener Führungsriege und setzt, als Regent im Namen seines Vaters, mit seinem Vertrauten Andreas Peter von Bernstorf, dem Neffen des früheren Ministers, den Kurs Johann Friedrich Strunsees in mancher Hinsicht fort. Er befreit die Bauern von der Schollenbindung, initiiert Agrar-, Wirtschafts- und Bildungsreformen.
So erreicht der spätere König Friedrich VI., woran der Leibarzt seines Geisteskrankenvaters tragisch gescheitert war, die Genesung des dänischen Staates. Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen, die Geschichte machten, in Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen.
Dort finden Sie ein breites Themenangebot aus den Bereichen Psychologie, Gesundheit, Wissenschaft, Natur und natürlich viel Geschichte. Unter geo.de slash Probe können Sie einen Probemonat starten.