
SWR Kultur lesenswert - Literatur
„Wir müssen auf die nachwachsende Generation sehr setzen und ihr viel zutrauen“
Sonntag, 11. Oktober 2026 · 5 min
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Shownotes
Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal
„Besonders bei Jugendbüchern, wenn die Hauptcharaktere in eine kindliche Situation gebracht werden, dass sie jünger dargestellt sind, als ihr Alter halt entspricht.“
Die 16-jährige Babett Finta findet: Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal ganz schön. Sie gehört zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, der auf der Frankfurter Buchmesse sein 70-jähriges Bestehen gefeiert hat. Ausgezeichnet werden Bilderbücher, Kinder-, Jugend- und Sachbücher.
Gute Bücher dürfen etwas zumuten
Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt auf: die ausgezeichneten Bücher muten den jungen Leserinnen und Lesern einiges zu – und das zu Recht, findet Iris Kruse, Vorsitzender der Erwachsenenjury:
„Ja, es ist jetzt und hier tatsächlich ein sehr politisches Preis Jahr gewesen. ich glaube, wir alle haben es in den Blick bekommen, dass wir auf die nachwachsende Generation sehr setzen müssen und dass wir ihnen viel zutrauen müssen und auch können.“
In Maja Nielsens „Das falsche Leben“, Siegertitel der Kategorie Jugendbuch, erfährt ein Junge, dass sein Vater für die DDR spioniert.
Das prämierte Sachbuch: Birgit Weyhes Graphic Novel „Schweigen“ erzählt von zwei Frauen, die unter politischen Gewaltherrschaften leiden.
Und die Jugendjury selbst vergibt einen Preis an „Badjens“ von Delphine Minoui, einen Roman über die mutigen Proteste junger Frauen im Iran. In ihrer Rede loben sie: „Durch seine nahbaren Charaktere und seine Aktualität fordert es dazu auf, aufmüpfig zu sein, statt wegzuschauen.“
Lesen öffnet neue Perspektiven
Die Jugendjury gibt es seit 2003, junge Leserinnen und Leser aus sechs verschiedenen Leseclubs in ganz Deutschland entscheiden hier selbst, was gefällt. Mitglied Leo Hanstein aus Berlin ist 19 – er liest viel und alle Genres, Hauptsache es passiert was im Kopf:
„Ich kann irgendwie jemand anderem in den Kopf schauen und macht total viele verschiedenen Perspektiven auf und hilft mir total, die Menschen um mich herum besser zu verstehen. Und wenn ich da wirklich eintauchen kann, dann ist es total bereicherndes Erlebnis irgendwie, was ich dann in mein Leben mitnehme.“
In der Bibliothek herrscht Totenstille
So selbstverständlich wie für Leo ist der Zugang zu Büchern längst nicht für alle Jugendlichen. Die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen: Fast ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Auch Babett beobachtet, wie selten Gleichaltrige heute noch zu Büchern greifen.
Babett Finta: „In unserer Bücherei ist außer dem Leseclub kaum Jugendliche zu sehen. Auch wenn unsere Bücherei sehr viele Angebote für Jugendliche hat, es ist halt einfach Totenstille. Und ich komme auch von der Schule, wo sehr viele einfach das Lesen vermeiden.“
Wie also Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern? Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesjugendministerium, hat darauf bei der Preisverleihung eine klare Antwort:
O-Ton Petra Bahr: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Lust auf das Lesen der entscheidende Trigger für Lesekompetenz ist.“
Leseförderung braucht Finanzierung
Doch ausgerechnet bei der Leseförderung wird gespart. Die Bundesförderung für das Programm „Lesestart 1–2–3“ soll Ende des Jahres auslaufen. Bisher versorgt das Programm Familien mit kleinen Kindern kostenlos mit Büchern und Anregungen zum gemeinsamen Lesen.
Julia Abel, stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur, fordert deshalb:
„Leseförderung und Literaturvermittlung brauchen verlässliche Strukturen und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“
Wie wichtig persönliche Begegnungen mit Literatur sind, zeigt Jutta Richter, Autorin von „Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen“ oder „Ich bin hier bloß der Hund“. Sie bekommt den Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk kündigte an, kostenlos in Schulen zu lesen.
Jutta Richter: „Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie in Sachsen-Anhalt gelesen habe. Und auch die Kinder in Thüringen habe ich nie kennengelernt. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass sich Schulen bei mir melden, die kein Geld für solche Veranstaltungen ausgeben können.“
Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige staatlich finanzierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland und zeigt seit 70 Jahren, wie viel man Kindern und Jugendlichen zutrauen kann.
An guten Geschichten mangelt es jedenfalls nicht. Die Herausforderung ist, möglichst vielen jungen Menschen die Chance zu geben, diese Bücher für sich zu entdecken.