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Sie wollen es doch schön haben: „Abschiedssommer“ von Jochen Missfeldt
Mittwoch, 14. Oktober 2026 · 4 min
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Shownotes
Autobiographische Literaturprojekte kommen selten an ein Ende – denn das eigene Leben, sobald man sich auch in seine zerklüfteten Schluchten hinabwagt, ist selten auserzählt.
Jochen Missfeldt veröffentlichte 1989 den Roman „Solsbüll“, der die Geschichte dreier Generationen der Familie Hasse in einem fiktiven Ort zwischen Kiel und Flensburg erzählt.
Der jüngste Spross Gustav, der dann in weiteren von Missfeldts Büchern auftauchen sollte, teilt mit dem Autor das Geburtsjahr 1941. Auch im neuen Roman des inzwischen 85-Jährigen begegnen wir seinem Alter Ego wieder.
„Bettina, so hieß meine leibliche Mutter, brachte mich 1941 in Hamburg zur Welt. Ich war das einzige Kind. Mein Vater, Grets jüngerer Bruder Gustav Hasse, dessen Namen auch ich trage, fiel im August 1941 in Russland, Bettina starb 1943 bei einem Bombenangriff auf Hamburg“, erzählt Gustav über seine Familie.
So kam ich zu meiner Tante Gret nach Solsbüll-Mühle; und hier betreute sie ihren Hebammenbezirk.
Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Jazz und Rock’n‘Roll
Kurz vor einer Operation, der sich der alt gewordene Erzähler unterziehen muss, tauchen die Bilder aus einem vergangenen Sommer auf, ganz lebensecht und zugleich phantasmagorisch.
Es ist das Jahr 1959. Für den achtzehnjährigen Gustav ist die Welt vor allem: verlockend und rätselhaft. Verlockend sind der Rock’n’Roll und der Jazz, die er mit seiner Band Die Flamingos spielt.
Noch verlockender sind die Mädchen – Lidia, die in einem Waisenhaus aufwächst und eine Episode bleibt; und Johanna, die er schon seit Kindertagen kennt und die ihm so viel bedeutet, dass er vor Eifersucht die Fassung verliert:
Das Universum drehte sich langsamer, dann stand der Himmel über Flensburg still.
„Du spinnst, Gustav. Du bist verrückt.“
Das war’s, das reichte. Ich holte aus, und da, ich knallte ihr eine.
Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Die Rätsel der Liebe
Die Ohrfeige schallt laut durch den Roman – sie hallt nach, führt weniger zu Gewissens-, mehr zu Rechtfertigungskonflikten. Gustav leidet.
Claude, Johannas Mutter, klärt die Sache dann mit jenem Pragmatismus, der Nachkriegsfrauen wahrscheinlich eigen war, zumal, wenn sie eine Flucht hinter sich hatten.
Die Rätsel der Liebe, die dem unerfahrenen Gustav zu schaffen machen, dominieren diesen Sommer; aber prägender sind andere Geheimnisse, die nur andeutungsweise in Erscheinung treten: etwa in Form eines Geschirrs, das Gustav anvertraut wird und auf dessen Rückseite noch das Hakenkreuz prangt.
Oder in der Geschichte des jüdischen Mädchens Ganka Sonnenstern, der Claude während des Kriegs begegnet und die irgendwann verschwunden war.
Die Arbeit an der Normalität
Claude wusste im Dezember 1943 natürlich doch etwas von den Transporten und wohin sie führen, sie hatte ja Augen und Ohren im Kopf. Näheres wollte sie aber nicht wissen, weil es dann mit den Gedanken eng und ungemütlich werden würde.
Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Und erst dem alten Gustav Hasse wird von einem Freund ein anderes Rätsel gelöst, über das er sich als junger Mann nie Gedanken gemacht hatte:
Sein ehemaliger Kunstlehrer nämlich war Kriegsmaler gewesen, und überdies der Schwager von Rudolf Höß. Auschwitz hat er öfter besucht und dort die Familie gezeichnet. Nach dem Krieg fand er rasch in ein bürgerliches Leben.
Geschickt, aber unspektakulär verknüpft Missfeldt die verschiedenen Bedeutungsfäden seines Romans, seines Helden, seines eigenen Lebens. Manchmal wirkt die Sprache fast betulich, ja, altbacken, viel weniger ambitioniert als etwa in seinem Roman „Steilküste“.
Aber dieses behutsame Erzählen, das sich Ausflüge ins Traumhafte, buchstäblich Theatralische und schwerelos Fantastische gestattet, ist Programm: Der „Abschiedssommer“ schildert die mühevolle Arbeit an der unverfänglichen Normalität, die nach der moralischen Bankrotterklärung Deutschlands anbrechen sollte.
Dass die Verdrängung nicht immer gelang, auch das verrät sich zuweilen in der Sprache, wenn etwa der neueste Judenwitz angekündigt wird oder von einem „warmen Bruder“ die Rede ist, der im KZ war. Meist aber gilt die Parole, die von Claude ausgegeben wird: „Lass uns nicht ungemütlich werden. Wir wollen es doch schön haben.“