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New York mal anders: „Im Land der begrenzten Möglichkeiten“ von Oliver Weiss
Sonntag, 18. Oktober 2026 · 4 min
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Shownotes
Wenn ich es in New York schaffe, dann schaffe ich es überall. Der Refrain dieser bekannten Hymne auf „die Stadt, die niemals schläft“, mag dem Autor Oliver Weiss durch den Kopf gegangen sein, als er 1995 in New York ankommt.
Der junge Illustrator aus Berlin will es wissen: Schafft er es, im „Big Apple“ genügend Aufträge zu akquirieren, um dort seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Seit Oliver Weiss 1981 als Schüler mit seiner Familie ein Jahr in Kalifornien lebte, war der junge Deutsche mit dem Amerikavirus infiziert:
„Mein Leben war auf den Kopf gestellt worden. Darüber, dass die USA das bessere Land waren, bestand kein Zweifel. Lange Zeit thronte die Flagge nach unserer Heimkehr über meinem Bett. Die Voice of America wurde mein geistiges Zuhause. Ich musste zurück nach Amerika. Koste es, was es wolle.“
New York als Verheißung
Als Wohnort kommt für den ambitionierten Illustrator Mitte der 1990er Jahre nur New York in Frage, der Sitz vieler Zeitungsredaktionen und Verlage. In sechs Kapiteln nimmt Oliver Weiss die Leser mit auf seine Reise durch Untermietzimmer in Harlem, Queens und Brooklyn.
Die Flut von Absagen, die er sich zunächst beruflich einfängt, bringt ihn nicht ab von seinem Amerika-Traum:
Der aufstrebende Künstler möchte mit Green Card unter einer New Yorker Adresse leben – am liebsten im bekannten Künstlerviertel Greenwich Village. Dass er hier die Miete nicht zahlen kann, merkt er schnell.
Als Weiss endlich die ersehnte Green Card erhält, haben sich schon erste Zweifel an seinen New Yorker Zukunftsträumen eingeschlichen.
Matt gelaufener Glanz
Wegen der astronomisch hohen Lebenshaltungskosten in der lauten, hektischen Stadt kann er sich nur verwohnte, schmuddelige Mini-Apartments leisten, in denen ihn der Straßenlärm oder die Dauerpartys der Nachbarn nerven.
Überhitzte Heizungen, ratternde Klimaanlagen und skurrile, profitgierige Vermieter, denen er sich hilflos ausgeliefert fühlt, deuten schon früh an, dass hier ein lang gehegter Lebenstraum zu scheitern droht.
„Man erliegt dem Locken eines Abenteuers, das man vor Jahren plante, als man noch Teenager war, und dessen Glanz sich längst matt gelaufen hat, ohne dass man es merkte. Immer genau zu wissen, was man will, ist eine amerikanische Tugend und zählt nicht unbedingt zu meinen Stärken.“
Kritische Selbstanalysen wie diese hätte man sich öfter gewünscht. Leider karikiert und überzeichnet Oliver Weiss stattdessen viele Alltagsszenen, was zwar einen gewissen Unterhaltungswert hat, sich aber als Stilmittel auf Dauer abnutzt.
Entzauberung eines Sehnsuchtsorts
Mit jedem Monat in New York sehnt sich der Autor stärker nach Berlin zurück. Künstlerisch ist in den New Yorker Redaktionen Spezialisierung mit Wiedererkennungswert gefragt, aber eine Zukunft als „stumpfsinnig programmierter Zeichenroboter“ findet der Autor abschreckend.
Es gibt eben nicht viele Ausnahmetalente wie etwa Charles M. Schulz, der als Erfinder der Peanuts-Comics reich wurde.
„I love your work“, ist die unverbindliche Leerformel, mit der desinteressierte New Yorker Art Direktoren sich selbst und dem Autor eine klare Absage ersparen.
Man kann die oberflächliche Freundlichkeit entweder als hilfreiches Schmiermittel in einer durch harte soziale Gegensätze geprägten Stadt empfinden oder als schlichte Lüge.
Eine Trennung auf Amerikanisch
Es dauert, bis Oliver Weiss sich von seinem Lebenstraum und seiner New Yorker Freundin verabschiedet. Eine Trennung auf Amerikanisch, wenn man so will:
Beim Abschied umarmen wir uns wie früher. ‚So nice to see you again!‘, heucheln wir beide, bevor ich mich losreiße und in den dampfenden Schacht der Subway eintauche. Wir sahen uns nie wieder.
Quelle: Oliver Weiss – Im Land der begrenzten Möglichkeiten
Die flott formulierten Alltagsgeschichten, die sich zum Abschied vom Sehnsuchtsort New York verdichten, hat der Autor aus der Retrospektive mehrerer Jahrzehnte geschrieben. Sie fügen sich gut ein in die aktuelle Stimmungslage, in der es um transatlantische Enttäuschungen und den Abschied von falschen Amerikabildern geht.
Die Frage, welche Rolle hierbei die eigenen Selbsttäuschungen spielen, regt dieses Buch auf humorvolle Weise an.