
GEO Epoche - Menschen, die Geschichte machten
Marco Polo: Auf nach China
Dienstag, 15. September 2026 · 48 min
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Shownotes
1275 gelangt der junge Händler Marco Polo nach jahrelanger Reise durch Asien an den Hof Kublais, dem Großkhan der Mongolen und Kaiser von China. Der Venezianer ist überwältigt von dem, was er sieht. Und bleibt. Aus nächster Nähe erlebt er das mongolisch-chinesische Imperium.
Historische Reportage: Mathias Mesenhöller
Sprecher: Peter Kaempfe
Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO)
Audio-Produktion: Leah Fritsch (GEO)
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Genghis Khans Enkel Kublai vollendet die Eroberung Chinas und gründet dort eine neue Kaiser-Dynastie. Als ein junger Händler aus Venedig das Imperium besucht, ist er überwältigt von dem, was er sieht und bleibt. Menschen, die Geschichte machten. Ein Podcast über große und kleine historische Momente und die Frauen und Männer, die sie geprägt haben.
Präsentiert von Geo Epoche. Weitere hochwertige Audioinhalte aus der Welt von GEO hören Sie auf GEO+. Wie die Steppe ist das Meer weit und wegelos, ohne unwegsam zu sein. Wer sich hinauswagt und zurechtzufinden versteht, kann bequem große Räume überwinden. Auf den ersten Blick trennend und abschreckend vermögen Meer wie Steppe als Korridore zwischen entfernten Welten zu dienen.
Venedig ist eine Seemacht. Seine Kaufleute bewegen sich gewöhnlich auf schnellen, schlanken Handelsgalären durch die mediterrane Welt und das Schwarze Meer. Umso fremder und doch nicht unvertraut müssen die drei venezianischen Fernhändler die Reise empfinden, zu der sie Ende 1271 von Anatolien aus aufgebrochen sind.
Weiter nach Osten. Zu Pferd, zu Fuß, auf Karren oder Kamelen, durch Steppen und Wüsten, Schneefelder und Sandstürme. Immer weiter nach Osten. Fast über Asiens gesamte, kaum ermessliche Landmasse hinweg. Bis sie nach mehr als drei Jahren, wohl an einem Tag im Juni 1275, endlich ihr Ziel erblicken, Shandu, die Sommerresidenz Kublais des Großkahns der Mongolen.
Aus der frischen, gewählten Ebene erhebt sich eine acht Meter hohe Mauer, hinter der blau-grün-rot lackierte Dachziegel glänzen. Je näher sie kommen, desto dichter wird der Strom der Wagen, die Güter und Nahrung für Shandus vermutlich mehr als 100.000 Einwohner bringen. Weithin sind Viehherden zu sehen, Zelte.
Im Hintergrund ein aus Bambusrohr errichtetes, vergoldet schimmerndes Lustschlösschen, selbst in der runden Kuppelform eines Zelts gehalten, zauberhaft leicht. Straßenhändler drängen mit Waren heran, mit Speisen und Getränken, es ist laut eng. Eingeschlossen von einem Trupp bewaffneter, ledergepanzerter mongolischer Reiter queren die Venezianer eine Brücke über den Stadtgraben, dann den gepflasterten Durchlass unter dem Haupttor und gelangen in ein Netz aus schnurgeraden Straßen, bestanden mit Lebensziegelhäusern.
Nach 600 Metern eine weitere Mauer, dahinter reich mit Drachen und Tierfiguren verzierte Holzbauten, großzügige Wohnhäuser, lichte Pavillons. Alles überragt vom großen in Teilen marmorverzierten Palast, dessen bunte Dachfliesen von fern zu sehen waren. Niemand hält sie auf. Sie werden erwartet. Der jüngste der drei ist der etwa 20-jährige Marco Polo.
Vielleicht spürt er, was die Anlage besonders macht. Sie verbindet Elemente einer beweglichen mongolischen Zeltstadt mit der Pracht chinesischer Herrschersitze. Ihr Erbauer, Genghis Khans Enkel Kublai, nennt sich außer Großkahn der Mongolen zugleich Kaiser von China. Kublai steht im Begriff, das bis dahin mächtigste und wohlhabendste Reich der Geschichte zu errichten, gewaltiger als die Schöpfung seines legendären Großvaters.
Ein Imperium, das den Grund des modernen China legen wird, aus dem überdies die erste Weltmacht zur See hervorgeht, unter Kublai schaffen sich die Steppenkrieger eine Kriegs- und Handelsflotte und erschließen die Meere von Korea bis zum Persischen Golf. Mit Seglern, die alles übertreffen, was in Venedig oder andernorts gebaut wird, auf Jahrhunderte.
Nicht zuletzt werden sie den Ruhm ihres Schöpfers bis nach Europa tragen. Der einst nämlich wird ein Geschwader des Großkans den gealterten Italiener zurück nach Westen tragen, der als junger Mann staunend in Shangdu einzieht und anschließend fast 20 Jahre im Dienst des Herrschers verbringt. Marco Polo aus Venedig.
Polo aber wird einen Bericht über die Wunder Asiens herausgeben, der seinen vormaligen Dienstherrn Kublai geradezu verklärt. Einen bald klassischen Text, durch den sich beider Nachruhm verschlingt, der des großen Herrschers und der seines weltreisenden Chronisten. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt an eben jenem Juni-Tag 1275, an dem Marco Polo erstmals in Kublais Thronsaal geführt wird und sich ehrfurchtsvoll wohl auch eingeschüchtert vor dem mächtigen Mann niederwirft.
Es ist eine unwahrscheinliche Geschichte, denn als 60 Jahre zuvor, im September 1215, Sochchartani, die Hauptfrau von Genghis Khans Sohn Tolui, ihren zweiten Jungen zur Welt bringt, da kann niemand ahnen, dass unter den zahlreichen Enkeln des Reichsgründers gerade dieser einmal alle anderen überragen wird.
Und als Kublai älter wird, erst recht nicht. Während seine Brüder zu streitbaren Kämpfern heranwachsen, entwickelt Kublai Interesse an Religion, Philosophie, die fremden Sprachen, und eine Abneigung gegen körperliche Anstrengungen, Kriegszüge etwa. Kublais Mutter duldet derlei Eskapaden nicht nur, sondern fördert sie noch.
Vermutlich ahnt Sor Schachtani, dass eine Großmacht sich langfristig nicht allein auf Gewalt und Beute gründen kann, sondern dass irgendwann ein Verständnis der unterworfenen Kulturen, kluge Politik und nachhaltiges Wirtschaften wichtiger sein werden. Umso mehr, als die mongolische Expansion zunehmend die komplexe Hochzivilisation des alten China erfasst.
Die chinesische Welt ist historisch verbunden, indes politisch zerrissen. Im Norden liegt die Vorherrschaft bei der Jin-Dynastie, im Süden beim Herrscherhaus der Song, neben weiteren Reichen in den westlich anschließenden Regionen. Noch unter Genghis Khan beginnt die Unterwerfung der Jin und Anfang der 1230er dehnen seine Nachfolger die mongolische Macht bis an den Huai-Fluss aus, die Grenze zu den Song.
Nachdem Tolui auf dem Feldzug gefallen ist, erhält seine Frau umfangreiche Güter in dem neuen Reichsteil zugesprochen. Sochchachtani und Kublai siedeln einige Zeit später über und der inzwischen 21-Jährige umgibt sich mit einer Anzahl einheimischer Gelehrter. Aus intellektuellem Interesse und um Nützliches über das erworbene Land zu lernen, chinesische Staatskunst.
1251 gelingt es Kublais ältestem Bruder Mönke, sich als Großkahn durchzusetzen, als Oberherr über das Gesamtreich. Kurz darauf machte er Kublai zum Stadthalter über das gesamte nördliche China mit dem Auftrag, das Südreich der Song zu erobern und kommandiert einen seiner besten Generäle ab, den kleinen Bruder anzuleiten.
Da ein frontaler Angriff auf das von Meeresküsten, weiten Strömen, Flussfestungen und Kampfschiffen geschützte 70 Millionen Reich wenig Erfolg verspricht, attackieren Kublais Truppen zunächst ein schwächeres chinesisches Königtum westlich ihres eigentlichen Ziels. Das Unternehmen gelingt und legt einen Ring mongolischer Außenposten und Vasallen um das Gebiet der Song.
Anschließend sichert Kublai erst einmal das Erreichte und errichtet eine eigene Residenz zwischen dem mongolischen Kernland und dem gewachsenen Besitz in China, Shangdu. Erkennbar eine von zwei Welten geprägte Kunststadt. Großzügige Pagoden und enge Gassen auf der einen, ein Gürtel von Jurten auf der anderen Seite, zierliche abgeschlossene Gärten und, wenig weiter, große freilaufende Herden.
Chandus Hirten, Händler, Handwerker, Krieger und Höflinge sprechen unterschiedliche Sprachen, beten zu verschiedenen Göttern, leben nach je eigenen Sitten. Ein Abbild des Vielvölkerreichs, das unter Großkahn Mönke weiter Gestalt gewinnt. 1258 nehmen den Mongolen den Angriff gegen das Reich der Song wieder auf.
In drei Marschsäulen rücken sie vor. Eine vom Westen aus dem eben eroberten Gebiet, geführt von Mönke selbst, die zweite unter Kublai von Norden her, die dritte ebenfalls aus dem vormaligen Djinn-Territorium. Nahe dem Oberlauf des Yangtze bleibt Mönkes Armee stecken. Es ist feucht und heiß, Krankheiten töten Tausende seiner Kämpfer.
Dann wird auch Mönke niedergeworfen durch die Folgen einer Verletzung oder durch eine Infektion, manche Historiker vermuten, von der Cholera. Im August 1259 stirbt der Großkahn gerade einmal 50 Jahre alt. Damit stellt sich wieder unerwartet die Nachfolgefrage und unterbricht, wie schon in ähnlichen Situationen zuvor, die Kämpfe.
Mit einer Ausnahme. Während sein jüngerer Bruder, Arek Buga, in der Mongolei bereits Unterstützer sammelt, das Erbe anstrebt, führt Kublai weiter Mönkes letzte Befehle aus und sucht das Gefecht mit der Songarmee. Viel spricht dafür, dass er, plötzlich auf sich allein gestellt, überfordert ist. Unentschlossen.
Als Genghis Khan sein kontinentales Imperium begründet, den Auftrag zur Weltherrschaft verspürt und ihn seinen Erben hinterlässt, wächst den Mongolen von Westen her ein ungleich kleineres, filigraner, gebautes und doch in vielem ähnelndes Imperium zur See entgegen, Venedig. Eine Fernhändlerrepublik, die ein Netz aus Häfen, Kolonien, Abhängigkeiten über das östliche Mittelmeer legt und Außenposten bis in das Schwarze Meer vorschiebt.
Und das mit Gewalt und List, skrupellos pragmatisch sowie frei von missionarischem Ehrgeiz allein auf Profit ausgerichtet. Mit den meisten Waren, die Venedigskaufleute nach Europa einführen, erzielen sie enorme Gewinnspannen. Mit Gewürzen beispielsweise, Farbstoffen, Seide und Brokat, Perlen oder auch Sklaven aus der Schwarzmeerregion.
Dabei bewegen sich die Händler und ihre Güter überwiegend per Schiff. Zulieferung und Weitertransport jenseits der Küsten überlassen sie zunächst anderen. Doch durch die Expansion des mongolischen Machtbereichs erweitern sich die Geschäftsmöglichkeiten. Die herrschenden Werben um ausländische Kaufleute bieten ihnen Schutz und weitgehend sichere Wege.
Bald wagen sich venezianische Kaufleute zu Land, weiter nach Osten, gelangen zuweilen bis Zentralasien, vereinzelt bis nach China. Die meisten betreiben ihr Geschäft als Familienunternehmen, Reisen mit Verwandten oder Gründen für die gemeinsame Firma Außenstellen, so auch die Polos. Wohl im Jahr 1253 lassen sich die beiden Brüder Maffeo und Niccolo Polo im Venezianerviertel von Konstantinopel nieder.
1260 ziehen sie weiter nach Sudak, auf der Krim, italienisch als Soldaia bekannt, wo ein weiterer Bruder ein Kontor führt und brechen schließlich von dort auf nach Asien hinein. Dabei hält es Niccolopolo noch nicht einmal zurück, dass seine Frau bei seiner Abreise aus Venedig schwanger war. Das Geschäft geht vor.
Den vermutlich 1254 geborenen Sohn wird er erst Jahre später kennenlernen, Marco. Dessen Erziehung liegt mithin in der Hand von Verwandten und Hauslehrern. Sie bilden einen selbstbewussten jungen Mann heran, kenntnisreich und neugierig, von kaufmännischem Verstand. Nach Mönkes Tod deutet vieles auf Arik Buga als Nachfolger hin.
Kublai ist zwar der Ältere, aber stark übergewichtig und leidet sein Leben lang an der Gicht. Allenfalls mit Mühe passt er in den hölzernen Sattel der mongolischen Reiter. Ein Genussmensch und Intellektueller, der trotz seines Bemühens in Südchina immer noch ohne großen Schlachtensieg dasteht. Nicht, dass Material aus dem Großkane gemacht werden? Oder doch?
Inzwischen 44 Jahre alt hat er, bei aller Nachdenklichkeit Machtinstinkt entwickelt, einen Sinn für das Erbe seines Großvaters. Wohl nicht zuletzt beeinflusst von seiner Lieblingsfrau Charby, die Kublais verstorbene Mutter an Ehrgeiz und taktischem Verstand kaum nachsteht, zu seinen engsten Vertrauten zählt.
Auch sie ist überzeugt, dass die mongolische Macht mit der weit fortschrittlicheren chinesischen Zivilisation verschmelzen muss, wenn das Reich Genghis Khans Vision von der Weltherrschaft näher kommen soll. Demgegenüber versammeln sich hinter Arik Buga wohl vor allem die konservativen Großen, die von Modernisierung und chinesischen Ideen nichts wissen wollen, an den alten Sitten der Steppe festhalten.
Womöglich ist das die Mehrheit. Im Frühjahr 1260 rufen ihre jeweiligen Anhänger zum einen Arekbuga, zum anderen Kublai als Großkahn aus. Ein Krieg zeichnet sich ab, der außer dem Erbfolgestreit einen ideologischen Konflikt spiegelt. Außer auf seine eigene mongolische Gefolgschaft setzt Kublai auf die Armeen, die Werkstätten, den Reichtum seiner Provinz.
Entsprechend wirbt er um die Gunst der Untertanen. Er werde wie die alten chinesischen Kaiser mit Güte regieren, die Armen nähren, die militärische Macht der Mongolen durch eine geordnete Verwaltung nach konfuzianischen Grundsätzen ergänzen. Er senkt Abgaben und Fronen, unterbindet willkürliche Beschlagnahmen, er weist dem eingesessenen Adel Ehren, erleichtert Städten den Handel.
Und er riegelt Arik Bugas Herrschaftsbereich systematisch ab, von Gütern, Waffen, vor allem Lebensmitteln. Dann rückt Kublai nach Norden vor. Zwei Schlachten gegen die Reiterheere des Bruders enden mit enormen Verlusten, doch ohne klaren Sieger. Mit der Zeit aber wirkt die Blockade, Arik Bugas Männer hungern, etliche Desertieren.
Rang hohe Gefolgsleute wenden sich ab, 1264 gibt der Jüngere auf. Der Überlieferung zufolge tritt er demütig in die Öffnung zum Zelt seines Bruders, bittet um Einlass, Frieden, Aussöhnung. Kublai winkt ihn herein, beide vergießen Tränen. Der Sieger zeigt sich großmütig, er legt dem Bruder nicht mehr auf als Hausarrest, in dem Arik Bugabald darauf stirbt, offiziell an einer Krankheit, wohl nicht nur seine Anhänger raunen von Mord.
Gleichwohl fechten auch die Verwandten an der Spitze der anderen drei zunehmend autonom regierten Reiche Kublais Oberherrschaft und das Gesamtreich nicht offen an, die Herrscher der später sogenannten Goldenen Horde zwischen Westsibirien und dem Djepper, des Il-Kanats im vorderen Orient und des Chagatai-Kanats in Zentralasien.
Faktisch driften die vier Teilreiche weiter auseinander, entwickeln sich zu selbstständigen Staaten mit eigenen Interessen und Traditionen. Ihre dünnen Erobererschichten übernehmen nach und nach Gewohnheiten, schließlich Sprache und Religion der Unterworfenen, meist den Islam. Zunächst jedoch betrachtet sich Kublai als Großkahn aller Mongolen und mongolischen Reiche, Herrscher über die halbe bekannte Welt.
Für seine direkten Untertanen bleibt er vermutlich ein Sonderling, den Chinesen ein fremder Herr, der ihre Sprache zwar leidlich spricht, aber nie fließend, den Mongolen ein halber Chinese. Haben die Herrscher seit Genghis Khan bereitwillig nützliche Techniken und Kenntnisse von anderen übernommen, so mutet Kublai seinem Gefolge ein völlig neues Denken zu.
Bereits seit längerem ist er dem Buddhismus zugeneigt. Neigt. Bauern und Städte achtet er nicht geringer als Nomaden und Krieger, unterbindet die Umwandlung von Acker in Weideland. Und er beginnt in diesem Sinne den versprochenen Umbau der Verwaltung. Traditionell führen in mongolischen Familien die Frauen die Wirtschaft, einschließlich der großen Handelsgeschäfte.
So liegt es nahe, dass Kublai sich gründlich mit Chabi berät, dann deren engsten Mitarbeiter übernimmt, Ahmad van Nagrati, einen Muslim aus dem heutigen Usbekistan. Ungefähr einem leitenden Minister gleich beseitigt Ahmad Steuerprivilegien, führt Staatsmonopole im Handel mit gewinnträchtigen Massengütern wie Salz, Essig, Wein und Tee ein.
Er bringt große Werkstätten unter seine Kontrolle und erzwingt den vermehrten Gebrauch von Papiergeld, um das umlaufende Gold und Silber in den Staatsschatz zu lenken. Alles mit dem Ziel, die Finanzkraft des Herrschers zu steigern, eine Flotte aufzustellen und so endlich das von Küsten und Flüssen umgebene Reich der Song in die Knie zu zwingen.
Während ihr Großkahn seine Kriegskasse füllt, profitiert die mongolische Elite von vermehrten Einfuhren, reichlich hereinströmenden persischen Teppichen, indischen Geschmeiden. Den Begüterten kommen neue Färbstoffe zugute, Glas- und Bronzespiegel, Medikamente, Damascenerstahl. Mehr noch als seine Vorgänge begreift Kublai Gewerbe und Handel als Machtmittel.
Zuweilen empfängt er die Kaufleute gar selbst. So gewährt er Mitte der 1260er Jahre zwei weithergereisten eine Audienz, Maffeo und Niccolopolo. Seit Jahren im Machtbereich der Mongolen unterwegs, tauschend, handelnd, immer wieder aufgehalten, sprechen die beiden Venezianer verständlich deren Sprache.
Und sie sind bereit und in der Lage, Auskunft über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, Gebräuche und Streitigkeiten der Europäer zu geben. Für Kublai macht sie das interessant aus strategischen Gründen, vermutlich ebenso aus bloßer Wissensfreude. Der ersten Unterhaltung folgen weitere.
Schließlich entlässt er die Polus mit diplomatischen Schreiben an den Papst als Oberhaupt der westlichen Christenheit und einer Plakette, Paisa oder Grege genannt, deren Trägern im gesamten Reich Geleitschutz zusteht, Unterkunft und Verpflegung. Sie gilt auch für weitere Reisen. Kublai wünscht ein Wiedersehen.
Ob und wie lange er den beiden Besuchern tatsächlich nachhängt, bleibt Spekulation. Sicher ist, dass er kurz darauf den Krieg gegen die Song wieder aufnimmt. Und dass er sich trotz bis dahin magerer Erfolge 1271 zum Kaiser von China erklärt, eine neue Dynastie ausruft, ein neues Zeitalter, Yuan. Das bedeutet etwas wie der neue Anfang, die Grundlage großartig erhaben.
In chinesischen Ohren ist das ein lichtes Versprechen, für viele Mongolen ein fragwürdiger Schritt in eine andere Welt. Ob es für Kublai eine Etappe auf dem Weg zu dem von seinem Großvater gesteckten Ziel die Universalherrschaft ist oder gerade die Absage daran, bleibt ungewiss. Etwa zur gleichen Zeit, rund vier Jahre nach ihrer Abreise von Kublais Hof, erlangen die Polos in Italien ein Antwortschreiben des Papstes, vermutlich eine ähnlich diplomatische Grußschrift ohne konkreten Gehalt.
Sie brechen erneut auf. Wahrscheinlich hat die erste Expedition großen Gewinn eingetragen und nun hoffen sie, den Erfolg zu wiederholen oder sogar zu übertreffen. Vermutlich spielen Faszination und Abenteuerlust hinein. Allemal, sie nehmen einen Lehrling und Schreiber mit, Nikolaus' 17-jährigen Sohn Marco.
Der ist ein aufgeweckter Jungkaufmann, klug, ein wacher Beobachter. Er prägt sich gründlich ein, was er sieht und erfährt, macht Notizen. Offenkundig wollen die drei diesmal den mühseligen Landweg umgehen, also wenden sie sich nach Hormuz, der Hafenstadt am Ausgang des Persischen Golfs in den Indischen Ozean.
Eine Enttäuschung. Die arabischen Indienfahrer sind unerwartet klein, verfügen über kein Oberdeck, die Planken sind mit Kokosschnur verbunden, gleichsam zusammengenäht. Gegenüber den Seglern ihrer Heimat, genau gezimmert, zusammengehalten von eisernen Nägeln und mit Pech abgedichtet, erscheinen ihnen diese Schiffe als Seelenverkäufer.
Sie machen Kehrt. Dann doch lieber die Karawanenroute im Vertrauen darauf, dass der Schutz des Großkans Glück und Geld sie nach Shandu bringen werden. Vermutlich unterschätzen die Polos die Seetüchtigkeit der arabischen Daos und sind zugleich mit Blick auf die europäische Seetechnik allzu selbstbewusst.
Mit den Ingenieuren Song Chinas können beide Kulturen sich nicht messen. Die technologisch führende Macht der Zeit baut eine Vielzahl unterschiedlich großer, stabiler Fluss- und Hochseeschiffe, kennt ausgefeilte Takelungen, effiziente Trehtradantriebe, den Kompass. Kriegsflotten sichern die Küsten sowie die großen Ströme nach Norden, namentlich den Yangtze, der sich stellenweise zu einer mehrere Kilometer breiten, meandernden Wasserwelt ausweitet, und halten so seit Generationen Angriffen aus dem Norden stand.
Zwar vermögen die Mongolen auch breite Flüsse zu überqueren, um allerdings dauerhaft in das Reich der Song einzubrechen, reicht das nicht. Dazu müssen sie lernen, selbst auf dem Wasser zu kämpfen. Also befiehlt Kublai seinen Feldkommandeuren genau das. Mithilfe von Bootsbauern, vor allem im Vasallenstaat Korea, von Überläufern, erbeuteten Songschiffen und deren Crews, zimmern sie in rascher Folge erst kleinere, dann große Boote und trainieren darauf.
Schon bald verbessern die zusammengesetzten Mannschaften die vorgefundenen Konstruktionen. So gelingt es ihnen etwa, Rümpfe zu fertigen, auf denen sich schwere Wurfmaschinen transportieren und abschießen lassen. Darin liegt eine entscheidende Neuerung. Chinesische Militärs nutzen Flotten zumeist defensiv als eine Art schwimmendes Vor.
Dem gegenüber betrachten Kublai's generelle Schiffe mit dem Blick von Kavalleristen als hochbewegliche Offensivwaffen, die frontal in Zangenformationen zum Schein, mit Brandbooten oder eben mit massiertem schweren Beschuss angreifen können. Und sie denken amphibisch. Das Geschehen auf dem Wasser und an Land, Flotte, Reiter, Infanterie und Katapultartillerie greifen ineinander.
Anfang 1273 gelingt es ihrem Verbund, eine Schlüsselstellung der Song am Fluss Han aufzubrechen. Anschließend kämpft sich die neue Landwasserarmee den Han hinab bis zu seiner Mündung in den Yangtze. Der kilometerweite Strom, vor dem eine Barriere, wird zum Aufmarschweg gegen Linan, heute Hangzhou, die Hauptstadt des Südens.
Bis die Metropole fällt, der Hof kapituliert und die letzten auf Inseln im Meer geflohenen Truppen besiegt sind, von einer mongolischen Flotte, die binnen kurzem auch hochseefähig wird, vergehen noch einige Jahre, doch die Song sind geschlagen. Kublai ist wahrhaftig Kaiser von ganz China. Der erste aus der Dynastie Yuan.
Und der erste Großkahn, der Landmacht und Seegängigkeit, Steppe und Meer zusammenbringt. Vermutlich ahnt Marco Polo wenig von dieser Epochenwende, als er sich im Sommer 1275 vor Kublai auf den Boden des Palastes von Chengdu wirft. Er ist beeindruckt vom Goldglanz um ihn herum, von den anmutigen Wandmalereien, die Menschen, Vögel und andere Tiere zeigen, Bäume und Blumen, von der Schar der Würdenträger um den Großkahn, die vornehm in kleine Näpfchen spucken statt auf den Boden.
Von der Ausstrahlung eines Herrschers, den er später als Idealmenschen beschreiben wird, perfekte Größe, feine Haut, edle Nase. Was dann geschieht, ist schwer zu deuten. Polo zufolge findet Kublai Gefallen an ihm, seiner Aufgewecktheit, seinem Erzähltalent. Sicher ist, dass alle drei Polos bleiben, profitable Geschäfte machen und Marco, in irgendeiner Form zugleich dem Großkahn dient, vermutlich als eine Art reisender Inspektor, der insbesondere zu Wirtschaftsdingen und aus den Fernhändler- und Ausländergemeinschaften berichtet.
Ungewöhnlich ist das nicht. Kublai herrscht über ein Vielvölkerreich und beschäftigt Männer vielerlei Sprache und Religion. Es ist Teil des Versuchs, das Imperium zu integrieren und zu befrieden. Dazu gehört auch, dass der Großkahn und Kaiser sich bereits bei der Unterwerfung der Song betont großmütig und milde gibt, wo eben möglich die traditionelle Grausamkeit mongolischer Eroberer eindämmt.
Er begreift, dass er die vielen Millionen neuer Untertanen nur regieren kann, wenn er sie für sich gewinnt, ihnen das Gefühl gibt, ein gerechter Souverän zu sein. Dazu gehört auch Glanz, so in Dadu, der neuen Hauptstadt im Norden nahe der Stelle, an der einst die Kapitale der Djin stand, wenngleich Shandu als Sommerresidenz erhalten bleibt.
In einem streng rechtwinkligen Straßengitter erheben sich stattliche Anwesen für die Granden des Reiches. Ein Palast mit einem Bankettsaal für angeblich 6.000 Gäste und Fensterscheiben klar wie Kristall, umgeben von einem Park voll exotischer Bäume, dazwischen Gazellen und Hirsche sowie erhöhte, geneigte Wege, über die sich auch nach schwerem Regen trockenen Fußes spazieren lässt.
Faszinierend den jungen Venezianer schon der fürstliche Geschmack und Prunk, so mehr noch der allgemeine Reichtum an Waren und Gütern, den er in den zuweilen riesigen Städten findet. Die fruchtbaren Felder und oft gut genährten, einfachen Leute des Umlandes, die vielen Restaurants mit raffinierten Speisen, die Tätowierstudios, die ungeheure Zahl der Prostituierten, die kohlebeheizten Bäder, die Armenfürsorge, der Bildungsstand, die wundergleiche Medizin und geschickte teils öffentliche Ärzte.
Ein völliges Rätsel geradezu Alchemie scheint ihm das allgemein akzeptierte Papiergeld. Dann sind da die Manufakturen für Seide, Baumwolle, Papier, Porzellan und alle erdenklichen Metallwaren, die Druckereien, die guten Straßen, das schnelle Postsystem, das dichte Netz aus Kanälen und dann die immensen Flotten und Häfen.
Nach der Unterwerfung der Song eignen sich die neuen Herren endgültig deren nautische Kenntnisse und Fähigkeiten an, erweitern sie auf immer weiterführenden Expeditionen. An einigen nimmt auch Marco Polo teil, lernt die Küsten Indochinas kennen, gelangt, eigenen Bekunden nach, durch die Straße von Malacca und bis Sri Lanka.
Nichts aber, was er dort sieht, entlockt ihm so viel Begeisterung und Bewunderung, wird er derart zum Maß, aller Macht, Pracht und Zivilisation hoch erzählen wie Kublais Reich der Wunder. Zuweilen freilich streift dessen Macht- und Prachtentfaltung die Grenze zur Farce, so berichtet Polo von einer jährlichen Frühlingsjagd außerhalb Dadous.
Das Ritual wurzelt in großen Treibjagden der mongolischen Nomaden, die ihre Gemeinschaft stärkten, Geschick und Kraft übten. Kublai nun zieht mit einem Tross von hunderten Wagen und tausenden Begleitern einer Heerschar aus Falknern, Hundeführern, Treibern für lange Wochen in ein Lager aus Pavillons und riesigen Prunkzelten.
Er selbst reist in einer geräumigen, golden ausgeschlagenen und mit Löwenfällen bedeckten Sänfte, die von zwei, zuweilen vier zusammengeschirrten Elefanten getragen wird. Gehüllt in einem weißen Hermelinmantel mit einer Bordüre aus schwarzem Nerz, betrachtet der Kaiser die Jagd seiner Falken auf Kraniche, wie Adler auf Wölfe niederstoßen, wie Rudel riesiger Hetzhunde, in Käfigen herangebrachte Leoparden, Tiger und andere Großkatzen, Hirsche reißen, Wildschweine, wilde Esel und Büffel, selbst Bären.
Eine Travestie des alten Brauchs, eher Zirkusspielen ähnlich. Um 1280 steht Kublai im Zenit. Er herrscht über ganz China, die Mongolei, die Seidenstraße bis weit nach Zentralasien, hat in Korea einen Vasallenkönig durchgesetzt, Tibet eingegliedert. Der Makel, wie er es womöglich sieht, die Weltherrschaft ist das noch nicht.
Selbst wenn Kublai die Augen davor verschließt, dass die westlichen mongolischen Teilfürsten nahezu unabhängig ja feindselig handeln, sind da in der unmittelbaren Nachbarschaft Japan, die Monarchien Indochinas, dahinter die Inselwelt des heutigen Indonesien, dann Indien. Angesichts so vieler uneroberter Gebiete ist die Flotte auch eine Versuchung, nach diesen Ländern jenseits der See zu greifen und dabei die eigene Machtbasis, so groß sie sein mag, zu überdehnen.
Bereits 1274 ist eine Landeoperation gegen Japan misslungen. 1281 versucht Kublai es erneut und scheitert abermals am Widerstand der Verteidiger, an einem Taifun, der tausende Invasoren vor der Küste ertränkt, vor allem an Hybris. An einer übereilten Vorbereitung, einem unterschätzten Gegner, dem Unwillen des Großkans auf Warnungen zu hören, dass die Truppen müde sind.
Noch vor dem Ende der Operation ereilt Kublai eine persönliche Katastrophe. Chabi stirbt. Die geliebte Gefährtin und starke Vertraute, Ratgeberin über Jahrzehnte. Allem Anschein nach erholt er sich nie ganz von dem Verlust. Die Emotionale zieht eine politische Krise nach sich, denn Chabi hat stets die Hand über ihren Vertrauten gehalten, den Finanzaufseher Ahmad Vanagati.
Der indes hat zwar, finde ich, effizient, auch rücksichtslos die Staatseinnahmen gemäht, zugleich aber ein korruptes Schattenreich errichtet. Er bereichert sich selbst, verhilft jenen zu Vorteilen, die ihm Juwelen bringen, ein edles Pferd, eine Frau für seinen Haaren, versorgt Verwandte mit Ämtern, lässt Rivalen verbannen, manche verschwinden einfach.
Nun sehen seine Feinde ihre Chance. Als im Frühjahr 1282 der Hof wie jedes Jahr aus Dadu nach der Sommerresidenz Shangdu übersiedelt, eine Wanderung von ungezählten Fuhrwerken und Reitern, der Großkahn auf seine Elefanten senfte, schlagen sie zu. Unter dem Vorwand, der Kronprinz Jing Kim verlange nach ihm, wird Ahmad in eine Falle gelockt und von gedungenen Männern totgeschlagen.
Im Auftrag des Kronprinzen, der ihn hasst? Kublai befiehlt, die bald gefassten Mörder hinzurichten, aber auch das Tun seines Finanzchefs zu durchleuchten. Nachdem er das Ausmaß der Hinterziehungen begreift, lässt er Achmats Besitz einziehen, seine Leute fortjagen, sein Grab öffnen und den Leichnam schänden, und seine Söhne samt ihren Familien töten.
Da ist nur noch wenig von der großzügigen, abgeklärten Souveränität der frühen Jahre, dafür viel von der gezielten Grausamkeit des Großvaters Genghis Khan. Falls die Untersuchungen eine Verwicklung des Kronprinzen ans Licht bringen, schützt der Vater seinen Erben. Umso größer der Schmerz, als Jing Kim im Winter 1285-86 einer Krankheit erliegt.
Kublai wird alt in diesen Jahren. Bitter. Und je höher diese Verbitterung steigt, desto unüberlegter handelt er, desto schmerzhafter wiederum werden die Niederlagen. Er verliert ganze Flotten und Armeen bei dem erfolglosen Versuch, Teile des heutigen Vietnam zu unterwerfen, dessen Bewohner den Eindringlingen einen zähen Guerillakrieg liefern.
Später mündet auch eine Invasion Jawas in einer Katastrophe. Immerhin, die Ilkane, wie die mongolischen Herren über den Iran und das Zweistromland inzwischen genannt werden, bekunden weiter Loyalität zum Gesamtreich und Kublai. Ende der 1280er Jahre erreicht den Hof in Dadu die Bitte des in Persien regierenden Großneffen ihm eine Prinzessin aus einem der vornehmen Clans der Stammheimat als Braut zu senden.
Kublai kommt dem gern nach. Da jedoch der Weg durch Zentralasien von missgünstigen Verwandten versperrt ist, greift er auf seinen neuen Trumpf zurück, die Flotte. Die Braut und ihr Hofstaat sollen den Weg über das Meer nehmen. Auf einer ersten Seereise von China aus um die halbe Welt. Im Herbst 1290 zieht ein Erdbeben Shangdu in Mitleidenschaft, lässt Wohnhäuser, Tempel, Warenlager einstürzen.
Etliche Beobachter sehen darin ein Zeichen, dass Himmel und Erde das Ende einer langen Regentschaft ankündigen. Auch die Polos? Vermutlich halten sie sich an weltlichere Anzeichen, den sichtbaren Verfall des fast 75-jährigen Herrschers. Ungewiss, was danach kommt, bitten sie um ihre Entlassung in die Heimat.
Marco Polos Bericht zufolge will Kublai sie nicht ziehen lassen. Erst seine Polos Kenntnis der Seewege nach Indien habe den Großkahn umgestimmt. Die drei Venezianer sollen das Geschwader der Prinzessin begleiten. Sie tauschen das Vermögen, das sie in all den Jahren erworben haben, um in Rubine, Smaragde und andere Edelsteine wertvoller und kompakter als Gold.
Die Kostbarsten lassen sie in ihre Reisekleider einnähen. Dann, im Sommer 1291, gehen sie in Guangzhou, Kanton, an Bord eines Konvois von 13 großen Junken und etwa der doppelten Anzahl Begleitboote. Die Großschiffe mögen um die 60 Meter lang sein. Sie bieten 50 bis 60 Reisenden eine komfortable Kabine samt Abort.
Im Rumpfraum für mehr als 1000 Tonnen Güter, darunter der Brautschatz aus Seide, chinesische Arzneien, ein lebendiger Tiger. Auf Deck laufen Hühner und Schweine als Lebenproviant umher, stehen tönerne oder hölzerne Pflanzgefäße mit Gartenfrüchten. Die Mannschaften bestehen aus hunderten Männern, den Antrieb bilden mit Bambuslatten aufgespannte Segel an vier oder mehr Masten, bei Windstille riemen mit je vier Ruderern.
Der Sicherheit dienen doppelt beplankte Rümpfe, wasserdichte Schotten, Rettungsboote. Untereinander halten die Kapitäne Kontakt mittels Flaggensignalen und Brieftauben. Kaum etwas davon ist in Europa auch nur vorstellbar. Gleichwohl bleibt es ein Wagnis. Stürme, Windstille, Krankheiten, Liegezeiten in unsicheren Zwischenhäfen machen die Fahrt langwierig und gefährlich.
Einige Hundert der Menschen an Bord sterben, darunter hohe Amtsträger. Kublais Schiffe legen schließlich Anfang 1293 in Hormus an, zwischen den kleinen genähten Daus, denen sich die Polos einst nicht anvertrauen mochten. Sie geleiten die Prinzessin und ihren Hofstaat an die persische Grenze. Dann reisen Maffeo, Niccolo und Marco Polo über Land weiter nach Trapezunt am Schwarzen Meer, von dort zur See nach Westen und gelangen 1295 zurück nach Italien.
Mongolen scheuen sich, Tod und Sterben direkt anzusprechen. Sie umschreiben lieber, jemand habe sein Alter vollendet. Am 18. Februar 1294 vollendet Kublai mit 78 Jahren sein Alter. Vertraute überführen den Leichnam an die geheime Begräbnisstätte des Clans im mongolischen Bergland und bestatten ihn spuchenlos, so wie zuvor in derselben Gegend sein Großvater Genghis Khan und sein Vater Tolui die letzte Ruhe gefunden haben und seither Sochchachtani, Jabi und Jing Kim.
Im Nachhinein erweist sich Kublais langer Niedergang als Gunst. Er hat Höflingen und Generälen Zeit gegeben, eine abgekertete Wahlversammlung vorzubereiten, die ohne erneuten Nachfolgekrieg Kublais Enkel Temür zum Großkahn kürt. Angesichts des weitgehenden Abfalls der Mongolenreiche im Westen ist es zwar ein ausgehüllter Titel, umso mehr reale Macht steckt dafür in dem Rang, der mit ihm einhergeht, dem des zweiten Kaisers von China aus der Yuan-Dynastie.
Ungeachtet seiner späten Misserfolge hinterlässt Kublai das mit Abstand größte, modernste Reich der Welt. Eine Seemacht, die über offenes Meer bis in den Nahen Osten zu navigieren vermag und diese Routen zu schützen. Temür nun erblickt darin einen völlig anderen Nutzen als seine Vorfahren. In Abkehr von der Politik Genghis Khans setzt er nicht auf Expansion, sondern auf Diplomatie, Industrie und lukrative Exporte, auf Kommerz statt Krieg.
Eher ein Weltnetzwerk als die Weltherrschaft. Maßgeblich getrieben von Temües Yuanchina erlebt das frühe 14. Jahrhundert einen Globalisierungsschub, einen ungesehenen Austausch von Korea bis Marokko. Häfen boomen, Hinterlanddörfer werden zu Gewerbezentren, rasch und günstig wie nie erreicht eine Bahn chinesischer Seide den Schneider in Rom.
Eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Andererseits wächst die Unzufriedenheit der Beherrschten. Nach einer Abfolge von Naturkatastrophen und schwachen Kaisern brechen um die Mitte des 14. Jahrhunderts Revolten aus und 1368 werden die Mongolen aus Dandu vertrieben. Die kurze, strahlende Ära der Yuan-Dynastie endet, bevor ein Jahrhundert vergangen ist.
Was erhalten bleibt, ist ein dauerhaft geeintes China größer denn je. Und nach einer Unterbrechung auch die Hauptstadt im Norden, Dadu, bald umbenannt in Peking. Kulturgeschichtlich hingegen hinterlassen die Mongolen wenig. Ähnlich wie andernorts haben ihr ideologiearmer Pragmatismus der Macht und rein militärischer Vorsprung zur Folge, dass die Eroberer mehr von den Unterworfenen übernehmen, als dass sie diese prägen.
Eine Spurenlosigkeit, die auf eigentümliche Weise ihren Herrschergräbern gleicht. Selbst Chinas Seemacht überdauert nicht. Im 15. Jahrhundert schafft die neue Dynastie die Hochseeflotte ab, weil Handel und Austausch in den Augen der mächtigen und konservativer Gelehrter Unruhe bringen unerwünschten Wandel.
Die nautische Supermacht zieht sich in sich selbst zurück, schließt sich ab und stagniert. Etwas jedoch übersteht die Jahrhunderte Kublais Ruhm. Auch dank des exotischen Gastes, der dem Großkahn 17 Jahre zu Diensten war. Nach ihrer Rückkehr liegt es nahe, dass die Polos ein Leben in Wohlstand führen und enden, wie so viele abenteuernde Fernhändler, vor ihnen in Vergessenheit.
Es kommt anders, durch einen Zufall. Venedigs schärfste Rivale ist das ligurische Genua. Beide Stadtrepubliken liegen in einem mal schwelenden, mal offenen Krieg. Zeitweilig kämpft auch Marco Polo als Kommandant einer von ihm selbst ausgerüsteten Galere, und gerät vermutlich 1298 in genuesische Gefangenschaft.
Unter standesgemäß annehmlichen Bedingungen wartet er auf eine Auslösung oder einen Friedensschluss und erzählt zum Zeitvertreib einem Mitgefangenen seine Geschichte, einem Schriftsteller aus Pisa. Wer von beiden die Idee hat, die Dinge aufzuschreiben, wie ihre Zusammenarbeit aussieht, ob Marco Polo sich etwa von Verwandten seine Reisenotizen zusenden lässt, all das ist unklar.
Fest steht, dass er bei seiner Entlassung 1299 ein eigenwilliges Konvolut mit sich trägt. Eine rhetorisch reizvolle, wenn auch häufig sprunghafte Schau fast ganz Asiens. Ein Handbuch voller Völker- und Landeskunde, Beobachtungen, Eindrücke, historische Hintergründe, Legenden, wirtschaftlicher Daten und wundersamer Exotik aus erster Hand.
Unerhört in Europa. Entsprechend findet der Text rasch Leser, Koupesten, Übersetzer, dazu fantasievolle Verfälscher. Rund 150 teils stark voneinander abweichende Abschriften sind überliefert. Ein Reisebericht freilich ist es nicht. Wann genau Marco Polo wo war, was er persönlich erlebt und erlitten hat, wie empfunden, darüber schweigt er weitgehend.
Begeistert erzählt er von einer Welt, die derart eindrucksvoll ist, dass ihr Besucher und mit ihm seine Leser kaum umhinkönnen, Bewunderung zu empfinden. Bewunderung insbesondere für die alles überragende Heldengestalt des Berichts, den weisen, mächtigen Mongolenkaiser Kublai Khan. So verleiht der Text beiden ihren lang nachhallenden, überragenden Ruhm, dem Ausnahmeherrscher und dem Reisenden, eingebettet in ein Porträt Asiens an einem welthistorischen Punkt.
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