Reality TV Check

#273 - Deep Dive #2 - Sonja Zietlow schaut kein Reality TV. Ich schon.

Sonntag, 1. März 2026 · 24 min

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Shownotes

Was ist eigentlich Reality TV? Klingt nach einer einfachen Frage. Ist es nicht. In dieser Folge nehme ich den Begriff auseinander – warum ich nicht von Trash spreche, was Sonja Zietlow und Klassismus damit zu tun haben, und warum die Definition von Reality TV am Ende darüber entscheidet, wer geschützt wird und wer nicht.

Wenn du tiefer einsteigen willst, eine Auswahl meiner Quellen:
• Annette Hill: „Reality TV" – eine wohl umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Genre.
• Anja Rützel: „Trash TV" – ein kurzweiliger Einstieg ins Thema, der genau den Widerspruch verkörpert den ich heute besprochen habe.
• Rebekka Endler: „Witches, Bitches, It-Girls" – ein Buch über patriarchale Mythen in der Popkultur und wie sie Frauen in Schubladen stecken. Für diese Folge besonders relevant: Kapitel 1, Kampfzone Normalität.
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Hi, ich bin Pier und was ist der Reality TV Check Deep Dive? Hier gehe ich tiefer als unsere gewöhnlichen folgen es erlauben und schaue mir die Geschichte, die Strukturen und die Menschen hinter Reality TV an. Wir befinden uns in Folge 2 vom Deep Dive, in der ich mir anschaue, was Reality TV denn überhaupt ist. Schön, dass du da bist.

Stell dir vorbei der Arbeit fragt dich jemand in der Mittagspause, hast du gestern Reality TV geschaut, die eine denkt an Love Island. Der andere an queerei, jemand anders an Frauentausch. Alle nicken, aber alle meinen was anderes und niemand fragt nach, weil alle irgendwie das Gefühl haben, Sie wissen, wovon die Rede ist.

Oder du bist auf einer Party und jemand sagt ich schau kein Reality TV und meint damit ich bin nicht so jemand, während sie gleichzeitig jede Staffel von die Verräter oder Germanys Next Topmodel verschlungen hat, die. Aber das zählt irgendwie nicht, wenn man bei die Verräter ja eine Denkaufgabe hat, sowohl als Zuschauende als auch die Teilnehmerinnen, und da nicht nur die üblichen Trashes teilnehmen.

Und GNTM ist Halt, gilt die Pleasure, also kein richtiges Reality TV. Und was ist richtiges Reality TV eigentlich? Das weiß die Person jetzt auch nicht so genau, aber auf jeden Fall nicht das was sie schaut oder du sitzt in einer Friends runde und jemand fragt ob du das Dschungelcamp schaust. Und plötzlich musst du dich erklären. Nur wie ist dabei eben auch offen. Soll ich mich jetzt rechtfertigen, distanzieren oder womöglich bekennen?

Ich schaue es und ich liebe es, ich schaue es kritisch, ich schaue es, aber ich finde es eigentlich furchtbar, ich schaue es, weil ich einen Podcast darüber mache, das ist Arbeit, kein Vergnügen, keine Aussage ist ohne Subtext, dazu meine Side Note, ich würde keinen Podcast darüber machen, wenn ich keinen Spaß daran hätte. Also weder am gucken noch am Podcasten. Und ich schäme mich dafür auch nicht, weil das wäre ziemlich kontraproduktiv bei dieser öffentlichen Geschichte hier, die sich Podcast nennt.

Das ist also das erste Problem, wenn wir über Reality TV reden, wir reden alle über dasselbe und gleichzeitig über völlig unterschiedliche Dinge und genau das macht den Begriff so interessant und gleichzeitig so schwierig. Bevor ich jetzt anfange, das auseinander zu nehmen, was heute vielleicht noch deutlicher ist als je zuvor.

Reality TV begegnet uns eigentlich überall im Büro, auf dem Sofa, auf TIK tok, in der Mittagspause, im Gespräch mit Menschen, die es gar nicht schauen. Es ist laut, es ist billig, es ist manchmal brillant und es hört einfach nicht auf. Jede und jeder hat eine Meinung dazu, man muss es nicht mal schauen, um eine zu haben, und weil das so unheimlich komplex ist, versuchen wir heute mal Reality TV zu definieren, ob das Klappen wird.

Bleibt dran, um es rauszufinden. Zunächst einmal möchte ich erklären, warum ich nicht von Trash spreche, ich habe diesen Podcast vor 5 Jahren ganz bewusst Reality TV Check genannt und wenn ich darüber spreche, dann immer mit dem Begriff Reality TV. Den Begriff Trash TV benutze ich für diese Formate bewusst nicht, weil er eigentlich gar nichts beschreibt außer einer Haltung Trash, das heißt?

Das ist minderwertig, das ist nichts wert, das schauen Leute, die Besseres nicht kennen oder die zu dumm für Anspruchsvolleres sind. Und sobald ich diesen Begriff benutze, habe ich schon entschieden, wer denn eigentlich das Publikum ist und was es verdient, mich selbst also als Trash TV Liebhaberin zu bezeichnen, das wäre doch ganz schön masochistisch, oder? Was mich daran stört, diese Abgrenzung sagt fast nie etwas über ein Format an sich aus, sie verrät etwas über die Person, die diese Abgrenzung vornimmt.

Und meistens läuft es darauf hinaus, dass bestimmte Formate als Trash gelten, eben weil bestimmte Menschen sie schauen und nicht umgekehrt. Das ist n bisschen so, wie wenn jemand sagt, Fast Food sei generell minderwertig und dabei vor allem meint, dass die falschen Leute es essen, während sie übrigens samstags nachts trotzdem bei der Fast Food Kette landen. Aber Leute, macht euer Ding, ich judge euch nicht und ihr Judged bitte auch niemanden, weder für.

Seine oder ihre Essenswahl oder für das, was die Menschen im Fernsehen gucken, weißt du noch, als es total geläufig war, von Hartz 4 TV zu sprechen. Das kann man jetzt so eigentlich natürlich nicht mehr machen, weil streng genommen müsste es dann Bürgergeld TV heißen, Formate wie Hartz und herzlich werden, aber wohl auch heute noch so bezeichnend, eben weil sie bürgergeldempfängerinnen zeigen.

Aber es gab eine Zeit, da war alles trashige halt Hartz 4 TV, weil das als etwas für arme Menschen ohne Bildung angesehen wurde, auch hier wieder nicht. Meine Meinung muss mich noch mal ganz klarstellen und hier passt auch n Satz aus Anja Rützels Buch, das, wie ich leider finde, den Titel Trash TV trägt eigentlich sehr gut rein. Sie schreibt, es wird fast überall Trash gesendet. Anspruchsvolles Programm ist eine Illusion der Kritiker, die selber gerne bestimmte Programme schauen und diese per Definition für gutes Programm erklären, das trifft den Punkt ziemlich gut, finde ich.

Ich habe in meiner Recherche also unter anderem dieses Buch gelesen und da passiert in einem der 1. Kapitel, in dem es auch um die Definitionsfrage geht, etwas Interessantes. Anja Rützel findet eine rein Rezipient innenorientierte Definition unbefriedigend, stellt dann aber doch fest, dass man, um das Publikum nicht herumkommt, weil man erklären will, was als Trash gilt, weil es eben nicht das Format selbst ist, das den Begriff bestimmt, sondern eben, wer es schaut. Und das wiederum sagt dann halt mehr über gesellschaftliche Klassenbilder als über Fernsehästhetik aus. Und der Medienwissenschaftler Thomas Veitz, den Ritzel zitiert, sagt dazu etwas sehr spannendes, der Begriff Unterschichtenfernsehen.

Und ich habe beim Lesen gemerkt, wie viele dieser Begriffe ich eigentlich verdrängt hatte. Da wären zum Beispiel Assi TV, Berieselungsfernsehen, Verblödungsfernsehen, Affektfernsehen, Titty, Tainment und so weiter aber er schreibt, der Begriff Unterschichten Fernsehen ist kein Ausrutscher und kein Problem, das es zu lösen gilt, es ist eine gesellschaftliche Konstruktion und.

Eine, die dazu dient, eine bestimmte Gruppe von Menschen auszugrenzen und sich als anständige Bürgerinnen von ihr abzusetzen. Und das ist halt einfach klassismus. Das ist übrigens ganz ähnlich wie die immer wiederkehrende Kritik, die ich an dem Normbegriff hier im Podcast immer wieder anspreche, das jetzt auszuführen würde den Rahmen sprengen, aber ich kann dazu Rebecca Endlars Buch Witches Bitches it Girls sehr empfehlen, falls du dich da mal reinlesen willst besonders.

Um den Begriff der Normalität geht es in Kapitel 1. Kampfzone Normalität. Ein ganz passender Moment zu dem Thema begegnete er mir erst gerade, als ich endlich dieses schreckliche Dschungelstable hinter mich bringen konnte. Beim Nachspiel sagte Moderatorin Sonja Zietlow sinngemäß, Dieses ganze Reality, so was gucke ich ja nicht, um sich davon abzugrenzen und klarzumachen, das Dschungelcamp, das ist natürlich etwas ganz anderes, das ist High Class Entertainment. Sonja Zietlow moderiert seit 2004 das Dschungelcamp, also seit über 20 Jahren.

Aber auch ihre Karriere davor können wir uns mal anschauen, die ist in dem Kontext nämlich wirklich spannend. Sonja wurde entdeckt als Kandidatin bei der Sat. 1 Kuppelshow Herz ist Trumpf, moderierte dann die Kindersendung Bimbambino, hatte in der großen Zeit der Talkshows ihre eigene Show namens wie auch sonst Sonja und dazu habe ich hier einen kleinen Auszug aus den Themen Hilfe.

Mein Kind schlägt mich, mein Busen macht die Welt verrückt. Hausfrauen sind faul. Bei deinem Anblick wird mir schlecht, deine Kneipe ist dir wichtiger als unsere Beziehung. Sonja, hilf mir, ich habe keine Freunde, ihr seid doch der Abschaum unserer Gesellschaft, ändere dich oder es ist aus Mama, gib es zu, du hast mich nie geliebt, alle warnen mich vor meinem Freund sag mir kann ich ihm vertrauen. 2011 moderierte Sonja die Eröffnungsshow von Big Brother, The Secret 2018 Stars im Spiegel, Sag mir, wie ich bin, wo Hochkaräter wie Michael Wendler oder Thorsten Legat beweisen sollten, wie gut sie ihre eigene Außenwirkung einschätzen können. 2019 moderierte Sonja die Gameshow Wild im Wald, die mir heute erst auf RTL Plus angepriesen wurde,

in der Paare in Tierkostüm Outdoor Parkoure bewältigen mussten. Muss übrigens noch jemand an das Sommerhaus der Stars oder fast jeder andere Reality Show denken? Seit 2023 moderiert sie die deutsche Version von die Verräter und trotzdem Reality TV schaut Sonja nicht und hat sie gar nichts mit zu tun, das ist der Abgrenzungsmechanismus in Reinform und ich sage das nicht, um Sonja Zietlow zu bashen, auch wenn ich dafür gerade viele Gründe aufzählen könnte, aber nee, nicht falsch verstehen, gebasht wird hier nicht nur fundiert kritisiert.

Ich sage das, weil es ein so perfektes Beispiel dafür ist, wie tief diese Logik sitzt, wenn jemand die seit über 20 Jahren Dschungelcamp moderiert, wo sie die Abgrenzung gegenüber den Kandidatinnen in ihren Moderationen ja bereits mehr als offensichtlich macht. Wenn die sagt, so was gucke ich nicht, dann wissen wir, dass es bei dieser Abgrenzung nie wirklich um den Inhalt geht, sondern immer nur darum, wer man sein will. Apropos Abgrenzung innerhalb der Reality Welt selbst. Selbst Vary Reality TV grundsätzlich okay findet oder sogar daran teilnimmt, zieht irgendwann eine Linie und oft fällt dann das Wort Bumsformate, also Formate, bei denen Sex, Nacktheit oder körperliche Anziehung, vielleicht sogar Party, denn da wird ja auch oft

gebumst das zentrale Versprechen sind Love Island to a to handle, Temptation Island, Germany Shore, das wird dann noch mal anders bewertet als normales Reality TV, als wäre der moralische Abstand zu diesen Formaten ein Zeichen von gutem Geschmack. Was natürlich auch nur eine weitere Stufe derselben Abgrenzungslogik ist.

Reality TV schaut man nicht, aber bumsformate erst recht nicht. Und doch kommen immer wieder neue Staffeln und bringen immer neue Reality Stars hervor. Allgemein ist die Frage, wer schaut eigentlich und welche Rolle übernimmt die Zuschauerinnenschaft beim Reality TV. Ein Thema für eine spätere Folge. Heute reicht mir festzuhalten, ich spreche von Reality TV, nicht weil das ein perfekter Begriff ist. Das ist er nicht, aber er hat zumindest den Anspruch zu beschreiben statt zu bewerten, worüber reden wir also die kurze Antwort lautet, Niemand weiß es genau und das macht das ganze ja noch mal besonders interessant, es gibt keine einheitliche akademische Definition vom Reality TV Begriff. Es gibt auch keine Definition

innerhalb der Industrie selbst, die alle teilen. Es gibt nicht mal eine Alltagsdefinition, die Konsistenz benutzt wird, Reality TV ist, und das klingt erst mal wie eine Ausrede, aber es ist tatsächlich die präziseste Beschreibung, weniger ein Genre als ein Container der Dokumentation, Gameshow, Talkshow, Soap und Melodrama in sich aufnimmt und neu zusammensetzt, ein Auffangbecken für alles, was irgendwie mit echten Menschen zu tun hat, die nicht schauspielern oder zumindest so tun, als würden sie es nicht tun. Das Marium Webstar Wörterbuch definiert Reality TV pragmatisch als Fernsehen, das echte Menschen in echten oder konstruierten Situationen zeigt, also praktisch alles, in dem jemand auftritt, der oder die

kein oder keine ausgebildete Schauspielerin ist. Das wird natürlich mit dem Fortschreiten der Formate verkompliziert, wenn wir immer mehr Kandidatinnen haben, die tatsächlich Schauspielerinnen sind, ob nun ausgebildet oder nicht und jetzt auch mal ein bisschen Reality Luft schnuppern wollen, aber das nur als Randnotiz.

Die Definition ist so weit gefasst, dass die Formate wie das perfekte Dinner genauso einschließt wie Germany Shore die Verräter genauso wie Frauentausch oder Bauer sucht Frau und ja, damit auch Formate, die sich Selbstwahrscheinlich nie als Reality TV bezeichnen würden, was wiederum zeigt, dass der Begriff weniger eine Beschreibung ist als ein Etikett, das je nach Kontext entweder stolz getragen oder halt auch empört abgelehnt wird. Der Medienwissenschaftler Jonathan Bignell hat es so formuliert.

Reality TV lässt sich nur verstehen, wenn man es mit etwas anderem verbindet. Es ist also ein situiertes Phänomen, immer abhängig von Kontext, Publikum, Kultur. Das klingt jetzt erstmal abstrakt, aber es erklärt, warum dieselbe Sendung für verschiedene Menschen völlig verschiedene Dinge bedeutet, und darum ist es auch so schwer, eine Definition zu finden, die für alle stimmt.

Der deutsche Medienwissenschaftler Jürgen Grimm versucht es etwas präziser und beschreibt Reality TV als Programm, das den Alltag in Ausnahmesituationen zeigt, nicht die Wirklichkeit als Ganzes, sondern den Moment, in dem die Alltagsroutine bricht. Hochzeit, Krankheit, Konflikt, Katastrophe, das Außergewöhnliche als Normalzustand, was klingt wie eine nüchterne akademische Definition, beschreibt aber eigentlich ziemlich gut, warum wir nicht aufhören können zuzuschauen, wir alle wissen, dass das Leben meistens ziemlich unspektakulär ist und.

Und Reality TV liefert uns in komprimierter Form genau die Dramatik, die in unserem Alltag absolut abwesend ist. Das hoffe ich zumindest, denn wie oft trennen du und dein Partner sich für 2 Wochen, um in einer Villa voller Verführerinnen zu eskalieren und sich dann regelmäßig bei moderierten Lagerfeuern die schlimmsten Szenen der jeweils anderen anzuschauen? Na ja, zurück zu den wissenschaftlichen Definitionen, Angela Kepler macht eine nützliche Unterscheidung, die ich für spätere Folgen im Kopf behalten möchte. Sie trennt zwischen Narrativem Reality TV, also Formaten, die echte Ereignisse nachstellen oder dokumentieren, und Performativem Reality TV, also Formaten, die eine Bühne schaffen, in der direkt in den

Alltag eingegriffen wird. Das erklärt, warum die unterschiedlichsten Formate unter die Kategorie Reality TV fallen, aber völlig verschieden funktionieren und warum wir bei dem einen Weinen und bei dem anderen die Hände vors Gesicht halten. Okay ich gebe zu, ich kann bei den meisten Tomaten weinen und genauso die Hände vors Gesicht schlagen, aber das ist vielleicht meine persönliche Herangehensweise. Ein weiterer Aspekt, um den wir nicht umhinkommen, ist natürlich die Selbstdarstellung Reality TV Teilnehmerinnen befinden sich in einer ziemlich einzigartigen Situation, sie performen sich selbst, sie sind keine Figur, sie spielen keine Rolle, so zumindest die Theorie und gleichzeitig sind sie natürlich beides.

Gary Carter, ein Fernsehproduzent, hat das 2013 sehr gut auf den Punkt gebracht. Er sagt, wir unterschätzen, was für eine Revolution es ist, sich selbst zu performen. Big Brother zum Beispiel wurde ursprünglich als soziales Experiment vermarktet, die Kandidatinnen selbst riefen allerdings, das ist doch nur eine Gameshow, Warum das so treffend ist? Weil Reality TV immer beides ist. Experiment und Show, echt und inszeniert, sozial und kommerziell.

Und weil genau diese Spannung das Genre so schwer greifbar macht und so schwer loszulassen. Und es ist auch so treffend, weil genau diese Spannung das Genre so schwer greifbar macht und so schwer loszulassen, was die Formate trotz aller Unterschiede gemeinsam haben, sie erscheinen regelmäßig, sie erzeugen mehr oder weniger Kontinuität, sie forcieren Situationen durch Auswahl von Menschen, Orten und Umständen, und sie betonen dabei immer. Hier ist alles echt.

Kein Drehbuch, keine Schauspielerinnen, einfach das Leben, wie es ist. Das ist real. Das ist kein Fake, und da sind wir wieder an dem Punkt, der in den letzten Jahren auch immer wichtiger zu werden scheint in der Reality Bubble. Diesen Satz möchte ich gedanklich anpinnen, weil er so wichtig ist und die dargestellte Wirklichkeit dieser Formate ist nicht die Realität, sondern eben nur Reality, und die beiden werden alleine durch ihre Umstände niemals ein und dasselbe sein können.

Noch ein Gedanke dazu, der in meiner Recherche immer wieder aufkam. Reality TV wird öfter diskutiert, als es geschaut wird. Das finde ich auch so interessant im Austausch mit vielen Menschen, die ganz genau Bescheid wissen über das, was im Reality TV abgeht, aber die Formate gar nicht wirklich schauen. Das liegt zum Teil natürlich auch daran, dass es im Internet kaum ein dran vorbeikommen gibt und es halt auch viele Creator innen gibt, die die Inhalte aufarbeiten und dadurch selbst unterhaltsamen Content zu kreieren, das erzeugt dann noch mal eine ganz besondere Metaebene und. Die Medienwissenschaftlerin Annett Hill hat das in ihrem Buch Reality TV sehr treffend beobachtet. Man muss Reality TV gar nicht

schauen, um eine Meinung dazu zu haben, und das ist eigentlich ziemlich bezeichnend, es sagt etwas darüber, wie tief das Genre in unserem kulturellen Bewusstsein verankert ist, als Projektionsfläche, als Gesprächsstoff, als Symbol für alles, was an der modernen Medienlandschaft falsch läuft, oder richtig, also je nachdem, wen man fragt.

Hill übrigens bereits im Jahr 2015, als ich selbst noch nicht so sehr drin war in der Reality Welt, beschreibt außerdem ein Paradox, das ich auch sehr gut kenne. Sie nennt es Format Fatigue, einerseits das Gefühl, dass alles schon da war, dass das Genre sich erschöpft hat, dass man das alles nicht mehr sehen kann, und andererseits ist Reality TV immer noch Zeitgeist und kreiert immer noch genau diesen unbezahlbaren Moment, eben das, worüber alle reden.

Das Genre macht es besser als Jesus. Der ist nur einmal auferstanden. Reality TV schafft es immer wieder, es stirbt ständig und kommt ständig wieder, weil es sich immer wieder neu erfindet oder zumindest neue Verpackungen für alte Mechanismen findet. Und Weinen fließt übrigens auch oft. Hills Forschung ist dabei besonders wertvoll, weil sie nicht nur Theorien aufstellt, sondern tatsächlich mit Menschen spricht.

In ihrem Buch kommen also unterschiedlichste Menschen zu Wort, die vielleicht auf den ersten Blick rein gar nichts mit Reality TV zu tun haben, aber trotzdem eine Meinung dazu haben. Und diese Variabilität spiegelt eigentlich genau das Wider, was das Genre ausmacht. Reality TV bedeutet für verschiedene Menschen in verschiedenen Kontexten vollkommen unterschiedliche Dinge, es gibt nicht die eine Reality TV Erfahrung, es gibt Millionen davon und noch was, bevor wir weitergehen, weil ich das wirklich faszinierend finde. Reality TV hat in den Neunzigern nicht nur ein neues Genre erfunden, es hat die Beziehung zwischen Fernsehen und Publikum grundlegend verändert.

Vorher hat Fernsehen zu uns gesprochen, dann fing es an mit uns zu interagieren, plötzlich konnte man abstimmen, wer bleibt oder rausfliegt, online kommentieren auf Tik tok seine eigene Theorie posten, warum Kandidatin X jetzt manipuliert wird man konnte einen Podcast machen, indem man einzelne Formate oder vielleicht das ganze Reality Universum auseinandernimmt, das Publikum ist wurde zu mit Produzentinnen und das hat das Genre in eine Richtung getrieben, die wir bis heute spüren. Mehr Eskalation, mehr Emotion, mehr von dem, worüber geredet wird, weil im Gespräch zu sein, ist das eigentliche ultimative Ziel, die Geschichte von Reality TV ist, wie sollte es auch anders sein, übrigens auch eine

Geschichte von Opportunismus. Reality TV ist in einem sich verändernden internationalen Medienmarkt entstanden. Als Experiment in gemischten Genres, als günstige Alternative zu teuren Produktionen, als Möglichkeit, gewöhnliche Menschen als Unterhaltung zu inszenieren. Und das kam genau in dem richtigen Moment, als die Branche, wie eben schon erklärt, vom traditionellen Modell des Sprechens zu seinem Publikum zum kommerziellen Modell des Interagierens mit ihm wechselte und als Träger von Ideen und Werten geht Reality TV weit über Unterhaltung hinaus als.

Raymond Boil und Lisa Kelly analysieren zum Beispiel Formate wie The Apprentice als Teil größerer politischer und wirtschaftlicher Veränderungen, der Celebrity Unternehmer als kulturelles Konzept, das weit über das Fernsehen hinausgeht. Das wird besonders relevant, wenn wir uns die aktuelle politische Lage in den USA genauer anschauen, Spoiler, Reality TV und Politik sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man denken würde. Jetzt kannst du natürlich sagen Okepia, das ist ne interessante Definitionsdebatte, aber wen interessiert das außerhalb eines Uni seminars mich denn ich geh schon ne ganze Weile nicht mehr zur Uni und will da auch gar nicht mehr hin und dich hoffentlich auch, denn die Frage

wer entscheidet was Reality TV ist und was nicht hat sehr konkrete Konsequenzen für echte Menschen. Das Ganze ist nicht einfach irgendein akademisches Blabla, das außerhalb des wissenschaftlichen Kontext da niemanden mehr weiter interessiert. Reality TV wird ja erst zum wissenschaftlichen Gegenstand, weil es kulturell und gesellschaftlich so aufgeladen ist. In den USA hat die Fernsehindustrie Reality TV bewusst als Uncripted kategorisiert. Kein Drehbuch, keine Autorinnen, keine Schauspielerinnen, also keine Gewerkschaft.

Die Writers gilt of America, die Gewerkschaft der Drehbuchautorinnen und die Screen Actors gilt, die Gewerkschaft der Schauspielerinnen gelten lange nicht für Reality Produktionen. Die Begründung war so simpel wie effektiv. Wenn es kein Skript gibt, gibt es keine Autorinnen, wenn es keine Schauspielerinnen gibt, gibt es keine Darstellerinnen im rechtlichen Sinne und wenn es keine von beiden gibt, greift der Gewerkschaftsschutz nicht.

Das ist übrigens kein Zufall und auch nicht irgendwie nur ein Nebeneffekt, Es hat eine Funktion in einer späteren Folge werden wir uns genauer anschauen, wie Reality TV in den USA explodiert ist, als Hollywood Autorinnen 2007 in den Streik getreten sind. Sender haben damals einfach auf Reality Produktionen umgeschwenkt, weil die weiterdrehen konnten. Kein Streikbruch im rechtlichen Sinne, weil Reality TV ja kein richtiges Fernsehen war, zumindest laut Industriedefinition.

In Deutschland ist es ähnlich, nur weniger öffentlich diskutiert, Reality Teilnehmerinnen gelten nicht als Arbeitnehmerinnen, sondern als Vertragspartnerinnen, die bekommen keine Festanstellung, auch wenn man das bei manchen fast meiden könnte, sondern werden für ein bestimmtes Format gebucht und erhalten dafür einen Vertrag.

Gewerkschaftlicher Schutz durch Verdi oder den Bundesverband Schauspiel greift in der Regel nicht, was Produktion ihren Teilnehmerinnen Schulden an Betreuung, an fairer Bezahlung, an psychosozialer Nachsorge liegt weitestgehend im Ermessen der Produktion selbst und natürlich auch am Verhandlungsgeschick der Teilnehmerinnen oder ihres Managements und Verschiedenheitsverträge sorgen dafür, dass wir von den Bedingungen und dem, was für ein ab der gesendeten Folgen geschieht, meist nichts erfahren. Was wir wissen, wissen wir meistens, weil jemand den Mut hatte, trotzdem zu reden oder weil es sehr hartnäckige Journalistinnen gab.

Die Definition von Reality TV entscheidet also darüber, wer geschützt wird und wer nicht, und das ist der Grund, warum ich die Frage auch so ernst nehme. Zum Schluss noch ein Gedanke, der für mich eigentlich alles auf den Punkt bringt. Annette Hill hat, wie bereits erwähnt, in ihrer Forschung Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen zu Reality TV befragt und eine Person 134 Jahre alter männlicher Mobiltelefonverkäufer hat Folgendes gesagt. Wir erzeugen die Nachfrage, wir liefern die Rechtfertigung, wir schaffen den Erfolg und damit die Kontinuität, wir können Ihnen also den Macher in der Shows also nicht vorwerfen, dass sie uns das geben, was wir wollen. Das ist hier also kein

Akademiker oder Show Macher, der das sagt. Das ist jemand, der einfach über sein eigenes Konsumvorhalten nachdenkt und ich finde das bemerkenswert ehrlich, das Publikum Co kreiert also Reality TV. Wir entscheiden durch Einschalten, durch Kommentieren, durch Teilen was weiterläuft und was nicht, das macht uns jetzt nicht verantwortlich für alles was passiert, aber es macht uns zu einem Teil des Systems und ich finde das wichtig das zu benennen. Nicht als Schuldzuweisung, vielmehr als Einladung, genauer hinzuschauen.

Und damit meine ich nicht nur bei den anderen, sondern auch einfach mal bei sich selbst. Warum schauen wir also eigentlich zu? Das ist eine Frage, die ich im Deep Dive wahrscheinlich immer wieder stellen werde, heute reicht erstmal die Antwort, weil Reality TV uns etwas gibt, das andere Formate uns nicht geben können.

Was genau das ist, dazu mehr in den kommenden Folgen. Du siehst also den Begriff Reality TV eindeutig zu definieren. Ist kaum möglich, einfach weil es so individuell ist. Und da man das einfach so schwer definieren kann, würde mich interessieren, wie du ganz persönlich Reality TV für dich definierst.

Schreibs mir in die Kommentare. Ich bin ganz gespannt auf unseren Austausch in der nächsten Folge tauchen wir dann in die Geschichte vom Reality TV ein. Wo kommt das alles her, was musste passieren, damit Reality TV so werden konnte wie es heute ist? Und warum ist auch das kein Zufall? Wenn du sonst noch Gedanken hast, Ergänzungen oder bestimmte Formate in den Topf werfen willst oder einfach mal was Liebes sagen willst, ich freue mich über deine Nachricht.

Am besten erreichst du uns bei Instagram unter Reality TV Check lass uns auch gerne auf der Plattform, auf der du diesen Podcast hörst, eine 5 Sterne Bewertung dar und folg uns um keine Folge zu verpassen. Wir hören uns dann am Donnerstag zu meiner Besprechung von Promis unter Palmen Folge 3 dann wieder gemeinsam mit Laura, ich danke Dir fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

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