
RTL+ True Crime Time: Braune Kinderzimmer· Staffel 11· Folge 5
#5 Braune Kinderzimmer: Im Führerbunker
Mittwoch, 29. Juli 2026 · 47 min
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Shownotes
Ein abgelegener Feldweg bei Dresden. Eine Gartenlaube mit dem Schild „Führerbunker“. Und ein Neonazi, der zum Waffentraining einlädt. Investigativ-Reporterin Angelique fährt allein zu Justin – dem Mann, der einen Anschlag auf ein Geflüchtetenheim plant. Am Lagerfeuer spricht er von „Vernichtung“ und bewundert Hitler.
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Bevor es losgeht, ein wichtiger Hinweis. In diesem Podcast hört ihr echte Auszüge aus Chats und Sprachnachrichten. Sie enthalten rassistische, antisemitische und menschenverachtende Inhalte. Die Namen wurden geändert, die Stimmen mit KI verfremdet. Der Inhalt ist aber echt. Wenn ihr mit der nächsten Episode nicht bis nächste Woche warten wollt, alle Folgen Braune Kinderzimmer gibt es jetzt schon auf RTL Plus und Stern Plus.
Ich verstehe es immer noch nicht, warum der Staat bei uns so durchgreift. Aber bei den Asylanten, die unsere Landsmänner abstechen, oder was weiß ich, oder Anschläge oder Terror, was weiß ich, da wird nichts gemacht. Deswegen, die dürfen sich da 15 Minuten, ja, du, du, du anhören, dann dürfen sie wieder gehen, die K***.
Und wenn wir, die bösen Nazis, oh nein, die bösen Nazis, komm, wenn wir mal irgendwie protestieren oder irgendwas Falsches sagen, ein Zag-Essig, Haarstürm, die Bude. Ein Drecksland ist es hier geworden. Man kann es nur noch so sagen. Irgendwann wird irgendjemand in diese Gruppe reinkommen, der richtig mies gefickt wird. Daraufhin werden wahrscheinlich in ganz Deutschland Nazis hast genommen und dann wird es riesengroß in der Zeitung stehen.
Gefährdung der Demokratie, bla bla bla bla. Keine Panik. Morgen um 12 Uhr wird die alte Gruppe gelöscht, um unsere Spuren ein wenig zu verwischen. Das, was ihr hier hört, ist ein Chatverlauf zwischen Mitgliedern der letzten Verteidigungswelle. Die Stimmung ist ziemlich angespannt. Nach den Razzien vor wenigen Tagen haben sie zur Sicherheit eine neue WhatsApp-Gruppe aufgemacht.
Eigentlich sieht sie aus wie die alte, mit dem Generalchat, den Untergruppen und so weiter. Nur, dass einige Mitglieder aussortiert wurden, weil sie zu inaktiv waren. Und andere wurden gekickt, weil sie verdächtigt wurden, Spitzel zu sein. Denn schließlich hat irgendjemand Informationen an die Polizei weitergegeben.
Wie gesagt, die Polizei ist in unserem alten LVW-Tretterlein, noch nicht in den neuen. Da werden sie wahrscheinlich nicht reinkommen. Ich bin keine Polizistin, ich bin Journalistin. Und mittlerweile gehöre ich zum Kern der LVW. Das glauben sie zumindest. Sie nennen mich Isa und sie denken, ich bin eine von ihnen. Aber ich weiß, dieses Spiel kann ich nicht mehr ewig weiterspielen.
Leute, Fakt ist, dass wir ein Spitzel unter uns haben. Ja, aber vergiss nicht, egal wie groß jemand seine Fresse aufreißen kann, jeder hat ein brennbares Haus. Ich habe keine Lust, dass das Haus, in dem ich wohne, das nächste ist, das brennt. Sollte ich auffliegen? Noch verdächtigt mich, also Isabel, niemand. Aber jeden Morgen, wenn ich das Handy entsperre, halte ich kurz die Luft an.
Eigentlich warte ich nur darauf, dass jemand schreibt, Isa, wir wissen, dass du der Spitzel bist. Aber diese Nachricht kommt nicht. Denn ich habe während meiner Recherche Vertrauen aufgebaut. Vor allem zu Justin, dem 21-jährigen Berufskraftfahrer aus Sachsen. Mit ihm war ich vor einigen Wochen in Tschechien. Da hat er Kugelbomben besorgt.
Für einen Anschlag auf ein Geflüchtetenheim. Er will das mit Elias machen, seinem 15-jährigen Freund. Aber Elias antwortet nicht mehr auf seine Nachrichten. Und es gibt seit dem Tag der Razzia auch kein Lebenszeichen von ihm im Chat der LVW. Justin und die anderen denken, Elias hat Hausarrest oder Handyverbot von seinen Eltern bekommen.
Nur ich weiß, warum er nicht antwortet. Er sitzt in Untersuchungshaft. Wenn sich Elias nicht mehr melden sollte, werde ich die Aktion alleine durchführen, die geplant war. Justin will das trotzdem durchziehen. Und ich muss das verhindern. Ich bin Angelique. Ich bin Investigativreporterin bei RTL. In diesem Podcast tauchen wir ein in eine verstörende Welt von jugendlichen Neonazis, die sich radikalisieren und sogar Anschläge planen.
Und ich war undercover mittendrin. Ihr hört Braune Kinderzimmer, eine Produktion von RTL Plus. Das ist Episode 5 im Führerbunker. Es ist Ende Januar 2025. Auf meinem Handy ist eine neue Nachricht. Das Training, was wir machen, die Fight Night, die ist erst so Richtung Sommer geplant. Da wollen wir es auch machen.
Technikkampf mit Schlagstock, Schlagriegen, Messer, alles Mögliche. Dass du weißt, wie die Technik dazu ist. Das ist eine Sprachnachricht von Justin aus Sachsen. Gauleiter der LVW. Und er plant eine Art Waffentraining für die Mitglieder. Vorerst nur im kleinen Rahmen. Bei sich zu Hause, in der Laube, die er mit seinem Stiefvater bewohnt.
Kommst du dann zu mir? Justin lädt mich einige Wochen nach unserer Fahrt nach Tschechien zu so einem Waffentraining ein. Allerdings allein, weil die anderen keine Zeit haben. Ich soll also zu ihm kommen, zu ihm nach Hause, in diese abgelegene Laube, von der er mir erzählt hat, für ein Waffentraining.
Außerdem würde an diesem Tag Dynamo Dresden spielen, sein Lieblingsfußballclub. Und das könnten wir ja zusammenschauen, schreibt er. Ja, Justin scheint mir wirklich zu vertrauen. Sonst hätte er mir nie so offen von seinen Plänen mit Elias erzählt, das Geflüchtetenheim anzuzünden und von dem angeblichen Mord.
Im ersten Moment denke ich, Jackpot. Endlich ist die Einladung da. Das, worauf ich wochenlang hingearbeitet habe. Aber gleichzeitig denke ich mir, allein mit Justin, in irgendeiner Laube, die nicht mal eine Adresse hat. Aber zuerst muss ich ihm antworten. Also tippe ich. Okay, cool. Klingt gut. Du könntest zur Not auch in meiner Laube schlafen.
Das will ich auf keinen Fall. Schon die Vorstellung, als Frau allein mit einem gewaltbereiten Neonazi in einer abgelegenen, kaum auffindbaren Laube zu sein, das ist ein Gefühl von Angst, das ich vorher noch nie hatte. Justin ist mir körperlich weit überlegen. Der ist mindestens einen Kopf größer und breit gebaut.
Und ich erinnere mich, dass er auf der Fahrt nach Tschechien immer wieder erzählt hat, wie hemmungslos er auf Leute einschlagen kann, wenn eine Sicherung bei ihm durchbrennt. Ich halte mich schon für eine mutige Reporterin. Ich habe bisher einige riskante Situationen durchgestanden. Ich war auch ein paar Mal mit versteckter Kamera bei Rechtsextrem.
Aber diese Einladung, die fühlt sich anders an. Ich brauche mehr Information. Ich tippe wieder. Wie ist deine Adresse genau? Ich schicke dir dann einen Standort. Das ist echt verrückt. Ich weiß das. Und trotzdem habe ich zugesagt. Und ein Gedanke lässt mich nicht mehr los. Was ist, wenn das alles eine Falle ist? Was ist, wenn er weiß, dass ich nicht Isabel bin, sondern Angelique?
Und dass es bei diesem Treffen nicht um ein Training geht, sondern darum, mir etwas anzutun. In der Redaktion sitzen wir deshalb in endlosen Sicherheitsbesprechungen. Wir gehen jedes mögliche Szenario durch. Auch die, die mich beim Hören schon erschrecken. Was passiert, wenn da in der Laube mehrere Nazis auf mich warten?
Was, wenn Justin mit den Waffen, die er zu Hause hat, mir etwas antun will? Was, wenn er versucht, mich zu überwältigen? Ich erinnere mich an einen Kollegen, der irgendwann gesagt hat, Wenn dir da drin etwas passiert, dann kann dir eigentlich niemand helfen. Dieser Satz bleibt bei mir hängen. Vielleicht, weil ich weiß, dass er recht hat.
Es ist der 8. Februar 2025, einen Samstag um kurz vor sieben. Ich bin in Dresden und sitze auf dem Bett in meinem Hotelzimmer. Ich habe kaum geschlafen. Es ist noch dunkel, die Vorhänge sind zugezogen. Gestern Nacht gegen zwei Uhr habe ich Nachrichten von Justin bekommen. Ich bin noch etwas verpennt und spreche zur Dokumentation in mein Handy.
Also er hat mir was geschickt, die Nachrichten hat er wieder gelöscht. Und ansonsten hat er mir jetzt einen Standort geschickt. Justin hatte vor wenigen Stunden Feierabend. Er hat mir seinen Live-Standort geschickt, damit ich später seine Laube finde. Das ist ja total verrückt. Das ist total abgelegen.
Und das soll die Adresse sein, wo ich hin soll. Boah, das sieht überhaupt nicht gut aus. Ich sehe Justins Profilbild. Daneben ein kleiner grüner Punkt. Da steht Standort aktiv. Ich tippe drauf und zoome näher ran. Ein kleiner See liegt ganz in der Nähe. Aber keine Häuser und kein Dorf weit und breit.
Der einzige Zugang führt über einen Feldweg, der in einer Sackgasse endet. Dahinter beginnt dichter Wald. Ich habe also nur diesen Punkt auf der Karte. Irgendwo hinter Dresden. Und ich weiß, dort soll ich heute hin. Vorher bin ich mit zwei Sicherheitsleuten verabredet. Die sind sowas wie Personenschützer.
Einer trägt einen langen, grauen Bart und eine dunkle Mütze, tief ins Gesicht gezogen. Er wirkt grimmig. Der andere ist ruhig und wachsam. Ich hatte Ihnen schon vor ein paar Tagen von dem Treffen erzählt. Jetzt stehen wir an einer Landstraße und wollen ein letztes Mal besprechen, auf was ich achten muss.
Genau, also sobald sie dann Gefahr sehen, das kann ein Messer sein, ein Gegenstand, eine Gruppe von Menschen, die gefährlich die ganze Situation darstellen, dann sofort mit dem Code agieren und dann greifen wir zu. Der Code, den wir vereinbart haben, lautet, ich will jetzt nach Hause. Wenn ich das sage, wissen sie, es stimmt etwas nicht.
Mein zweites Handy bleibt während des gesamten Treffens auf einem laufenden Anruf. Das bedeutet, sie hören die ganze Zeit mit, während ich in der Laube bin. Das Handy habe ich an eine Powerbank angeschlossen. Und mein Standort ist geteilt. Ich muss also immer mal wieder auf die Toilette und checken, ob das alles noch läuft.
Es ist noch nicht ganz klar, wo dieses Treffen stattfindet. Er hat mir gestern, Abend bzw. heute Morgen einen Standort geschickt von sich. Du kannst es ja mal anschauen. Wir schauen uns auf dem Handy noch mal den Standort an und checken mögliche Zufahrten zur Laube und wie schnell im Notfall jemand dorthin gelangen könnte.
Ich guck auf die Uhr. So langsam müssen wir los. Der Plan sieht so aus. Der Kameramann, der Tonmann und die beiden Sicherheitsleute fahren mich bis zu dem Feldweg, den wir auf Justins Live-Standort sehen können. Ab da muss ich alleine weiter. Und jetzt rufe ich dich an, okay? Ja, und dann lassen wir das an. Dann lassen wir das an.
Und keine Panik, wenn es mal aufliegt, ich rufe dann wieder an. Wir sitzen im Auto und ich spüre, dass alle ziemlich angespannt sind. In so einer Situation war keiner von uns vorher. Ich hoffe wirklich, dass alles gut geht. Ich bin so aufgeregt, mir schlecht. Wir fahren ganz langsam von der Landstraße auf den Feldweg, der zu Justins Laube führt.
Mein Kameramann und der Tonmann haben sich hinten auf der Rückbank kleiner gemacht, falls ein Auto kommt. Gut, dann danke. Klappt schon. Wenn irgendwas ist, also ich sage es laut und deutlich, wenn irgendwas nicht passt. Vor meinen Kollegen wirke ich stark und furchtlos, weil ich nicht will, dass sie sich Sorgen machen. Aber mein Herz klopft.
Ich laufe den Feldweg entlang, an dem rechts und links Baumstämme liegen. Die Sonne scheint. In der Beintasche meiner Hose habe ich eine Bierdose eingesteckt. Ein Radler. Ich habe das zur Sicherheit mitgenommen, falls mir Justin was zu trinken anbietet. Ich will nichts von ihm annehmen. Vielleicht ist es paranoid, aber mir ist es lieber.
Mein Handy ist in meiner Bauchtasche, sodass das Team mithören kann. Und mein Standort ist für die nächsten acht Stunden geteilt. Das Team sucht sich in der Zwischenzeit mit dem Auto einen Platz ganz in der Nähe. Hier ist auch cool. Ja, hier ist auch cool. Hier wird ja jetzt keiner kommen. Mein Fußmarsch dauert etwa zehn Minuten. Ich sehe schon die Holzhäuser der Kleingartensiedlung vor mir.
Ich gehe durch ein Metalltor, das offen steht. Um die Ecke sehe ich schon Justins Auto an einem Baum geparkt. Der dunkelblaue Volvo mit der superlangen Antenne. Damit sind wir nach Tschechien gefahren. Ich stehe an einem Weg und schaue mich erst mal um. Links geht es an eine Lichtung, dahinter ist nur Wald.
Rechts von mir sind kleine Gartenlauben, Häuschen aus Holz. Eine ganze Reihe vor bis an ein Feld. Ich weiß aber nicht, welche dieser Lauben zu Justin gehört. Der Standort zeigt mir nur, dass es hier auf dem Weg sein muss. Hier ist kein Mensch. Ich muss ihn anrufen. Ich glaube, ich bin da, aber ich weiß nicht, ich sehe nur deine Karre. Es dauert nur ein paar Sekunden.
Dann kommt Justin aus der ersten Laube raus. Er läuft langsam Richtung Gartentor. Er trägt ein weißes T-Shirt, obwohl es furchtbar kalt ist. Darüber rote Hosenträger und eine ausgewaschene blaue Jeans. Dazu Socken und Badelatschen. In seinem Mundwinkel klemmt eine halb runtergerauchte Kippe. Wo hast du mich hingelockt?
Mir ist in diesem Moment nichts Besseres eingefallen. Ich sage es im Scherz, einfach um die Situation zu überspielen. Aber ich merke selbst, meine Stimme klingt panisch. Justin öffnet das Gartentor aus leicht verrostetem Metall. Wir umarmen uns kurz und eher zweckmäßig. Jetzt stehe ich in seinem Garten. Justin führt mich rum. Unkraut und Wildwuchs haben das Gelände überwuchert.
Zwischen Müllsäcken und Schrott steht eine verbogene Hollywood-Schaukel aus Eisen herum. Daneben stapeln sich Holzpaletten, in der Mitte eine Feuertonne. Auf dem Grundstück stehen zwei Häuschen. Cool. Ich erzähle ihm übrigens, dass mich eine Freundin gerade bis zum Feldweg gebracht hat. Justin führt mich zu dem linken Haus auf dem Gelände. Das ist aus Beton, das andere aus Holz.
Das ist ein Reich. Das ist ja krass. Justins Reich. Im improvisierten Wintergarten hängt eine Russland-Flagge, ein Plakat der jungen Alternative und ein weiteres mit der Aufschrift Division Sachsen. Im Durchgang steht ein Holzkohlegrill. Über der Tür zum Eingang des kleinen gemauerten Hauses hängt ein Metallschild in altdeutscher Schrift.
Darauf steht Führerbunker. Ich schiebe einen Vorhang im Türrahmen zur Seite. An der Wand über dem Fernseher hängt eine große Reichskriegsflagge. Hier drinnen riecht es modrig und es ist kalt. Justin erzählt, dass er in diesem Garten seit zwei Jahren wohnt. Er hätte zwar eine richtige Wohnung, aber da würde er nur zum Duschen hingehen.
Fließend Wasser gibt es hier schließlich nicht. Die Toilette muss man mit einer Gießkanne abziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum man hier freiwillig wohnt. Ja, spärlich eingerichtet. Aber es ist schon kalt, ne? Ganz blöd, warum pennt der nicht in der Wohnung? Wir brauchen ja eh eine Meldeadresse.
Ja, ja, ja. Aber es ist auch ein bisschen Sicherheitsaspekt. Justin nickt und zieht an seiner Zigarette. Die Hütte ist also so eine Art Versteck. Auf dem Boden liegen Matratzen, die kleine Küche ist vollgestellt. Während ich mich umschaue, beobachtet Justin mich. Er wirkt nervös. Vielleicht, weil er noch nicht weiß, wie er mich konfrontieren soll.
Oder weil ich vielleicht die erste Frau bin, die diesen Raum je betreten hat. Ich behalte Justin im Auge. Er stellt wie immer keine Fragen. Also versuche ich, ein Gespräch anzufangen. Geil! Und das hast du alles für dich? Ich fühle mich gerade ziemlich dumm. Aber was soll ich tun? Weiter fragen ist die einzige Möglichkeit, das Gespräch am Laufen zu halten, ohne dass wir uns nur peinlich anschweigen.
Außerdem muss ich herausfinden, wo auf diesem Gelände die Kugelbomben liegen, die Justin in Tschechien gekauft hat. Wir schweigen einen Moment. Dann spreche ich es einfach aus. Was sind die Bombenhände, die wir gekauft haben? Hier. Du musst das Bett noch beziehen. Justin macht eine Tür auf. Da steht ein Bett aus Spanplatten mit zwei Matratzen drauf.
Er zeigt mit der Hand unter das Bett. Ich gehe in die Hocke und greife drunter. Da liegt er. Der Schuhkarton. Da unter dem Bett liegen die Kugelbomben, immer noch eingepackt in der Plastikfolie. Okay, eigentlich habe ich jetzt alles, was ich brauche. Ich weiß, wo Justin wohnt. Ich weiß, wo die Kugelbomben liegen.
Meine versteckte Kamera hat alles aufgezeichnet. Eigentlich könnte ich jetzt gehen. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Das wäre zu auffällig. Justin lotst mich rüber in die andere Hütte, in der sein Stiefvater wohnt. Auch dort hängt wieder ein Metallschild über der Tür. Ich lese es im Vorbeigehen laut vor.
Führerhauptquartier, geil. Funktioniert die Kombination der Gurtzeit mit dem Ausrüst. Hallo. Ich trete durch die Tür also ins Führerhauptquartier und werde da von einem Schäferhund begrüßt. Der Raum riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Auf dem Boden stehen Bierkästen und der Fernseher läuft. Dynamo Dresden spielt.
Auf der Fälle fast wieder durch. Auf der Couch sitzt Justins Stiefvater, von dem er mir schon erzählt hat. Er trägt eine Schirmmütze. Hi. Ich bin der Adi. Grüß dich. Adi ist vertieft in die Glotze. Zu mehr als das kommt es zwischen uns erstmal nicht. Justin packt dann ein paar Sachen in der Hütte zusammen und macht sich ein Bier auf.
Oh Gott. Ich hole dann mein mitgebrachtes Bier aus meiner Hosentasche raus. Zum Wohl. Danach gehen wir zur Lichtung am Waldrand. Dort zündet er sich eine Zigarette an. Er gibt mir einen Schlagring in die Hand und stellt sich mir direkt gegenüber, vielleicht anderthalb Meter entfernt. Wann hast du das letzte Mal jemandem in den Schlagel geschlagen?
Noch nie wahrscheinlich. Eigentlich benutzt man das nicht, gell? Und wenn, dann war ich zu langsam, wo ich ihn mithatte. Wenn jetzt einer vor dir steht und er macht Stress, angenommen, er ist besoffen, machst du einfach mal diesen. Ohne Vorwarnung gleitet sein linker Fuß hinter mein Bein und gleichzeitig greift sein Arm mein Rücken.
Justin hätte mich jetzt leicht auf den Boden werfen können. Ich will gar nicht wissen, was meine Kollegen und die Sicherheitsmänner im Auto gerade denken. Jetzt einfach wegschlagen, nimmst den Arm hier runter und ziehst ihn. Oh krass, auch gut. Wenn der schnell macht, sagen wir mal besoffen. Da brichst du dem aber dann die Schulter auf jeden Fall. Ja, auskugeln.
Auskugeln, ja. Dann musst du mal gucken, wie ist der drauf. Wenn er besoffen ist und versucht wegzuschlagen, hat der eh nicht so die Schnelligkeit. Dazu musst du mit Schwung wegschlagen und somit kommt der Arm automatisch auch mit rum. Ah ja. Und den Moment musst du abgreifen, unten durch und über das Bein ziehen.
Ah ja, okay, okay. Mach mal du. So und dann? Genau. So. Jetzt mit dem Bein hier das Bein wegdrücken. Wieder so? Hm. Ah, okay. Mach mal. Ja. Okay, so und dann? Ah, okay, alles klar, ja. Das geht eine ganze Weile so hin und her. Ich versuche ihn umzustoßen oder mit der Faust zu treffen und er versucht mich umzustoßen.
Zwischen den Versuchen frage ich ihn, wann ich solche Techniken denn brauchen würde. Ich würde sagen, entweder mal zu Demos gehen oder sich einfach mal so treffen und nach Dresden zum Beispiel fahren und irgendwelche K*** zusammen kloppen. Ich frage weiter. Hast du nie Angst bei irgendwelchen Aktionen, dass du irgendwie erwischt wirst oder so?
Darüber mache ich mir keine Gedanken, weil entweder ich werde erwischt oder ich werde nicht erwischt. Mit Angst darf man so eine Aktion eigentlich gar nicht angehen. Du musst es halt im Hinterkopf behalten, dass du auch erwischt werden könntest und deswegen muss man sich halt vorher mal einen Plan machen.
Ich würde so gern wissen, was in ihm vorgeht, was er denkt, während er hier mit mir steht, mit einer deutlich älteren Frau, die ihn ununterbrochen mit Fragen löchert. Zurück an der Hütte verbindet Justin sein Handy mit einem Radio. Hier ist Lanza von Germany. Die verbotene Band Lanza werden wir für die nächsten Stunden anhören.
Mittlerweile hat er den Holzkohlegrill angemacht und wir halten die Hände Richtung Feuer. Es ist bitter kalt und Justin, der steht immer noch im T-Shirt da. Langsam taut er ein bisschen auf und redet. Er erzählt ein bisschen über sich, über seinen Beruf und dass er eigentlich was anderes machen wollte.
Sollst du schon immer Berufskraftfahrer machen? Nö, tatsächlich nicht. Eigentlich wollte ich Kfz-Mechatroniker-Fahrzeugaufbau machen. Aber dann kam Corona und das hat alles nicht so geklappt. Ich hatte eigentlich schon eine Lehrstelle gehabt in Kabinetts, aber es gingen leider nicht. Vieles in seinem Leben scheint nicht so zu klappen, wie er es sich gewünscht hätte.
Vielleicht hat das seine politische Haltung nicht nur geformt, sondern sogar noch verstärkt. Ich frage ihn ein bisschen provozierend. Was würdest du tun, wenn einfach alles nach dir gehen würde? Die ganzen K***en erstmal alle verrichten, die jetzt hier sind und nur Stress machen. Wie sieht es aus mit den Juden? Die kommen dann zum Schluss.
Das Beste kommt zum Schluss. Das Beste kommt zum Schluss. Ich wiederhole den Satz, weil ich es kaum fassen kann, was er sagt. Hitler sei, so sagt es Justin, so ein bisschen sein Vorbild. Dann fängt er an, über den Holocaust zu sprechen. Den systematischen Mord an rund 6 Millionen Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Regime.
Oder besser gesagt, er leugnet ihn. Die ganzen Geaskammern wurden nach praktisch von Amis gebaut. Nachträglich? Kurz nach dem Krieg wurden sie alle nachgebaut. Die Theorie habe ich jetzt noch nie gehört. Weil wir hätten am Tage über 100.000 Juden vergeißen müssen. In jedem Lager, die es gab. Kann ja sein, oder? Das schaffst du gar nicht. Bewiesen sind 271.000 und paar Zerquetschte.
Die sind bewiesen, die wirklich ums Leben gekommen sind. Mhm. Aber durch was? Das ist erstmal dahingestellt, aber definitiv nicht durchs Vergasen. Mhm. Die ganzen Lager waren Arbeitslager. Die hatten dort auch ihre Freiheiten gehabt. Die mussten halt nur arbeiten. Mhm. An dieser Stelle ist eine Einordnung wichtig. Der Holocaust ist ein historisch zweifelsfrei belegter Völkermord.
Dass Justin das leugnet, ist nicht nur komplett falsch, sondern in Deutschland auch eine Straftat. Aber er meint das ernst. Dann erzählt er wieder über die LVW. Er sagt, dass sie sich am NSU orientiere. Die rechtsterroristische Gruppe aus Thüringen ist also ihr Vorbild. Großer Fehler eigentlich. Was denn? Angst und Schrecken verbreiten.
Warum? Dann müssen die Leute für uns gewinnen. So wie es der Hitler gemacht hatte. Hitler? Ja. Ja, wie macht man es aber dann besser? Ja, erst mal so machen, wie er es gemacht hat. Lass mal Leute ins Parlament holen. Mhm. Jetzt ist ja bald Wahl. Was willst du? Ja, erst mal gucken, ob die AfD jetzt an die Macht kommt. Mhm.
Wenn die an die Macht kommen, erst mal gucken, wie die sich schlagen. Erst mal die leichten Parteien hochkommen. Ja. Erst mal bissl abworten, was sich jetzt so entwickelt. Wenn es weiter so blöckt, wie es hierzu läuft, dann müssen wir halt mal was machen. Er erklärt mir, was er unter Machen versteht. Für ihn bedeutet das nicht nur Gewalt, sondern einen Umsturz, einen Putsch, sagt er.
Justin gefällt sich in der Rolle des Strategen. Er erklärt, wie das ablaufen müsse. Die letzte Verteidigungswelle, seine Gruppe, müsse wie der NSU vorgehen. Parallel dazu müsse man den parlamentarischen Weg gehen. Parteien nach dem Vorbild der NSDAP in die Parlamente bringen und Menschen für sich gewinnen.
Zuerst mit der AfD, später mit noch rechteren, die nachrücken würden. Das zu hören ist komplett verstörend. Wir stehen am Feuer und trinken Bier. Mittlerweile hat er mir auch eins angeboten. Ich denke jetzt, es ist okay. Ich habe es immerhin selbst aufgemacht. Aus den Lautsprechern kommt gerade ein Lied, in dem von einem brennenden Asylheim gesungen wird.
Das ist die Singungsscham. Die Texte sind zynisch und sie passen genau zu dem, was Justin plant. Ja, würdest du wollen, dass dieses Haus ganz abbrennt oder einfach nur Angst machen? Wenn es richtig abbrennt, dann ist es besser. Aber dann wird es mit diesen zwei Bomben wahrscheinlich nicht hinhauen. Doch schon. Ja? Sollte eigentlich gehen.
Die haben ja auch Vorhänge drin und dann gucken wir mal, dass bisschen Glut da reinkommt. Du hast ja auch Betten drin, alles. Justin, der ist mittlerweile echt gut gelaunt. Er wirkt gelöst, er lacht und macht Witze und ist gar nicht mehr so schüchtern wie am Anfang. Und dann sagt er, er wolle mir noch was zeigen. Einen Trick, den er seinem Schäferhund beigebracht hat.
Der Hund wuselt zwischen seinen Beinen herum. Ich rechne jetzt mit Stöckchen zurückbringen oder sich totstellen. Das können ja viele Hunde. Ich rechne mit allem Möglichen, aber damit nicht. Billi, Heil Hitler, sehr fein. Was? Mach nochmal. Glaube ich nicht. Billi, Heil Hitler, sehr fein. Dein Hund macht, wenn du Heil Hitler sagst, den Also, Justin steht vor dem Hund, macht den Hitlergruß und sagt Heil Hitler.
Dann macht der Hund seine rechte Pfote nach oben, so als würde er zurückgrüßen. Er sitzt und macht den Arm hoch. Justin ist richtig stolz, als er mir das zeigt. Ich lache kurz und automatisch, wie man das manchmal macht, wenn man Sachen nicht lustig findet. Weil es absurd ist. Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll.
Der ganze Abend fühlt sich an wie ein schlechter Film. Eigentlich will ich nur nach Hause. Aber ich kann jetzt nicht gehen. Ich bin nun mal in meiner Rolle als Isabelle. Und ich muss mich jetzt zusammenreißen. Irgendwann, es ist schon dunkel, da gesellt sich Adi, Justins Stiefvater, doch zu uns. Adi ist vielleicht Mitte 50, recht klein, trägt einen Schnauzer und hat ein Bier in der Hand. Servus.
Hier ist es schön warm. Er antwortet mir nicht. Er starrt ins Feuer. Ich merke, dass er nicht weiß, was er von mir halten soll, oder ob er mir überhaupt etwas erzählen will. Dann, nach einer Weile, fängt er an zu reden. Er sagt, dass er zu DDR-Zeiten Ringer war. Später war er in der Hooligan-Szene und in der Neonazi-Szene.
Deswegen kommt unser Gespräch auch schnell auf die frühen 90er, die sogenannten Baseballschlägerjahre. Adi, Justins Stiefvater, war dabei. Als Neonazi. Heute erzählt er die Geschichten von früher. Und sein Stiefsohn Justin hört genau zu. Wie gesagt, die wilden 90er, so wie wir damals aufgewachsen sind, sind vorbei.
Deswegen musst du mir was beibringen. Ja, aber es geht mir nicht so, wie es damals bei uns ging. Ist doch scheißegal. Aber warum? Wir hatten damals ein Nadenfreierheit. Die Polizei hat mir nichts zu sagen. Wir haben gemacht, was sie wollten. Justin will wissen, wie es damals war. Wie es funktioniert hat.
Es klingt für mich so, als wolle er da weitermachen, wo sein Stiefvater damals aufgehört hat. Für Adi sind die Baseballschlägerjahre keine Schande, sondern eine nette Erinnerung. Vielleicht auch ein Stück Macht, die er da einmal hatte. Viele in Neustadt mit den Linken. Ja, das kennt ihr alles nicht mehr.
Damals noch in der Pragerstraße in Dresden. Sagt ihr das was? Da kamen dann so die Hütchenspieler und meistens Sonntags war bei uns so ein Sinnlos-Tag. Ja, da sind wir hinterfahrend und haben die ganze Pragerstraße aufgeräumt. Die Leute haben Applaus geklatscht. Ah, echt? Weil ihr die verkloppt habt? Ja, ja.
Er erzählt, dass sie in den 90ern losgezogen sind in die Dresdner Innenstadt, um Jagd auf Ausländer zu machen. Er nennt das Sinnlos-Tage, also Tage, wo sie einfach sinnlos Leute zusammengeschlagen hätten. Konkret redet er hier von Sinti und Roma. Die Straßen seien voll von Passanten gewesen und die hätten geklatscht, sagt er.
War da nicht auch dieses Rostock-Lichtenhagen da zu der Zeit, wo die dieses Flüchtlingsheim angezündet haben? Ja, das war Oha. Und dann war ja eben Hoyerswerda. Hoyerswerda, was war da? Da haben sie auch lang getrieben. Und da haben wir uns alle... Adi überlegt kurz, ob er mir diese Geschichte erzählen will und guckt in die Luft.
Oh, egal, ist eh vergührt. Wir wollten eigentlich nach Hoyerswerda, aber da haben sie uns nicht mehr reingelassen. Dann war noch Kiendorf, da hinten, da ist auch ein Asylantenheim. Ganz kurz zur Einordnung. Hoyerswerda ist eine Stadt zwischen Cottbus und Dresden und eine Stadt, die in die Geschichte eingegangen ist.
1991 gab es dort tagelang rassistische Ausschreitungen, eine Art Pogrom vor laufenden Kameras, unter Beifall von Anwohnerinnen und Anwohnern. Auch Adi wollte an diesem Wochenende im September 1991 mit seinen Kameraden dorthin, um mitzumachen. Wie habt ihr es gemacht? Das will er mir nicht erzählen, weil er Angst hat, dass ich es ihnen nachmache.
Wir sind vorzufahren, da passen wir Schanker, die haben mit zugemacht. Tja, dann kann keiner mehr aus und keiner mehr weinen. Keiner kam mehr rein, keiner kam mehr raus, sagt Adi. Was er dort genau gemacht hat mit seinen Kameraden, sagt er nicht. Aber er war auf jeden Fall dabei. Später recherchiere ich und stoße tatsächlich auf einen Fall, der zu Adis Geschichte passt.
In Thiendorf in Sachsen werden mehrere Menschen bei einem Brandanschlag auf ein Ausländerwohnheim verletzt. Der Angriff wurde von ca. 50 Jugendlichen verübt, die das Flüchtlingsheim so demolieren, dass es anschließend unbewohnbar ist. Acht Täter werden festgenommen. Das ist jetzt über 30 Jahre her. Ob Adi damals einer der Festgenommenen war, ich weiß es nicht.
Er sagt, er war im Gefängnis. Er musste Geldstrafen zahlen für verschiedene Sachen, wie er es nennt. Später erzählt er, dass sie für den Anschlag in Thiendorf jede Menge Zeugen hatten. Freunde, die ihm ein Alibi gegeben haben. Heute sagt Adi, das Ganze sei vielleicht nicht klug gewesen. Aber man hört ihm an, dass er nicht wirklich bereut, was passiert ist.
Und er sagt das, während Justin neben ihm steht, sein Stiefsohn. Und heute, im Jahr 2025, plant Justin in Senftenberg das Gleiche. Und da ist noch eine andere Sache. Justin und der angebliche Mord. Ihr erinnert euch. Er hat mir erzählt, dass er jemand erschossen haben will. Bei einem Streit hinter dem Dresdner Hauptbahnhof. Die Geschichte war recht vage.
Ich will ihn nochmal drauf ansprechen, aber ich warte noch. Ich suche den richtigen Moment. Justin hat heute Abend noch was mit mir vor. Dafür hat er extra gewartet, bis es ganz dunkel ist, wegen der Nachbarn. Er hat eine Waffe zu Hause und nennt sie Schrecki, also eine Schreckschusspistole. Er will sie mir zeigen, wahrscheinlich um zu flexen, um zu zeigen, dass er das kann.
Ist das so richtig laut? Ja. Echt? Eigentlich bräuchte man Gehörschutz. Ehrlich? Ja. Justin und ich laufen raus, auf die Lichtung, schräg gegenüber von der Laube. Es ist stockdunkel. Justin trägt einen kleinen Baustrahler vor sich her und bleibt an einem Baumstamm stehen. Dort legt er die Schreckschusspistole und die Munition ab.
Er fängt an, die Patronen in die Waffe zu fummeln. Seine Hände wirken ruhig und routiniert. In diesem Moment spreche ich einfach aus, was ich denke. Zeig mir mal, wie du auf den Typen gezählt hast. Ich habe eigentlich gar nicht gezählt. Aus Reflex vom Kumpel jetzt die Baffe genommen, Hand war nun abgetaucht.
Was Justin mir hier auftischt, diese Geschichte vom angeblichen Mord, die klingt echt dramatisch. Ich habe mit meinen Kollegen wochenlang dazu recherchiert und gesucht. Aber wir konnten keinen Hinweis finden, dass diese Tat wirklich passiert ist. Aber ganz ehrlich, ich habe das mal gegoogelt. Ich finde da nichts.
Findest du nicht? Die Bäume wollen das verheirlichen. Aber warum sollte das so sein? Weil eigentlich, guck mal, wenn jemand wirklich... Eigentlich ist es la glæde, dass es publik gemacht wird. Hast du es dir ausgedacht? Nee. Mir kannst du es sagen. Du, wirklich? Ich habe wohl schon übernächelang darüber nachgewerft, warum das nicht publik gemacht wird. Weil eigentlich, da kommt sofort so eine Meldung.
Guck mal, wenn wirklich jemand stirbt. Du sagst ja sogar zwei Leute. Aber vielleicht waren sie auch nicht tot. Das kann natürlich auch sein. Der eine war definitiv tot. Da hat sich niemand gerührt. Vielleicht ist das das Bild, das er gerne von sich selbst zeichnen möchte. Aber wir sind sicher, das stimmt nicht.
Zu diesem Schluss ist auch die Polizei gekommen. Nach fast sechs Stunden sage ich, dass ich los muss. Justin bietet mir noch an, in der Laube zu schlafen. Aber ich lächle und ich sage, dass meine Freunde schon auf dem Weg sind. Die würden mich gleich mit dem Auto auf dem Feldweg abholen. Ich sage zu ihm, ich kann heute nicht bleiben, weil wir noch was essen gehen.
Justin bringt mich sogar noch ein Stück, bis fast ganz zum Auto, in dem meine Kollegen sitzen. Ein paar Meter davor bleibe ich stehen und kann verhindern, dass er bis zum Auto geht. Dann verabschieden wir uns und er dreht um. Kommt. Allein. Hi. Hey! Die Tür fällt zu und ich spüre sofort, wie der Druck abfällt.
Alter, bin ich froh, dass ich in Sicherheit bin. Er hat jetzt kein Kennzeichen gesehen von uns. Doch, er hat Dresden gesehen. Auch ein Dresdner, aber nicht weiter. Also, das war auf jeden Fall heftig. Das ging jetzt auch ziemlich lang. Was ich besonders krass fand, ist die Sache mit dem Mord. Also, der hat mir das nochmal on detail erklärt, wie er das gemacht hat.
Das fand ich besonders verstörend. Dann ist er, dann hat er gefragt, ob wir mit seiner Schreckschusspistole schießen wollen, hat mir seine Schreckschuss, ey, habt ihr diesen Schuss gehört? Habt ihr die Schüsse gehört? Ja, ja, ja, ja, ja, krass, ey. Er hat mir dann nochmal die Waffen gezeigt, die er da hat, also Kugelbomben, hat mir dann nochmal erklärt, wie er dieses Flüchtlingsheim anzünden will, also das muss auf jeden Fall irgendwie Konsequenzen haben, das ist echt krass.
Das mit den Konsequenzen, das ist so eine Sache. Ich weiß ja, was Justin und seine Nazi-Freunde da vorhaben. Mein Problem ist gerade, ich weiß nicht, wie ich jetzt weitermachen soll. Ich hatte das noch nie, dass jemand einen Anschlag plant und mir vorher Bescheid gibt. Ich brauche jetzt erstmal Rat von jemandem, der das auch kennt.
Du arbeitest als Journalistin? Beobachtest du diese Szene und bekommst die Planung schwerster Straftaten mit. Du bekommst mit, dass jemand die Absicht nicht nur hat, in Anführungsstrichen ein Haus anzuzünden, sondern es muss mindestens ein Mensch sterben. Das heißt, du hast eine Tötungsabsicht. Ich glaube, da hört irgendwann die Rolle, die ich als professionelle Journalist, in deinem Fall professionelle Journalistin habe, dieses objektive Begleiten beobachten, daraus eine Geschichte machen.
Das hört dann irgendwann auf. Irgendwo ist eine Grenze. Und ich glaube, dann stellt sich tatsächlich die Frage, und deswegen ist auch das Team so wichtig, dass man damit halt auch spricht, was machen wir eigentlich in so einem Fall? Und es gibt Grenzsituationen, wo es darum geht, schlimmste Straftaten zu verhindern.
Das ist wieder André Aden von Recherche Nord. Den habt ihr in Episode 1 gehört. Ich sitze bei ihm im Wohnzimmer. André sitzt neben mir. Ich habe ihm von meinem Treffen mit Justin erzählt, von seinem Plan und meinen Eindrücken von der letzten Verteidigungswelle. So läuft es während meiner gesamten Recherche immer wieder. Ich komme an Punkte, an denen ich wirklich nicht mehr weiter weiß.
Also suche ich Rat bei André. Journalismus, gerade in dem Themenfeld, da geht es halt auch darum, um Straftatungen zu verhindern. Entweder im Nachhinein, indem wir darüber berichten, und dann versuchen präventiv damit zu sorgen, dass solche Strukturen nicht weiterkommen. Oder halt eben, wenn es ganz konkrete Anschlagsplanung ist, dann müssen wir halt andere Maßnahmen ergreifen.
Und das bis dahin, dass quasi Sicherheitsbehörden informiert werden. Aber es ist wirklich jedes Mal eine Diskussionsfrage. Also ich würde niemals sagen, dass man das per se machen sollte, aber das ist so ein konkreter Fall. Explizit gesagt wird, es muss mindestens ein Mensch sterben. Du hast die Waffen gesehen, die hat er in der Hand. Er schmuggelt sie illegal über die Grenze.
Das ist kein Scherz mehr. Das ist bitterer Ernst und da ist es ganz normal. Das ist eigentlich auch die, rein moralisch muss man intervenieren, auch von seinem Berufswegen her. Und ansonsten machst du dich halt auch strafbar, indem du halt eben Mitwissende bist. Ich sage André, dass ich natürlich keine Mittäterin sein will.
Ich bin ja Journalistin und will das aufdecken. Genau, und du wärst dann mitverantwortlich. Das heißt, an deinen Händen hätte Blut geklebt. Wenn da jemand gestorben wäre. Ich glaube, diese Frage, das wärst du ja nie wieder losgeworden, hätte ich das verhindern können? Hätte ich dafür sorgen können, dass dieser Mensch nicht gestorben ist oder lebensgefährlich verletzt, lebenslang entstellt, lebenslang irgendwie nicht mehr in der Lage, sein Leben selbstständig alleine zu meistern?
Und da wärst du mitverantwortlich gewesen. Und ich glaube, das ist etwas, was du als abseits deiner beruflichen Tätigkeit darüber hast. Es ist auch eine rein moralisch-menschliche Frage. Also willst du dich da mitverantwortlich machen, das mitzutragen? Auf dem Rückweg kreisen meine Gedanken immer wieder um das Gespräch mit André, um die Gruppe Letzte Verteidigungswelle und um die Pläne von Justin und Elias.
In der Redaktion sitzen wir mittlerweile stundenlang mit unseren Juristinnen und Juristen zusammen. Wir diskutieren, wägen ab, denken Szenarien durch. Was, wenn? Was dürfen wir sagen? Was müssen wir sagen? Niemand ist auf so eine Situation vorbereitet. Niemand. Ich habe Zugang zu allem. Ich habe die Pläne gehört. Ich habe die Chats gelesen.
Ich war dabei, als die Tatwaffen gekauft wurden. Wo hört meine Aufgabe als Reporterin auf? Und wo beginnt meine Verantwortung als Bürgerin? Meine Meinung ist, Reporter und Reporterinnen sind keine Hilfssheriffs. Ich bin also kein verlängerter Arm von Polizei oder Staatsschutz. Und ich will auch nicht, dass dieser Eindruck entsteht.
Das Misstrauen gegenüber Medien ist schon groß genug. Aber ich will auch kein Blut an meinen Händen. Und wie André gesagt hat, es gibt Grenzen. Auch im investigativen Journalismus. Und ich glaube, diese Grenze, die es jetzt erreicht. Justin muss irgendwie gestoppt werden. Ich will, dass er festgenommen wird.
Für alle, die jetzt schon wissen wollen, wie es weitergeht, wechselt rüber zu RTL Plus oder Stern Plus. Dort könnt ihr schon alle sechs Folgen Braune Kinderzimmer am Stück hören. Braune Kinderzimmer ist eine Produktion von RTL Plus. Danke an das Podcast-Team von RTL Plus, besonders an Redaktion und Sounddesign, die diesen Podcast möglich gemacht haben.
Geschrieben und gesprochen von mir, Angelique Geray. Die Musik kommt von The Vibe. Braune Kinderzimmer ist eine Recherche von Stern und RTL.