
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Deutscher Orden: Ritterkrieg im Osten
Dienstag, 29. September 2026 · 24 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Jedes Jahr reisen einige von Europas angesehensten Kämpfern mit ihrem Gefolge in das Gebiet des Deutschen Ordens an der Ostsee. Von dort ziehen die christlichen Ritter gegen die heidnischen Litauer, brandschatzen deren Dörfer, töten Männer, Frauen und Kinder. 1368 macht sich Graf Johann von Blois aus Holland auf zur Jagd auf die Ungläubigen.
Historische Reportage: Dominik Bardow
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
Wir freuen uns, wenn ihr GEOEPOCHE auf Instagram (@geo_epoche) und Facebook (@geoepoche) folgt.
Ihr habt Fragen oder Feedback für uns? Wir freuen uns über eine Mail an podcast@geo.de
Viele weitere Audio-Geschichten aus der Welt von GEO hört ihr auf GEO+. Unter geo.de/probe könnt ihr für 1 Euro einen Probemonat starten.
MEHR GEO EPOCHE ZUM HÖREN...
"Germanen gegen Rom": Unter geo.de/germanen gelangt ihr an alle Folgen der sechsteiligen Podcast-Serie sowie ein vergünstigtes Abo für GEO+.
"Deutschland 1945": Unter www.geo.de/1945 (geo.de/1945) findet ihr alle acht Folgen sowie ein vergünstigtes Abo für das Verbrechen der Vergangenheit-Special über das Kriegsende 1945.
"Menschen, die Geschichte machten – kurz erzählt": Das neue Kurzformat von GEOEPOCHE mit Peter Kaempfe auf GEO+. Zu allen bisher erschienenen Folgen geht es hier: geo.de/menschen
... UND ZUM LESEN
Unter www.geo-epoche.de (geo-epoche.de) könnt ihr einen Monat lang GEOEPOCHE+ für einen Euro testen – mit fast 3000 Artikeln zu allen Aspekten der Weltgeschichte, unseren Podcasts und weiteren Audio-Inhalten.
+++ Alle Rabattcodes und Infos zu unseren Werbepartnern findet ihr hier: linktr.ee/Menschendiegeschichtemachten +++
Dieser Podcast wird vermarktet von Julep Media: sales@julep.de
Wir verarbeiten im Zusammenhang mit dem Angebot unserer Podcasts Daten. Wenn Sie der automatischen Übermittlung der Daten widersprechen wollen, melden Sie sich hier: datenschutz@julep.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Hallo, hier ist Insa Bethke von Geo-Epoche mit dem Hinweis, dass ihr in diesem Podcast womöglich Werbung und auch öfter Werbung hören werdet. Uns ist klar, dass das den Hörgenuss manchmal ganz schön stören kann, aber Werbung ist für uns die Grundlage, um diesen Podcast weiter in gewohnter Qualität produzieren und auch weiter kostenlos für euch zur Verfügung stellen zu können.
Also Werbung hilft uns und wir hoffen, dass ihr dafür Verständnis habt und uns auch mit Werbung im Gepäck weiter unterstützt. Vielen Dank, dass ihr hier zuhört. Schön, dass ihr Teil von Menschen, die Geschichte machten seid. Im 14. Jahrhundert reisen einige von Europas angesehensten Rittern regelmäßig mit großem Gefolge in das Gebiet des Deutschen Ordens an der Ostsee, um von dort gegen die von ihnen als Heiden verachteten Litauer zu ziehen.
Sie brandschatzen deren Dörfer, töten Männer, Frauen und Kinder. Graf Johann von Bloor aus Holland ist einer von ihnen. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben. Präsentiert von GEO Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+.
Am 20. November 1368 geht Johann von Bloor aufreisen. Er nimmt mit einen Bäcker, einen Mundschenk, mehrere Köche, einen Stallmeister, fünf Pagen und einen Arzt. Dazu seinen Schatzmeister, einen Priester für regelmäßige Gottesdienste sowie drei Pfeifer, die unterwegs für Musik und Zerstreuung sorgen werden.
Gewaltiges Gepäck ist auf zwei Wagen verstaut, die von Johanns holländischem Adelssitz aus über die Landstraßen rumpeln, darunter ein transportables Bett mit wärmender Schafsfelldecke, ein großes Zelt mit Ankleide-Separee und ein faltbarer Altar vom Papst abgesegnet. An nichts soll es der Reisegesellschaft fehlen. Geplant sind sogar Bankette entlang des Weges.
Die Lastgespanne sind schwer beladen mit Bier, Wein und Met und mit Waffen. Johann ist zu Pferde unterwegs, wie es einem adeligen Ritter geziemt. Ihn begleiten mehrere Dutzend weiterer Panzerreiter. Vor ihnen liegen mehr als tausend Kilometer. Es geht ins Baltikum. Und sie sind nicht die einzigen Ritter, die in diesem Herbst Richtung Ostsee aufbrechen.
Aus Holland, Frankreich und England, dem Rheinland, Schottland und Polen streben jedes Jahr zu dieser Zeit Kämpfer in die Gegend zwischen Weichsel und Memel, in das Territorium des Deutschen Ordens. Denn die dort herrschenden Deutschritter laden ihre europäischen Standesgenossen seit 1304 regelmäßig zu Kriegszügen gegen ihre als Heiden verachteten Nachbarn ein, die Litauer.
Diese sogenannten Preußenfahrten sind für die Ritter gesellschaftliche Großereignisse. Sie treffen sich in Königsberg zu Banketten, Festen und Gelagen, feiern ihre Verbundenheit, stählen sich im Kampf gegen die Litauer. Viele Knappen erwerben den Ritterschlag. Der 25-jährige Johann von Blois entstammt einer französisch-niederländischen Adelsfamilie und gebietet über die von der Mutter geerbten Besitzungen in Holland und Seeland.
Dies ist seine zweite Preußenfahrt. Nach der Abreise aus Gauda Ende November reitet er über Aachen, Köln und Lübeck nach Königsberg, eine beliebte Route unter den Kämpfern. Gut 60 Tage benötigt er für die knapp 1500 Kilometer. Immer wieder halten Schnee, Eis und Unwetter den Tross auf. Die Preußenfahrer lockt die Aussicht auf Ruhm und Ehre.
Zudem hat der Papst ihnen den Ablass ihrer Sündenstrafen versprochen, wenn sie gegen die sogenannten Heiden in den Kampf ziehen. Nichts ist ehrenhafter als der Waffengang gegen aus christlicher Sicht ungläubige Krieger. Herolde sind auf diesen Reisen stets dabei und preisen, bei Festen in Reden und Gedichten, die Heldentaten ihres Brotgebers.
Johann von Blois hat gleich zwei mitgenommen. Am 27. Dezember erreicht Johanns Reisegruppe, die mit unterwegs angeheuerten Kriegern aus dem Niederen Adel auf mehr als 100 Reiter angewachsen ist, Danzig, ihre erste Anlaufstation im Land des Deutschen Ordens. Pferde und Menschen müssen erst einmal ruhen, Untergebene kaufen Proviant ein.
Johann füllt seine Reisekasse und leiht sich gegen Schuldbriefe Geld. Wie andere Preußenfahrer auch, finanziert er den Großteil seiner Ausgaben auf Kredit, bei Kaufleuten oder Städten, bei reichen Fürsten oder direkt beim Deutschen Orden. Später wird er in der Heimat das geliehene Geld samt Vermittlungsgebühren an Vertreter der Gläubiger zurückzahlen.
Lange halten sich die Preußenfahrer nicht auf in Danzig. Das Gesinde zieht von hier aus meist direkt zum Sammelpunkt Königsberg. Viele Herren reiten dagegen zunächst mit wenigen getreuen Gensüden zur Marienburg. Die Festung, fast vollständig gefügt aus rutschimmernden Backsteinen, ist eine der größten Burgen des Mittelalters.
Hier residiert der Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Ritterbrüder wählen ihn auf Lebenszeit. Er ist ihr geistliches Oberhaupt und zugleich ein weltlicher Herrscher mit eigenem Hofstaat. 1368 hat Winrich von Knipprode das Amt inne. Seit fast 20 Jahren treibt er die Besiedelung des Ordensgebiets mit deutschen Einwanderern voran, lässt neue Dörfer gründen.
Und dank erfolgreichen Getreideexports sowie der Monopole auf den Bernstein- und Salzhandel, welche die Deutschritter halten, gehört ihr Gemeinwesen zu den wenigen Staaten in Europa, die Überschüsse erwirtschaften. Die Ursprünge des Deutschen Ordens liegen an einer anderen, weit entfernten Küste, im Heiligen Land am Rande des Mittelmeeres.
Während der Kreuzzüge haben Lübecker und Bremer Kaufleute dort im Jahr 1190 ein Feldlazarett für christliche Kämpfer gegründet. Auch der Laiengemeinschaft, die das Hospital führte, entstand 1199 mit Genehmigung des Papstes ein Ritterorden. Fortan nahm die Bruderschaft der Krankenpfleger auch adelige Krieger auf, die Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobten und die Burgen der Europäer gegen die Muslime verteidigten.
Als die Lage im Heiligen Land für die Christen immer schwieriger wurde und viele ihrer Stützpunkte in die Hände muslimischer Truppen fielen, fand der Orden in Europa eine neue Aufgabe. Der Papst und einige Fürsten versprachen den Rittern eigene Territorien an der Ostsee, falls es ihnen gelänge, die dort lebenden heidnischen Pusen zu unterwerfen.
Tatsächlich eroberten die Ordenskrieger dort ab 1230 große Gebiete, gründeten einen Staat und annektierten binnen weniger Jahrzehnte die gesamte Küste von Danzig bis ins heutige Estland. Das neue Gemeinwesen war ein Solitär in Europa. Geführt nicht von einem fürstlichen Herrscher, sondern einem Ritterkollektiv, dem ein Hochmeister vorstand.
Einige hundert Ordensleute kontrollierten ihr Territorium mithilfe eines dichten Netzes von weit über 100 Festungen. Die Verwaltung gehörte zu den modernsten ihrer Zeit. So konnten die Ordensritter etwa dank eines ausgefeilten Postsystems mit Ein- und Ausgangsvermerk und der Möglichkeit für Eilbriefe Informationen schneller als andere verbreiten.
Das half, Handel und Wirtschaft zu organisieren. Als größter Grundbesitzer der Region führte der Orden bedeutende Agrarbetriebe, verdiente viel Geld durch die Kooperation mit den Kaufleuten der Hanse. Die unterworfenen Einheimischen wurden zwangsgetauft und zur Arbeit herangezogen. Wer sich anpasste, konnte im Staat durchaus Karriere machen.
Um das Jahr 1300 begann der Hochmeister des Ordens, Adelige aus ganz Europa zu Feldzügen gegen die benachbarten Litauer einzuladen. Wer sich diesen begrenzten Militäraktionen von wenigen Wochen Dauer anschloss, dem verhieß der Papst den Ablass von Sündenstrafen. Schon bald war die Preußenfahrt ein fester Termin im Kalender vieler europäischer Ritter, die zum Teil sogar aus Spanien anreisten.
Am 31. Dezember 1368 empfängt Winrich von Knibrode, Hochmeister des Ordens, Johann von Blois in der Marienburg. Die beiden tauschen Gefälligkeiten aus. Der Angereiste nimmt drei Verwandte Winrichs als Ritter in seinen Dienst auf, der Hochmeister verteilt Präsente, wie sie von einem Mann seines Ranges erwartet werden, darunter vier Falken.
Von der Marienburg geht Johanns Reise weiter nach Königsberg. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Völker. Neben einheimischen Prusen, die die Unterschicht bilden, leben hier wohlhabende Kaufleute, etwa aus den deutschen Landen, aber auch Polen und Litauer. In der Königsberger Burg residiert der oberste Marschall des Ordens.
Er koordiniert die altjährlichen Militärexpeditionen und ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Gäste. Wahrscheinlich kommen in diesem Herbst rund 200 adelige Ritter in den Ordensstaat. Mit den untergebenen Kämpfern sind es insgesamt etwa 700 Kombatanten, eine übliche Teilnehmerzahl, und eine wesentliche Verstärkung für die Deutschritter.
Johann von Blois befehligt als vornehmster Herr der Saison wohl ein Fünftel des Gästekontingents. Sobald sich alle Kämpfer in Königsberg versammelt haben, geben traditionell die Ordensoberen die Marschbefehle für die diesjährige Expedition bekannt. Aber in diesem Winter geschieht erst einmal nichts. Denn die Witterung ist viel zu mild. Da die Sümpfe östlich von Königsberg nicht zugefroren sind oder von Schnee bedeckt, würden die Pferde mitsamt den schwergerüsteten Kriegern kaum vorankommen.
Die Ritter sind zum Ausharren gezwungen. Johann mietet einige Räume im Haus eines reichen Kaufmanns. In den folgenden Wochen laden sich die Adeligen gegenseitig zu Gastmählern und Festen ein. Sie kennen sich von früher, knüpfen Kontakte, halten sich auf dem neuesten Stand, betreiben Politik. Dabei benehmen sich die Edelleute oft wenig ritterlich.
Sie trinken viel Alkohol, würfeln um Geld, tendeln mit Prostituierten. Ein Graf zahlt einem Knecht Geld, damit der sich zur Belustigung anderer hoher Herren wieder und wieder auf den Kopf schlagen lässt. Auch Johann von Bloor genießt das Gesellschaftsleben. Sein mitreisender Buchhalter notiert penibel die Ausgaben für Bankette, Trinkgelder, Souvenirs, Spielschulden.
Immer wieder versäumt Johann die tägliche Messe und übergibt seinem Kaplan deshalb insgesamt sechs Gulden für Almosen. Doch nicht alle Ritter kommen gut miteinander aus. Politische Ereignisse wie der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich werfen ihre Schatten. So empfängt Johann von Blois zwar Franzosen und Italiener bei Tisch, aber keine Engländer.
Die wiederum reißen im Königsberger Dom einige Wappentafeln nieder, die der aus französischer Familie stammende Johann dort bei seiner früheren Reise hat aufhängen lassen. Zuweilen muss der oberste Marschall als Schiedsrichter auftreten, etwa als sich Engländer und Schotten prügeln. Zum Ehrentisch aber kommen alle höher gestellten Ritter einträchtig zusammen.
Es ist der gesellschaftliche Gipfel der Königsberger Saison, das letzte und größte Fest vor dem Aufbruch zu den Expeditionen. In diesem Jahr ist Winrich von Knibrode der Gastgeber. Im Speisesaal der Burg bewirtet er alle angereisten Gäste. Während des Festmahls preisen Herolde die Taten der Teilnehmer, Am Ehrentisch sitzen die tapfersten der angereisten Recken, wohl eine Anspielung auf die Saga von König Arthus und dessen Tafelrunde, die sich die Menschen gern erzählen und der viele Ritter nacheifern.
Nach dem Mahl mit Dankgebet tragen Ordensbrüder die Satzung und Geschichte der Ehrentafel vor, dann heftet einer von ihnen den am Tisch sitzenden Rittern eine Devise in goldenen Lettern an die Schulter »Ehre besiegt alles«. Der Ehrentisch von Königsberg ist in ganz Europa bekannt und erhöht die Anziehungskraft der Preußenfahrten.
Einige Jahre lang scheint er sogar eine Art Rangfolge vorzugeben. Wer am Kopfende des Tisches sitzt, eine nur einmal im Leben gewährte Ehre, hat die Spitze der internationalen Ritterschaft erklommen. Auch der Königsberger Dom, in dem alle Preußenfahrer ihre Wappen an die Wände malen lassen, wird zu einer Ruhmeshalle des Rittertums.
Lange muss Johann von Blois in Königsberg warten, ehe es schließlich losgeht. Meist durchqueren die Ritter zuerst die große Wildnis, das Grenzgebiet zu Litauen im Osten. Gut sieben Tage lang reiten sie durch eine fast menschenleere, morastige Gegend, in der sich selbst Ortskundige gelegentlich verirren.
Oft müssen sich die Kämpfer ihre Wege erst mühsam selber bahnen. Die Gegner am anderen Ende dieser Wildnis sind ein ebenbürtiger Feind Die Litauer ringen im Osten mit dem Großherzogtum Moskau um Einfluss Im Süden erstreckt sich ihre Herrschaft bis nach Kiew. Die angereisten Ritter erzählen sich grausame Geschichten über ihre Gegner.
Gefangene, heißt es, verbrennen die Litauer lebendig, samt Tross und Rüstung. Mit dem deutschen Orden liegen die Einheimischen seit Jahren in einem unruhigen Patt. Immer wieder kommt es im Grenzgebiet zu gegenseitigen Raubzügen und Kämpfen. Brutal ist die Kriegführung auf beiden Seiten, denn es geht weniger darum, Gebiete zu erobern, sondern um die Demoralisierung und Schwächung des Gegners.
Man verwüstet sein Land, dezimiert die Bevölkerung, raubt seinen Besitz. Und das mit schnellen, überraschenden, überaus harten Attacken. Diese Art des Kampfes hat im Baltikum Tradition und die christlichen Ritter übernehmen sie mit grausamer Präzision. Ihr Vorgehen nennen sie Vastatio, Verheerung. Sobald die Preußenfahrer das feindliche Gebiet erreicht haben, schlagen sie ein Basislager auf, von dem aus kleinere Trupps in die Umgebung aufbrechen.
Die plündern, brandschatzen, zerstören Häuser, Gehöfte, Dörfer, jagen Menschen. Sie ergreifen Männer, Frauen und Kinder, töten oder entführen sie, rauben Rinder und Pferde, vernichten die Ernte, Getreide brennen Felder nieder. Ehe die angegriffenen Litauer ernsthaft zum militärischen Gegenschlag ausholen können, ziehen die Ritter weiter und wiederholen ihr tödliches Werk an anderer Stelle.
Nur etwa zwei Wochen dauert ein solcher Verheerungszug, kaum länger als einen Tag und eine Nacht bleiben die Angreifer an einem Ort. Geraten die Trupps beim Rückzug in Bedrängnis, töten sie meist alle Gefangenen, alle erbeuteten Tiere. Lebend Entführte verkaufen sie als Sklaven oder siedeln sie unter Zwang auf Ordensgebiet an.
Rund 200.000 Litauer werden auf diese Weise insgesamt von den Rittern verschleppt, wohl um ein Vielfaches mehr Menschen bei den Attacken getötet. Im Laufe der Jahre kommt es vom Gebiet des Deutschen Ordens aus zu mehr als 120 Verheerungen durch die christlichen Krieger, 16 allein in den 10 Jahren vor Johanns Zug 1369.
Allerdings meiden die Ritter wie auch die Litauer große Konfrontationen, denn dabei, so wissen beide Seiten, kann vieles schiefgehen. Erst zwei Jahre vor Johanns Reise haben Preußenfahrer versucht, eine Festung der Litauer auf der Höhe des späteren Kaunas an der Memel zu erobern, aber die Einheimischen waren stärker, sie schlugen die Ritter zurück.
Verfolgten sie ein Stück den Fluss hinunter, versperrten ihnen den Weg zu den Schiffen und griffen mit einer Übermacht an, Lanzenreiter, Krieger bewaffnet mit Doppel-Exten, Knüppeln und Steinen. Nur mit letzter Not gelang es den christlichen Kämpfern schließlich doch noch per Schiff zu fliehen. Manche Historiker werden später bezweifeln, ob die winterlichen Feldzüge der schweren Panzerreiter durch die Sümpfe Litauens militärisch wirklich sinnvoll waren oder eher ein gewalttätiger Sport für gelangweilte Adelige, die Menschen, die nicht dem christlichen Glauben anhängen, jagen und Feste feiern wollten.
Doch richtig ist, für einen bloßen Zeitvertreib waren die Reisen der Ritter zu entbehrungsreich. Und zu gefährlich. Immer ging es auch um wertvolles Prestige im Kampf für die Sache des Christentums. Zudem übten die Litauer von Osten her beständig Druck auf den Ordensstaat aus. Ohne die alljährliche Verstärkung der Truppen durch die Preußenfahrer hätten die Ritterbrüder dem wohl nicht dauerhaft standhalten können.
Und so bekommt Johann von Blois im Frühjahr 1369 einen besonderen Auftrag. Er soll mit seinen Kriegern diesmal keinen Verheerungszug unternehmen, sondern einen dauerhaften militärischen Stützpunkt an strategisch wichtiger Stelle aufbauen, mitten im Grenzland. Auf Anweisung des Hochmeisters reist er, begleitet von 50 Rittern und Knechten, mit Boten auf der Memel nach Osten, um einen Vorposten zu errichten.
Eine wehrhafte Holzbastion, umgeben von Erdwellen, die den Namen Gottes Werder erhalten sollen. Während die Knechte an der Burg arbeiten, schützen Ritter den Bauplatz, kundschaften die Umgebung aus und sichern die mit Material und Proviant beladenen Schiffe. Vermutlich kommt es auch zu Scharmützeln mit dem Feind. In der neu entstehenden Festung kleidet Johann einen hölzernen Saal mit seinem Wappenschmuck aus.
Wahrscheinlich lässt sich Johanns Bruder Guido hier feierlich in den Ritterstand erheben. Im Einsatz gegen Haydn zum Ritter geschlagen zu werden gilt als besonders ehrenvoll. Im Mai 1369 reist Johann zurück und am 29. Juni kehrt er schließlich heim in sein Schloss Schonhofen bei Gauda nach 222 Tagen Reise.
Als einer von wenigen Rittern hat er es sich geleistet, bis zum Frühling im Deutschordensstaat zu bleiben. Das gut siebenmonatige Abenteuer hat ihn etwa 17.000 preußische Mark gekostet, die teuerste bekannte Preußenfahrt. Gut 1.000 Menschen hätten davon ein Jahr lang leben können. Die Kredite, die er für die Reise aufgenommen hat, zahlt er pünktlich zurück, zum Teil allerdings, indem er sich neue Darlehen verschafft.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sich nach seiner Rückkehr von Untertanen und auf Banketten mit anderen Adeligen für seine Heldentaten preisen lässt. Gut möglich auch, dass er dem Deutschorden weiter durch regelmäßige Geldspenden verbunden bleibt. Noch einmal wird der Ritter die lange Reise aber nicht auf sich nehmen.
1381 stirbt Johann mit knapp 40 Jahren ohne ehelichen Nachkommen. Sein Erbe fällt an den jüngeren Bruder Guido. Der deutsche Orden lädt auch danach noch zu Preußenfahrten ein, doch schon bald folgen immer weniger Ritter dem Ruf. Das liegt unter anderem daran, dass sich der litauische Großfürst Jogaila 1386 taufen lässt und nach seiner Hochzeit mit der Königin von Polen den dortigen Thron besteigt.
Ein Kampf gegen ihn ist für die Edlen nun kein ehrbarer Kreuzzug gegen Heiden mehr. Den Deutschrittern ist die neue Union aus Polen und Litauern allerdings ein umso mächtigerer Gegner. Nur wenige Freiwillige kommen dem Orden zu Hilfe, als dessen Truppen im Jahr 1410 nahe Tannenberg, einem polnisch-litauischen Heer, gegenüberstehen.
Bei dieser Feldschlacht, mit 50.000 Kämpfern, eine der größten des Mittelalters, fallen am Ende der Hochmeister und nahezu der gesamte Führungszirkel des Deutschen Ordens, dazu 200 seiner Ritter. Von der Niederlage wird sich die Gemeinschaft nicht mehr erholen. Der Deutsche Orden muss dem siegreichen Gegner hohe Kontributionen leisten und später die Oberhoheit des Königs von Polen anerkennen.
1525 wandelt der Hochmeister den Ordensstaat schließlich in ein weltliches Herzogtum um. 176 Jahre später wird diese Herrschaft einem neuen, militärisch und politisch überaus erfolgreichen Königreich seinen Namen geben. Preußen. Das war Menschen, die Geschichte machten. Wir hoffen, dass Ihnen diese Folge gefallen hat und würden uns freuen, wenn Sie Menschen die Geschichte machten.
In Ihrer Podcast-App abonnieren, wenn Sie uns weiterempfehlen und wenn Sie auf GeoPlus vorbeischauen. Dort finden Sie ein breites Themenangebot aus den Bereichen Psychologie, Gesundheit, Wissenschaft, Natur und natürlich viel Geschichte. Unter geo.de slash Probe können Sie einen Probemonat starten.