Halbwertszeit – die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts· Staffel 1· Folge 1
Die Deponie
Donnerstag, 20. November 2025 · 22 min
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Shownotes
Ein zufälliger Fund radioaktiver Altlasten
Am 9. November 2012 schlägt ein Geigerzähler in Teuftal BE Alarm: Ein Lastwagen, der gerade durch die Pforte der Mülldeponie fährt, hat radioaktiv verstrahltes Material geladen.
Mit diesem Alarm hat an diesem Tag keiner gerechnet. Schliesslich kommt der Schutt, den der Lastwagen transportiert, nicht von einem Atomkraftwerk, sondern von einer Autobahnbaustelle bei Biel. Von einer Stelle, wo 2012 gerade die Autobahnumfahrung A5 gebaut wird.
Der Grund für den Alarm des Geigerzählers: An dem Ort, wo der Schutt herkommt, lag über ein halbes Jahrhundert Abfall der Schweizer Uhrenindustrie in der Erde: Gläschen mit Farbe, die Uhren zum Leuchten brachten. Basis dieser Leuchtfarbe war ein radioaktiver Stoff: Radium-226.
Dieser 9. November 2012 ist für den Bund der Startpunkt eines Projektes, das ihn Millionen kosten wird: Die Suche und Beseitigung radioaktiver Altlasten der Schweizer Uhrenindustrie. Und diese Suche führt die Behörden nicht nur auf Mülldeponien, sondern auch in ganz gewöhnlichen Wohnungen in Schweizer Gemeinden des Jurabogens. Dort, wo Menschen leben, die nichts davon wissen, dass ihre Abflussrohre, Treppengeländer oder Fussdielen radioaktiv verstrahlt sind.
Es waren die Wohnungen von Radiumsetzerinnen: Frauen, die bei sich zuhause Zifferblätter von Uhren mit Farbe und Pinsel in Heimarbeit zum Leuchten brachten. Frauen, die von dieser Arbeit gesundheitliche Folgen davon trugen oder sogar daran verstorben sind.
In ihren Recherchen wird deutlich: Die Schweiz hatte im Verlauf der Geschichte immer wieder Hinweise darauf, wie gefährlich die Arbeit mit dieser Leuchtfarbe ist. Sie war damit auch nicht allein: Die beiden Autorinnen zeichnen in der Serie den Weg der Leuchtfarbe nach, vom Erzgebirge über das Labor von Marie Curie bis zur Stube der Heimarbeiterin – überall dort, wo sich die radioaktiven Spuren bis heute finden lassen.
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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen!
Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder gibt es eine Radiumsetzerin in Ihrer Familie? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!
Credits:
Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)
Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.
Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.
Weiterführende Lektüre zur ersten Folge:
• Beitrag „Biel in der Rezession“. CH-Magazin, 19. September 1975, SRF Archiv. (srf.ch/play/tv/ch-magazin/video/biel-in-der-re…)
• Lukas Emmenegger. Historischer Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie (1907–1963). Universität Bern, 1. März 2018. (nagra.ch/wp-content/uploads/2022/07/bericht_hi…)
Quellen
• Bundesamt für Gesundheit BAG und Bundesamt für Umwelt BAFU. Bilanz des Aktionsplans Radium 2015–2023. Schlussbericht zuhanden des Bundesrates. 2024. S. 12, 14, 17, 29.
• Das Bundeszwischenlager“. PSI Stories, 13. September 2018. (psi.ch/de/news/psi-stories/das-bundeszwischenl…)
• Die vier Standorte: Biel“. Rolex, n.d. (rolex.com/de/watchmaking/excellence-in-the-mak….)
• „Entwurf der Vollziehungsverordnung zum Bundesbeschluss vom 22. Juni 1951 über Massnahmen zur Erhaltung der schweizerischen Uhrenindustrie, 11. Oktober 1951“. S. 7–8. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E6351F#1972/130#278*, Az. 177-19, BRB vom 22. Juni 1951 über Massnahmen zur Erhaltung der schweizerischen Uhrenindustrie, 1951–1960.
• „OMEGA eröffnet neue Fabrik“. Swatch Group, 2. November 2017. (swatchgroup.com/de/services/archiv/2017/omega-…)
• Stellungnahme des Bundesrates vom 09.11.2022“ zur Interpellation 22.3936 „Radioaktive Farben. Gilt das Verursacherprinzip nicht für die Uhrenindustrie?“ von Martina Munz, 20. September 2022. Die Bundesversammlung – Das Schweizer Parlament. (parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/…)
• Trachsel, Jaroslaw. „Umstrukturierung der Bieler Uhrenindustrie“. mémreg mémoire régionale regionales gedächtnis. Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura, 1960. (memreg.ch/index.cfm?document=D070FA091133AFD74…)
• „Verwaltungsbericht der Direktion der Volkswirtschaft des Kantons Bern für das Jahr 1964“. In: Bericht über die Staatsverwaltung des Kantons Bern. Bern: Stämpfli & Cie, 1965. S. 167–207, hier S. 173.