
The cold war files - der Kalte Krieg Podcast
Ersatzkrieg auf Schlittschuhen: Das „Miracle on Ice“ von Lake Placid
Dienstag, 19. Mai 2026 · 21 min
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Shownotes
In dieser Episode von „Cold War files“ analysieren wir eines der bedeutendsten Sportereignisse des 20. Jahrhunderts: Das „Miracle on Ice“ bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid. Wir blicken über den Spielfeldrand hinaus auf eine Zeit, in der die USA eine tiefe „Krise des Vertrauens“ durchlebten, geprägt von wirtschaftlicher Stagflation, der Teheraner Geiselkrise und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan.
Erfahren Sie, wie der Trainer Herb Brooks aus einer Gruppe namenloser College-Amateure ein Team formte, das der hochprofessionalisierten sowjetischen „Sbornaja“ – der damals besten Mannschaft der Welt – mit taktischer Disziplin und purer Leidenschaft entgegentrat. Wir rekonstruieren die entscheidenden Sekunden des 4:3-Sieges und beleuchten, warum dieser Triumph für die amerikanische Gesellschaft weit mehr war als ein gewonnerner Medaillenspiegel: Er war ein Symbol für die Überlegenheit des eigenen Systems in einer Phase globaler Ohnmacht.
In dieser Folge:
• Die Ära der Ohnmacht: Die USA zwischen wirtschaftlichem Niedergang und außenpolitischen Rückschlägen.
• Soldaten im Trikot: Sport als hochpolitisierter Ersatzkrieg im Kalten Krieg.
• Der Architekt des Wunders: Herb Brooks und seine unkonventionellen Vorbereitungsmethoden.
• Glauben Sie an Wunder? Die Geschichte hinter dem legendären Kommentar von Al Michaels und der Gewinn der Goldmedaille gegen Finnland.
Literaturempfehlungen:Vertiefende Informationen zu den historischen Hintergründen finden Sie in unseren Buchempfehlungen. Alle Titel sind über den Onlineshop BINO in Nieder-Olm erhältlich.
Doku-Tipp:Wir empfehlen zusätzlich die Netflix-Dokumentation über das „Miracle on Ice“ aus dem Jahr 2026, die mit exklusiven Interviews und neuen Einblicken die Geschichte der „Boys of '80“ lebendig hält.
Vielen Dank fürs Zuhören. Bleiben Sie uns treu bei der nächsten Analyse in den „Cold War files“.
Podcast: Cold War files
Quelle Foto: de.wikipedia.org/wiki/Miracle_on_Ice#/media/Da… (koloriert mit Canva)
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Normalerweise ist Sport ja relativ berechenbar. Es gibt eine Schlusssirene, Gewinner, Verlierer, also im Grunde eine geordnete Welt mit ganz klaren Regeln, Mhm, und das vermittelt den Menschen ja auch eine gewisse Sicherheit, aber was passiert eigentlich, wenn diese Begrenzungen des Spielfelds plötzlich verschwinden?
Ja, wenn so n Spielfeld aus Eis, dann zu einem waffenlosen Schlachtfeld für 2 verfeindete Weltmächte wird. Ganz genau und damit willkommen zu einer neuen Folge von Code war Files. Schön, dass du heute wieder zuhörst. Wir konzentrieren uns heute auf 22.2. 1980. Ein extrem spannendes Datum. Ja, ein einziges Eishockeyspiel in Lake Placid, das wirklich die deprimierte Seele einer ganzen Nation widergespiegelt hat.
Wir beleuchten heute, wieso der Eishockeysport in dieser Phase des Kalten Krieges als direkter Ersatzkrieg diente. Also dieses sogenannte Miracle on ice lässt sich historisch eigentlich gar nicht fassen, ohne dass man die gesellschaftliche Fallhöhe der damaligen Zeit begreift. Richtig, die Vereinigten Staaten durchlebten ja ab Mitte der 1900 70er Jahre eine beispiellose Krisenzeit.
Die brauchten im Jahr 1980 dringend ein Wunder, auch wenn es nur ein sportliches war. Wirtschaftlich sah es ja katastrophal aus. Genau, die Nation steckte in einer massiven Misere, geprägt von dieser Stackflation also die Wirtschaft stagnierte, die Arbeitslosigkeit Schoß in die Höhe und gleichzeitig hat so ne drastische Inflation die ganzen Ersparnisse der Bürger entwertet.
Ich vergleiche die USA. Ende der 70er Jahre im Grunde oft mit einem Schwergewichtsboxer, der in wenigen Runden einfach viel zu viele harte Treffer kassiert. Hat. Das ist ein sehr treffendes Bild. Watergate, Vietnam, die Ölkrisen, das Land taumelte da irgendwie nur noch ziellos durch den Ring, wenn wir uns die Jahre 1973 und 1979 ansehen, da sind die Energiepreise ja regelrecht explodiert.
Ja, die Amerikaner standen kilometerlang an den Tankstellen, oft stundenlang, nur um dann ein bisschen rationiertes Benzin zu bekommen. Und gleichzeitig ist das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft kollabiert. Also diese stolze Schwerindustrie im Mittleren Westen. Die Automobilbranche, die Stahlbranche, da gingen ja Millionen von Arbeitsplätzen verloren. Ganze Landstriche mutierten damals zu dem, was wir heute als Rust Belt kennen.
Und zu dieser materiellen Not kam dann noch diese verheerenden politischen Demütigungen dazu. Richtig, der Watergate Skandal 1974 und der Rücktritt von Präsident Richard Nixon, das hat das fundamentale Vertrauen der Bürger in die eigenen Institutionen völlig zerstört. Das war ein echter Schock für das System. Und kurz darauf zu 75 folgte dann der chaotische Abzug aus Saigon, die erste militärische.
Niederlage in der Geschichte der USA das demontierte diesen Mythos der unbesiegbaren Supermacht. Und es gipfelte dann ja gegen Ende des Jahrzehnts, im November 1979 begann diese Geiselkrise in Teheran. Ja, 52 amerikanische Diplomaten saßen da über Monate fest, und die Weltmacht USA wirkte in dem Moment völlig handlungsunfähig.
Es fühlt sich bei der Betrachtung so an, als wäre dann der Dezember 1979 der ultimative Tiefpunkt gewesen, als die Sowjetunion auch noch in Afghanistan einmarschierte. Dieses Gefühl der globalen Ohnmacht muss erdrückend gewesen sein. Das war es auch Jimmy Carters Fernsehansprache im Juli 79, die er als Crisis of confidence Rede in die Geschichte einging. Das war im Grunde die offizielle Diagnose einer nationalen Depression.
Er sprach da ja ganz offen von einer tiefen Vertrauenskrise, die den Kern der amerikanischen Identität bedroht. Genau. Der glaube, dass es der nächsten Generation wirtschaftlich besser gehen würde, der war quasi komplett erodiert. Und in genau diesem Vakuum des nationalen Selbstbewusstseins hat die Bevölkerung nach einem Anlass für Stolz gesucht. Da direkte militärische Konfrontation mit der Sowjetunion aufgrund der nuklearen Bedrohung ja ausgeschlossen war, hat sich dieser globale Konflikt eben andere Ventile gesucht.
Und der Sport bot genau diese Bühne. Wir betonen das hier bei Cold war Files ja öfter im Kalten Krieg war der Sport kein reiner Zeitvertreib, nein, überhaupt. Nicht er war ein zentrales Legitimationswerkzeug die Sowjetunion und andere Ostblockstaaten nutzten diese olympischen Medaillen als kalkulierten Beweis für die angebliche Überlegenheit des sozialistischen Systems.
Leistung, Disziplin und kollektiver Erfolg auf dem Spielfeld sollten im Grunde die Effizienz dieser Staatsideologie demonstrieren. Exakt. Und hier müssen wir uns die Struktur des olympischen Eishockeys dieser Ära mal etwas genauer ansehen. Das Internationale Olympische Komitee verbot damals ja noch strikt die Teilnahme von Profisportlern.
Das IOC klammerte sich da an so n Romantisiertes ideal des elitären Amateursports. Und die Sowjetunion hat dieses System einfach systematisch ausgehebelt. Indem sie ihre Spieler offiziell als Offiziere des Militärs angestellt haben. Genau, vorrangig beim CSK Moskau, also dem Club der Roten Armee.
Faktisch haben diese Männer aber 11 Monate im Jahr unter völlig isolierten, perfekten Bedingungen in Vollzeit Eishockey trainiert. Aber wenn wir das mal logisch betrachten, wenn diese sowjetischen Spieler de facto Militärangehörige waren, die vom Staat ausschließlich für den Sport bezahlt und trainiert wurden.
Dann war diese olympische Idee des reinen Amateursports doch von vornherein eine völlige Illusion. Das kann man so sagen, ja. Hat sich der Westen da nicht einem Regelwerk naiv unterworfen, dass der Gegner eigentlich längst zu seinen Gunsten umgeschrieben hatte? Voll und ganz. Und die Realität auf dem Eis hat diese Asymmetrie ja dann auch gnadenlos widergespiegelt.
Diese sowjetischen Staatsamateure bildeten die sogenannte Sporanaja, das war eine unaufhaltsame Übermacht. Seit 1964 hatten die viermal in Folge olympisches Gold geholt. Und sie waren 16 Facher Weltmeister bei Olympischen Spielen hatten sie seit 1968 kein einziges Spiel mehr verloren. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Spieler wie der Kapitän Boris Michailow oder auch Wladislaw Tretjak, der damals unbestritten als der beste Torhüter der Welt galt.
Die haben ihre Gegner wirklich nach Belieben deklassiert. Sie spielten ein Eishockey, das fast schon an ein Schachspiel auf dem Eis erinnerte. Endlose, wahnsinnig präzise Passstafetten. Eine kollektive Bewegung. Bis sich dann eben die perfekte Lücke für den Abschluss auftat. Und um diese staatlich gelenkte Maschine irgendwie zu stoppen, brauchten die USA einen radikalen Ansatz.
Die Amerikaner waren ja gezwungen, echte Amateure aufs Eis zu schicken. Also wirklich eine Gruppe junger College Studenten. Genau. Und der Trainer, Herr Brooks stand vor dieser unmöglichen Aufgabe. Aus einem sehr heterogenen Haufen ein Team zu formen. Brooks verstand sofort, dass technisches Talent allein gegen die Sowjets wirkungslos bleiben würde. Er lud damals 68 talentierte College Spieler zu einem Auswahlcamp ein.
Richtig. Ja, und bei der Selektion suchte er nach ganz spezifischen psychologischen Profilen. Er setzte einen Test mit 300 Fragen ein, der auf dem Minnesota Multilphasic Personality Inventory basierte. Ein extrem komplexer psychologischer Test. Richtig. Brooks wollte exakt wissen, wie diese jungen Männer auf massiven Stress reagieren, wo ihre mentalen Bruchstellen lagen und wie sie mit dem unvermeidlichen Scheitern auf dem Eis umgehen würden.
Er suchte also nach psychologischer Resilienz. Genau, er brauchte Spieler, die unter Druck nicht zerbrechen, sondern die schlichtweg wütend werden und dagegenhalten. Und um diese Resilienz dann als Team zu bündeln, betrieb er ein Teambuilding, das auf künstlich erzeugter Rivalität basierte. Er hat ja Spieler von Universitäten Zusammengeholt, die sich auf dem Eis eigentlich abgrundtief hassten.
Allen voran natürlich die Spieler der University of Minnesota und der Boston University. Und seine Methode bestand letztlich darin, sich selbst zum gemeinsamen Feindbild zu machen. Das war der Trick. Er trieb die Mannschaft physisch und psychisch derart an ihre Grenzen, dass die Spieler ihre universitären Fäden vergaßen und sich stattdessen gegen ihren unerbittlichen Trainer verbündeten. Das war quasi das Fundament für seine taktische Revolution. Brooks verordnete seinem Team ja dann eine europäische Spielweise, die er für den amerikanischen Charakter modifiziert hat.
Er verlangte unglaublich schnelles Eishockey, die Nutzung weiter Räume gepaart mit einer extrem harten physischen Präsenz. Aber das entscheidende taktische Element waren doch diese extrem kurzen Wechsel, oder? Ganz genau, die Sowjets waren es gewohnt, den Rhythmus eines Spiels komplett zu diktieren. Brooks forderte von seinem Team Wechsel von unter 40 Sekunden. Das garantierte natürlich, dass permanent völlig frische, aggressive Spieler auf dem Eis standen. Die die Sowjets ununterbrochen physisch attackieren und dieses endlose Passspiel zerstören konnten. Und dieser physische Drill gipfelte dann ja in den berüchtigten Herbies.
Da gab es dieses Testspiel in Norwegen, das für Brooks völlig unbefriedigend mit 33 unentschieden endete. Oh ja. Danach ließ er das Team über eine Stunde lang auf dem Eis Sprints von Linie zu Linie absolvieren. Die Hallenwarte haben ja irgendwann sogar das Licht ausgeschaltet, aber Brooks ließ seine Spieler in der völligen Dunkelheit weiterlaufen, bis die physische Erschöpfung wirklich komplett war.
Er wusste ganz genau, dass diese Mannschaft dritten Drittel eines olympischen Spiels konditionell einfach nicht einbricht. Durfte. Aber trotz all dieser extremen Vorbereitung kam dann dieser gewaltige Dämpfer kurz vor dem Turnier. Ja, nur eine Woche vor den Spielen in Lake Placid trafen die USA im Madison Square Garden in einem letzten Testspiel auf die Sowjetunion ist gefegt.
Die sowjetische Dominanz schien zu dem Zeitpunkt völlig ungebrochen. Aber wenn man sich das heute anschaut, ich finde dieses 3 zu 0 im Testspiel, war rückblickend vielleicht das Beste, was den Amerikanern überhaupt passieren konnte. Wie meinst du das genau? Na ja, es war wie eine taktische Nebelkerze.
Es. Das hat den sowjetischen Trainer Viktor Tichonow doch in einer total fatalen Sicherheit gewiegt. Da hast du vollkommen recht. Tichonow hat diese Einschätzung Jahre später auch selbst bestätigt. Siehste, dieser zweistellige Sieg führte dazu, dass die sowjetische Führungsebene und auch die Spieler dieses junge US Team im Vorfeld des Turniers massiv unterschätzt haben. Für die Sponage schien dieses olympische Turnier ja nur noch ein vorprogrammierter Spaziergang zur fünften Goldmedaille in Folge zu sein.
Mit genau dieser Ausgangslage startete dann das Olympische Turnier und die. Vorrunde unterstrich scheinbar noch mal diese alten Machtverhältnisse. Die Sowjets deklassierten ihre Gegner völlig routiniert. 116 0 gegen Japan, 117 4 gegen die Niederlande. Aber die jungen Amerikaner wuchsen plötzlich über sich hinaus. Ja, sie erkämpften ein 22 gegen die sehr starken Schweden. Und besiegten den Mitfavoriten Tschechoslowakei überraschend deutlich mit 7 zu 3.
Was dann direkt die Bühne für die Finalrunde bereitete. Das Aufeinandertreffen am 22. Februar 1980. Die Atmosphäre in der Halle in Lake Placett da waren 8500 Zuschauer, die war extrem aufgeladen. Und interessanterweise wurde das Spiel in den USA wegen der Zeitverschiebung ja erst Stunden später in der Primetime im Fernsehen übertragen. Also als sogenanntes Tape Delay.
Die Fernsehzuschauer wussten zu Beginn der Ausstrahlung oft gar nicht, welches historische Ereignis sich da bereits auf dem Eis abgespielt hatte. Das erste Drittel verlief dann ja auch zunächst exakt nach. Drehbuch der Sowjets. Sie bauten massiven Druck auf, schnürten die Amerikaner ein und gingen mit 1 zu 0 und wenig später direkt mit 2 zu 1 in Führung. Der amerikanische Torhüter Jim Craig hat sein Team in dieser Phase wirklich mit herausragenden Paraden im Spiel gehalten.
Und dann kippte das Momentum exakt eine Sekunde vor der ersten Drittelpause. Das war diese Szene mit Dave Christian. Er feuerte aus der Distanz einfach einen Verzweiflungsschuss auf das sowjetische Tor. Und Wladislaw Tretjak, dieser unbezwingbare Rückhalt, ließ den Pack nach vorne abprallen. Ein Fehler, der ihm in seiner gesamten Karriere fast nie unterlief. Und Mark Johnson erfasste die Situation. Bildschnell sprintete durch die starre sowjetische Verteidigung und traf zum 2.
Zu 2. Und dieser Ausgleichstreffer provozierte auf der sowjetischen Bank eine Reaktion, die wirklich den Verlauf der Eishockeygeschichte verändert. Hat. Richtig. Er brachte den Ersatzmann Wladimir Mischkin ein Zug, den Tichonow später selbst als den größten Fehler seiner Karriere bezeichnet hat. Warum genau, das war doch eigentlich mehr als nur ein Torwartwechsel.
Es war ein Zeichen von offener Panik auf der sowjetischen Führungsebene. Für die sowjetischen Feldspieler, die Tretiak ja fast schon als mystischen Heilsbringer betrachtet haben, weil diese Auswechslung ein unglaublicher Schock und für die jungen Amerikaner war es genau das Gegenteil. Es vermittelte den College Studenten diese unfassbare Erkenntnis, die scheinbar unbesiegbare, fehlerfreie Maschine zeigt plötzlich Risse.
Genau, der unantastbare Favorit blutet. Das zweite Drittel hat dann die absurde Dynamik dieses Spiels verdeutlicht. Die Sowjetunion antwortete ja mit brutaler Dominanz. Das Schussverhältnis lag im zweiten Drittel bei 12 zu 2 für die UDSSR. Das Spiel fand fast ausschließlich im amerikanischen Verteidigungsdrittel statt. Aber trotz dieser drückenden Überlegenheit schafften die Sowjets nur ein einziges Tor zum 3 zu 2. Weil Jim Krack im Tor das Drittel seines Lebens spielte und die amerikanische Defensive blockte, die Schüsse wirklich mit allem, was sie hatten.
Was dann direkt die Bühne für das entscheidende dritte Drittel breitete. Die USA lagen zwar zurück, aber sie waren physisch noch voll da für die Amerikaner. Und Mark Johnson nutzte diese Chance und traf in der 49. Minute zum 3 zu 3 Ausgleich. Und kurz darauf kam dann dieser eine entscheidende Moment. Der amerikanische Kapitän Mike Aris Joney schnappte sich einen freilegenden Puck im hohen Schlott, feuerte sofort und brachte die USA erstmals in diesem Spiel mit 4 zu 3 in Führung.
Ab diesem Zeitpunkt begannen wirklich die längsten 10 Minuten des Turniers. Und hier muss man sich als Zuhörer mal wirklich in die Lage dieser Jungs versetzen. Du bist 21 Jahre alt, ein College student, du stehst auf dem Eis und verteidigst eine knappe Führung gegen den amtierenden Olympiasieger. In einer Halle, die so laut ist, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.
Und du spürst einfach diesen enormen politischen und emotionalen Druck einer ganzen Nation. Die in dieser Krisenzeit vor den Fernsehern Erlösung sucht. Und es sind noch 10 Minuten auf der Uhr. In diesen 10 Minuten offenbarten sich dann die fundamentalen strukturellen Unterschiede der beiden Systeme.
Die Sowjets gerieten in ein Szenario, das in ihrer sportlichen DNA schlichtweg gar nicht existierte. Ein Rückstand kurz vor Schluss. Ihr ganzes System war auf Perfektion und das Verwalten einer Führung programmiert, nicht auf chaotische Aufholjagden. Sie begannen völlig unkontrolliert zu agieren und das präzise Passspiel zerfiel in fehlerhafte Einzelaktionen.
Herr Brooks hingegen behielt auf der anderen Seite komplett die Nerven. Er tat genau das Gegenteil von dem, was die meisten Trainer in so einer Situation gemacht hätten. Er ließ sein Team nicht passiv das eigene Tor verbarrikadieren, er rief ihn immer wieder zu. Spielt euer Spiel. Er ließ sie also weiter offensiv attackieren. Eher konsequent diese kurzen Wechsel durchziehen. Und die Sowjets schon direkt beim Spielaufbau stören. Und Tichonow auf der Gegenseite verfiel in eine regelrechte Schockstarre.
Er nahm in der Schlussminute ja nicht einmal seinen Torwart vom Eis, um einen sechsten Feldspieler zu bringen. Obwohl das im Eishockey beim Rückstand der universelle Standard ist. Er verzichtete darauf, weil die Sowjets dieses Szenario der Unterlegenheit im Training schlicht nie simuliert hatten, oder?
Ganz genau. Tichonow glaubte nicht an diese Taktik und die sowjetische Struktur war einfach zu starr im, um in diesem Moment der Krise noch. Flexibel zu improvisieren das Playbook enthielt keine Antwort auf Chaos. Die verbleibenden Sekunden verstrichen dann, die Halle zählte den Countdown herunter und der Reporter All Michaels prägte diesen legendären Satz, der in die Fernsehgeschichte einging.
Do you believe in Miracles? Yes. Die Szenen unmittelbar nach der Schlusssirene, die haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Herr Brooks sprintete in die Kabine und weinte einfach hemmungslos. Die Spieler fielen sich auf dem Eis in die Arme und sangen gar. America. Während die sowjetischen Akteure völlig apartisch an der Bande standen. Tichenow gab in der Kabine unmittelbar danach seinen Topstars die Schuld an dieser historischen Niederlage. Es war ein Moment, der diese gesellschaftliche Starre in den Vereinigten Staaten regelrecht durchbrach. Es bewies der amerikanischen Öffentlichkeit in dem Moment anschaulich, dass ein System, das auf individueller Leidenschaft und Zusammenhalt
basiert, so ein hochdiszipliniertes Kollektiv besiegen kann. Aber, und das wird oft vergessen. Der Sieg über die Sowjets markierte noch gar nicht das Ende des Turniers. Richtig, um die historische Erzählung abzuschließen und die Medaille zu gewinnen, musste noch eine Hürde genommen werden. Das Turnier kannte damals kein KO System, sondern nur eine Finalrunde. Hätten die USA ihr letztes Spiel gegen Finnland, das nur 2 Tage später stattfand, wäre dieses ganze Wunder wertlos gewesen. Keine Goldmedaille.
Und dieses letzte Spiel gegen Finnland verlief ihr äußerst kritisch. Nach dem zweiten Drittel lagen die USA mit 12 zurück. Man hat die körperliche und emotionale Erschöpfung nach dem Sowjetspiel deutlich gespürt. In der Kabine griff Brooks dann zu einer drastischen verbalen Maßnahme. Er drohte dem Team unverblümt, wenn ihr dieses Spiel verliert, werdet ihr das mit in euer verdammtes Grab nehmen. Eine harte Ansprache, aber sie saß. Die USA mobilisierten alle Reserven, drehten das Spiel im Schlussdrittel, gewannen mit 42 und sicherten sich so die Goldmedaille.
Und die Szenen danach bleiben unvergessen. Torhüter Jim Craig, der in eine amerikanische Flagge gehüllt über das Eis fuhr und auf der Tribüne verzweifelt nach seinem Vater suchte. Das Team löste sich kurz danach auf. Viele der Spieler starteten dann erfolgreiche Karrieren in der NHL. Das Kontrastprogramm bei den Sowjets war bezeichnend.
Ja, sie gewannen in ihrem letzten Spiel zwar noch die Silbermedaille. Aber die Frustration war so tief, dass die Spieler ihre Medaillen nicht mal zur obligatorischen Gravur abholten. Und die sowjetische Staatspresse verschwieg das konkrete Ergebnis auch weitgehend. Man hat sich in der Berichterstattung lieber auf die generelle Überlegenheit der Mannschaft im gesamten Medaillenspiegel konzentriert. Für unsere Betrachtung hier bei Cold war Files ist letztlich entscheidend, dass dieses Spiel den USA einen massiven psychologischen Schub lieferte.
Es war ein kurzer Moment der Euphorie, der diese gesellschaftliche Depression durchbrochen hat. Die komplexe Realität des Kalten Krieges wurde für einige Stunden auf ein Spielfeld aus Eis destilliert, wo ganz klare Regeln galten. Fassen wir das Ganze also nüchtern zusammen. Ein Eishockeyspiel im Februar 1980 fungierte als echter Katalysator für das Selbstbewusstsein einer Nation. Es zeigt deutlich, wie eng Sport und Politik verwoben sein können.
Und wer sich da weiter einlesen. Will auch wenn du tiefer in die Materie einsteigen möchtest, findest du in unseren Shownotes eine detaillierte Literaturempfehlung. Die kannst du ganz bequem über den Onlineshop bino in Niederolm bestellen. Wirklich ein sehr gutes. Buch und wir haben dort auch eine äußerst empfehlenswerte Dokumentation über das Miracle on ICE verlinkt, die aktuell auf Netflix verfügbar ist. Wir hoffen, diese Ausgabe hat dir ein paar neue Perspektiven eröffnet.
Bevor wir uns heute verabschieden, möchte ich dir aber noch einen analytischen Gedankenstrich mit auf den Weg geben. Bitte, wir haben analysiert, wie dieser Sieg den Amerikanern ihr nationales Selbstbewusstsein zurückgab. Setzt man das in den größeren geopolitischen Kontext, stellt sich eine recht provokante Frage. Die da wäre.
Trug dieser durch den Sport neu entfachte nationale Stolz ironischerweise dazu bei, dass die USA in den 1900 80er Jahren das militärische Wettrüsten wieder massiv anheizten, anstatt den Weg der Entspannungspolitik weiterzugehen? Interessanter Punkt. Es bleibt eben die Überlegung, dass ein sportliches Wunder, dass man als friedlichen Triumph gefeiert hat, die Spannungen des Kalten Krieges womöglich entscheidend verlängert hat. Das Spielfeld, das uns normalerweise mit klaren Gewinnern und Verlierern eine geordnete Welt präsentiert, erwies sich hier vielleicht als Vorbote für eine noch härtere politische Realität.
Vielen Dank fürs Zuhören bis zur nächsten Ausgabe.