RTL+ True Crime Time: Braune Kinderzimmer· Staffel 11· Folge 2

#2 Braune Kinderzimmer: Die Armee

Mittwoch, 8. Juli 2026 · 33 min

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Shownotes

„Befehle werden befolgt.“ In der Chatgruppe der „Letzten Verteidigungswelle“ gelten eigene Regeln und wer dazugehören will, muss liefern. Investigativ-Reporterin Angelique ist undercover mittendrin, als aus Hassnachrichten echte Straftaten werden. Jugendliche prahlen mit Angriffen auf Geflüchtetenunterkünfte, posten Beweisvideos und feiern sich dafür im Netz. Doch dann taucht ein Video auf, das alles verändert. Ein Kulturhaus steht in Flammen. Steckt ein 15-Jähriger dahinter?
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Bevor es losgeht, ein wichtiger Hinweis. In diesem Podcast hört ihr echte Auszüge aus Chats und Sprachnachrichten. Sie enthalten rassistische, antisemitische und menschenverachtende Inhalte. Die Namen wurden geändert, die Stimmen mit KI verfremdet. Der Inhalt ist aber echt. Wenn ihr mit der nächsten Episode nicht bis nächste Woche warten wollt, alle Folgen Braune Kinderzimmer gibt es jetzt schon auf RTL Plus und Stern Plus.

Sieg heil und morgen. Heil Hitler und morgen. Sieg heil, Kameraden. Wie geht's euch? Könnte nicht besser gehen. Meine Arbeitskollegen haben mich richtig vermisst. Als ich angekommen bin, haben mich alle schön begrüßt. Bei jedem war der Arm oben. Das sind Nachrichten aus der Chatgruppe der letzten Verteidigungswelle. So begrüßen sie sich da.

Wenn ich mein Handy in die Hand nehme, morgens so um sieben, dann sind da meistens schon über 100 solcher Nachrichten auf dem Bildschirm. Es ist ziemlich anstrengend, von früh bis spät rechtsextremen Kram durchzulesen. Aber in den nächsten acht Monaten wird das mein Alltag sein. Und irgendwann übertragen sich die Gewaltfantasien aus den Chats ins echte Leben.

Ich bin Angelique, ich bin Investigativreporterin bei RTL. In diesem Podcast tauchen wir ein in eine verstörende Welt von jugendlichen Neonazis, die sich radikalisieren und sogar Anschläge planen. Und ich war undercover mittendrin. Ihr hört Braune Kinderzimmer, eine Produktion von RTL Plus. Das ist Episode 2. Die Armee.

Ich scrolle durch die Chatgruppe auf WhatsApp. Hier bin ich nicht mit meinem richtigen Namen, sondern unter meinem Tarnnamen Isabel oder Isa. Ich bin also die neue Kameradin. Das glauben zumindest die anderen. Sieg Heil, Kameradin. Ich kenne solche Gruppen schon von meinen vorherigen Recherchen. Wo junge Menschen provozieren, Grenzen austesten und sich ein paar Hitler-Sticker hin- und herschicken.

Nicht, dass das nicht schlimm wäre. Aber das habe ich erwartet. Ich habe das Gefühl, dass das hier dieses Mal anders ist. Die LVW wirkt auf mich radikaler als die anderen Gruppen. Alles ist hemmungsloser. Die Texte, die Bilder... Das ist fast schon wie eine rechtsextreme Parallelwelt. Und die scheinen ein Ziel zu haben. Wir sind die Welle, die den Dreck aus unserem Land spült und ihre Existenz zerstört.

So beschreibt sich die Gruppe selbst. Ich finde das krass. Als Neuling, und das bin ich als Isabel, soll ich mir erst mal die Gruppenregeln durchlesen. Und mir wird klar gemacht, ich soll mich gefälligst daran halten oder wieder austreten. Das sind elf Punkte, durchnummeriert und wie eine Art Grundgesetz formuliert.

Ganz oben steht die erste Regel. Befehle werden befolgt. Dann scrolle ich weiter zu Regel Nummer 4. Bei jeder Aktion werden Maske, Handschuhe und lange Klamotten getragen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Ich lese weiter, Regel Nummer 7. Der Name LVW und seine Kameraden sind zu beschützen bis auf den Tod.

Wer dazu nicht bereit ist, soll die Gruppe verlassen. Besonders heftig finde ich Regel Nummer 8. Außerdem sollt ihr euch aufrüsten. Mit Messern, Schlagringen, Schreckschuss, Böller und sonstigen, damit wir radikaler werden können. Wenn ihr das so hört, dann denkt ihr vielleicht, das ist doch nur Quatsch.

Mit dem Aufrüsten und den Aktionen. Das sind Teenies. Und ja, ich habe auch so gedacht. Da ich jetzt die Regeln der LVW kenne, klicke ich mich durch die Gruppe. Da sind rund 60 Mitglieder. Auf den Profilbildern sehe ich Panzer, Hello Kitty und ein anderer hat ein Hakenkreuz als Bild. Mein Profilbild zeigt mich in einem Gemüsegarten. Da hole ich gerade Unkraut aus dem Boden.

Ich habe aber eine Mütze auf und deswegen sieht man mein Gesicht nicht. Alles ist aufgeteilt in verschiedene Untergruppen. Die erste, auf die ich klicke, heißt ganz einfach Musik. Und da wird illegale Nazimusik getauscht. In einer anderen Untergruppe werden sogenannte Gore-Videos geteilt. Clips, in denen Menschen gequält oder verletzt werden.

Meistens mit Migrationshintergrund. Dann gibt es noch Gruppen für die einzelnen Bundesländer. Sachsen, Brandenburg, NRW, Hessen, Thüringen und so weiter. Ich klicke erst mal bei allen Gruppen auf Beitreten. Das Zentrum dieser Gruppe nennt sich Generalchat. Es ist ein Gruppenchat, in dem rund um die Uhr geschrieben, gespammt und gehetzt wird.

Ihr könnt euch das vorstellen wie ein endloser Strom aus Nachrichten, Sprachnachrichten, Bildern und Videos. Genau die werde ich im Laufe meiner Recherche sichern. Als ich zum ersten Mal den Chat betrete, herrscht Ausnahmezustand. Sie spielen Call of Duty, ein Ego-Shooter. Dabei schicken sie wild Sprachnachrichten hin und her.

Ich hab ihn, Leute, ich hab ihn tatsächlich, Digga. Justin, der Berufskraftfahrer aus Folge 1, schickt einen Link zu seinem Livestream. Also, ich weiß nicht, wieso ich das immer weiterspiele, aber... Ja, meine Nerven, die sind hart, wirklich ganz am Ende, weil ich ja in den tiefsten Feindnisstand in der Zeit, Wenn ich ein Ding bin, das ist alles ein oder schrecklich jung.

So ein kleiner Bastard hat mich gerade getötet. Ich glaub, ich flipp aus. So ein kleiner Hurensohn soll sich doch ins Knie ficken. Jede scheiß Runde sterbe ich. Jede scheiß Runde krieg ich mich mal einen Kill. Und wenn ich dann eine verfickt gute Runde hab, klemmt das scheiß Maschinengewehr zwei Minuten lang und holt mich so ein scheiß Russenwichser runter Mit seiner Jack 1 soll er doch wieder nach Auschwitz gehen, wo er hingehört.

Im Chat ist es laut, chaotisch. Die Nachrichten fliegen im Sekundentakt durch den Chat. Und das, was ich hier lese und höre, ist brutal und echt menschenverachtend. Eigentlich sind es nur Beschimpfungen, Hass und rechte Hetze. Und dazu klingen die, die hier schreiben und Sprachnachrichten schicken, erstaunlich jung. Manche könnten 15, vielleicht 16 Jahre alt sein.

Also was ich mal vermute bei unserer drecksverfickten K***schule, wo sich nur K*** aufhalten, weil die Ausländer überall hingehen, die Drecksbastarde, ist es wahrscheinlich so, dass du der einzigste Deutsche oder Rechtsextreme bist. Dafür, dass die alle so jung sind, sind die schon ziemlich radikal. Und die Gruppe ist recht professionell aufgebaut, mit den ganzen Untergruppen und so.

Das wirkt fast wie so eine kleine Armee im Netz. Das Bild mit der Armee, einer Gruppe, die im Gleichschritt marschiert, das passt eigentlich ziemlich gut. Weil so eine Armee, egal ob eine echte oder eine im Netz, die funktioniert ja nicht einfach von selbst. Die hat Strukturen. Da gibt es Befehle und natürlich einen Anführer. Aber wer führt diese Gruppe eigentlich an?

Da muss es doch jemanden geben. Einen, der diese radikale Richtung vorgibt. Die LVW ist da, um ein Zeichen zu setzen, dass unsere Gruppe eine radikale Gruppierung ist und die Entwicklung oder das Ergebnis von dem, was passiert, wenn man nicht auf das Volk hört. So, das ist die LVW. Die LVW ist ein Zeichen, was passiert, wenn sich der Staat ein Scheißdreck um seine Leute schert, was mit der Jugend passiert, wenn sich ein Scheißdreck um die Jugend interessiert wird.

Die LVW wird nicht aufgelöst. Die LVW lebt bis zum Tod. Und ich habe noch eine Bitte an euch. Werdet radikaler. Werdet aggressiver. Zeigt, dass es die LVW gibt. Scheißegal. Gut, dann merkt der Staatsschutz, dass die LVW an mehreren Orten gibt. Aber die werden nie wissen, von wo die LVW kommt. Der, der da spricht und erklärt, was für eine Truppe die LVW eigentlich sein soll, Das ist Kevin.

Kevin ist 21, kommt aus Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Er ist einer der Älteren hier im Chat. Und er sagt ziemlich überzeugt, dass er die Gruppe selbst gegründet hat. Schon vor ein paar Jahren. Er beschreibt das als eine Art Reaktion, ein Zeichen, sagt er, auf die Politik, die sich angeblich nicht für die Jugend interessiert.

Und dieses Zeichen, das soll die LVW sein. Seine eigene rechtsextreme Armee. Kevin führt die Gruppe also an. Die anderen Mitglieder im Chat bezeichnen ihn sogar als Führer. Das ist schon irgendwie verrückt. Bei Kevin scheint es zu gefallen. Er nennt sich sogar selber so. Wie gesagt, die LVW weiß schon, was sie tut und ihr könnt mir vertrauen.

Ich bin ein guter Führer. Ich habe in Norwegen Gruppierungen geführt, ich habe in Deutschland Gruppierungen geführt. Seit fünf Jahren leite ich die LVW und ihr braucht euch keine Sorgen machen. Wirklich, versprochen. Ich gehe für euch in den Knast. Ich sterbe für euch. Ich schneide mir für euch die Hand ab. Ich lege meine Hand für euch ins Feuer.

Ich würde meine eigenen Kinder für euch essen. Ich liebe euch. Ihr seid meine Familie. Kevin hat eine Zeit lang in Norwegen gelebt. Was er dort genau gemacht hat, sagt er nicht. Dort ist offenbar die Idee zur LVW entstanden. Und angeblich gibt es mittlerweile sogar kleinere Ableger. Nicht nur in Norwegen, sondern auch in der Schweiz und anderen Ländern.

Kevin steht längst im Fokus der Behörden. Er selbst spricht ganz offen davon, zum Beispiel in dieser Sprachnachricht. Bei mir haben die 6.14 Uhr morgens die Tür aufgesprengt, sind durch meine ganze Bude gerannt. Ich habe mich aufs Bett gesetzt oder haben mich eingebaut. Läse dich auf den Boden, leg dich auf den Boden, Junge.

Dann habe ich mich auf den Boden gelegt, Hände hinter den Kopf, da habe ich meine Hände hinter den Kopf gemacht. Dann kam da der eine Typ, der mit drei meinen Knien in die Fresse gehauen hat. Und der andere, der meinte, ich soll die Schnauze halten, obwohl ich nichts gesagt habe. Diese dreckigen Passagen, wirklich.

Hausdurchsuchung. Das scheint für ihn fast wie eine Art Auszeichnung zu sein. Die Durchsuchungsprotokolle, in denen alles aufgelistet wird, was die Polizei mitgenommen hat, das sind Trophäen. Die landen auch oft im Chat. Also quatschen kann ich heute auf jeden Fall nicht, weil, wie gesagt, ich hatte eine Hausdurchsuchung. Die haben mir 22 Sachen aus der Bude mitgenommen.

Und meine CD, Ewiger Jude, meine Hakenkreuztasse haben sie aber dagelassen, Wichser. Ganz oben steht also Kevin, der sich selbst als Führer bezeichnet. Dann gibt es andere, die Kevin offenbar untergeordnet sind. Die übernehmen Moderationsaufgaben im Chat und nennen sich Gauleiter. Diesen Begriff, den kenne ich noch aus dem Geschichtsunterricht.

Gauleiter, das waren regionale Parteiführer in der NSDAP. Darüber standen nur noch die Reichsleiter und ganz oben Adolf Hitler. Wen sich die Kinder hier im Chat als Vorbild nehmen, ist also kein Geheimnis. Bevor jemand in die LVW-Gruppe aufgenommen wird, gibt es eine Art Sicherheitsvorkehrung. Zugang bekommt man nur über einen Link. Und den geben nur bestimmte Leute weiter, eben die Gauleiter.

Sie übernehmen Kontrolle darüber, wer rein darf und wer nicht. Und sie stellen sicher, dass sich niemand einschleicht. Jemand von der Antifa zum Beispiel. Oder die Polizei. Oder, naja, eine Journalistin. So wie ich. Ich musste am Anfang nur ein paar Fragen beantworten. Und dann war ich drin. Vielleicht habe ich mich einfach gut angestellt. Oder sie waren zu sorglos. Wie auch immer.

Diese Gauleiter übernehmen aber nicht nur die Rolle von Türstehern. Sie haben auch feste Positionen innerhalb der Gruppe. Richtige Funktionen. Da ist zum Beispiel Elias. Gerade mal 15 Jahre alt. Der ist nicht nur Gauleiter, sondern auch Propagandaminister. Er schneidet Videos für Social Media, bastelt rechte Memes, die dann über TikTok und Instagram verbreitet werden.

Die anderen Gauleiter sind Yannick und Justin, die ihr schon kennt. Und dann gibt es noch Tina aus Sachsen. Aber nochmal zurück zu Kevin, dem sogenannten Führer. Er gibt in der Gruppe nicht nur die Richtung vor, er macht auch ganz klar, was er von seiner Gruppe erwartet. Kameraden, dieses Wochenende möchte ich die Aktion sehen.

Also, das ist ja nicht das erste Mal, dass wir aufgefallen haben, dass wir uns das sehen wollen und es ist nicht passiert. So, und wenn was passiert, es waren es ein, zwei Leute. Ich danke nochmal an euch, dass ich wenigstens euch das zu Herzen genommen habe. So, aber ich bin jetzt kein Neuen, der mir sagt, ja, nee, ich hab heute Husten und Schnoppen, deswegen kann ich heute nichts machen.

Ich möchte dieses Wochenende irgendein Resultat sehen. Ich möchte dieses Wochenende sehen, dass einer von euch überhaupt mal irgendwas machen will. Es ist mir scheißegal, was ihr macht, aber ihr macht irgendwas. So viel ist für mich an dieser Stelle klar. Wenn in dieser Gruppe von Aktionen die Rede ist, dann geht es nicht um harmlose Dinge.

Es geht um Straftaten, sowas wie Briefkästen sprengen oder Menschen zusammenschlagen. Und die Opfer, die sind gezielt ausgewählt. Meistens Menschen mit Migrationsgeschichte, queere Leute oder Menschen, die sich einfach politisch engagieren. Aber eben auf der anderen Seite. Aber eigentlich reicht es schon, wenn jemand in ihren Augen nicht deutsch genug ist.

Und Kevin heizt die anderen echt an. Ach ja, und eine Sache noch, Kameraden. Wir sind stark, wir sind viele, wir sind überall. Wir sind in Deutschland, wir sind in Norwegen, wir sind in Österreich, wir sind in der Schweiz. Also lasst euch davon nicht unterkriegen. Vergesst nicht, wir tun alles für dieses Land, wir tun alles für unser Volk.

Wir versuchen aktiver zu sein. Wir versuchen Freiheitskämpfer zu sein. Wir sind keine Patrioten, wir sind auch keine Rechten. Wir sind rechtsradikal und wir tun alles dafür, dass dieses Land frei wird. Wer also dazugehören will, muss Straftaten liefern. Und am besten mit Beweisfoto oder Videoclip. Auf einem der Videos habe ich schon gesehen, wie Justin ein Wahlplakat der Linken von einer Laterne reißt und es auf den Boden wirft.

Im Chat feiern sie das. Und das macht mir Sorgen. Denn früher oder später wird wohl auch von mir erwartet, dass ich etwas beitrage. Bis jetzt bin ich noch unauffällig unterwegs. Ich schreibe hier und da ein paar harmlose Nachrichten. Einfach, um nicht als inaktiv aufzufallen. Aber ich spüre den Druck.

Zeigt einfach, dass ihr da seid, dass ihr was macht. Und dass ihr nicht einfach nur in der Gruppe seid, um zu sagen, ihr seid Mitglied in der LVW. Da gehört mehr dazu. Ihr habt euch alle die Regeln durchgelesen. Ihr wart alle mit den Regeln einverstanden. Also möchte ich auch von euch was sehen. Nicht nur, dass alle einverstanden waren. Die anderen in der Gruppe machen auch mit.

Also jetzt ist wieder eine aktive Umwandlung, dass ich wieder aktiver werde. Und dass auch wieder von mir Aktionen kommen. Und das wird nicht nur rumstückend sein wie vor ein paar Wochen. Also jetzt kommen ordentliche Aktionen auch von mir. Ich tue wirklich alles, was in meiner Macht steht. Aber mach das mal, wenn du 15 bist und eine strenge Mutter hast. Ich darf nach 18 Uhr nicht raus.

Das alles ist wirklich absurd. Ich komme mir manchmal vor wie in einem Film. Eben noch reden sie von Aktion, also von Gewalt. Und im nächsten Satz darüber, dass sie Hausarrest haben. Wenn ich all das lese und höre, dann muss ich an das Experiment die Welle denken. Vielleicht kennt ihr den Film mit Jürgen Vogel.

Ich habe ihn vor ein paar Jahren gesehen und ich habe die Szenen gerade direkt im Kopf. Das Verrückte ist, dieses Experiment hat es wirklich gegeben. Ende der 60er-Jahre wollte ein Geschichtslehrer in Kalifornien seinen Schülerinnen und Schülern beweisen, wie schnell aus einer normalen Klasse eine Diktatur entsteht, wie im Nationalsozialismus.

Ein paar Regeln, ein gemeinsames Symbol, Gruppendruck. Und plötzlich wurden alle mitgerissen. Wer nicht mitgemacht hat, wurde ausgegrenzt, sogar bestraft. Aus ganz normalen Jugendlichen wurde in kürzester Zeit eine verschworene Einheit. Genau diese Dynamik spüre ich jetzt. Nur, dass die Gruppe nicht mehr die Welle heißt, sondern letzte Verteidigungswelle.

Mir fällt noch was anderes auf. Immer wieder zwischen den Nachrichten tauchen Videos auf. Auf einem sieht man, wie ein großer Böller irgendwo auf einem Parkplatz gezündet wird. Da rennen zwei Jungs lachend davon. Die sind völlig geflasht, wie heftig die Explosion war. Ich habe das Gefühl, die üben. Für was, weiß ich noch nicht.

Und immer wieder kommen da Nachrichten, die lauten, was in der Gruppe passiert, bleibt auch in der Gruppe klar. Es ist mittlerweile Dezember 2024. Es ist ein kalter Wintertag. Ich sitze an meinem Schreibtisch und habe mein Handy in der Hand. Seit Wochen bin ich jetzt schon dabei. Getarnt als Isabel. Ich scrolle durch den Chat. Wie eigentlich jeden Tag.

Sieg Heil, Kameraden. Da bin ich wieder. Bin endlich aus dem Knast. Ist schön, wieder bei euch zu sein. Wegen was warst du weg? Die Bullen haben meine Wohnung gestürmt, haben mein Zimmer gesehen und ja, dann war ich für eine lange Zeit weg. Aber jetzt bin ich wieder da und bereit, weitere Aufträge der LVW zu vollenden.

Was genau war da? Wie lange warst du im Knast? 17 Hakenkreuzflaggen, 3 Bilder von Hitler, ein Porzellankopf von ihm und eine Rede von ihm an meiner Wand in der alten deutschen Schrift. Man hat es von außen gesehen. War ein und einen halben Monat. Hm? Bei sowas sind die Bullen schnell, aber wenn so ein K***envieh auf unsere deutschen Mitbürger losgeht, berichten nach einer Woche weder die sozialen Medien noch die Nachrichten darüber.

Am Anfang läuft alles wie immer. Und das Erschreckende ist, dieses wie immer fühlt sich schon fast normal an für mich. Das sind Hitlerwitze, Memes über Auschwitz, Hakenkreuze und dazwischen belangloses Geplauder über Schule, Hausdurchsuchung oder das Leben als Teenager. Ich stumpfe selbst langsam ab. Und das geht echt erschreckend schnell.

Aber dann wird es plötzlich hektisch in der Gruppe. Jungs, Yannick und meine Aktion steht überall im Netz. Naja, und dabei musst du bedenken, das ist ja nur das mit dem Asylantenheim und mit dem Laimstätte. Ich habe ja noch die Unterführung und den Skatepark. Dass daraus kommt, sind dann gleich wieder neue Sachen drin.

Das ist wieder Yannick, der mich damals in die WhatsApp-Gruppe eingeladen hat. Und jetzt scheint er wirklich etwas gemacht zu haben. So eine Aktion, die sogar schon auf verschiedenen Seiten im Netz auftaucht. Yannick, der schickt einen Link in die Gruppe. Altenburger Land. Unbekannte werfen Stein in Scheibe von Flüchtlingsunterkunft.

Und ein anderer, der wohl auch bei dieser Straftat dabei war, schickt noch einen Link. 1.000 Euro Belohnung im Altenburger Land. Schmölln sucht Graffiti-Schmierer. Alter, ist das geil, Leute. Alter, ist ja übel krass. Das ist ja mal übel das krasse Ding, Alter. Einfach ein scheiß Kopfgeld auf mich gesetzt.

Ist das radikal, ey, Jungs. Siegheil und fette Beude. Er prallt richtig damit, dass die Presse jetzt über ihn berichtet. An eine Unterkunft für Geflüchtete hat er anscheinend unter anderem den Spruch, Juden raus und ein Hakenkreuz gesprüht. Außerdem hat er eine Scheibe eingeschlagen, zusammen mit einem Freund.

Jetzt sucht die Stadt nach den Tätern. Na, Alter, das muss ich dir nicht mal vorstellen, wie dumm die überhaupt sind, da ein Kopfgeld draufzusetzen. Das ist ein absoluter Schwassin. Und das ist nämlich ein Kopfgeld. Die Aufmerksamkeit gefällt ihnen. Dann steht die Scheiße wegen der Klinischen Jörerei, steht überall im Netz und haben sogar noch ein Kopfgeld rausgehauen.

Sind die denn eigentlich komplett behindert? Was ist denn mit der Gesellschaft passiert? Die gehören doch alle vor Gas, Alter, alle abgeschlachtet, Junge. Beim nächsten Mal spreng ich das scheiß K*** heim in die Luft, dann weiß ich nicht, was dann passiert, vielleicht fliegen dann nur Kampfhelis über Schmollen, um mich zu suchen oder so.

Ich sitze da, mit Kopfhörern auf, und lasse mir diese ganzen Sprachnachrichten durch den Kopf rauschen. Eine nach der anderen, als Journalistin. Junge, die soll man nicht übertreiben, die Presse sind die größten Lügenschweine, die es eigentlich gibt. Es ist doch nur noch zum Kotzen, was hier abgeht, Alter. Wenn dir, ohne Scheiß, da könnte ich mich fünfmal wiederholen, aber wenn da hier die Dreckspotzen kann, unsere deutschen Mitbürger abstechen und mach's wie es ist, Alter. Da wird hier nichts gemacht, Alter.

Wie gesagt, wenn mich immer fragen sollte, ich weiß von nichts. Also, easy. So, ich hol mir ein Adibi. So ist es nicht. Ich hab's dann schon meine Leute, die dann sagen, hier, ich war zu dem Zeitpunkt gar nicht da. Ich war da und da und dort und dort. So, wenn ich das kurz und knackig mache, weißt du.

Dieses Mal bin ich besser vorbereitet als beim ersten Mal. Ich hole mir ein Alibi, sagt Yannick. So, als wäre das alles ein Spiel, bei dem er sich im Notfall immer wieder rausreden kann. Aber Yannick ist noch nicht fertig. Er schickt ein Video. Ich klicke drauf. Das Video ist dunkel, verwackelt. Man sieht ein größeres Gebäude. Es ist offensichtlich Nacht.

Zwei vermummte Gestalten schleichen sich heran. Plötzlich fliegen Böllerraketen gegen die Fenster und die Fassade. Es blitzt mehrmals auf und ich höre das Echo der Explosion und die beiden rennen davon. Wenige Minuten später schreibt Yannick. Die Aktion war auch geil, Jungs. Warte mal, ich muss erstmal checken, was ich da überhaupt gesehen habe gerade.

Mein erster Gedanke ist, dass das Haus eine Geflüchtetenunterkunft sein muss. Also fange ich an zu recherchieren. Ich weiß ja, dass Yannick aus Thüringen kommt. Ich habe also auf der einen Hälfte von meinem Bildschirm einen Screenshot aus dem Video und auf der anderen Seite verschiedene Fotos von Unterkünften aus der Gegend.

Ich schiebe die Bilder immer wieder nebeneinander. Und nach ein paar Minuten bin ich mir sicher. Das Gebäude da im Video, das ist tatsächlich eine Unterkunft für Geflüchtete. Mitten in Schmölln in Thüringen. Yannicks Heimatstadt. Später erfahre ich, dass sie sogar den Plan hatten, die Böller durch die Fenster in die Unterkunft zu schießen, sodass das Haus Feuer fängt.

Außer ein paar eingeschlagene Scheiben ist aber nicht viel passiert. Zum Glück. Wir kommen in den Knast, wenn das rauskommt, ne? Das weißt du. Ach, wenn wir die Füße stillhalten und wir keine Anspielung drauf machen oder irgendwem was erzählen, sind wir fein raus. Fakt, wir geben uns gegenseitig ein Alibi, wenn es dazu kommen sollte.

Und ansonsten gucken, was wird. Das ist jetzt für eine Woche ein großes Ding und dann redet eh keiner mehr darüber. Kurz darauf klingt sich Elias in den Chat ein. Der 15-Jährige aus Brandenburg, der sich Propagandaminister nennt. Elias will offenbar mit den anderen mithalten. Ich habe mehr Artikel. Und ich habe auch die Bild-Zeitung irgendwo.

Aber euer ist für auch geil. Er schreibt, dass es seine Aktion sogar in die Zeitung geschafft hat. Was er genau damit meint, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber auf die Eitelkeit von Menschen ist meistens Verlass. Denn jetzt mischt sich auch Justin ein, der Berufskraftfahrer aus Sachsen. Und gemeinsam mit Elias plant er wohl eine Aktion.

Also eine Straftat. Aber unseres wird geiler. Dann nochmal danach nach Senftenberg. Gern. Es muss wenigstens Ehentoten geben. Dann aber Plastikhandschuhe und Kennzeichen ab. Senftenberg. Das ist eine Stadt in der Lausitz in Brandenburg. Und hier planen sie anscheinend etwas. Etwas, bei dem, so schreiben sie, mindestens ein Mensch sterben soll.

Ob das wirklich ihr Ernst ist? Ob sie tatsächlich davon reden, jemand umzubringen? Ich weiß es nicht. Nachfragen kann ich gerade nicht. Das wäre viel zu auffällig. Aber mein Gefühl ist, dass mich diese Nachrichten noch länger beschäftigen werden. Seit Wochen tauche ich ab in diesem Chat. Tag und Nacht lese, höre, beobachte ich, was die da schreiben.

Es sind so viele Stimmen, dass ich irgendwann selbst beginne, an allem zu zweifeln. An der Welt, an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit. Manchmal auch an mir selbst. Immer wieder frage ich mich, bringt das überhaupt etwas, was ich hier tue? Ist das, was hier passiert, wirklich echt? Oder redet hier einfach nur eine Horde Wichtigtuer und ich verschwende meine Zeit?

Solche Gedanken kennen wahrscheinlich viele Journalistinnen und Journalisten, weil keiner weiß, wo so eine Geschichte am Ende hinführt. Aber meine Entscheidung steht fest. Ich bleibe drin und spiele weiter mit. Kameraden, bräuchte mal kurz eure Aufmerksamkeit. Habt da ne Idee. Bei mir in Salzgitter gibt's ein K***enheim. Das muss weg.

Wer wäre dabei? Müssten die Aktionen noch planen? Hier klinke ich mich als Isabel ein. Und ich frage, was hast du vor? Erst Fenster einschlagen, dann Mollys rein. Und wenn die rausrennen, dumm und dämlich schlagen. So, dass sie sich nie wieder auf die Straße trauen. Wenn's sein muss, bring ich die auch um.

Ich lese das und ich denke mir, Alter, was geht hier ab? Der spricht davon, Menschen umzubringen, dumm und dämlich schlagen, Molotow-Cocktails in ein Haus zu werfen. Ein paar Minuten später mischt sich Elias ein, der 15-Jährige. Geht ganz einfach, Fenster weg, dann kannst du alles anzünden. Ist nicht schwer, hab's oft gemacht.

Dann schickt Elias ein Video. Es kann nur einmal angesehen werden. Das ist eine spezielle Funktion bei WhatsApp. Also nehme ich schnell mein zweites Handy und fülle mir den Bildschirm ab, damit ich es später noch einmal ansehen kann. Ich klicke drauf. Der Clip dauert gerade mal 13 Sekunden. Ich sehe einen Jugendlichen, ein eher schmächtiger Typ in einem militärischen Tarnanzug und einer Sturmhaube.

Das Gesicht ist komplett verdeckt. Dann Schnitt. Er läuft auf ein Gebäude zu. Wieder ein Schnitt. Er holt mit einem Hammer aus, schlägt eine Fensterscheibe ein. Dann beugt er sich vor und spritzt eine Flüssigkeit durch das Fenster. Nächster Schnitt. Plötzlich brennt es. Überall Flammen an den Wänden. Das Feuer frisst sich nach oben.

Und dann brennt der Junge weg. Hinter ihm steht das ganze Haus in Flammen. Dazu hämmert diese Technomusik im Hintergrund. Ich muss echt erstmal durchatmen. Dann kommt noch ein Video von Elias. Ich klicke wieder drauf. Das Video ist hochkant, mit dem Handy gefilmt. Die Qualität ist schlecht, das Bild ist verwackelt und es ist dunkel.

Es zeigt den Blick in einen Garten, in dem eine Deutschlandfahne weht. Man hört ein leises Flüstern, als hätte der, der filmt, gerade selbst ein bisschen Schiss. Im Hintergrund heult eine Sirene, die die Feuerwehr alarmiert. Und dann schwenkt die Kamera kurz nach vorne auf den Tisch. Da steht eine halbvolle Fanta-Flasche und daneben liegen kleine Schnapsfläschchen.

Dann ist das Video zu Ende. Moment mal, diese beiden Videos hängen offenbar zusammen. Auf beiden Videos ist es nachts. Auf dem einen brennt ein Gebäude, auf dem anderen ruft die Sirene die Feuerwehr. Beide Videos stammen von Elias. Ich frage mich, was ist das für ein Haus? Und war das wirklich der 15-jährige Elias, der es angezündet hat?

Für alle, die jetzt schon wissen wollen, wie es weitergeht, wechselt rüber zu RTL Plus oder Stern Plus. Dort könnt ihr schon alle sechs Folgen Braune Kinderzimmer am Stück hören. Braune Kinderzimmer ist eine Produktion von RTL Plus. Danke an das Podcast-Team von RTL Plus. Besonders an Redaktion und Sounddesign, die diesen Podcast möglich gemacht haben.

Geschrieben und gesprochen von mir, Angelique Geray. Die Musik kommt von The Vibe. Braune Kinderzimmer ist eine Recherche von Stern und RTL.

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