SWR Kultur lesenswert - Literatur

Das Kind, das er nicht haben konnte: Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“

Montag, 19. Oktober 2026 · 4 min

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Shownotes

Ein Liebender wird verlassen, leckt seine Wunden und erinnert sich an das vergangene Glück: Das ist eine bekannte Erzählsituation.
Im Fall von Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“ ist jedoch einiges ungewöhnlich, nicht zuletzt der Altersunterschied: Ole, der Erzähler, ist 57, das Objekt seiner Liebe dagegen eine Siebzehnjährige namens Miki.
Steht Zieglers Roman also in der Tradition von Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“ (swr.de/kultur/literatur/dorota-ambrozova-goere…)? Durchaus nicht, behauptet der – übrigens glücklich verheiratete – Erzähler. Schließlich sieht er sich gegenüber Miki, die ihren leiblichen Vater vor Jahren verloren hat, in der Rolle eines Ersatzvaters.
Das aus Japan stammende Mädchen ist für ihn, wie er unermüdlich betont, ein „Kind“ – das Kind, das er selbst im Leben nicht haben konnte. So erklärt er es sich und dem Leser, so erklärt er es aber auch seiner Frau Dolly.
„Ich esse mit Dolly zu Abend, unser Ritual, und ich verwickle sie in meine Ambivalenzen, die auf Hochtouren laufen“, heißt es im Roman.

„Ja, was ist denn mit ihr“, fragt sie, „worum geht es denn eigentlich?“ Ich rufe: „Ich liebe dieses Kind!“ Dolly: „Du liebst sie?“, und ich spreche jetzt leiser und sage: „Ja, ich liebe sie. Als Kind.“ Kein Zurück mehr, es ist gesagt.
Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind

Ein unzuverlässiger Erzähler und viele Verdachtsmomente

Kann das gutgehen? Oder macht der Erzähler sich – und den Lesern – nur etwas vor? So viel kann man verraten: Wie jede Liebe hat auch diese viel mit Illusionen und Projektionen zu tun. Und auch in diesem Fall gilt die Regel: So glücklich die Anfangszeit, so leidvoll das Ende.
Kennen lernen sich die beiden an einem Wissenschaftskolleg in Berlin: Dort forschen Oles Frau, eine Germanistin, und Mikis Mutter Haruko als Fellows. Ole selbst, ein Kunstexperte, hat viel Zeit für sich.
Mit der orientierungslosen Heranwachsenden freundet er sich zielstrebig an: Er gibt ihr Sprachunterricht, hilft ihr bei ihren Schulproblemen. Und braust mit ihr auf dem Motorroller durchs Berliner Umland.
Verdächtig ist natürlich, wie sehr er dabei die Unbefangenheit feiert, mit der Miki als sein Sozius die Arme um ihn legt. Noch irritierender ist sein Wunsch, mit ihr an einen FKK-Strand am Wannsee zu gehen.
Dazu kommt es zwar nicht, dennoch erscheint selbst dem Protagonisten dieser Gedanke im Nachhinein als erklärungsbedürftig:
„Wenn ich zu mir ehrlich war, dann hatte ich Miki längst in jene Utopie einbezogen, die deutsche Freikörperkultur, dass man sich „einfach“ entkleidet und gemeinsam, definitiv sich nicht beglotzend, zum Meer geht“, gesteht der Erzähler.

Eine Art Freundschaftssiegel, dass man das kann, sich nicht schämt und sich in der Konsequenz nicht begehrt: die Gewissheit, dass die Sehnsucht, in der Natur aufzugehen, stärker ist als die Natur in uns.
Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind

Wer ist hier wirklich das Kind?

In Wahrheit zeigt sich immer wieder, wie sehr sich dieser Erzähler mit seiner Freundschaftsutopie in die Tasche lügt, wie obsessiv und besitzergreifend seine Beziehung zu Miki ist:
Etwa, wenn er stolz schreibt, er habe Miki erfolgreich „isoliert“ und wolle sie ganz für sich haben. Oder wenn er sie später bei seinem Besuch in Tokio dazu bringt, das vereiste, gesperrte Dach eines Museums zu betreten. Umso aufschlussreicher, dass Miki hinterher wütend auf ihn ist: Offensichtlich ist nicht sie das Kind in dieser Konstellation.
Wie Ulf Erdmann Ziegler seinen unzuverlässigen Erzähler sich um Kopf und Kragen erinnern lässt, ist durchaus gekonnt. Dennoch verspürt man an fast jeder Stelle dieser seltsamen Beziehung eine Art Dauerunbehagen bei der Lektüre. Zumal die Schreibmotivation des Autors bis zuletzt im Dunkeln bleibt.
Am plausibelsten scheint die Annahme, hier solle der schmale Grat zwischen berechtigter Fürsorge und unangemessenem Paternalismus ausgelotet werden. Was ein ehrenwertes Vorhaben wäre. Fragt sich nur, ob dafür ein weniger problematischer Erzähler nicht besser gewesen wäre.

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