
SWR Kultur lesenswert - Literatur
Liebe und Zeitgeschichte auf dem Dorfe: Alex Capus‘ neuer Roman „Querfeldein“
Dienstag, 29. September 2026 · 4 min
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Shownotes
Zu den vielen nur scheinbar ganz normalen Leuten, von denen der Schweizer Schriftsteller Alex Capus schon erzählt hat, gesellen sich in seinem neuen Buch ein Wirt, seine Frau, die Tochter und ihr Liebhaber. Sie alle verbindet ein Gasthaus im Schweizer Kanton Schaffhausen.
„In einem Bauerndorf namens Ramsen nördlich des Rheins gab es vor über hundert Jahren einen Gasthof, der hieß „Zur Moskau“. So viel zumindest ist wahr. Das Haus steht heute noch. Angeblich kam der Name daher, dass auf den umliegenden Feldern einsam und allein ein brummiger alter Bauer namens Peter wirtschaftete. Die Leute nannten sein Gehöft „Peters Burg“.“
Als dann an der Landstraße, die an Peters Burg vorbei über die deutsche Grenze nach Singen führte, ein junger Wirt eine neue Schenke errichten ließ, tauften die Witzbolde des Dorfes sie schon vor der Eröffnung auf den Namen „Moskau“.
Quelle: Alex Capus – Querfeldein
Der junge Wirt hört auf den Namen Arnold. Und so beginnt „Querfeldein“. Ein Roman, der nicht nur die Geschichte eines arbeitsamen Mannes mit glücklichem Händchen erzählt, nicht nur von seiner Ehe mit der herb-schönen Betty, die eines Tages hoch zu Ross durch den Schnee ins Dorf geritten kam.
Und auch nicht nur von deren ältester Tochter, genannt „die schräge Clara“, weil sie ganze Nächte durch die Wälder streift und für die Avancen der Dorfjugend lediglich lachende Verachtung übrig hat.
So kommt die Zeitgeschichte in die Familiensaga
Eine überzeitliche Saga? Bis zur Hälfte des Buchs wird man gründlich eingewickelt von einem augenzwinkernd-ausgeruhten Erzählton, der sich in die Tradition von Johann Peter Hebel (swr.de/kultur/literatur/wo-sich-die-schriftste…), Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller einzureihen scheint. Aber dann schlägt die Leidenschaft zu. Und die Zeitgeschichte.
Ins Leben von Arnold und Betty, unterdessen im mittleren Alter, vor allem aber ins Leben der ungezähmten Clara tritt am Morgen des 14. Juni 1933 der junge Schmuggler Hermann. Oder besser, er springt hinein.
„Und jetzt war da dieser mächtige Kerl, der mit der plumpen Grazie eines Braunbären unglaublich rasch durchs halbhohe Gras rannte. Arnold stellte seine Tasse ab und erhob sich halb aus seinem Stuhl, um ihn besser sehen zu können. Aus dem Wald klangen scharfe Rufe und japsendes Hundegebell.“
Was dem Kindskopf bevorstehen mag
An lichtscheue Grenzgänger ist Arnold gewohnt, an Wilderer, an Politische aus dem deutschen Reich, wo die Nazis die Macht übernommen haben. Aber so einen Kindskopf hat er noch nicht gesehen. Denn der, kaum ist er außer Reichweite der Verfolgermeute, macht sich noch lustig über die. Und der Vater sieht, wie Clara den Auftritt beobachtet, nämlich:
„Mit der kühlen, selbstgewissen Ruhe einer Jägerin, die sich ihrer Beute gewiss ist. Da wusste Arnold, dass er den jungen Mann wiedersehen würde. Und eine leise Ahnung befiel ihn, dass ihnen allen etwas bevorstand.“
Quelle: Alex Capus – Querfeldein
Alex Capus, ein Virtuose der Vorausdeutung, macht von diesem Mittel in „Querfeldein“ reichlich Gebrauch. Arnolds leise Ahnung bewahrheitet sich. Hermann wird beim Schmuggel kommunistischer Propaganda nach Singen erwischt, kann entkommen und verkriecht sich bei Clara im Gasthof zur Moskau.
Ein kleines Dorf und große diplomatische Verwerfungen
Doch sein Versteck wird verraten, SA- und SS-Männer verletzen die Grenze zur Eidgenossenschaft und verschleppen ihn ins Reich. Und während er in Konstanz im Gefängnis sitzt, entfalten sich vom kleinen Bauerndorf Ramsen aus ungeahnte Kräfte, Erschütterungen bis in höchste Kreise und diplomatische Verwerfungen zwischen Bern und Berlin.
Die Entführung des Hermann Weber und seine Befreiung aus den Fängen des Dritten Reichs hat Alex Capus nicht erfunden, die haben sich im Sommer 1933 tatsächlich abgespielt. Aber als listenreicher Erzähler weitet er die unerhörte Begebenheit mit Umwegen und Parallelhandlungen zum Epos der wechselvollen Geschicke eines Dorfs.
Zwergenaufstand der Leute von Seldwyla
Dass dieser erste großdeutsche Übergriff nicht als Omen kommender Untaten inszeniert wird, sondern eher als Zwergenaufstand der Leute von Seldwyla, mag aus deutscher Sicht frivol anmuten angesichts all der Verschleppungen, die folgten.
Ein Schweizer wie Capus hingegen kann sich eine Prise Harmlosigkeit vermutlich erlauben.