
Dem Tod auf der Spur: Die Jagd nach dem Täter· Folge 180
„White Tiger“: Seinetwegen erhängte sich ein 13-Jähriger
Freitag, 1. Mai 2026 · 37 min
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Shownotes
In Amerika erhängt sich ein 13-Jähriger und streamt seinen Suizid live im Internet. Die Tat sorgt für Entsetzen. Dann stellt sich heraus: Ein junger Mann aus Hamburg, der sich „White Tiger“ nennt, soll den Jugendlichen in den Suizid getrieben haben. „White Tiger“ wird ebenfalls verdächtigt, dem Netzwerk „764“ angehört zu haben. Dabei handelt es sich dem LKA zufolge um ein extrem abgeschottetes Online-Netzwerk mit satanischen, sadistischen, menschenverachtenden und pädosexuellen Inhalten. Das Ansehen der Mitglieder hängt offenbar davon ab, wie viel körperliches Leid sich die meist psychisch labilen jungen Opfer zufügen. "White Tiger" soll oben in der Rangliste gestanden haben. Jetzt muss sich der inzwischen 21-Jährige in Hamburg in einem Prozess vor dem Landgericht verantworten. Ihm wird unter anderem Mord und versuchter Mord vorgeworfen. Im True-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ nehmen Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel und der psychiatrische Sachverständige Dr. Christoph Lenk anlässlich des Falls Stellung zu den Gefahren für junge Opfer und dazu, welche Rolle das Internet dabei spielt. „Dem Tod auf der Spur“
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Dem Tod auf der Spur. Spannende Fälle aus der Hamburger Rechtsmedizin. Der Crime-Podcast vom Hamburger Abendblatt. Moin und herzlich willkommen zum Crime-Podcast des Hamburger Abendblattes. Ich bin Bettina Mittelacher, Gerichtsreporterin beim Hamburger Abendblatt. Und natürlich ist wie immer Rechtsmediziner Klaus Püschel dabei, der Mann, der in den Toten liest, wie in einem Buch.
Moin, liebe Bettina, moin an die Hörer. Ja, in der Tat können wir, wenn wir einen Toten untersuchen, sehr viele und sehr wichtige Erkenntnisse gewinnen. Dabei geht es vor allem um die Todesursache. Das Verletzungsmuster, den Todeszeitpunkt, die Rekonstruktion, also um viele weitere Erkenntnisse. Zum Beispiel, also wenn es Verletzungen gibt, wie sind die entstanden, handelt es sich unbedingt um Fremdeinwirkung?
Und wenn ja, wie wurde das Verletzungsmuster beigebracht? Oder handelt es sich um einen Unfall? Oder hat sich vielleicht auch jemand selber verletzt? Auch sowas kommt vor und spielt heute eine besondere Rolle. Ganz genau, denn damit sind wir direkt bei dem Fall, um den es diesmal in unserem Podcast gehen soll.
Wir wollen nämlich über einen jungen Mann sprechen, der sich White Tiger nennt und der sich in einem Prozess vor dem Landgericht in Hamburg verantworten muss. Wir nennen diesen jungen Mann in unserem Podcast Ali L., obwohl er eigentlich ganz anders heißt. Ihm wird unter anderem Mord vorgeworfen, aber auch versuchter Mord, denn der Angeklagte soll versucht haben, Menschen dazu zu bringen, dass sie sich selber töten.
Da fragt man sich, wie kann das sein, was treibt diesen Menschen dazu an und was bewegt andere dazu, sich dann auch wirklich selber zu verletzen oder sogar selber zu töten? Um uns diesen Fragen zu nähern und darauf Antworten zu finden, haben wir heute in unserem Podcast wieder... Einen besonderen Experten dabei.
Einen, den ich ganz besonders schätze. Ich auch. Und dem ich auch ganz besondere Kompetenz zuschreibe, nämlich Dr. Christoph Lenk. Vielen Dank für die erneute Einladung und auch von mir ein herzliches Willkommen an unsere Hörer. Dr. Lenk, wir begrüßen Sie ja nicht zum ersten Mal als Gast in unserem Podcast.
Trotzdem möchte ich Sie für unsere Hörer, die Sie noch nicht kennen, kurz vorstellen. Sie sind Facharzt für Nervenheilkunde und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Sie sind häufiger als psychiatrische Sachverständige in Strafprozessen dabei, wenn es darum geht, die Psyche eines Verdächtigen zu analysieren.
Ja, ich werde vor allem in solchen Verfahren als Sachverständiger hinzugezogen, wenn es darum geht, die psychische Verfassung eines Angeklagten fachlich einzuordnen. Im Kern geht es dabei um die Frage der Schuldfähigkeit, also darum, ob eine psychische Störung vorliegt und ob diese das Verhalten zur Tatzeit beeinflusst hat.
Und daran knüpfen dann weitere Fragen an, etwa ob eine Behandlung erforderlich ist oder ob gegebenenfalls eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht kommt. Mit dem vorliegenden Verfahren habe ich nichts zu tun. Ich kenne es nur aus den Medien, kann aber allgemein etwas dazu sagen.
Ja, und darum möchten wir Sie auf jeden Fall sehr gerne bitten. Deshalb freuen wir uns, dass Sie hier sind. Und ich bin schon ganz gespannt. Ja, auf jeden Fall, das bin ich auch. Im Fall des Angeklagten, der sich ja selber White Tiger nennt, können wir auf die Persönlichkeit des jungen Mannes nur indirekt eingehen, Denn der Prozess findet im Wesentlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Weil der heute 21-Jährige bei den meisten der angeklagten Taten noch minderjährig war. Es ist also ein Prozess ohne Öffentlichkeit. Und das wiederum heißt, dass auch Gerichtsreporter nicht dabei sein können. Wenn wir heute also über den Fall White Tiger reden, müssen wir uns im Wesentlichen auf allgemeine Informationen bzw.
Generelle Erkenntnisse beschränken. Bettina, da hast du sicher recht. Also ich kann auch keine Ergebnisse von verletzten Personen oder Toten vortragen, die ich selber untersucht hätte. Aber einiges ist ja hier schon vor dem Prozess bekannt geworden. Zum Beispiel über die Vorwürfe, die den jungen Mann vor Gericht gebracht haben.
Er soll Kinder und Jugendliche zu sexuellen und selbstverletzenden Handlungen getrieben haben. Ihm wird zum Beispiel auch der Suizid eines 13-Jährigen vorgeworfen. Also letztlich ist das ein Mordvorwurf. Der 13-Jährige, der erhängte sich ja vor laufender Kamera. Genau, um den Fall geht es. Das Besondere bei den Ermittlungen im Fall White Tiger ist ja auch, dass viele Informationen aus den USA stammen, vom amerikanischen Geheimdienst.
Und ich bin sehr gespannt, wie alle diese Informationen hier im Prozess eingeführt werden. Nebenbei muss man bei dieser Gelegenheit wohl auch erwähnen, dass der Angeklagte offensichtlich ja nicht nur gut Deutsch spricht, sondern auch gut Englisch spricht. wenn sein Einfluss tatsächlich weit über die Grenzen unseres Landes, hinaus geht, also bis in die USA.
Also auch von daher ein extrem weitreichender, ungewöhnlicher Fall. Die Rechtsanwältin oder eine der Rechtsanwälte von White Tiger sagte vor Prozessbeginn, dass sie davon ausgehe, dass sich insbesondere der Vorwurf des Mordes, der ja auch ihrem Mandanten gemacht wird, nicht bestätigen werde. Wörtlich sagte sie unter anderem, unser Mandant ist kein pädophiler Sadist.
Die Anwältin kündigte zudem an, sie werde im Prozess zur Sprache bringen, dass das unkontrollierte Internet ein gesellschaftliches Problem sei. Also dieser Aussage könnte ich zumindest teilweise zustimmen. Im Internet gibt es ja unglaublich viele Inhalte, die quasi für jedermann zugänglich sind. Dazu möchte ich gerne direkt etwas sagen.
Das Internet ist natürlich in vielerlei Hinsicht sehr hilfreich. Man kommt schnell an Informationen, kann Dinge organisieren oder Termine vereinbaren. Aber es ist kein geschützter Raum. Man wird dort mit Inhalten und Angeboten konfrontiert, die man sich nicht bewusst ausgesucht hat. Und darunter sind eben auch solche, die problematisch oder sogar gefährlich sein können.
Und hinzu kommt, vielen fällt es gar nicht so leicht, seriöse von unseriösen oder betrügerischen Inhalten zu unterscheiden. Und im schlimmsten Fall gerät man dann an Menschen, die gezielt versuchen, andere zu beeinflussen, auszunutzen oder ihnen schweren Schaden bis hin zum Tode zuzufügen. Rechtsanwalt Steffen Hörnig, der im Prozess ein mutmaßliches Opfer von White Tiger vertritt, fand das Statement der Verteidigerin empörend, also diesen Satz, den sie da gesagt hat, unser Mandant ist kein pädophiler Sadist.
Das verstand der Rechtsanwalt offenbar so, dass von der Verteidigung versucht werde, den Opfern eine Mitschuld an den Taten zu geben. Er sagte aber weiter, die Opfer seien durchweg psychisch labile Kinder und Jugendliche gewesen, die im Netz Hilfe gesucht hätten. So hat dieser Anwalt das formuliert. Und stattdessen seien sie über das Internet gequält worden, sagte der Anwalt weiter.
Ja, aus meiner Sicht nochmal die Fakten. Dem White Tiger werden der Tod des 13-Jährigen und die Suizidversuche von weiteren Jugendlichen zur Last gelegt. Außerdem geht es um sexuellen Missbrauch und Körperverletzung. Also ein sehr weit gespanntes Spektrum von vielen Vorwürfen. Ja, ich werde jetzt ein bisschen konkreter.
White Tiger soll nämlich beispielsweise im Herbst 2021 eine 14 Jahre alte Kanadierin, die dann später 15 Jahre alt war. Wiederholt dazu aufgefordert haben, dass sie sich töten solle. Darüber hinaus wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten schwere Körperverletzungen, schweren sexuellen Missbrauch von Kindern sowie Besitz von Kinderpornografie vor.
Er war dann im Sommer 2025 in der elterlichen Wohnung in Hamburg festgenommen worden. Und diese elterliche Wohnung soll auch der Ort gewesen sein, an dem er die meisten Taten begangen haben soll oder aus dem Ort heraus die meisten Taten begangen haben soll. Wenn ich das richtig verstehe, hat er also dort vor dem Computer gesessen und hat viele andere junge Menschen so stark beeinflusst, dass sie sich selber verletzt haben.
Der Anwalt einer Nebenklägerin wird in den Medien so zitiert, dass diese jungen Menschen regelrecht nach Hilfe geschrien hätten. Und daran soll der Angeklagte angesetzt haben, indem er ihnen unter anderem vorgespiegelt hat, er sei in sie verliebt. Das wäre aus psychiatrischer Sicht ein typischer Einstieg in solche Dynamiken.
Nähe herstellen, Vertrauen aufbauen und darüber dann Einfluss gewinnen. Ja, also nette Worte, Komplimente und dann der Satz, ich habe dich verliebt. Also so einfach kann es unter Umständen sein, sich das Vertrauen der Opfer zu erschleichen. Und dies, so die Vorwürfe, habe White Tiger gemacht. Er habe den Opfern Verliebtheit vorgegaukelt, damit sie möglichst zeitnah und sehr intime Dinge von sich preisgeben und außerdem dann persönliche Fotos von sich an ihn übersenden, also per Mail übersenden.
Der Anwalt der Nebenklage sagte weiter, unter diesen Fotos seien auch Nacktbilder gewesen, die dann wiederum von den Täter genutzt wurden, um die Opfer zu erpressen. So sei den jungen Menschen dann gedroht worden, die intimen Fotos könnten anderen zugänglich gemacht werden und im Internet verbreitet werden.
Den Ermittlungen zufolge war der angeklagte Teil des internationalen pädokriminellen Netzwerks 764. Der Angeklagte soll die Taten im Internet begangen haben, indem er gezielt Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufgenommen hat, die psychisch labil waren. Ich bin ja... Sozusagen nur Rechtsmediziner, immerhin, ja, aber kein Fachmann für spezielle psychische Probleme.
Immerhin bin ich Großvater von einer Reihe von Enkelkindern. Und wenn ich höre, dass da offenbar Kinder und Jugendliche, die persönliche Probleme hatten, Hilfe im Netz gesucht haben, dann liegt nach meinem Verständnis da schon sehr viel im Argen. Eigentlich wäre es doch naheliegend im wahrsten Sinne des Wortes, dass die Kinder bei Problemen bei ihrer eigenen Familie Rat und Halt suchen.
Dass sie sich also an ihre Geschwister und vor allen Dingen an die Eltern wenden. Aber das haben sie ja offenbar nicht getan, sondern sich im Internet Hilfe gesucht haben. Ich würde das so deuten, dass sie kein echtes Vertrauensverhältnis in der Familie haben. Wen sehen Sie das, Dr. Lenk? Das kann man so pauschal nicht sagen.
Es wäre zu einfach, daraus zu schließen, dass in der Familie grundsätzlich etwas fehlt. Und mir ist ein Punkt ganz wichtig. Daraus darf man keine Schuldzuweisung gegenüber den betroffenen Jugendlichen ableiten. Dass jemand Unterstützung sucht, auch im Internet, ist zunächst einmal völlig normal und kein Ausdruck von Krankheit.
Wir wissen aber aus der klinischen Erfahrung, dass Jugendliche, die sich einsam fühlen, die sich unverstanden fühlen oder die bereits psychisch belastet sind, eher dazu neigen, sich im Internet nach Kontakten und Unterstützung umzusehen. Und genau das kann sie anfälliger machen für Personen, die diese Bedürfnisse gezielt ausnutzen.
Ich glaube, das habe ich jetzt einigermaßen so verstanden. Wer innerhalb des engsten Umfeldes wenig Halt hat, Ich glaube, das steckt schon auch dahinter, der ist empfänglich für äußere Einflüsse. Ist das richtig? Und damit quasi ein gefundenes Fressen für Menschen, die Spaß daran haben, andere zu beeinflussen, über andere Kontrolle auszuüben?
Ich würde es etwas vorsichtiger formulieren, aber im Kern stimmt das. Wer emotional stark belastet ist, wer wenig Halt erlebt, ist deutlich empfänglicher für äußere Einflüsse. Und wenn dann jemand gezielt Vertrauen aufbaut und gleichzeitig Druck ausübt, kann daraus eine sehr starke Abhängigkeit entstehen.
Dr. Lenk, abseits jetzt unseres konkreten Falles, wenn Sie hören, dass Opfer unter Druck gesetzt und bedroht worden sein sollen, nach Ihrer Erfahrung als Psychiater, was könnten das für Drohungen sein, die da ausgesprochen werden? Wir haben ja schon gesagt, Ihnen ist gedroht worden, dass intime Fotos veröffentlicht werden, aber sicherlich gibt es da noch eine andere Bandbreite?
Typischerweise geht es in der Tat um Drohungen, die auf maximale Angst und Scham abzielen. Zum Beispiel die von Ihnen genannten intimen Bilder an Freunde, Familie oder die Schule oder dass persönliche Informationen veröffentlicht werden. Für Jugendliche ist das eine extreme Bedrohung, oft schlimmer als jede körperliche Gewalt.
Zurück zu White Tiger. Da soll ja das Netzwerk 764 eine Rolle gespielt haben. Dieses ist demnach eine Gruppe, die sich gezielt psychisch labile Kinder und Jugendliche ausgesucht hat, die im Netz in bestimmten Foren unterwegs waren, weil sie einsam und teilweise auch depressiv sind. Das Netzwerk gilt als sadistisch, manipulativ und gefährlich.
Die Mitglieder sollen gezielt Kinder und Jugendliche angesprochen haben, um sie dann zu manipulieren, sexuell auszubeuten und zu quälen. Also ich kenne mich da ja wirklich nicht gut aus, aber der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen soll in sozialen Netzwerken letztlich entstanden sein oder auch auf Spieleplattformen wie Roblox oder Minecraft.
Also zumindest Minecraft, was du eben erwähnt hast, Klaus, das ist mehr ein Begriff, weil mein Sohn und seine Freunde das früher mal gespielt haben. Also soweit ich das mitbekommen habe, es ist eine Art Überlebensspiel, in dem die ganze Welt aus Steinen bzw. Blöcken besteht. Man kann sich Häuser bauen, Ausrüstung zusammenbauen und damit dann gegen Feinde kämpfen.
Klingt auch nicht gerade friedlich, aber es fließt kein Blut. Und die Figuren, um die es geht, die sehen sehr abstrakt aus, eher kastenförmig, nicht menschlich. Das, was Sie da beschreiben, Frau Mittelacher, klingt natürlich nicht nach einer heilen Welt. Aber man muss sehr klar unterscheiden. Solche Spiele sind nicht per se das Problem.
Entscheidend sind die Kommunikationsräume, die sich darum herum bilden. Dort entstehen Kontakte und die können im Einzelfall auch missbraucht werden. Wichtig ist deshalb, nicht solche Spiele pauschal zu verteufeln, sondern sensibel dafür zu sein, was in diesen Kommunikationsräumen passiert. Uns geht es heute ja nicht vordringlich um Computerspiele, sondern darum, dass massive Straftaten an Kindern und Jugendlichen begangen worden sein sollen.
Das Gericht, das diese Vorwürfe klären soll, hat, wie ich gelesen habe. Immerhin 82 Verhandlungstage angesetzt. Da wird es also über lange Zeit Gerichtsverhandlungen geben. Es gibt offenbar viel zu erörtern. Ja, offenbar. Also eine Gerichtssprecherin sagte zum Auftakt des Verfahrens, dass die zuständige Jugendstrafkammer vor allem viele Videos, Sichten und Chats zwischen dem Angeklagten und mutmaßlichen Opfern verlesen müsse.
Wörtlich hieß es, ich zitiere, das Beweismaterial ist durchaus umfangreich und man hat sehr viel Videomaterial. Es soll Aufzeichnungen geben, wie miteinander gechattet worden ist und Kameraaufzeichnungen, was diese Personen dann konkret getan haben. Was vielleicht vorher gesagt und geschrieben worden ist, das wird man sich anwerten und ausgucken, angucken müssen.
Dr. Lenk, wenn ich höre, dass White Tiger die Jugendlichen manipuliert haben soll, das funktioniert doch wahrscheinlich nicht binnen kürzester Zeit und ganz unaufwendig. Ich stelle mir schon vor, dass derjenige, der andere manipulieren möchte, erstmal den Vertrauen gewinnen muss. Genau so ist es. Solche Prozesse laufen in der Regel nicht spontan ab, sondern schrittweise.
Zunächst wird Vertrauen aufgebaut, dann entsteht eine emotionale Bindung und erst danach beginnt die eigentliche Kontrolle. Für die Betroffenen ist das oft ein schleichender Prozess, den sie selbst kaum bemerken. Vor Prozessbeginn war zu erfahren, dass White Tiger kurz bevor das Verfahren losging von anderen Häftlingen verprügelt worden war.
Das hatten seine Verteidiger mitgeteilt, die Justizbehörde bestätigte das. Offenbar war der heute 21-Jährige vor dem Prozessbeginn aus organisatorischen Gründen vom Jugendgefängnis auf Hannover Sand in die Untersuchungshaftanstalt am Holzenklassi verlegt worden. Und dort ist es wohl in einem Warteraum zu der Attacke auf ihn gekommen.
Laut seiner Anwältin wurde er im Gesicht verletzt. Die Verteidigerin sagte, eine Gesichtshälfte des Angeklagten sei stark geschwollen. Na, mal aus der Sicht des Gerichtsmediziners, das geht so natürlich nicht. Auch wenn ich sehr gut verstehen kann, dass sich jemand über die Taten, die White Tiger vorgeworfen werden, empört.
Um das nochmal vornehm auszudrücken, erstmal gilt ja auch noch die Unschuldsvermutung. Auch eine so vorbelastete Situation darf trotzdem nicht zu Selbstjustiz führen, schon gar nicht im Gefängnis. Gewalt ist natürlich keine Lösung. Also dem stimme ich absolut zu. Wie werten Sie das, Dr. Lenk, im Gefängnis, auch in der Untersuchungshaftanstalt?
Gehen die Insassen vielleicht nicht nur freundlich miteinander um? Es wird also unter Umständen nicht lange diskutiert, wenn man mit etwas nicht einverstanden ist? Im Gefängnis leben viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen und teils schweren Delikten auf engem Raum zusammen. Das bedeutet, es gibt eine hohe emotionale Spannungslage, unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Konfliktmuster und wenig Ausweichmöglichkeiten.
Dass es unter solchen Bedingungen zu Spannungen und auch zu Auseinandersetzungen kommt, ist leider nicht ungewöhnlich. Und man muss auch sagen, das lässt sich nicht in jedem Einzelfall vollständig verhindern. Umso wichtiger ist es, dass solche Situationen möglichst früh erkannt und kontrolliert werden, damit sie nicht in Gewalt eskalieren.
Ja, um das nochmal etwas vereinfacht auch auszudrücken, wir sagen ja immer, der Knast, das Gefängnis hat eigene Gesetze und die werden dann von den Insassen manchmal auch in einer für uns unakzeptablen Art und Weise umgesetzt. In Hamburg gab es ja sogar mal einen Fall, bei dem dann ein Mann von zwei Mithäftlingen umgebracht wurde.
Wir haben darüber ausführlich in einem unserer Bücher geschrieben und auch einen Podcast über diesen Fall gemacht. Das ist lange her, aber meine Erinnerung daran ist noch sehr deutlich. Das Verbrechen war äußerst heftig. Du sprichst über den Mord in Santa Fu, also in der Haftanstalt Santa Fu in Hamburg.
Und dieser Mord fand im Jahr 1994 statt, wurde da begangen. Ein Mann wurde damals in seiner Zelle von zwei anderen Insassen getötet. Später wurden von der Rechtsmedizin, also von dir, Klaus, drei Todesursachen festgestellt. Die Täter hatten das Opfer erstochen, stranguliert und erschlagen. Sie wurden dann später wegen Mordes verurteilt.
Gegen sie wurde jeweils eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt. Also das ist auch ein Fall, der mir sehr, sehr deutlich in Erinnerung geblieben ist. Das führt uns zurück zu dem Fall White Tiger. Der Angeklagte war zur mutmaßlichen Tatzeit noch heranwachsender. Deshalb ist es gut möglich, dass hier Jugendstrafrecht zur Anwendung kommt.
Und das unterscheidet sich deutlich vom Erwachsenenstrafrecht. Eine lebenslange Freiheitsstrafe ist dort nicht vorgesehen. Die Höchststrafe liegt bei 10, in ganz bestimmten Ausnahmefällen bei 15 Jahren. Hintergrund ist der sogenannte Erziehungsgedanke. Es geht im Jugendstrafrecht stärker darum, auf den jungen Menschen einzuwirken und weitere Straftaten zu verhindern, als ausschließlich zu bestrafen.
Dass das für Außenstehende gerade bei schweren Tatverwürfen schwer nachvollziehbar sein kann, sieht man auch an den immer wiederkehrenden Diskussionen etwa zur Strafmündigkeit. Für das Strafmaß ist natürlich von Bedeutung, welche Straftaten dem Angeklagten letztlich nachgewiesen werden können. Es geht aber auch darum, welchen Eindruck ein Angeklagter im Prozess macht.
Also ob er sich beispielsweise zu den Vorwürfen äußert, ob er sogar ein Geständnis ablegt. Und nach dem, was über den Prozess um White Tiger bisher zu erfahren war, hat der Angeklagte zumindest zum Auftakt des Verfahrens zu den erhobenen Vorwürfen geschwiegen. Und das ist natürlich das gute Recht des 21-Jährigen.
Und daraus dürfen keine negativen Schlüsse gezogen werden. Also nicht etwa im Sinne von, er hat etwas zu verbergen. Das Schweigen ist, und das haben Sie bereits gesagt, lieber Herr Püschel, ein gutes Recht des Angeklagten. Er kann das Verfahren abwarten und muss sich nicht äußern. Insbesondere muss er sich nicht selbst belasten.
Er hat ja auch sein Verteidigerteam, das für ihn spricht. Zum Prozessauftakt am 9. Januar in einer Pressemitteilung seiner Anwälte hieß es, ich zitiere, Wir verstehen es als unsere Aufgabe, die Sichtweise der Anklage, ihn als Monster zu betrachten, zu verändern. Diese Sichtweise werde ihm, wie der Zitat, nicht gerecht.
Im Internet werden Menschen dazu verleitet, Dinge zu tun, die sie im echten Leben niemals tun würden, sagte das Verteidigerteam weiter. Im Prozess ist ein psychiatrischer Sachverständiger anwesend, der gegen Ende des Verfahrens eine gutachterliche Einschätzung über den Angeklagten abgeben wird. Es hieß aber, dass der heute 21-Jährige nicht zu Gesprächen mit dem Sachverständigen bereit war.
Ja, was macht ein psychiatrischer Sachverständiger in dieser Situation? Dr. Lenk, Sie sind es nicht. Vielleicht können Sie uns trotzdem in die Verfahrensweise und diese Denkweise einführen. Für uns als Sachverständige geht es ganz allgemein darum, das Verhalten einzuordnen und nachvollziehbar zu erklären.
Und genau auf diese Grundlage stützt sich dann auch die Begutachtung auf die vorhandenen Unterlagen, also Akten, Chatverläufe, Zeugenaussagen und Vorbefunde, falls es diese gibt. Eine persönliche Exploration ist natürlich immer wünschenswert, weil man sich dann einen direkten Eindruck verschaffen kann.
Aber auch ohne Mitwirkung des Angeklagten kann man auf den genannten Grundlagen zu fachlich fundierten Einschätzungen gelangen. Zum Schluss vielleicht noch einen Punkt. Es ist der Begriff des Monsters gefallen. So etwas hilft aus fachlicher Sicht nicht weiter. Der Begriff des Monsters beschreibt keine psychiatrische Realität, sondern ist Ausdruck von Emotionen angesichts schwerer Tatvorwürfe.
Danke, lieber Herr Lenk. Also ich bin jetzt total gespannt, wie dieser Prozess ausgeht, was wir darüber erfahren werden. Als Rechtsmediziner bin ich vor allen Dingen sehr gespannt, wie das selbstverletzende Verhalten eingeführt wird. Führt wird in den Prozess auch der Todesfall, der hier als Mord angeklagt ist, der sich im Ausland abgespielt hat, weit weg von hier.
Und letztlich nochmal das kurze persönliche Bekenntnis. Dr. Lenk hat mir viel gegeben, Ihnen hier in einem Fall zu begegnen und zuzuhören, bei dem Sie sich nicht so sehr vorsichtig ausgedrückt haben, wie Sie das sonst als Sachverständiger tun, auch unter Aspekten der ärztlichen Schweigepflicht und im Hinblick auf Ihre Rolle als Sachverständiger.
Vielen Dank, dass wir Sie heute hier als Experten dabei haben durften. Also dem kann ich mich unbedingt anschließen. Ich habe mich wieder sehr, sehr gefreut, dass Sie dabei waren und so viele Dinge uns erläutert haben und den Hörer erläutert haben, die uns als Rechtsmediziner bzw. Als Journalisten natürlich normalerweise nicht so zugänglich sind.
Also wirklich, das war ganz großartig und deshalb möchte ich das auch wieder verbinden mit der Bitte, dass wir Sie bald wieder bei uns begrüßen dürfen. Ich habe da auch schon einen Fall im Hinterkopf, den wir uns dann widmen könnten und vielleicht kann ich Sie ja dazu überreden oder können wir Sie dazu überreden.
Auf jeden Fall freue ich mich auf ein nächstes Mal, wenn es wieder heißt, dem Tod auf der Spur und vielen Dank an unsere Hörer, vielen Dank an Sie beide. Und bis zum nächsten Mal. Tschüss.