Mord am Märchenschloss

Folge 3: Der Prozess

Mittwoch, 21. Oktober 2026 · 30 min

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Shownotes

Troy B. vergewaltigte im Juni 2023 bei Schloss Neuschwanstein im Allgäu eine 21-jährige Touristin aus den USA - und tötete sie. Auch ihre 22-jährige Freundin stieß er einen Abhang hinunter. Wie es dazu kam und welche Beweise die Kriminalpolizei nach dem Verbrechen sicherstellen konnten, darum geht es in den ersten beiden Folgen des AZ-Podcasts „Mord am Märchenschloss“. Der Fall scheint relativ eindeutig und die Beweislast gegen Troy B. erdrückend. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen ihn und im Februar 2024 kommt es am Landgericht Kempten schließlich zum Prozess.

Was wurde Troy B. dann von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt? Wie hat er darauf reagiert? Und wie haben die Menschen, die den Prozess verfolgt haben, das Geschehen erlebt? Die Gerichtsreporter der Allgäuer Zeitung waren damals mittendrin im Geschehen. In der dritten Folge des AZ-Podcasts „Mord am Märchenschloss“ erzählen sie, wie der Prozess ablief.

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Eine derart brutale Tat kam mir selber noch nie unter. Entweder ist hier einem jungen Mann da komplett die Sicherung durchgebrannt, oder er ist einfach ein Psychopath. Den Fall werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Mord am Märchenschloss. Ein Verbrechen im Schatten von Schloss Neuschwanstein. Eine Produktion der Allgäuer Zeitung.

Mein Name ist Franziska Jahn. Und ich heiße Benedikt Ziegert. Troy B. soll im Juni 2023 bei Schloss Neuschwanstein eine 21-jährige Touristin aus den USA vergewaltigt und getötet und ihre 22-jährige Freundin einen Abhang hinuntergestoßen haben. Wie es dazu kam und welche Beweise die Kriminalpolizei sicherstellen konnte, darüber haben wir schon in den ersten beiden Folgen dieses Podcasts gesprochen.

Der Fall scheint relativ eindeutig und die Beweislast gegen Troy B. erdrückend. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen ihn und im Februar 2024 kommt es am Landgericht Kempten schließlich zum Prozess. Und um den soll es in dieser Folge gehen. Bene, du warst damals als Gerichtsreporter im Einsatz. Ja, aber nicht alleine.

Mit mir dabei war auch noch die Kollegin Leonie Kütmann, die damals für die Allgäuer Zeitung tätig war. Heute arbeitet sie für die Augsburger Allgemeine. Und Leonie ist heute auch bei uns im Studio zu Gast. Hi Leonie, schön, dass du da bist. Hallo, danke, dass ich da sein darf. Ihr wart damals bei den Prozesttagen im Gericht dabei, habt live in Echtzeit aus dem Saal raus getickert und im Nachgang berichtet.

Jetzt sind Gerichtstermine für uns als Reporter ja eigentlich häufiger mal an der Tagesordnung. Genau, also ich hatte in der Vergangenheit eigentlich im beruflichen Sinne schon viel Erfahrung mit Gerichtsprozessen gesammelt, viele Termine gemacht. Was man vielleicht als Vorgeschichte wissen muss, war, dass an dem Tag, als der Vorfall passiert ist, war der Bene ja im Einsatz bei Schloss Neuschwanstein.

Ich war tatsächlich damals Chefin von Dienst der Digitalredaktion und so haben wir das Thema auch gemeinsam bearbeitet. Und mit diesem gemeinsamen Prozess hat sich dann ein bisschen so ein Kreis geschlossen. Und wir haben auch einfach festgestellt, der Termin ist höchstwahrscheinlich für eine Person einfach nicht zu stemmen.

Also es wäre klüger, wenn zwei Leute hingehen. Bene war dann hauptsächlich für Bild und Video verantwortlich, aber eben auch für die große runde Geschichte, die letzten Endes online und in der Zeitung lief. Und ich habe aus dem Gericht rausgetickert und einfach immer kurze Snippets von dem, was passiert ist, an die Digitalredaktion geschickt.

Vielleicht könnt ihr nochmal kurz sagen, wie das beim Neuschwanstein-Prozess war. Angenommen, ihr kommt dahin. Wann ging der Prozess los? Wie viele Leute waren da? Was hat sich da für euch für ein Bild ergeben? Vom Organisatorischen her war die Besonderheit, dass es keine reservierten Plätze für Medienvertreter gab.

Das hieß für uns ganz konkret, es galt das Prinzip First Come, First Serve. Wir mussten relativ früh dort sein, um uns Plätze sichern zu können. Ich habe mich auch mit den anderen Fotografen, kann man fast schon sagen, um die besten Plätze rangeln müssen, als der Angeklagte dann von der Polizei bzw. von der Justiz in den Saal geführt wurde.

Da gab es dann mit fünf, sechs Kollegen ein kleines Gefecht. Wer denn wo stehen kann, das ist dann schon ungewöhnlich, auch hier im Allgäu am Landgericht bei einem Prozess. Also es war natürlich ein unglaublich großes Medienaufgebot. Ausländische Medien, aber hauptsächlich deutsche Medien, würde ich sagen.

Hat mich auch verwundert. Ich hatte schon damit gerechnet, dass es auch in den USA auf ein großes Medieninteresse stößt. Das fiel aber relativ gering aus. Und deswegen waren wir hauptsächlich eigentlich auch mit Kolleginnen und Kollegen, die man vielleicht auch schon so in der Gegend mal gesehen hatte vor Ort.

Und habt ihr nur Medienvertreter im Saal gesehen oder war auch, ich sag mal, normales Publikum dort? Ja, ich glaube, in dem Fall von normalem Publikum zu sprechen, ist sehr, sehr schwierig. Also üblicherweise sieht man bei Gericht immer so die ein oder anderen Personen, die einfach zuschauen wollen, weil sie es interessiert.

Da gab es in diesem Fall natürlich auch ein paar Leute, aber es waren auch Menschen da, die, sag ich mal, in irgendeiner Form eine Funktion hatten. Also beispielsweise vom US-Konsulat und natürlich aber auch Interessierte. Ein paar Zaungäste, so würde ich sie mal bezeichnen, waren da, die ich auch schon bei anderen öffentlichen Prozessen bei Gericht gesehen habe.

Es gab eine Gruppe von Jurastudenten, die den Prozess verfolgt haben und dann waren tatsächlich auch Angehörige des Angeklagten am letzten Tag der Urteilsverkündung mit im Gerichtssaal. Okay, das heißt, ihr habt euch eure Plätze gesucht, Bene, du als Fotograf, hoffentlich irgendwo vorne in der ersten Reihe mit dabei. Und was ist dann passiert?

Man muss sich das so ein bisschen szenisch vorstellen. Es gibt ja am Landgericht Kempten, ehemals fürstliche Residenz der Äbte von Kempten, diese langen Gänge und auf denen kam dann ein Beamter mit dem Taktverdächtigen entlang, diese Marmorstufen hinunter und dann haben die Kameras auch gleich Klick gemacht.

Der Angeklagte hat sich so einen roten Aktenordner vors Gesicht gehalten, dann wurde er in den Saal geführt. Dort gab es dann noch eine kurze Besprechung mit seinen Verteidigern Philipp Müller und Alexander Stevens. Und dann kam schon das Gericht herein und es ging los. Ja, irgendwann kommt dann so dieser Moment, wo Ruhe einkehrt, wo auch das Gericht beschließt, so jetzt ist Schluss mit Fotos und Videos, alle sollen sich hinsetzen und dann beginnt die öffentliche Verhandlung.

Und da hat man schon gemerkt, die Stimmung im Saal war angespannt. Man möchte natürlich auch wissen, wie der Angeklagte reagiert und auch hören, was er sagt, was das Gericht sagt. Dementsprechend war es dann nahezu Totenstille in diesem Saal. Wie war da euer Eindruck vom Angeklagten, von Troy B., als der reinkam?

Also für mich war es eigentlich den ganzen Prozess über relativ gleich. Ich würde es fast als teilnahmslos oder regungslos bezeichnen. Dadurch, dass er ja kein deutscher Muttersprachler ist, gab es logischerweise einen Dolmetscher. Also ich hatte schon damit gerechnet, dass Reaktionen vielleicht verzögert kommen.

Aber das war tatsächlich gar nicht der Fall. Also saß meistens in so einer leicht gebückten Haltung dran, Man hat sich ab und an vielleicht mal in die Nase gefasst, aber das war es irgendwie. Üblicherweise kennt man das schon, dass Angeklagte auch Emotionen zeigen in irgendeiner Form, gerade wenn es um die Anklage geht oder wenn entsprechende Zeuginnen und Zeugen zu Wort kommen. Und das war hier gar nicht der Fall.

Es gibt ja in der Literatur diesen Begriff der Banalität des Bösen. Und der kommt mir da in den Sinn, weil der Täter ja einfach ein Durchschnittsmensch war. So hat es gewirkt. Wenn ich ihm auf offener Straße begegnet wäre, hätte ich mir wahrscheinlich nichts weiter gedacht. Mit was für einem Gefühl seid ihr damals in den Prozess gestartet?

Weil ihr wusstet ja, was ihm vorgeworfen wird und wart ja an dem Tag selbst auch im Einsatz. Hat das dann alles nochmal hochgeholt, was damals war? Ja, also ich möchte jetzt nicht, dass das makaber klingt, aber ich glaube aus journalistischer Sicht kann man schon sagen, dass es ein sehr spannender Termin ist, auf den man sich vielleicht auch ein bisschen mehr vorbereitet.

Aber am Anfang habe ich die Tragweite des Ganzen schon auch ein Stück weit unterschätzt. Wie gesagt, ich war schon öfter bei Gericht, auch bei schlimmen Fällen, die durchaus emotional aufwühlend waren. Aber ich bin da immer relativ gelassen geblieben, konnte mir das recht neutral anschauen. Und das war tatsächlich bei diesem Prozess nicht unbedingt der Fall.

Gleich zu Beginn, am ersten Prozestag, hat dann der Staatsanwalt Christopher Treff, den wir hier auch schon im Podcast gehört haben, die Anklage verlesen. Und die lautete auf Mord, versuchten Mord und Vergewaltigung. Es gab noch weitere mögliche strafrechtlich relevante Aspekte, wie zum Beispiel die pornografischen und kinderpornografischen Dateien, die gefunden wurden.

Aber angesichts der Schwere der sonstigen Vorwürfe hat die Staatsanwaltschaft das dann aus prozessualen Gründen fallen gelassen. Gleich am ersten Tag hat der Prozess mit einem Paukenschlag begonnen, denn bis dahin hatte der Angeklagte sich zum Tatvorwurf nicht geäußert oder hat vielmehr dem Haftrichter, wie wir ja schon in früheren Gesprächen gehört haben, eine völlig andere Version der Geschehnisse erzählt.

An diesem ersten Prozestag aber hat er dann von seinen Verteidigern ein Geständnis verlesen lassen. Darin räumte er alle Vorwürfe ein, dass er die beiden späteren Opfer unter einem Vorwand zu diesem Aussichtspunkt vor Schlossener Schwanstein gelockt habe, dass er die Jüngeren der beiden angegriffen habe und die andere, die ihrer Freundin helfen wollte, einen Abhang hinuntergestoßen hat, dass er die Jüngere dann stranguliert und vergewaltigt hat und dass er auch sie dann diesen Abhang hinunterstieß.

Nur, dass das alles geplant gewesen sei, das hat er nicht zugegeben, sondern es soll eine spontane Tat gewesen sein. Wie es zu diesem Geständnis kam, das haben wir auch den Anwalt, den Verteidiger von Troy B., Philipp Müller, gefragt. Und der hat uns das so erklärt. Der Fall um den Mord war einfach klar verloren.

Also die Beweislage ist eindeutig. Der Angeklagte hat es auch gestanden und gestehen müssen. Man schaut halt als Verteidiger in solchen Konstellationen, wo ist die Beweislage vielleicht doch nicht, eindeutig, weil oft wird ja ein ganzes Bündel an Tatvorwürfen angeklagt und am Ende erweist sich vieles als wahr, aber eben nicht alles.

Philipp Müller war selbst am Schloss Neuschwanstein und hat sich den Tatort angesehen, um sich selbst ein Bild vom möglichen Geschehen machen zu können. Und dabei ist er zu dem Schluss gekommen, dass der Tatort, also die Stelle, wo Troy B. die beiden jungen Frauen den Abhang hinuntergestoßen hat, doch gar nicht so leicht zu finden war, wie er ursprünglich angenommen hatte.

Was natürlich insofern schlecht war für die Verteidigung, weil das Argument, dass um Neuschwanstein herum immer Leute sind und man ja. Sozusagen sehr verrückt wäre, an der Stelle wen anzugreifen, da irgendwie dann nicht mehr so gut gezogen hat, weil das einfach doch ein recht abgelegener Platz ist. Also jetzt, da kommen jetzt nicht nie Wanderer vorbei, aber es ist jetzt nichts, wo man zwingend damit rechnen muss, dass jemand vorbeikommt.

Philipp Müller glaubt seinem Mandanten, wenn er sagt, dass er die Tat spontan begangen hat. Mich überzeugt nicht zu 100 Prozent, dass der Angeklagte hier von Anfang an einen Mord geplant hat. Also das ist definitiv eine Variante, die im Raum steht, die auch so verurteilt wurde, die jetzt auch sicherlich nicht abwegig ist.

Aber man schaut ja als Verteidiger immer auch auf andere Möglichkeiten. Und ich sah schon die Möglichkeit und sehe die immer noch, dass der Angeklagte eigentlich selber gar nicht so richtig wusste, was er da tut, bis er es getan hat. Das klingt zuerst mal nicht logisch, aber solche Taten sind ja auch nicht logisch.

Leute tun oft unter Adrenalin und unter wechselstreitenden Gefühlen dann Dinge, die sie im Normalzustand nicht tun würden. Und wenn man diese Möglichkeit in Erwägung zieht, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass er aus welchen Gründen auch immer die, Frauen angegriffen hat und dann aber sozusagen dieses Runterstoßen quasi eher so in diesem Kampf entstand und vielleicht sogar das erst der Moment war, wo er wusste, jetzt gibt es eh kein Zurück mehr.

Ihr beide, Bene, Leonie, Habtroy B. dann ja beobachtet, als die Anklage verlesen wurde und auch als dann sein eigenes Geständnis, wenn auch durch seine Verteidiger, verlesen wurde. Wie hat er da auf euch gewirkt? Ja, auch nach wie vor relativ teilnahmslos, als hätte das gar nicht so viel mit ihm zu tun. Er hat immer so den Kopf ein bisschen gehoben und gesenkt, sich mal an die Nase gefasst, als würde sie da ein bisschen jucken.

Aber das war es tatsächlich auch schon. Mir ist vor allem die gebückte Körperhaltung in Erinnerung geblieben. Hat fast gewirkt wie eine Büßerstellung, kann man sagen, mit dem Rücken nach oben. Ansonsten würde ich es als apathisch bezeichnen, den Eindruck, den er gemacht hat. Sein Blick lief mehr oder minder ins Leere.

Genau, und dann kamen tatsächlich auch schon die ersten Zeugen. Das waren die Polizeibeamten, die an diesem Tag vor Ort im Einsatz waren. Und das war schon sehr eindrücklich, weil die natürlich schon auch da in dem Gebiet sicher mal die ein oder andere außergewöhnliche Sache erleben. Aber ich glaube, dieser Fall war trotzdem einfach eine große Ausnahme.

Später gab es dann noch einen psychiatrischen Gutachter als Zeugen, Forensiker vom LKA oder eben auch den Notarzt der Bergwacht. Und wie hat das Publikum auf die Zeugenaussagen reagiert? Ja, es gab tatsächlich eigentlich keinen Zeugen oder keine Zeugin, der oder die nicht irgendeine Reaktion beim Publikum hervorgerufen hat.

Man hat oft gemerkt, dass der Saal, wie gesagt, sehr, sehr ruhig wurde, dass alle hören wollten, was die Personen sagen. Ich finde, man merkt das ja auch so, wenn Leute irgendwie mal atmen oder rascheln oder so. Also normal gibt es immer eine leichte Geräuschkulisse in einem Saal. Und das war hier tatsächlich ganz selten der Fall.

Es gab schon so leichte Reaktionen aus dem Publikum. Mal ein Aufstöhnen oder so eine gefühlte Unruhe, wenn jemand so hin und her rutscht auf dem Stuhl. Aber es gab nicht den Fall, dass beispielsweise jemand was reingerufen hat. Das gibt es auch manchmal bei Prozessen, dass das so ein bisschen eskaliert.

Das war hier nicht so. Also es war sehr zivilisiert, kann man sagen. Es hat sich jetzt auch niemand mit dem Nachbarn groß unterhalten oder so. Sonst gibt es auch manchmal ein bisschen Getuschel. Mein Eindruck war auch der, dass sich selbst beim Publikum irgendwann so eine Art Abstumpfungsreaktion eingestellt hat.

Weil es sind ja schon ab Tag 1 wirklich schauerliche Details ans Licht gekommen. Ich denke da zum Beispiel an das Foto von Träubö auf der Polizeiinspektion in Füssen, das ihn wirklich mit tiefen, tiefen Kratzern oder viel mehr Furchen im Gesicht zeigt, die die Überlebende ihm zugefügt hat. Die haben nochmal mehr den Überlebenskampf der beiden geschildert, finde ich.

Und ich glaube, nach all diesen Schilderungen der Zeugen, wo sich wirklich menschliche Abgründe aufgetan haben, waren viele im Publikum an einem Punkt angelangt, wo man sich fragt, was soll denn jetzt noch Schlimmeres kommen. Am zweiten Prozestag, ein paar Tage später, wurde dann auch das Video gezeigt, das der Angeklagte von der Tat, also von der Vergewaltigung gemacht hat.

Von diesem Video hat uns unter anderem auch schon Herr Zöllinger, der Kriminalbeamte, berichtet. Und dieses Video wurde dann auch im Gerichtssaal auf einem Bildschirm gezeigt, der vom Publikum weggedreht war. Das heißt, der Richter, der Angeklagte, alle Prozessbeteiligten konnten auf dem Bildschirm sehen, das Publikum allerdings nicht.

Und ihr beide im Publikum habt auch nur den Ton des Videos gehört. Ja, und ich muss tatsächlich ganz salopp sagen, das hat es nicht wirklich besser gemacht. Wir haben damals auch berichtet, dass auf dem Video selbst gar nicht so viel zu sehen ist, Gott sei Dank. Also da ist hauptsächlich der Waldboden und so ganz verwackelte Bewegungen.

So hat man uns das damals geschildert. Aber die Geräuschkulisse war durchaus sehr außergekräftig und man hat einfach diese Emotionen und dieses Schreckliche, was da passiert ist, auch durch die Geräuschkulisse sehr gut wahrnehmen können. Und dementsprechend war das schon sehr beklemmend. Ich habe es genauso empfunden wie Leonie. Man hat Stöhnen gehört, man hat leise Schreie gehört und da entstehen dann ganz automatisch Bilder im Kopf.

Das Gericht hat gesagt, sie wollten es aus Pietätsgründen nicht zeigen und das war sicherlich auch die richtige Entscheidung, gar keine Frage. Aber ob es für diejenigen im Gerichtssaal es besser gemacht hat, die das Video nicht sehen konnten, das weiß ich tatsächlich nicht. Genau, also das Video kam auch an einem Punkt im Prozess, wo wir schon sehr viel gehört hatten über die Situation, sei es durch das Geständnis, aber auch durch die Schilderung der Zeuginnen und Zeugen.

Das heißt, man konnte schon im Kopf irgendwie ein Bild der Situation formen und das wurde eigentlich durch diese Geräuschkulisse irgendwie untermauert und, durchaus sehr, sehr real gemacht, diese Erzählung. Und das war, wie gesagt, sehr, sehr beklemmend, weil man davor hatte man ein Bild im Kopf und dann kommt diese Geräuschkulisse dazu und.

Dann wird es, finde ich, von so einer Erzählung doch zu einer sehr, sehr realen, irgendwie greifbaren Geschichte. Du hast das Video dann auch nicht so gut verpackt, oder? Genau, also ich muss auch dazu sagen, ich kann nicht so gut Blut sehen und solche Situationen, die lösen bei mir schon immer Beklemmung aus.

Aber in Gerichtsprozessen war das in der Vergangenheit jetzt eigentlich nie so ein Problem. In dem Moment habe ich aber dann schon gemerkt, mir wird schwummrig. Und weil ich irgendwie mir dachte, okay, jetzt gehe ich auf Nummer sicher, bin ich dann auf die Toilette gegangen und habe mich dann ein paar Minuten später irgendwie auf dem Toilettenboden wiedergefunden.

Also ich bin dann kurz aufgewacht, habe gemerkt, ich konnte meine Arme und Beine nicht mehr bewegen. Die haben gekrampft. Und ja, dann kam tatsächlich der Notarzt, der mich dann da in der Toilette quasi versorgt hat und auch mit in den RTW genommen hat. Also es war schon einer der härteren Arbeitstage.

Und ich glaube, ja, ich war vielleicht ein Stück weit auch naiv, dass ich dachte, ich kann das irgendwie machen. Aber ich denke, rückblickend kann man auch sagen, dass es aus einer weiblichen Perspektive natürlich auch ein anderes Erleben ist, als es vielleicht ein männlicher Prozessbeobachter hat. Und im Nachgang habe ich dann schon auch gemerkt, dass die Emotionen oder dieses Erlebte immer mal wieder hochkam.

Also ich möchte jetzt nicht, dass es falsch klingt, aber in dem Moment, wo ich Frauen gesehen habe, die einen asiatischen Migrationshintergrund hatten, wie es eben auch bei diesen beiden Opfern der Fall war, hatte ich schon immer wieder auch diesen Prozess im Kopf, diese Gefühle, die Gedanken. Und das war schon schwierig ein Stück weit. Das ist irgendwas, womit man nicht so ganz rechnet.

Aber ja, letzten Endes war es so und hat, finde ich, eben auch nochmal gezeigt, was das für eine schreckliche Tat ist. Ich finde auch, gerade als Frau, die allermeisten Frauen kennen wahrscheinlich Situationen, in denen wir uns nicht ganz sicher fühlen und uns wahrscheinlich auch lieber zweimal umschauen.

Aber eine Wanderung am helllichten Tag zur Mittagszeit an einem sehr, sehr touristischen Ort, wo immer viele Leute sind, zählt für mich sicher nicht zu diesen Situationen. Genau, also man muss sich auch vorstellen, diese beiden jungen Frauen, die hatten gerade das College beendet, die haben diese Reise gemeinsam gemacht, um den Abschluss zu feiern.

Da können wir uns vielleicht auch alle noch dran erinnern, wie sowas ist, wenn man sowas geschafft hat und sich denkt, hey geil, jetzt mache ich irgendwie mit meiner Freundin eine Reise und fahre an so einen Ort, der ja auch. Gemeinhin im amerikanischen Sprachgebrauch als Disney Castle bekannt ist. Also sowas Traumhaftes, sowas Prinzessinnenhaftes.

Und natürlich rechnet man dann da auch nicht mit. Und man muss auch sagen, es gab ein Pärchen, das waren Zeugen, die ausgesagt haben, die eben auch sowas da ein Stück weit miterlebt haben. Und das war für mich auch so ganz eindrücklich, weil dieses Pärchen so normal war. Es hätten irgendwie Freunde, Bekannte sein können, die waren auch so in meinem Alter.

Und dadurch hat es irgendwie, Bene hat das vorhin gesagt, diese Banalität des Bösen. Also man hat da irgendwie ganz normale Menschen, ein junges Pärchen, aber auch diese zwei jungen Frauen und dann passiert so was Schreckliches, und ja, das macht das irgendwie nochmal beklemmender, glaube ich, weil es eben nicht, wie du sagst, so in der dunklen Gasse war, sondern an so einem schönen Ort.

Am dritten Prozestag, da warst du dann auch wieder genesen im Gericht, Leonie, da hat dann ein Sachverständiger des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren das psychiatrische Gutachten vor Gericht erklärt, das er von Troy B. erstellt hat. Da ging es dann ums Motiv und auch um das Rückfallrisiko. Genau, und ich bin natürlich keine Psychiaterin, aber so wie ich das wahrgenommen habe, war dieses Gutachten eine ziemliche Herausforderung, einfach weil Troy B. ja nichts gesagt hat.

Und diese Frage nach diesem Warum so ein Stück weit unbeantwortet blieb. Also Bene kennt das sicher auch, man ist oft vor Gericht und dann hat man einen Angeklagten, der selber vielleicht eine total tragische Lebensgeschichte hat, und das entschuldigt natürlich die Tat oft nicht, aber macht sie irgendwie nachvollziehbarer.

Und in diesem Fall war es wirklich so, dass der Sachverständige ja gar nicht auf die Aussagen des Angeklagten irgendwie bauen konnte und somit die Frage nach dem Warum so unbeantwortet blieb. Und das ist natürlich auch ein Stück weit unbefriedigend, dass man eigentlich alles über diesen Angeklagten irgendwie aus dem zusammenschustern musste, was er selber im Internet recherchiert hat oder gepostet hat oder auf seinem Handy gespeichert hat.

Aber es ist ja nur ein Fragment einer Person. Die Frage nach dem Warum wird wahrscheinlich in diesem Fall unbeantwortet bleiben, denn selbst sein Verteidiger Philipp Müller hat da ja keine Antwort darauf. Entweder ist hier einem eigentlich ziemlich normalen. Vielleicht ein bisschen mal falsch abgebogenen, aber jetzt nicht hochgefährlichen, jungen Mann da komplett, ich sage mal, ungesprächlich die Sicherung durchgebrannt, oder er ist einfach ein Psychopath.

Ich weiß es bis heute nicht. Also ich glaube auch nicht, dass man das so einfach beantworten kann aus dem, was man weiß. Die einzige Regung, die von Troy B. während des gesamten Prozesses kam, war, als die Nebenklage zwei Briefe hat verlesen lassen von der Familie der Getöteten. Da sind ihm dann kurzzeitig Tränen übers Gesicht geronnen und ich persönlich mutmaße bis heute, dass das eher Tränen des Selbstmitleids waren, in Erkenntnis der Situationen, die er sich da gebracht hat und vor den kommenden Jahrzehnten, die ihm im Gefängnis bevorstehen werden.

Die Eltern der Getöteten und ihre Zwillingsschwester sind extra aus den USA angereist, um den Prozess hier im Allgäu zu verfolgen. Sie waren allerdings nicht an allen Tagen mit im Gerichtssaal. Was haben die für einen Eindruck auf euch gemacht? Ja, es handelte sich ja um ein US-amerikanisches Ehepaar, die einfach gezeichnet waren von diesen vergangenen Monaten, die für sie sehr belastend gewesen sein müssen.

Sie waren gezeichnet vom Verlust ihrer Tochter, gezeichnet vielleicht auch von der Tatsache, dass das Todesopfer eine Zwillingsschwester hatte. Und bei mir hat das einfach einen tiefen Respekt hervorgerufen, dass sie die Reise auf sich genommen haben und dass sie überhaupt die Kraft aufbringen konnten, tatsächlich dem Angeklagten gegenüber zu sitzen.

Und das ohne Hass, so war mein Eindruck. Dass sie zum Schluss dann diese Briefe haben verlesen lassen, war eine sehr bewusste Entscheidung von denen. Das und auch, was die Familie der Getöteten auszeichnet, hat uns ihr Anwalt Michael Pösel aus München am Telefon erzählt. Das sind ruhige Menschen, aber jetzt nicht irgendwie so, dass die den Mund nicht aufkriegen würden oder sowas, sondern ruhig und höflich. Es war aber so, wir haben ja viel Zeit miteinander verbracht, gerade als sie dann hier in Deutschland waren.

Also die haben auch einen wirklich guten Sinn für Humor gehabt, wenn man so will. Also sehr feinsinnige Menschen, sensible Menschen, gebildete Menschen. Natürlich war das Hauptthema der Fall, die Strafe, wie es weitergeht. Aber wir konnten uns auch darüber hinaus über andere Themen austauschen, unterhalten. Das ist ganz natürlich passiert eigentlich in dem Fall.

Also wir hatten einen sehr guten Draht zueinander. Dass Michael Pösel da so offen mit uns drüber sprechen darf, ist nicht selbstverständlich. Als Anwalt ist er eigentlich an die Schweigepflicht gebunden. Von der hat ihn die Familie in diesem Fall allerdings befreit, damit er von der Getöteten, von ihrer Tochter, öffentlich erzählen kann.

Also die haben ihre Tochter sehr, sehr geliebt natürlich, hatten ein sehr, sehr gutes, inniges Verhältnis zu ihrer Tochter. Und ihre Tochter, alles, was man gehört hat und mitbekommen hat im Rahmen des Prozesses, war auch ein hochintelligentes, sensibles, empathisches Mädchen, die wirklich überall sehr gut ankam.

Und den Eltern ist eben, habe ich den Eindruck, wichtig, dass das die Leute halt auch wissen, wer das war, dass das nicht nur ein anonymes Opfer ist am Ende des Tages, sondern dass auch, die Dimension des Verbrechens vielleicht auch besser dadurch begriffen wird, dass man den Menschen sieht, der da getötet worden ist.

Der Täter, der Mörder, kann man dann sagen, wird am letzten Prozestag am Landgericht Kempten wegen Mordes, versuchten Mordes und Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt. In diesem Zusammenhang ist mir dann auch Christoph Spiebacher, der Vorsitzende Richter, in Erinnerung geblieben, weil er es geschafft hat, Worte zu wählen, die angemessen waren, aber die auch drastisch genug waren, um das Geschehene zu beschreiben.

Und das hat er in seinem Urteil nochmals aufgegriffen, wie rücksichtslos Treu B. war, dass er eine Gefahr für andere Menschen darstellt. Das war auch so deutlich in der Wortwahl, dass es keinen Interpretationsspielraum zulässt. Und das Gericht hat sich dann für die besondere Schwere der Schuld ausgesprochen, aber gegen eine Sicherungsverwahrung entschieden.

Weil es eben auch aufgrund der Aussagen der psychischen Gutachter nicht eindeutig zu erkennen war, dass es diesen Hang zu besonders schweren Straftaten wirklich gibt, der Voraussetzung für eine Sicherungsverwahrung ist. Das Urteil ist mittlerweile auch rechtskräftig. Wie hat Troy B. dann diesen Schuldspruch aufgenommen? Da war er auch wieder mehr oder minder regungslos.

Er hat es zur Kenntnis genommen, würde ich sagen, und seine Verteidiger werden ihn auch schon darauf vorbereitet haben, was ihm droht. Was macht so eine Tat, so ein langes Ermittlungsverfahren der Prozess, mit den Menschen, die dann doch nah dran sind? Leonie, du damals als Gerichtsreporterin, hängt der Fall dir noch nach?

Ja, also wie gesagt, in den Wochen nach dem Prozess kamen die Gedanken schon immer mal wieder hoch, wenn ich junge Frauen mit langen schwarzen Haaren gesehen habe. Da kamen diese Assoziationen einfach mit diesen beiden jungen Frauen. Es ist jetzt heute nichts, worüber ich ständig nachdenke. Ich war auch seitdem mal wieder ein paar Mal bei Gericht. Ich nehme mir jetzt immer so kleine Magnesiumsticks mit, dass ich ein bisschen darauf vorbereitet bin und keine Arme oder Beine krampfen.

Und das ist aber Gott sei Dank seitdem nie wieder passiert, dass es so schlimm war. Und ich glaube, die Vorbereitung nimmt dann schon noch so ein bisschen die Sorge vor dem Ganzen. Ja, dann sagen wir Danke, Leonie. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Sehr, sehr gerne. Für unsere nächste Folge sind Beno und ich nach Schwarengau gefahren, sind zum Schloss Neuschwanstein hochgewandert, haben uns am damaligen Tatort umgesehen und mit Touristinnen und Touristen gesprochen.

Um jetzt, drei Jahre nach dem Neuschwanstein-Mord, die Frage zu beantworten, was bleibt, wenn die Schlagzeilen verschwinden? Mord am Märchenschloss. Ein Verbrechen im Schatten von Schloss Neuschwanstein. Eine Produktion der Allgäuer Zeitung. Redaktion Benedikt Siegert und Franziska Jahn. Produktion Franziska Jahn.

Technischer Support Stefan Michalik. Besonderer Dank gilt Emmi Jajes und Sascha Burowski. Außerdem dem gesamten Team der Allgäuer Zeitung. Namentlich Lea Henkel und Jörg Schneider. Ann-Kathrin Müller und Katrin Bussardt. Romina Goldschmidt und Linda Rossmannet.

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