
#275 - Deep Dive #3 - Wie sind wir eigentlich hier gelandet?
Sonntag, 8. März 2026 · 51 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
In dieser Folge frage ich: Wie sind wir eigentlich bei Reality TV gelandet? Dafür gehe ich weit zurück – bis ins Jahr 1810 – und verfolge den roten Faden von Hagenbecks Menschenzoos über die technische Revolution der portablen Kamera, den Quiz Show Skandal der 1950er, die ersten Familiendokumentationen der 1970er und die großen europäischen Exportformate der späten 1990er bis hin zu dem Moment, in dem Reality TV aufhört, eine Notlösung zu sein – und zur Antwort wird. Eine Folge über Technik, Geld, Ausbeutung, echte Menschen vor der Kamera – und eine sehralte menschliche Neugier, die sich bis heute nicht verändert hat.
Bewegtbild:
Sara Baartman & Menschenzoos
⚠️ Triggerwarnung: Der NDR-Beitrag zeigt historische Werbematerialien mit explizitem Rassismus sowie sexistische und rassistische Schilderungen der Behandlung von Menschen in Hagenbecks Menschenzoos.
• Hagenbeck und die Menschenzoos (NDR Panorama, 2022) (ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/202…)
• Sara Baartman – Dokumentation (youtube.com/watch?v=9Zpx0rnVRn0)
Die technische Revolution
• Primary (1960) – Robert Drews bahnbrechender Dokumentarfilm über Kennedys Wahlkampf (youtube.com/watch?v=wLkT7z0C5Bc)
Candid Camera & der Quiz Show Scandal
• Candid Camera – Originalclips (youtube.com/watch?v=iAEyZpg2EJE)
• Twenty-One – Clips aus der Quizshow im Zentrum des Skandals (youtube.com/watch?v=CVnGLks--oA)
Dokumentarfilm-Tradition
⚠️ Triggerwarnung: Titicut Follies zeigt Menschen in einer psychiatrischen Strafanstalt unter würdelosen Bedingungen – das sind keine leichten Bilder.
• Titicut Follies (1967) – Frederick Wisemans verbotener Dokumentarfilm (youtube.com/watch?v=lY4eHaiVK9s&list=PLuTJ…)
Die Pioniersendungen
• An American Family – Folge 1 (PBS, 1973) (youtube.com/watch?v=wg6I61R6MlY)
• The Family – Komplette Playlist (BBC, 1974) (youtube.com/watch?v=hYXIuLUDftA&list=PLqfU…)
• Die Fußbroichs – Ein Kinderzimmer (1979, der erste Film) (youtube.com/watch?v=HBnlKt2c27w)
• Die Fußbroichs – Komplette Playlist (youtube.com/watch?v=fVBZeYOPOVk&list=PLx7X…)
Europa exportiert Reality TV
• Expedition Robinson – Erste Staffel (SVT, 1997) (youtube.com/watch?v=5E-ZCvLf8HY&list=PLC31…)
• Big Brother Niederlande – Erste Staffel (Veronica, 1999) (youtube.com/watch?v=eumzMg-BwPw&list=PL4BC…)
Die wirtschaftliche Logik
• COPS – Folge 1 (Fox, 1989) (youtube.com/watch?v=vbxmwPKpcQg)
📖 Literatur & weiterführende Quellen
Völkerschauen & Sideshows
• Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer" Menschen in Deutschland 1870–1940 (2005)
• Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt (1989) – erste Monographie zu Hagenbecks Völkerschauen
• Pascal Blanchard u.a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit (2012)
• Eric Ames: Carl Hagenbeck's Empire of Entertainments (2009)
• Robert Bogdan: Freak Show (1988) – Standardwerk zu amerikanischen Freakshows
• Rachel Adams: Sideshow U.S.A. (2001)
Sara Baartman
• Rachel Holmes: The Hottentot Venus. The life and death of Saartjie Baartman (Bloomsbury, 2007)
• Clifton Crais / Pamela Scully: Sara Baartman and the Hottentot Venus (Princeton UP, 2009)
Kawesqar-Schau 1881/82
• Gabriele Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos (1996)
• segu-Geschichte Modul „Menschenzoo der Feuerländer" (segu-geschichte.de/menschenzoo)
Dokumentarfilm & Direct Cinema
• Stephen Mamber: Cinema Verite in America (1974)
• P.J. O'Connell: Robert Drew and the Development of Cinéma Vérité in America (1992)
An American Family
• Jeffrey Ruoff: An American Family: A Televised Life (University of Minnesota Press, 2002)
• Podcast: The Loud Family – UnShattered (2024) (open.spotify.com/show/6ojL1hxSkL0OInpnqsgyuO?s…)
Ich freue mich über Nachrichten auf Instagram (instagram.com/reality.tv.check?igsh=MXZ1cHhzcG…) 💌 und wenn du mir einen Kaffee spendierst (ko-fi.com/realitytvcheck) ☕️
Wenn dir mein Podcast gefällt, freuen ich mich sehr, wenn du ein Abo und eine Bewertung da lässt!
Möchtest du mit mir zusammenarbeiten? Für Kooperationen, Werbung und kreative Partnerschaften erreichst du mich per Mail unter realitytvcheckpodcast@gmail.com 📩
Titelmusik: yourtunes über Pond5 / Titelmusik DeepDive: INPLUSMUSIC über pixabay
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Hi, ich bin Pia und das ist der Reality TV Check Deepdive hier gehe ich tiefer als unsere gewöhnlichen folgen es erlauben und schaue mir die Geschichte, die Strukturen und die Menschen hinter Reality TV an. Wir befinden uns in Folge 3 vom Deepdive und heute schaue ich mir an, wie sind wir eigentlich hier gelandet. Woher kommt Reality TV und was hat das mit einem Hamburger Tierhändler, einer südafrikanischen Frau in London, der technischen Weiterentwicklung von Kameras und dem Bruder von Linda de Mol zu tun? Schön, dass du da bist, bevor ich anfange, eine Triggerwarnung diese Folge enthält historische Begriffe, die rassistisch und abwertend sind, ich werde sie nennen, weil sie Teil der Geschichte sind, die ich
erzähle, und weil ich glaube, dass es wichtig ist zu verstehen, mit welcher Sprache diese Ausbeutung legitimiert wurde. Ich distanziere mich ausdrücklich von diesen Begriffen. Ich sage das auch als weiße Frau, die sich bewusst ist, dass ich über Erfahrungen spreche, die nicht meine sind, und das ist einen Unterschied macht, wer diese Geschichte erzählt und wie ich versuche, das so sorgfältig wie möglich zu tun, aber ich bin nicht die letzte Instanz dafür, über Anregungen und Feedback dazu in den Kommentaren oder per DM auf Instagram freue ich mich und jetzt tauchen wir ein, es ist das Jahr 1874 wir befinden uns in Hamburg. Stell dir deinen Alltag dort so vor. Du arbeitest 6 Tage die Woche,
du kennst deine Straße, dein Viertel, vielleicht noch den Hafen. Doch die große weite Welt jenseits davon, du weißt nichts darüber, du hast keine Fotos davon gesehen, keine Filme, keine Reportagen, Zeitungen gibt es zwar, aber die meisten Menschen in deinem Umfeld lesen Sie nicht oder können es ganz einfach nicht und dann siehst du eines Tages ein Plakat auf der Straße.
Karl Hagenbeck, ein Mann, der sonst Löwen und Elefanten importiert, lädt ein. Doch dieses Mal werden keine Tiere zur Schau gestellt, sondern Menschen, Menschen aus Lappland mit Rentieren in ihrer für sie gewöhnlichen Kleidung, ihren Werkzeugen, einfach in ihrem Alltag in Hamburg zum Anfassen nah. Natürlich gehst du hin, denn das klingt nach einer einmaligen Chance, mal wenigstens irgendwie etwas von der Welt zu sehen. Was dir dort präsentiert wird, sind eine Gruppe Samen, ein indigenes Volk aus dem hohen Norden Skandinaviens, die scheinbar auf einer Art Freiluftbühne ihr Leben leben. Sie kochen, reparieren Ihre Ausrüstung, schlafen und du kannst für 50 Pfennig zuschauen, 50 Pfennig, das wären heute ungefähr 4€ für eine Reise in
eine dir ganz unbekannte Welt und das Merkwürdige ist, es fühlt sich nicht wie eine Show an, es fühlt sich echt an. Das ist natürlich genau das, was Karl Hagenbeck will. Aber ich will kurz dabei bleiben, was hier tatsächlich passiert, weil die harmlose Fassade dieser Geschichte ist ziemlich trügerisch, das Phänomen ist tatsächlich älter als Hagenbeck, viel älter gehen wir über 60 Jahre zurück ins Jahr 1810 in London, eine junge Call coi Frau aus Südafrika namens Sarah Zaki Bartman wird von einem britischen Arzt und einem südafrikanischen Händler nach England verschleppt.
Sie ist unter dem Spitznamen Saki bekannt. Das ist die Verniedlichung ihres Namens Sarah, aber ich werde sie bei ihrem richtigen Namen nennen, da die Verniedlichung ihres Namens bereits Teil Ihrer Abwertung ist. Sie wird also verschleppt unter dem Versprechen, sie werde als Hausangestellte arbeiten und am Gewinn beteiligt.
Beides ist gelogen, was tatsächlich passiert, Sarah wird in der Agyption Hall, einer Ausstellungshalle am Piccadilly Circus, zur Schau gestellt, ihr Bühnenname lautet die Hottentotten Venus. Das ist eine doppelte Demütigung, denn Hottentotten war die abwertende Kolonialbezeichnung für ihr Volk, die koi, Koi und Venus, die römische Göttin der Liebe und Schönheit.
Das war kein Kompliment, es war ein Witz, auf ihre Kosten, eine Venus, aber eben nur eine Hottentotten Venus Sarah Bartmann wird ausgestellt, weil europäische Männer rassistische Neugier auf den Körper schwarzer Frauen haben, und weil diese Neugier sich sehr gut vermarkten lässt, ganz einfach formuliert.
Sarahs Gesäß ist für europäische Augen ungewöhnlich groß. Sie wird nicht präsentiert als Mensch, sondern als Kuriosität, als Beweis für die vermeintliche Andersartigkeit. Primitivität, die Unterlegenheit nicht weißer Menschen, britische Abolutionisten, also Menschen, die primär die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels anstrebten, Klagen gegen ihre Ausstellung, der Fall geht vor Gericht, Sarah sagt aus, sie sei freiwillig hier, was angesichts der Umstände eine unter Druck erzwungene Aussage gewesen sein dürfte.
Das Gericht glaubt ihr oder tut zumindest so. Sarah Bartman sprach niederländisch und etwas Englisch, sie war also nicht schutzlos sprachlos, aber sie hatte keinen Anwalt und ihre Aussage wurde in einem System gemacht, das strukturell gegen sie arbeitete. So war es die einfachste Lösung für alle Beteiligten, außer eben für sie selbst. Die Schau läuft weiter, 1815 stirbt Sarah Bartman in Paris gerade einmal 26 Jahre alt.
Teile ihres Körpers werden noch bis 1974 in einem Pariser Museum ausgestellt. 2002 werden ihre sterblichen Überreste nach Südafrika zurückgeführt. Wenn du noch ein bisschen mehr über Sarah erfahren möchtest, findest du in den Shownotes ein kurzes Video zu ihrer Geschichte, dann rund 30 Jahre später in New York Peety Barnim eröffnet 1841 sein American Museum am Broadway. Arnem ist heute vor allem bekannt durch den Film The Greatest Showman von 2017.
Das ist ein glitzerndes Musical, das seine Geschichte als Geschichte eines visionären Entertainers erzählt. Was der Film dabei weitgehend ausblendet, die Menschen, die er ausgestellt hat, das American Museum, ist nämlich ein kombinierter Zoo, Wachsfiguren, Kabinett, Theater und ganz offiziell auch eine Freakshow. Freakshows das waren Aufführungen, bei denen Menschen mit körperlichen Besonderheiten, Behinderungen oder aus kolonisierten Gebieten gegen Eintritt zur Schau gestellt wurden.
Der Begriff Freak war dabei erstmal keine Selbstbezeichnung, sondern wurde von außen aufgezwungen. Dazu muss ich jetzt auch kurz einwerfen, weil ich habe 2017 meine Bachelorarbeit im Fach Amerikanistik über Freakshows geschrieben. Das ist also ein Thema, mit dem ich mich intensiv befasst habe. Täglich kommen bis zu 15000 Besucherinnen in Barnims American Museum Barnim ist kein Entdecker, sondern Unternehmer, er hat rotierende Wanderschauen, sogenannte Side Shows, durch ganz Amerika aufgebaut, die mit besonderen Menschen touren, also die, die ich eben genannt habe.
Menschen, die barnem Kuriositäten nennt und Barnem, versteht etwas, das die Unterhaltungsbranche bis heute beschäftigt. Das Publikum will nicht nur Außergewöhnliches sehen, es will sich überhaupt nicht sicher sein, ob das, was sie geboten bekommen, echt ist. Barnem bewirkt seine Exponate mal als echt, mal als Fälschung und die Leute kommen in beiden Fällen, denn der Zweifel ist das Produkt. Die Zeitung Punch prägt 1847 eigens einen Begriff für diese gesellschaftliche Besessenheit.
Sie nennt es The for me Tomania, und das ist die Welt, in die Karl Hagenbeck 1874 seine Völkerschau stellt. Kein Einzelfall, sondern Teil einer langen transatlantischen und zutiefst widerlichen Tradition der Schaustellung in den nächsten Jahrzehnten touren Hunderte solcher schauen durch Europa. Zur Schau gestellt werden beispielsweise Inuit, Lakota, Nubir, Sinalesen, eine Gruppe KURK, ein indigenes Volk, das als Sinomaden in den Fjorden Patagoniens lebte, kommt 1881 nach Paris.
In 6 Wochen kommen eine halbe 1000000 Menschen, um sie zu sehen, aber was hier wirklich passiert, das wird da außer 8 gelassen. Diese 11 Menschen 4 Männer, 4 Frauen und 3 Kinder, wurden in ihrer Heimat abgefangen und unter Umgehung chilenischer Behörden nach Europa verschleppt. Sie wurden in Zoogehegen ausgestellt, in Innenräumen und auf Bühnen präsentiert als die Wilden von den Feuerlandsinseln, als Kannibalen, als Urmenschen auf der untersten Stufe der Rassenhierarchie das alles sind wörtliche Zitate aus damaligen Zeitungen und wissenschaftlichen Vorträgen. Von den 11 verschleppten Menschen starben mindestens 6 während der Tournee, die meisten davon in Zürich. An Krankheiten durch schlechte
Unterkünfte, erschöpfende Reisebedingungen, fehlende medizinische Versorgung. Als eine Frau namens Grete, und dazu muss ich anmerken, dass das Namen waren, die sie von Ihren. Ich nenne es mal Haltern gegeben bekommen hatten, denn die haben sich nicht für ihre echten Namen interessiert. Als Grete auf dem Weg nach Zürich stirbt, schreibt die lokale Zeitung die Limmert selbstverständlich finden die Ausstellungen doch statt, da ein solcher Fall keinen Anlass zu besonders großer Trauer gäbe. Die Schau lief also weiter.
Gerätes Kind musst du trotz des Todes seiner Mutter noch am selben Abend auf die Bühne. Interessierst du dich für etwas tiefergehende Infos zu hagenbecks menschenfeindlichen Traditionen, die sich bis heute auswirken, findest du in den Shownotes einen Link zu einer NDR Sendung von 2022. Dazu möchte ich allerdings auch noch mal die explizite Triggerwarnung aussprechen, dass die dort gezeigten Bilder vor allem auch die Werbung, die am Anfang eingespielt wird, heftigen Rassismus abbilden. Und die Schilderungen der Behandlung der Menschen in Hagenbecks Zoo sowohl hochgradig rassistisch wie auch sexistisch sind.
Hagenbeck selbst schrieb nach den Todesfällen der KUK an seinen Agenten, er habe sich vorgenommen, nie mehr Menschenausstellungen zu arrangieren, er wartete einige Monate und machte dann weiter, das ist also Karl Hagenbeck, der Mann, dessen Name heute noch an einer Allee in Hamburg hängt, dessen Tierpark noch immer eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadt ist. Und ich möchte hinzufügen.
Der Zoo als Institution ist selbst ein koloniales Projekt. Tiere werden aus ihren Lebensräumen gerissen, verschleppt und eingesperrt, damit ein zahlungsfähiges europäisches Publikum sie anstarren kann. Die Logik ist dieselbe, Hagenbeck hat sie nur auf Menschen ausgeweitet, Historikerinnen und Aktivistinnen fordern seit Jahren, dass der Tierpark Hagenbeck seine koloniale Geschichte aufarbeitet, bis heute verweigert das Familienunternehmen eine umfassende öffentliche Auseinandersetzung damit.
Auf Gesprächsgesuche von Froschnen antwortete der Tierpark mit Pressemitteilungen. Im Park selbst erinnert bis heute kein Hinweis an die Menschen, die dort gezeigt wurden und die dabei gestorben sind. Aber was hat es jetzt da so konkret mit Reality TV zu tun? Ich erzählte es nicht, um eine direkte moralische Gleichsetzung vorzunehmen zwischen Völkerschauen und heutigen Reality Shows, das wäre nicht nur faktisch falsch, sondern auch unfair, die Völkerschauen waren staatlich tolerierte Ausbeutung im Kontext des Kolonialismus.
Das ist also ne ganz andere Dimension, aber ich erzähle es, weil dieser Impuls, dass der Wunsch, anderen Menschen beim Leben zuzuschauen, eine unglaubliche kommerzielle Kraft hat, dass das Versprechen von Authentizität ein Verkaufsargument ist und dass die Menschen, die das Spektakel liefern sollen, dabei oft als nachrangig behandelt werden.
Das ist also kein Produkt des Fernsehens, das Fernsehen hat das alles nicht erfunden, es hat es nur adaptiert und weitergeführt, was das Fernsehen. Was Reality TV als Genre aber dazu braucht, um das weiterführen zu können, sind 2 weitere Dinge, die Technik, um Menschen wirklich umgestellt filmen zu können und die wirtschaftliche Logik, die es für Sender attraktiv macht, genau das zu tun. Beides kommt aber der Reihe nach, bevor wir über das erste Reality Format sprechen können, müssen wir kurz über ein technisches Problem reden, denn lange Zeit war das, was wir heute unter Reality TV verstehen, ganz einfach nicht möglich.
Nicht, weil das Interesse nicht vorhanden war und auch nicht wegen fehlender Ideen, sondern wegen der Physik. Eine professionelle Filmkamera in den 1950 ern war kein Gerät, das man mal eben in einen Raum trug und unauffällig in der Ecke aufstellte, sie war groß, schwer und brauchte ein Team. Und sie brauchte Licht, sehr viel Licht und sie brauchte eine Tonperson, die separat mitlief, weil Bild und Ton noch nicht synchronisiert werden konnten, ohne das gesamte Equipment aneinander zu Ketten. Spontanität war in diesem Setup ganz einfach strukturell ausgeschlossen.
Das ändert sich allerdings im Jahr 1960 und zwar gleich zweimal auf 2 verschiedenen Kontinenten, fast gleichzeitig. In New York arbeitet ein ehemaliger live Magazin Fotojournalist namens Robert Drew an einer Idee, die er schon jahrelang mit sich herumträgt. Fernsehen findet Drew ist viel zu steif, zu inszeniert, es behandelt das Publikum wie Kinder, die erklärt bekommen müssen, was sie sehen.
Was er will, ist etwas anderes. Ein Theater ohne Schauspielerinnen, Stücke ohne dramaturginnen, Berichte ohne Zusammenfassung und Meinung, die Fähigkeit, Menschen beim Leben zuzuschauen und dabei eine Art von Wahrheit zu sehen. Dabei gibt es allerdings ein erhebliches Problem, die Kamera lässt das aus bereits genannten Gründen nicht zu, also baut Josie um. Gemeinsam mit Richard Leacock, einem Kameramann und ehemaligem Kriegsfotografen, und dem Ingenieur DA Penabaker modifizieren sie eine oricon Kamera zu etwas, das vorher nicht existierte.
Eine portable 16 Millimeter Kamera mit synchronem Ton, die von 2 Personen bedient werden kann. Bild und Ton endlich synchronisiert, kein Studio, kein Stativ, kein großes Licht. Zur selben Zeit in Paris arbeiten Jean Rouge und Michel Bros. An einem iclea Prototyp einer anderen Lösung für das Problem innerhalb weniger Monate. Im selben Jahr entwickeln also 2 unabhängige Gruppen auf 2 Kontinenten dieselbe Idee.
Das ist kein Zufall, denn beide Gruppen kämpfen gegen dasselbe Problem aus demselben Antrieb, sie wollen zeigen, was ist. Und die einzige Lösung, das tun zu können, ist eine leichte Kamera. Das erste Ergebnis des Teams von Robert Drew ist Primary, ein einstündiger Film über John F. Kennedys Wahlkampf in Wisconsin im Jahr 1960 ohne Erzählstimme oder Kommentare und ohne inszenierte Interviews.
Die Kamera folgt Kennedy durch Türen, durch Menschenmassen in Hotelzimmer, die Bilder wirken nicht nur weniger gestellt. Sie wirken dadurch, dass sie einfach Unverschnörkelt zeigen. Was ist deutlich authentischer. Der Sender ABC sendet Primary im Oktober 1960 und die Reaktionen sind gespalten, KRITIKERINNEN sind begeistert, aber das große Publikum ist verwirrt, es gibt keinen Kommentar, keine Struktur und niemanden, der erklärt, was man gerade sieht. Das weicht total ab von den bisherigen Sehgewohnheiten der Zuschauerinnen eben die, die Robert Rook kritisiert hat und auflösen wollte.
Aber die Filmbranche schaut sehr genau hin, primary gewinnt Preise, wird auf Festivals gezeigt und vor allem andere Filmmachende sehen, was jetzt möglich ist. Aber diese erste Revolution löst halt nur ein Problem. Das Bild ist jetzt mobil, der Ton läuft mit 2 Leute können einen Film drehen und damit ist es lediglich ein Anfang, was die Technologie noch nicht kann. Günstig sein 16 Millimeter Film kostet Geld pro Minute, denn er muss entwickelt werden, das Labor braucht Zeit zwischen Dreh und schnittligen Tage, manchmal auch eher Wochen, das ändert sich dann mit dem Videotape.
In den 1970 ern ersetzt es den Film zunächst im Nachrichtenbereich, das heißt also kein Labor mehr, kein Warten. Die Aufnahme ist sofort abspürbar, dadurch fallen die Kosten und die Flexibilität steigt. 1982 macht Sony dann einen weiteren Schritt mit der Beta Cam baut der Hersteller den Rekorder direkt in die Kamera, also eine Einheit portabel Broadcast tauglich für Außenaufnahmen gemacht. Die Beta Cam senkt die Produktionskosten massiv und macht die effiziente Produktion von sogenannten Fly on the Wall Formaten erst wirklich praktikabel. Aus der Idee, Menschen einfach beim Leben zu filmen, wird langsam ein Geschäftsmodell, das ist das Muster, dass sich durch die ganze Geschichte des Genres
zieht, immer wenn die Technik einen Sprung macht. Immer wenn Film billiger, leichter, schneller wird, folgt eine neue Welle von Formaten, die echte Menschen in echten Situationen zeigen. Nicht, weil das vorher niemand wollte, sondern einfach, weil das vorher niemand konnte. Die Tür ist also jetzt offen, jetzt kommt es darauf an, wer hindurch geht, wer in Robert Drew in New York an seiner Kamera schraubt, passiert auf der anderen Seite des amerikanischen Fernsehens etwas, das mit Dokumentarfilm eigentlich gar nichts zu tun hat, aber.
Mit den Ursprüngen von Reality TV Ganz schön viel. Alan Fund ist kein Filmemacher, er ist kein Journalist. Er ist, wenn man so will, ein gescheiterter Werbetexter, der im Zweiten Weltkrieg beim Army Signal Core, dem Medien und Kommunikationsdienst in der US Armee gelandet ist und dort eine Beobachtung macht, die nicht mehr loslässt.
Er bemerkt nämlich, dass die Soldaten, die er für Radioaufnahmen interviewt, vor laufendem Mikrofon alles andere als locker sind. Und erst entspannen, wenn er das ausschaltet. Das Gerät, das sie aufzeichnet, verändert also ihr Verhalten, das Wissen, dass sie aufgenommen werden, verändert, wie sie sich präsentieren.
Fun fragt sich also, was würde passieren, wenn sie nicht wüssten, dass sie aufgenommen werden, und diese Frage lässt ihn nicht los. Nach dem Krieg fängt er an, sie systematisch zu beantworten, zunächst mit einem Mikrofon, dann mit einer Kamera am 10. August 1948 geht Candid Camera auf dem US amerikanischen Sender ABC auf Sendung, vorher schon als Candid Mikrofon im Radio, jetzt aber auch mit Bild.
Das Prinzip ist ziemlich simpel, versteckte Kamera, echte Menschen, absurde Situationen, Briefkästen, die sprechen, Autos, die ohne Motor fahren, oft Züge, in denen alle plötzlich zur falschen Seite schauen. Und am Ende, wenn die Verwirrung auf dem Höhepunkt ist, heißt es Smile You're an Candid Camera. Das Prinzip kennst du vielleicht aus älteren deutschen TV Formaten.
Verstehen Sie Spaß? Im deutschen Fernsehen funktionierte jahrzehntelang nach exakt derselben Logik, fand hat das Grundrezept dafür erfunden, er wollte über das hinausgehen, was Menschen bloß sagten, er wollte aufzeichnen, was sie taten, ihre Gesten, Gesichtsausdrücke, Verwirrungen und Freuden. Klingt irgendwie nach Psychologie, und das ist es tatsächlich auch, denn fand hatte an der Cornell University, kurz als Forschungsassistent bei dem Sozialpsychologen Kurt Lewin gearbeitet, der Experimente über menschliches Verhalten in sozialen Situationen entwickelte. Die Kamera als Beobachtungsinstrument, das war für fand keine reine Unterhaltungsidee. Es war ein ernsthaftes Interesse an der Frage, wie verhalten sich Menschen wirklich, wenn sie sich
unbeobachtet fühlen. Zwischen 1950 und 1985 hat fand schätzungsweise über eine Millionen Menschen heimlich aufgezeichnet und nur im Bruchteil davon landete im Fernsehen nämlich genau die Szenen, bei denen die Mischung aus Verwirrung, Verlegenheit und Schlussendlichem lachen perfekt war, der Rest verschwand im Schnitt.
Und das ist n interessantes Detail, denn es zeigt auch, Candid Camera war keine rohe, ungefilterte Wirklichkeit. Die Szenen sahen einfach aus, aber sie brauchten viele Stunden Vorbereitung und auf jede gesendete Sequenz kamen etwa 50 gedrehte, die niemals jemand zu sehen bekam. Wir haben es hier also mit Realität zu tun, aber dann eben doch mit kuratierter Realität ausgewählter Realität, Realität, die so geschnitten wurde, dass sie funktioniert.
Die Formel, die hier entstanden ist, wird das Genre nicht mehr loslassen. Echte Menschen, echte Reaktionen, aber sorgfältig ausgewählt, damit das Ergebnis funktioniert. Kritiker innen warfen der Show Candid Camera von Anfang an vor, invasiv, irreführend und Ausbeuterisch zu sein. Vant antwortete darauf, indem er 1963 ein Gegenprogramm entwickelte, Pictures of People eine Show, in der die Gefilmten wussten, dass die Kamera läuft, das Format lief gerade mal ein Jahr.
Das Publikum wollte keine Transparenz, es wollte Candid Camera. Sie wollten das Gefühl von Echtheit, nicht die Echtheit selbst. Ein feiner, aber sehr entscheidender Unterschied. Aber die eigentliche Authentizitätskrise im amerikanischen Fernsehen kommt nicht von Candid Camera, sie kommt von einem Ort, an dem man sie vielleicht am wenigsten erwartet, der harmlosen Quizshow.
In den 1950 ern sind Quizshows das dominierende Prime Time Format. Millionen Amerikanerinnen sitzen vor dem Fernseher und schauen echten Menschen dabei zu, wie sie unter Druck echte Fragen beantworten. Spannung, Emotionen, menschliche Schwäche, alles live, alles Real. So zumindest die Theorie. Charles van Doran, Englischprofessor an der Columbia University und Sohn eines pulitzer Preisträgers, charmant, intellektuell, telegen, der wird in der Quizshow Twenty One zur nationalen Sensation.
Woche für Woche sitzt er in einer schallisolierten Kabine, ringt sichtbar um Antworten, wischt sich den Schweiß von der Stirn und gewinnt schlussendlich, er wirkt nicht wie jemand, der Glück hat, er wirkt wie jemand, der wirklich denkt. Jemand, dem man beim Denken zusehen kann. Danach schafft er es auch, das Cover des Time mehr gesehen, er bekommt einen Vertrag bei NBC, das US amerikanische Publikum liebt ihn, weil er das Ideal verkörpert, Bildung zahlt sich aus Wissen es macht das Fernsehen zeigt uns die Wahrheit, doch dann stellt sich heraus, wenn Dorin kannte die Fragen schon vor der Sendung, er wurde instruiert wie er seine Antworten dramatischer wirken lassen sollte, die Spannung und die Emotionen waren echt.
Aber die Grundlage, tja, die war gelogen. Bendoring gestand die Umstände seines Erfolgs 1959 vor einem Kongressausschuss, und das löste einen kulturellen Umbruch beim Vertrauen in Fernsehunterhaltung aus. Der Kongress endete als Konsequenz 1960 den Communications Act und verbot das Manipulieren von Quiz Shows und damit nicht genug, viele Sender strichen ihre Quiz Shows ersatzlos. Das Format war viel zu sehr mit dem Skandalverbrannt das Vertrauen des Publikums zu tief erschüttert. Was bleibt es?
Eine Frage, die nicht nur das amerikanische Fernsehen von da an nicht mehr los wird, wieviel von dem, was wir sehen, ist wirklich echt und wenn es es nicht ist, wollen wir das überhaupt wissen. Candid Camera hatte gezeigt, das Publikum will Echtheit, aber nur die richtige Art kuratiert und unterhaltsam mit einem guten Ende und die Quizshow Affäre hatte gezeigt, wenn die Echtheit zusammenbricht, bricht das Vertrauen gleich mit. Beide dieser Lektionen werden in den nächsten Jahrzehnten tief im Genre Reality TV eingebaut sein.
Aber noch mal zurück, wir erinnern uns 1960 2 Gruppen, 2 Kontinente, dieselbe Idee, die Technologie ist endlich da, die Kamera ist leicht, der Turm läuft mit 2 Personen können einen Film drehen, aber eine Kamera ist immer nur so gut wie die Frage, die sie stellt und in den 1900 Sechzigern stellten sich Filmemachender auf beiden Seiten des Atlantiks dieselbe Frage. Was würden wir sehen, wenn wir einfach nur schauen? Ohne Kommentar, ohne Skript und ohne Erklärung? In Frankreich nennt man das Cinema Verité Kino der Wahrheit, in den USA etwas Plakativer Direct Cinema, die Namen klingen fast ähnlich und die Bewegungen stehen wirklich fast gleichzeitig, allerdings mit einer unterschiedlichen Grundhaltung.
Der französische Filmemacher Jean Rouge sah die Kamera als Katalysator. Er stellte Fragen, mischte sich ein, provozierte Reaktionen, eben weil er glaubte, dass Wahrheit erst durch Reibung entsteht. Robert Drew, der Macher von dem Kennedy Film und seine Gruppe in New York dachten das genaue Gegenteil, sie schalteten die Kamera ein und verschwanden so weit wie möglich hinter ihr, keine Erzählerstimme, kein Kommentar, keine Erklärung, nur das, was ohnehin passiert wäre, die Kamera also als stille Zeugin. Und das ist die Idee, die alles verändert. Niemand zieht diese Idee konsequenter durch als Frederick Wiseman, der US Amerikaner Wiseman ist kein ausgebildeter Filmemacher, sondern Anwalt, er
bringt seine Jurastudenten regelmäßig als Lehrausflug ins Britwater State Hospital for the Criminally Insane in Massachusetts, eine psychiatrische Strafanstalt. Was er dort sieht, hält er für Filmwürdig also holt er sich die Erlaubnis und trägt 29 Tage lang. Anschließend schneidet er ein Jahr lang an dem Material.
Das Ergebnis daraus ist der Dokumentarfilm Titty Cut Volleys aus dem Jahr 1967 mit einer Spieldauer von 84 Minuten. Keine Musik, kein Kommentar und keine erklärenden Einblendungen. Whisemans Kamera beobachtet mit Kühler und klinischer Distanz, was das Publikum auf der Leinwand sieht, sind nackte Patienten in kahlen Zellen, Zwangsernährung und Demütigung.
Ein Arzt, der einem Patienten flüssignahrung durch einen Schlauch einführt, während er dabei zigarettenasche auf ihn fallen lässt. Kurz vor der geplanten Premiere beim New York Filmfestival versucht die Regierung von Massachusetts, den Film per einstweiliger Verfügung zu verbieten. Die Begründung, der Film stelle eine Verletzung der Privatsphäre der Patienten dar.
Wiseman streitet nicht ab, dass sein Film ein Alptraum sei. Aber er argumentiert dagegen, der Staat wolle nicht die Privatsphäre der Insassen schützen, sondern seinen eigenen Ruf. Wisemans Bemühungen bleiben aber erfolglos, und der Film wird verboten. Titty Cut Volleys ist über 2 Jahrzehnte der einzige amerikanische Film, der aus anderen Gründen als Obszönität oder nationaler Sicherheit mit gerichtlichen Auflagen belegt ist. Jahrelang passiert juristisch gesehen nichts bis 1987 5 Insassen der Anstalt Suizid begehen. Weiß man nutzt den Moment und kehrt vor Gericht zurück. 1991, also 24 Jahre nach seiner Entstehung wird der Film dann doch vollständig freigegeben, auch zu Titicat Volleys hab ich euch einen youtube Link in die
Shownotes gepackt, auch hier eine Triggerwarnung der Film zeigt Menschen in einer psychiatrischen Strafanstalt unter würdelosen Bedingungen. Das sind also keine leichten Bilder. Was bleibt, ist eine Frage, die die ganze Doku Tradition durchzieht. Wann ist eine Kamera ein Werkzeug der Wahrheit und wann ist sie ein Eingriff, wann schützt der Blick und wann verletzt er auf der anderen Seite des Atlantiks wird diese Frage anders gestellt, in Großbritannien entsteht in denselben Jahrzehnten eine eigene Tradition, die sogenannte Fly on the Wall Dokumentation. Den Begriff kann man wörtlich nehmen, die Kamera funktioniert wie eine Fliege an der Wand, die einfach nur da ist und schaut ohne einzugreifen, was Cinema
Verité und Direct Cinema im Kino etabliert hatten, findet langsam seinen Weg ins Fernsehen. Roger Graph zeigt 1972 mit seiner Serie The Spaces Between Words dass das auch in langen TV Formaten funktioniert, was aber jetzt noch fehlt, ist die Familie. Und die kommt in Amerika und in Großbritannien auch mal wieder fast gleichzeitig.
Dafür gehen wir noch mal 3 Jahre zurück ins Jahr. 1971 Craig Gilbert ist Dokumentarfilmer, er hat Arbeit, aber nicht genug, und er trinkt zu viel, seine Ehe ist in der Krise, er sucht nach Antworten und findet sie, wie das manchmal so ist in einem Filmprojekt. Seine Idee ist radikal einfach. Eine amerikanische Familie und eine 7 Monate lang laufende Kamera. Wir kennen das Prinzip schon, kein Skript, keine Erzählstimme, kein Host, der erklärt, was man gerade sieht, keine inszenierten Interviews und keine vorbereiteten Situationen, nur der Alltag einer Familie, wie er eben ist. Die Familie heißt Loud, Sie wohnt in Santa Barbara, Kalifornien, obere Mittelschicht, 5 Kinder, Swimmingpool im Garten.
Eine Familie, die auf den ersten Blick alles hat, etwa auf halbem Weg durch den 7 Monate langen Dreh, kündigt Pat Loud ihrem Mann vor laufender Kamera an, dass sie die Scheidung will. Giveards Team ist schockiert, denn eigentlich war das ein Film über das ganz normale US Amerikanische Familienleben, jetzt ist es ein Film über eine Ehe, die zerbricht, aber sie drehen weiter, denn irgendwie ist es ja auch eine spannende Chance. Der älteste Sohn Lans ist 20 und lebt in New York. In der Lower East Zeit.
In einer Welt, die seiner Familie bis dahin komplett fremd war. Er ist schwul und er macht kein Geheimnis daraus, als seine Mutter ihn besucht, läuft die Kamera mit, es ist das erste Mal im US amerikanischen Fernsehen, dass ein schwules Familienmitglied als wiederkehrende Figur gezeigt wird, und zwar nicht als Problem oder als Fall, nicht als Thema einer Talkshow, sondern einfach als Lans. Es sammeln sich über 300 Stunden Filmmaterial an. Mehr als ein Jahr dauert der Schnitt dann am 11. Januar 1973 erscheint die 1.
Episode von an American Family of PBS. Die Sendung erreicht 10000000 Zuschauende pro Folge, das Time Magazine nennt die Serie The Ultimate Soap Opera, was teilweise als Lob, aber auch als Vorwurf verstanden werden kann. Die Familie Laud landet auf dem Cover der Newsweek. Das Land diskutiert, streitet, erkennt sich wieder und schämt sich dafür. Eine Kritikerin der New York Times schreibt, man beginne sich beim Zuschauen zu fragen, wieviel von der eigenen Realität man selbst unter den Teppich kehre, das ist der Kern der Wirkung, denn ein American Family zwingt das Publikum nicht dazu, auf andere zu schauen, es zwingt sie vielmehr dazu, sich selbst zu sehen und trotzdem oder genau deshalb beginnt sofort eine Debatte über
Manipulation. Haben die Louds performt, hat Gilbert inszeniert. Ein junger Filmstudent schreibt damals, man spüre, wie jedes Familienmitglied gleichzeitig natürlich und selbstbewusst vor der Kamera ist, nicht performt und doch performt, und das ist keine Kritik, sondern eine Beobachtung und eine, die das Genre bis heute begleiten wird.
Der Macher der Sendung, Craig Gilbert, verschwindet nach der Ausstrahlung fast vollständig aus der Öffentlichkeit. Die Kontroverse, die Anschuldigungen der Familie, der Vorwurf, er habe eine Familie zerstört, für ein Fernsehprojekt, das trifft ihn hart. Er produziert nie wieder einen Dokumentarfilm. 2024 übrigens starten die Überlebenden Lautgeschwister einem Podcast namens The Loud family Unchattert 50 Jahre also später, rechnen sie ab mit Gilbert, mit PBS, mit dem Format.
Sie beschreiben den Dreh als rücksichtslosen Eingriff in ihr Leben, der dauerhafte Schäden hinterlassen hat. Die Wunden sind bis heute nicht verheilt, den Link zum Podcast findet ihr übrigens auch in den Shownotes ein Jahr später in Großbritannien der Produzent Paul Watson und sein kleines Team verbringen zunächst 2 Monate mit der Familie Wilkins in Redding, bevor auch nur eine Sekunde Material gedreht wird, denn Watson will, dass die Familie die Kamera vergisst.
Und dann erst beginnt der eigentliche Dreh auch hier 18 Stunden täglich 3 Monate lang in der kleinen Wohnung über einem Gemüseladen. Die Wilkins sind keine Mittelschichtfamilie aus Kalifornien wie die Louds, Vater Terry fährt Bus, Mutter Margret hält den Laden zusammen, die Kinder sind jung, laut, manchmal überraschend verletzlich, die gesamte Familie bekommt für ihre Teilnahme nach Steuern 1500 Pfund. Ohne Vetorecht für das gesendete Material. Sie hatten also schlicht keinen Einfluss darauf, was am Ende zu sehen war.
Die Premiere der Sendung The Family ist am 3. April 1974 die Folgen haben jeweils 6 bis 9000000 Zuschauer innen es gibt täglich Debatten in der Tagespresse und Anfragen im Unterhaus Abgeordnete wollen wissen, ob die BBC hier die Privatsphäre einer Familie geopfert hat für Einschaltquoten die britische Öffentlichkeit reagiert wie auch die Amerikanische bei den Louds. Mit einer Mischung aus Faszination und echtem Unbehagen.
Das, was sie gezeigt bekommen, ist irgendwie zu nah, zu ungeschminkt, zu sehr wie das eigene Wohnzimmer. Watson geht dabei einen Schritt weiter als Gilbert die finale Episode verlässt. Die Wohnung der Wilkins und dreht die Kamera auf das, was aus der Familie geworden ist. Ein medienphänomen Fans stehen vor der Tür, Journalistinnen belagern die Straße, ein Kamerateam filmt ein Kamerateam.
Watson lässt das alles drin, weil es zur Wahrheit des Projekts gehört. Und er stellt damit offen die Frage, was haben wir hier eigentlich getan? Die Comedy Gruppe Monty Python zu dem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihres Ruhms parodiert The Family noch im selben Jahr in der allerletzten Folge ihres Flying Circles, der Sketch heißt The Most Allful Family in Britain Nineteen Seventy Four.
Klar ist das ne Kritik, aber es ist auch n Beweis dafür wie tief die Sendung ins kulturelle Gedächtnis eingedrungen ist. Mutter Margaret Wilkins selbst begegnete der ganzen Aufregung mit einem Satz, der eigentlich alles auf den Punkt bringt. Sie sagt We are not of Problem family, we are family with problems also wir sind keine Problemfamilie, wir sind eine Familie mit Problemen, die USA haben die Louds, Großbritannien hat die Wilkins. Und Deutschland?
Auch hier passiert was ähnliches im Jahr 1979 die WDR Regisseurin Ute Diehl sucht für eine kleine Dokumentation über Spielzeugüberfluss in deutschen Kinderzimmern eine typisch deutsche Arbeiterfamilie. Was sie findet, ist eine dreiköpfige Familie in einer 68 Quadratmeter großen Genossenschaftswohnung in Köln Buchheim, der Vater Fred ist Vorarbeiter im Kabelwerk, Mutter Annemie Sekretärin beim Schulamt. Und Frank, der elfjährige Sohn, ist der mit dem überquellenden Kinderzimmer.
Es entsteht also eine Dokumentation über Familie Fußbroich der Film wird gedreht, gesendet, dann passiert 10 Jahre lang nichts, aber Ute Diehl vergisst die Familie nicht, 1989 kehrt sie zurück, ihre Idee, ein Langzeitportrait, wie es das im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat, aber trotzdem ein uns jetzt schon bekanntes Erfolgsrezept.
Kein Konzept, kein Drehbuch, kein vorher festgelegtes Ende, einfach nur ne Kamera, eine Familie und Zeit. Was folgt ist deutsche Fernsehgeschichte, auch wenn das damals erst mal niemand so nennt. Über 10 Jahre in 17 Staffeln und 100 Folgen lang begleitet Ute Diehl die Fußpreuß durch ihr Leben, Freds Pensionierung, Annemies Alltag, Franks erwachsen werden, Urlaube, Krankheiten, Streit, Versöhnung, nichts davon ist spektakulär, aber genau das ist die Sensation.
In Spitzenzeiten schaltet jeder fünfte Deutsche ein. Nicht weil jemand weint oder schreit oder weil eine Ehe vor laufender Kamera zerbricht, sondern weil Fred am Küchentisch sitzt, Kaffee trinkt und über den Nachbarn schimpft, weil das Fernsehen plötzlich zeigt, was Fernsehen vorher nie gezeigt hat. Das ganz normale Leben Arbeiterfamilien kamen auch im deutschen Fernsehen bis dahin fast ausschließlich als Thema vor, als soziales Problem, als Statistik, erklärt von Expertinnen.
Statt einer Betrachtung von außen sprechen Sie jetzt einfach selbst. Die Macherin Ute Diehl hat später gesagt, es sei ihr nie darum gegangen, Menschen zu zeigen, die sich anbrüllten. Das klingt 1992 selbstverständlich, aber jetzt, über 30 Jahre später, liest sich das wie eine stille Kritik am gesamten Genre, das aus dieser Tradition gewachsen ist. In dem Jahr, also 1992, bekommt sie den Grimme Preis, die Fußbreuchs sind zu diesem Zeitpunkt längst Kult. Und Frank Fußbroich, der Junge mit dem überquellenden Kinderzimmer, wird 2004 bei Big Brother landen. 2010 beim perfekten Promi Dinner 2018 mit seiner Frau Elke im Sommerhaus der Stars, 2021 bei der Dschungelshow dieser Corona Ersatzshow für den Dschungel
2024 bei be Real und im letzten Jahr beim Kampf der Reality Stars wo er gerne immer wieder betont hat, dass er einer der ersten deutschen Reality Stars sei. Also noch mal. Die USA haben die laut Großbritannien hat die Wilkins, Deutschland hat die Fußbreuchs 3 Länder, 3 Familien unabhängig voneinander und dieselbe Erkenntnis, das Publikum will echte Menschen sehen, keine Schauspielerinnen, keine Expertinnen, auch keine Moderatorinnen, sondern ganz einfach echte Menschen.
Die Frage die jetzt noch offen ist, wer baut daraus ein Geschäftsmodell? Hier kommt eine These, die auf den ersten Blick überraschend wirken könnte. Reality TV, So wie wir es heute kennen. Die großen Formate, die Mechanismen, die Grammatik des Genres, das ist zu einem erheblichen Teil ein europäischer Export in die USA, nicht umgekehrt.
Fangen wir in Großbritannien an, im Jahr 1992 hat ein Produzent namens Charlie Parsons eine Idee. Er entwickelt ein Format für seine Produktionsfirma Planet Twenty Four. Der ursprüngliche Titel lautet Cast Away sowie der Film mit Tom Hanks, in dem er auf einer einsamen Insel Strandelt und einen Volleyball.
Sein bester Freund wird. Der kommt aber erst 2000 Cast away bedeutet auf Deutsch einfach nur Schiffbrüchiger die Idee hinter dem Format, Menschen in einer Überlebenssituation isoliert und gezwungen zusammenzuarbeiten, und am Ende wählt die Gruppe selbst. Wer gehen muss Parsons geht damit zur BBC und die BC lehnt ab.
Parsons geht zu anderen Sendern und die Lehnen auch ab. Kein einziger britischer Sender glaubt an diese Idee, bis sich eine schwedische Produktionsfirma namens Strix Television meldet und sagt, Wir machen das am 13. September 1997, also 5 Jahre nachdem Parsons die Idee hatte, läuft die 1. Folge von Expedition Robinson, so heißt das Format nun auf dem schwedischen Sender SVT. 16 Teilnehmerinnen, eine einsame Insel, Kameras überall und hey, wir haben mal wieder ein ganz überraschendes Konzept, keine Erzählperson, keine Moderation im klassischen Sinne, stattdessen Menschen, die versuchen zu überleben und eine Abstimmung untereinander, die jede Woche jemanden nach Hause schickt, und das ist das entscheidende neue Element.
Die Teilnehmerinnen entscheiden selbst, wer gehen muss, das Publikum schaut einfach nur zu, aber die Macht liegt innerhalb des Spiels. Schon in den ersten Wochen passiert etwas, das das Format für immer begleiten wird. Der erste Teilnehmer, der rausgewählt wird, ein Mann namens Sinisa Savia, begeht einen Monat nach seiner Rückkehr Suizid, seine Witwe Nermina sagt später, er sei ein stabiler, fröhlicher Mensch gewesen, bevor er in die Sendung ging, aber nach der Rückkehr habe er nicht aufgehört zu grübeln.
Sie würden die guten Dinge herausschneiden, habe er ihr gesagt und ihn wie den schlechtesten dastehen lassen. Er wollte nicht auf die Ausstrahlung warten und sehen, wie die Welt ihn als Verlierer kennenlernt. Schweden ist erschüttert Sinisas Witwe fordert, die Sendung abzusetzen, stattdessen wird er aus dem bereits gedrehten Folgen weitgehend rausgeschnitten. SVT Entertainment Chefin Pia Marquardt sagt damals, er kannte die Bedingungen, wer sich auf so etwas einlässt, muss auch persönliche Verantwortung übernehmen, und dann läuft das Finale.
Und trotz allem schaut mehr als die Hälfte der schwedischen Bevölkerung zu. Hier wird ganz klar das Format funktioniert, aber die Frage, ob es dann auch funktionieren darf, die bleibt unbeantwortet und auch die wird das Genre bis heute begleiten. Zur gleichen Zeit in den Niederlanden, es ist der 4. September, 1997 interessanterweise derselbe Monat, in dem Expedition Robinson auf Sendung geht und bei John de mol produces.
In Amsterdam läuft ein Brainstorming, John de mol, kurze Side Note. Seine Schwester Linda de Mol ist zu dem Zeitpunkt einer der größten TV Stars Deutschlands, bekannt vor allem durch die RTL Show Traumhochzeit, die ihr Bruder produziert hat. Das Fernsehen ist bei den de Moles also tatsächlich Familiengeschäft, John de Mol ist Fernsehmacher und Mitgründer von en de mol, er sitzt mit 3 Kollegen zusammen, sie reden über ein Experiment, das 6 Jahre zuvor in der Wüste Arizonas stattgefunden hat, Biosphere Two. 8 Menschen, eingeschlossen in einer riesigen Glaskuppel, abgeschnitten von der Außenwelt und auf sich allein gestellt.
Die Inspiration ist nicht nur bei Sphere Two, das Team schaut sich auch The Real World an, eine US Show, die seit 1992 fremde in eine WG steckt und ihre Dramen filmt, was de mol neu hinzufügt, ist die Abstimmung, die wöchentliche Bedrohung aber die Wohngemeinschaft als Bühne, das kommt aus Amerika, was wäre also frag de mol wenn man das ins Fernsehen bringen würde. Der erste Arbeitstitel lautet de Chaudn Goe der Goldene Käfig. Die ursprüngliche Idee, 6 Menschen in einem Haus ein ganzes Jahr lang ein Jahr, das wird dann aber auf 100 Tage reduziert, das Haus wird ausgebaut, die Kameras werden installiert.
Hier findet das Ganze übrigens nicht in einem Container statt, wie wir das kennen, sondern in einem eigens gebauten Haus in Almere. 145 Quadratmeter Wohnfläche, 216 Quadratmeter Garten, Ikea, Möbel, 24, Kameras, 59, Mikrofone, spartanisch, also ziemlich unspektakulär am 16. September 1999 läuft die 1. Folge von Big Brother auf dem niederländischen Sender Veronica.
Die ersten Reaktionen sind verhalten, teils ablehnend, zu voyeuristisch, zu banal. Wer will das denn sehen? Offensichtlich alle. Es stellt sich heraus, dass alle das sehen wollen, innerhalb von ein paar Wochen explodieren die Einschaltquoten, das Format wird nach Deutschland verkauft, nach Großbritannien, nach Spanien, eigentlich nach überall im Jahr 2000 kauft der spanische Telekomkonzern Telefonica Endemol. Damals ist das einer der größten Kommunikationskonzerne Europas, der glaubt, dass Fernsehen und Internet bald zusammenwachsen werden und deshalb Inhalte braucht. Sie kaufen Endomol für 5,4 Milliarden Dollar John de Mol ist damit Milliardär und Big Brother ist nicht mehr nur eine Fernsehshow, es ist eine
Industrie noch n weiteres Detail am Rande die Erbinnen des Autors George Orwell. Klagen gegen Endemol wegen des Namens Big Brother stammt nämlich aus Always Roman 1984, in dem der titelgebende große Bruder ein Allgegenwärtiger totalitärer Überwachungsstaat ist. Sie einigen sich aber außergerichtlich, und die Summe wird nie veröffentlicht. Und das ist vielleicht die schönste Fußnote an der ganzen Geschichte.
Orwell, der die totale Überwachung als Albtraum beschrieben hatte, muss nun daran mitverdienen, dass Millionen Menschen freiwillig darum betteln, beobachtet zu werden. Und dann ist da noch das dritte große Format während Expedition Robinson. Ich kann mich offensichtlich nicht mit mir selbst darauf einigen, wie ich es aussprechen will, also verzeiht mir, wenn das Format also 1997 in Schweden auf Sendung geht und Big Brother 1999 in den Niederlanden arbeitet der britische Musikproduzent Simon Fuller, bekannt als Manager des Spice Girls, an einer anderen Idee. Keine Insel, kein Haus, stattdessen eine Bühne, ein Mikrofon und die Frage, wer das Zeug hat, ein Popstar zu werden. Pop Idle läuft ab Oktober 2001
auf ITV. Das Finale der 1. Staffel sehen fast 14000000 Menschen die höchste Samstagsquote seit Jahren will Young wird mit dem Sieg buchstäblich über Nacht zum Star das Neue am Format ist nicht der Gesangswettbewerb an sich, die gibt es schon seit Jahrzehnten, das neue ist die Kombination massenauditions, bei denen das Scheitern genauso geplant und genauso attraktiv ist wie der Erfolg. Eine Jury, die auf Kosten der Kandidatinnen witzig ist und das Publikum entscheidet per telefonvoting, wer bleibt und wer geht.
Alle großen amerikanischen Netzwerke lehnen das Format ab, bis Fox zusagt, ab Juni 2002 läuft American Idol of Fox und wird eines der erfolgreichsten Fernsehformate der Geschichte, Survivor kommt also aus Großbritannien und Schweden, Big Brother aus den Niederlanden, Pop Idol aus Großbritannien.
Das sind alles keine Randformate, das sind die 3 prägendsten Reality TV Formate der frühen zweitausender Jahre und sie alle landen in Amerika, werden dort produziert, vergrößert, vermarktet und dann als amerikanisches Kulturgut an den Rest der Welt zurückverkauft. Europa hat das Genre nicht erfunden, aber es hat die Blaupause geliefert, wir haben jetzt viel über Sendungen geredet, die etwas zeigen wollten, die einen Anspruch hatten, die beweisen wollten, dass echte Menschen interessanter sind als Schauspielerinnen.
Aber irgendwann kommt der Moment, wo jemand sagt, das ist ja nicht nur interessant, das ist auch unfassbar billig. Es ist der 7. März 1988 die Writerskilled of America ruft zum Streik auf, die Drehbuchautorinnen Hollywoods legen die Arbeit nieder, sie kämpfen um Residualzahlungen, also um den Anteil, den sie bekommen, wenn ihre Folgen wiederholt oder weiterverkauft werden.
Dieser Streik dauert 5 Monate, und er legt die Sendepläne der Networks lahm. Fox, damals noch das jüngste und kleinste der US Netzwerke, hat dadurch ein immenses Problem. Es braucht Programm Programm, das keine Drehbuchautorinnen braucht und da liegt seit Jahren Unverkauft in einer Schublade das Konzept des Produzenten John Langley, eine Kamera, die Polizeistreifen begleitet, ohne Kommentar oder Skript und ohne Schauspielerinnen. Langley hatte das Format jahrelang versucht, bei allen Networks zu verkaufen.
Die Antworten waren immer dieselben, keine Erzählerstimme, das geht nicht, keine Inszenierungen geht nicht, kein Skript, das geht erst recht nicht und dann 1988, sagt jemand bei Fox, plötzlich klingt eine Show ohne Skript, ohne Schauspielerinnen und ohne Writers, gilt sehr gut, eben weil es perfekt in die missliche Lage passt und die Lösung für das Problem bei Fox bietet am 11.
März 1989 läuft die 1. Folge von Cops auf Fox. Kosten pro Episode rund $200000 zum Vergleich eine durchschnittliche Scripted Drama Folge kostet zu dem Zeitpunkt das 5 bis zehnfache. Cops läuft über 1000 folgen und wird erst 2020 abgesetzt nach den Protesten infolge der Tötung George Floyds durch einen Polizeibeamten.
Die Lektion, die die Networks aus Cops sehen Reality TV ist nicht nur interessant, es ist strukturell günstiger. 3 Jahre später 1992 bei MTV die Produzentinnen Mary Alice Bionim und Jonathan Murray wollen eigentlich eine Scripted Series entwickeln, eine Art Soap Opera für junge Zuschauerinnen. Dann sehen Sie die Produktionskosten und entscheiden sich für was anderes.
Stattdessen entsteht ein neues Konzept. 7 Fremde in einer Wohnung in New York, Kameras überall und eine Neuerung, die das Genre für immer prägen wird, der Confessional. Mittlerweile kennen wir das. Ein separater Raum, in dem die Teilnehmerinnen direkt in die Kamera reden, allein, ohne die anderen Gedankengefühle Verrat, wie Murray es später beschreibt.
Therapie nur ohne Therapeutin The Real World läuft ab Mai 1992 auf MTV. In der ersten Nacht verdreifachen sich die Einschaltquoten gegenüber dem normalen MTV Prime Time Durchschnitt und Murray sagt später in einem Interview ganz ehrlich. Wir hatten es gerne weiterverkauft. Wir haben jahrelang geklopft, niemand wollte es erst als Big Brother 2000 aus Europa ankam und CBS einschaltete, öffneten sich die Türen. Das ist die wirtschaftliche Logik, die hinter allem steckt, was ich in dieser Folge besprochen habe. Technik macht es möglich, günstiger zu drehen, Streiks erzwingen Alternativen zum Scripted Format. Erfolge in Europa zeigen, dass Formate exportierbar sind und langsam Format für Format,
Streik für Streik baut sich eine Industrie auf, aber es ist noch keine Industrie in dem Sinne, wie wir sie heute kennen. Reality TV ist Ende der 1900 90er Anfang der Zweitausender noch immer etwas, das die großen Netzwerke mit einer gewissen Herablassung betrachten, es füllt Lücken, es rettet Sendepläne, es ist billig, aber es ist nicht so die verbreitete Meinung in Hollywood, wirklich Fernsehen?
Das ändert sich im Jahr 2007 nicht, weil jemand eine neue Idee hat, sondern weil dieselbe Krise die 1988 pops möglich gemacht hat. 20 Jahre später in viel größerem Maßstab wiederkehrt, am 5. November 2007 streikt die Writers Guild of America erneut 100 Tage lang und dieses Mal sind die Netzwerke vorbereitet mit einem Genre, das keine Drehbuchautorinnen braucht, das sich jahrelang bewährt hat, das Millionen von Zuschauer ändert. Reality TV ist 2007 keine Notlösung mehr. Es ist die Antwort, was dieser Streik auslöst, wie die Netzwerke reagieren, was das für die Menschen bedeutet, die diese Formate produzieren und was es für ein Genre bedeutet, das bis dahin noch immer als Zweiklassig
galt, das besprechen wir in Folge 4. Für heute bedanke ich mich bei dir fürs Zuhören. Ich finde, es lohnt sich. Uns kurz vor Augen zu halten, dass wir in der letzten Stunde von 1810 bis 2007, also über einen Zeitraum von 197 Jahren, gereist sind. Von Sarah Bartman in einer Londoner Ausstellungshalle bis zu einem WGA Streik in Hollywood von Hagenbecks Menschen Zoo bis zu Big Brother und der rote Faden durch das alles.
Und deswegen habe ich diese Folge auch so aufgebaut, ist halt derselbe, die einen Zahlen um zuzuschauen. Die anderen stehen auf der Bühne oder vor der Kamera und geben etwas Preis. Was genau und wieviel davon freiwillig ist, das hat sich über 200 Jahre verändert, die Grundkonstellation gar nicht mal so sehr.
Diese Frage ist wirklich alles andere als neu, aber durch diese Omnipräsenz und den Überfluss an Reality Formaten, die wir mittlerweile haben, ist sie einfach immer lauter geworden. Und falls du tiefer einsteigen möchtest in den Shownotes, findest du eine ganze Menge an Quellen, die ich für heute verwendet habe. Weiterführende Literatur links zu den Formaten und Situationen, die ich heute angesprochen habe, noch mal inklusive Triggerwarnungen wo nötig, wenn du Kommentare, Anmerkungen oder was auch immer hast, einfach ein paar liebe Worte, schreib sie gerne in die Kommentare, ich freue mich sehr darüber. Du kannst uns auch sehr gerne bei Instagram eine Nachricht hinterlassen.
Dort findest du uns unter Reality TV Check und die nächste Folge zu Promis unter Palmen Folge 4 hörst du am Donnerstag hier, da spreche ich dann wieder mit Laura und wünsche dir jetzt einen wunderschönen Tag Abend oder Nacht bis zum nächsten Mal.