PUR+ Wissendrin mit Eric

20| Legasthenie: So macht sie vielen das Lesen und Schreiben schwer (auch Schlauen)

Freitag, 28. Februar 2025 · 22 min

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Shownotes

Sobald wir lesen können, tun wir es eigentlich ständig, oft ganz automatisch: Straßenschilder, Packungsaufschriften, Text-Nachrichten… und manchmal sogar dicke Bücher wie Harry Potter. Aber Lesen- und/oder Schreibenlernen ist für bis zu 10 Prozent (!) der Menschen sehr viel schwieriger als für alle anderen (in unterschiedlichen Ausprägungen). Wie es sich anfühlt, auch mit 11 Jahren noch die Buchstaben auf dem Papier oder Bildschirm mühsam zu sinnvollen Wörtern zusammenpuzzeln zu müssen, erzählt uns Pia. Sie möchte trotz ihrer LRS ein Buch schreiben - und in dieser Folge von Wissendrin zum ersten Mal ihrer Klasse daraus vorlesen. Aber woher kommt Legasthenie eigentlich? Die Ursachen sind leider noch unklar, erfährt Eric von Neurowissenschaftlerin Katharina von Kriegstein. Klar ist aber schon, dass es mit Dummheit rein gar nichts zu tun hat. Das Gehirn von Menschen mit LRS arbeitet nur etwas anders als das von Menschen ohne LRS. Weil man durch Hirn-Scans per MRT auch weiß, in welchen Bereichen des Gehirns die Unterschiede liegen, forscht Katharina nun an einer Möglichkeit, diese Bereiche mit minimalen Stromstößen anzuregen, ihnen also einen kleinen Kick zu geben, so dass das Lesen- und Schreibenlernen auch bei Menschen mit LRS künftig schneller gehen könnte.

Diesen Podcast und viele TV-Folgen der Sendung PUR+ findet ihr auf: kurz.zdf.de/J569/

Moderation: Eric Mayer
Expertin: Prof. Dr. Katharina von Kriegstein
Autorinnen dieser Folge: Brigitte Böttcher, Lena Kohlwes, Carina Schulz, Frauke Siebold
Sounddesign: Joé Fleischhauer
Produktionsleitung Kugel und Niere: Michael Bartlewski
Redaktion Kugel und Niere: Lena Kohlwes
Produktionsmanagement ZDF: Markward Barollo, Sylvia Wahmes
Redaktion ZDF: Brigitte Böttcher, Susanne Dittebrand
Leitung der Sendung: Silke Penno
Kontakt: wissendrin@zdf.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Hi Leute, hier ist Erik. Wir starten heute mal mit euch. Schaut euch bitte mal um. Wo steht überall was drauf? Also, wo seht ihr Schrift? Vielleicht auf eurem Schulheft, auf einer Wasserflasche oder auf einem Straßenschild? Überall um uns herum helfen uns Texte dabei, besser im Alltag klarzukommen. Zum Beispiel unterwegs. Da zeigt die Schrift an, wohin der Bus fährt. oder im Supermarkt.

Auf der Verpackung steht, was drin ist. Und natürlich, wenn wir mit unseren Freunden chatten. Für die meisten von uns ist Lesen ganz selbstverständlich. Wir schauen hin und verstehen die Wörter sofort. Aber jetzt stellt euch mal vor, die Buchstaben auf der Flasche oder auf dem Handy-Display verschwimmen plötzlich.

Als würden sie sich bewegen oder durcheinanderwirbeln. Was gerade in den Klassenchat geschrieben wurde, könntet ihr dann nicht mehr so einfach erfassen, sondern müsstet es mühsam zusammensetzen, bis sich der Sinn erschließt. So in der Art ist das für Menschen, die Legasthenie haben. Bei mir ist es so, dass wenn ich lese, dann sind für mich auf dem ersten Blick erstmal nur Buchstaben.

Und wenn ich es so weit geschafft habe, dass ich es in meinem Kopf zu einem sinnvollen Wort zusammengewürfelt habe, dann fällt es mir schwer, das dann auszusprechen. Ihr hört Wissen drin, den Podcast von PURPLUS, mit mir, Erik. Ich bin auf der Suche nach Antworten, die sich oft nur durch Ausprobieren oder genaues Hinschauen finden lassen.

Meine Mission, was andere nur wissen, will ich mit euch erleben. Music. Pia hat eine Leserechtschreibschwäche, kurz LRS, wie ungefähr, haltet euch fest, 10% der Menschen. In jeder Schulklasse also im Schnitt ein bis drei Kinder. Darum sprechen wir heute darüber. Menschen mit einer LRS, in der Fachsprache auch Legasthenie genannt, fällt es deutlich schwerer, lesen oder schreiben zu lernen. Oder oft auch beides zusammen.

Aber egal, ob nun eher Lese- oder Rechtschreib- oder Leserechtschreibschwäche. Mit mangelnder Intelligenz hat das nichts zu tun. Das Gehirn funktioniert nur anders. Dazu kommen wir später noch. Bei manchen ist die LRS so leicht ausgeprägt, dass sie gar nichts davon wissen. Sie haben dann z.B. Mehr Fehler im Diktat als die anderen in der Klasse, sind aber sonst nicht weiter beeinträchtigt.

Bei anderen ist die Schwäche stärker ausgeprägt und sie haben vielleicht sogar eine offizielle Diagnose bekommen. Dann wissen sie selbst, ihre Eltern und auch ihre Lehrerinnen und Lehrer Bescheid. Wie bei Pia. Die Leser-Rechtschreib-Schwäche bedeutet für mich, etwas langsamer zu lernen, wie das mit dem Lesen und Rechtschreiben funktioniert.

Und dass es auch manchmal einfach gar nicht funktioniert. Pia ist elf Jahre alt und kommt aus Berlin. Sie singt in einer Band, sie spielt gerne mit ihrer Zwillingsschwester Mathilda und ihr ist schon früh klar, dass etwas sie unterscheidet von ihrer Schwester, aber auch von den anderen in der Grundschule.

Mir ist schon immer mal aufgefallen, dass ich Probleme mit dem Schreiben habe. Aber ich habe gedacht, ach, das kann ich noch in Winkeln. Ich bin ja erst in der zweiten Klasse. Und dann habe ich gemerkt, dass die Kinder in meiner Klasse auf einmal angefangen haben, besser als ich zu werden. In der vierten Klasse wird Pia von einer Ärztin auf eine Leserechtschreibschwäche getestet. Und dann hat sie Gewissheit. Sie hat LRS.

Als ich erfahren habe, dass ich eine Leserechtschreibschwäche habe, glaube ich auch geweint und da habe ich auf jeden Fall gedacht, dass ich gar nichts gut oder einfach gar nichts kann. Musik. Das stimmt natürlich nicht. Es ist sogar erwiesen, dass Kindern mit LRS Lernen per se nicht schwerer fällt als dem Durchschnitt.

Oft sind sie sogar besonders pfiffig, weil sie schon früh versuchen, ihre Schwäche auszugleichen oder zu verstecken und dabei ganz schön kreativ werden. Trotzdem haben diese Kinder oft Schwierigkeiten in der Schule, weil Lesen und Schreiben eben nicht nur im Deutschunterricht zählt, sondern man es für alle Fächer braucht.

Früher hielten viele Lehrende und selbst Eltern Kinder mit LRS für dumm oder faul, grausam. Das ist inzwischen zum Glück veraltet. Damit Kinder wie Pia die Chance auf einen guten Schulabschluss haben, bekommen sie heute zusätzliche Unterstützung. Zum Beispiel in Form von speziellen Therapien. Ich gehe jeden Mittwoch zur Lerntherapie zu Frau Purath.

Bei der Lerntherapie übt Pia gemeinsam mit Frau Purath lesen und schreiben. Denn sie muss jedes Wort viel öfter sehen und buchstabieren als andere, bis es sich richtig in ihrem Gehirn verankert. Menschen, die gut lesen können, erfassen Wörter nämlich als Ganzes. Sie lesen sie automatisiert und nicht mehr Buchstabe für Buchstabe.

Das klappt aber nur, wenn die Worte oder zumindest die einzelnen Wortteile oder Silben schon fest gespeichert sind und das Gehirn sie blitzschnell wiedererkennt. Zum Glück geht Pia gern zu ihren Nachhilfestunden. Es ist auf jeden Fall anders als Schule, weil da habe ich eine Unterstützung ganz für mich selbst.

Das ist ein gutes Gefühl. Heute ist es wieder soweit. Pia hat Lerntherapie mit Frau Purath. Hallo Pia. Hier rein spaziert. Frau Purath ist eine junge Lehrerin, mit der Pia sich total gut versteht. Die Stunde geht los mit Leseübungen. Eisbücher. Plus? Nein. Eisplatten. Eisplatten. Genau, Eisplatten, ja.

Ich frage mich jetzt, wieso hat Pia überhaupt diese Probleme beim Lesen? Mal ganz blöd gesagt, ist sie irgendwie krank? Beantworten kann mir das Dr. Katharina von Kriegstein. Sie ist Wissenschaftlerin und erforscht LRS an der TU Dresden. Wir gehen ja inzwischen auch gar nicht mehr von so etwas aus, dass es wie eine Krankheit ist, sondern inzwischen reden wir eigentlich von Besonderheiten, weil alle von uns eigentlich oder viele von uns diese Besonderheiten haben, dass zum Beispiel sie eben nicht lesen oder schreiben können wie andere Leute.

Ah, verstehe. Keine Krankheit also, mehr so eine Eigenheit. Wir sind ja alle unterschiedlich und haben unterschiedliche Fähigkeiten. Ich kann zum Beispiel gar nicht mit Zahlen umgehen. Und Fußballspielen liegt mir auch überhaupt nicht. Katharina will aber ganz genau wissen, warum Menschen mit LRS dieses sehr spezielle Problem, man sagt auch, Teil-Leistungsschwäche beim Lesen und Schreiben haben.

Deswegen untersucht sie, inwiefern sich die Gehirne von Menschen mit LRS und Menschen ohne LRS unterscheiden. In ihren Studien fertigt sie ganz viele Scans, sowas ähnliches wie Röntgenbilder, von verschiedenen Gehirnen an. Und dann vergleicht sie die Scans miteinander. Lässt sich denn da überhaupt ein Unterschied feststellen, zumindest in den einzelnen Bereichen des Gehirns?

Also es gibt definitiv Unterschiede in den Regionen, die etwas mit dem Sehen zu tun haben, aber auch die etwas mit dem Hören von Sprache zu tun haben. Das finde ich total spannend. Bei Menschen mit LRS sind also wirklich Veränderungen im Gehirn erkennbar. Und es sieht so aus, als ob diese Menschen Sprache, wenn sie sie sehen oder hören, irgendwie anders wahrnehmen, also anders verarbeiten als andere.

Vielleicht übertragen aufs Schmecken, so als würden sie Zitronen weniger sauer wahrnehmen oder Erdbeeren viel süßer finden als die meisten. Was diese Unterschiede in der Wahrnehmung von Sprache und Schrift aber genau bedeuten, das wird noch erforscht. Was mich noch interessieren würde, ist denn schon klar, woher diese Veränderungen überhaupt kommen?

Also sind die angeboren oder kann das mit der Zeit entstehen, zum Beispiel wenn Eltern ihren kleinen Kindern zu wenig vorlesen? Ja, also man geht erstmal davon aus, dass man eine gewisse Anlage für eine Leserechtsschreibschwäche hat. Mit der Erziehung hat es also nichts zu tun. Es gibt Studien, die zeigen, dass in manchen Familien LRS häufiger auftritt als in anderen.

Deswegen gehen Forschende davon aus, dass LRS vererbbar ist. Das ist das, was Katharina damit meinte, als sie von einer gewissen Anlage sprach. Heißt, so wie die Farbe unserer Haare geerbt ist oder wie groß wir werden und so weiter, so können wir auch mit einer Veranlagung für LRS auf die Welt kommen.

Das zeigt mir wieder, keine und keiner kann was dafür, Legasthenie zu haben. Deswegen muss sich auch niemand dafür schämen. Im Gegenteil, falls ihr LRS habt, seid ihr mit dieser Besonderheit in bester Gesellschaft. Aber hört selbst, in unserer Rubrik Besser Wissen drin. Music. Besser Wissen drin. Besser Wissen drin.

Wusstet ihr, dass viele bekannte Promis LRS haben? Zum Beispiel Tom Holland. Viele von euch kennen ihn bestimmt als Spider-Man. Was aber die wenigsten wissen, mit sieben hat Tom die Diagnose LRS bekommen. Eigentlich gar nicht so leicht, damit Schauspieler zu werden. Da muss man schließlich auch viele, viele Drehbücher lesen und Dialoge lernen.

Tom sagt aber, mit genug Vorbereitung und Übung kriegt er das hin. Genau wie Keira Knightley. Sie ist eine der bestverdienenden Schauspielerinnen der Welt. Und ihr kennt sie vielleicht aus dem Weihnachtsfilm Love Actually Tatsächlich Liebe oder aus Fluch der Karibik. Für Keira war das Ziel, beim Film zu arbeiten und dafür selbstständig Drehbücher lesen zu können, die Motivation, um trotz ihrer Legasthenie lesen zu lernen.

Flüssig vom Blatt lesen kann sie trotz des vielen Übens übrigens bis heute nicht. Meist lernt sie die Dialoge auswendig, indem sie sie als Hörbücher hört. Auch interessant, in einem Podcast verriet sie neulich, dass eine ihrer Töchter ebenfalls Legasthenikerin ist. Das passt zu der Annahme, dass LRS genetisch bedingt ist.

Auch Albert Einstein, der weltberühmte Physiker, hatte Legasthenie. Kein Wunder, dass er deswegen lieber was Naturwissenschaftliches gemacht hat. Albert Einstein ist wohl auch der beste Beweis, dass LRS nichts über die Intelligenz des betreffenden Menschen aussagt. Weitere berühmte Persönlichkeiten mit LRS sind der Maler Leonardo da Vinci, die Schriftstellerin Agatha Christie, die Sängerin Katy Perry und Microsoft-Gründer Bill Gates.

Sogar Goethe soll LRS gehabt haben. Da soll mal jemand sagen, mit LRS kann man es zu nix bringen. Besser Wissen drin. Pia, die ihr am Anfang der Folge kennengelernt habt, hat trotzdem ein wenig Zeit gebraucht, um mit ihrer Diagnose klarzukommen. Für mich war es am Anfang nicht so leicht, es so offen zu sagen, dass ich eine LRS habe, weil ich glaube, niemand gibt so gerne Schwächenpreis.

Geholfen hat ihr aber ihre beste Freundin Mina. Denn die hat auch LRS und geht damit ganz locker um. Die Lese-Rechtschreibschwäche schweißt die beiden Freundinnen sogar noch enger zusammen, erzählt Mina bei einem Treffen auf dem Spielplatz. Das war total lustig. Irgendwie kam sie auf mich zu, hat das irgendwie angesprochen.

Dann ich so erstmal total überrascht, so, du auch? Ja, ich auch. Echt? Machst du da auch so irgendwas dagegen oder lernst du es? Ja, fällt mir total schwer. Ist total blöd. Ja, finde ich auch. Es war irgendwie, wir waren zu einig, dass es so blöd ist, aber irgendwie... Ich bin stolz, weil wir beide schon haben.

Pia weiß jetzt, LRS zu haben ist Pech, aber kein Weltuntergang. Und um dieser kleinen Ungerechtigkeit bei den Startvoraussetzungen entgegenzuwirken, bekommt Pia in der Schule einen sogenannten Nachteilsausgleich. Bei meinen Klassenarbeiten, da sind die Aufgaben nicht einfacher oder so, sondern bei Leseaufgaben habe ich halt mehr Zeit, um eben die Aufgaben zu lesen und die Rechtschreibung wird bei mir nicht benotet.

Deswegen werden Rechtschreibfehler bei Pia nicht mit einem Rotstift, sondern mit einem grünen Stift korrigiert. Für mich ist es auf jeden Fall sehr wichtig, dass ich diesen Nachteilsausgleich habe, weil es mir dadurch leichter fällt und ich die gleichen Chancen habe, gute Noten zu schreiben wie meine Midschüler, die keine LAS haben.

Und ich finde, das ist schon sehr wichtig und auch gerecht. Pia weiß, wie wichtig der Nachteilsausgleich für sie ist. Aber sie will sich darauf nicht ausruhen, sondern allen zeigen, was sie drauf hat. Deswegen hat Pia ein ganz besonderes Projekt. Ich schreibe eine Geschichte, trotz dem ich diese LAS habe.

Und das liegt daran, weil mir halt nur das aus Papier bringen schwerfällt. Aber ich habe so viele Ideen im Kopf, die einfach raus müssten. Pias Geschichte handelt von einem Jaguar, der die Welt der Menschen kennenlernt und feststellt, dass er sich selbst in einen Menschen verwandelt. Sie schreibt die Geschichte zum Teil allein zu Hause und zum Teil in der Lerntherapie.

Später soll ein E-Book daraus werden. Aber erst mal hat Pias LRS-Lehrerin Frau Purath noch eine Überraschung für sie. Ich habe einer Deutschlehrerin erzählt, dass wir so ein Projekt machen. Und sie hatte dann den Vorschlag gemacht, wie es denn wäre, wenn du, wenn wir fertig sind mit dem E-Book, ein Stück daraus mal vor der Klasse vorliest.

Könntest du dir das vorstellen? Ja, schon. Aber halt nur mit richtig, richtig, richtig, richtig, richtig, ich bin noch nicht fertig, richtig, richtig guter Vorbereitung. Und dann schaffst du das. Okay. So wirklich überzeugt klingt Pia da noch nicht. Aber dann ist ihr doch bald klar, sie will sich der Herausforderung stellen.

Deswegen heißt es jetzt, üben, üben, üben. Auch wenn es ungerecht ist, nur so kann sie über ihre Leseschwäche hinauswachsen. Denn leider ist die Lerntherapie, also letztlich das zigfache Wiederholen, bislang nun einmal der einzige Weg für Menschen mit Legasthenie, halbwegs flüssig lesen zu lernen. Was wäre, wenn es eine Möglichkeit gäbe, dieses Üben zu erleichtern?

Forschende wie Katharina von der TU Dresden haben da eine ziemlich ungewöhnliche Idee. Winzige Stromstöße, die das Gehirn unterstützen sollen. Klingt krass, oder? Wir schauen uns das mal genauer an. Ihr erinnert euch, Katharina und ihr Team erforschen, welche Regionen im Gehirn bei Menschen mit LRS anders funktionieren.

Also müssen möglichst viele Menschen mit und ohne LRS in ein MRT. Das ist so eine große Röhre, die funktioniert mit einem sehr, sehr starken Magnetfeld. Und da liegen die Leute mit LRS und die Kontrollprobanden drin und machen bestimmte Aufgaben. Und dadurch, dass sie Aufgaben machen, können wir sehen, an welchen Stellen im Gehirn eine Aktivierung stattfindet.

Katharina erforscht aber nicht nur, welche Regionen im Gehirn beim Lesen gefordert werden, sondern sie versucht eben auch neue Therapiemöglichkeiten für Menschen mit LRS zu finden. Das funktioniert so. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Katharinas Studie müssen verschiedene Aufgaben lösen. Dabei tragen sie eine eng anliegende, verkabelte Haube.

Klingt komisch, sieht auch komisch aus. Aber diese Haube kann winzige Elektroschocks abschicken. Genau, also Schock würde ich es nicht nennen. Das sind ja nur ganz sanfte Ströme, die ein Kitzel verursachen. Okay, also keine Sorge. Bei Katharinas Experimenten wird niemandem wehgetan. Für unsere Pur-Plus-Folge zu Legasthenie habe ich auch schon so kleine Elektroimpulse in den Kopf bekommen.

Das fühlt sich eher an wie ein kleines Kitzeln am Hinterkopf. Manchmal merkt man das auch gar nicht. Zurück aber zum Experiment. Was hat das jetzt mit den Elektroimpulsen auf sich? Warum müssen diese Stellen im Gehirn sowas überhaupt über sich ergehen lassen? Um die so ein bisschen, sagen wir mal, zu kitzeln, also anzuregen.

Okay, also das bedeutet, der Strom stupst die Hirnregionen an und sagt, Achtung, jetzt wird was gelesen. Du musst aufmerksam sein. Ihr könnt euch das so vorstellen wie bei so einem Autorennspiel. Die Autos von Menschen mit LRS fahren auf bestimmten Datenautobahnen im Hirn ein bisschen langsamer. Sie brauchen deswegen länger, bis sie eine Runde gefahren sind.

Die Stromstöße sind jetzt wie kleine Booster für die Leseautos. So fahren sie kurz schneller und können die anderen einholen. Total gut. Deswegen ist Katharinas Forschung sehr wichtig und kann zukünftig das Leben von Kindern mit LRS vereinfachen. Die positiven Effekte könnten sein, dass das Training und das Lernen, was man eben sehr lange dann auch machen muss in der Logopädie oder mit Lerntherapeuten, dass das verkürzt wird.

Das wäre so der erste Schritt, den wir ganz gerne machen wollen würden. Dann müssten Kinder wie Pia nicht mehr ganz so viel Zeit mit Üben, Üben, Üben verbringen, sondern hätten mehr Zeit für andere Sachen. Zum Spielen zum Beispiel. Bis es soweit ist, dauert es leider noch. Katharina und ihr Team müssen noch viel forschen, bis neue Therapiemöglichkeiten wie diese in der Praxis tatsächlich verfügbar sind. Wir drücken die Daumen.

Zurück zu Pia. Sie hat in den letzten Tagen jede Menge geübt. Und jetzt ist es soweit. Heute ist der Tag, an dem ich meine Geschichte vorlese. An diesem Tag fährt Pia mit einem mulmigen Gefühl im Bauch in die Schule. Das Gefühl, das ich empfinde, wenn ich an das Vorlesen denke, ist so ... Eigentlich so pures Lampenfieber. Zum Glück hat Pia ihre beste Freundin Mina.

Ich glaube, dass Pia das schafft. Der Deutschunterricht beginnt. Pias Lehrerin bittet sie nach vorne. Pia nimmt all ihren Mut zusammen und tritt ans Vorlesepult. Ruhe bitte. Music. 3, 2, 1, bitte. Ich möchte euch heute einen Teil meiner selbstgeschriebenen Geschichte vorlesen. Vor Pia sitzen alle ihre Mitschülerinnen und Mitschüler und schauen sie erwartungsvoll an. Pia atmet tief durch.

Jetzt kommt der Moment, auf den sie so hart hingearbeitet hat. Es war früher Morgen. Das warme Morgenlicht schien in die Höhle und erwärmte mein schwarzes Fell. Schon ein Augenblick später, ich wollte mich wieder hinlegen und weiterschlafen, spürte ich, wie der Hunger mich überkam. Da passierte etwas. Ein riesiges, rauchaus speinendes, gelbäugiges Ungeheuer raste auf mich zu.

Mit klopfendem Herzen sprang ich reflexartig gleich hinter den nächsten Busch. Pia verhaspelt sich gar nicht und nach ein paar Minuten ist sie auch schon fertig. Ich wusste nicht, dass das der Weg zu einem neuen Abenteuer war. Pia hat es geschafft. Sie hat fast fehlerfrei vorgelesen. Und was noch viel wichtiger ist, sie hat sich selbst bewiesen, dass sie mit genug Übung genauso gut lesen kann wie andere Kinder auch.

Total beeindruckend. Ich bin sehr stolz. Music. Ich nehme aus dieser Folge mit, dass viel mehr Menschen als gedacht und auch viele, von denen man es echt nicht erwartet hätte, eine Leserechtschreibschwäche haben. Super wichtig also, dass Eltern und Lehrende das auf dem Schirm haben und diese Besonderheit im Zweifel diagnostizieren.

Nur so bekommen Menschen mit LRS die Hilfe, die sie brauchen, um gut durch den Alltag und vor allem durch die Schule zu kommen. Außerdem habe ich jetzt extra viel Respekt vor Kindern mit LRS, die oft besonders fleißig und stark sind. Denn sie üben und lernen etwas, obwohl ihr Gehirn nicht so wirklich darauf angelegt ist.

Das Gute, dank Smartphones, KI und Co. passiert inzwischen ja eh vieles mündlich anstatt schriftlich. Zum Beispiel, wenn wir beim Chatten Sprachnachrichten statt Texte verschicken. Und auch Wissen drin könnt ihr völlig lesefrei konsumieren. Danke an Pia, dass sie ihre Geschichte mit uns geteilt hat. Und auch danke an Katharina, die LRS erforscht und damit hoffentlich bald vielen Kindern helfen wird. Und falls ihr euch aus eigener Erfahrung mit dem Thema auskennt, schreibt mir gern, wie euch die Folge gefallen hat.

An wissendrin.zdf.de oder in die Kommentare auf der Podcast-Seite. Das war Purplus Wissen Drin mit mir, Erik. Und falls ihr es noch nicht getan habt, abonniert gerne den Podcast, damit ihr keine Folge verpasst. Oder schaut doch mal in unserer Mediathek auf zdftv.de vorbei. Purplus Wissen drin mit Erik ist eine Produktion von Kugel und Niere.

Im Auftrag des ZDF und der Redaktion Purplus. Music.

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