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SWR Kultur lesenswert - Literatur

Shida Bazyar: „Wir müssen uns selbst misstrauen – wir denken alle, wir gehören zu den Guten“

Sonntag, 11. Oktober 2026 · 12 min

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Shownotes

Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit

„Ich schreibe nicht, um Preise zu bekommen“, sagt Shida Bazyar (swr.de/kultur/geschichte/shida-bazyar-buchprei…) auf der Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman „Die Lücken“ ist in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.
Eine vorteilhafte Auswirkung von solchen Auszeichnungen gebe es trotzdem, nämlich, dass wir „über die betroffenen Bücher sprechen und ins Gespräch kommen“.
„Man versteht als Autorin nur, dass man einen Text geschrieben hat, wenn es eine Resonanz darauf gibt“, meint Bazyar.
Vergessene Namen, gefüllte Lücken

Bazyars Roman erzählt von Terror, Verfolgung und Verrat im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Das Buch umfasst fast 100 Jahre deutscher Geschichte.
Ausgangspunkt ihres Schreibens war ein lokalhistorisches Buch von Heinz Ganz-Ohlig, das die Namen von 21 ermordeten Jüdinnen und Juden im rheinland-pfälzischen Geburtsort der Autorin Hermeskeil sichtbar machte. „Ohne diese Recherche wären diese Personen vergessen“, sagt Bazyar im SWR Kultur lesenswert Magazin.
Erst durch diese wichtige Erinnerungsarbeit habe sie begriffen, „wie immens meine eigenen Lücken sind“, weil sie sich davor nie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Heimatortes auseinandergesetzt habe. Ein Ort, den die Nationalsozialisten zum „Gaumusterdorf“ machten.
Der Blick einer Toten auf Täter

Wie näherte sich die Autorin literarisch den monströsen Taten der NS-Zeit in Hermeskeil an? In „Die Lücken“ erzählt ein Geist einer toten Frau. Er ist eine klare, sprechende Erzählinstanz, die durch den Text führt und auf die Täterinnen und Täter blickt.
„Man darf nicht so tun, als hätten die Menschen keine Wahl gehabt“, betont Bazyar. Ihr Geist „sieht mehr als die Personen selbst und weiß um den Verlauf der Dinge“, ohne die Autorin selbst ins Zentrum zu rücken.
Erinnerung, Angst und Misstrauen

„Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit“, heißt es im Roman. In ihrer Preisrede betonte Bazyar, dass jede Minderheit im Land gerade in Angst lebe, antisemitisch und rassistisch motivierte Straftaten seien auf dem Höchststand.
Gleichzeitig wurde in Sachsen-Anhalt ein rechtsextremer Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt: „Es ist keine Fußnote, es ist eine existenzielle Angst,“ meint die Buchpreisträgerin. Darüber müsste man mehr sprechen.
„Ich weiß nicht, ob Gleichgültigkeit der richtige Begriff ist, aber es geht schon sehr stark in diese Richtung“.
Zugleich fordert sie ein Misstrauen gegen das eigene Selbstbild: „Wir denken alle immer, wir gehören zu den Guten – das denken aber auch die Bösen.“

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