Halbwertszeit – die hohen Kosten eines unscheinbaren Produkts· Staffel 1· Folge 3

Die Leuchtfarbe

Freitag, 5. Dezember 2025 · 24 min

MP3

Shownotes

Eine Faszination mit einem hohen Preis
Lip, dip, paint: Zuerst befeuchtet die Arbeiterin den Pinsel mit ihrer Lippe, tunkt ihn dann in die Farbe und beginnt anschliessend mit dem Malen. Braucht sie mehr Farbe, wiederholt sie den Prozess: Lip, dip, paint.

So bemalten Radium­setzerinnen in den USA Uhr­zifferblatt um Uhr­zifferblatt mit radioaktiver Leuchtfarbe. Der Arbeitgeber dieser «Radium Girls» wird in den 1920er-Jahren verklagt.

Die Heim­arbeiterinnen aber, die für die Schweizer Uhren­industrie Zifferblätter bemalen, nehmen weiterhin Aufträge entgegen. Zwar wird die Praxis, den Pinsel mit der Lippe anzuspitzen, offiziell verboten, doch die Gefahr ist für die Frauen und ihr Umfeld dennoch nicht gebannt.

In der dritten Folge der Audio-Serie «Halbwertszeit» verfolgen die Historikerin Corinne Geering und die Journalistin Livia Grossenbacher die Spuren der Radium-Leuchtfarbe, deren gesundheits­gefährdende Auswirkung sich immer deutlicher zeigte. Diese führen sie zurück zu den Anfängen der Radium­forschung und Marie Curie, die sich viel von Radium versprach und 1934 an den Folgen hoher Strahlen­belastung starb.

Und die beiden reisen nach Bern-Bümpliz, auf das ehemalige Firmengelände von Merz & Benteli, einem Hersteller radioaktiver Leuchtfarben für die Uhrenindustrie. Auf diesem Gelände konnte bis in die 1980er-Jahre eine Strahlen­belastung festgestellt werden.

Wie kann es sein, dass sich die Gefahr von Radium über einen so langen Zeitraum immer wieder zeigte und die Behörden bei den Heim­arbeiterinnen trotzdem erst 2012 nach einem «Zufallsfund» zu handeln begannen?

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Wir suchen nach Radiumsetzerinnen und ihren Angehörigen!
Kennen Sie eine ehemalige Heimarbeiterin, die Uhren bemalt hat? Oder sind Sie gar Familienmitglied oder eine andere Art von Angehöriger einer Radiumsetzerin? Dann melden Sie sich bei uns unter audio@republik.ch und erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

Credits:
Corinne Geering (Recherche, Skript & Wissenschaftliche Begleitung), Livia Grossenbacher (Recherche, Skript, Schnitt & Sounddesign), Vivienne Kuster (Regie & Executive Producer), Fatima Dunn (Musik), Cécile Klotzbach (Factchecking), Philipp Teichert (Mastering)

Es ist ein Podcast der Republik, wobei die Arbeit der beiden Autorinnen zusätzlich gefördert wurde durch den Leibniz-Forschungsverbund «Wert der Vergangenheit» und die Stiftung für Erforschung der Frauenarbeit.

Wir danken dem Gosteli-Archiv, dem Schweizerischen Bundesarchiv, dem Schweizerischen Sozialarchiv, dem Historicshen Archiv der Suva, Julian Stangl, Rudolf Geipel, Eric Kaufmann, Wally Friedl, Kerstin Kraus, Timm Schönfelder und Benjamin Eugster.

Weiterführende Lektüre zu dieser Folge:

• Walter Thut, Merz & Benteli: mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2018.

• Claudia Clark. Radium Girls. Women and Industrial Health Reform, 1910–1935. Chapel Hill, NC: University of North Carolina Press, 1997.

Quellen

• Curie, Marie. Pierre Curie. New York: The Macmillan Company, 1923. S. 100, S. 185, S. 199–200.

• Emmenegger, Lukas. „‚La matière miraculeuse‘? Die Verwendung von Radiumleuchtfarben in der Schweizer Uhrenindustrie und der Schutz der Radiumsetzer_innen vor ionisierenden Strahlen im Kontext des Arbeitsschutzes (1907–1963)“. Masterarbeit, Universität Bern, 2018. S. 88.

• Eschner, Kat. „When Women Crowdfunded Radium for Marie Curie“. Smithsonian magazine, 19. Mai 2017. (smithsonianmag.com/smart-news/when-women-crowd…)

• Gemeinderat Bern, Direktion für Finanzen, Personal und Informatik. Medienmitteilung „Radiumsanierung im Schlosspark Bümpliz beginnt“. Stadt Bern, 12. Oktober 2022. (bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuel…)

• Kontrollmessungen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung, Sektion Physik. 15. Mai 1981. S. 3. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.

• Merz, W. „Radioaktive Leuchtfarben und Luftschutz“. Protar. Schweizerische Monatsschrift für den Luftschutz der Bevölkerung 5.9 (1939): S. 141–146.

• Monnier, Raymond. Les heures de la nuit. Rencontre de la radioactivité & de l’industrie horlogère. La Chaux-de-Fonds: Monyco SA, n.d. S. 34, S. 70–72, S. 76–77.

• Neuzil, Mark und William Kovarik. „The Radium Girls“. In: Mass Media and Environmental Conflict. Thousand Oaks: SAGE Publications, 1996. S. 32–52.

• „Preservation Snapshot: Radium Girls. The Story of US Radium’s Superfund Site. Orange, New Jersey“. Official Site of the State of New Jersey, 2016. (nj.gov/dep/hpo/1identify/nrsr_19_Mar_Radium_gi…)

• Rentetzi, Maria. Seduced by Radium: How Industry Transformed Science in the American Marketplace. Pittsburg: Pittsburgh University Press, 2022. S. 214–216.

• Röntgen, Wilhelm Conrad. Ueber eine neue Art von Strahlen. Vorläufige Mittheilung. Würzburg: Stahel’sche K. B. Hof- und Universitätsbuch- und Kunsthandlung, 1896. S. 4.

• Schweizerische Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung. „Bericht über die Sanierungsmassnahmen auf dem Areal an der Bümplizstrasse 91 und 97 in Bern-Bümpliz“. S. 2, Abb. 6. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.

• Schweizerische Unfallversicherungsanstalt, Abteilung Unfallverhütung. „Bestandesaufnahme über radioaktive Kontamination im alten Fabrikationsgebäude der Firma Merz und Benteli (Bümplizstrasse 91) auf dem Betriebsareal“. 17. Februar 1981. Abb. 4 und 5. Schweizerisches Bundesarchiv (BAR), E3300C#1996/215#983*, Az. 18.13.08.-43, Kontamination auf dem Betriebsareal der Firma Merz und Benteli, Bümpliz, 1981–1983.

• Thut, Walter. Merz & Benteli. Mit Leuchten, Kleben und Dichten Geschichte gemacht. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2018. S. 10–11, S. 15, S. 37, S. 46, S. 72.

• „To Begin Two Suits Against Radium Co“. The New York Times, 24. Juni 1925, S. 21.

• Werbung für „Undark“ der Radium Luminous Material Corporation, New York. American Illustrated Magazine 92 (1921): S. 85.

• „1921: Marie Curie visits the U.S.“ National Institute of Standards and Technology, U.S. Department of Commerce, 13. August 2009. (nist.gov/pml/marie-curie-and-nbs-radium-standa…)

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