
heute journal - der Podcast· Folge 66
Kerosinmangel: Sommerurlaub in Gefahr? Mit Kerstin Heuwinkel
Mittwoch, 13. Mai 2026 · 26 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Durch den Iran-Krieg und die gesperrte Straße von Hormus steigen die Kerosinpreise – und damit werden auch Flugreisen teurer. Viele Deutsche fragen sich, ob sie sich den Sommerurlaub noch leisten können. Die deutschen Flughäfen warnen vor gestrichenen Flügen und Preiserhöhungen, einige Airlines haben Flüge bereits abgesagt.
Wie sicher ist die Kerosinversorgung in Deutschland? Wie wichtig sind Urlaub und Erholung in Zeiten vieler globaler Krisen? Und wird die aktuelle Weltlage unsere Art zu Reisen langfristig verändern?
Darüber spricht Host Helene Reiner mit ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann und der Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel.
heute journal - der Podcast – in der ZDF heute App, im Web und auf Youtube.
Lasst gern eine Bewertung da und abonniert unseren Podcast.
Wir freuen uns über Fragen, Kritik oder Themenvorschläge an: heutejournal-podcast@zdf.de
Team:
CvD (ZDF): Christoph Söller
Host: Helene Reiner
Autor: Cedric Wrieden
Redaktion: Alina Bähr, Till Schadel
Factchecking: Gabriele Koenig, Leon Klein
Redaktion Pool Artists: Julia Illmer, Nicklas Stellhorn
Kamera: Henrik Weimar
Ton: Marco Breidenbach
Weitere Links zum Thema:
zdfheute.de: Wie sich die "Klopapier-Krise" am Rohstoffmarkt wiederholt (zdfheute.de/wirtschaft/iran-krieg-lieferketten…)
zdfheute.de: Kerosinkrise: Flughafenverband warnt vor Streichungen im Sommer (zdfheute.de/wirtschaft/iran-krieg-fluege-ausfa…)
zdfheute.de: "Kein echter Mangel an Kerosin zu erwarten" (zdfheute.de/video/heute-journal/sgs-slomka-neu…)
zdfheute.de: Raffinerie in Schwedt: Reiche gibt Jobgarantie bis Jahresende (zdfheute.de/politik/deutschland/raffinerie-pck…)
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Der Krieg in Iran und die Sperrung der Straße von Hormuz sorgen dafür, dass Kerosin knapp und teuer ist. Deutsche Flughäfen rechnen deshalb mit Flugstreichungen, die bis zu 20 Millionen Passagiere betreffen könnten. Die Bundeswirtschaftsministerin sagt dagegen. Ich möchte aber auch sagen, dass ich für einen Unterschied werbe, ob ein Flug teurer wird oder ob der gesamte Flugverkehr nicht mehr stattfinden könnte.
Und mir erscheint manche öffentliche Diskussion doch weit überzogen. Laut Katharina Reiche sind die Airlines also weiterhin in der Lage, Flüge anzubieten. Aber ja, es kann teuer werden. Wir wollen in dieser Folge herausfinden, wie stabil ist Deutschlands Kerosinversorgung und welche Folgen hätte ein Mangel.
Wird die aktuelle Weltlage unserer Art zu reisen vielleicht sogar langfristig verändern und wird Urlaub immer mehr zum Luxusgut? Darüber spreche ich mit der Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel und unserem Wirtschaftsexperten Florian Neuhann. Ich bin Helene Reiner. Und sage damit herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast am 13. Mai um 13 Uhr.
Die Straße von Hormuz ist immer noch weitestgehend gesperrt. Laut Daten von Greenpeace sitzen aktuell rund 75 beladene Tanker fest mit insgesamt etwa 15 Millionen Tonnen Öl an Bord. Das hat den Ölpreis nach oben getrieben. Da Kerosin aus Rohöl gewonnen wird, wurde auch der Flugtreibstoff deutlich teurer. Seit Beginn des Iran-Kriegs hat sich der Preis für Kerosin verdoppelt.
Die US-amerikanische Billigflugline Spirit Airlines hat unter anderem deshalb Insolvenz angemeldet. Viele Fluggesellschaften streichen Verbindungen, vor allem die, die nicht rentabel sind, zum Beispiel Kurzstrecken. Und auch die Lufthansa hat Strecken gestrichen, zum Beispiel von Frankfurt nach Bremen und das begründet mit den Kerosinpreisen.
Was bedeutet das für die Luftfahrt und für die, die sich sehnlichst auf den Urlaub freuen? Das weiß unser Wirtschaftsexperte Florian Neuhahn. Florian, erstmal herzlich willkommen. Schön, dass du Zeit für uns hast. Ich freue mich auch. Hallo Helene. Und wir können gleich auch mit dir noch über ganz konkrete Verbrauchertipps sprechen.
Aber erstmal habe ich eine kleine Rechnung mitgebracht. Und zwar habe ich in der Märkischen Oder-Zeitung gelesen, dass am Flughafen BER etwa 250 Flugzeuge pro Tag starten. Und der Airbus A320, das meistgenutzte Flugzeug, verbraucht pro Stunde etwa 2700 Liter Kerosin. Das heißt, der Gesamtverbrauch vom kompletten Flughafen liegt also am Tag bei etwa 2,5 Millionen Litern Kerosin.
Am BER stehen drei große Kerosintanks, die werden nach einer Woche leer, wenn nicht nachgeliefert wird. Florian, ist das ein wahrscheinliches Szenario für Deutschland, ein Flughafen ohne Kerosin? Zum Glück ist das nicht wahrscheinlich. Das sagen alle, mit denen ich auch aus der Branche gesprochen habe.
Wir haben in Deutschland die wirklich komfortable Situation, dass wir große Vorräte an Kerosin haben. Wir haben eine schöne Einrichtung, die heißt der Erdölbevorratungsverband, öffentliche Einrichtung. Und die hat dafür gesorgt, dass wir tatsächlich relativ viel Kerosin vorrätig haben. Aktuell sind es, sagt die Bundesregierung, 1,1 Millionen Tonnen und weitere 300.000 Tonnen hat auch die Industrie bereits bevorratet.
Dieser Vorrat, der würde uns helfen, wenn jetzt gar kein Kerosin mehr da ist für sechs Wochen. Und wenn wir davon ausgehen, dass wir weiterhin Kerosin selber produzieren und auch aus anderen Quellen, welches bekommen, würde es helfen für fünf Monate. Also für Deutschland würde ich der Wirtschaftsministerin tatsächlich nach vielen Gesprächen, die ich auch in den letzten Tagen geführt habe, recht geben.
Da droht jetzt kein akuter Treibstoff-Kerosin-Mangel. Anders ist es in anderen Regionen der Welt. Und dann ist natürlich auch richtig, die Preise für Kerosin, die sind explodiert seit Beginn der Blockade. Haben die sich verdoppelt. Und das ist ja klar, das hat Auswirkungen auch auf die Ticketpreise, wenn wir verreisen wollen mit dem Flugzeug.
Wir würden also mit diesen Reserven sechs Wochen auskommen. Hast du gesagt, was ist denn, wenn jetzt auch die Krise in Iran noch wirklich lange, lange, lange anhalten sollte und die Straße von Hormuz gesperrt bleibt? Also die sechs Wochen gelten für den Fall, dass wir wirklich nur auf diese Reserven zurückgreifen, auf nichts anderes mehr.
Dann würde es für sechs Wochen reichen. Wenn wir auf alle anderen Quellen noch zugreifen können, sind wir in Deutschland mit diesen Reserven gut ausgerüstet für fünf Monate, sagt, wie gesagt, die Bundesregierung. Ja, und wenn die Krise weitergeht, ich meine, das wird ein ernsthaftes Problem für die Weltwirtschaft.
20 Prozent des globalen Öls kommen aus dieser Meerenge von Hormuz. Ja, und wenn die fehlen, dann hat das massive Folgen für uns alle, für den Luftverkehr, aber nicht nur für den, sondern auch für alle in der Weltwirtschaft. Und am Ende wird man dann dazu kommen müssen, dass man auswählen wird müssen, welche Flüge haben jetzt Vorrang.
Also wo man entscheiden muss, wer hat sozusagen das Vorrecht und da werden dann wahrscheinlich einige Urlaubsflüge auf der Strecke bleiben. Und man wird eher sagen, wichtig ist, dass zum Beispiel die Cargoflüge mit allem, was wir dringend brauchen, Medizin, Nahrungsmittel etc., dass die auch wirklich ausreichend Kerosin haben.
Laut Flughäfenverband könnten auch schon vorher Flüge ausfallen. Nicht nur aufgrund der Knappheit oder der reinen Menge an Kerosin, sondern einfach aus Kostengründen, weil dann manche Strecken nicht mehr rentabel sind. Die Flughäfen fordern deswegen staatliche Erleichterungen. Die Senkung oder Aussetzung der Luftverkehrssteuer.
Das soll jetzt auch passieren. Bei der Luftverkehrssteuer, da ist es ja so, das funktioniert ähnlich wie bei der Diskussion, die wir schon vom Tankrabatt kennen, wird formal von den Airlines bezahlt, wird dann aber oft einfach auf die Ticketpreise übertragen und weitergegeben. Meinst du denn, das könnte den Kunden, die sich jetzt aktuell diese teuren Flugtickets kaufen müssen, auch zugute kommen?
Das ist immer die große Frage bei solchen Senkungen, ob da wirklich eine Senkung der Steuer weitergegeben wird. Das hat die Bundesregierung nicht in der Hand. Das ist eine Erwartung, die sie äußert. Und am Ende entscheiden das die Konzerne. Und ob diese Senkung in dieser Lage, wo der Kerosinpreis so in die Höhe schießt, wirklich vollständig weitergegeben wird, da würde ich mal ein Fragezeichen dran setzen.
Ähnlich wie beim Tankrabatt übrigens auch. Da ist ja auch ein Fragezeichen dran zu setzen. Eine Senkung der Luftverkehrssteuer, die zum 1.7. in Kraft treten soll, die jetzt kommende Woche im Bundestag auch beraten wird. Das ist ein Plan, ein Vorhaben gewesen, das bereits vor dieser Krise bekannt war und auch gefasst worden war im Koalitionsvertrag.
Das ist eine Entlastung, die jetzt aber nicht wahnsinnig viel ausmachen wird. Ich habe nochmal nachgeschaut, bei Kurzstrecken wären das 2,50 Euro pro Fluggast, bei Langstrecken 11,40 Euro je Fluggast. Man sieht, das sind eher kleine Beträge. Und wie gesagt, ob die vollständig ankommen bei uns, wenn wir ein Flugticket kaufen, ich würde da ein Fragezeichen dran setzen.
Könnte denn die aktuell angespannte Lage auch einen positiven Effekt haben, zum Beispiel auf die Forschung und den Einsatz von nachhaltigeren Kraftstoffen? Man hört ja immer, Kerosin zu ersetzen, das sei nicht so leicht. Wie sieht es denn da aus? Also das ist eine der ganz großen Herausforderungen, in der Luftfahrt auf eine CO2-Neutralität zu kommen, klimaneutral zu werden.
Und da wäre es natürlich super, wenn das jetzt einen Push geben könnte. Tatsächlich war Frau Reiche, die Wirtschaftsministerin, ja vor ein paar Tagen erst bei der Raffinerie PCK in Schwedt, die eben einen Großteil des Kerosins auch für den Flughafen BER produziert. Und sie hat dort einen Förderbescheid überreicht für die Entwicklung von klimaneutralem Kerosin, sogenanntem ESAF, also mit Strom hergestellt.
Das ist ein Förderbescheid und man will 2030 da erstmals tatsächlich klimaneutrales Kerosin produzieren. Aber das zeigt auch, das ist eben noch Zukunftsmusik. Und ob das jetzt ganz konkret einen Push geben wird, das sehen wir aktuell noch nicht. Aber es wäre, glaube ich, schon wünschenswert. Florian, wenn du schon da bist, ich würde sehr gerne mit dir ein paar Dinge besprechen, die viele Menschen, glaube ich, sich gerade fragen, die sich auf Urlaub freuen. Und zwar, was passiert denn, wenn ein schon gebuchter Flug aufgrund von Kerosinmangel oder Kerosinpreisen gestrichen wird?
Also da gab es gerade erst eine ganz wichtige Klarstellung von Seiten der EU-Kommission. Die hat nämlich gesagt, wenn ein solcher Flug kurzfristig gestrichen wird wegen hoher Kerosinkosten, dann hat man wie bisher auch das Recht auf Umbuchung oder auf Erstattung. Und dazu bekommt man als Kunde auch eine Entschädigungszahlung, so eine Ausgleichszahlung.
Das heißt, da gelten die ganz normalen Fluggastrechte, die in der Europäischen Union gelten. Anders ist es, wenn ein Flug tatsächlich nicht abheben kann, weil es einfach gar keinen Kerosin mehr gibt an dem Flughafen gerade. Und da haben sich jetzt die Airlines gerade ziemlich gefreut, denn da hat die EU-Kommission gesagt, das sei dann ein außergewöhnlicher Umstand.
Und das heißt, die Fluggesellschaft muss zwar weiterhin dafür sorgen, dass man irgendwie nach Hause kommt oder man kann umbuchen, aber sie muss eben keine Entschädigung mehr zahlen. Das ist sozusagen die Neuigkeit. Wenn so ein Flug nicht abheben kann, gibt es keine Entschädigungszahlung von Seiten der Airline.
Also Erstattung ja, aber nicht nochmal eine Entschädigungszahlung. Genau, Entstattung oder Umbufung, das sind die zwei Möglichkeiten, zwischen denen man immer wählen darf. Eine Ergänzung vielleicht noch, ganz wichtig, das gilt für alle Flüge, die in Europa abheben, in der Europäischen Union und immer auch für alle Airlines, die europäische Airlines sind.
Wenn ich jetzt aber zum Beispiel mit einer Golf-Airline in den Urlaub fliege und dort dann vor einem solchen Problem stehe, dann gelten die europäischen Fluggastrechte für mich nicht. Ist also vielleicht ein Argument für solche Fernreisen künftig doch eher die europäische Airline zu nehmen, weil man da eben geschützt ist durch die EU.
Können denn in der Zwischenzeit, wenn man schon gebucht hat und dann steigt der Kerosinpreis immer weiter und weiter, können dann Airlines nachträglich Zuschläge verlangen? Nein, das ist ausgeschlossen. Ein Preis bleibt und nachträglich den wegen hoher Benzinpreise, wegen hoher Kerosinpreise zu erhöhen, das ist schlechterdings untersagt.
Sollte man, wenn man jetzt noch nicht gebucht hat, eher so schnell wie möglich buchen oder lieber warten, bis sich die Lage vielleicht entspannt hat? Also ich bin kein Hellseher, weiß nicht, wie die Lage sich entwickelt, aber tendenziell würde ich raten, eher schnell zu buchen. Wenn man sicher ist, man möchte fliegen.
Es gibt ja auch noch die andere Überlegung, dass man sich vielleicht überlegt, ob es vielleicht sinnvoll ist zu fliegen. Es gibt ja auch Alternativen zum Flugzeug. Und wenn man zum Beispiel sagt, ich möchte nach Italien reisen, nach Spanien, nach Frankreich, kann man auch schauen, ob man das mit der Bahn erreicht.
Tatsächlich habe ich erst vor wenigen Tagen mit der Bahn gesprochen und die stellen fest, dass die Nachfrage nach Langstrecken an einigen Tagen bereits 10 Prozent über dem Durchschnitt liegt. Und es gibt also mehr Menschen, die jetzt sagen, aufgrund der hohen Flugticketpreise wollen wir Bahn fahren. Ist also vielleicht die erste Überlegung, kann ich aufs Fliegen verzichten und kann ich mein Urlaubsziel anders erreichen?
Und dazu passend auch heute eine Nachricht, dass die EU-Kommission einen Vorschlag vorlegt, um eben die Zugreisen innerhalb Europas zu erleichtern. Man kennt das, wenn man ein Ticket gebucht hat und damit über die Grenze fährt, muss man dann von einem anderen Anbieter nochmal ein Ticket dazu buchen. Und mit diesem Vorschlag würde dann zum Beispiel auch die Deutsche Bahn gezwungen werden, auch hier sozusagen Tickets von anderen Bahnbetreibern anzubieten.
Das ist aber noch nicht durch. Das wird diskutiert. Aber es wäre toll, wenn es kommt. Auf jeden Fall. Kann ich nur sagen, als selbst regelmäßiger Bahnreisender, der auch in den Urlaub fährt mit der Bahn oft. Das wäre echt toll. Absolut. Florian, ich wünsche dir alles Gute für deinen nächsten Urlaub, wenn er irgendwann mal wieder ansteht. Danke für deine Zeit heute.
Sehr gerne und vielen Dank. Wir wollen mal noch auf die größere Dimension hinter diesem Thema blicken, also den Einfluss der Weltlage auf unsere Art zu reisen. Welche Folgen hat das, wenn Urlaub zum Luxus gut wird? Und da freue ich mich ganz besonders, dass Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel heute zum ersten Mal bei uns ist.
Sie ist Professorin für Internationales Tourismusmanagement und Tourismussoziologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Und sie forscht unter anderem zu Responsible Tourism, also zu nachhaltigem und verantwortungsvollem Tourismus. Hallo Frau Heuminkl, freut mich, dass es klappt.
Hallo, sehr gerne. Gibt es denn schon Beobachtungen, ob und wie sich das Reiseverhalten der Menschen verändert? Also inwieweit ist denn die aktuelle Weltlage, inwieweit hat die einen Einfluss auf die Urlaubsgestaltung der Deutschen? Wenn wir jetzt über diesen Sommer reden und die Urlaubsreisen, relativ wenig, weil schon ganz, ganz viel gebucht wurde, geplant wurde und einige Menschen schon Koffer gepackt haben.
Deswegen sehen wir da nichts. Es wird vielleicht mal ein bisschen mehr in die Medien geschaut, aber aktuelle Verhaltensänderungen sind nicht feststellbar. Was ist dann das liebste Transportmittel beim Reisen der Menschen in Deutschland? Ist das das Flugzeug? Tatsächlich ist es das Flugzeug. Es bestand mal die Hoffnung, dass Pkw wieder weiter vorne ist.
Aber zumindest im letzten Jahr für die Urlaubsreise ab fünf Tagen war das Flugzeug ganz weit vorne, also echt ungefähr 50 Prozent. Und dann kommt der Pkw. Es gibt ja die Befürchtung, dass vor allem Flüge von Billig-Airlines gestrichen werden oder eben Ziele, die sowieso nicht so oft angeflogen werden oder wenn man sie anfliegen möchte, dass es dann einfach exorbitant hohe Preise dafür gibt.
Hieße das zum einen eine große Konzentration und damit auch eine Überlastung von manchen Regionen und zum anderen dafür ein Risiko für andere Regionen, weil der Wirtschaftszweig Tourismus einfach wegfallen würde? Wir müssen das ein bisschen auseinanderhalten, über was wir jetzt reden. Also wir haben ja einerseits die Pauschalreisen, wo sowohl das Zielgebiet, der Transport als auch die Unterkunft schon längst feststehen.
Da wird sich nicht viel daran ändern, weil das ja auch spezielle Flugzeuge sind, die nur dafür eingesetzt werden. Dann so die Frage Billigflieger oder vermeintlich Billigflieger. Da kann es sein, dass Strecken gekürzt werden, aber da wird genau geguckt, was für Strecken das denn jetzt eigentlich sind. Und normalerweise ist es so, dass gerade die günstigen Airlines ohnehin nur die Ziele bedienen, die sich auch rechnen.
Also von daher gehe ich jetzt nicht davon aus, dass auf einmal Norwegen oder eine andere Destination sehr davon betroffen ist, weil die sowieso nicht von diesen Billigfliegern angeflogen werden. Ich habe von Ihnen eine Aussage gefunden und zwar, dass sich das Reiseverhalten der Deutschen seit den 70ern gar nicht so verändert hat, sondern erstaunlich stabil geblieben ist.
In der Zeit hat sich jetzt doch sehr viel verändert. Woran liegt das? Das liegt daran, dass Menschen offenbar einen unglaublichen Wunsch haben zu verreisen und gerade in Krisenzeiten wird das eher noch verstärkt. Also diese 13 Tage, die es meistens sind, das ist eine Auszeit, das wird immer mehr aufgeladen mit Emotionen, mit Sport machen, mit Familie zusammen sein.
Und dieses Bedürfnis ist da und das hat sich nicht geändert und Menschen setzen sehr, sehr viel dran, auch gerade wenn es um Investitionen geht, um das weiter für sich und für sich. Die Lieben, sage ich jetzt mal, zu ermöglichen. Kann man da vielleicht einen Unterschied zwischen oder gewisse Trends bei Jüngeren feststellen und beobachten, die anders verreisen als ihre Eltern oder Großeltern?
Das ist total spannend, weil es gibt ja oft so einen vermeintlichen Generationenkonflikt und das hängt gar nicht am Alter oder an der Generation. Es gibt jüngere Menschen, die sind genauso unterwegs wie Eltern und Großeltern. Es gibt manche, die machen es ganz anders. Das hängt eher davon ab, erstmal wie Reise erfahren bin ich, was habe ich vielleicht für Werte, die ich vertrete.
Also es gibt ja durchaus sowohl jüngere als auch ältere Menschen, die sagen auf keinen Fall Flugzeug. Also es hängt mehr von dieser Lebenssituation, von den Werten, von der Einstellung ab, wie ich verreise, als zu sagen, das sind vor allen Dingen die Jungen, die irgendwie alles ganz anders machen. Ich habe ein Interview gelesen mit einem Chef einer großen Privatjetflotte und der berichtet davon, dass er auch die Krise stark spüren würde, die Kerosinpreise explodieren und das würden auch die Kunden merken, aber dass sich die meisten Kunden eben trotzdem den Privatjet leisten könnten.
Und gleichzeitig müssen dann normal bis wenig verdienende Familien wirklich gucken in den Geldbeutel, ob sie sich noch den Sommerurlaub leisten können. Wird Urlaub immer mehr zum Luxusgut? Urlaub ist schon Luxusgut, weil wir in Deutschland auch Menschen haben, die letztes Jahr nicht verreist sind, die vor zwei und drei Jahren auch noch nicht verreist sind.
Also das ist ein bisschen Augenwischerei zu sagen, oh jetzt wird es auf einmal teurer. Das ist immer schon teuer gewesen, das ist ein Luxus. Und wenn ich jetzt höre, dass Privatschätze ein bisschen kostenintensiver werden, da habe ich ehrlich gesagt kein Mitleid mit. Und bei Familien ist es halt beispielsweise so, die haben letztes Jahr irgendwann im Oktober, November, Dezember bereits die Pauschalreise wahrscheinlich irgendwo in Richtung...
Spanien, Türkei, sowas gebucht. Und welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft, wenn Urlaub jetzt schon oder auch schon immer ein Luxusgut war? Es ist ein Statussymbol, es ist was, worüber geredet wird und es ist gerade auch, wenn wir am Ende des Lebens sind, es sind ja ganz viele Erinnerungen.
Und deswegen wird gereist, deswegen wird, also die Hoffnung ist ein bisschen, dass bewusster gereist wird. Man könnte ja annehmen, wenn es ein Luxusgut ist, dass Menschen das auch mehr wertschätzen. Das fehlt noch so ein bisschen. Manchmal ist es eher so eine Haltung, jetzt erst recht und ich habe doch dafür bezahlt.
Also sehr, sehr zwiespaltige Haltung, wie damit umgegangen wird. Sind Sie der Meinung, dass man Menschen auch beim Thema Urlaub entlasten sollte? Und wenn ja, wo sollte man da ansetzen? Ist es das Transportmittel direkt oder irgendwas anderes? Es muss sinnvoll gemacht werden und was überhaupt nicht funktioniert und, Aus meiner Sicht auch blödsinnig ist, wenn wir jetzt über 2,40 Euro oder 11,40 Euro reden für irgendwelche Fernstrecken.
Daran scheitert es ja nicht, wenn jemand in den Urlaub reisen kann oder nicht. Sondern es müssten ganz gezielt Hilfen angeboten werden für diejenigen, die jetzt nicht verreisen können. Also so eine flächendeckende Unterstützung bringt überhaupt nichts. Also wenn ganz gezielte Maßnahmen, beziehungsweise was auch sehr wichtig wäre, wir haben ja schon tolle Angebote, auch für Familien, die sich einen Urlaub nicht leisten können, dass sie Unterstützung finden, aber da fehlen oft die Informationen.
Und wir haben auch immer das Thema Scham, dass viele Menschen sich halt auch nicht trauen, mal solche Angebote zu nutzen. Es heißt ja, wenn von heute auf morgen der Krieg vorbei wäre, Selbst wenn er vorbei wäre, Straße von Hormuz wäre wieder offen, dass sich das dann trotzdem nicht auch direkt auf die Energiepreise, in unserem Fall die Kerosinpreise, auswirken würde.
Wir haben da oft vom Rakete- und Federeffekt gehört. Das bedeutet im Prinzip, dass Mineralölkonzerne bei steigenden Rohölpreisen die Spritpreise extrem schnell erhöhen. Da haben wir dann die Rakete, während sie bei sinkenden Kosten die Preise eben nur langsam an die Verbraucher weitergeben, wie bei einer Feder.
Das heißt also, selbst wenn wir morgen Frieden hätten, einen normalen Welthandel. Dann könnten die Preise trotzdem noch eine ganze Weile oben bleiben. Was bedeutet das für die, die unbedingt dieses oder nächstes Jahr noch Urlaub machen wollen und dabei auch ein bisschen weiter wegfahren bzw. Fliegen wollen, irgendwo in die Sonne?
Okay, die müssen vermutlich damit rechnen, dass sie mehr bezahlen müssen. Die Reise ist ja nicht nur der Transport, sondern die Reise ist ja auch vor Ort. Also das heißt, was mache ich denn da, was für ein Hotel habe ich, gehe ich auf einen Campingplatz oder so. Also das heißt, ich habe ja Möglichkeiten, wenn ich auf die Preise gucke, bezogen auf meine Mobilität, bezogen auf die Unterkunft und es gibt halt auch noch, und da sind ja bisher die Preise stabil, das ganze Thema Pauschalreisen.
Also unter Umständen wäre es auch durchaus sinnvoll, bei den Reiseveranstaltungen nochmal zu schauen, was haben die denn noch im Angebot mit festen Preisen, anstatt zu sagen, ich nehme mir jetzt Einzelmodule wie den Flug plus dann die Unterkunft. Also das wäre durchaus was, vielleicht so ein Revival der Reiseveranstalter, auch für diejenigen, die sowas noch nie genutzt haben.
Vielleicht um nochmal was Positives zum Schluss zu bringen, könnte diese Krise vielleicht auch was Gutes mitbringen, zum Beispiel den Tourismus im eigenen Land stärken oder gut fürs Klima sein, weil weniger geflogen wird? Ich bin da ein bisschen desillusioniert. Also erstmal ist Deutschland ein wichtiges Reiseland, es verreisen sehr viele Menschen innerhalb Deutschlands.
Aber wir haben seit Jahren Krisen immer, immer wieder und es ändert sich nichts, weil die Angebote noch da sind, weil Ministerien jetzt auf einmal nicht mehr auf Nachhaltigkeit setzen und die Reiseveranstalter, die wir haben, die umschwenken wollen, dann auf einmal wieder ausgebremst werden. Deswegen glaube ich nicht, dass sich wirklich langfristig irgendwas ändert.
Da muss ein Umdenken dann stattfinden. Sie forschen zu nachhaltigem Reisen. Wie ist das möglich, ohne auf das auch zu verzichten, was jetzt so ein schöner Urlaub am Strand mit sich bringt? Geht das überhaupt? Das geht auf jeden Fall. Also das fängt an, Mobilität ist ein wichtiger Punkt, also wirklich die Frage, wie komme ich denn dort hin?
Und dann wäre es vor Ort auch sehr wichtig mal zu schauen, also nicht nur ökologisch nachhaltig zu sein, also zu gucken, ist das vielleicht ein Hotel oder ein Ressort, die sich um Ressourcen kümmern, die Energie sparen, sondern es ist halt auch wichtig mal zu schauen, was für Menschen arbeiten denn da, bekommen die faire Löhne?
Also das sollte dann vielleicht noch ein bisschen größer geguckt werden. Wir reden leider oft nur über das Ökologische, aber das Soziale ist halt auch super wichtig. Was ist Ihre Lieblingsart zu reisen und deckt sich auch das mit Ihrer Forschung? Also entspricht das den Lieblingsreisearten auch der Menschen in Deutschland?
Ich glaube ein bisschen schon. Also ich verreise grundsätzlich total gerne. Also das passt zu allen Deutschen. Ich bin manchmal nicht ganz so konsequent, wie es sein sollte. Auch das passt zu den Deutschen, dass doch einige sagen, ich würde gerne anders reisen. Ich mache es nicht. Was ich schon umsetze, ist beispielsweise, ich mag Bahnreisen, trotz allem und setze das um.
Trotz allem, weil es immer so viel Chaos gibt? Ja, beziehungsweise die Angebote sind nicht da. Wir haben kaum Nachtzüge. Wir haben riesige Schwierigkeiten, wenn Menschen sagen wollen, sie machen eine Radtour und nehmen das Fahrrad im ICE mit. Ich glaube, ein langer, großer ICE hat acht Fahrradstellplätze.
Das ist lächerlich, wenn wir wirklich sagen wollen, dass Menschen mit Fahrrad mal verreisen sollen. Ich meine, die Unpünktigkeit, die kann man ja einkalkulieren, aber es geht halt überhaupt darum, das Angebot so zu gestalten, dass Reisen auch über Länder hinweg wieder spannend ist. Also den Zug nehmen Sie gerne, Sie verreisen grundsätzlich gerne und wohin?
Ja, viel in Europa. Finnland finde ich ganz, ganz toll. Gerne aber auch mal eine Fernreise, absolut. Da bin ich auch wieder bei den etwa 9 Prozent der Deutschen, die aktuell, und das ist halt auch wieder spannend, es wird darüber gesprochen, dass es immer teurer wird. Wenn wir uns aber anschauen, was vor allen Dingen gebucht wird, dann sehen wir einen Plus bei den Fernreisen, die wirklich nicht günstig sind.
Also das ist ein ganz spannendes Feld, das Reisen momentan. Frau Heuwinkel, ich freue mich sehr, dass ich heute mit Ihnen über dieses wirklich spannende Feld sprechen konnte. Danke für Ihre Zeit. Vielen Dank. Und an euch sage ich vielen Dank fürs Zuhören und wünsche euch einen schönen Feiertag und einen schönen nächsten Urlaub, wann und wo und wie auch immer er stattfinden sollte.
Wir freuen uns sehr, wenn ihr uns ein Abo dalasst, dann verpasst ihr nämlich keine Folgen mehr von uns, weil ich kann nämlich schon mal verraten, es wird in den nächsten Tagen eine kleine Spezialfolge von uns geben. Ansonsten, wenn ihr uns noch nicht abonniert habt oder noch nicht bewertet habt, dann wäre doch jetzt mal der Zeitpunkt, das zu tun. Da freuen wir uns sehr drüber.
Und ihr könnt uns natürlich auch gerne Feedback schicken als Kommentar oder per Mail an heute.journal-podcast.rzdf.de. Bis nächste Woche. An dieser Folge mitgearbeitet haben Christoph Söller, Cedric Frieden, Alina Bär, Till Schadel, Jula Ilmer und Niklas Stellhorn. Das Fact-Checking kam von Gabriele König und Leon Klein. Kamera und Ton von Henrik Weimar und Marco Breidenbach.
Heute Journal, der Podcast, wird produziert von Pool Artists.