SWR Kultur lesenswert - Literatur

Das misshandelte Baumhaus

Freitag, 16. Oktober 2026 · 5 min

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Shownotes

„Bullshit“ – in leuchtendem Orange prangt dieses Wort auf dem Kunstwerk der Installationskünstlerin Iona Bartschok. Herto Straus, ein Künstlerkollege hat es auf ihr schwarzes Baumhaus gesprüht. Mit dieser Attacke beginnt Martina Hefter ihren Roman „Nach der Sonne schauen“.
Das Baumhaus bedeutet Iona enorm viel. Es ist für sie mit ihrer Kindheit auf einer Alm verbunden, mit einer Zeit großer Freiheit, aber auch mit einem traumatischen Erlebnis, das sie bis heute beschäftigt. Das Baumhaus sei zu privat, zu harmlos und damit künstlerisch uninteressant, urteilt Herto Straus – und sprüht los.
„Herto Straus hat im Zusammenhang mit seinem Sprühdosen-Anschlag in ein paar Interviews mit dem MDR, mit der Leipziger Volkszeitung und sogar mit dem Spiegel davon gesprochen, dass es wehtun müsse, ein Kunstwerk zu betrachten. Er habe nicht anders gekonnt, als etwas auf mein Baumhaus zu sprühen, es gehe nicht gegen mich persönlich. Es sei ihm nur um die Kunst gegangen.“
Nachhall eines Buchpreis-Eklats

Da denkt man unwillkürlich an den Eklat um den Deutschen Buchpreis 2024, als der Autor Clemens Meyer die Auszeichnung für Martina Hefters Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ als eine „Schande für die Literatur“ bezeichnete. Auch hier prallen zwei Vorstellungen davon aufeinander, was große Kunst sein soll.
Im Roman bekommt Iona den Angriff nicht mehr aus dem Kopf. Sie zieht sich in eine ehemalige Industriehalle an einem künstlichen Tagebausee südlich von Leipzig zurück. In dieser vom Braunkohletagebau gezeichneten Landschaft will sie an einer neuen Installation arbeiten.
Ihre Vision: ein Modell der Gegend, wie sie in 5000 Jahren aussehen könnte. Doch mit der Arbeit kommt sie kaum voran. Stattdessen erkundet sie die Umgebung, kümmert sich um eine streunende Hündin und um Robyn, einen virtuellen KI-Hund, den ihr der Besitzer der Halle zur Pflege überlassen hat.
Die Natur und ihre Bewahrung

Robyn lebt auf einem riesigen Bildschirm, und wird lebendiger, je mehr Aufmerksamkeit er bekommt.

Robyn konnte nicht bellen. Er konnte auch nicht heulen oder knurren, so weit schien diese App noch nicht gediehen zu sein. Aber er wurde immer blasser und langsamer und schien zu schrumpfen, je weniger man ihn beachtete.
Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen

Dass ausgerechnet ein künstlicher Hund auszutrocknen droht, passt zu diesem Roman, in dem sich vieles um die Natur und ihre Bewahrung dreht. Die Landschaft rund um Ionas Industriehalle ist vom Menschen gezeichnet.
Der See ist aus einem ehemaligen Braunkohletagebau entstanden, sein Wasser muss regelmäßig mit Kalk entsäuert werden, damit darin überhaupt Leben möglich ist.
Die Schönheit des ehemaligen Tagebaus

Mit großer Aufmerksamkeit beschreibt Martina Hefter diese Landschaft: das Licht auf dem Wasser, die Bewegungen der Tiere, die Spuren menschlicher Eingriffe. Immer wieder geht es darum, wie verletzlich das Leben ist - und wie widersprüchlich unser Umgang damit.
Als Ionas echte Hündin Bella einen Molch mit zwei Schwänzen fängt, schleudert Iona das Tier erschrocken fort, der Molch stirbt. Ausgerechnet Iona, die sich so sehr um Tiere und Natur sorgt, hat ein Lebewesen getötet.

Ich stürzte hin, kniete mich neben den Molch, nahm ihn vorsichtig in die Hand, die ganze Zeit sagte ich, wie leid es mir tue, und ich setzte das Tier ins Wasser, wo es eine Weile reglos sitzen blieb.
Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen

„Dann stieß es sich vom Untergrund ab und versuchte zu schwimmen, aber es klappte nicht. Der Molch kippte zur Seite und kam nicht voran, kippte wieder, auf die andere Seite, rang nach etwas, nach Luft oder einem Halt, und irgendwann gab er auf.“
Schönheit oder Schmerz – Was muss Kunst leisten?

Doch so eindringlich einzelne Szenen sind, so wenig Sog entwickelt der Roman insgesamt. Die Motive sind geschickt verknüpft: Natur und Künstlichkeit, Fürsorge und Zerstörung, Kunst und Verletzlichkeit.
Aber das alles wird ständig erklärt und eingeordnet und obwohl die Ich-Erzählerin viel von sich preisgibt, bleibt sie erstaunlich fremd. Es geht um Ängste, Schuldgefühle, Erinnerungen. Aber wirklich nahe kommt man ihr nicht.
„Ich habe zwei Baumhäuser gebaut. Ich kann Kühe in den Melkstand treiben, ich kann eine Kreissäge bedienen, ich habe einen Zaun aus Haselruten vor die Alm meiner Eltern geflochten. Und ich habe ein Kalb in meinen Armen aus einem Gewitter getragen. Das sollte eigentlich genügen. Aber es genügt nie und Herto Straus hat trotzdem mein Baumhaus angesprüht.“
Es geht in „Nach der Sonne schauen“ auch um die Frage, was Kunst eigentlich leisten muss. Muss sie aufrütteln und wehtun, oder darf sie auch einfach tröstend und schön sein? Ausgerechnet das Baumhaus, das Herto Straus für zu harmlos hält, erzählt von Ionas Leben, und dazu gehören auch Verlust, Schuld und Gewalt.
Der Roman verteidigt die „leise“ Kunst, eine die wirkt, ohne zu brüllen. Nur leider vertraut Martina Hefter ihren eigenen Bildern oft zu wenig. Sie erklärt, wo sie erzählen könnte – und nimmt ihrem Roman damit einiges von seiner Kraft.

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