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Die zerstreute Macht: Donatella Di Cesares „Demokratie und Anarchie“ | Buchkritik
Mittwoch, 30. September 2026 · 4 min
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Shownotes
Als sich vor über zweihundert Jahren in ganz Europa demokratische Bewegungen formierten, entstand auch eine neue Begeisterung für die Kultur der Griechen und ihre Geschichte. Galt das Land doch als Wiege der Demokratie und hatte nicht nur den Begriff der begehrten Staatsform geprägt, sondern auch, was darunter zu verstehen ist.
Seitdem kommt keine Geschichte der Demokratie ohne Verweis auf den geschichtlichen Ursprung unserer politischen Vorstellungen in den antiken Stadtstaaten aus.
Dabei sind nicht nur die Unterschiede beträchtlich, sondern es ist auch bis heute umstritten, worin genau die demokratische Revolution im alten Athen eigentlich bestand.
Die vorbildliche Demokratie
In ihrem Essay „Demokratie und Anarchie“ hat die italienische Philosophin Donatella di Cesare daher einen neuen Versuch unternommen, diese Frage vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krisen zu beantworten.
Den Ausgangspunkt ihrer Analyse bildet eine Skepsis gegenüber den gängigen Bildern, die wir uns von der athenischen Demokratie gemacht haben:
„Wenn man den geläufigsten Mustern gemäß über die athenische Demokratie nachdenkt, kommt einem wohl das Volk in den Sinn, wie es zur Versammlung zusammentritt. Diese könnte beinahe als eine Allegorie der direkten Demokratie gelten. Doch wie neuere Studien gezeigt haben, sind […] ihre wesentlichen Merkmale ganz andere.“
Die direkte Demokratie
Unter der athenischen Demokratie wird allgemein eine Herrschaft des Volkes verstanden, bei der die Mehrheit per Abstimmung entscheidet.
Abgesehen davon, dass weder Frauen noch Sklaven an den Versammlungen teilnehmen durften, sehen darin auch heute noch viele ein Vorbild für ein umfassenderes Mitspracherecht als bei einer repräsentativen Demokratie.
Im Unterschied zu dieser Auffassung arbeitet di Cesare sorgfältig heraus, dass das entscheidende Merkmal der athenischen Demokratie nicht im Mehrheitswillen des Volkes bestand. Viel wichtiger sei der Wechsel der Machtausübung gewesen, erzwungen durch die unablässige Rotation der Ämter und die alleinige Vergabe dieser Ämter per Losentscheid:
„Das Schicksal ist blind und begünstigt die einen nicht mehr als die anderen. Allenfalls schafft das Los Abhilfe gegen eine gewisse Kompetenz, eine gewisse Fähigkeit zur Intrige, die Neigung derer, die alles daransetzen, ihr Amt zu behalten. Diesem Machthunger sollte nicht nachgegeben werden.“
Die bodenlose Demokratie
Die eigentliche Revolution im antiken Athen sieht di Cesare daher darin, dass jede Konzentration von Macht durch die Beteiligung zufälliger Bürger an der Macht verhindert werden sollte.
Damit sich auch unter demokratischen Bedingungen keine Privilegien gehobener Herkunft herausbilden konnten, sollte die Demokratie wie eine permanente Unterbrechung fungieren.
Wie radikal dieser Ansatz war, wird auch an dem einhelligen Urteil der maßgeblichen Philosophen der Antike deutlich, für die Demokratie überwiegend zu den abwertenden Bezeichnungen gehörte. Sahen sie dadurch doch das politische Gemeinwesen stets am Rand einer Anarchie und auf dem sicheren Weg in den Bürgerkrieg:
„Der ontologisch-politische Nexus, der Anarchie und Demokratie verbindet, kommt in den Schriften von Platon und Aristoteles zutage, beide stolze Gegner dieser bizarren Regierung des Volkes, einer Nicht-Regierung, einer epochalen Unordnung, dieses Umsturzes aller Prinzipien. Die natürlichen Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt.“
Indem di Cesare sich der athenischen Demokratie über den Umweg ihrer Kritiker nähert, zeigt sie beeindruckend, warum diese unterschiedlichen Auffassungen von Demokratie auch für uns heute noch von Bedeutung sind.
Umso unverständlicher ist, dass sie nicht auf den aktuellen Diskurs zur Disruption und dessen intimer Nähe zu ihrer eigenen Position eingeht.