Baggio, Shiffrin & Mihambo: Handlungsfähig unter Druck | Matchball-Momente 1
Dienstag, 30. Juni 2026 · 12 min
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Shownotes
Was Strafverteidigung vom Spitzensport über mentale Stärke, Atem und den nächsten Satz lernen kann
Ein Penalty im WM-Final. Ein Slalomlauf an Olympia. Ein Plädoyer vor Obergericht.
In solchen Momenten verdichten sich jahrelange Vorbereitung, Erwartungen, Konsequenzen und Angst auf wenige Sekunden. Der Körper schlägt Alarm. Der Puls steigt. Der Blick wird eng. Plötzlich reicht es nicht mehr, etwas theoretisch zu wissen oder technisch zu beherrschen. Die Leistung muss genau jetzt abrufbar sein.
In Teil 1 der Reihe «Matchball-Momente» schaut Duri Bonin, Strafverteidiger in Zürich, auf Roberto Baggio, Mikaela Shiffrin und Malaika Mihambo. Was geschieht mit aussergewöhnlich gut vorbereiteten Menschen unter maximalem Druck? Und was können Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger, Prüfungskandidatinnen und Prüfungskandidaten sowie andere Juristinnen und Juristen daraus lernen?
Die Folge führt vom WM-Final 1994 über den alpinen Skisport und die Leichtathletik bis in einen Gerichtssaal des Obergerichts Zürich. Dort hatte die Staatsanwaltschaft für Duris Mandanten sieben Jahre Freiheitsstrafe und zwölf Jahre Landesverweisung beantragt. Das ist kein sportlicher Wettkampf. Für die beschuldigte Person geht es um ihr weiteres Leben. Aber auch hier stellt sich dieselbe psychologische Frage: Wie bleibt ein Mensch handlungsfähig, wenn der Körper Alarm schlägt?
Darum geht es in dieser Folge
• Warum mentale Stärke nicht bedeutet, nie nervös zu sein
• Weshalb Roberto Baggios verschossener Penalty bis heute ein Bild für maximalen Druck ist
• Was geschieht, wenn eine einzige Handlung die ganze Geschichte zu tragen scheint
• Was Mikaela Shiffrin über Erwartungen, Perfektion und einen wackelnden Plan zeigt
• Wie Malaika Mihambo nach misslungenen Versuchen zum Atem und zur Aufgabe zurückfindet
• Weshalb ein Wettkampf bis zum letzten Versuch offenbleiben kann
• Was Spitzensport und Strafverteidigung verbindet – und was sie klar voneinander unterscheidet
• Warum ein vorbereitetes Plädoyer im Büro psychologisch nicht dasselbe ist wie das Plädoyer vor Gericht
• Was geschieht, wenn Richterinnen und Richter schauen, die Staatsanwaltschaft Anträge stellt und der Mandant daneben sitzt
• Weshalb Druck nicht vollständig wegtrainiert werden kann
• Was Pre-Performance-Routinen sind
• Wie Atem, Körperhaltung, Fokus und ein erster Satz helfen können
• Wie man nach einer Unterbrechung zum roten Faden zurückfindet
• Was Juristinnen und Juristen tun können, wenn der Kopf plötzlich leer ist
• Warum Wissen erst dann trägt, wenn es unter Druck in Handlung übersetzt werden kann
Roberto Baggio: Wenn ein einziger Schuss alles zu tragen scheint
WM-Final 1994. Italien gegen Brasilien. Roberto Baggio tritt im Penaltyschiessen an und schiesst über das Tor. Das Bild bleibt haften: einer der besten Fussballer seiner Generation, allein am Penaltypunkt, beobachtet von einem ganzen Stadion und von Millionen Menschen. Jahre des Trainings verdichten sich auf einen einzigen Schuss.
Gerade deshalb ist dieser Moment interessant. Baggio scheitert nicht, weil er nicht Fussball spielen kann. Seine technischen Fähigkeiten stehen ausser Frage. Aber ein Penalty im Training und ein Penalty im WM-Final sind psychologisch nicht dieselbe Aufgabe.
Zum Ball kommen im Final weitere Belastungen hinzu:
• die Bedeutung des Moments
• die Erwartungen
• die körperliche Müdigkeit
• die Beobachtung
• die möglichen Konsequenzen
• die Geschichte, die der eigene Kopf bereits über Erfolg und Scheitern erzählt
Der Körper reagiert auf diese Bedeutung. Die Aufmerksamkeit verengt sich. Bewegungen, die normalerweise selbstverständlich sind, werden plötzlich bewusst kontrolliert. Genau dadurch können sie unsicher werden.
Mikaela Shiffrin: Wenn der perfekte Plan wackelt
Mikaela Shiffrin steht für Präzision, technische Qualität und aussergewöhnliche Konstanz. Gerade deshalb zeigen ihre schwierigen Momente etwas Entscheidendes: Perfekte Vorbereitung garantiert keinen perfekten Ablauf. Ein Lauf kann anders beginnen als erwartet. Der Rhythmus kann fehlen. Eine Bewegung kann sich nicht richtig anfühlen. Erwartungen können lauter werden als die konkrete Aufgabe. In solchen Momenten hilft die Frage «Warum funktioniert es nicht?» häufig weniger als die Frage: Was braucht der nächste Schwung?
Für Juristinnen und Juristen ist die Parallele deutlich. Ein Plädoyer kann hervorragend vorbereitet sein und trotzdem anders verlaufen:
• Das Gericht unterbricht.
• Die Staatsanwaltschaft bringt ein unerwartetes Argument.
• Eine Zeugin antwortet anders als erwartet.
• Die beschuldigte Person reagiert überraschend.
• Eine Frage trifft genau jene Stelle, bei der Unsicherheit besteht.
• Der eigene rote Faden reisst.
Die Vorbereitung bleibt wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Fähigkeit, innerhalb einer veränderten Situation arbeitsfähig zu bleiben.
Malaika Mihambo: Zurück zum Atem
Malaika Mihambo zeigt eine andere Form mentaler Stärke. Nach misslungenen Versuchen geht sie nicht noch tiefer in die Gedanken über das Ergebnis. Sie kehrt zurück zum Atem, zum Körper und zur konkreten Bewegung. Das ist keine Wellnessgeste. Es ist Arbeit an der eigenen Handlungsfähigkeit. Der Atem ist unmittelbar verfügbar. Er kann den äusseren Druck nicht beseitigen. Er verändert weder das Stadion noch die Konkurrenz noch die Bedeutung des Wettkampfs. Aber er kann helfen, die Aufmerksamkeit aus der Zukunft zurück in den gegenwärtigen Moment zu holen: Anlauf. Brett. Absprung. Landung. Nicht die ganze Geschichte auf einmal. Der nächste ausführbare Schritt. Auch bei den Olympischen Spielen in Tokio bleibt Mihambo bis zum letzten Versuch im Prozess. Der Wettkampf ist nicht vorbei, nur weil frühere Versuche nicht optimal waren. Entscheidend bleibt die Aufgabe, die noch ausgeführt werden kann.
Mentale Stärke bedeutet nicht, ruhig zu sein
Ein verbreiteter Irrtum lautet: Wer mental stark ist, ist nicht nervös. Das stimmt nicht. Auch aussergewöhnlich erfolgreiche Menschen kennen Angst, Zweifel, körperliche Anspannung und einen beschleunigten Puls. Mentale Stärke zeigt sich nicht in der Abwesenheit dieser Reaktionen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, trotz dieser Reaktionen zur Aufgabe zurückzufinden.
Das Ziel lautet deshalb nicht: Ich darf nichts spüren. Hilfreicher ist: Ich spüre den Druck – und weiss trotzdem, was ich als Nächstes tue.
Das Obergericht Zürich: Wenn es nicht um einen Wettkampf geht
Duri erinnert sich an ein Plädoyer vor dem Obergericht Zürich. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe und zwölf Jahre Landesverweisung beantragt. Der Mandant sitzt neben ihm. Die Richterinnen und Richter schauen. Die Staatsanwaltschaft hat gesprochen. Jetzt muss die Verteidigung aufstehen, denken, atmen, ordnen und plädieren. Für die beschuldigte Person ist das kein Spiel. Es geht nicht um eine Medaille und nicht um einen Pokal. Es geht um Freiheit, Familie, Zukunft und möglicherweise darum, das Land verlassen zu müssen.
Gerade deshalb ist der Vergleich mit dem Spitzensport nur an einem bestimmten Punkt sinnvoll: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler trainieren seit Jahrzehnten systematisch, wie sie in einen Zustand gelangen, in dem ihre Fähigkeiten unter Druck abrufbar bleiben. Juristinnen und Juristen lernen diesen Übergang oft nur nebenbei.
Der Gerichtssaal als Leistungsraum
Ein Plädoyer ist vorbereitet. Die Akten sind gelesen, die Beweislage analysiert und die Argumente geordnet. Aber ein Plädoyer lebt im Moment. Sobald die Verteidigerin oder der Verteidiger aufsteht, verändert sich die Aufgabe. Nun kommen Blickkontakt, Stimme, Körperhaltung, Tempo, Unterbrechungen, Reaktionen und die Bedeutung des Verfahrens hinzu. Wissen allein reicht dann nicht mehr. Es braucht Zugriff auf dieses Wissen.
Das gilt auch für Einvernahmen. Eine beschuldigte Person kann den Sachverhalt kennen und mit der Verteidigung besprochen haben, wie sie mit Fragen umgehen möchte. Unter Druck kann dennoch der Eindruck entstehen, sofort antworten zu …