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Studio-Lookout-Salon: Der Podcast für Architektur, Design, Kunst und Soziokultur

kweercare soirée #3 | Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit

Sonntag, 18. Oktober 2026 · 1 h 01

MP3

Shownotes

Queere Menschen in der Schweiz sind psychisch deutlich stärker belastet. Das liegt nicht daran, dass sie queer sind, sondern an Diskriminierung, Unsichtbarkeit und Minderheitenstress. Im Podiumsgespräch der kweercare soirée #3 (kweercare.ch/soiree) «Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit» geht es um zwei Fragen: Was trägt queere Menschen durch schwierige Zeiten? Und wer ist dafür verantwortlich, dass es ihnen besser geht? Das Gespräch wurde am 22. September 2026 in der Kaserne Basel aufgezeichnet.
Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik treten Depressionssymptome bei homo- und bisexuellen Menschen mehr als doppelt so häufig auf wie bei heterosexuellen Menschen. Bei trans und nonbinären Menschen sind Depressionen und Angststörungen fast viermal so häufig wie bei cis Menschen. Die Gäste diskutieren, was das für Medizin, Politik und Community bedeutet.
Auf dem Podium:
– Alessandra Widmer (los.ch/das-los-team), Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS)
– Dr. med. David Garcia Nuñez, Psychiater und Leiter des Universitären Zentrums für Geschlechtervarianz (unispital-basel.ch/ueber-uns/forschung-innovat…) am Universitätsspital Basel
– Tobias Urech, Historiker, Doktorand zum Projekt Freund*innenliebe (dg.philhist.unibas.ch/de/personen/tobias-urech…), Drag-Künstler (Mona Gamie) und ehemaliges Vorstandsmitglied der Milchjugend (milchjugend.ch)
Moderation: Maximilian Grieger (ch.linkedin.com/in/maximiliangrieger) und Roger Furrer (ch.linkedin.com/in/roger-furrer), kweercare.ch
Darüber sprechen wir:
– Minderheitenstress: Warum viele kleine Abwertungen eine grosse Wunde hinterlassen
– Die LGBTIQA+ Mental Health Strategie (los.ch/wp-content/uploads/2026/03/LGBTIQA-Ment…) der Schweizer Dachverbände und wie es mit ihr weitergeht
– «Care in der Care»: Warum queere Patient*innen in Kliniken oft selbst Aufklärungsarbeit leisten müssen
– Soziale Transition, Familie und Arbeitsplatz als zentrale Faktoren für psychische Gesundheit
– Community als Schutzfaktor, aber auch als Ort von Normdruck
– Care als politischer Begriff und warum Self-Care allein die Welt nicht besser macht
– Queere Freundschaft als Lebensform, von historischen Liebesbriefen bis zur Wahlfamilie
Das Publikum war über eine Live-Umfrage beteiligt. Gefragt wurde unter anderem, was in schwierigen Zeiten Halt gibt und wer am stärksten in der Pflicht ist, mentale Gesundheit zu stärken.
Wenn dich das Gespräch beschäftigt und du mit jemandem Neutralem sprechen möchtest, ist die LGBTIQ Helpline per Telefon, E-Mail oder WhatsApp erreichbar: lgbtiq-helpline.ch
kweercare ist ein Verein mit Sitz in Basel, der sich für queersensible Kultur, biografieorientierte Fürsorge und inklusive Räume einsetzt. Die kweercare soirée ist eine öffentliche Gesprächsreihe über Care, Identität und Community. Mehr Informationen und nächste Termine gibt es auf kweercare.ch

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Maximilian Grieger Willkommen zum Podiumsgespräch der dritten kweercare soirée Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit. Mein Name ist Maximilian Grieger und ich bin Gründungspräsident der Organisation kweercare. Der Podiumsabend fand am 22. September 2026 in der Kaserne Basel statt. Wir haben ihn aufgenommen, weil das, was an dem Abend gesagt wurde, über diesen Abend hinaus gehört werden sollte.

Maximilian Grieger Die kweercare soirée ist ein Format, das wir als laufende Reihe in Basel veranstalten. Als Raum für Gespräche, die wir in der Gesellschaft brauchen. Über Care, über Identität und über das, was wir füreinander tragen. Wir freuen uns, diese Aufnahme über den Studio Lookout Salon Podcast zugänglich zu machen.

Maximilian Grieger Und jetzt hört rein! Schönen guten Abend, ich freue mich, dass ihr alle da seid. Unsere dritte kweercare soirée in diesem Jahr, die erste nach der Sommerpause, nämlich zum Thema mentale Gesundheit ist Care-Arbeit. Mein Name ist Maximilian Grieger, ich bin der Gründungspräsident des Vereins kweercare, den wir Ende letzten Jahres gemeinsam mit dem Roger Furrer und dem Udo Rauchfleisch, einem Professor für klinische Psychologie, ein Buchautor und Psychotherapeut hier in Basel gegründet haben.

Maximilian Grieger Und wir haben ein neues Vorstandsmitglied, das ich euch gerne vorstellen möchte, nämlich Sera von Allmen. Ganz kurz hier aufstehen. Sera bringt Erfahrung in Sozialrecht, Erwachsenenschutz und direkter Care-Arbeit mit. Und wir sind super dankbar, dass du mit an Bord bist. Sera, herzlich willkommen.

Roger Furrer Mein Name ist Roger Furrer und ich bin Vizepräsident von kweercare. Psychische Gesundheit gilt schnell als Privatsache. Wer nicht klarkommt, soll an sich arbeiten. Achtsamkeit, Resilienz, Self-Care. Aber wenn queere Menschen psychisch stärker belastet sind, dann liegt das nicht an ihnen. Es liegt an dem, was sie erleben.

Roger Furrer Abwertung, unsichtbarkeit, das ständige abwägen, ob man sich zeigen kann. Darum sagen wir heute, mentale Gesundheit ist Care- Arbeit. Sie geschieht in Praxen und Kliniken, aber genauso in Freundschaften, in Wahlfamilien, in community. Und sie ist nicht die Aufgabe jedes einzelnen Menschen. Care ist keine Dienstleistung die man bestellt.

Roger Furrer Care ist eine Haltung, die man lebt und eine Arbeit, die jemand leistet. Mit Berenice Fisher und Joan Tronto verstehen wir bei kweercare Fürsorge als Dreiklang. Sorge für sich selbst, für die eigenen Beziehungen und für die Umwelt.

Maximilian Grieger Wir möchten uns bei allen Förderern und Partnern bedanken, die kweercare unterstützen. Vor allem aber die Fachstelle für Gleichstellung und Diversität des Kantons Basel- Stadt, Fachbereich LGBTIQ+, nämlich Sim Eggler ist heute da. Merci vielmol Sim, bist du heute mit an Bord.

Roger Furrer Auf euren Stühlen liegen wie zu jeder Soirée zwei Postkarten. Nehmt sie mit, schreibt sie jemanden, verschenkt sie. Auch das ist Care. Die Bilder heute stammen von Nikolai Voelcker, der in Zürich geboren ist und als Fotograf und Regisseur in London lebt. Wir freuen uns sehr, seine Arbeiten heute Abend zeigen zu dürfen.

Roger Furrer Nikolais Bilder bewegen sich zwischen Kino und inszenierten Portrait, genau komponierte, emotional aufgeladene, manchmal humorvolle Welten, in denen er männliche Dynamiken erkundet. Oft erzählt er Geschichten, die aus seinem eigenen Leben kommen, aus dem aufwachsen, in männlich geprägten Freundeskreisen und fordert dabei alltägliche Situationen heraus.

Roger Furrer Sein Blick gilt dem, was oft übersehen und verurteilt wird. Er zeigt dessen verborgene Schönheit und Zärtlichkeit. Seine Arbeiten laden uns in Momente der Verletzlichkeit und der Verwandlung ein. Intim, weich und von grosser visueller Klarheit. Das passt zu heute Abend. Verletzlichkeit zeigen zu dürfen, ist selbst schon ein Stück Care.

Maximilian Grieger Wir starten gleich und zwar mit der Podiumsdiskussion. Wir machen heute durch, das heisst es wird keine Pause geben. Nämlich, wir werden nach den Publikumsfragen einen Auftritt haben von der Drag Queen und Diseuse Mona Gamie, die eben dann auf die Bühne kommt. Und bevor wir mit der Podiumsdiskussion starten und ich die Gäste auf die Bühne rufe, möchte ich ein paar Daten aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 vorlesen.

Maximilian Grieger Das Bundesamt für Statistik hat hier etwas veröffentlicht, und zwar nicht, was alle in der LGBTIQ-Community betrifft. Also es sind nicht alle Gruppen in dieser Befragung mit inkludiert. Aber man weiss, bei Homo- und bisexuellen Menschen treten Depressionssymptome mehr als doppelt so häufig auf wie bei heterosexuellen Menschen.

Maximilian Grieger Symptome einer Angststörung treten fast dreimal so häufig auf. Bei trans- und nonbinären Menschen sind die Unterschiede noch deutlicher. Nämlich bei Depressionen und Angststörungen treten sie fast viermal so häufig auf wie bei cis-Menschen. Das heisst also, queere Menschen sind psychisch stärker belastet.

Maximilian Grieger Und das nicht, weil sie queer sind, sondern weil Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlende Zugehörigkeit, also äussere Einflussfaktoren, psychisch belasten können. Und gleichzeitig kann Community ein wichtiger Schutzfaktor sein und auch Heimat. Und deshalb schön, dass ihr alle da seid, denn das ist das, was für uns wichtig ist.

Maximilian Grieger Wir haben heute geballte, queere Power auf der Bühne und ich möchte jetzt ganz herzlich und zwar die Alessandra Widmer willkommen heissen. Nämlich Alessandra ist die Co-Geschäftsleiterin der LOS - der Lesben organisation Schweiz, gefolgt und zwar von David Garcia Nuñez. Er ist Leiter des Universitären Zentrum für Geschlechtervarianz des Unispitals in Basel.

Maximilian Grieger Und zu guter Letzt Tobias Urech. Er ist Historiker. Er promoviert aktuell hier in Basel zum Projekt Freund*innenliebe. Er ist Drag-Künstler und ehemaliger Vorstand der Jugendorganisation Milchjugend. Willkommen, lieber Tobias.

Roger Furrer Wir machen wieder unsere Mentimeter-Umfrage heute und heute wird die direkt online eingespiesen. Die erste Frage habt ihr vielleicht bereits schon auf euren Smartphones. Hier geht's schon los, ja voilà. Was gibt dir in schwierigen Zeiten halt? Da kommen jetzt Wortmarken rein. Sport ist im Moment gerade gross angesagt.

Roger Furrer Beziehungen, Zuversicht, Familie, Musik, Aushalten.

Maximilian Grieger Cannabis, Kreativität, meine Partnerin, Community, Spiritualität. Zuversicht. Wunderbar.

Roger Furrer Mein Mann, meine Partnerin, Beziehungen, Freundschaft, Reflexion. Wir würden das jetzt im Hintergrund kurz lassen, während wir jetzt Tobias bitten würden, sich vorzustellen mit seinem Lieblingsprojekt, das er uns näher bringen möchte in den nächsten Minuten.

Tobias Urech Ja, vielen Dank für die Einladung zuerst einmal. Genau, guten Abend. Vielleicht noch als Vorwarnung. Ich sehe nicht immer so aus wie ein Clown. Ich habe ja nachher noch einen Einsatz dann als Drag Queen und deswegen musste ich schon diesen Kompromiss eingehen und mich schon in Vornerein schminken, damit das alles nachher zeitlich aufgeht.

Tobias Urech Aber jetzt bin ich noch als Tobias hier, genau, und aus dem stelle ich mich jetzt auch vor. Genau, ich habe mich ja schon vorgestellt. Ich bin eigentlich Historiker so und schaue deswegen eher in die Vergangenheit, aber eben auch unterwegs als Drag Queen Mona Gamie. Und vom Fokusthema sie, also beziehungsweise vom Fokus, den ich legen möchte, möchte ich etwas Persönliches auch erzählen, das vielleicht auch zum Abend hier dazu passt, weil das letzte Mal, als ich mich schminken durfte, musste, da habe ich mich geschminkt für das Lila Festival, ein queer Kulturfestival, das seit nun, zum zehnten Mal dieses Jahr, in Zürich stattfand, also das stattfand vor letzte Woche in der Roten Fabrik in Zürich.

Tobias Urech Und ich war im Organisationskomitee dabei. Wir haben die erste organisiert, das erste Lila Festival, das damals noch auf der grünen Wiese stattfindet, im Schlamm. Es war schlechtes Wetter. Und jetzt aber in der Infrastruktur in der Stadt, was mir sehr entgegenkommt, dass Drag Queen, jedenfalls, ich schweif ein wenig ab.

Tobias Urech Der Punkt ist eigentlich, was ich damit sagen will. Dieses Festival hat mir wieder mal gezeigt, wie wichtig es ist, eine Community um sich herum zu haben und wie viel einen das geben kann. Es wird ja oft auch vielleicht in gewissen Kontext nachher ein wenig abgewertet, oder also Party-Szene und was weiss ich, oder man kann nicht ständig auf Partys sein und so.

Tobias Urech Aber das ist genau auch so ein Ort, wo man sich in der Community auch gegenseitig halt gibt. Also es ist ganz wichtig, dass es diese Orte gibt, wo man zusammenkommen kann, als queer Menschen unter sich sein kann, sich austauschen kann, Freundschaften erleben kann und auch eben Kultur sehen kann, sich auch repräsentiert fühlen kann.

Tobias Urech Also es gibt dort noch queere Künstlerinnen und Künstler*innen, die auftreten und eben auch diese ganze geballte Vielfalt zu sehen. Und das ist eigentlich so ein bisschen mein Thema, das sich so durchzieht, auch mit dem Engagement, das ich hatte, mit in der Milchjugend, wo er für bestimmt auch noch später kommen werden.

Tobias Urech Aber so viel mal dazu. Ich hoffe, das war nicht allzu wirr oder unkonzise, aber genau, so viel dazu.

Maximilian Grieger Und das macht ja auch Community aus, was man heute sagen kann, du übst Etappen schminken. Also wir hatten schon mal vorhin jetzt und dann nochmal zwischendrin geht es auch nochmal. Und das ist in unserer Community total okay. Deshalb bist du kein Clown, wie du zu Beginn gesagt hast.

Tobias Urech Naja, manchmal, also Clown ist ja nicht unbedingt etwas Negatives, oder?

Maximilian Grieger Alessandra, möchtest du dich kurz vorstellen und dein Anliegen heute vorbringen?

Alessandra Widmer Sehr gerne. Mein Name ist Alessandra Widmer, Pronomen sie/ ihr. Ich bin Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, die LOS ist, zusammen mit Pink Cross, TGNS und Interaction Schweiz einer. Oder zusammen sind wir die LGBTIQ-Dachverbände. Wir machen Politik, wir gehen auf die Strasse für unsere Rechte und Sichtbarkeit.

Alessandra Widmer Das ist auch eine Form von Care. Aber das Thema, über das ich jetzt eher sprechen werde, ist, glaube ich, ein persönlicher. Mein Bezug zum Thema psychische Gesundheit ist auch noch, dass ich in meiner Arbeit bei der LOS an einem Projekt mitgewirkt habe, wo wir mit sehr vielen verschiedenen queeren Organisationen und Fachpersonen aus der ganzen Schweiz eine Strategie geschrieben haben zur Verbesserung der psychischen Gesundheit und Resilienz der LGBTIQA+ Communities in der Schweiz.

Alessandra Widmer Dieses Papier ist auch online, könnt ihr lesen, weitergeben und das war für mich ein sehr wichtiges Projekt, dass ich in meiner Arbeit bei der LOS umsetzen konnte, dass wir uns jetzt auch diesem Thema annehmen konnten. Ich werde später auch noch ein bisschen mehr darüber erzählen. Aber das ist vielleicht auch noch so mein Bezugspunkt jetzt auch zum heutigen Thema.

Alessandra Widmer Was ich noch über mich sagen möchte, weil ich muss mich ja hier auch noch vorstellen und nicht nur eine theoretische Abhandlung halten. Ich habe mir überlegt, ich erzähle euch, was ich in den letzten 24 Stunden alles für Care-Arbeit gemacht habe. Ich habe es mir aufgeschrieben, weil es tatsächlich eine Liste ist.

Alessandra Widmer Ich habe meiner verwitweten Mutter die Steuererklärung gemacht. Ich habe mit einem Teammitglied aus meinem Sportverein eingecheckt, dass sich am Samstag den Knöchel gebrochen hat. Ich habe mit einem gestressten Team von Queers eine Sitzung gemacht, weil bald das Luststreifen* Filmfestival stattfindet, wo ich auch mit arbeite.

Alessandra Widmer Und wir hatten eine sehr angespannte, gestresste Sitzung, weil es jetzt noch viel zu tun gibt. Ich habe Opferhilfe organisiert für eine gewaltbetroffene Person in meinem Umfeld. Und ich habe mir heute noch selbst gegönnt, dass ich dieses Podium nicht ganz so detailliert vorbereite wie diese Einführungsfrage, weil ich dann doch noch ein bisschen länger an der Sonne im Basel Hafen sitzen geblieben bin.

Maximilian Grieger Das ist absolut in Ordnung. Du hast Selfcare gemacht, demnach perfekt. David?

David Garcia Nuñez Mein Name wurde schon gesagt, David Garcia Nuñez und ich bin Psychiater, Psychotherapeut, Sexualtherapeut und Leiter dieses Zentrums für Geschlechtervarianz am Universitätsspital in Basel. Ich habe aber auch ein Paralleleben oder ein zweites Leben in Zürich. Ich lebe da und dort bin ich Politiker, sitze für die Alternative Linke im Parlament.

David Garcia Nuñez Und etwas, was mich ausmacht oder eine Frage, mit der ich sehr häufig konfrontiert werde ist, ist, ist das nicht ein Widerspruch? Sollten Mediziner*innen nicht neutral sein, beziehungsweise Politiker*innen sich nicht in medizinischen Belangen einmischen. Und meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass wenn Leute zu mir kommen, dann zeigen sie Wunden, die durch gesellschaftliche Strukturen entstanden sind.

David Garcia Nuñez Und meine politische Arbeit zeigt mir, dass Gesundheit nicht erst im Sprechstundenzimmer entsteht. Von dem her sind das zwei Seiten der selben Medaille für mich. Und wenn wir über queere Care oder queere Menschen in der Medizin sprechen, dann sprechen wir sehr häufig leider Gottes über Störungen, über Therapien, über Medikamente, auch über spezifische Angebote, wie das jetzt am Universitätsspital.

David Garcia Nuñez Aber wir reden sehr wenig darüber, was es eigentlich braucht, damit die Menschen, wenn sie in die Medizin kommen, tatsächlich das Vertrauen haben, um über das zu sprechen, was sie beschäftigt, und werden sie tatsächlich gehört. Und ist diese Hilfe, die man ihnen anbietet, hilfreich. Und die community hat in den letzten Jahren eine wahnsinnige Arbeit gemacht.

David Garcia Nuñez Wir haben so viele Orte, Safe Spaces, wir haben Angebote, Beratungsangebote. Wir haben viel Arbeit füreinander gemacht, auch bezahlte und unbezahlte Arbeit. Und das, was ich heute möchte, warum ich heute da bin. Ich bin Experte für einige Dinge, aber für andere überhaupt nicht. Und ich bin neugierig.

David Garcia Nuñez In erster Linie auch als Arzt und Politiker und schauen, wie wir alle zusammen als Community eine Gesellschaft schaffen können, in der wir nicht nur lernen, mit Wunden und Verletzungen umzugehen, sondern auch schaffen können, dass diese Wunden und Verletzungen gar nicht entstehen.

Maximilian Grieger Wunderbar. David, vielen Dank, bist du auch da. Alessandra, du hast gerade schon angesprochen, und zwar im März habt ihr die LGBTIQA + Mental Health Strategie erarbeitet. Ihr habt sie im März vorgestellt, gemeinsam eben mit den queeren Dachorganisationen, TGNS, Pink Cross und Interaction Schweiz, mit der Empfehlung zur Verbesserung der psychischen Gesundheit und Resilienz unserer Community.

Maximilian Grieger Ihr zeigt darin, dass Diskriminierung, Minderheitenstress und politischer Gegenwind nachweislich zu höheren psychischen Belastungen führt. Ihr habt uns zwar in diesem Strategiepapier zwölf Personen vorgestellt. Ihr habt sie nicht porträtiert, aber diese zwölf Personen kamen immer in diesen Zielen und Ausgangslage zu Wort.

Maximilian Grieger Gibt es denn hier eine Biografie, die dir so hängen geblieben ist, dass du sagst, hey, das ist eigentlich die aktuelle Diskussion über psychische Gesundheit in der Schweiz, das fehlt hier?

Alessandra Widmer Also ich glaube, das war tatsächlich bei jedem Interview so. Ich habe einen Grossteil dieser Interviews auch selbst führen dürfen. Und wir haben immer 90 Minuten geplant und es ging meistens dann doch ein bisschen länger. Und ich habe wirklich sehr viel auch nochmal für unsere Arbeit mitgenommen. Es hat mir auch wieder gezeigt, wie wichtig das es eben ist, dass wir, wie jetzt in diesem Projekt aus der ganzen Schweiz, haben wir Organisationen einbezogen, aber halt auch noch Einzelpersonen, die vielleicht auch gar nicht die Möglichkeit haben, sich in einer Organisation so einzusetzen, dass sie dann schlussendlich an unsere Strategiesitzungen kommen, sondern die eben vielleicht auch nicht ganz so

Alessandra Widmer tief in der Community drin sind. Und ein Beispiel hat mich sehr bewegt oder hat auch nochmal viel, denke ich, inhaltlich verändert. Und da ging es so ein bisschen um das Thema Care in der Care. Und zwar ein junge transfeminine Person die erzählt hat, dass sie, als sie selber einen Klinikaufenthalt gemacht hat, einen Grossteil ihrer Zeit auch damit verbracht hat sich mit anderen Trans* Personen zu verbünden und sich dafür einzusetzen, dass zum Beispiel auf dem Mittagsessen nicht der dead name von allen Leuten steht.

Alessandra Widmer Und sie hat dann auch erzählt, dass es für sie unglaublich schwierig war in diesem Kontext überhaupt zu heilen, weil so viel von ihrer Zeit und Energie eben dafür genutzt werden musste überhaupt zu existieren in dem Raum. Und sie hat so einen Satz gesagt, der mir sehr geblieben ist. Sie hat gesagt, ich wollte einfach nur über meine Probleme reden, aber dann sprachen wir eine Stunde über Politik.

Alessandra Widmer Und das zeigt, finde ich, auch nochmal sehr schön, und das ist, was wir mit der Strategie, unter anderem erreichen möchten, dass professionelle Strukturen, die Menschen versorgen, aber eben auch befürsorgen sollen, oft noch darauf angewiesen sind, dass queere Menschen selbst vor Ort sein, als Angestellte, oder eben sogar Patient*innen, dort einfach noch so viel Aufklärungsarbeit und eben auch eine Form von Fürsorgearbeit miteinander leisten müssen.

Alessandra Widmer Und das ist sicher etwas, was sich verbessern muss und was sich ändern muss, weil wenn wir nicht mal an den Orten, wo Heilung stattfinden sollte, heilen können und uns auf uns fokussieren können, dann läuft noch einiges schief.

Maximilian Grieger Ja, und das verträgt nicht zu einer Genesung bei. Wie geht's weiter mit der Strategie? Die ist jetzt veröffentlicht. Wem liegt die vor? Was wird damit gemacht?

Alessandra Widmer Die ist öffentlich und wird auch von den Organisationen, die daran beteiligt waren, weitergetragen. Für uns ist die Strategie auch wirklich eine Grundlage, um jetzt auf dieser Basis Projekte zu machen, Umsetzungsprojekte, mit denen wir auch nochmal zeigen können, wir haben dazu auch noch einen Forschungsbericht gemacht, der ist auch angehängt an die Strategie und in dem Sinne auch öffentlich.

Alessandra Widmer Also wir haben nochmal eine gute Zahlenlage, wir haben eine Forderungsgrundlage und jetzt geht es in die Umsetzung. Das heisst, für uns wird das Thema psychische Gesundheit in den nächsten Jahren sehr prägend sein. Wir wollen da wirklich auch Projekte in allen möglichen Kooperationen eingehen. Und das andere ist auch noch, dass wir es natürlich auch politisch verfolgen werden und da auch schauen werden, dass sich im Nationalrat ein paar Leute diesem Thema annehmen und da vielleicht einen ein oder anderen Vorstoss dazu einreichen, damit wir eben auch das Strategiepapier noch ein bisschen weiter in die Welt hinaus und eben auch in die Politik tragen können.

Alessandra Widmer Und es wird gemunkelt, dass es dann vielleicht mal noch Entspannungstees mit einem QR-Code auf diese Strategie gibt. Also es ist auf ganz verschiedenen Ebenen, versuchen wir das jetzt natürlich auch noch in die Welt hinaus zu tragen.

Roger Furrer David, du begleitest Menschen über längere Zeit durch grosse persönliche Veränderungsprozesse. Welche Bedeutung hat dabei das soziale Umfeld für die psychische Gesundheit? Und was können Menschen selbst tun, damit Freundschaften und andere wichtige Beziehungen auch in solch einschneidenden Phasen erhalten bleiben?

David Garcia Nuñez Die Bedeutung ist immens. Wir wissen aus der Forschung, dass die besten Transitionen jene sind, die in Einklang mit der Familie und mit den Freundschaften stattfinden. Das ist uns darum immer ein grosses Anliegen. Wir behandeln Menschen ab 18 Jahren. Aber es sind ja junge Erwachsene, 18 bis 25, leben sehr häufig noch zu Hause.

David Garcia Nuñez Wir versuchen immer die Eltern einzubeziehen. Insbesondere diejenigen Eltern, die kritisch sind, die Fragen haben, die verunsichert sind. Manchmal gibt es das auch, die einfach rein transphob sind. Das gibt es leider auch. Es gelingt uns in den meisten Fällen eine Verbindung zu schaffen. Für viele Eltern stehen zu Beginn so Schuld- und Schamfragen im Vordergrund.

David Garcia Nuñez Was habe ich falsch gemacht, dass mein Kind trans wurde? Ich schäme mich, dass meine Nachbarin weiss, dass mein Kind trans ist. Und es ist unsere Botschaft jeweils zu sagen, ihr Kind ist trans, und es ist auch gut so, es ist ein Glück, dass sie eine Trans* Person auf die Welt gebracht haben haben. Das ist selten, eins zu zwei hundert und sie haben einen Mensch grossgezogen der die Fähigkeit gehabt hat, innerhalb einer transphoben Welt, eine Sprache zu entwickeln, um sich äussern zu können, ohne zwei Meter unter der Erde zu landen.

David Garcia Nuñez Und dann geht es darum diese Person, dies junge Person zu unterstützen. Insbesondere auch im Bereich... so habe ich heute gerade eine Person aus der Ukraine gesehen die in der Schule, dass diese Jugendliche in der Schule bleiben können, dass sie nicht rausfliegen, weil sie gemobbt werden, weil sie keine Kraft haben, irgendwie sich ständig präsentieren und verteidigen zu müssen.

David Garcia Nuñez Oder bei denjenigen Personen die im Arbeitsprozess sind, dass die Arbeitsstelle nicht verloren geht. Und das ist so eine Menge, Menge Arbeit und es ist auch eine Aufgabe in unserem Zentrum den Menschen zu sagen, wir haben ein gutes medizinisches Programm, wir können das managen und das ist absolut kein Problem.

David Garcia Nuñez Aber der schwierige Teil ist eigentlich die soziale Transition und nicht die medizinische. Und wir stehen ihnen zur Seite und schaffen auch Verbindungen, auch zu der neuen Beratungsstelle, zum Beispiel, der neuen Trans*Beratungsstelle hier in Basel. Damit diese Person auch in Kontakt mit der Community finden und dort andere Lebensentwürfe überhaupt zum ersten Mal sehen, und nicht nur im Internet oder auf Instagram, irgendwelche super Trans* Personen, die ein mega cis-passing haben, und wo man irgendwie den Eindruck hat, dass es ihnen einfach so mit der ganz leicht gefallen.

David Garcia Nuñez Also dass sie ein bisschen diesbezüglich einen Reality-Check haben.

Roger Furrer Wie gehe ich als Person selber damit um, wenn ich in dieser Phase der Veränderung bin? Ich habe eben gerade gelesen von einem jungen Mann, der hat bipolare Störung. Und dann 35 ziemlich alleine ist. Er kennt viele, die dann mit 60 alleine mit ihren Tabletten zu Hause sitzen, weil sie keine Freunde und nichts mehr haben.

Roger Furrer Weil halt in diesen Phasen, wo sie vielleicht auch mal schwierig zu ertragen sind, eigentlich genau dann den Schutz bräuchten von Menschen um sich herum.

David Garcia Nuñez Ja, der Vergleich ist ein bisschen schwierig, weil eine bipolare Störung ist mit vielen Verhaltensstörungen verbunden, und tatsächlich auch interaktionelle Probleme, die für die anderen schwierig ist. Wenn jemand sagt ich bin trans, dann ist das eigentlich kein Problem. Ausser der Tatsache, das wir ja nicht - und ich möchte jetzt nicht zu theoretisch werden, aber wir sind nicht dasjenige Geschlecht das wir sind, weil wir das sagen, sondern wir sind das Geschlecht, das wir sind, weil uns die anderen das wieder spiegeln.

David Garcia Nuñez Und darum also dieses dead naming Problem innerhalb von der Trans* Bevölkerung, wenn sie sich als transfeminine Person darstellt, ständig sozusagen rosa aussendet aber blau zurückbekommt, dann führt das zu einem Problem. Aber das umgekehrte ist eben auch wahr. Cis-Menschen spiegeln sich an trans Menschen.

David Garcia Nuñez Und wir sind, also ich als cis-Person bin manchmal auch verwirrt, oder irgendwie verstehe ich etwas nicht, oder ich bin neugierig, weshalb das so ist. Und das bin aber jetzt ich. Andere Menschen werden dann - aus dieser Irritation entsteht, dann Ärger, Wut, bis Hass, oder? Also auf die Trans-Community.

David Garcia Nuñez Und ich denke, also sowohl dieser bipolaren Person, aber auch als der trans Person würde ich empfehlen, den Kontakt zu anderen trans Menschen wirklich zu suchen, weil die verstehen das am besten, wie das bei ihnen war und wie diese Phasen sind. Also das gilt natürlich auch für Homo und bisexuelle Personen oder asexuelle Personen, die in der eigenen Community über Gefühle und über Dinge sprechen können, die man auch mit den anderen Buchstaben innerhalb der Rainbow Family nicht so gut sprechen kann, und schon gar nicht mit den eigenen Eltern.

Maximilian Grieger Tobias, du warst im Vorstand der Milchjugend. Gab es dort schon mal eine junge Person, die bei euch ankam, total verzweifelt, und du hast dann über die Jahre gesehen, hey, die Person wächst und gedeiht und kommt langsam in der Community an. Gab's was und wenn es das gab, was habt ihr von der Milchjugend dazu beigetragen?

Maximilian Grieger Habt ihr da irgendeine Strategie gehabt, um Menschen in dieser Form so zu begleiten?

Tobias Urech Ja, also ich meine, da gab es natürlich viele von diesen Personen, die da ankamen, aber eine davon hiess Tobias Urech. Das war ich selber. Ich sage das jetzt einfach nicht, weil es mir um mich geht, aber ich finde es eher angenehm von mir zu erzählen, anstatt einen anderen Fall irgendwie jetzt hier hineinzuziehen.

Tobias Urech Aber vielleicht muss ich kurz zuerst sagen, was die Milchjugend eigentlich genau ist. Oder die Milchjugend ist eine queere Jugendorganisation, wo es ganz viele Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren und eben auch selbst, ja, man sagt so schön, selbst wirksam zu werden, also ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen.

Tobias Urech Angefangen hat das mit diesem Magazin, dem Milchbüechli, deswegen auch dieser komische Name Milchjugend, weil dann ganz viele weitere Projekte entstanden sind in diesem Wortfeld der Milch, also die Molke Sieben-Party gab es eine Weile lang, ich weiss gar nicht, ob es die heute noch gibt. Die Milchreise, das Workshop-Weekend und eben ganz viele weitere solche Projekte, wo eben die Idee war, dass es von queeren Jugendlichen für queere Jugendliche ist.

Tobias Urech Und ja, wie gesagt, eine Person, die da hinkam, das war ich so. Ich war jetzt vielleicht nicht unbedingt am Boden zerstört oder verzweifelt, aber ich glaube genau, das ist ja auch so dieser Punkt, wo die Milchjugend einhaken kann. Wir sind kein professionelles Beratungsangebot. Ich sage jetzt wir, ich bin zwar schon eben, ich bin zu alt für die Milchjugend, aber ich spreche immer noch so, weil ich so von Anfang an dabei war.

Tobias Urech Jedenfalls genau die Milchjugend, also es ist quasi so ein Ort, wo eben kein medizinisches, also psychologisches, psychiatrisches Beratungsangebot besteht, aber so ein informeller Rahmen, wo man sich austauschen kann, eben ein Rahmen, wo eine Community geschaffen wird, quasi auch als Prävention, oder dass die Leute eben einen Ort finden, um sich auszutauschen über Fragen zu Queerness, über auch Diskriminierung natürlich, oder?

Tobias Urech Die uns allen widerfährt als queeren Personen. Natürlich sehr unterschiedlich auch. Aber trotzdem ist es gut, einen Raum zu haben, um das vielleicht einfach mal kurz zu ventilieren, wenn einfach wieder mal ein blöde Blick dazu geworfen werden. Das sind ja so diese ganz kleinen Dinge. Und genau für die ist es wichtig, dass man die auch loswerden kann in einer Gruppe, in einem Raum, wo man sich verstanden und unterstützt fühlt.

Tobias Urech Und genau, und so eine Person war ich. Ich glaube, ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich nicht bei der Milchjugend gelandet wäre und ganz viele auch Dinge ausprobieren konnte, auch lernen konnte von den anderen, oder? Also es hat mir natürlich alle anderen Buchstaben auch näher gebracht haben, unserer queeren Community, was eben auch schön ist.

Tobias Urech Und ich glaube, das ist auch so das Zentrale daran, dass wir ja gemeinsam irgendwie uns stärken müssen.

Maximilian Grieger Das heisst, du bist aus Schaffhausen gekommen, nach Zürich, und warst dann regelmässig bei Treffen der Milchjugend und Veranstaltungen, die sie organisiert haben. Also hast du irgendwie einmal die Woche vorbeigeschaut oder was hast du gemacht?

Tobias Urech Ja, genau, also ich bin, ich war eigentlich - lustigerweise hat es mit Drag angefangen. Ich habe jemanden gekannt, der eine Party organisiert hat im Rahmen der Milchjugend und die haben eine Drag Queen gesucht und keine gekannt. Und da habe ich mir gedacht, du, das möchte ich mal ausprobieren. Ich bin aber noch nie auf einer Bühne gestanden davor, in Travestie und habe mir auch einiges zugetraut, aber das ist vielleicht eben genau der Rahmen.

Tobias Urech In der Milchjugend habe ich mich sicher gefühlt, das ausprobieren zu können. Und das hat dann meines Erachtens oder das hat mich bestärkt, sagen wir so. Ob der Auftritt gut war, weiss ich nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Das war ja auch vor 13 Jahren. Da habe ich mich noch mehr wie Picasso, es hat eher wie Picasso ausgesehen, so im Gesicht.

Tobias Urech Genau, und dann bin ich so eigentlich über das hineingerutscht, auch weil die Leute auch zu mir gesagt haben, komm, wir brauchen dich, also wirklich dieses Wir brauchen dich war extrem schön zu hören, um quasi eine Community aufzubauen. Und dann bin ich dann regelmässig an die Redaktionssitzungen von Milchbüechli gegangen, habe dort geschrieben.

Tobias Urech Also es ist ja auch so die Idee, dass es immer ganz viele verschiedene Dinge gibt, wo eben Leute mit unterschiedlichen Fähigkeiten einhaken können, die die gerne lieber schreiben beim Milchbüechli, die die lieber Partys organisieren bei der Molke 7 und so weiter. Genau. Ich hoffe, das hat die Frage beantwortet.

Maximilian Grieger Vielen Dank für den Einblick. Wunderbar. Dankeschön, Tobias. Dankeschön. Dann kommen wir und zwar zur nächsten Mentimeter-Umfrage. Da haben schon die ersten abgestimmt. "Ich habe das Gefühl, als queerer Mensch mehr leisten zu müssen, um akzeptiert zu werden." Hier, denke ich, kann ich kurz eine Geschichte, eine Anekdote aus meinem Leben erzählen.

Maximilian Grieger Denn ich bin gebürtig aus Bayern, habe viele Jahre lang in Hamburg gewohnt. Und als für uns klar war, dass wir in die Schweiz umziehen, hatten wir, bevor ich das Jobangebot hatte, einen Skiurlaub gebucht. Und in diesem Skiurlaub war es so, dass wir in dieser Woche eine Kampagne des Blicks gab, die da hiess, wie viel Deutsche verträgt die Schweiz.

Maximilian Grieger Und jetzt war ich damit konfrontiert aus Bayern. Ich war eigentlich immer und dachte so, Mensch, ich mag die Schweizer ganz gern. Aber mir war das nicht bewusst, dass wir Deutschen nicht so beliebt sind in der Schweiz. Das war mir überhaupt nicht bewusst. Und ich musste eine Woche lang, jedes Mal, wenn wir an diesem Kiosk vorbeigegangen sind, mir irgendwas über Deutsche in der Schweiz ansehen.

Maximilian Grieger Auf alle Fälle kamen wir dann im Februar 2010 in der Schweiz an. Ich bin meinen neuen Job angetreten und habe für mich festgestellt, dass ich hier, ich bin schwul, ich bin deutsch. Und ich hatte den Eindruck, ich muss mich viel mehr beweisen als die Kollegen, obwohl das überhaupt gar nicht der Fall ist.

Maximilian Grieger Sondern das war meine persönliche Herangehensweise damals, das zu kompensieren. Ich dachte einfach, hey, ich habe einfach irgendwie doppelt verloren hier. Ich bin Deutscher, ich bin schwul, aber hey, I'm born this way. Und auf alle Fälle habe ich dann richtig Gas gegeben und habe halt immer versucht, in diesem Job halt gut zu performen.

Maximilian Grieger Und das ging halt eben auch nur eine gewisse Zeit lang gut. Ja, man muss halt dann eben auch aufpassen auf sich und Self-Care machen. Aber das war so die erste Erfahrung, wo ich dachte, hey, ich muss mehr leisten, um akzeptiert zu werden. Und wenn ich heute auf mein jüngeres ich zurücksehe, ist das absoluter Bullshit.

Maximilian Grieger Das hätte ich gar nicht machen müssen. Also es ist total okay, Deutsch in der Schweiz zu sein und auch schwul zu sein.

Roger Furrer Das scheint auch bei unseren Anwesenden hier so zu sein, wie wir sehen, also ist das doch relativ ausgewogen, wo vielleicht doch viele von uns unterdessen wissen, dass sie als queerer Mensch nicht mehr leisten müssen, um was zu gelten, was ja eigentlich ein schönes Zeichen ist.

Maximilian Grieger Tobias, du bist 20 Jahre jünger circa als ich, eine andere Generation, Generation Y, glaube ich, bist du.

Tobias Urech Ich glaube, ja, genau.

Maximilian Grieger Hattest du das denn, das Gefühl, besser performen zu müssen als die anderen?

Tobias Urech Jein. Also ich glaube, das ist schon auch ein Teil, in mir so wahrscheinlich unbewusst mit quasi gemerkt hat, diesen queeren Teil zu kompensieren oder kompensieren zu müssen. Ich sage aber Jein, weil ich finde das auch immer schwierig trennbar natürlich, oder? Also was genau sind die äusseren Einflüsse, was kommt aus einem selbst heraus so.

Tobias Urech Aber ja, ich denke, es ist sicher ein Thema, das sich durch die Community auch durchzieht bis jetzt und heute so. Und das uns sicher auch beschäftigt.

Roger Furrer Alessandra, wir haben den heutigen Abend mentale Gesundheit ist Care-Arbeit genannt. Wir haben im Vorgespräch darüber gesprochen. Der Begriff Care ist bei dir auch nicht unbedingt noch positiv besetzt. Was fehlt dir denn, wenn heute von Care gesprochen wird? Und was müsste stärker im Vordergrund stehen?

Alessandra Widmer Genau, ja, da habe ich Hot Takes in der Vorbereitungssitzung rausgehauen. Jetzt muss ich dafür gerade stehen. Nein, mein Punkt war, glaube ich, also ich finde den Begriff Care sehr wichtig. Ich finde ihn ein wichtiges Instrument. Ich habe sehr viel dazu gelernt in meinem Geschichtsstudium tatsächlich, bei der eigentlich Körperhistorikerin Barbara Duden, die früher sehr viel zu Körper gearbeitet hat und dann einen kompletten Umschwung gemacht hat und sehr viel auch zu diesem Thema geforscht und gearbeitet hat.

Alessandra Widmer Und was ich von dort auch noch sehr mitgenommen habe oder was mir eben wichtig ist am Begriff Care, ist, dass wir es auch als einen politischen Begriff sehen. Und ich würde auch sagen, dass die Fragen, die wir uns bei diesem Thema stellen müssen, ja dann schon auch sind so, wer leistet überhaupt Care-Arbeit in unserer Gesellschaft, und auch wie wird Care-Arbeit bewertet.

Alessandra Widmer Und wenn ich an meine Seminarien mit Barbara Duden denke, aber auch sonst wenn wir allgemein in der Gesellschaft über Care-Arbeit sprechen, dann geht es sehr oft darum, dass Care sehr weiblich konnotiert ist. Es ist eine reproduktive Arbeit, sie ist oft unbezahlt oder schlecht bezahlt. Dazu wurde auch in einer feministischen Perspektive schon sehr viel gesagt.

Alessandra Widmer Und ich finde, auch da können wir als queere Community, wenn wir jetzt mit den Begriffen Care arbeiten, sehr viel mitnehmen, aber das natürlich auch noch weiterentwickeln und unsere eigenen Perspektiven drauflegen. Und ich denke schon so, auch für uns sind das wichtige Fragen, oder? Wer macht die letzte Awareness-Schicht an der Party?

Alessandra Widmer Und wer organisiert das Geburtstagsgeschenk im Freund*innenkreis? Und ja, wer beruft dann die Krisensitzung ein, wenn es im Kollektiv nicht gut läuft? Und auch das sind Fragen, die wir uns, wenn wir für diese Community arbeiten, uns einsetzen, auch immer wieder stellen können. Und der zweite, darf ich noch einen zweiten Punkt machen?

Alessandra Widmer Das Self-Care-Thema. Habt ihr aber am Anfang auch schon etwas kritisch beleuchtet? Ich glaube, dieser Begriff Self-Care und wie uns teilweise unser Wohlbefinden verkauft wird, ist so die extremste Form, wie es mich dann eben stört, wie mit Fürsorge um den Begriff Care umgegangen wird. Weil es gibt halt wirklich keine Atemübung und kein Fitnessgerät und keinen Proteinriegel, der die Welt besser macht, auch wenn die Werbung uns das vielleicht verkaufen möchte.

Alessandra Widmer Und ich glaube auch da müssen wir uns schon dann wieder fragen in einer politischen Perspektive. So, was ist das für eine Welt in d er wir leben? Und ist die Welt in der wir leben, oder gibt es Menschen in unserer Community, in der Gesellschaft, die vielleicht auch gar nicht die Chance haben in dieser Welt sich wirklich um sorgt und sicher zu fühlen?

Alessandra Widmer Und müsste unsere Arbeit ja auch ansetzen. Und einerseits müssen wir auf uns schauen, auf die anderen schauen, zusammen miteinander, auf nochmals die anderen schauen, die weiter. Und gleichzeitig müssen wir uns aber auch fragen, wo wir bei den Strukturen ansetzen und wo müssen wir die Welt verändern, damit wir nicht mit der Fürsorge quasi dem Schlechten in der Welt hinterher rennen.

Alessandra Widmer Und es gibt keine Lösung für diesen Punkt. Es ist eine Gleichzeitigkeit, aber das finde ich auch immer wichtig, dass wir uns das wieder vor Augen halten, sodass wir auch mit unserer Fürsorge politisch handeln und dass unsere Fürsorge politisch ist.

Maximilian Grieger David, in deiner Arbeit, woran erkennst du, dass persönliche Belastung deiner Patienten eigentlich eher ein gesellschaftlicher Druck ist, der auf sie ausgeübt wird? Wie macht sich das bemerkbar?

David Garcia Nuñez Also es gibt verschiedene Situationen. Viele Menschen haben Gewalterfahrungen gemacht, sei es einfach nur mit Kraft, aber auch zum Teil sehr sexualisierte Gewalt, verbale Gewalt. Die Geschichte, die Tobias vorhin erzählt hat, mit den Blicken können transfeminine Personen von jeden Tag durch die Strasse gehen.

David Garcia Nuñez Und ja, also heute war jemand da, die ist eine Elektrikerin, und sie arbeitete damals noch für eine Apotheke. Sie transportierte das Zeug von ihrem Auto in die Apotheke. Sie hat gemerkt, dass jedes Mal, wenn sie reinkam, haben einfach alle aufgehört zu reden und haben zugeschaut. Und dann hat sie einfach die Frage gestellt: "Ja, was ist los?

David Garcia Nuñez Kann ich etwas tun? Kann ich etwas sagen?" Und am Schluss wurde das so wie eine live Session über Trans und was das ist. Das sind tatsächlich so die sozialen Strukturen, die das Leben von diesen Menschen prägen. Auf der anderen Seite auch, wenn Menschen zu uns kommen und sagen, eigentlich würde ich gar nicht mehr an mir machen wollen, aber ich merke, ich brauche dieses Passing, also diese Fähigkeit, als cis-Person durchzugehen, also dass niemand merkt, dass ich trans bin, damit ich tatsächlich zum Beispiel einen Job bekomme.

David Garcia Nuñez Also das ist etwas vom Schlimmsten, was einer transfemininen Person passieren kann, während der Transition die Arbeit zu verlieren. Weil bei der neuen Anstellung geht es jedes Mal darum, ja, aha, sie sind trans und haben sie schon begonnen und dann ist man urplötzlich dann schon bereits bei der Frage, ja, sind sie operiert und Fragen, die in diesem Zusammenhang eigentlich gar keinen Platz haben.

David Garcia Nuñez Also aber sich, also es ist eine Frage von LGBT, aber auch zum Teil auch eine gute Portion Sexismus. Muss man auch so klar benennen. Also das ist so auch wie die Frage an Cis-Frauen, ob sie schwanger werden wollen oder planen oder was mit ihrem Körper da alles los ist. Genau. Das sind solche Momente, wo wir die Person versuchen zu unterstützen.

David Garcia Nuñez Und weisst du, ich kann als Cis-Mann, also ich bin jetzt bisexuell, aber als Cis-Macker kann ich einer trans Frau schon sagen, ja, wissen Sie, sie brauchen keine Gesichtsfeminisierung, das ist alles okay. Sie müssen nur stärker werden. Aber ich muss das Leben nicht leben. Diese Frau lebt. Und wenn diese Frau dann die Entscheidung für sich trifft, ich möchte etwas an meinem Körper ändern, damit ich besser in diese Struktur reinpasse, dann gilt es, das nur zu respektieren und auf der anderen Seite aber zu versuchen, diese Struktur zu verändern, damit viel weniger Leute vor dieser Fragestellung stehen.

Maximilian Grieger Man braucht wirklich ein hartes Fell, jetzt wie die Person, die in der Apotheke war. Also es ist eine permanente Grenzüberschreitung, in den man eigentlich ausgesetzt ist. Kannst du als Therapeut hier Hilfestellung geben, weil ich meine, ja, wie geht man damit um?

David Garcia Nuñez Ja, also das ist auch für alle Buchstaben von Rainbow. Also, wenn man ein Coming-out macht, dann bekommt man ja nicht nur Applaus. Also in dem Moment, in dem man sichtbar wird, besteht die Gefahr, dass man angegriffen wird und dass es problematisch wird. Und es gibt dieses Modell von Minderheitsstress, und das besagt, dass solche Blicke, das Dead Naming, das so wie kleine Pfeile sind, die gegen die LGBT Community oder in diesem Beispiel gegen diese Trans Person geschickt werden.

David Garcia Nuñez Und ein kleiner Pfeil macht nicht weh, aber hundert Millionen von Pfeilen an einem Tag verursachen dann eine grosse Wunde. Und unsere Aufgabe ist, mit dieser Person zu schauen, ja, wo sind eben diese Orte des Vertrauens und Safe Spaces, wo du dich irgendwie entfalten kannst. Aber gleichzeitig musst du dir eine Rüstung bauen.

David Garcia Nuñez Also die Welt ist homophob, transphob und du musst lernen, mit dem umzugehen. Und die Medizin ist nicht nur die Lösung dafür.

Maximilian Grieger Ich denke, das Thema Resilienz ist ein grosses Thema in unserer Community. Wie man Resilienz aufbauen kann, da sind auch verschiedene Punkte in der Strategie mit aufgeführt. Ich möchte und zwar, Roger, auf die nächste Mentimeter-Frage eingehen. "Wo fällt es dir am schwersten, deine Identität zu zeigen?"

Maximilian Grieger Das ist doch ganz eindeutig die Arbeit. Die Arbeitsstelle.

Roger Furrer Mit der Öffentlichkeit. Mit der Öffentlichkeit zu sein. Das, was David vorher auch angesprochen hat, dass es eigentlich das Schlimmste ist, wenn man die Arbeit verliert. Das ist halt schon auch ein grosses soziales Problem.

David Garcia Nuñez Es ist auch ein wichtiger Anteil von unserer Identität. Das ist auch die erste Frage in einer Party, wenn man irgendjemanden kennenlernen möchte, wo arbeitest du? Also zum Leute kennenlernen. Und das ist dann irgendwie ganz doof, wenn man sagen muss, ja, ich bin arbeitslos. Also das müsste nicht ein Problem sein, aber es steckt auch in unserer Gesellschaft auch diese Schande drin, oder?

David Garcia Nuñez Also dann bist du faul oder dann hast du etwas Falsches gemacht oder und so weiter und so fort, bis die Leute dann nicht mehr an diese Partys erscheinen.

Maximilian Grieger Und der drittschwerste Platz, seine Identität zu zeigen, ist ja eigentlich fast die Familie noch erstaunlich. Oder was heisst eigentlich nicht erstaunlich? Viele von uns haben Wahlfamilie, weil sie mit ihrer eigenen Familie nicht mehr zurechtkommen. Und das ist noch ein spezieller Punkt, ja. Alessandra, du hast ab und zu, glaube ich, immer Bedenken, dass ich dir so spürst mich, fühle ich mich Fragen stelle, gell?

Maximilian Grieger Ja, das weiss ich.

Alessandra Widmer Ich habe ja sehr gerne, spür ich mich, fühle ich mich Fragen.

Maximilian Grieger Deshalb, Alessandra, und zwar, du bist ja stark in der Community unterwegs. Du übernimmst Verantwortung, also du bist auf vielen Veranstaltungen, du kriegst ganz, ganz viel ab auch. Was muss denn gemacht werden für Menschen wie dich, die sich in einer queeren Organisation so nach aussen tragen, dass die geschützt sind.

Maximilian Grieger Gibt es hier was, was du dir wünschst, was für euch getan wird, die so an der Front arbeiten?

Alessandra Widmer Ich habe nicht versprochen, dass "ich gschpürsch mi fühlsch mi" antworte. Ich glaube tatsächlich, also wir alle sind ja in irgendeiner Form exponiert. Ich glaube, Mensch kann gar nicht in so einer Rolle sein, wenn diese Unterstützung nicht irgendwie gegeben ist. Oder zumindest nicht auf lange Sicht. Also ich glaube eigentlich auch gerade, dass die die eigentlich tiefer verankert sind in der Community oder teilweise auch sehr öffentlich unterwegs sind.

Alessandra Widmer Fast mehr Zugang zu diesen Unterstützungsangeboten haben oder sie eher schneller Angebote kriegen.

Maximilian Grieger Weil du gut auch informiert bist.

Alessandra Widmer Ja, informiert, vernetzt, die Unterstützungsangebote sind schneller bei einem. Also ich denke wirklich, insofern ist das das Privileg an diesen Rollen, dass diese Unterstützungsnetzwerke und die Solidarität funktionieren. Und ich finde aber auch so für meine Position, meinen Job, natürlich ist das für mich auch ein Thema.

Alessandra Widmer Wie behalte ich die Energie? Weil ich will das ja nicht jetzt noch ein Jahr machen und dann nicht mehr können, sondern ich will aufhören und dann weitermachen, irgendwo anders.

Maximilian Grieger Man muss sagen, Alessandra sitzt hier und sie hat Ferien.

Alessandra Widmer Ja, gut, das ist jetzt das Mindeste. Alessandra sass auch schon hier und wurde ausgebuht vom Publikum. Das war ein bisschen anstrengender für Alessandra. Weil sie hat gesagt, dass wir queeren Menschen unser anders sein auch feiern dürfen. Weil es uns nicht allen offen steht, vielleicht auch nicht anders zu wirken.

Alessandra Widmer Gut, das ist ein anderer Punkt. Ich glaube auch, dass jetzt gerade auch die Rolle der LGBT-Dachverbände oder unser Selbstverständnis von wie wir agieren, schon auch ist, dass wir ja dann auch die sind die dann da sind und hinstehen und einspringen, wenn es am schwierigsten ist. Das ist unsere Rolle, das ist unsere Aufgabe.

Alessandra Widmer Und das heisst aber auch, dass es so diesen schönen, wunderbaren Moment von einer Woche passiert, gerade keine Katastrophe gibt, dann schauen wir ganz fest, dass wir dann das geniessen und ein bisschen länger Mittag machen und so. Also es ist eher so ein Marathonlauf, oder? Und immer wieder Energien einteilen.

Alessandra Widmer Aber diese Abrufbereitschaft, dass wir dann eben da sind, wenn in der Welt schlimme Dinge passieren, dass wir uns organisieren und die Community zusammentrommeln, das ist ja eigentlich unsere wichtigste Funktion.

Maximilian Grieger Vielen Dank ...

Alessandra Widmer Und es gelingt uns auch nicht immer, und es gelingt uns nie genug, aber wir tun das, was wir können.

Maximilian Grieger So bist du halt heute auch ein bisschen am Rhein gesessen im Vorfeld.

Roger Furrer David, Community kann halt geben und Druck erzeugen. Manchmal beides gleichzeitig. Was macht eine Community zu einem Ort, an dem Menschen sich aufgehoben fühlen? Kann Community auch zur Belastung werden? Du hast im Vorgespräch gesagt, dass Community auch Hölle sein kann.

David Garcia Nuñez Ja, also Community ist in einem ersten Moment ist ja eine Ansammlung von Menschen, die durch irgendein Merkmal verbunden sind. Und diese Merkmale machen uns ähnlich, aber zum Teil sind wir deswegen auch divers. Und jede Community kennt früher oder später, also ab drei Menschen, sagt man ja, also zum Beispiel in einer WG, gibt es sofort zwei versus eins Situationen und Vorstellungen, wie eine Norm sein muss.

David Garcia Nuñez In der Schwulen-Community gibt es zum Beispiel, also so wie ich sie kennengelernt habe, und mir viele Leute berichten, gibt es sehr strenge normative Vorstellungen, zum Beispiel über Körper, über athletische Körper, über gesunde Körper, über weisse Körper, über Genitaliengrössen, gibt es da grosse Vorstellung und auch Plattformen, die daraus Geld machen, um Menschen zusammenzubringen.

David Garcia Nuñez Und wenn man dann zum Beispiel eine transmaskuline Person ist und auf Männer steht, dann ist die Community aufs Mal nicht so lustig. Also wenn es dann um Intimität geht. Aufs Mal werden dann Fragen gestellt, die man gerade in diesem Ort nicht erwartet gehabt hätte. Also, bist du ein richtiger Mann und was ist jetzt mit dir in der Hose?

David Garcia Nuñez Also wären alle Rocco Siffredi und hätten irgendwie weiss Gott was für ein Bolzen zwischen den Beinen. Aber das sind so dann so Diskussionen oder beispielsweise auch in transfemininen Kontexten. Also so wird mir sehr häufig erlebt, und ich beobachte das auch aus der Ferne, so ein Wettbewerb ist am schnellsten.

David Garcia Nuñez Also wie schnell habe ich jetzt Hormone bekommen, wie bekomme ich jetzt diese Operation und so ein Run auf dieses Cis-Passing. Und das kann natürlich auch einen Druck, einen transnormativen Druck, wenn man das so nennen möchte, auch erzeugen. Und der Punkt ist, wir brauchen Kategorien im Leben. Menschen sind sehr schlecht, wenn es um Dimensionen geht.

David Garcia Nuñez Wir können gut zwischen Ja, Nein, Schwarz-Weiss, Frau, Mann, 1, 0 unterscheiden. Aber glücklicherweise sind wir ja nicht nur irgendwo bei den Dinosauriern oder in den sehr früheren Stufen stehen geblieben, sondern wir haben soziale Aspekte und die Möglichkeit, uns zu hinterfragen, zu bremsen und uns empathisch zu zeigen.

David Garcia Nuñez Und das ist, glaube ich, Community. Einfach sich in die Haut des anderen irgendwie versuchen einzufühlen und eigene Privilegien abzulegen, damit es anderen besser geht.

Maximilian Grieger Unvoreingenommen sein, respektvoll sein, das sind die Punkte.

David Garcia Nuñez Ja, Unvoreingenommenheit, versus einfach die Fähigkeit zu erhalten sich einfach zu hinterfragen. Wir haben all Stereotypen. Also, wir haben all unsere Kategorien. Aber ich denke diese Unvoreingenommenheit wäre es einfach die Fähigkeit zu erhalten, sich zu hinterfragen. Und ich habe mich schon x-mal im Leben hinterfragt.

David Garcia Nuñez Und ich habe mich schon x-mal geirrt und gesagt, also das war falsch, da habe ich jetzt etwas Neues dazu gelernt, jetzt müssen wir das, oder ich möchte das jetzt anders machen. Und das ist manchmal auch etwas, was wir alle lernen müssen, nicht immer recht zu behalten. Und Social Media oder gewisse Plattformen helfen einem da nicht dabei.

Maximilian Grieger Tobias, du promovierst aktuell als Historiker zum Projekt Freund*innenliebe. Möchtest du uns ein bisschen was dazu berichten, über was du da schreibst, was du recherchierst, an was du arbeitest?

Tobias Urech Ja, kurz. Ist immer schwierig, das Thema so einzudampfen, aber genau, also es geht um Freundschaft im 20. Jahrhundert als Möglichkeitsraum für gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen. Also wie wurde Freundschaft, dieser Begriff, angeeignet von gleichgeschlechtlichen Paaren, um darin quasi Liebe, Erotik, Zusammenleben stattfinden lassen zu können?

Tobias Urech Und ich arbeite da mit, im Moment sind es drei verschiedenen Paaren, die ich mir in den Archiven anschaue. Also konkret bedeutet, dass ich lese sehr viele Liebesbriefe, fremde Liebesbriefe leider nicht an mich, aber das ist natürlich auch sehr spannend, genau.

Maximilian Grieger Und kannst du einen Unterschied feststellen zu Freundschaft von damals und Freundschaft heute?

Tobias Urech Also ich meine, ist natürlich schwierig zu sagen, weil ich jetzt natürlich auf einen bestimmten Aspekt der Freundschaft schaue, auf den der quasi Liebe ermöglicht so, aber ich denke, das ist kann man vielleicht auch als Unterschied bezeichnen. Aber wenn ich jetzt so denke, also ich meine, Freundschaft war schon immer ein zentraler, wichtiger Teil im Leben der Menschen.

Tobias Urech Also Beziehungen, ich möchte jetzt nicht anthropologisch werden, weil ich bin ja ein Historiker, nicht Anthropologe, aber Beziehung ist ja immer etwas, das für die Menschen extrem wichtig ist in ihrem Leben. Und Freundschaft ist eine Form, die eben eine Form ist, die auf Freiwilligkeit beruht, auf gegenseitig, also im Idealfall natürlich, auf Freiwilligkeit beruht, auf Gegenseitigkeit, auch auf Gleichheit so.

Tobias Urech Also es ist natürlich auch dieser emanzipatorische, dieser emanzipatorische Aspekt an Freundschaft. Und ich denke, das sind heute immer noch sehr wichtige Themen, wobei ich auch glaube, dass wir in der Community oder in der Queer-Community hoffentlich auch gut darin sind, Freundschaften zu leben, die auf Differenz basieren, oder?

Tobias Urech Und ich denke, das ist natürlich auch sehr wichtig. Aber es ist jetzt alles noch ein bisschen unkonkret. Und trotzdem, es gibt auf dem Publikum schon mal einen kleinen Einblick, was du da machst. Ja, vielleicht muss ich noch ein konkretes Beispiel geben, wenn ich darf. Ich untersuche eine Theologin Marga Bührig, die mit zwei Frauen zusammengelebt hat, mit Else Kähler und Elsi Arnold, ebenso als, heute würde man sagen, Throuple.

Tobias Urech Und die haben quasi darin ihre Liebe gelebt, ihre Romantik auch, Erotik teilweise. Und das Interessante ist aber, das hat nicht an der Grenze dieser Dreierbeziehungen halt gemacht, sondern hat sich dann auch erweitert auf den feministischen, auf feministische Bezüge, auf eine erweiterte Community quasi und dass auch so diese Grenzen ineinander verschwommen sind.

Tobias Urech Und ich denke, das ist sicher etwas, wo wir immer gut waren als Community. Also wir haben jetzt viel darüber gesprochen, was uns einengt, was es uns schwer macht, warum wir quasi diese Self-Care so nötig haben. Ich denke, eine Strategie, diese Self-Care in die Tat umzusetzen, ist auch eben sich gegen Strukturen quasi, gegen den Strich quasi zu bürsten und andere Formen zu erfinden, herauszufinden, wie man anders leben könnte, eben genau damit man selbst sein kann, wie man ist.

Maximilian Grieger Ah, sehr schön, sehr schön. Wann bist du fertig?

Tobias Urech Ich hatte heute mir in Basel mit meiner Professorin Sprechstunde. Geplant ist der 30. November 2027. Okay, gut. Dauert aber noch, bis es dann publiziert ist.

Roger Furrer Wir möchten überleiten zur letzten Mentimeter-Umfrage und nachher die Fragen ans Publikum öffnen. Einige haben schon abgestimmt. Die Fragen wurden zusammen mit der Prof. Dr. Dr. Aylin Yildirim Tschoepe von der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, der Fachhochschule Nordwestschweiz entwickelt, die im Beirat sitzt von kweercare.

Maximilian Grieger Genau, die Frage ist, "wer ist aus deiner Sicht am stärksten in der Pflicht, um mentale Gesundheit zu stärken?" Auf Platz 1 ist die Bildung, Platz 2 die Politik, Platz 3 wir als Community, Platz 4 das Gesundheitswesen und Platz 5 der Arbeitgebende. Alessandra, sind es Zahlen, ist es eine Übersicht, die eigentlich eurer Strategie entspricht oder weicht die ab?

Alessandra Widmer Wir finden ja alle sind mega zuständig. Ich muss es mir kurz anschauen. Also ich meine, es sind ja auch alles verhängte Themen. Also so jetzt gerade bei der Bildung, da kann es einerseits darum gehen, dass wir alle in der Schule eine ganzheitliche Sexualaufklärung erhalten. Es kann aber auch darum gehen, dass medizinische Fachpersonen in ihrer Ausbildung etwas zum Thema LGBTIQ+.

Alessandra Widmer Von daher, es verschränkt sich ja auch alles. Und auch die Politik sehe ich in der Verantwortung. Und da ist es ja auch ein Thema, das vor allem auch oft auf kantonaler Ebene geschehen muss. Das heisst, weiter in den Regionen müssen wir aktiv werden, wo viele gesundheitsrechtliche Aspekte auf kantonaler Ebene geregelt sind.

Alessandra Widmer Und da ist es dann zum Beispiel auch sehr entscheidend, dass die regionale und die lokale Community einbezogen wird. Wir können auch als Dachverbände immer gerne von oben heraus in alle Kantone hineinfordern, aber Queers in Schwyz brauchen etwas anderes als die Queers in Genf. Und das ist auch wichtig, dass wir dieses Zusammenspiel immer wieder denken.

Roger Furrer Danke, Sie muss ich mir nur schnell sagen. Hat jemand eine Frage an Tobias? Weil Tobias muss ja noch ein bisschen an sich arbeiten.

Maximilian Grieger Sondern ich würde ganz gerne und zwar jedem einzelnen hier bei uns, unseren Podiumsgästen, auch nochmal das Wort geben, was ihr euch wünscht, dass die Menschen heute Abend mit nach Hause nehmen, was sie in den Alltag vielleicht mit integrieren sollen. Vielleicht starten wir direkt mit dir, Tobias.

Tobias Urech Ja, genau, was möchte ich mitgeben? Ich fand diesen Punkt wahnsinnig spannend, mit die Community kann auch anstrengend sein und das stimmt, oder? Wie oft das auch eben diese Körperbilder so schwierig sind und so. Und ich finde, wenn wir darüber sprechen, dann abstrahieren wir so die Community, oder? Wer ist denn die Community?

Tobias Urech Und ich glaube, die Community sind ja wir. Das heisst, wir sollten damit anfangen, oder? Und das widerspricht gar nicht dem Punkt, sondern ich finde, das ist so wichtig, dass wir das auch immer vor Augen haben. Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, dann, wenn wir die Kapazitäten haben, die haben nicht alles, mir schon bewusst, aber wenn wir sie haben, dann müssen wir uns dafür einsetzen, oder?

Tobias Urech Und müssen wir uns zusammentun und solidarisch miteinander sein und ja, bei uns vielleicht auch anfangen. Und genau, das ist nämlich auch Self-Care quasi, oder?

Maximilian Grieger Ein schönes Schlusswort von dir. Alessandra, was möchtest du unserem Publikum, unseren Zuhörenden mitgeben?

Alessandra Widmer Am 14. Juni 2027 ist der feministische Streik, ein paar Nicken. Nächstes Jahr ist es ein Care-Streik und ich wünsche mir als Feministin und als Lesbe, dass wir es schaffen, dass sich auch die queere Community in diesen Streik hineinsolidarisiert und mitarbeitet und dass wir zusammen herausfinden, wie eine queere und eine feministische Zukunft der Fürsorge aussieht.

Maximilian Grieger Merci vielmol. David?

David Garcia Nuñez Ja, ich würde sagen, ich wünsche uns, ich wünsche mir, dass wir mehr Sorge geben können, damit wir den anderen mehr Sorge. Nein, mehr Sorge geben, damit wir ihnen mehr Sorge nehmen können. Und es geht ein bisschen so in Richtung, was Tobias gesagt hat, dass wir versuchen zu verstehen, wie es den anderen geht, wo bei den anderen den Schuh drückt, und dass wir versuchen, uns von diesen Privilegien loszulösen, um ein besseres Miteinander ermöglichen zu können.

David Garcia Nuñez Also dazu zählt auch, dass man manchmal auch sehr unangenehme aushalten muss, oder? Meinungen, Haltungen aushalten muss. Solange die respektvoll und innerhalb von Grenzen ausgesprochen werden, ist das manchmal schwierig, aber okay. Aber dass man auch das Wort ergreift, wenn man sieht, da findet eine Aggression stattfindet, da wird jemand verletzt, da findet eine Mikro- oder Makroaggression statt.

David Garcia Nuñez Und dass man nicht wartet und sagt, ja, diese Person soll sich selbst, dann self-care oder sich selbst werden, sondern dass wir da achtsam sind und Haltung haben.

Maximilian Grieger Vielen Dank, David. Wenn wir heute über mentale Gesundheit sprechen, geht es nicht nur darum, was uns belastet, es geht auch darum, was uns verträgt. Und Community verträgt uns Menschen, die uns sehen, Menschen, die uns verstehen, die mit uns durch schwierige Zeiten gehen. Eine starke Community ist ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen, nämlich so wie heute, wo wir dazugehören, wo wir einfach wir selbst sein können.

Maximilian Grieger Und genau deshalb müssen wir auch innerhalb unserer Community füreinander da sein, einander zuhören und auch wieder in den Zeiten des aktuellen Backlash einander mit Respekt begegnen. Und genau das ist kweercare, nämlich füreinander da sein und deshalb schön, dass ihr heute alle da seid. Und einen grossen Applaus.

Maximilian Grieger Wenn bei euch jetzt irgendwas aufgeploppt ist während der Veranstaltung und ihr sagt, hey, ihr habt vielleicht eher Bedenken, mit jemandem von uns zu sprechen, möchtet tendenziell mit jemandem Neutrales sprechen, bitte wendet euch an die LGBTIQ Helpline. Hier habt ihr verschiedene Möglichkeiten, an sie heranzutreten.

Maximilian Grieger Auf der Webseite findet ihr die Kontaktdaten. Man kann mit den Kollegen über WhatsApp, über E-Mail, über Telefon in Kontakt treten. Deshalb nutzt bitte dieses Angebot. Darüber hinaus und zwar unsere erste kweercare soirée, die fand im März statt zum Thema "Rassismus trifft Queerness". Daraus ist ein Workshop entstanden, den wir am 17.

Maximilian Grieger Oktober in Wabern vorstellen werden, nämlich auf der LGBTIQ Conference "Stimmen aus gelebten Realitäten." Diesen Workshop werden Roger und ich leiten, gemeinsam mit dem Ömer Atesci, Aktivist aus unserer Community. Yes! The Diva herself, Mona Gamie, möchten wir auf die Bühne bitten. Drag Queen und Diseuse, vielleicht ist sie gerade noch am Rauchen, was ich ihr zutrau.

Maximilian Grieger Sie ist noch nicht da. Ah, bitte? Alles gut. Alles gut. Wunderbar, perfekt. Viel Vergnügen. So, viel Vergnügen. Das war das Podiumsgespräch der dritten kweercare Soirée «Mentale Gesundheit ist Care-Arbeit», aufgenommen am 22. September 2026 in der Kaserne Basel.Ein herzliches Dankeschön an unsere Gäste auf dem Podium für ihre Offenheit.

Maximilian Grieger Wenn Ihr mehr über kweercare erfahren oder eine unserer nächsten kweercare Soirées besuchen möchtet, findet Ihr alle Infos auf unserer Webseite: www.kweercare.ch. kweercare schreibt sich kweer mit K-W und doppel-E, und dann care wie im Englischen. Danke fürs Zuhören hier im Studio Lookout Salon Podcast.

Maximilian Grieger Passt aufeinander auf – und bis zum nächsten Mal.

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