PUR+ Wissendrin mit Eric

21| Jung und kriminell: So kommt es (nicht) dazu

Freitag, 28. März 2025 · 23 min

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Shownotes

Die Jugend ist die kriminellste Phase im Leben von uns Menschen. Das heißt, es ist gar nicht so unwahrscheinlich und auch nicht sehr selten, dass Minderjährige Straftaten begehen. Bei vielen sind das zum Glück nur kurze, unbedachte Momente, in denen sie – etwa bei Mutproben – Verbotenes tun, wie klauen, Dinge beschädigen oder ohne Ticket Bahn fahren. (Auch Eric hat in dieser Hinsicht mal was Dummes gemacht und erzählt in dieser Folge erstmals davon.) Wer allerdings wiederholt bei so etwas erwischt wird, muss vor Gericht und manchmal sogar ins Gefängnis. Für Jugendliche gelten dabei besondere Regeln, das so genannte Jugendstrafrecht. Von der „schiefen Bahn“ wieder in die Spur zu kommen, ist trotzdem gar nicht so einfach, zumal in solchen Fällen oft auch Gewalt im Spiel ist. Ein Anti-Aggressions-Training kann helfen, seine eigenen Grenzen kennenzulernen, sie anderen zu verdeutlichen und Ärger aus dem Weg zu gehen. Doch auch wenn der Ärger schon da ist, gibt es Hilfsangebote und Wege aus der Kriminalität. Am besten ist es natürlich, gar nicht erst reinzurutschen in so etwas. Das findet auch Malek, der Eric in dieser Folge offen und ehrlich vom Weg in die Kriminalität – und wieder zurück – erzählt.

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kurz.zdf.de/J569/

Moderation: Eric Mayer
Expertin: Wenke Stolter
Autorinnen dieser Folge: Brigitte Böttcher, Yvonne Gögelein, Lena Kohlwes,
Sounddesign: Joé Fleischhauer
Produktionsleitung Kugel und Niere: Michael Bartlewski
Redaktion Kugel und Niere: Lena Kohlwes
Produktionsmanagement ZDF: Markward Barollo, Sylvia Wahmes
Redaktion ZDF: Brigitte Böttcher, Susanne Dittebrand
Leitung der Sendung: Silke Penno
Kontakt: wissendrin@zdf.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Hi Leute, hier ist Erik. Sagt mal, habt ihr eigentlich schon mal was geklaut oder was anderes Verbotenes gemacht? Ganz ehrlich, geklaut habe ich noch nie was. Aber es gibt da so eine Geschichte, die ich heute mal mit euch teilen will. Damals war ich so 13, 14 Jahre alt und habe mit zwei Freunden in einem Innenhof mit einer Steinschleuder gespielt.

Wir haben da alles Mögliche abgeschossen, also Mülltonnen, Hauswände, Bäume und so weiter. Jetzt nix wildes. Bis mich dann einer meiner Freunde herausgefordert hat und meinte, hey, probier doch mal das Fenster da hinten zu treffen. Das war total weit weg und ich dachte so, okay, das treffe ich eh niemals.

Mein Freund hat mich immer weiter angestachelt und irgendwann habe ich, ohne weiter drüber nachzudenken, die Steinschleuder genommen, aufs Fenster gezielt und... Ups, ich habe das Fenster tatsächlich getroffen und kaputt gemacht. Wir sind panisch hinter die Garage gerannt, haben uns versteckt und sind da erst mal 10 Minuten sitzen geblieben, weil wir natürlich dachten, dass sicher jemand zu dem Fenster kommen würde und sieht, dass wir das waren.

Habe ich bis heute keinem erzählt. Solche Mutproben wirken erst mal harmlos, können aber mächtig schief gehen. Ein Fenster kaputt zu machen, ist schließlich Sachbeschädigung. Und während das bei mir nicht gewollt war, gibt es auch Jugendliche, die nicht aus Versehen, sondern ganz bewusst etwas Verbotenes tun und damit tatsächlich straffällig, also kriminell werden.

Körperverletzung, Diebstahl, Raub. Heute sprechen wir über Jugendkriminalität. Wie es dazu kommen kann und wie ihr euch davor schützt. Ihr hört Wissen drin, den Podcast von PUR+. Mit mir, Erik. Ich bin auf der Suche nach Antworten, die sich oft nur durch Ausprobieren oder genaues Zuhören finden lassen. Meine Mission, was andere nur wissen, will ich mit euch.

Music. Um rauszufinden, warum junge Menschen kriminell werden, treffe ich jemanden, der sich damit sehr gut auskennt. Und zwar aus eigener Erfahrung. Melek ist 18 Jahre alt und hat geklaut. Aber bei Einmal-Klauen blieb es nicht. Meleks Straftaten wurden immer krasser. Irgendwann wurde er sogar gewalttätig.

Wie es dazu kommen konnte, darüber will ich mit ihm sprechen. Ich treffe Melek in einem Park. Eigentlich heißt er ganz anders, aber er möchte lieber anonym bleiben. Melek trägt eine schwarze Kappe, die er tief ins Gesicht gezogen hat. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf einen Basketballplatz und Melek beginnt zu erzählen.

Von früher, obwohl er ja gerade mal 18 Jahre alt ist. Denn seine erste Straftat, die liegt schon ziemlich lange zurück. Ja, mit zwölf, Diebstahl. Nein, mit elf. Mit elf Jahren schon. Ja, mit elf Jahren. Diebstahl, das war Alkohol. Ich wollte nämlich Alkohol klauen und das an die Älteren verkaufen. Weil ich hatte einen Kollegen beim Fußball, der war ein Jahr älter als ich.

Dann hat er mir mal gesagt, willst du leichtes Geld verdienen? Dann müssen wir Alkohol klauen. Das klappt ganz schnell. Wir gehen zu zweit in den Laden rein. Das erinnert mich an meine Situation mit der Steinschleuder und dem Fenster. Ein Freund schlägt etwas vor, was gefährlich und auch verboten ist.

Und man selbst steht vor der Entscheidung, mache ich mit oder sage ich nein? Ich habe damals Ja gesagt. Und auch Malek entschied sich in der Situation mit seinem Freund, ich bin dabei. Warum hast du in dem Moment eigentlich gedacht, das ist eine gute Idee? Wie hat sich das angefühlt? Hat sich das irgendwie cool angefühlt? Hattest du auch Angst?

Konntest du auch Nein sagen oder ist dir das so schwer gefallen, Nein zu sagen? Genau das war es. Es fiel mir so schwer, Nein zu sagen, weil es erstens mein bester Freund war. Ich habe mit denen drei Jahre Fußball gespielt und ich habe ihnen so sehr vertraut. Cool fühlst du dich erst, wenn du fertig bist mit der Sache, wenn du raus aus dem Laden bist, wenn du etwas dabei hast und dann fühlst du dich cool.

Etwas zu klauen ist natürlich nicht cool, aber Meleks Geschichte ist kein Einzelfall. Denn wusstet ihr, dass wir als Jugendliche die kriminellste Phase unseres Lebens durchmachen? Das heißt, es ist gar nicht so selten, dass minderjährige Straftaten begehen. Wie oft das vorkommt und warum junge Menschen so anfällig dafür sind, auf die schiefe Bahn zu geraten, das erfahrt ihr in unserer Rubrik Besser Wissen Drin.

Besser Wissen Drin. Jugendliche sind besonders risikobereit und haben entwicklungsbedingt einen größeren Drang dazu, Grenzen auszutesten als Erwachsene. Das liegt daran, dass wir uns in der Pubertät langsam von unseren Eltern lösen und eigenständige Menschen werden, uns also nicht mehr so viel sagen lassen wollen.

Gleichzeitig aber ist das Gehirn zu dieser Zeit noch gar nicht vollständig entwickelt. Zum Beispiel der präfrontale Kortex. Dieser Bereich im Gehirn ist dafür zuständig, dass wir langfristig denken, Risiken abschätzen und vernünftige Entscheidungen treffen können. Ohne uns dabei nur von unseren Gefühlen leiten zu lassen.

Durch den noch nicht fertig entwickelten präfrontalen Kortex neigen junge Menschen zu spontanen Quatschaktionen, haben die Auswirkungen ihrer Handlungen noch nicht so im Blick und lassen sich deswegen leider auch leichter zu Verbotenem hinreißen. Jugendliche werden aber nicht kriminell, einfach nur weil sie jung sind.

Unsere Persönlichkeit, unsere Umwelt und wie wir aufwachsen, all das beeinflusst, ob wir grundsätzlich dazu bereit sind, Straftaten zu begehen oder ob wir eher vorsichtig sind und lieber regelkonform leben. Und wie viele kriminelle Kinder und Teenies gibt es jetzt in Deutschland? 2023 wurden in Deutschland rund 300.000 Sechs- bis 17-Jährige von der Polizei als tatverdächtig aufgegriffen.

300.000! Das sind etwa so viele wie sämtliche Kinder aus 400 Grundschulen. Die häufigste Straftat in dieser Altersgruppe ist übrigens Clown. Im Jahr 2023 wurden fast 100.000 Diebstähle allein von unter 18-Jährigen erfasst. Danach kommen Körperverletzungen und auf Platz 3 das Nutzen von Bus und Bahn ohne Fahrschein.

Music. Auch Meleks erste Straftat war Diebstahl. Und er klaute immer wertvollere Sachen. Ich hab oft Jacken geklaut im Wert von 200 bis 300 Euro. Also richtig teure Klammern? Ja, wirklich. Und die hast du auch weiterverkauft? Ja. Wie alt warst du da ungefähr? 12 bis 13, das ging schon bis 15. Da hab ich immer weitergemacht.

Wie gesagt, nicht nur im Supermarkt, ich hab auch draußen Leute bestohlen. Aber wie hast du die dann beklaut? So heimlich, dass du in die Tasche gegangen bist? Nee, nee, nee. Wir treffen uns und dann werden die bedroht. und dann wird ihnen das entwendet und die meisten melden sich nicht bei der Polizei, weil die zu viel Angst haben. Boah, krass.

Weil die Opfer nicht zur Polizei gegangen sind, hat Mellek sie erst recht nicht in Ruhe gelassen, sondern immer weitergemacht. Und dabei wurde er immer brutaler. Also das heißt, du warst jemand, vor dem man auch Angst hatte. Ja. Hast du in dem Moment daran gedacht, was andere fühlen, wie es denen damit geht, wie du sie behandelst?

Immer wieder, immer wieder. Ja, aber ich würde sagen, nach meiner sechsten Straftat oder so, dann war es schon Normalität. Das war Normalität für dich? Krass. In Deutschland sind wir ab 14 Jahren strafmündig. Das heißt, ab dann können wir von einem Gericht zu einer Strafe verurteilt werden. Mellek war bei seinen ersten Straftaten aber unter 14, also nicht strafmündig und musste deswegen nicht vor Gericht.

Konsequenzen hatten seine Straftaten trotzdem. Wie war das so, bis du 14 warst, was hat es mit dir gemacht? Wie hat sich so zum Beispiel deine schulische Leistung verändert in dieser Zeit? Der krasseste Abschluss, den du dir vorstellen kannst. Grundschule angefangen, dann zwei Jahre Gymnasium, fünfte, sechste Klasse, direkt rausgeflogen.

Dann direkt die Realschule, von der Realschule auf die Hauptschule, nicht mal ein Hauptschulabschluss. So weit kam es. Das heißt, also dieses Leben, was du dann geführt hast, was dich so auf den falschen Weg geführt hat, du hast Straftaten begangen, hat auch dazu geführt, dass du in der Schule immer schlechter wurdest, dass du eigentlich noch nicht mal einen Schulabschluss am Ende gemacht hast, obwohl du im Gymnasium gestartet bist.

Für Jugendliche gelten vor Gericht übrigens andere Regeln als für Erwachsene. Und sie kommen vor ein spezielles Jugendgericht. Dort treffen sie dann auf Jugendrichterinnen wie Wenke Stolter. Und was für Sanktionen, das ist ein anderes Wort für Strafen, sie verhängen darf, das will ich jetzt von ihr wissen. Ich rufe sie einfach mal an.

Hallo, Wenke Stolter hier. Hallo, hier ist der Erik von Wissen drin. Hi Erik. Also man kann ja wirklich sagen, Sie sind die Person, die dann da im Gericht sitzt und eine Strafe verhängt und einen Jugendlichen ja vielleicht sogar ins Gefängnis schickt, oder? Wie sieht dieser Job genau aus? Ja, also nicht nur das.

Wir gucken natürlich erstmal, hat der Jugendliche überhaupt eine Straftat begangen? Dafür gibt es erstmal eine Verhandlung, eine Strafverhandlung, in der Beweise erhoben werden, Zeugen vernommen werden und so weiter. Und dann beschäftigen wir uns mit der Person des Jugendlichen besonders intensiv und schauen, wie wir diesen Jugendlichen, wenn er dann diese Straftat begangen hat, auf die richtige Bahn zurückbringen können.

Also wie wir durch Maßnahmen und Sanktionen verhindern können, dass er neue Straftaten begeht. Das heißt, bei den Strafen, die Sie verhängen, haben Sie immer auch im Kopf, was kann ich hier eigentlich tun? Also wie kann ich das vielleicht auch einsetzen, dieses Mittel der Strafe, dass dieser Jugendliche, diese Jugendliche vor mir hier nicht nochmal straffällig wird?

Das sage ich auch meinen Jugendlichen am Ende der Hauptverhandlung immer. Also ich hoffe, dass wir uns nicht wiedersehen, jedenfalls nicht in diesem Gerichtssaal. Ja, das hoffen die bestimmt auch. Ja, genau, das ist eben nämlich genau das Ding. Wenn es richtig gut läuft, haben wir ja in der Hauptverhandlung schon einen Jugendlichen sitzen, der durch sein Elternhaus schon Sanktionen bekommen hat für diese Straftat, der bei der Jugendgerichtshilfe schon Gespräche geführt hat im Vorfeld zu der Verhandlung und der bei mir völlig geläutert sitzt und sich entschuldigt und sagt, es tut mir leid, ich mache das nie wieder, das war so eine dumme Idee.

Also wir können als Jugendrichter auch ein Auge zudrücken und sagen, du gehst jetzt heute hier aus der Hauptverhandlung raus und es passiert nichts. Nur leider ist die Regel so, dass wir nicht immer Jugendliche haben, die Einsicht zeigen und die auch die Verantwortung für das, was sie gemacht haben, übernehmen.

Und dann ist man eben dabei, dass man eben Sanktionen finden muss, die auf diesen Fall passen. Und jemand, der solche Sanktionen auch erlebt hat, ist Melek. Zu Beginn seiner kriminellen Karriere war Melek ja auch unter 14. Das bedeutet, dass er da noch nicht strafmündig war. Was wäre passiert, wenn er über 14 gewesen wäre mit ihm? Ja, dann wäre er sicherlich angeklagt worden von der Staatsanwaltschaft und dann hätte man eben in der Hauptverhandlung gucken müssen, wie er damit umgeht.

Aber wenn ich den Fall von Malek richtig verstanden habe, hat er immer und immer wieder Straftaten begangen. Und dann geht es eben in der untersten Stufe los mit einfachen Erziehungsmaßregeln. Das kann zum Beispiel sein, einen Ausgleich mit dem Opfer zu finden oder Sozialstunden abzuleisten oder auch soziale Trainingskurse zu absolvieren.

Geht es weiter mit etwas schärferen Mitteln. Das nennt der Gesetzgeber Zuchtmittel. Ein ganz altes Wort, passt eigentlich auch nicht mehr in die Zeit, aber im Gesetz steht es noch so drin. Und da kann es dann bis zum Arrest, das ist ein Dauerarrest, der kann von einer Woche bis zu vier Wochen dauern.

Und wenn Malek dann aber immer noch nicht begriffen hat, dass es für ihn sozusagen nur noch bergab geht, dann kann das Gericht auch mit einer sogenannten Jugendstrafe reagieren. Und die Jugendstrafe ist quasi die einzige Strafe, die das Jugendgerichtsgesetz als solche richtig vorsieht. Wie auch der Begriff schon sagt.

Und das bedeutet Freiheitsentzug von mindestens sechs Monaten bis, in ganz krassen Fällen, bei Verbrechen bis zu zehn Jahren. Also dann ist man tatsächlich dann eingesperrt. Genau. Und ich kann dir auch sagen, warum. Wenn der Jugendliche in die Jugendstrafanstalt kommt, dann hat man ja beim Jugendlichen auch den Anspruch, mit ihm in dieser Zeit an seiner Persönlichkeit und an seiner Erziehung zu arbeiten.

Also man will die Zeit haben, mit ihm wirklich auch zu arbeiten und ihn auf einen guten Weg zu bringen. Genau. Und das wird auch gemacht. Jetzt ist es Ihr Job, natürlich junge Menschen da anzugucken und auch zu entscheiden, wie es mit denen weitergeht. Fällt es einem nicht total schwer, gerade bei jungen Menschen?

Es fällt mir schwer, weil ich häufig nicht die Hoffnung habe, dass sich was bessert, solange das soziale Umfeld so bleibt. Und ich kann ja als Jugendrichterin nichts am sozialen Umfeld ändern. Die Eltern werden die Eltern bleiben, die Freunde werden die Freunde bleiben, es sei denn, der oder die Jugendliche entscheidet sich selbst, etwas zu ändern.

Also ich wünsche Ihnen auf jeden Fall weiterhin viele gute, gerechte Urteile in der Zukunft und eigentlich wünsche ich Ihnen, dass Sie nicht so viel zu tun haben und nicht so viele jugendliche Straftaten begehen. Das wäre doch eigentlich in unserem Sinne, oder? Ja, das wünsche ich mir auch. Vielen Dank für die Infos zu Ihrem Job. Danke, tschüss.

Echt interessant. Vorm Jugendgericht ist es also nicht nur wichtig, was man gemacht hat, sondern auch, ob man seine Tat bereut. Und Jugendliche bekommen statt einer Haftstrafe besonders oft Sozialstunden oder die Teilnahme an speziellen Trainingsprogrammen aufgedrückt. Auch Melek hat Hilfe durch so ein Programm bekommen. Und zwar von Kurvekriegen.

Das ist ein Programm, bei dem Polizei und Pädagogen zusammenarbeiten, damit Kinder raus aus der Kriminalität finden. Anfangs hatte Melek gar keine Lust darauf. Ich hatte Wut und ich hatte, weil, ich muss dir mal vorstellen, wenn du so bist, wie du warst und wenn du so ein Leben lebst, dann willst du dich gar nicht verändern.

Ich habe schon irgendwie gemerkt, ich brauche das, habe ich gemerkt. Nur ich war halt so stur und ich war, nein, ich brauche das nicht, ich brauche das nicht, weil ich irgendwie nicht meine weiche Seite zeigen wollte, dass ich jemanden brauche oder dass ich irgendwie Hilfe brauche. Aber die Betreuer aus dem Programm haben nicht locker gelassen.

Einer davon war Gregor Wienand. Er kommt zum Treffen von mir und Melleck im Park dazu und wir quatschen ein bisschen. Gregor hat so eine entspannte Ausstrahlung. Ihn bringt, glaube ich, nix so schnell aus der Ruhe. Und das ist sicherlich hilfreich, wenn du mit Jugendlichen ins Gespräch kommen willst, die auf dich überhaupt keinen Bock haben.

Gregor erzählt, was dafür noch wichtig ist, außer gechillt sein. Dranbleiben, in Kontakt bleiben, aufmerksam sein, nachfragen. Das heißt, man kriegt euch nicht los eigentlich. Wir schauen, was sind die Risikofaktoren. Gibt es kriminelle Freunde, Peers, nennen wir das, mit denen sie rumhängen. Wir gucken erst mal, was zieht die Jungs runter.

Und dann schauen wir auch, wie können wir diese Risikofaktoren bearbeiten von außen. Das finde ich ganz spannend, weil genau das zeigt ja, dass wir Menschen sind ja ein Großteil das, was auch auf uns einströmt. Wie die Umgebung ist, wie die Menschen sind, die um uns sind. Das heißt, ihr guckt gar nicht nur, bist du irgendwie eine falsche Person, sondern was ist eigentlich die Umgebung, die dich zu der Person gemacht hat.

Und das wollt ihr verändern. Zusätzlich helfen Gregor und seine Kollegen Melek dabei, besser mit seiner Wut umzugehen. Das geht mit einem sogenannten Coolness-Training. Wo er sich nicht nur im Gespräch mit mir, sondern mit Gleichaltrigen unter Anleitung von super ausgebildeten Pädagogen ausprobieren kann, Feedback einholen kann.

Auch wenn Mellek anfangs skeptisch war, ihm gefällt das Coolness-Training richtig gut. Wir haben auf jeden Fall jedes Training darüber geredet, was wir diesen Monat gemacht haben. Und ich glaube, das hat sehr viel den Kopf befreit, weil du dann wieder rückblickend merkst, was du gemacht hast und wie du es gemacht hast. und wenn du sogar keine Straftat gemacht hast, sind die stolz auf dich und sagen, krass, du hast diesen Monat keine Straftat gemacht, sehr gut.

Und dann war das bei mir nach Monaten auf einmal, hä, du hast sieben Monate keine Straftat gemacht, wie ist das denn und so und dann hast du dich auf einmal wieder so krass gefühlt. Nicht in dem Sinne krass, wenn du zum Beispiel was geklaut hast, ja, ich habe was geklaut, sondern ich glaube, du warst stolz auf dich, oder, dass du es durchgehalten hast.

Total die wichtige Erfahrung für Melek. So ein Coolness-Training besteht aber nicht nur aus Gesprächen, sondern auch aus konkreten Übungen. Deshalb wird das oft an Schulen angeboten. Denn es soll auch präventiv, das heißt vorbeugend helfen, also verhindern, dass Jugendliche überhaupt straffällig werden.

Konkrete Übungen, ja das ist doch was für mich. Mich interessiert, welche Erfahrungen macht man bei so einem Training? Und wie können die einem in brenzligen Situationen helfen? Weiß ich nicht, probiere ich aus. Dafür nimmt Melek mich mit zu seinem Coolness-Trainer. Wir treffen ihn in einem Fortbildungsraum, So ähnlich wie ein Klassenzimmer.

Hier macht er mit mir heute eine von den Übungen, die auch Melek in seinen ersten Trainingseinheiten durchlaufen hat. Was lernt man da bei diesem Coolness-Training? Das Coolness-Training ist ein Training fürs Leben. Das braucht man überall. Konflikte haben wir überall. Und genau im Training lernen wir auch, wie wir Konflikte lösen. Und zwar friedlich.

Ohne Gewalt. Das ist Ibrahim, Meleks Coolness-Trainer. Typ Bodybuilder mit offener und freundlicher Ausstrahlung. Ich fühle mich gleich wohl bei ihm. Und das ist auch gut, denn wir legen direkt los. Wir räumen die Stühle an den Rand des Raumes, damit wir viel Platz haben. Ibrahim stellt sich auf der anderen Seite des Raumes auf und läuft langsam auf mich zu.

Er guckt jetzt auch nicht mehr ganz so freundlich. Sein Gesicht ist irgendwie verschlossen. Mir ist unklar, was er von mir will. Und er macht erst Halt, als er ganz nah vor mir steht. nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Mir ist das total unangenehm, weil es so ungewohnt nahe ist. Und ich fange an zu lachen, um meine Unsicherheit zu überspielen.

Zum Glück macht sich dann auch auf Ibrahims Gesicht ein Grinsen breit. Er stimmt in mein Lachen ein und macht wieder einen Schritt zurück. Wie geht's dir? Gut, du warst aber sehr nah. Ich komme gerade nochmal auf dich zurück. Wie war es für dich gerade? Von 1 bis 10. 10 ist schlecht. 7 oder 8? Ibrahim macht wieder einen Schritt auf mich zu. Ja, jetzt ist es 8,5 oder 9. Das ist zu nah.

Das ist zu nah. Okay, ich gehe mal gerne einen kleinen Schritt zurück. Ibrahim geht wieder zurück auf seine Anfangsposition und beginnt von Neuem auf mich zuzulaufen. Doch auch dieses Mal macht er erst wieder Halt, als er kurz vor mir steht. Da, wo es vorhin für mich eigentlich eine 7 oder 8 war. Also unangenehm.

Du kommst ja wieder so nah. Ich komm ja immer wieder noch. Du hast mir gerade nicht gezeigt. Ach so. Wo soll ich dann aufhören? Ja, das ist natürlich die Sache. Ich kann also sagen, dass ich es nicht will. Okay, was willst du nicht? Dass du so nah kommst. Erst jetzt geht Ibrahim einen Schritt zurück. Aber warum hast du mich nicht vorher signalisiert, dass du es gerade nicht willst?

Dass ich gerade auf dich zurückkomme? Ja klar, ich muss sagen, was ich nicht möchte, wenn es mir unangenehm ist. Also nochmal von vorne. Ibrahim geht wieder auf seine Startposition und läuft wieder auf mich zu. Aber dieses Mal macht Ibrahim es noch etwas schwerer und schaut mich herausfordernd an. Was guckst du so? Was guckst du so? Wow.

Ich mache einen Schritt zur Seite und drehe mich von Ibrahim weg. War das die richtige Reaktion? Gut, hat er gut gemacht. Top. Ibrahim gibt mir ein High Five. Sehr gut, schön. Ignorieren und die Situation verlassen, das war schon mal nicht schlecht. Ibrahim will mir jetzt aber zeigen, wie ich noch besser reagieren kann.

Deshalb soll jetzt ich auf ihn zugehen und ihn provozieren. Ich mache ein paar Schritte auf Ibrahim zu, doch bevor ich auch nur was sagen kann, schaut mir Ibrahim direkt in die Augen. Nein, nein! Boah, krass. Ich bin ganz perplex und gehe sofort zur Seite. Wie macht Ibrahim das? Du hast auf meine Körperhaltung geachtet.

Du hast eine starke Körperhaltung gehabt und abwehrend. Du hast gesagt nein. Er hat nicht nur laut und deutlich Nein gesagt. Er stand breitbeinig, hat mich direkt angeschaut und seine Hand abwehrend gehoben. 70-80% kommunizieren wir einfach nur durch unsere Körperhaltung. Sag, bitte gib mir ein klares Signal, dass du es nicht willst.

Wenn die Person nicht aufhört, dann gibt es beim zweiten Mal, wäre es so lauter, Stopp! Stopp! Grenzen erkennen und klar Stopp sagen. Das ist nicht immer einfach, aber total wichtig. Das Gute ist, man kann es trainieren. So wie Ibrahim und ich gerade. Probiert es mal zu Hause mit euren Freunden aus. Je öfter man so etwas macht, desto leichter fällt es einem.

Und was mindestens genauso wichtig ist, Wenn ihr mitbekommt, dass es Stress gibt, zum Beispiel auf dem Schulhof, holt Hilfe, zum Beispiel eine Lehrkraft. Aber schaut nicht zu, denn selbst wenn ihr die Prügler nicht anfeuert, schenkt ihr ihnen Aufmerksamkeit. Und das kann sie motivieren. Leute, die zuschauen, die unterstützen das teilweise bewusst als auch unbewusst.

Deswegen ist wichtig. Achte auf dich, lass dich nicht von den anderen steuern. Lass die Kontrolle gerne bei dir. Du kannst das. Dass junge Menschen Grenzen austesten und dabei, und sei es auch unbeabsichtigt, mal etwas Verbotenes tun, kommt häufiger vor, als ich dachte. Wichtig ist, aus seinen Fehlern zu lernen und sich nicht von anderen Leuten zu blöden Aktionen überreden zu lassen.

Ob ihr noch unter 14 Jahren oder schon strafmündig seid, besser ist es, gar nicht erst auf die schiefe Bahn zu geraten. Wenn ihr mal in die Situation kommen solltet, dass jemand Stress mit euch sucht, sagt laut und deutlich Nein. Und geht. Je selbstbewusster ihr dabei auftretet, desto besser. Auch Melek wünschte sich, dass er damals Nein gesagt hätte.

Ihr wisst schon, als sein Kumpel ihn gefragt hat, ob sie zusammen Alkohol klauen wollen. Wenn du jetzt heute deinem elfjährigen Ich was sagen könntest, was würdest du dem sagen? Wie soll der mit deinem Freund umgehen? Was hätte der sagen sollen damals eigentlich? Direkt Abstand halten. Einfach sich um sich selbst kümmern und nicht auf andere hören, nicht auf andere gucken.

Manchmal guckst du dir halt das Falsche ab, vor allem als Junge, als junger Junge. Music. Das war Purplus Wissen drin mit mir, Erik. Und falls ihr es noch nicht getan habt, abonniert gerne den Podcast, damit ihr keine Folge verpasst. Purplus Wissen drin mit Erik ist eine Produktion von Kugel und Niere.

Im Auftrag des ZDF und der Redaktion PUR+. Music.

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