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SWR Kultur lesenswert - Literatur

Überleben mit Planwirtschaft? Kohei Saitos „Am Ende des Fortschritts“

Dienstag, 13. Oktober 2026 · 4 min

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Shownotes

Das kennt man sonst nur von Sekten und als Taktik Rechtsextremer: Das penetrante Läuten des Sterbeglöckchens. Hier tut’s ein Marxist. „Die Zukunft heißt Faschismus!“ steht gleich über dem Vorwort. Der Autor Kohei Saito präzisiert: „Endzeitfaschismus“.

Ich sage es ganz unverblümt: Wir stehen sprichwörtlich am Rande des Abgrunds, der zu unserer Auslöschung führen wird.
Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

Droht die Apokalypse?

Auf die Frage, ob er denn persönlich Angst habe vor dieser von ihm geweissagten Apokalypse, sagt er: ja, schon allein wegen seiner beiden Kinder.
Ein Verdienst kommt Saito unbestritten zu: Er nimmt die Polykrise, die uns auf allen Ebenen förmlich einkreist, ins Visier und macht einen Vorschlag, wie ihr zu begegnen sei. Damit die Dringlichkeit auch jedem Leser einleuchtet, geht er vom Schlimmstmöglichen aus: Krieg, Pandemien, Artensterben, Klimakollaps. Chaos, Plünderung, Hunger.
Und dann packt er sein Rezept für ein Überleben in der Apokalypse aus. Dieses Rezept ist alt und denkbar unspektakulär: die kommunistische Planwirtschaft soll es retten, manchmal nennt er sie auch sozialistisch und manchmal demokratisch.
Auf jeden Fall müsse der Kapitalismus weg, denn der habe den Karren in den Dreck gezogen, meint Kohei Saito.
„Viele hier denken vielleicht, dass der Kapitalismus den Menschen erlaubt, frei zu sein und dass er demokratisch sei. Ich glaube, das ist falsch. Denn der Kapitalismus ist nicht kompatibel mit der Demokratie“, meint Saito.
„Warum? In diesem System werden zwar viele Dinge produziert. Aber wir, die Konsumenten, werden nicht gefragt, ob wir diese Dinge haben wollen. Reiche Leute monopolisieren diese gigantische Produktionskraft und benutzen sie, um mehr Profit zu machen.“
Schwächelnder Kapitalismus

Interessanterweise beklagt ausgerechnet er, wir seien gefangen in einem Dualismus, nämlich der Wahl zwischen entweder Kapitalismus oder Kommunismus.
Der Kommunismus stoße im Westen auf kategorische Ablehnung, denn wir hätten nur Klischees im Kopf: Terror, Lager, Versorgungsengpässe. Wobei nicht erkannt werde, dass der aktuelle Kapitalismus zu einem Erpressungssystem geworden sei:
Die großen US-Techkonzerne monopolisierten die Marktplätze und zwängen mit ihrer Herrschaft über alle Vorgänge der Digitalisierung selbst klassische Industrien in die Knie.
Aber, so tröstet er seine Leser, dies sei ohnehin die letzte Erscheinungsform, die der schwächer werdende Kapitalismus angenommen hätte. Falls aber die Zeit für die sozialistische Planwirtschaft reif sei, dann könne man die Instrumente der Techkonzerne, speziell die Künstliche Intelligenz, für eigene Zwecke nutzen.

Man kann zum Beispiel das Verhalten und die Arbeitsabläufe von Arbeitern lückenlos erfassen, durch KI analysieren lassen und so die Effizienz steigern.
Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

Genau das gefällt den Arbeitern in den Fabriken und Logistikzentren, ob kommunistisch oder kapitalistisch geführt, schon heute nicht.
Kein überzeugender Plan B

Alles in allem ist es gut, dass ein junger Idealist herkommt und einen Plan B unterbreitet für alle, die nicht reich genug sind, um sich in Sicherheit zu bringen, falls es zu einem Systemkollaps kommen sollte. Aber es ist der falsche Plan B.
Saito macht es sich zu leicht, wenn er schreibt, der Kapitalismus sei schuld am Klimawandel, der Kapitalismus hätte in China Fabriken für Billigprodukte hochgezogen und so weiter.
Sprachlich bedient er sich dabei aus dem Steinbruch kommunistischer Theorietexte, was die Lektüre meist zu einer Art Strafarbeit macht. Dass in Saitos Buch neben unzähligen männlichen Denkern keine einzige Frau vorkommt, nicht mal eine bekämpfenswerte Kapitalistin, passt denn auch ins Bild.
„Kommunismus ist eine Illusion“, sagte Freud. Für den Ernstfall brauchen wir etwas Besseres.

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