RTL+ True Crime Time: Braune Kinderzimmer· Staffel 11· Folge 4

#4 Braune Kinderzimmer: Justin und die Kugelbomben

Mittwoch, 22. Juli 2026 · 37 min

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Shownotes

Ein Treffpunkt vor einem Sexshop in Dresden. Ein alter Volvo. Und ein mörderischer Plan. Investigativ-Reporterin Angelique sitzt neben einem jungen Neonazi auf dem Weg zur tschechischen Grenze. Dort kauft er Messer, Schlagringe und zwei Kugelbomben. Zurück im Auto macht er ein Geständnis, mit dem niemand gerechnet hat. Wie gefährlich ist Justin wirklich?
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Bevor es losgeht, ein wichtiger Hinweis. In diesem Podcast hört ihr echte Auszüge aus Chats und Sprachnachrichten. Sie enthalten rassistische, antisemitische und menschenverachtende Inhalte. Die Namen wurden geändert, die Stimmen mit KI verfremdet. Der Inhalt ist aber echt. Wenn ihr mit der nächsten Episode nicht bis nächste Woche warten wollt, alle Folgen Braune Kinderzimmer gibt es jetzt schon auf RTL Plus und Stern Plus.

Na, hey. Grüß dich. Isa, hi. Hi, Justin. Na. Ich stelle mich als Isa vor. Das ist ja mein Tarnname. Wir geben uns die Hand. Justin ist angespannt. Und ich auch. Wir treffen uns zum ersten Mal. Hier, am Bahnhof in Dresden. Und ja, ausgerechnet vor einem Sexshop. Ich muss fast lachen. Nicht, weil es witzig ist, sondern weil ich so aufgeregt bin.

Das passiert mir manchmal, wenn ich nervös bin. Stresslachen nennt man das. Ich muss durchatmen. Justin ist viel größer als ich. Glatze, Springerstiefel, blaue Jeans, randlose Brille. Und er schaut oft auf den Boden. Justin ist anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich habe gedacht, der ist bestimmt so ein selbstbewusster, bulliger Typ.

Aber so wie er jetzt neben mir steht, wirkt er fast ein bisschen eingeschüchtert von mir. Yannick kommt nicht. Ich habe es gehört. Ich meine, es stimmt. Er nickt. Yannick, der aus Thüringen, kommt heute nicht, sagt Justin. Bei ihm gab es eine Razzia. Und das wäre jetzt richtig scheiße, sagt Justin. Für uns, also für die letzte Verteidigungswelle.

Er will aber trotzdem mit mir nach Tschechien fahren. Um Waffen zu kaufen. Ich bin Angelique. Ich bin Investigativreporterin bei RTL. In diesem Podcast tauchen wir ein in eine verstörende Welt von jugendlichen Neonazis, die sich radikalisieren und sogar Anschläge planen. Und ich war undercover mittendrin.

Ihr hört Braune Kinderzimmer, eine Produktion von RTL Plus. Das ist Episode 4, Justin und die Kugelbomben. Wo müssen wir hin? Ja, hier rüber. Justin zeigt rüber auf sein Auto. Er hat es auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt. Ein alter, dunkelblauer Volvo mit so einer richtig langen Antenne.

Wir laufen auf Justins Auto zu und ich schaue nochmal auf meine versteckte Kamera. Sie läuft noch. Ich atme tief ein und wieder aus, als ich die Autotür zumache. Ein paar Meter weiter links ist mein Team. Mein Investigativkollege Markus, der Kameramann und der Tonmann. Alle sitzen schon im Auto. Der Motor läuft.

Sie schauen halb versteckt durch die Scheiben. Ganz unauffällig. Naja, so unauffällig, wie man eben in einem Auto sitzen kann, das einfach so am Straßenrand steht. Ich glaube, Volvo schreibt sie gerade. Und die kommen hier raus. Jetzt ist die Frage, wie lange ich das Handy so halten kann. Ich fahr mal los. Ich fahr los?

Wir fahren los. Mein Team fährt hinterher. Der Plan weiterhin, Waffen kaufen. Genauer gesagt, Kugelbomben. Was genau Justin damit vorhat, weiß ich nicht. Aber das versuche ich noch rauszufinden. Ich muss mich jetzt aber erstmal zurückhalten, um nicht aufzufallen. Wir sind noch nicht mal aus Dresden raus, da klingelt sein Handy.

Annika ist dran. Das ist Yannicks Freundin, die auch in der LVW ist. Und die war dabei, als das SEK aufgetaucht ist. Justin stellt auf Lautsprecher. Was ist denn heute Nacht passiert? Der SEK-Einsatz. Volles Programm hier. Haustür kaputt gemacht und alles. Ach. Und dann haben die das Kinderzimmer leergeräumt oder was? Oder sind die dann rein und dann?

Ja, Janniks Zimmer ist leer. Die haben seine ganzen Sachen mitgenommen und alles, was er hier hatte. Die haben bei seiner Mom das Zimmer durchsucht, die Küche. Die haben alles auf den Kopf gestellt. Die haben Jannik jetzt auch mitgenommen. Kurz nach sechs Uhr morgens hört Annika einen lauten Knall. Das SEK stürmt die Wohnung in Schmölln. Dort lebt Yannick mit seiner Mutter und zwei Katzen.

Annika liegt neben ihm, als die schwer bewaffneten Beamten sein Zimmer stürmen. Ihr zweites Handy schiebt sie in ihren BH, wo es nicht gefunden wird und weswegen sie uns auch anrufen kann. Yannick wird offenbar sofort in Handschellen gelegt und muss den Polizisten die PIN-Nummern zu seinen Handys verraten.

Annika erzählt später, dass die Polizei immer wieder die LVW erwähnt hat. Yannicks Zimmer wird komplett ausgeräumt. Fahnen, Flaggen, T-Shirts haben sie mitgenommen. Die haben seine Pistolen da mitgenommen, seine Messer und alles. Ob bei der Razzia auch scharfe Waffen beschlagnahmt wurden, weiß ich bis heute nicht.

Zumindest erzählen mir Justin und Annika, dass er eine besessen haben soll. Ich sehe sofort wieder das erste Video vor mir, das Yannick mir vor wenigen Wochen geschickt hatte. Der Altar voller Waffen. Daneben eine Hakenkreuzflagge. Und vermutlich ist das genau das Bild, das die Polizei heute Morgen vorgefunden hat.

Im Auto wird diskutiert, was jetzt mit der Chatgruppe passiert. Sollen alle austreten? Macht es überhaupt Sinn oder hat die Polizei ohnehin schon längst alle Daten? Und immer wieder die Frage, wer hat der Polizei den Tipp gegeben? Das ist es nämlich. Irgendjemand muss das Maul aufgemacht haben. Geht ja nicht anders, rein rechnerisch.

Ja, meine Vermutung wäre jetzt noch ... Justin erzählt hier von einem ehemaligen Mitglied der LVW. Na, er meint, wir haben einen V-Mann hier drin. Ich weiß, dass wir ihn drinnen haben, aber den haben wir ein bisschen unter Druck gesetzt. Also von dem kommt auf jeden Fall nichts. Ja, vielleicht hat er doch was gesagt. Oder was habt ihr mit dem gemacht?

Der hat ein Messer an der Kehle gehabt. Der hat definitiv nichts mehr gesagt. Die Gruppe weiß also spätestens jetzt, dass es eine undichte Stelle in ihren Reihen geben muss. Ich bin erstmal erleichtert, weil der Verdacht nicht sofort auf mich fällt. Noch nicht. Aber ehrlich gesagt, wie lange kann das gut gehen?

Ich meine, ich, Isabel, die Neue, ich bin die Einzige, die auftaucht. Ich gehe davon aus, die Razzia fand wegen mir statt, weil ich vor wenigen Wochen bei der Polizei war, wegen dem Brand an dem Kulturhaus, den wahrscheinlich Elias aus Brandenburg gelegt hat. Und da habe ich auch von Yannick erzählt.

Und ausgerechnet die beiden wurden an diesem Morgen festgenommen. Weiß jemand was von Elias? Wurde der festgenommen? Also festgenommen wurde er definitiv nicht. Und Freien lang, glaube ich, hat gesagt, dass seine Mutter eher ihn gefickt hat. Aber du musst mal googeln, wie in den Brand, ob da irgendwas rausgekommen ist wegen dem Hotel. Also wenn dann, wenn man muss zu googeln, ob der Täter gefasst wurde, weißt du?

Die Gruppe weiß bisher nur, dass es bei Yannick eine Razzia gab. Naja, ich kann nur das Abbait geben, dass Yannick auf jeden Fall noch bei der Polizei sitzt. Wegen Fingerabdrücker, Aussage und alles drum und dran. Er hat kein Handy, das haben die. Die haben mein Handy und alles. Und ja, genau. Wenn er das immer selber räumt.

Ich schwöre euch, bei Gott eines Tages werden die Pollen irgendwie anwesiger zum Chat kommen. Und wir werden alle so unser gastes Leben in Klasse bringen. Ich weiß es nicht, aber ich habe einfach so hammerkrass das Gefühl gerade. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ruhig bleiben. Nicht zu interessiert wirken, aber auch nicht zu passiv.

Sieht Justin mir an, dass ich nicht dazugehöre? Ich weiß es nicht. Aber ich bin echt etwas paranoid mittlerweile. Und dazu dieser Rechtsrock, den wir im Auto hören. Ich sitze neben Justin auf dem Beifahrersitz. Der glotzt nur auf die Straße und sagt nichts. Also beginne ich vorsichtig und stelle allgemeine Fragen.

Und wie bist du dazu gekommen? Das war damals, da war ich Deutsche Jugend voran oder so. Deutsche Jugend voran. Eine Neonazi-Gruppe, die gezielt Jugendliche anspricht. Solche Chatgruppen sind oft der erste Kontakt in die rechte Szene. Justin ist damals so einer Chatgruppe beigetreten. Darüber hat er Leute aus der LVW kennengelernt, der letzten Verteidigungswelle.

Und dort hat er dann den nächsten Schritt gemacht. Da habe ich gesagt, ja du, pass mal auf, ich bin hier ganz alleine bei mir auf dem Lande und ich brauche mal ein bisschen Unterstützung. Und dann sagt er, naja, quatschen wir mal, tu es mal eine Aktion machen, um zu gucken, ob du wirklich bereit bist für unsere Gruppe. Und dann war ich halt auch drin.

Er erzählt mir von seiner Aufnahmeprüfung. Er hat ein Hakenkreuz an eine Landstraße gesprüht. Zusammen mit dem Kürzel LVW und dazu ein Video aufgenommen, mit seiner Schreckschusspistole in der Hand. Heute ist er seit etwa einem Jahr in der letzten Verteidigungswelle. Er sagt, er ist mittlerweile einer der Gauleiter der LVW.

Ich frage nach, was er in dieser Funktion so macht. Justin erzählt, dass er die Chatgruppe der LVW organisiert, Aktionen plant und Leute koordiniert. Deswegen müssen wir eigentlich mal wieder einführen, dass sie ein Aufnahmeritual, machen müssen, damit sie gucken, wie sind die Leute, sind die wirklich bereit dazu, was zu machen. Und wäre es so wirklich der harte Kern, auf den man sich verlassen kann?

Auch wenn es super strange ist, mit so einem gefährlichen Typen wie Justin alleine im Auto zu sitzen, ist es vielleicht gar nicht schlecht. Ich kann so vielleicht noch besser Fragen stellen als in größerer Runde. Also frage ich Justin, wo er denn so politisch steht. Er erzählt mir, sein Wunsch wäre eine Partei wie die NSDAP. Die Partei von Adolf Hitler.

Ihm ist völlig klar, dass das heute so nicht möglich ist. Aber die AfD, sagt er, sei immerhin ein erster Schritt, ein Weg, alles nach rechts zu verschieben, wie er es nennt. Das Eis scheint gebrochen zu sein. Die unangenehme Stille vom Anfang ist vorbei. Justin spricht jetzt frei raus. Er scheint sich bei mir wohlzufühlen.

Und während er neben mir sitzt und redet, wird mir klar, das ist keine unkoordinierte rechtsextreme Gruppe Jugendlicher. Die haben ein ganz klares Vorbild. Das ist ja genauso wie mit dem NSU. Haben sie ja auch nicht rausgefunden, wer die Täter waren. Also seht ihr euch so ein bisschen wie die NSU auch?

Ich bin der Meinung, man müsste es so machen wie der NSU, dass hier auch mal was passiert. Aber es sind viele andere Meinungen. A, weil sie halt minderjährig sind. B, weil viele auch noch nicht bereit dazu sind. Die LVW, sagt Justin hier im Auto, müsse es so machen wie der NSU. Der nationalsozialistische Untergrund, eine rechtsterroristische Gruppe, aktiv in den 2000ern.

Neun Männer mit Migrationshintergrund hat der NSU damals ermordet. Und eine Polizistin. Über Jahre hinweg. Und das völlig unerkannt. Und genau das, sagt Justin, sei sein Vorbild. Ich hab Schiss. Ich gucke in den Rückspiegel und ich sehe zwar meine Kollegen im Auto hinter uns. Aber ich frage mich, wie schnell könnten die reagieren, wenn irgendwas schief geht?

Ich meine, wenn Justin meine versteckte Kamera entdeckt oder auf einmal misstrauisch wird und durchdreht, weil ich zu viele Fragen stelle. Was macht der dann? Hält der hier an der Landstraße, haut mir eine über und verscharrt mich später im Wald? Oder was ist, wenn er mehr will von mir? Wenn er irgendwo auf einen abgelegenen Weg fährt und es drauf anlegt?

Körperlich ist der mir auf jeden Fall überlegen. Da hätte ich wenig Chancen. Ich fühle mich so unwohl. Ich sitze jetzt schon fast eine Stunde bei Justin im Auto. Wir fahren immer noch über Landstraßen oder Waldwege. Justin will nicht, dass die Polizei uns kontrolliert. Deswegen nehmen wir die Schleichwege.

Während ich also neben Justin sitze, irgendwo zwischen Feldern und Alleen auf dem Weg Richtung tschechische Grenze, beginnt mein Handy zu vibrieren. Erst einmal, dann nochmal, dann durchgehend. Die Chatgruppe der LVW explodiert regelrecht. Nachrichten im Sekundentakt. Die sind mittlerweile ziemlich nervös wegen der Razzien.

Während Justin fährt, halte ich mein Handy ans Ohr und höre mir die Sprachnachrichten an. Scharfe Schusswaffe mit Munition. Und ihr wundert euch, warum bei ihm das SIK war. Und dazu noch ein Rechtsradikaler. Digga, nee, nee. Das ist wieder Kevin, der Führer der LVW. Es geht wieder um die Razzia am Morgen. Und Kevin weiß ziemlich genau, warum die Polizei jetzt hinter ihnen her ist.

Wenn Yannick aber erstens wegen rechts, also antidemokratischem Gedankengut. Defekt worden ist und dazu noch, wenn die Polizei schon eine Weile ihn observiert hat, auch auf seinem Telefon, und weiß, dass diese Gruppe existiert, dann sind wir, also du musst dir vorstellen, eine große Menge an rechtsradikalen Leuten, das ist schon eine Terrorgruppe in Deutschland.

Eine Terrorgruppe. Das sagt er selbst. Ja, Jungs, aber was passiert denn jetzt mit der Kuppel? Weil wir haben es nicht sinnvoller, einfach rauszugehen. Ich meine, es ist eigentlich rumminierend, weil die haben eh alles. Ich verstehe nicht, dass die Bullen bei uns so fix sind. Ja, höchstwahrscheinlich durch die Brandaktion in Brandenburg.

Entweder haben die dort was herangeschült oder sie haben irgendwie was durchs Weitererzählen mitbekommen. oder das Handy geguckt. Irgendwie so werden die wahrscheinlich wohl unseren Namen gekommen sein. Aber ist ja jetzt erstmal egal. Wir sind auf jeden Fall bekannter geworden. Und das heißt jetzt erstmal für alle bedeckt halten, damit sich die ganze Sache etwas beruhigt.

Und wenn ihr Aktionen bringt, bitte nicht mehr LVW irgendwo reinsprühen, weil die uns auf dem Kicker haben auf jeden Fall. An diesem Punkt wird es für einige aber offenbar zu heiß. Es gibt privat in unserer Schule schon Gerüchte und für unsere Sicherheit und die Sicherheit der LVW werden wir vorerst austreten. Ein letztes Siegheil.

Kevin, dem scheint das relativ egal zu sein. Ihr wisst, egal wie oft wir gefickt werden, die Gruppe wird immer wieder neu aufgebaut, immer und immer wieder. Jeder von euch hat, als er der Meinung war, hier reinzukommen, diesen Hintergrundgedanken gehabt, dass wir alle irgendwann an diesen Punkt kommen können, wo das SEK und so Bude stürmt.

Und wenn wir davor Angst haben, dann brauchen wir auch keine politisch engagierte Gruppierung haben. Die rechnen jederzeit mit dem Schlimmsten, dass plötzlich das SEK vor der Tür steht, dass die ihre Handys beschlagnahmen, dass alles auffliegt. Und trotzdem machen die meisten weiter. Wie weit kann so eine Überzeugung gehen? Wie sehr müssen sich Jugendliche in einer rechtsextremen Idee verrennen, um sich ihre gesamte Zukunft zu verbauen?

Die sind bereit, alles dafür zu riskieren. Aber da ist auch noch etwas anderes, das mich beschäftigt. Etwas, das mich wirklich beunruhigt. Es mag verrückt klingen, wenn ihr das jetzt hört. Aber auf dieser Fahrt nach Tschechien erzählt mir Justin eine Geschichte. Eine, die mich noch lange verfolgen wird.

Vor zwei, drei Jahren war ich auch in einer Schießerei verwickelt. Ein paar meinten Stress zu machen. Und ein Kumpel hatte eine Schafe eingesteckt. Die habe ich dann genommen und habe einen erschossen. Hör auf. Hör auf. Doch. Hast du nicht? Doch. Krass. Ihr hört es wahrscheinlich an meiner Stimme. Ich bin fassungslos.

Justin erzählt mir, dass er jemanden erschossen habe. Und ich sitze neben ihm, in diesem Auto, irgendwo zwischen Sachsen und der tschechischen Grenze. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Justin vertraut mir. Ich glaube sogar, er mag mich. Vielleicht sieht er das hier auch wie eine Art Date. Vielleicht will er mich beeindrucken, denke ich mir. Aber wer prallt damit, einen Menschen getötet zu haben?

Doch die Geschichte hört hier nicht auf. Jetzt wollen die Bullen den Fall aber wieder aufwickeln und mir zwei Morde in die Schuhe schieben, obwohl ich eigentlich nur einen erschossen habe. Jetzt hat mein Kumpel, der bei den Bullen ist, hat mir das erzählt und siehe da, auf einmal fehlt ein Beweis, wo meine DNA drauf war.

Er erzählt mir jetzt also, dass er jemanden bei der Polizei hat, der für ihn Beweise verschwinden lässt. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Justin sagt, er erinnert sich kaum noch an die Tat. Nur an das Blut und daran, dass alle anderen weggelaufen sind. Und dann Blackout. Immer wieder dieses Wort. Ich weiß nicht, wie wir da rausgekommen sind, wie es geendet hatte. Blackout.

Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man jemanden erschießt. Ob man dann ein Blackout bekommen kann, wie Justin das behauptet. Ich habe das schon ein paar Mal bei Mordprozessen gehört. Dass ein Beschuldigter sagt, er kann sich an nichts mehr erinnern. Blackout. Manchmal stimmt das, aber oft nicht. Ich hatte noch nie ein richtiges Blackout. Also dass ich mich wirklich an gar nichts mehr erinnern kann.

Ich kenne das schon, also kleinere Erinnerungslücken nach einem alkoholreichen Abend. Früher in meiner Studienzeit. Aber da wusste ich eigentlich prinzipiell immer, was ich gemacht habe. Justin weiß anscheinend ab dem Schuss nichts mehr. Justin erzählt da noch von einem Freund, der bei der Polizei ist und ein Beweisstück eingesteckt haben soll.

Ein Handschuh, den er angeblich am Tatort verloren hat. Da frag ich nochmal nach und langsam wirklich panisch. Hä? Ihr habt euch getroffen? Nur geschrieben? Ja. Dass die Bullen jetzt den Fall wieder aufwickeln? Okay. Dann ja, kannst du mir irgendwie ein bisschen Zeit verschaffen, dass ich ein bisschen untertauchen kann? Ja. Kann ich machen.

Aber ich garantiere für nichts, weil wenn der andere nämlich auch erwischt worden ist, dann bin ich auch dran. Justin will untertauchen. Deswegen wohnt er anscheinend in einer abgelegenen Laube, einer Gartensiedlung. Ob das alles stimmt, auch mit dem Freund bei der Polizei, das weiß ich nicht. Ich kann jetzt auch nicht noch mehr Fragen stellen, aber das klingt alles echt ziemlich irre, was der mir hier erzählt.

Später habe ich natürlich versucht, den angeblichen Mord im Netz zu finden. Ich habe alle Details mit ungeklärten Tötungsdelikten verglichen. Dresden, 2022 oder 2023, hinter dem Hauptbahnhof, ein Streit unter Jugendlichen. Vier oder fünf Leute, hat Justin gesagt. Einer seiner Freunde soll eine echte Waffe dabei gehabt haben.

Und die habe Justin genommen und abgedrückt. Jemand soll gestorben sein. Ich finde nichts. Keine Polizeimeldung, kein Zeitungsartikel. Gibt's sowas? Dass einfach jemand in Dresden erschossen wird und niemand berichtet darüber? Aber Justin meinte selbst, er hätte auch recherchiert und nichts gefunden.

Da habe ich dann auch versucht, irgendwas in der Medien zu finden. Bis jetzt steht da nichts drin. Während ich neben ihm im Auto sitze, habe ich erstmal keinen Grund zu zweifeln. Er hat mir so viele Details genannt, ohne lange nachzudenken. Justin ist ein echt guter Lügner oder die Sache mit dem Mord stimmt.

Justin lenkt sein Volvo in eine schmale Seitenstraße am Rand von Sebnitz. Wir sind da. Hier, sagt er, lässt er das Auto immer stehen, wenn er zu den Grenzmärkten will. Ab dann gehen wir zu Fuß weiter. Etwa 15 Minuten die Hauptstraße entlang. Wir laufen nebeneinander und rauchen. Das Gespräch wird persönlicher, aber es bleibt immer einseitig.

Justin stellt mir keine einzige Frage. Das ist wohl sein Verständnis davon, wie ein Gespräch funktioniert. Ist aber auch nicht so schlecht, weil dann muss ich weniger von mir preisgeben. Justin erzählt, er kommt aus Radeburg, ein kleiner Ort nördlich von Dresden. Er ist Berufskraftfahrer. Letzte Woche, erzählt er, hat er vor allem Zahnpasta transportiert.

Dann redet er über seine Schulzeit. Einmal mussten in der Klasse alle ihre Handys abgeben. Und seine Lehrerin habe ziemlich dumm geguckt, als auf seinem Display ein Hakenkreuz als Hintergrundbild zu sehen war. Ein anderes Mal, sagt er, hätte er fast eine Anzeige bekommen, weil er im Unterricht den Hitlergruß gemacht hat.

Er habe es dann aber so hingedreht, dass er sich einfach nur mit dem rechten Arm gemeldet habe. Und während er das erzählt, grinst er. Auch von seiner Mutter erzählt er. Zu ihr hat er aber kaum noch Kontakt. Meine Mutter wollte nie, dass ich rechts werde. Irgendwann kam das halt dazu. Justin erzählt, dass seine Mutter nicht wollte, dass er rechts wird.

Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Der hat sich einfach aus dem Staub gemacht, als seine Mutter schwanger war. Ich sage ihm dann, dass ich das gut nachvollziehen kann. Mir ging es schließlich genauso. Das ist vielleicht das Einzige, das Justin und ich wirklich gemeinsam haben. Ich habe meinen Vater auch nie kennengelernt.

Bei Justin war es allerdings ein bisschen anders. Als er drei war, kam ein neuer Mann in sein Leben. Sein Stiefvater. Er nennt ihn Adi. Adi war Neonazi in den 90ern. Aber er wollte eigentlich nicht, dass sein Stiefsohn auch so wird wie er. Das sagt zumindest Justin. Tatsächlich hat er es nur wirklich so gemacht. Es wurde maximal böse Onkels, durfte gespielt werden und sonst nichts. Kein Lanzar oder sonstige.

Er erinnert sich bis heute an die Abende im Garten, wenn Adi seine Leute eingeladen hat. Alles alte Kameraden. Die haben geraucht und Bier getrunken und Geschichten von früher erzählt. Von der Jagd auf Ausländer. Eine Geschichte bleibt mir hängen. Adi, Justins Stiefvater, sitzt mit ein paar Freunden im Auto.

Vor ihnen ein älterer Mann mit Migrationshintergrund. Sie fahren dicht auf. Immer dichter. Nur zum Spaß, sagt Justin. Dann hält Adi eine Schreckschusspistole aus dem Fenster und zielt auf das Auto vor ihnen. Der Mann erschrickt und baut einen Unfall. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber wie Justin das erzählt.

Ich glaube, er findet die Geschichten von seinem Stiefvater aufregend. Mittlerweile laufen wir auf ein großes, weiß-blaues Gebäude zu, in dem viele kleine Geschäfte sind. Am unteren Teil hängen Klamotten in allen Farben. Fußballtrikots, Rucksäcke, alles auf Plastikpuppen außerhalb des Ladens ausgestellt.

Das hier ist so ein Grenzmarkt. Man bekommt hier eigentlich alles, was in Deutschland verboten ist, weil die Waffengesetze dort längst nicht so streng sind wie auf der anderen Seite. Hallo. Hey. Wir betreten einen kleinen Laden. Die Verkäuferinnen und Verkäufer lächeln kurz und beginnen sofort, uns ihre Ware zu zeigen.

Gleich am Eingang steht eine große Vitrine. Darin liegen Springmesser, Dolche und Schlagringe. Die sind ordentlich sortiert und fast penibel aufgereiht. Justin bleibt vor der Vitrine stehen. Sein Blick wandert langsam über das Sortiment. Und dann bleibt er bei einem besonders großen Messer hängen. Er beugt sich leicht vor, mustert es aus der Nähe und will prüfen, wie es in der Hand liegt.

Okay, Achtung. Das Ding ist echt groß. Ein Springmesser mit einem Holzgriff. Das klappt auf, wenn man an einem kleinen Hebel drückt. Das ist verboten in Deutschland. Und das jetzt 15? 20. Okay. Dann noch so ein Schlagring. Der Verkäufer zeigt uns noch andere Sachen aus seiner Auslage. Klar, der will verkaufen.

Der zeigt uns Schlagstöcke in verschiedenen Größen und auch eine Taschenlampe, die gleichzeitig ein Taser ist. Dann räumt der Verkäufer das Messer und den Schlagring, für die sich Justin interessiert, zusammen. In einen Schuhkarton. Aber Justin hat noch eine Frage. Hast du da auch noch wieder Kugelbomben, wie letztes Mal? Kugelbomben.

So wie letztes Mal. Der Verkäufer führt uns wortlos in den hinteren Teil des Ladens. Vorbei an Regalen mit Jacken, Taschen, Feuerzeugen. Alles riecht nach kaltem Rauch und billigem Parfüm. Mit einer routinierten Bewegung zieht der Verkäufer einen alten Schuhkarton aus dem Regal und hebt den Deckel. Darin liegen ein paar größere Böller, lose übereinander.

Nö, dann lieber Kugelbomben. Bis letzte Mal. Justin wird langsam ungeduldig. Der Verkäufer nickt und verschwindet nach hinten. Diesmal bleibt er länger weg. Dann kommt er zurück. Er zieht einen schwarzen Koffer aus einer Ecke. Er legt ihn auf den Boden und öffnet langsam den Reißverschluss. Da sind sie, die Kugelbomben.

Klein, mittel, groß. Sauber nebeneinander, in Reihen geschichtet. Jede einzelne ist eingewickelt in eine durchsichtige Plastiktüte. Ich beug mich vor und greife in den Koffer. Ja, riesengroß. Die Kugelbombe in meiner Hand ist schwer und ungefähr so groß wie eine Honigmelone. Sie sieht so aus wie eine große Papierkugel, rund und fest, verpackt in braunes Papier.

An der Seite hängt eine rote dicke Zündschnur, die ist sauber gefaltet und mit Klebeband fixiert. Die größte Kugelbombe kostet 38 Euro, die mittlere nur 20. Der Verkäufer beobachtet uns. Seine Augen wandern zwischen mir und Justin hin und her. Es sieht so aus, als würde er hoffen, dass jetzt endlich das Geschäft seines Tages zustande kommt.

Justin beugt sich über den Koffer und tippt schließlich mit dem Finger auf die mittelgroßen Kugelbomben. Dann würde ich zwei von denen nehmen. Der Verkäufer packt alles in einen Schuhkarton. Macht dann 56 Euro, sagt er. Die bezahlt Justin mit Karte. Mit seiner eigenen EC-Karte. Erst denke ich mir, das ist ziemlich dumm.

Aber dann kapiere ich, wie es funktioniert. Auf dem Bong steht natürlich nicht zwei Kugelbomben, ein Messer und ein Schlagring. Da steht Zigaretten. Schönen Tag noch. Als wir zurücklaufen, klemmt sich Justin den Schuhkarton unter den Arm. Als wären da seine neuen Sneaker drin. Sind es aber nicht. Da liegen zwei Kugelbomben drin. Und ich weiß bis jetzt nicht, was er damit vorhat.

Wie kann ich das ansprechen? Das ist gar nicht so einfach, wenn man die Einzige ist, die in einem Gespräch die Fragen stellt. Also versuche ich es mit Umwegen. Und ganz ehrlich, ich stelle mich einfach komplett doof. Also diese Großen sind ja echt krass, oder? So eine habe ich hochgezündet. Aber wie funktioniert das? Du musst die hinlegen.

Eigentlich machst du die in ein Rohr rein, dass die hochfliegt. Aber ich habe es auf den Boden gestellt zu Silvester. Dann erzählt mir Justin, was er damit machen will. Es geht ja eigentlich nur darum, wir wollen zum Fenster gehen, dass die Bude dann abfackelt. Heavy. Wir müssen mal gucken, wie wir es anstellen, dass wir dort die Scheiben einschlagen, so eine Kugelbombe anzünden und reinschmeißen.

Justin redet hier von einer Geflüchtetenunterkunft. In Senftenberg, in Brandenburg. Die will er abfackeln, sagt er. Mit den Kugelbomben, die er gerade unter dem Arm trägt. Er will das aber nicht alleine machen, sondern mit seinem Freund Elias. Elias ist der 15-Jährige aus Brandenburg, der anscheinend schon das Kulturhaus in Altdöbern angezündet hat.

Justin erzählt mir, dass sie das Geflüchtetenheim wohl schon ausgespäht haben. Drinnen seien schwere Vorhänge und Polstermöbel. Die würden schnell Feuer fangen. Justin klappt den Kofferraum seines alten, dunkelblauen Volvos auf. Im Kofferraum steht eine rote Kiste, voll mit leeren Flaschen, Lappen und Putzmitteln.

Justin schiebt sie ein Stück beiseite und öffnet dann die Seitenverkleidung. Eine lose Blende rechts im Wagen. Wenn sie kontrollieren, wollen sie eigentlich nur gucken wegen Verbandszeug. Er meint damit die Polizei. Er drückt die Kugelbomben in eine kleine Öffnung, rechts, knapp über dem Radkasten. Er presst sie in einen schmalen Spalt im Hohlfach der Seitenwand.

Dann die zweite obendrauf. Aber das passt nicht. Boah ey, pass mal auf nicht, dass die Bude explodiert hier. Oder? Scheiße, soll man die nicht woanders hin machen? Ich hab Panik. Keine Ahnung, was hinter dieser Blende verläuft. Vielleicht Kabel. Vielleicht irgendwas, das heiß werden könnte. Schließlich kann ich ihn überzeugen, die Bomben in eine rote Kiste im Kofferraum zu legen. Da bei den Putzmitteln.

Nach zwei Stunden Rückfahrt schmeißt mich Justin wieder am Bahnhof in Dresden raus. Ich muss mich erstmal sortieren. Und ich treffe mich mit meinem Kollegen Markus. Ich weiß überhaupt nicht, wo mir der Kopf steht. Also rede ich einfach mal drauf los. Der Typ ist meiner Meinung nach brandgefährlich. Die ganze Gruppe. Okay.

Warum? Die haben sich jetzt erstmal eingedeckt mit zwei Kugelbomben. Die konnte man da einfach so kaufen. Die waren in einem Koffer drin, die hat uns dann der Verkäufer gezeigt. Er hat sich dann für zwei kleine Kugelbomben entschieden. Er wusste auch schon genau, wofür, für ein Flüchtlingsheim. Und ich hab noch ein anderes Detail. Der hat mir ein Mord gestanden.

Ein Mord? Ja. Er hat jemanden umgebracht? Ja, der hat jemanden erschossen. Vor zwei Jahren. Ja, okay, das ist ja krass. Ja, also und dann saß ich im Auto und dachte so, okay, ich sitze mit einem Mörder im Auto. Was mache ich jetzt? Ihr denkt jetzt wahrscheinlich, ab hier sollte besser die Polizei weitermachen.

Das Problem ist aber, keiner weiß, wo Justin wohnt. Er hat mir erzählt, dass er nicht in einer normalen Wohnung lebt, sondern in einer Laube. In einer Art Schrebergartenhaus. Die Polizei, die kennt maximal seine Meldeadresse. Wenn sie dort auftauchen, bekommt Justin wahrscheinlich Wind davon und versteckt die Bomben.

Dann wüsste er auch sofort, dass ich ihn verpfiffen habe und die Recherche, die wäre hier vorbei. Was bleibt mir also übrig? Ich will weitermachen, das ist klar. Ich stecke auch schon viel zu tief drin, um jetzt aufzuhören und Justin und seine Gruppe einfach davonkommen zu lassen. Ich will unbedingt rausfinden, wo diese Laube ist und wo genau darin diese Kugelbomben liegen.

Ich muss ihn dazu bekommen, mich dahin einzuladen. Für alle, die jetzt schon wissen wollen, wie es weitergeht, wechselt rüber zu RTL Plus oder Stern Plus. Dort könnt ihr schon alle sechs Folgen Braune Kinderzimmer am Stück hören. Braune Kinderzimmer ist eine Produktion von RTL+. Danke an das Podcast-Team von RTL+. Besonders an Redaktion und Sounddesign, die diesen Podcast möglich gemacht haben.

Geschrieben und gesprochen von mir, Angelique Geray. Die Musik kommt von The Vibe. Braune Kinderzimmer ist eine Recherche von Stern und RTL.

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