
heute journal - der Podcast· Folge 80
Was wäre, wenn die AfD im Osten allein regierte? Mit Alexander Prinz „Der Dunkle Parabelritter“
Donnerstag, 13. August 2026 · 45 min
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Shownotes
Am 06. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Und laut aktueller Umfragen könnte die AfD stärkste Kraft werden und vielleicht sogar die absolute Mehrheit bekommen.
Helene Reiner und heute journal-Moderator Christian Sievers blicken auf die Zeit nach der Wahl: Was würde eine Alleinregierung der AfD für Sachsen-Anhalt bedeuten, welche Folgen hätte das für den Bund? Mit dem YouTuber und Autoren Alexander Prinz alias "Der Dunkle Parabelritter" und dem Politikwissenschaftler Prof. Marcel Lewandowsky sprechen sie über mögliche Szenarien und darüber, was Menschen dazu treibt, extreme Parteien zu wählen.
Diese Woche im heute journal Podcast – jetzt auch als Videocast in der ZDF heute App, im Web und auf YouTube. Lasst gern auch Bewertung und Abo da! Und wir freuen uns über Fragen, Kritik oder Themenvorschläge an heutejournal-podcast@zdf.de!
Team
CvD (ZDF): Laura Barnick
Host: Helene Reiner
Mod: Christian Sievers
Autor: Cedric Wrieden
Redaktion: Leon Müller
Factchecking: Mine Ates, Leon Klein
Redaktion Pool Artists: Julia Illmer
Kamera: Meike Jost
Ton: Dirk Vetter
Weitere Links zum Thema:
ZDFheute.de: Aktuelle Nachrichten zur Wahl in Sachsen-Anhalt (zdfheute.de/thema/landtagswahl-sachsen-anhalt-…)
ZDFheute.de: Was Sachsen-Anhalt bewegt (zdfheute.de/politik/deutschland/sachsen-anhalt…)
Studie: Ist das AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt finanzierbar? (iwh-halle.de/publikationen/detail/ist-das-afd-…)
deutschlandfunkkultur.de: Politologe Stecker: Minderheitsregierung kann Brandmauer ablösen (deutschlandfunkkultur.de/tacheles-mit-christia…)
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Ihr seht es hinter mir. Alles ist möglich. Es ist möglich, dass wir am 6. Neuen Geschichte schreiben und uns unser Land zurückholen. Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD, will sich das Land zurückholen. Und hinter ihm jubelt die Menge, wählt mit Deutschlandfahnen und Schildern in Herzform, auf denen sein Gesicht zu sehen ist.
So sieht aktuell der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt aus. In knapp einem Monat könnte dort zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Landespartei die absolute Mehrheit erreichen, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Wir wollen heute wissen, was wäre, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt allein regiert, stürzt dann die Brandmauer ein und welche Folgen hätte das für den Rest des Landes?
Und was treibt eigentlich so viele Menschen dazu, eine rechtsextreme Partei zu wählen? Und damit sage ich herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast. Schön, dass ihr zuhört. Ich bin Helene Reiner und mir gegenüber sitzt Christian Sievers, Moderator des Heute-Journals. Hallo Christian. Hallo Helene.
Oder schön auch, dass ihr zuschaut, falls ihr nämlich zuschaut. Wir bieten ja auch ein Video-Feed an von alledem. Zum Glück. Und uns sind zugeschaltet zwei tolle Gäste. Einmal eine prominente ostdeutsche Stimme und zwar Alexander Prinz. Er ist Content-Creator, vielleicht kennen viele von euch ihn auch als den dunklen Parabelritter.
Damit erreicht er über Social Media ein Millionenpublikum und hat außerdem ein Buch über den sogenannten Oststolz geschrieben. Hallo Herr Prinz. Hallo. Hallo, schön, dass ich dabei sein darf heute. Außerdem können wir mit dem Politikwissenschaftler Professor Marcel Lewandowski sprechen von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Er hat das Buch geschrieben, was Populisten wollen, wie sie die Gesellschaft herausfordern und wie man ihnen begegnen sollte. Freue mich sehr, dass das klappt. Hallo in die Runde. Hallo, freue mich auch. Christian, wir haben über eine Landtagswahl noch kein einziges Mal im Podcast so ausführlich geredet. Jetzt wird am 6. September in Sachsen-Anhalt gewählt.
Warum blicken nicht nur wir, sondern auch viele internationale Medien in diesen Tagen und in diesen Wochen nach Sachsen-Anhalt? Ich glaube, das kann man ganz kurz zusammenfassen, weil da nach den Umfragen eine Partei, die tatsächliche Möglichkeit hat, die Mehrheit zu bekommen und damit auch die Regierung zu stellen.
Eine Partei, die ein, wir haben es ja gerade selber gehört, ganz offen davon spricht, ein anderes Land zu wollen. Und was vielleicht noch wichtiger ist, eine andere Gesellschaft, eine andere Art des Zusammenlebens hier bei uns. Und das hat es so noch nie gegeben in der Bundesrepublik Deutschland. Ja, du hast die Umfragen angesprochen. Es war auch in den Schlagzeilen diese Woche, da wurde von einer Schockumfrage in Sachsen-Anhalt gesprochen.
Die AfD fast doppelt so stark wie die CDU. Das deckt sich auch mit den Umfragen, die in den letzten Wochen rausgekommen sind. Die AfD bei 41, 42 Prozent, die CDU zwischen 22 und 24 Prozent. Danach folgt die Linke mal bei 13, mal bei 14 Prozent. Herr Prinz, Sie sind in Halle an der Saale geboren und da wohnen Sie auch.
Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung wahr bei diesem Erfolgskurs der AfD? Da jubeln die Leute, die anderen heulen und dazwischen gibt es nichts? Es ist sehr viel Unsicherheit dabei, glaube ich, auch bei denen, die die AfD wählen werden und denen, die das eigentlich nicht vorhaben. Ich war beispielsweise bei einem AfD-Werbetag, anders kann man es gar nicht nennen, einem Simson-Treffen in Weißenfels und bin mit den Menschen dort vor Ort ins Gespräch gekommen.
Und die ersten, mit denen ich da gesprochen habe, die sind tatsächlich ehemalige Linkenwähler gewesen, die gesagt haben, okay, hat uns nichts geholfen, jetzt sind wir hier und hören uns mal an, was die AfD zu sagen hat. Und vielleicht finden die ja einen Ausweg. Es ist einfach sehr viel Unsicherheit und ich glaube, niemand kann so richtig abschätzen, was der 6.9.
Dann konkret für Sachsen-Anhalt bereithalten wird. Und ob man da nicht die Büchse der Pandora aufmacht und ob man sie vielleicht auch aufmachen sollte. Es gibt auch viele, die sind fatalistisch genug zu sagen, ja, dann machen wir es jetzt mal und dann gucken wir mal, ob es wirklich so schlimm ist, wie die anderen die ganze Zeit behaupten.
Ganz kurz eine Zwischenfrage, weil Sie gerade sagten von den linken Wählern, die sagten, hat uns nichts geholfen, jetzt versuchen wir es mit der AfD. Wobei suchten die denn Hilfe? Gehört zu werden, glaube ich. Es geht sehr viel um Wahrnehmung, sehr viel um das Platzieren der eigenen Probleme, der eigenen Perspektiven.
Nicht nur bundespolitisch, sondern auch im Land. Ich sage mal, Sachsen-Anhalt ist ja doch sehr lange jetzt CDU-basiert regiert worden und wir steigen eigentlich jetzt schon ziemlich tief ein. Es geht sehr viel um das Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Und wir befinden uns gerade in so einem Down-Turn. Also es geht gerade irgendwie bergab. Man hat eine negative Perspektive, was auch global bedingt ist, also nicht nur landespolitisch, nicht nur bundespolitisch.
Aber wir haben hier gerade eine sehr negative Zukunftsaussicht. Und in dieser, Diese Situation nach 35 Jahren, nach der Wiedervereinigung, fragt man sich, okay, wer hat es denn in den letzten Jahren geschafft, uns final irgendwie in eine gute Position zu bringen? Offenbar keiner. Wir haben die Linken gewählt, wir haben die CDU gewählt, die SPD hat auch mal was mitregiert.
Wer bleibt übrig? Die AfD. Also man testet sich so durch offenbar und hat bisher noch nichts Erfreuliches gewählt. Anders kann ich es mir nicht erklären, so diese Perspektive. Professor Lewandowski, wir wollen ja heute auch mal dieses Szenario einer Alleinregierung der AfD durchspielen. Wie wahrscheinlich halten Sie es dann, dass das wirklich so kommt?
Oder ist jetzt auf den letzten Metern des Wahlkampfs, sage ich mal, doch noch, steckt noch was drin und eventuell holt die CDU, der Hauptherausforderer mit dem Spitzenkandidaten Sven Schulze, doch noch auf? Das Entscheidende ist gar nicht unbedingt, ob die CDU aufholt, sondern ob es noch andere der kleineren Parteien ins Parlament schaffen.
Das betrifft die SPD, das betrifft vor allem die Grünen. Wenn das gelingt, wenn es also mehr Fraktionen im Parlament gibt, dann wird eine Alleinregierung der AfD unwahrscheinlicher. Und das ist, glaube ich, auch eine Dynamik, die wir gerade in dem Wahlkampf sehen. Auf der einen Seite durch die Kampagne Taktisch Wählen, die in den letzten Tagen aufgekommen ist, die genau dieses Szenario aufgreift und zum anderen sicherlich auch durch die Parteien selbst.
Und ich könnte mir vorstellen, dass etwa es den Grünen knapp gelingt, über die Fünf-Prozent-Hürde zu springen, ebenso wie der SPD. Und dann wäre die AfD-Alleinregierung verhindert. Und Ulrich Sigmund hat zuletzt ja auch nochmal betont, dass er allein regieren will, was bei. Dem Anspruch der AfD, der Reinheit ihrer Lehre nachzukommen, gar nicht so überraschend ist als strategisches Ziel.
Jetzt gibt es ja interessanterweise, weil Sie gerade von kommen die rein oder nicht reinkommen, sprechen, die Bestrebung die 5% Hürde abzusenken. Fand auch interessanterweise die SPD ganz gut. Da stellt sich ja zunächst mal die ganz große Frage, wo sind wir eigentlich hingekommen als stolze Volkspartei SPD, wenn man jetzt bangen muss die 5% Hürde, nicht reißen zu können oder am Ende doch lieber von 3% Hürde sprechen zu wollen, damit man noch irgendwie reinkommt.
Ist das so eine Verzweiflungssituation, die sich da breitmacht, auch bei den kleineren Parteien, eben weil es gerade eben aktuell so wichtig für die ist, aus mehreren Gründen, Sie haben ja einen gerade genannt, in den Landtag zu kommen? Also das ist eine Diskussion, die man aus einer demokratiepolitischen Sicht immer wieder führen kann.
Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob es richtig ist oder nicht, wenn drei Prozent, vier Prozent, zwei Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung nicht im Parlament vertreten sind. Die Niederlande gehen da generell einen ganz anderen Weg. Da hat man ein zerspittertes Parlament, aber auch eben stärkere Präsentation.
Nur kommt so eine Diskussion natürlich in so einer Lage ein Stück weit zu Unzeit, weil man solche taktischen Überlegungen den Parteien unterstellen muss praktisch schon und da nicht herauskommt. In einer entspannteren Situation könnte man auch mit aller Gelassenheit über so etwas sprechen, weil natürlich auch teilweise Gründe dafür sprechen.
Das Wahlverhalten wird volatiler, die Volksparteien binden nicht mehr so viele Wählerinnen und Wähler an sich. Also könnte man durchaus argumentieren, das muss im Parlament abgebildet werden, aber dann eben auch zum Preis einer noch schwereren Koalitionsbildung eventuell. Aber das lässt sich natürlich auch nicht entspannt diskutieren, wenn Sie so wollen, wenn wir jetzt gerade darüber sprechen, ob die AfD die Regierung stellt oder nicht.
Weil man da vielleicht ein bisschen durcheinander kommen könnte, wenn wir immer von dieser absoluten Mehrheit sprechen. Und ich habe ja gerade die Umfragewerte auch nochmal zitiert, AfD so bei 41, 42 Prozent. Aber um die absolute Mehrheit zu erreichen, könnte es eventuell auch mit 44 Prozent am Ende gelingen, weil wir da nicht mehr von der absoluten Mehrheit der Wählerstimmen sprechen, sondern von der absoluten Mehrheit der Sitze im Landtag.
Und wenn eben mehrere Parteien, kleinere Parteien nicht über diese 5%-Hürde kommen, dann werden die Stimmen bei der Verteilung der Sitze nicht berücksichtigt. Dadurch könnte die AfD auch mit weniger als 50% der Wählerstimmen trotzdem die Mehrheit der Sitze im Parlament bekommen. Also je mehr Parteien über diese 5%-Hürde kommen, desto geringer sind die Chancen der AfD auf eine Alleinregierung.
Und Sie haben auch diese Initiative angesprochen, die ist mir auch begegnet oder auch einzelne Menschen, die dazu aufrufen, wählt taktisch, wählt die kleinen Parteien, um diese AfD-Alleinregierung zu verhindern. Ist das nicht auch eine riskante Strategie? Ja gut, kommt drauf an für wen, aber es ist natürlich schon so, dass das ein bisschen diffundiert.
Also es könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass vielleicht auch das BSW gestärkt wird, dass wenn es in den Landtag einzieht, sich enthalten würde im dritten Wahlgang. Das würde dann bedeuten, dass ein Ministerpräsident Ulrich Siegmund mit einer Minderheitsregierung allein mit der AfD regieren könnte.
Es könnte sein, dass manche vielleicht diesen Aufruf so verstehen, dass sie Parteien wählen, die möglichst weit weg von der 5%-Hürde sind. Also sagen wir kleinere Parteien wie Volt oder die FDP. Und das würde dann dazu führen, dass diese Stimmen für die anderen, die es vielleicht knapp schaffen könnten, verloren gehen.
Also im Grunde genommen ist das jetzt eigentlich eine Situation, wo Wählerinnen und Wähler sich eigentlich genau informieren müssen, wie dieser Mechanismus, von Wählerstimme zur Sitzverteilung funktioniert und dann ganz genau überlegen müssen. Was sie eigentlich wollen. Jetzt ist es ja an sich nichts Neues, dass auch eine Partei in einem Bundesland alleine regiert, siehe die CSU in Bayern.
Bei der AfD geht es aber um eine vom Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei, die auch noch nie beteiligt war in einer Landesregierung. Ich habe mir nochmal die Begründung angeschaut vom Verfassungsschutz des Landes. Die AfD verstöße gegen den Artikel 1 des Grundgesetzes, weil sie Menschengruppen abwehrte und sei staats- und demokratiefeindlich, weil sie die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in ihrer derzeitigen Form anstrebe.
Herr Prinz, werfen wir mal einen Blick zusammen ins Wahlprogramm dieser Partei, einer solchen Partei. Gibt es da etwas, bei dem Ihre Alarmglocken geläutet haben? Also grundsätzlich muss man sagen, so ein Wahlprogramm ist sehr viel Wunschkonzert. Auch bei der AfD steht da viel drin, was am Ende sich höchstwahrscheinlich nicht bewahrheiten wird. Also gerade wenn es um Einsparung geht, da wird ja viel über Einsparung im Integrationsbereich gesprochen.
Und viele von den Dingen, die dort gefordert werden, sind auch auf landespolitischer Ebene gar nicht umsetzbar. Allerdings gibt es einige Punkte, die tatsächlich angestoßen werden könnten. Und besonders im Bereich Bildung könnte das wirklich sehr, ich sag mal, tiefgreifende Konsequenzen haben für Sachsen-Anhalt.
Beispielsweise, dass die Schulpflicht abgeschafft werden könnte. Also man könnte die Kinder dann zu Hause unterrichten. Das ist etwas, das noch nicht so richtig funktioniert. Was das für Konsequenzen für die Schullaufbahn der Kinder auch im gesamtdeutschen Kontext so eine Konsequenz haben könnte. Man möchte mehr oder weniger die Inklusion abschaffen.
Und da haben wir dann schon wieder diese Anleihen an Menschen werden nicht gleichwertig behandelt von dieser Partei. Dass man sozusagen wieder eine. Zweiklassenschulgesellschaft einrichten möchte. Dass es eben die guten Schüler und die anderen gibt, die man dann lieber auf andere Schulen wieder abschiebt.
Man möchte aus Bologna aussteigen, dementsprechend wieder die eigenen Berufsabschlüsse an Universitäten einführen. Also ein Sonderweg für Sachsen-Anhalts Bildungspolitik und dadurch natürlich auch Einfluss nehmen auf die Zukunft, die künftige Generation. Und das finde ich doch schon sehr bedenklich in seiner Ausformung und vor allen Dingen in seiner Allumfassendheit.
Und da gehen bei mir auf jeden Fall die Alarmglocken an. Was hätte denn das konkret zu bedeuten jetzt? Ich stelle mir jetzt gerade vor, ich bin Lehrer oder ich bin Schuldirektor in Sachsen-Anhalt oder vielleicht auch Leiterin eines Museums in Sachsen-Anhalt, die bestimmte politische Ausstellungen plant.
Was hätte das konkret für Folgen? Auf was muss ich mich einstellen? Naja, diese Folgen und diese Auswirkungen sind jetzt schon spürbar. Da ist sehr viel politischer Druck da. Es werden jetzt schon. Durch diesen Druck Förderprogramme eingestellt, überdacht. Lehrer werden durch Hetzkampagnen im Netz und tatsächlich auch real vor Ort dazu gezwungen, ihren Unterricht zu überdenken.
Der Beutelsbacher Konsens sagt ja nicht, dass Lehrer komplett neutral sein müssen. Also Lehrer haben durchaus die Möglichkeit, ihre Haltung auch auszudrücken. Sie dürfen nur ihre Schüler nicht einseitig manipulativ in eine politische Richtung bewegen. Und die AfD hat es in den letzten Monaten sehr gut hinbekommen, so darzustellen, als ob Lehrer, die nicht auf ihrer Seite stünden, konkret gegen sie agitieren würden.
Und das würde natürlich, sobald das Bildungsministerium in Hand der AfD wäre, das könnte durchaus dann auch Konsequenzen für Lehrerinnen und Lehrer haben. Das sind natürlich jetzt alles Mutmaßungen, muss man an dieser Stelle sagen. Wir können natürlich nicht wissen, was das konkret für Konsequenzen hat.
Aber diese Befeuchtung besteht. Es ist interessant, was Sie sagen, dass das jetzt bereits Folgen hat. Also weit vor der Wahl. Helfen Sie uns noch ganz kurz Beutelsbacher Konsens? Was ist das? Das ist im Grunde eine Grundlage, auf die man sich als... Ja, als... Lehrer verpflichtet, dass man sich dem sozusagen an diesen Konsens hält, der definiert oder verhindert sozusagen, dass man seine Schutzbefohlenen, die ja die Schüler in dem Moment sind, dass man die mit seiner eigenen persönlichen Position beeinflusst für ihren eigenen Lebensweg.
Und da ist auch strikt darauf zu achten, wird aber gerne eben öffentlich uminterpretiert, dass es bedeuten sollte, dass der Lehrer gar keine Haltung haben und zeigen darf, dem ist nicht so. Also natürlich hat man bei einem Wahlprogramm, wie Sie es auch gesagt haben, weiß man nie, mit hundertprozentiger Sicherheit, was am Ende davon umgesetzt wird, aber auch auf der anderen Seite spürt man jetzt schon Auswirkungen, spüren viele Menschen Druck.
Ich frage mich noch, wenn wir jetzt von den Auswirkungen in Sachsen-Anhalt absehen, beispielsweise auf die Bildungspolitik, auf Integration, Kulturförderung, Verwaltung und so weiter, könnte denn eine Alleinregierung in Sachsen-Anhalt der AfD auch... Folgen für die Bundespolitik haben? Also beispielsweise Bundesgesetze blockieren, Herr Lewandowski?
Also eine Landesregierung Sachsen-Anhalt, die im Bundesrat vertreten wäre, könnte nicht im Alleingang Bundesgesetze blockieren. Sondern es wäre eher so, dass dann bei der parteipolitischen Zusammensetzung mit Blick auf die Regierung und die Opposition im Bundesrat es für die Bundesregierung noch etwas schwerer würde, weil ihre bis jetzt bei ungefähr einem Drittel liegender Anteil im Bundesrat an SPD- bzw.
CDU-geführten Ländern noch geringer würde. Das heißt, erstmal würde sich aber nichts verändern mit Blick auf die Frage, ob so eine Partei oder so eine Landesregierung einfach allein Dinge blockieren könnte. Auch bei Beschlüssen, die eine Zweidrittelmehrheit benötigen, etwa Verfassungsänderungen, ist der Spielraum da gering.
Aber sie wäre natürlich trotzdem an Verhandlungen beteiligt und sie könnte natürlich je nachdem, wie uneins die Bundesregierung ist oder wie uneins die Parteien, im Bundesrat in Gestalt der jeweiligen Regierungen sind, könnte sie Zünglein an der Ware bei schwierigen Mehrheitsverhältnissen sein. Das lässt sich aber nicht voraussehen.
Es kommt natürlich ein Stück weit hinzu, dass die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrates ohnehin stark ausdifferenziert ist und die Bundesregierung, also die Koalition aus CDU, CSU und SPD, bei vielen Dingen ohnehin sehr streitgeneigt ist. Und das würde zumindest nicht einfacher, aber unmittelbar zu sagen, jetzt ist die AfD im Bundesrat sehr mächtig, das sehe ich realistischerweise erstmal nicht.
Aber sie wäre natürlich Teil von Gremien plötzlich und das ist ja auch in der Diskussion jetzt bereits, also Innenministerkonferenz etwa, bei dem es auch um. Dinge der Sicherheit Deutschlands geht, bis hin zu Geheimnissen im Verteidigungsbereich zum Beispiel. Wie problematisch sehen Sie das, wenn die AfD da mit drin sitzt oder ein Vertreter der AfD dann mit am Tisch sitzt?
Na gut, das ist ja vor allem der Informationsaustausch zwischen den Landes- und Bundesbehörden, der da betroffen ist. Das heißt, eine AfD-geführte Regierung säße da nicht nur mit am Tisch, sondern sie würde eben auch entsprechende Informationen erhalten. Und in der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit kann es sich eben auch um Fragen der bedrohten Sicherheitslage Deutschlands handeln, etwa mit Blick auf Russland.
Und da vertritt die AfD andere Interessen, als es Konsens ist innerhalb der Bundesrepublik. Die würde sie da einerseits einspeisen, auf der anderen Seite würden natürlich auch Informationen abfließen. Und in welche Richtung das und wie weit das dann geht, ist eine andere Frage. Aber die AfD säße dann mit am Tisch und wäre an diesem Informationsaustausch beteiligt, das ist klar.
Sie sagen es jetzt, es gibt ja den Vorwurf, dass dann quasi, also hört man zumindest in der Kritik immer wieder, Russland mit am Tisch sitzen könnte. Lässt sich das in irgendeiner Form verhindern? Also wenn irgendeine Landesregierung entscheidet, über irgendwelche Kanäle irgendwelche Informationen weiterzugeben, lässt sich das generell nicht verhindern.
Und wenn eine Partei Russland nahe steht und daran ein Interesse hat, dann kann sie das generell machen, ja. Man kann, weil wir ja auch noch die Frage stellen wollen, warum so viele Menschen diese Partei, diese als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei wählen möchten, man kann nicht mehr sagen, dass die AfD, ein ausschließlich ostdeutsches Phänomen ist. Dazu gibt es auch im Westen viel zu viele AfD-Hochburgen. Jetzt erst zuletzt bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz hat ein Rekordergebnis von fast 20 Prozent eingefahren.
Aber in Ostdeutschland erreicht die AfD im Schnitt doppelt so viele Stimmen wie im Westen. Bei der letzten Bundestagswahl wurde die AfD in allen fünf ostdeutschen Bundesländern stärkste Kraft. Wir wollen versuchen zu verstehen, warum das so ist. Und dabei ist wichtig zu sagen, es gibt nicht den einen AfD-Wähler.
Die Partei wird von verschiedenen sozialen Gruppen gewählt, aber es gibt ein paar Gemeinsamkeiten und die hat sich Gundula Gause mal für uns angeschaut. Die AfD hat bei der Bundestagswahl 2025 im Osten rund doppelt so viele Stimmen bekommen wie im Westen. Dabei wird die Partei in Ostdeutschland eher in ländlichen Regionen gewählt.
Dort spielen Themen wie Abwanderung und wirtschaftliche Unzufriedenheit eine große Rolle. Blickt man darauf, wer die AfD bei der Bundestagswahl 2025 gewählt hat und warum, fallen zwei Aspekte besonders auf. Zum einen ist die AfD in der Wählergruppe der 35- bis 59-Jährigen am erfolgreichsten. Diese Gruppe sieht sich vor allem mit Abstiegs- und Zukunftsängsten konfrontiert.
Bei der jüngsten Wahlgruppe, den Wählern unter 25 Jahren, erfährt die AfD 19 Prozent Zustimmung. Zum anderen zeigt sich hier ein ganz anderer Trend, der vor allem die AfD, aber auch die Linke betrifft. Hier ist der sogenannte Modern Gender Gap besonders deutlich, also das Auseinanderdriften von männlicher und weiblicher Wählerschaft.
Dieser Gender Gap tritt in fast allen Altersgruppen auf, besonders deutlich aber bei den jungen Wählern. Demnach haben junge Frauen unter 25 Jahren deutlich häufiger links gewählt, junge Männer im gleichen Alter dagegen deutlich häufiger die AfD. Es gibt da also diesen großen Unterschied zwischen jungen Frauen, die eher links wählen und jungen Männern, die eher rechts bis rechts extrem wählen.
Herr Prinz, wie erklären Sie sich das? Warum ist die AfD bei jungen Männern so beliebt? Ich glaube, ganz so grob kann man das nicht sagen. Ich würde es ein bisschen breiter aufstellen. Also es geht vor allen Dingen bei der AfD hier in Ostdeutschland um Revanchismus, würde ich sagen, um Aufholen von verpassten Chancen, um es jemandem zu beweisen.
In vielen anderen westlichen Staaten ist es auch so, dass gerade populistische Parteien gewählt werden aus einem stärkeren Impuls, den Gegner zu beschädigen, als sich selbst etwas Gutes zu tun. Also es geht wirklich darum, jemanden, den man vermeintlich als den Feind darstellt, abzustrafen. Auch dieser Gender-Gap ist in eigentlich allen westlichen Demokratien so zu sehen. Also es ist auch kein ostdeutsches Thema.
Ich glaube, was ein ganz großes Problem hier in Ostdeutschland ist, dass vor allen Dingen sehr viele gut ausgebildete Frauen einfach auch nach wie vor vor allen Dingen die ländlichen Regionen verlassen. Wir sehen in vielen Gebieten einen sehr krassen Männerüberschuss. Das klingt jetzt alles ein bisschen technisch, aber am Ende hat das natürlich einen starken Einfluss auf das Leben vor Ort, wie man seine Zukunftsperspektive, Familiengestaltung etc. wahrnimmt.
Und diese Männer, die fühlen sich dann eben zurückgelassen und wollen um sich schlagen. Die Fackel an das politische Berlin halten oder Magdeburg. Ja, nirgendwo sonst in Deutschland ist der Überschuss an jungen Männern so groß wie in Sachsen-Anhalt. Es fehlen junge Frauen, aber das kann ja auch nicht der Grund sein.
Die Frauen fehlen, also wählen wir AfD. Tja, also ich denke schon, dass das für viele tatsächlich eine ziemlich eindringliche Lebensverschlechterung darstellt, sich allein zurückgelassen auf dem Land zu fühlen. Gerade bei dieser Alterskohorte, um die es geht. Also irgendwie was zwischen Ende 40, Anfang 60.
Das ist auch die Generation, die von diesem Epochenbruch des Umschwungs von DDR zu BRD besonders in Turbulenzen geraten ist. Man ist irgendwie aufgewachsen in dem einen System, musste dann umlernen auf das andere System. Ein Drittel der eigenen Generation ist abgewandert. Man hat sozusagen seine Familie und Freunde verloren, die dann weggegangen sind.
Ich bitte darum zu entschuldigen, dass das Bild gerade ausgefallen ist. So, jetzt bin ich wieder da. Genau, also das sind die, die sehr viel Verlust, erleben mussten in der Vergangenheit und auch Angst davor haben, dass dieser Verlust fortschreitet und die wissen, wie diese Räume aussahen, bevor dieser Verlust an Gleichaltrigen stattfand.
Die Lebendigkeit von ländlichen Räumen beispielsweise und Sachsen-Anhalt ist ein sehr stark ländlicher Raum, das darf man auch nicht vergessen. Wir haben irgendwie Halle und Magdeburg als große Stadtzentren, sage ich mal, aber der Rest ist wirklich sehr, sehr ländlich geprägt. Und auch der ländliche Raum ist konkret eher konservativ, hat eher ein traditionelles Familienbild und dementsprechend auch andere Werte als eine großstädtische Gesellschaft, die dann auch das Wahlverhalten verändert.
Also ich kann das verstehen, dass man sich zurückgelassen fühlt, wenn man plötzlich merkt, die Frauen sind weg und man lebt dann noch alleine und dann nicht mehr viel los ist, auch auf dem lokalen Marktplatz in seinem Dorf. Was Sie aber gerade gesagt haben, Herr Prinz, da würde ich gerne nochmal nachhaken.
Sie haben gesagt, es geht jetzt bei der Wahlentscheidung diesen Menschen dann. Eher darum, verpasste Chancen aufzuholen, es jemandem zu beweisen und andere abzustrafen. Da stellt sich mir mal die ganz grundsätzliche Frage, was hat man denn davon? Was bringt es denn einem, wenn man andere abstraft mit seiner Wahlentscheidung?
Davon wird ja für einen selbst nichts besser. Herr Sievers, das ist irrational. Das ist natürlich ein Bauchthema. Es geht um das Gefühl, irgendwie geht es bergab. Wir müssen uns irgendwie verteidigen. Wir sind zurückgelassen. Das hat mit der Globalisierung zu tun, mit dem Wegbrechen von Chancen in der Chemieindustrie, die für Sachsen-Anhalt, vor allem das südliche Sachsen-Anhalt extrem wichtig ist.
Da sind so viele sich überlagernde Zusammenhänge, die dann darauf einwirken, dass man sagt, so jetzt reicht es, ich muss jetzt irgendetwas dagegen tun. Und das führt, natürlich führt das zu nichts, aber man darf den Menschen nicht absprechen, dass es etwas gibt, was dieses Gefühl erzeugt. Es gibt diese wirtschaftliche Schieflage und es gibt die fehlende Krisenresilienz in Ostdeutschland, besonders durch die Vermögensungleichheit.
Also wir haben in Sachsen-Anhalt ja sehr viel geringere Vermögen und auch Erbschaftschancen, als im Rest Deutschlands. Und deswegen fühlen wir hier sehr viel schneller, wenn eine Krise uns betrifft, die starke Inflation, Corona, das alles drängt sozusagen auf die Leute nach wie vor ein. Und das ist sozusagen die Art Panikreaktion. Wir haben im Wahlverhalten der letzten Jahrzehnte auch immer wieder dieses Auf und Ab gesehen.
Anfang der 2000er beispielsweise, da gab es einen starken Trend zu Parteien wie der NPD beispielsweise und das hing damit zusammen, dass, der starke Start in die BRD mit Investitionen, mit dem Ausbau von beispielsweise Eigenheimen, dass dieser erste starke Start. Zu einem Ende kam. Man hat gemerkt, okay, diese blühenden Landschaften, die uns versprochen wurden, die treffen nicht ein.
Und dementsprechend hat sich auch die politische Lage verändert. Aber interessant. Ich verstehe, dass es viel volatiler ist in Ostdeutschland, die Wahlentscheidung und so langfristige Überzeugungen, die vielleicht in Westdeutschland sich entwickelt haben, wo man immer dieselbe Partei wählt. Diese Parteibindung ist auch nicht da. Genau, die Parteibindung nicht so stark ist.
Und trotzdem, was Sie sagen, ist ja total spannend. Weil wenn es wirklich so ist, wie Sie sagen, dass ein Gutteil einfach aus einem, möglicherweise durch rationale Effekte geborenen, aber am Ende doch Bauchgefühl entsteht, dann kann man ja auch als Politik kaum noch was dagegen machen. Weil was bringt das denn zu sagen, Leute, ich habe hier Programm X gestartet, Programm Y gestartet, wenn die Leute aus einem Bauchgefühl heraus sagen, nee, jetzt reicht's, ich mach mal was ganz anderes.
Gegen das Bauchgefühl ist doch mit tatsächlicher Politik kaum noch anzukommen, oder? Deswegen würde ich sagen, wir können akut jetzt nicht schnell irgendwas verändern. Das ist ein Vertrauensvorschuss, den diese Partei, die sich ja auch noch nie beweisen musste, jetzt bekommen hat, weil sie sich noch nie beweisen musste, weil sie ja alles behaupten kann, was sie möchte und sich dann jetzt sozusagen, diesen Vorsprung gönnen kann.
Und die Führungsschwäche, möchte ich sagen, der aktuellen kompetitiv irgendwie noch in Frage kommenden Parteien spielt da natürlich auch eine Rolle. Ich habe als Jugendlicher im südlichen Sachsen-Anhalt nie einen Politiker gesehen. In den 2000er und 2010ern hat das gar keine Rolle gespielt, Politik bei uns.
Und dann kam die AfD, die sind sehr schnell in die ländlichen Räumereien, haben da ihre Lokalgruppen gegründet, und sind dadurch überhaupt zu dem Gesicht von Politik, von irgendetwas, was man selber machen kann, wenn man sich sonst abgehängt fühlt, zu dem geworden. Und natürlich ist das nicht unbedingt alles rational, das ist völlig klar.
Und hier auch nochmal die Frage an den Politikwissenschaftler, Professor Lewandowski, wie hoch ist denn der Preis, den man bereit ist. Da zu bezahlen, auch von Menschen, die die AfD wählen in Ostdeutschland oder wählen wollen, die sich zurückgelassen fühlen, die sich frustriert fühlen, die sich alleine fühlen, die anderen etwas auswischen sollen.
Wollen diese Menschen einen Politikwechsel oder steckt dahinter wirklich auch der Wunsch nach einem tieferen Systemwechsel? Ich glaube, man muss sich zunächst einmal vor Augen führen, dass Menschen, die die AfD wählen, zum großen Teil sagen würden, sie haben den Preis schon bezahlt. Schlimmer kann es gar nicht werden.
Was meine ich damit? Ich meine damit, dass Menschen, die die AfD wählen, zu großen Teilen glauben, dass sie nicht mehr in einer Demokratie leben. Sie glauben, dass sie in verschiedener Hinsicht in einem, wie auch immer, gearteten, nicht demokratischen System leben. Einerseits, weil sie nicht repräsentiert werden, also dass Menschen wie sie in der Politik nicht repräsentiert sind.
Ein Stück weit ist das übrigens auch richtig. Es gibt eine starke soziale Verzerrung in der Politik hin zur akademisch, weiß, männlich, juristisch. Es gibt einen bestimmten Sprech in der Politik und der holt einfach auch tatsächlich. Viele Menschen nicht ab, was auch daran liegt, dass bestimmte Milieus stärker in der Politik repräsentiert sind als andere.
Und das hat übrigens auch Auswirkungen auf die Politik-Tätigkeit. Wir wissen, dass etwa die politischen Entscheidungen stark sozial verzerrt sind, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Und das, was wir gerade sehen in Form des Populismus, auch des rechten Populismus, ist eine Auswirkung dessen.
Das andere ist, dass es ein ganz tiefes Misstrauen in die Politik gibt, insbesondere in das, was, gerne politisches Establishment genannt wird, also die etablierte Politik und Parteien. Und Menschen... Die die AfD unterstützen. Übrigens auch oftmals diejenigen, wie das BSW unterstützen. Das ist eine große Gemeinsamkeit.
Da können wir etwas Interessantes feststellen. Ein gewisser Teil von denen ist tatsächlich auch autoritär eingestellt, will eine starke Führungspersönlichkeit, die über alles schnell entscheiden kann und lehnt auch die Demokratie ab. Das gibt es ja. Aber was es auch gibt, ist, dass die auf der einen Seite sagen, ich bin für Demokratie.
Die haben ein bestimmtes Verständnis von Demokratie, wo dann die Mehrheit auch entscheidet und so weiter. Das ist dann kein sehr liberales Verständnis, aber durchaus diese Selbstbeschreibung, ich bin Demokratin, Demokrat. Aber alle anderen, der politische Mainstream, die sind es nicht. Und die AfD stellt sich dann sozusagen dar als die einzige Partei, die die Demokratie wiederherstellen kann. Das ist etwas, das man nicht unterschätzen darf.
Nicht umsonst haben die fünf ostdeutschen Fraktionen der AfD Anfang des Jahres eine Resolution herausgegeben zur Rettung der Demokratie. Das resoniert mit diesem Grundgefühl, dass es in weiten Teilen ihrer Wählerschaft gibt. Und deshalb verfängt es auch nicht unbedingt, wenn man sagt, wie schädlich beispielsweise die AfD ökonomisch wäre, weil das Selbstgefühl und teilweise aber auch die Erfahrung vieler Menschen, die die AfD wählen, ist, ich werde doch sowieso nicht gehört und mir wird sowieso nichts mehr gegeben, dann kann ich auch eine Partei wählen, die aufräumt, denn diesen Vorteil hat sie mindestens.
Jetzt ist es, ich würde gerne mal so eine persönliche Beobachtung reinbringen und sagen Sie mir, ob das totaler Quatsch ist. Man fährt nach Ostdeutschland, nach Sachsen-Anhalt, wir bleiben in Sachsen-Anhalt. Wunderschöne Stadt, Halle, wo Sie geboren sind und jetzt leben, wie ich gerade gehört habe, Herr Prinz.
Wirklich eine traumhaft schöne Stadt, in der auch echt viel los ist. Oder Naumburg, auch eine Perle geradezu. Unfassbare Altstadt, fantastischer Dom, Wein. Also man hat eigentlich alles, was man braucht. Selbst auf den kleineren Örtchen perfekt restaurierte Marktplätze, auf denen zugegebenermaßen nicht besonders viel los ist.
Und dazu aber auch verglichen mit dem Westen dieses Landes wirklich noch intakte Straßen, Autobahnen, Telefonleitungen, Handynetze. Wenn man die Leute fragt, sagen sie, ja okay, aber wir sind unzufrieden, weil. Und dann kommt vieles von dem, was wir schon besprochen haben. Dasselbe jetzt in Polen, Rumänien, Litauen, der Tschechischen Republik.
Selber Marktplatz, neu rausgeputzt. Man redet mit den Menschen und die sagen, ja, das haben wir geschafft. Da sind wir total stolz drauf. Das hat sich wirklich verändert und wir sind sehr glücklich, dass wir das hinbekommen haben. Ist das nur so eine Beobachtung, die am Ende keine richtige Basis hat oder würden Sie sagen, da ist was dran, dass einfach auch so ein bisschen Stolz auf Erreichtes, auf Selbsterreichtes fehlt?
Das passt ganz gut, Herr Prinz. Sie haben ja ein Buch über den sogenannten Oststolz geschrieben. Er ist natürlich eine absolute Steilvorlage jetzt zu meinem Buch, muss ich sagen. Mir ist tatsächlich sehr wichtig, dass wir uns umschauen, diesen Blick nach hinten wagen und ansehen, was eben geleistet wurde im Vergleich zu der Situation, in der wir in den 90ern gesteckt haben.
Und das versuche ich auch den Menschen um mich herum, denen das nochmal zu vergegenwärtigen. Ich bin so vielen begegnet, die auch nach der Wende gesagt haben, wir bleiben hier, wir investieren in unser Land, wir wollen, dass daraus was wird und die sind einfach gerade extrem frustriert, weil die Perspektive negativ ist.
Was man aber dazu noch sagen muss, das muss ich jetzt an der Stelle leider auch noch sagen, diese schön restaurierten und schick gemachten Innenstädte, die gehören natürlich auch vor allen Dingen westdeutschen oder ausländischen Investoren. Also es ist jetzt nicht so, dass... Ja, aber ist das das Problem, dass man sagt, das sind gar nicht unsere Innenstädte, sondern das sind eure Innenstädte quasi? Ist das das Problem?
Oder liegt es daran, dass es mit Transferleistungen erwirtschaftet wurde und man eben nicht sagt, das haben wir selber geschafft? Oder erklären Sie uns das? Ich glaube, das ist ein Teil, der unterschwellig mitschwingt und dann sind diese Räume natürlich auch sehr leer, wie Sie gerade gesagt haben, weil die Gemeinschaft vielerorts mittlerweile fehlt.
Und ein Raum, in dem Gemeinschaft fehlt, der wird natürlich auch trist, leblos und kreativ. Brütet dann die Frustration. Und Naumburg ist total schön, wenn man sich das als Tourist anschaut, aber wenn man als Mensch in Naumburg lebt, dann fällt einem auch auf, dass dort Arbeitslosigkeit eine Rolle spielt, dass dort Vereinsamung eine ganz große Rolle spielt, dass da auch fehlende Perspektiven eine Rolle spielt, wenn man nicht beispielsweise im Amtsgericht, glaube ich, ist es da oder im Krankenhaus arbeitet. Wo sind die Arbeitsplätze?
Wo kann ich sozusagen als normaler, nicht akademischer Mensch da meine Zukunft aufbauen? Aber exakt, Herr Prinz, die selben Probleme gibt es ja auch im Westen Deutschlands. Sie gibt es in Gegenden von NRW, wo die Perspektive fehlt, wo die Arbeitsplätze fehlen. Und dazu kommt auch noch, es gibt keinen einzigen hübschen Marktplatz. Exaktamente.
Das ist genau mein Buch im Grunde. Ich habe das zweiteilig aufgebaut. Das eine ist, wir schauen uns an, was ist wie in Ostdeutschland und der andere Teil ist, ja, aber ist das denn überhaupt ein ostdeutsches Problem? Wenn wir ins Saarland gucken, wenn wir in die Oberpfalz gucken, wenn wir eben Rheinland-Pfalz, ich war gerade im Sauerland, wenn wir uns das Sauerland anschauen.
Altena hat beispielsweise seit den letzten 50 Jahren die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Auch da gibt es unfassbare Angst davor, was die Zukunft bringt und inwieweit sich eine solche Kommune überhaupt noch über Wasser halten kann. Im Zweifel gar nicht. Und das ist eigentlich das Relevante. Wir schauen immer auf Ostdeutschland und sagen, das da ist ein ostdeutsches Problem.
Aber es ist eigentlich ein Problem eines strukturschwachen ländlichen Raumes, der beispielsweise durch Prozesse der Globalisierung seine Zukunftsfähigkeit verloren hat, wo investiert werden müsste, wo neue Zukunftsperspektiven entwickelt werden müssten. Man kann nicht nur sagen, ach guck mal, das ist schön.
Ja, du kannst da hinfahren und sagen, es ist schön, dann fährst du weg. Aber die Leute, die dort wohnen, brauchen ja auch etwas, womit sie sich ihren ganzen Alltag lang finanzieren und beschäftigen können. Also deswegen, wir haben ein gesamtdeutsches Problem im ländlichen Raum und das müssten wir stärker adressieren, als immer wieder das Ostthema hochzuhalten.
Es ist wichtig, dass wir das hochhalten. Und deswegen sage ich auch, Krisenresilienz ist relevant. Ich komme gleich zum Schluss. Krisenresilienz ist relevant. Wir haben gesehen statistisch, eine Wahlperiode liegt zwischen den Ergebnissen für die AfD im Osten und den Ergebnissen der AfD in westlich vergleichbaren Räumen, weil dort eben noch Vermögen existieren, die aber auch in Zeiten der Krise aufgebraucht werden.
Und deswegen sind selbe Probleme, die in ostdeutschen ländlichen Regionen besprochen werden, werden jetzt in Baden-Württemberg beispielsweise besprochen, wo die Automobilzulieferer gerade die Hufe hochmachen. Und dementsprechend, wir müssen unseren Blick weiten. Vielleicht können wir diese Landtagswahl als Anlass dafür nehmen.
Mir ist auch in dem Zusammenhang noch ein Kommentar aufgefallen. Unter einem ihrer Videos, Herr Prinz, da hat ein User kommentiert und sich auch. Kritisch geäußert, man würde in den überregionalen Medien nichts über positive Entwicklungen auch aus Ostdeutschland mitbekommen. Und dann habe ich da nochmal geschaut. Es gibt nicht nur Martin Luther in Sachsen-Anhalt, sondern tolle Weine, die älteste bis heute produzierende Schokoladenfabrik Deutschlands.
Es ist das Bundesland mit der höchsten Dichte an UNESCO-Welterbestätten. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt forscht an klimaneutralen Treibstoffen für Luftverkehr. In Sachsen-Anhalt soll die größte Forschungsanlage der Welt für strombasierte Kraftstoffe entstehen. Außerdem ein Bauboom, jetzt angefeuert durch das Sondervermögen für Infrastruktur, das besonders schnell auch durch die Landesregierung auf die Straße gebracht werden wollte, dieses Geld.
Also das sind Dinge, die tatsächlich auch passieren und von denen so zumindest die Vermutung einiger oder der Eindruck einiger zu wenig gesprochen wird. Das kann ich so nur unterstreichen und ich hoffe, dass es den Menschen hier im Land, also den normalen Durchschnittsmenschen auch zugutekommt, was hier an Zukunftsprojekten und Entwicklungen herkommen soll, beziehungsweise wie sich das hier weiterentwickelt.
Mein Appell ist, hier zu bleiben. Es ist wunderschön hier und ich würde mir so wünschen, dass mehr Menschen sich mit Sachsen-Anhalt im Speziellen beschäftigen würden, aber eben die politischen Aussichten helfen da jetzt nicht besonders. Wir hatten beispielsweise ja schon eine Phase, wo wir auch einen größeren Zuzug wieder oder beziehungsweise Rückzug in den Osten erlebt haben.
Dieser Trend hat sich, ich sage mal, abgeflacht. Und ich hoffe, dass die Außenwahrnehmung Ostdeutschlands und speziell Sachsen-Anhalts irgendwie nochmal besser wird. Und ich kämpfe dafür. Aber ich nehme mal was mit, was Sie gerade gesagt haben. Und das ist vielleicht auch mal Thema für einen weiteren Podcast. Denn das ist ein bisschen mein Thema, ehrlich gesagt, mein Grundthema, das ich seit Jahren habe.
Und das ist gesamtdeutsch. Das spielt überall in Deutschland. Das ist das, was Sie vorhin gesagt haben, dass uns was verloren geht. Und zwar, wir brauchen nicht noch weitere sanierte Marktplätze. Die sind schön, aber wenn da nichts los ist, helfen sie auch nicht weiter. Was wir brauchen, ist wieder neue Gemeinschaft. Wir brauchen wieder ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Wir brauchen etwas zu tun. Wir brauchen Erlebnisse, die Menschen miteinander haben.
Das gab es eine lange Zeit mal auf dem Dorf, wenn Kirchweih war und dann das einzige Wirtshaus Party gemacht hat. Oder es gab sogar im kleinen Dorf mehrere Wirtshäuser. Auch das gibt es in Bayern ja mittlerweile an vielen Orten nicht mehr. Auch da stirbt ja was weg. Ich glaube, wir können manchmal viel lernen von Gegenden in Südeuropa, also in Italien, in Griechenland zum Beispiel, wo sie sich immer noch bewahrt haben.
So eine Gemeinschaft einfach. Es fängt in der Familie an, geht über das Dorf hinaus und das hat viel auch zu tun mit einem Einzelhandel, der vor Ort noch vorhanden ist, mit Ärzten, die es vor Ort noch gibt, mit der Möglichkeit. Etwas vor Ort zu erleben und zwar bis hin ins kleinste Nest. Und ich glaube, das ist essentiell, weil sonst verlieren wir etwas in diesem Land und zwar weit über die Landesgrenzen von Sachsen-Anhalt hinaus, was wir nicht verlieren sollten und was uns allen gemeinsam am Ende total fehlen wird. Und das spüren wir, glaube ich, jetzt schon.
Und zwar, wie gesagt, überall in diesem Land. Das ist so ein bisschen das, worüber vielleicht wir generell mal noch viel stärker reden müssten, als wir das jetzt aktuell schon tun. Das wird passieren, kann ich mir vorstellen und, wir werden natürlich auch die Wahl in knapp einem Monat aufmerksam, beobachten und an der Stelle möchte ich erstmal Danke aber für heute sagen an den Politikwissenschaftler Professor Marcel Lewandowski von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Vielen Dank. Schön, dass das geklappt hat. Und auch danke an Alexander Prinz, Content Creator oder auch bekannt als der dunkle Parabelritter. Vielen Dank. Dankeschön. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann freuen wir uns sehr über eine positive Bewertung oder Feedback, Anmerkungen entweder als Kommentar oder an heutischneuminospodcast.zdf.de.
Helene, darf ich noch eine kurze Frage stellen? Ja, bitte. Ganz kurz vor. Ich weiß sowieso schon, was kommt. Wo ist unser zweites Thema geblieben eigentlich? Ich vermisse das so ein bisschen. Hast du das jetzt so langsam, läuft das so aus, unser zweites Thema oder verschluderst du das absichtlich? Nein, es können ja gerne auch nochmal die Leute, die zuhören, Bezug nehmen, sagen, ob sie sich in jeder Folge ein zweites Thema hier wünschen würden.
Wir haben oft den Eindruck, dass tatsächlich das erste Thema, über das wir sprechen, schon sehr komplex ist auch jetzt. Du wirst gar nicht wissen, wie viele Sachen ich mir hier eigentlich noch aufgeschrieben hatte, über was ich gerne gesprochen hätte. Ich weiß. Da haben wir jetzt gar nicht die Zeit zu gehabt. Umso wichtiger ist es, ein zweites Thema zu haben, das weniger komplex ist und einem ein bisschen das Herz öffnet.
Na oder wir machen mal eine Stunde Podcast. Wir versuchen ja immer so bei einer halben Stunde zu bleiben oder zwei Stunden oder drei Stunden, aber irgendwann muss man ja mal zum Ende kommen. Okay Helene, ich wollte eigentlich auch nur ganz kurz festhalten, du weißt, ich bin großer Fan des zweiten Themas, nur damit es nicht verloren geht an dieser Stelle. Sorry fürs Reingrätschen. Ist angekommen.
Also danke auch an dich Christian und danke an euch da draußen. Bis nächste Woche. Heute Journal der Podcast wird produziert von Pool Artists.