NZZ Akzent· Folge 1656

Blechlawine am Brenner: der Tiroler Widerstand gegen den Verkehr

Donnerstag, 27. August 2026 · 17 min

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Shownotes

Millionen Fahrzeuge und endlose Staus: Die Brennerautobahn ist für viele ein Symbol für den immer näher rückenden Urlaub. Für die Menschen in Tirol ist sie jedoch eine tägliche Belastung. Ende Mai blockierten darum Tausende die vielleicht wichtigste Nord-Süd-Route Europas. Der Brennerbasistunnel soll für die Bevölkerung zwar Abhilfe schaffen, lässt aber auf sich warten.

NZZ-Korrespondentin Meret Baumann war im Wipptal unterwegs und hat mit Menschen gesprochen, die sich gegen die Touristen wehren.

Gast: Meret Baumann, NZZ-Korrespondentin für Österreich
Host: Simon Schaffer

Produktion: Benjamin Gysler
Redaktion: Dominik Schottner

Merets Reportage findest du zum Lesen in der NZZ (nzz.ch/international/europaeische-blechlawine-…).

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Die Blechlawine musste ausweichen Und anwesend waren offenbar auch Politiker aller Parteien. also es gab eine breite Unterstützung Meret, ein ganzes Tal so wie es jetzt hier scheint überzeichnet vielleicht ein ganz österreichisches Bundesland. Tirol lehnt sich gegen den Verkehr auf der da durchströmt.

Das war vor zwei Monaten. hat das was gebracht diese Blockade? Es hat insofern etwas gebracht als diese Aktion sehr große Aufmerksamkeit erregt hat und zwar nicht nur in Österreich sondern im Prinzip europaweit vor allem in Deutschland und Italien, wo quasi die Durchreißenden herkommen oder hinfahren.

Und dazu kommt das für diesen einen Tag, für die Anwohnerinnen und Anwohner war es natürlich schön ruhig. Also jemand hat mir erzählt dass im Garten plötzlich habe er die Vögel hören können weil nicht dieser Verkehrslärm war. aber eine konkrete Veränderung Die Aktion natürlich nicht gebracht, diese Blockade.

Die Zahlen nehmen weiter zu der Autoverkehr über die Brennerautobahn. Das sind die Zahlen für das erste halb Jahr herausgekommen und die sind wieder höher als das letzte Jahr. Millionen von Fahrzeugen rollen jedes Jahr über den Brennepass durch Alpen. Der europäische Verkehr ist so belastend für das Leben vor Ort dass sich Widerstand formt.

Korrespondentin Meret Baumann war vor Ort. Ich bin Simon Schaffener. Gerade für viele Deutsche ist der Brenner ein Symbol, ein Mythos verbunden mit Feriengefühlen. Vielleicht auch mit Frust, weil sie vor den Fähren im Stau stecken geblieben sind. Für uns in der Schweiz ist das vergleichbar mit der Nord-Südaxe am Gotthard oder am San Bernardino, wo auch gefühlt halb Europa durch will.

manchmal wenn man den Brenner jetzt gar nicht oder nur von hinter dem Autofenster kennt womit haben wir sie zu tun? Also der Brennel ist ein Berg an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Der österreichische Teil ist im Bundesland Tirol, dann kommt Südtirol nach der italienischen Grenze. Und das ist seit Jahrhunderten vielleicht der wichtigste Alpenübergang und zwar deswegen weil er nicht besonders hoch ist.

also die höchste Stelle ist gut thirteenhundert Meter Und das bedeutet, dass man das ganze Jahr in überfallen kann. Wir wissen ja von Gott hat da ist die Passstraße im Winter gesperrt. Das ist beim Brenner nicht der Fall. Bereits die Römer haben dort eine befestigte Straße gebaut Und inzwischen wird das Tal total dominiert von der Autobahn, die wurde in den Sechzigerjahren errichtet.

Das war als eine der ersten Gebirgsautobahnen wirklich so ein Pionierprojekt kann man sagen. aber der Verkehr hat natürlich massiv zugenommen in den letzten Jahren, vierzehn Millionen Fahrzeuge haben im letzten Jahr sind über diese Autobahn gefahren und was vor allem sehr belastend ist für die Region Verkehr.

Das waren im letzten Jahr zwei Komma vier Millionen Lkw, die über diese Autobahn gefahren sind und da muss man sich vorstellen das ist dreimal so viel wie über alle Schweizer Alpenrouten zusammen also Gotthard usw. Also es ist wirklich enorm viel. und das heißt auch dass häufig die Autobahn verstopft ist, dass da häufig man nur im stockenden Verkehr durchkommt und dann bildet sich so ein Ausweichverkehr der direkt durch diese Ortschaften im Tal das heißt Wipptal direkt dort hindurch fährt.

Und das ist für die Anreinerinnen und Anreinern eine große Belastung. Sobald ich auf der Autobahn bestaue, verlagert sich die ganze Verkehrslavine. Auf dieses Niederhommige straßt es nicht so ab die Bundesstatt. weil die Navis seiten sofort aus. Das ist der Bürgermeister von Grieß am Brenner, das ist im Prinzip die letzte kleine Ortschaft vor der italienischen Grenze.

Das sind nur tausend zweihundert Einwohner, die da leben. Karl Müllsteiger ist einer davon, der ist in Gris aufgewachsen und dort jetzt Bürgermeister seit einigen Jahren. Und er ist schon sehr lange eine der vehementen Gegner des Transitverkehrs und ein Aushängeschild auch im Kampf dagegen. Er hat maßgeblich diese Blockadeaktion im Ende Mai organisiert.

Er wird häufig so als Rebell bezeichnet, Medien und er beklagt zum Beispiel eben diese Stauflüchtlinge, also dass sobald der Verkehr auf der Autobahn oben stockt. Dass die Leute ausweichen auf die Bundesstraße, die direkt durch diese Ortschaften führt. Unsere Gemeindebürgerschein sind schon so sensibilisiert.

das zu den gewissen Tagen wo wir wissen es könnte Stau sein, dass sie schon vorausschauend einkaufen gehen, dass Sie nicht an diesen Tage raus müssen... vielleicht zu Hause bleiben können, weil sie Homeoffice betreiben können von Seitensehensarbeitgebers. Aber so mittlerweile ist der Alltag bei uns hier in Litter.

Also das ist was er mir geschildert hat. die Probleme und ich habe das wirklich auch erlebt da in diesen Gemeinden. also der Verkehr ist enorm. teilweise dass es eine nur zweispurige Straße durch diese Gemeinden führt kann man die kaum überqueren, weil eben ständig Autos durchfahren. Es ist enorm laut!

Also wenn man mit den Leuten da spricht... Wenn besonders laute zum Beispiel ein Motorrad durchfährt dann muss man das Gespräch unterbrechen, weil man sich sonst nicht versteht. und was Müllsteiger sagt ist dass sie auch nicht profitieren vom Verkehr. also man würde ja vielleicht denken das zum Beispiel Restaurants oder Hotels profitieren.

ich habe tatsächlich auch mit der Pächterin einer kleinen Pension gesprochen. Die hat fast ausschließlich durchreisende Gäste, ist auch voll darauf ausgerichtet. Aber der Bürgermeister sagt zum Beispiel... dass es in den Achtzigerjahren noch in Gris selber, sechsundzwanzig Gastronomiebetriebe gab und jetzt nur nach acht.

Und er sagt die meisten Touristinnen und Touristen nehmen ihr Essen mit und wollen so schnell wie möglich ans Ziel kommen. Was natürlich auch ein Punkt ist das die Leute selber, die im Tal leben, die brauchen natürlich die Autobahn. also man muss sich denken in diesen kleinen Gemeinden gibt's kein Gewerbe Es gibt keine höherrangigen Schulen.

Das heißt Pendeln nach Innsbruck, das ist etwa von fünfundzwanzig Kilometer entfernt. Das betrifft auch Müllsteiger selber. Das ist sein Bürgermeisteramt, das is kein Vollzeitjob quasi sondern eher Pendel selber nach Innesbruck wo er bei einer Bank... arbeitet und braucht dafür selber die Autobahn. Zu dem Gespräch, was wir vereinbart hatten in Gris ist er danach zwanzig Minuten zu späck gekommen weil er im Stau stand.

also das ist quasi sein Alltag. Und er schildert auch dann wirklich dramatischere Folgen noch als nur der Stau, jetzt nur in Anführungs- und Schlusszeichen. Dass auch die Rettungsfahrzeuge häufig nicht durchkommen und man dann ausweichen muss auf eine Luftbrücke also im medizinischen Notfällen das dann der Helikopter kommen muss statt einem Sanitätswagen.

Also ist das tatsächlich so? Das habe ich gehört, dass die Einsatzkräfteten auch nicht durchkommen. Also da muss man ja wenn das Blaulichtorganisationen dann muss man eine Rettungsgasse bilden und die... Also zum Beispiel am Niederhandelstraßennetz ist es überhaupt nicht möglich, wenn dort eine Sprechung zugestaut ist.

Da muss man mehr oder weniger bei den Blaulich-Organisationen ein Wilder rund sein, wenn man es so schön sagen kann, dass man auf der Gegenvorspur zum Einsatz anfährt. Aber das Und das passiert mehrmals die Woche, wie er mir erzählt hat. Also es heißt wenn ich ein Problem habe dann muss ich schon fast davon ausgehen dass sich vielleicht mit dem Hubschrauber gehen muss und keine Ambulanz durchkommt?

Ja! Er hat mir erzählt, dass schon mehrmals auch Babys im Helikopter zur Welt gekommen sind weil das nicht rechtzeitig quasi war. Was möchte er und diese Bewegung dem jetzt entgegen stellen? Abstellen können sie den Verkehr ja auch nicht. Ja, das sind relativ vielfältige Forderungen. Zum einen sagt er es braucht einen zeitgemäßen Lärmschutz wobei der Autobahnbetreiber aus Finnach die haben mir erklärt dass eigentlich neunzig Prozent der Bevölkerung im Wittal schon vor dem Lärm geschützt sind.

dann fordert er eine höhere Maut Gebühr für das Befahren der Brenner Autobahn zum Beispiel. Da muss man auch sagen, das ist politisch heikeln. Weil das betrifft natürlich die Einheimischen, oder? Das muss man dann so ein bisschen abweigen was da überhaupt möglich ist und eine Hauptforderung jetzt von Müllsteiger ist dass überhaupt die Autobahn Trasse neu verlegt wird und dass man mehr mit Tunnels macht und nicht mit diesen Brücken.

Dreißig Prozent der Brennerautobahnen weil das eben so ein Bergteil ist führt über Brücken. Und da hat mir auch ein Verkehrsexperte der Uni Innsbruck erklärt, das würde man heute nicht mehr so machen. Also heute würde man tatsächlich vielmehr das Unterirdisch verlegen in Tunnels.". Wir sind gleich zurück!

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also mehr würde da auf die Schiene gehen. und die Sorgen vom Bürgermeister Müllsteiger die werden dann gelöst oder nicht? Also das ist eine große Hoffnung, das hat er mir auch gesagt. Die Hoffnungen in diesem Tunnel sind enorm groß im Wipthal aber leider muss man sagen dass da zum einen der Bau dieses Tunnels selbst verzögert ist.

also das geht noch Jahre Und dann kommt vor allem dazu, dass ist das viel größere Problem noch. Dass die Zulaufstrecken sowohl in Deutschland wie auch in Italien noch mehr verzögert sind. und solange die nicht gebaut sind, ist es nicht realistisch, dass man wirklich maßgeblich den Güterverkehr auf die Schiene verlagern kann.

weil wenn du dir die Geografie vor Augen hält dieses Land Österreich, das so ein bisschen aussieht wie ein Schnitzel im Prinzip Tirol. Das heißt, das ist gar keine so lange Strecke und wenn die Zulaufstrecken natürlich verspätet sind dann bringt dieser Tunnel allein nicht zu viel. also der Experte mit dem ich gesprochen habe der hat gesagt es wird wahrscheinlich für den Tourismus etwas bringen also dass Leute aus dem Süden nach Innsbruck zum Weihnachtsmarkt fahren oder vom Norden nach Bozen für ein Cappuccino auf der Piazza aber dass das nicht maßgeblich den Güterverkehr entlasten kann.

Was verzögert denn das Ganze? Also da gab es verschiedene Gründe. zum einen klassisch technische Probleme, womit bei so einem Projekt immer zu rechnen ist. Dann gab's auch rechtliche Hürden also teilweise Einsprachen von Baukonsortien die den Zuschlag nicht erhalten haben. und dann was wir nicht vergessen dürfen die Pandemie hat natürlich auch noch zu einer Verzögerung geführt.

Aha! Was heißt das jetzt? für die Region ist eigentlich also kaum Aussicht auf Verbesserungen Wie ich das verstehe? Die Aussicht auf Verbesserung ist tatsächlich derzeit relativ gering. Der Verkehrsexperte, mit dem ich gesprochen habe, hat gesagt dass mittelfristig sogar die Straße noch attraktiver wird und zwar deswegen weil die Maut teilweise an diesen Abgas-Ausstoß auch gekoppelt ist.

Und wenn natürlich mittelfristig die Fahrzeuge weniger CO² ausstoßen, günstiger wird. Und die Straße ist halt nach wie vor viel flexibler als mit dem Zug Güter zu transportieren. und dann kommt dazu, dass Italien geklagt hat gegen einige Maßnahmen des Bundeslands Tirol gegen diesen Transitverkehr also zum Beispiel Nachtfahrverbote für LKWs oder Samstag's Fahrverbote.

Ja das haben sie schon gemacht. ja Genau, weil Italien sagt das sei ein Verstoß gegen den freien Warenverkehr der ja in der EU eines der Grundprinzipien ist. Und da wird ein Entscheid erwartet des Europäischen Gerichtshofs und jetzt erst kürzlich ist das die Einschätzung des Generalanwalts publiziert worden.

Das sieht so aus, dass ein großer Teil dieser Massnahmen aufgehoben werden könnte. also das würde dann sogar noch den Verkehr in diesen Randzeiten massiv verstärken können Und die Regierung in Wien, kann sie da irgendwie mitspielen und irgendwie die Muskeln spielen lassen oder so? Also das ist natürlich schwierig.

Wenn der Europäische Gerichtshof entscheidet dann ist er eigentlich nicht so viel Spielraum. Tirol ist auch, muss man sagen so emotional von Wien jetzt einigermaßen weit weg. Die Tiroler-Probleme in Tiroll wäre das wirklich ein Aufschrei. und wenn das so kommt dieses Urteil sowie die Einschätzung des Genalanwalts war dann muss man es sagen, da wird sehr viel Unmut herrschen.

der Bürgermeister Karl Milsteiger hat mir gesagt, dass wäre ein Supergao für Tirol und er hat auch schon gesagt, dass sie die nächste Blockade bereits planen. Danke dir! Ich danke dir Simon. Das war der Akzent mit unserer Österreich-Korrespondentin Meret Baumann. Mein Name ist Simon Schaffer und bis zum nächsten Mal.

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