RTL+ True Crime Time: Braune Kinderzimmer· Staffel 11· Folge 3

#3 Braune Kinderzimmer: Die Brandstifter

Mittwoch, 15. Juli 2026 · 35 min

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Shownotes

Während die Polizei von einem technischen Defekt ausgeht, folgt Reporterin Angelique der Spur selbst – bis zur ausgebrannten Ruine. Doch was als Recherche beginnt, wird immer gefährlicher. Und plötzlich steht nicht nur die Wahrheit auf dem Spiel, sondern auch ihre eigene Sicherheit.
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Bevor es losgeht, ein wichtiger Hinweis. In diesem Podcast hört ihr echte Auszüge aus Chats und Sprachnachrichten. Sie enthalten rassistische, antisemitische und menschenverachtende Inhalte. Die Namen wurden geändert, die Stimmen mit KI verfremdet. Der Inhalt ist aber echt. Wenn ihr mit der nächsten Episode nicht bis nächste Woche warten wollt, alle Folgen Braune Kinderzimmer gibt es jetzt schon auf RTL Plus und Stern Plus.

Es ist der 15. Dezember 2024, als ich auf das Video klicke, das Elias in den Chat geschickt hat. Elias ist 15 Jahre alt, aus Brandenburg und Mitglied der LVW, der letzten Verteidigungswelle. Eine mutmaßlich rechtsextreme Terrorgruppe, in der ich vor einigen Monaten gelandet bin. Auf dem Video sehe ich einen vermummten Typen, der in einem Tarnanzug vor einem Haus steht.

Er wird dabei gefilmt, wie er eine Scheibe einschlägt und eine Art Brandbeschleuniger in das kaputte Fenster kippt. Das Haus steht in Flammen und der Vermummte rennt weg. Und darunter ist diese Technomusik. Könnte das auch irgendwie gefälscht sein? Vielleicht ist das einfach KI generiert, ein bearbeitetes Video, das nur so aussieht.

Aber ich habe es so oft angesehen. Frame für Frame. Pause gedrückt. Nochmal. Wieder Pause. Auch wenn das Video viel zu hektisch geschnitten ist und man nie das ganze Gebäude sieht, die Details, wie die Scheibe eingeschlagen wird, das sieht real aus. Ich bin Angelique, ich bin Investigativreporterin bei RTL.

In diesem Podcast tauchen wir ein in eine verstörende Welt von jugendlichen Neonazis, die sich radikalisieren und sogar Anschläge planen. Und ich war undercover mittendrin. Ihr hört Braune Kinderzimmer, eine Produktion von RTL Plus. Das ist Episode 3, die Brandstifter. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich im Chat eher zurückgehalten.

Aber jetzt halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich tippe und frage als Isabel. Hey Jungs, was brennt denn da eigentlich? Kurz darauf antwortet mir Yannick mit einer Sprachnachricht. Das ist ein altes Kaffee gewesen, was Zecken gekauft haben und Elias hat es halt nie da gebrannt. Der klingt total gelangweilt und erzählt mir einfach so nebenher, dass ein 15-Jähriger ein Kaffee angezündet hat.

Und dann meldet sich Elias auch noch selbst. In Uhr 24 hab ich's angezündet, in Uhr 49 ging Sirene, da war ich schon wieder heme. Jetzt ergibt das zweite Video mit der Sirene Sinn. Elias ist also nach der Tat nach Hause gekommen, hat sich im Garten seines Hauses zurückgezogen, Und hat in unmittelbarer Nähe noch mitbekommen, wie die Feuerwehr alarmiert wurde.

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und rauche, obwohl ich das eigentlich drin nie mache. Aber ich bin so aufgekratzt und will wissen, welches Haus zur Hölle in diesem Video brennt. Also mache ich das, was wahrscheinlich alle machen, wenn sie Fragen haben. Ich mache Google auf und ich tippe. Großer Brand, Haus Brandenburg. Großer Brand in Brandenburg-Kaffee.

Kaffee, das hatte ja Janik in der Sprachnachricht gesagt. Aber ich finde nichts. Dann versuche ich es mit Restaurant, Jugendclub und ich suche nach eher linken Veranstaltungsorten in der Gegend. Und dann stoße ich tatsächlich auf eine Polizeimeldung aus Brandenburg. Die wurde Ende Oktober 2024 veröffentlicht.

Es geht um einen Brand, der ziemlich genau zu dem Video passen könnte, das Elias geschickt hat. Aus bislang unbekannter Ursache war dort ein Brand im Kulturhaus ausgebrochen. Die Löscharbeiten der Feuerwehr konnten in den Vormittagsstunden abgeschlossen werden. Das Haus wurde durch die Flammen jedoch fast vollständig zerstört.

Verletzt wurde bei dem Brand niemand. Kriminaltechniker sind mit den Ermittlungen zur Brandursache beauftragt, die andauern. Der bislang absehbare Sachschaden beläuft sich auf mehrere hunderttausend Euro. Mehrere hunderttausend Euro Schaden heißt es da. Ein ganzes Gebäude abgebrannt. Dann finde ich eine weitere Pressemitteilung der Polizei.

Am Donnerstagnachmittag konnten die Kriminaltechniker ihre Spurensicherung zur Brandursache am Kulturhaus beenden. Nun liegen auch erste Erkenntnisse zu den Ergebnissen der Untersuchung vor. Dabei wurden keine Hinweise auf eine Brandstiftung festgestellt. Vielmehr scheint ein technischer Defekt als Brandursache wahrscheinlich.

Was? Es wurden keine Hinweise auf Brandstiftung festgestellt? Da wird von einem technischen Defekt geschrieben. Die Spurensicherung sei abgeschlossen. Aber ich habe doch das Video gesehen. Ich habe die Nachrichten von Elias gelesen. Ich muss da hinfahren und mir das selbst angucken. Es ist kalt. Ich bin heute mit einem Kameramann und einem Tonassistenten unterwegs.

Wir dokumentieren zu diesem Zeitpunkt vorsorglich alles, um später eventuell eine Doku daraus zu machen. Wir sind in Altdöbern. Das ist ein echt ruhiger Ort im Süden von Brandenburg. Hier leben gerade mal 2000 Menschen. Dorfidylle. Das kommt mir vertraut vor. So sieht es bei mir daheim auch aus. Als wir ankommen, schauen wir uns erstmal dort um.

Vor mir steht ein großer, alter Gebäudekomplex. Und gleich gegenüber ist ein Waldkindergarten. Von vorn sehe ich nicht viel, nur ein orangenes Schild, auf dem steht Bar. Also gehen wir einmal um das Haus herum. Die Wände sind gelb gestrichen. Unten verläuft eine Reihe roter Backsteine. Doch vom Innern ist kaum noch etwas übrig.

Ich gucke durch ein zerbrochenes Fenster. Das ist auf jeden Fall total zerstört. Man sieht auch hier alles abgebrannt. Da steht überhaupt nichts mehr. Wahnsinn. Das ist komplett eingestürzt. Das war nicht irgendein Haus oder Café, das war der Kultberg. Also so wurde das Gebäude genannt. Ein Ort mit echt langer Geschichte.

Ein ehemaliges Schützenhaus, über 100 Jahre alt. Und viele Jahrzehnte war das das kulturelle Herz der Region. Zu DDR-Zeiten kamen an den Wochenenden hunderte Menschen her. Die haben Blues-Konzerte veranstaltet oder Hochzeiten gefeiert. Jugendwein und sowas. Also ein Ort für Musik, Gemeinschaft und Freiheit. Mitten in dem manchmal echt tristen Alltag der DDR.

Dann, 2019, hatte ein Paar aus dem Ort das Gelände gepachtet. Alles renoviert und als Jugendclub und Veranstaltungsort wieder zum Leben erweckt. Als Kultberg eben. Bis zum 23. Oktober 2024, als das Gebäude in Flammen aufging. Oh, krass. Das ist echt alles zerstört. Das Dach ist eingestürzt. Die riesigen Holzbalken liegen verkohlt und wild durcheinander in der Ruine.

Im Inneren steht kaum noch was. Ich sehe verkohlte Feuerlöscher, Stühle und den Rest einer Bühne. Es ist schwer, mir vorzustellen, dass hier mal Leute getanzt, gelacht und gefeiert haben. Was ich mir aber noch viel weniger vorstellen kann, warum zündet jemand so ein Haus an? Ich stehe mit meinem Handy an einer Ecke, die mir aus dem Video bekannt vorkommt.

Da ist auch besonders viel Ruß über dem Fenster. Das ist richtig schwarz. Ich würde jetzt mal schauen, ob man rausfinden kann, wo dieses Feuer entstanden ist. Auf diesem Video. Da sieht man jemand stehen an einem Fenster. also diese fenster hier das stimmt auf jeden fall also das ist die richtige seite vom gebäude und dann ist da ein, grauer sims das stimmt auch, und das muss an einer ecke sein, dieses video wurde auf jeden fall hier aufgenommen und hier ist dieser, junge mann gestanden also man sieht hier jemand mit sturmhaube mit tarnhose hat eine flasche in der hand wahrscheinlich mit brennbaren, mit brennbarer Flüssigkeit und schlägt mit einem Hammer genau diese Scheibe ein.

Und hier hat es angefangen zu brennen. Es passt wirklich alles. Das ist genau das Haus, das ich im Video brennen sehe. Es war wirklich Glück, dass hier niemand ums Leben gekommen ist. Die Pächter, dieses Ehepaar, haben in der Brandnacht direkt nebenan geschlafen. Die Feuerwehr konnte im allerletzten Moment das angrenzende Wohnhaus retten.

Eigentlich wäre jetzt der nächste Schritt, mit dem Pächterpaar zu sprechen. Wir haben uns auch getroffen und geredet. Aber sie wollen in diesem Podcast nicht auftauchen. Nur so viel kann ich sagen. Als ich ihnen das Video gezeigt habe, waren sie geschockt. Und sie haben mich gebeten, damit zur Polizei zu gehen.

Denn die Ermittler sind bisher zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen, was die Brandursache betrifft. Also laufe ich erstmal weiter durch den Ort. Jeder hier kennt das Kulturhaus. Es war schließlich das Einzige in der Gegend. Dann treffe ich eine Frau. Sie möchte anonym bleiben. Als ich ihr erzähle, was ich vermute, dass der Brand vielleicht von einer rechtsextremen Jugendgruppe gelegt wurde, schaut sie mich lange an.

Dann zeige ich ihr das Video. Ziemlich eindeutig. Ja? Ja. Das ist dieses Haus? Ja. Man sieht hier ja auch auf diesem Bild hier zum Beispiel. Ja, das könnte hinten sein, die Rückseite. Hinter dem Haus, ne? Ja, also das eine könnte auch die Straße sein, Hofwirtz, ja. Die Frau ist vielleicht Mitte 40 und steckt in einer dicken Daunenjacke.

Es ist echt richtig kalt heute. Und als sie sich das Video anschaut, sehe ich sofort, das geht ihr richtig nahe. Ihr Gesicht wird ernst. Sie schüttelt eigentlich nur mit dem Kopf. Ich meine, dass das Haus ist von, ich glaube, vor 1900. Da ist einfach auch unglaublich viel Geschichte weg damit. Es ist, wie es ja hieß, auch nicht mehr wieder aufbaubar. Also es ist kaputt.

Es ist weg, es wird abgerissen. Es existiert nicht mehr. Da sind 100 Jahre Lebensgeschichte von unglaublich vielen Menschen vor. In den Flammen aufgegangen. Das ist auch das, was den Leuten hier im Ort durch mageren Beinen ging. Da ist meine Geschichte gerade abgebrannt. Meine Jugend, meine Jugendfeier, meine Hochzeit.

Da haben sich Leute kennengelernt, die noch zusammen sind seit Jahrzehnten. Sie kennt den Ort wie ihre Westentasche. Wohnt eigentlich schon ewig hier. Und sie sagt, hier in Altdöbern hat sich was verändert. Gerade bei den Jüngeren. Das erinnert mich auch so ein bisschen an frühere Jahrzehnte. Also ich sag mal, die Kleidung nähert sich ja auch langsam wieder an, hat man das Gefühl. So nach drei sind die Jungs gar nicht mehr unterwegs.

Und am Ende sitzen sie Sonntag irgendwie bei Mutti am Mittagstisch. Sie meint damit die Jugendlichen, die wieder mit Bomberjacken und Springerstiefeln unterwegs sind. Auch hier. Ich glaube, teilweise wird so eine Gesinnung hausgemacht hier in der Gegend. Das ist so süß. Also vielleicht jetzt nicht in dieser Radikalität, aber dass man sich hier für irgendwas schämt, was vor ein paar Jahren war, oder dass man irgendwie ein Bewusstsein dafür hat, das glaube ich nicht.

Also die meisten Leute, die frei raussprechen, gehen in die Richtung. Welches Haus wird denn als nächstes angezündet? Ist das mein eigenes? Ist das das meiner Eltern oder meiner Kinder? Da kommen so viele Sachen zusammen. Es ist schwer, das zu begreifen, dass so etwas hier stattfindet. Ich muss echt lange darüber nachdenken, was die Frau aus Altdöbern erzählt hat.

Sie meinte ja, das erinnert sie an frühere Jahrzehnte. Heute weiß ich, was sie damit meint. Aber ich bin 1992 geboren, also damals noch viel zu jung, um zu checken, was eigentlich passiert ist. Sie spricht über das, was man heute die Baseballschlägerjahre nennt. Wie war das eigentlich damals? Spulen wir zurück in die 90er.

Die Mauer ist weg. Deutschland seit kurzem wieder eins. Helmut Kohl ist Kanzler. Und heute ist ein großer Tag in der deutschen Geschichte. Wir alle haben für diesen Tag gearbeitet. Wir haben ihn herbeigesehen. Die Love Parade zieht hunderttausende Menschen durch Berlin. Die Bravo liegt in jedem Jugendzimmer. Tamagotchis und Gameboys piepen in den Händen von Kids.

Und das Internet? Das war für viele neu. Alle sitzen vor MTV und Viva. Das Beste aus den deutschen Top 100. Heute 14 Uhr bei Viva. Es ist eine Zeit voller Aufbruchsstimmung. Jetzt beginnt endlich etwas Neues, etwas Besseres. Viele träumen von mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten, einem richtigen Neustart.

Aber gleichzeitig liegt auch Unsicherheit in der Luft. Gerade im Osten bedeutet die Wende nämlich nicht nur Aufbruch, sondern auch tiefe Brüche. Die Fabriken schließen, die Jobs verschwinden, es gibt Massenarbeitslosigkeit. Und viele Familien rutschen in Existenzangst. Egal ob sie Politiker hier auf der Erde oder himmlische Mächte anrufen, es gibt nur wenig Trost für die Millionen, die von der Rekordarbeitslosigkeit betroffen sind.

Plötzlich steht vieles Kopf. Leute, die jahrzehntelang auf sichere Arbeit vertraut hatten, verlieren innerhalb weniger Monate alles. Es ist dieser gegensätzliche Mix, der die 90er ausmacht. Auf der einen Seite Offenheit, Party, Lebenslust. Auf der anderen Seite Verunsicherung und Wut. Vor allem gegen Ausländer. Dem wurde Geld zugesteckt, ihr braucht nicht Arbeit, nichts.

Und wir im Prinzip als Deutsche waren hier die zweite Garnitur, die wir ja sowieso sind. Und ich glaube, den Namen hier auch aller zu sprechen, dass wir froh sind, dass sie raus sind, hier die Ausländer. Also auch mit Gewalt? Ja, natürlich. Geht am schnellsten. Habt ihr ja gesehen. Sonst reden können sie alle. Die Stadt und alles kann reden, aber das dauert ewig.

Aber wenn sie mit Gewalt auftreten, dann geht es innerhalb von ein, zwei Wochen. Diese Aufnahmen sind aus dem Jahr 91. In Hoyerswerda in Sachsen. Steine fliegen, Scheiben zerspringen. Rechte Gruppen belagern tagelang die Wohnheime und Busse von DDR-Vertragsarbeitern aus Vietnam und Mosambik. Die terrorisieren die Menschen regelrecht. Und die Polizei? Kaum präsent.

Und dann, nur ein Jahr später, Rostock-Lichtenhagen, das Sonnenblumenhaus. Die Bilder der Fassade gehen um die Welt, aber nicht wegen der Blumen, sondern weil das Haus in Flammen steht, während rund 100 Menschen noch darin eingeschlossen sind, angezündet von Neonazis. Und draußen stehen Leute und klatschen.

Und dann noch Mölln. Solingen. Die Liste ist echt lang. Für viele ist das traumatisch. Bis heute. Und jetzt, mehr als 30 Jahre später, brennt ein Kulturhaus in Altdöbern in Brandenburg. Wahrscheinlich angezündet von einem 15-jährigen Rechtsextremen. Gepostet und gefeiert in einer WhatsApp-Gruppe, die sich Letzte Verteidigungswelle nennt.

Ich habe also dieses Video von der Brandnacht. Und die Polizeimeldung, in der aber von einem technischen Defekt ausgegangen wird. Also gehe ich zur Polizei. Darum haben mich ja die Pächter des Kulturhauses gebeten. Aber das ist gar nicht so einfach. Wochenlang werde ich nur vertröstet, weitergereicht, ständig neue automatische Ansagen.

Der gewünschte Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später noch einmal. Ich hatte das Gefühl, niemand will wirklich wissen, was auf meinem Handy ist. Und dann, endlich. Eine Beamtin vom Staatsschutz meldet sich und will mit mir sprechen. Dringend und persönlich. Es ist Anfang Januar 2025. Ich habe ein schlechtes Gefühl, als ich in die Polizeistation laufe.

Ich weiß nicht, warum genau. Stell dir vor, ich sitze in einem Raum. Grauer Linoleumboden. Aktenstapel. Und jetzt ist da diese Beamtin vom Staatsschutz gegenüber von mir. Ich erzähle ihr über die LVW. Die Gruppe kennt zu dem Zeitpunkt eigentlich noch niemand. Ich sage ihr offen. Ich recherchiere undercover in der Gruppe.

Und mein Name oder meine Adresse darf auf gar keinen Fall irgendwo auftauchen. Ich erinnere mich noch genau. Sie lehnt sich zurück, guckt mich an und sagt ganz ruhig. Frau Geray, machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin unsicher, ob sie weiß, wie ernst das alles ist. Das Gespräch mit der Beamtin vom Staatsschutz könnt ihr euch merken.

Das wird später noch wichtig. In der Chatgruppe der LVW, so ist mein Gefühl, da braut sich währenddessen etwas zusammen. Ey ihr Assis, ich will zu den Tschechen. Wo sonst bekomme ich einen Schlagring her? Wäre geil, wenn es übernächste Woche passiert. Na, an sich, wegen dem Schlagring weiß ich jetzt nicht, ob die das dort haben, weil Elias und ich wollten eigentlich was anderes holen, für das, was für nichts geplant ist, weil ich es nämlich gar nicht mehr abwarten kann, dass wir eigentlich so schnell wie möglich zu den Tschechern rüber, dass wir das durchziehen können, weil lange es jetzt immer noch zeitig.

Es wirkt, als würden sich Yannick, Elias und Justin verabreden. Irgendwas planen. In Döbeln gibt's welche. Ich geb mal die Adresse. Und Nummer vom Laden kommt noch nach, weil der Typ auf Termin verkauft. A.k.a. er hat alles. Döbel bringt die vier. Wäre halt gut für Yannick, dass der sein Schlagring bekommt.

So, und kriegt Janik erst meinen. Nehm ich halt wieder einen guten alten Basie. Dann ist so das Ding. Weil jetzt von Seetnitz hinter dann wieder nach Düben fahren, so viel Sprit hab ich mal wieder ohne ihn. Uhrzeit? Ich bin 9.43 Uhr Dresden Hauptbahnhof. Dann bin ich 9.30 Uhr dann beim Hauptbahnhof. Bahnhof. Und dann kommt da dann Elias gegen um 10 Uhr irgendwann.

Um 10 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof. Schon in ein paar Tagen. Wie immer läuft in diesem Chat alles chaotisch ab. Wild durcheinander, schnell, voller Themensprünge. Ich kriege nur Bruchstücke mit. Niemand schreibt klar, was die machen wollen. Und gerade das macht mich nervös. Dann fahren wir rüber, fahren wir ungefähr eine Stunde, bis in der ersten Ebene zu.

Dann tue ich mein Auto wieder ein bisschen abseits hinzustellen, in der Hoffnung, das zahlt dann auch 100 tatsächlich. Genau, das soll halt dann fix rüberfahren, eine Saig holen, dann wollen wir es halt machen. Okay, die reden davon, nach Tschechien zu fahren. Elias, Justin, Yannick und seine Freundin.

Zu so einem Grenzmarkt, wo man alles kaufen kann. Böller, Klamotten und Zigaretten. Aber eben auch Waffen. Zuerst reden sie nur über einen Schlagring, den sie kaufen wollen. Das ist zwar verboten, aber jetzt auch nicht so krass, denke ich. Dann schickt Elias schon mal seine Bestellliste für die Einkaufsfahrt.

Muss viermal Pueblo Braun mitnehmen. Packung 50 Gramm zweimal, Packung 10 Gramm einmal, Kugelbomben, Messer. Moment mal, Messer und Kugelbomben? Das macht mich dann doch neugierig. Ich muss ehrlich gesagt kurz online nachsehen, was genau Kugelbomben sind. Die Meldungen rund um Silvester klangen jedenfalls heftig.

Berichte über schwere Unfälle, teilweise sogar mit Todesfolge. Diese Kugeln sind große, sehr kraftvolle Feuerwerkskörper. Keine harmlosen Böller. In Deutschland sind solche Teile nicht legal zu kaufen. Nur für Profis, die damit Großfeuerwerke veranstalten. Auf Grenzmärkten im Nachbarland sollen die aber leichter zu bekommen sein.

Bin wohl schon ziemlich voll. Treffen, Tschechien, Fußball, Panzer fahren. Ach, und Straftat mit Just. Da freu ich mich ja da meist drauf, du Assi. Wenn du die so reden hörst, dann denkst du vielleicht, das ist doch nur Gelaber. Das sind ja fast noch Kinder und die wollen sich ein bisschen aufspielen. Das lohnt sich nicht.

Ich denke das auch zuerst. Und mein zweiter Gedanke ist, Bingo. Wenn die sich verabreden, fahre ich mit. Vielleicht kriege ich dann raus, was die genau wollen und ob die das ernst meinen, was die hier schreiben und sagen. Außerdem geht es bei so einer Recherche auch darum, Vertrauen aufzubauen. Und Vertrauen kann ich einfach besser aufbauen über persönlichen Kontakt.

Also schreibe ich in den Chat, ob die für mich, also Isabel, noch einen Platz im Auto haben. Hey Isa, ja, ist noch Platz? Vorher wollen sie noch ein Foto von mir und telefonieren. Ganz so leichtgläubig sind sie offenbar doch nicht. Ich bin ein bisschen aufgeregt. Das ist sowas wie der erste richtige Test.

Ich wühle mich durch meine Fotos. Ich recherchiere ja schon länger in der rechtsextremen Szene. Daher finde ich schnell eins. Da stehe ich in Bomberjacke neben einem Polizisten. Mein Gesicht ist halb verdeckt von einem Schlauchschal. Da laufen wir gerade zu einem Rechtsrockkonzert. Ich schicke das Bild ab.

Kurz danach klingelt mein Handy. Okay, es geht los. Die Gruppe ruft an. Das am Telefon, das sind also meine neuen Kameraden von der LVW. Das Gespräch dauert fast 20 Minuten und ist ziemlich wirr. Die erzählen, dass sie auf dem Weg nach Tschechien noch einen Mann, von dem sie glauben, dass er pädophil sei, bei sich zu Hause überfallen und zusammenschlagen wollen.

Was ich mir auch überlegt habe, wenn dann einer von euch beiden Frauen den ablenkt, könnte doch einfach einer von hinten kommen. Ich habe ja auch Strick und alles da. Wir nehmen den einfach in den Mangel. Ich komme von hinten, nehme den Strick dort um den rum und erwürge den. Das klingt für mich wie eine Verabredung zum Mord.

Natürlich haben wir das sofort gemeldet. Ich wusste ja mittlerweile, wer das potenzielle Opfer sein muss und wo die Person lebt. Ich halte mich bei dem Gespräch zurück. Keiner scheint bisher Verdacht zu schöpfen. Wir erinnern uns. Ich bin viel älter als die anderen. Das scheint die aber nicht zu stören oder zu beunruhigen.

Ich bin zum Glück nicht aufgeflogen. Das ist erstmal die Hauptsache. Aber ganz ehrlich, ich bekomme langsam echt ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Ich frage mich, wann hört jugendliche Spinnerei eigentlich auf? Und ab wann reden wir hier über echte Terrorvorbereitung? Es geht ja immer noch um diese Kugelbomben und die Nachricht, dass ein Mensch bei einer Aktion sterben muss.

Ich meine, wie gefährlich sind diese Leute wirklich? Um das herauszufinden, muss ich sie treffen. Ein paar Tage später fahre ich mit dem Zug nach Dresden. Von dort soll ich mit Justin und den anderen weiter nach Tschechien. Ich bin in meinem Hotelzimmer. Ich gehe nochmal meine Sachen durch und checke meine versteckte Kamera, die ich bei unserem Treffen tragen werde.

Also, Karten sind drin. Ich spreche in mein Handy, weil ich, ganz ehrlich, langsam Panik bekomme. Es ist echt alles ziemlich heikel, weil es auch heute an diesem Tag einfach so viele Variablen gibt, die wir noch nicht kennen. Tja, am Ende muss man wahrscheinlich spontan reagieren. Ich werde mich auf jeden Fall zurückhalten.

Ich versuche mich als so eine Art Beobachter zu sehen. Ich werde nicht zu viele Fragen stellen, weil das auffällig ist. Die riechen das, wenn jemand die versucht auszuspionieren. Keine Sorge, ich mache das nicht allein. Klar, der Gedanke, zusammen mit ein paar Neonazis im Auto nach Tschechien zu fahren und dort vielleicht Kugelbomben und andere Waffen zu kaufen, das macht mir auch Angst.

Und ihr könnt euch vorstellen, wie meine Mutter auf diese Nachricht reagiert hat. Ich weiß nicht, was auf dieser Fahrt passiert. Ich meine, was ist, wenn die meine versteckte Kamera entdecken? Wie die funktioniert und wo die versteckt ist, darf ich natürlich hier nicht erzählen. Betriebsgeheimnis. Trotzdem, ich wäre allein nur unter Neonazis, die einen Plan haben und sich mit Waffen eindecken wollen.

Deshalb habe ich meinen Kollegen Markus eingeweiht. Als Unterstützung, aber vor allem für ein bisschen Sicherheit und das Wissen, im Zweifel nicht ganz auf mich allein gestellt zu sein. Der Plan ist klar. Ich steige gleich bei Justin ins Auto. Meine Kollegen fahren unauffällig hinterher. Ich habe meinen Live-Standort an, damit sie sehen können, wohin wir fahren.

In dem Wagen sollen gleich noch weitere LVW-Mitglieder sitzen. Yannick aus Thüringen, mit dem mein Weg in die letzte Verteidigungswelle anfing, seine Freundin und Elias aus Brandenburg, der 15-Jährige. Eigentlich müssten die jetzt alle schon im Zug sitzen, auf dem Weg nach Dresden. Ja, eigentlich. Denn um 9.40 Uhr, da bin ich schon unterwegs zum Treffpunkt, ploppt eine Sprachnachricht im Gruppenchat auf von Justin.

Und die klingt nicht gut. Wichtig jetzt mal bitte sofort. Alle Annika und Janik entfernen. Der Janik hat den SEK-Einsatz. Ich habe gar keine Zeit dazu und alle am besten die Nummer von Yannick oder Annika Nöschen. Das wurde mir gerade zurückhalten von Annika. Die haben Handys, alles, sie haben die ganze Chubra.

In dem Moment bin ich sprachlos und ich denke mir, scheiße. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber mit einer Razzia, genau an dem Tag, an dem ich mit der LVW nach Tschechien fahren sollte, damit nicht. Und als ob das nicht reicht, klingelt mein Handy. Es ist die Frau vom Staatsschutz. Die, die mir noch gesagt hatte, ich soll mir keine Sorgen machen.

Sie erzählt mir, dass es heute zwei Razzien gab, in Thüringen und in Brandenburg, also bei Yannick und Elias. Warum jetzt? Ich habe ihr doch gesagt, dass ich noch aktiv in dieser Gruppe recherchiere. Und die Krönung? Später erfahre ich dann über meinen Anwalt, meinen Namen und meine Adresse sind irgendwie in der Ermittlungsakte gelandet.

Wahrscheinlich durch die Frau beim Staatsschutz. Und das ist heftig. Ich habe dieser Frau vertraut. Wenn Name und Adresse in solchen Akten landen, dann heißt das in der Praxis, diese Daten, die landen nicht nur bei Anwälten, sondern früher oder später auch bei genau den Leuten, über die ich gerade recherchiere.

Bei Rechtsextremen. Neue Nachricht von Justin. Okay, also zurück zum eigentlichen Plan. Ja, ich bin 10, 15 Minuten da. Hat ein bisschen länger gedauert bei mir, weil ich musste noch danken fahren. Kannst du mir dann einen Standort schicken, damit ich weiß ungefähr wo, weil ich weiß jetzt nicht, wo das Orion ist. Deswegen danke.

Die Razzien schrecken Justin offenbar nicht ab. Er will trotzdem nach Tschechien fahren. Was ihr hier hört, das ist der Ton aus der versteckten Kamera. Ich bin sowieso schon am Treffpunkt. Also ziehe ich es durch. So wie Justin. Ich stehe vor einem Sexshop hinter dem Dresdner Hauptbahnhof. Und meine Kollegen, die warten im Auto schräg gegenüber.

Und dann sehe ich ihn. Justin. Schon von Weitem. Groß, Glatze, schwarze Springerstiefel, Bomberjacke, hellblaue Jeans und eine randlose Brille. Bis zum nächsten Mal. Für alle, die jetzt schon wissen wollen, wie es weitergeht, wechselt rüber zu RTL Plus oder Stern Plus. Dort könnt ihr schon alle sechs Folgen Braune Kinderzimmer am Stück hören.

Braune Kinderzimmer ist eine Produktion von RTL Plus. Danke an das Podcast-Team von RTL Plus. Besonders an Redaktion und Sounddesign, die diesen Podcast möglich gemacht haben. Geschrieben und gesprochen von mir, Angelique Geray. Die Musik kommt von The Vibe. Braune Kinderzimmer ist eine Recherche von Stern und RTL.

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