Rätsel des Unbewußten. Psychoanalyse & Psychotherapie.· Folge 174

Schizoidie. Der Einzelgänger in uns (95)

Freitag, 2. Oktober 2026 · 46 min

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Shownotes

RätselWissen
Schizoidie wird oft mit emotionaler Kälte, Rückzug und Einzelgängertum verbunden. Doch hinter schizoiden Persönlichkeitszügen kann sich eine besonders empfindsame innere Welt verbergen. In dieser Folge fragen wir, warum Nähe zugleich ersehnt und als vereinnahmend erlebt werden kann, weshalb sich Beziehungen ins Innere verlagern und wie Rückzug dazu dient, die eigene Eigenheit zu schützen. Wir sprechen über typische schizoide Dynamiken, mögliche biografische Hintergründe, die Abgrenzung zu Autismus und sozialer Angst sowie darüber, wie Menschen lernen können, Beziehung zuzulassen, ohne sich selbst darin zu verlieren.

Skript zur Folge: patreon.com/raetseldesubw/posts/171123473

Vertiefungsfolge: Therapeutische Zugänge: patreon.com/raetseldesubw/posts/171124472

Folge zu: "Die Pseudogemeinschaft" und übergriffige Familien: patreon.com/raetseldesubw/posts/lyman-wynne-di…

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Literaturempfehlung zur Folge:

• McWilliams, N. (2006). Some Thoughts about Schizoid Dynamics. The Psychoanalytic Review, 93(1), 1–24. PubMed

• McWilliams, N. (2011). Psychoanalytic Diagnosis: Understanding Personality Structure in the Clinical Process. Guilford Press.

• Ogden, T. H. (2006). Frühe Formen des Erlebens. Psychosozial-Verlag. Psychosozial-Verlag

• Fairbairn, W. R. D. (1940). Schizoid Factors in the Personality. In: Psychoanalytic Studies of the Personality, 3–27.
-Guntrip, H. (1969). Schizoid Phenomena, Object Relations and the Self. International Universities Press.
Doidge, N. (2001). Diagnosing The English Patient: Schizoid Fantasies of Being Skinless and Being Buried Alive. Journal of the American Psychoanalytic Association, 49, 279–309.

- Nord, C., Höger, D. & Eckert, J. (2000). Bindungsmuster von Psychotherapeuten. Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie, 4(2), 76–86.

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• Vertiefungsfolge "Beendigung von Therapien" auf Patreon: patreon.com/posts/127931630

• Folge zu Glenn Gabbard und den "liebeskranken" Analytiker: patreon.com/posts/121877727?collection=148939

Kontakt: lives@psy-cast.org

Erziehungskonzepte psychoanalytisch betrachtet (5 Teile): patreon.com/collection/148943
Digitaler Lesekreis zum Thema "Wie die Digitalisierung unsere psychische Struktur verändert" (1. Folge ist frei zugänglich): patreon.com/posts/lesekreis-werner-94838102

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In psychischen Krisen können auch Hausarzt/ärztin, Psychiater/in und Psychotherapeut/innen Ansprechpartner sein. In Notfällen kann man sich zudem an eine psychiatrische Klinik wenden

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Musik: Brahms, Intermezzo Op.117 No. 1

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In dieser Folge hört ihr, was Schizoidie eigentlich bedeutet und wie sich ein schizoider Rückzug verstehen lässt. Wir werden hören dass hinter der Schizoidie Keineswegs nur die besondere Eigenheit einiger weniger Menschen steht, sondern etwas das in unterschiedlichem Ausmaß jeden Menschen betrifft. Ein Verständnis der Schizoidie kann auch helfen, manche besonders festgefahrene therapeutische Prozesse wieder lebendig zu machen!

Wir haben zur dieser Folge eine Vertiefungsfolge aufgenommen, in der wir uns vor allem mit therapeutischen Zugängen befassen. Worauf kommt es in der Behandlung von Menschen mit einer schizoiden Tendenz an? Ihr findet die Vertiefungsfolge auf unserer Förderplattform Patreon. Dort findet ihr mittlerweile mehr als einhundert Bonus-Folgen.

Einen Zugang zu allen Inhalten bekommt ihr auf dem Level Heldin oder Held des Unbewussten. Shizuidi gehört vielleicht zu den am wenigsten bekannten und verstandenen Formen psychischen Erlebens. Dabei beschreibt sie aus psychoanalytischer Sicht etwas, dass keineswegs nur einige wenige Menschen betrifft.

Jeder Mensch hat einen Schizoidenbereich desselbst, wie wir noch hören werden. Und auch in Therapien ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Menschen in bestimmten Phasen auf Schizoide-Abwehrformen zurückgreifen! Doch was ist mit Schizoidi überhaupt gemeint? Schon das Wort weckt eine Reihe von Assoziationen die eher in die Irre führen – Schizoidie ist etwa nicht dasselbe als Schizophrenie und bedeutet auch nicht, daß ein Mensch in irgendeinem Sinne verrückt oder wie es ein verbreitetes Hollywood-Klischee nahelegt in mehrere Persönlichkeiten gespalten wäre.

Hören wir uns dazu ein Beispiel an Emma, eine gute Freundin von Johann beschreibt ihn etwa so Johann den kenne ich schon lang das heißt kennen also dass gerade eigentlich nicht. aber Ich mag ihn und er gehört einfach zu unserer Freundesgruppe. Er ist ein ganz lieber ehrlicher Typ vielleicht fast zu ehrlich Aber man muss ihm das lassen, er spricht nie etwas Wertendes aus oder irgendeine unbedachte Meinung sondern halt wirklich einfach nur das was er denkt.

Manchmal wirkt er auf mich dabei fast etwas hilflos oder zumindest unbeholfen. Auf Geburtstagsfeiern findet man ihn selten mitten in der Runde meist sitze etwas am Rand hört zu beobachtet sagt zwischendurch etwas total Treffendes und ist dann wieder still. Viele mögen ihn weil er aufmerksam und freundlich ist und auch sehr klug.

Aber er muss das nicht raushängen lassen, er drückt das einem nie auf. Er holt sozusagen nie die Ellenbogen raus! Man kann richtig tolle Gespräche mit ihm führen über Gott und die Welt – er kennt sich in vielen aus. Man kann ihn auch von eigenen Sorgen erzählen — erst ein guter Zuhörer. Aber man darf nicht erwarten dass das dazu führen würde, dass er sich auch mal öffnet.

Es ist schon schwer an ihn heranzukommen. so richtig wissen wer es ist was ihn so wirklich innerlich beschäftigt tue ich eigentlich nicht Obwohl wir uns jetzt schon seit Jahren kennen. Er hat etwas einerseits ganz Beständiges, trägt zum Beispiel seit Jahren immer dieselben Sachen – aber man muss ihn sein Ding machen lassen!

Er ist sehr darauf bedacht selbst zu bestimmen wann er dabei ist und wann nicht. Einmal wollten wir einen Spieleabend machen und hatten ihm zum Spieler etter bestimmt. Man hat sofort gemerkt dass ihm das nicht so ganz gepasst hat. An dem Abend kam er dann tatsächlich einfach gar nicht, keiner hat ihn erreicht.

Erst einige Zeit später haben wir ihn wieder zu Gesicht bekommen und darauf angesprochen, meinte er in dieser typischen Johann-Manier ich wollte sehen ob ihr auch ohne institutionelle Leitung spielfähig seid. Ich habe ihn bislang nur einmal in einer Beziehung mit einer Frau gesehen aber wer weiß schon was er genau treibt?

Er war dann jedenfalls ausgerechnet mit so einer ziemlich dominanten Frau zusammen die uns alle ein bisschen genervt hat. dass er sich gerade auf sie eingelassen hat fand ich immer erstaunlich. Irgendwann ist das aber im Sande verlaufen. Ich glaube, sie hat sich am Ende auch ziemlich die Zähne an ihm ausgebissen.".

Johann verkörpert damit einige typische schizuide Züge – eine gewisse Fremdheit gegenüber der sozialen Welt, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Rückzug, aber auch die Fähigkeit zu Wärme- und Zugewandtheit ohne sich selbst emotional allzu sehr zu öffnen. Entscheidend ist dabei weniger das äußerlich sichtbare Einzelgängertum als eine innere Distanz, durch die er auch in mitten anderer für sich bleibt.

Wie wir hören werden kann Schizoidie aber noch andere Gestalten annehmen. Schizoidezüge können unterschiedlich stark ausgeprägt sein – bilden sie ein dauerhaftes starres Muster sprechen psychiatrische Klassifikation von einer schizoiden Persönlichkeitsstörung Wobei der Begriff Persönlichkeitsstörung eigentlich immer etwas Wertendes hat.

Keine Persönlichkeit ist gestört, jede Persönigkeit ist ein komplexes Gebilde für das es gute Gründe gibt warum es besteht. Das ICD-X beschreibt dabei unter anderem folgende Merkmale Emotionale Kühle Distanziertheit oder eine eingeschränkte Fähigkeit Gefühle auszudrücken. Eine deutliche Vorliebe für Aktivitäten, die man allein ausübt.

Eine ausgeprägte Beschäftigung mit Fantasien und der eigenen inneren Welt. Wenige oder keine engen Freundschaften beziehungsweise vertraute Beziehungen und wenig Wunsch danach sowie eine auffällige Gleichgültigkeit gegenüber Lob- und Kritik anderer. Damit solche merkmale Krankheitswert bekommen müssen sie mit erheblichem Leid verbunden sein.

Ein einsamer Wolf oder eine einsame Wölfe zu sein ist keine Krankheit, sondern kann in gewissen Ausmaß sogar eine gesunde Antwort auf eine Welt sein die immer zur Verbindung, Präsenz und soziale Teilhabe fordert. Bei einem Menschen mit ausgeprägter Shitzuidi steht dagegen nicht selten eine tiefe Einsamkeit im Hintergrund, die von Ängsten- oder depressiven Gefühlen begleitet sein kann – auch wenn diese Einsamkeiten selbst nicht immer als solche wahrgenommen wird.

Einzelgängertum, sozialer Rückzug und emotionale Distanziertheit sind zunächst nur von außensichtbare Phänomene – und sie können sehr unterschiedliche Gründe haben etwa soziale Angst oder Formen des Autismus oder schlicht eine Depression. Sie erklären noch nicht was an der Schizoidie eigentlich Schizoid ist.

Dafür müssen wir die Perspektive wechseln. Wie erlebt ein Mensch sich und andere selbst? Wir werden sehen, dass das psychoanalytische Verständnis von Schizoidie weit über das Klischeebild des Eigenbrötlers hinausgeht. Die Psychoanalytikerin Nancy McWilliams die sich intensiv mit Schizoiden erleben beschäftigt hat dreht das verbreitete Bild des emotional kühlen Einzelgängers gewissermaßen um.

Der Rückzug muss keineswegs aus einem zu wenig angefühl oder mangelnder emotionaler Resonanz entstehen. Im Gegenteil kann dahinter gerade ein zu viel an Impfsamkeit stehen, eine besondere Reagibilität auf emotionale Beziehungen. Die Schizoider-Abwehr dient dann dazu diese Intensität zu regulieren und den eigenen inneren Raum zu schützen.

Der Rückzug ist nicht einfach Ausdruck einer irgendwie gearteten Unfähigkeit sondern bereits ein Innerer meist unbewusster Lösungsversuch. Vielleicht lässt sich dieses innere Leben an einigen charakteristischen Leitsätzen verdeutlichen, die nicht notwendig bewusst gedacht werden sondern eher ausdrücken wie sich die eigene Person andere und Beziehungen innerlich anfühlen.

Ich bin anders als die anderen Ein grundlegendes Gefühl der Fremdheit gegenüber der sozialen Welt Als stünde man eher beobachtend am Spielfeldrand statt wirklich Teil von ihr zu sein. Das kann zu einem offensichtlichen Rückzug führen, eine Person die ganz offensichtlich Schwierigkeiten hat, Teil einer Gruppe zu sein – sich selbst geradezu von ihr abkapselt lieber für sich ist, vielleicht auch Körperberührungen meidet, möglicherweise auch den Augenkontakt nur kurz hält aus dem Gefühl heraus bereits das dringe zu sehr in die eigene Sphäre ein.".

Der Rückzug kann aber auch fast ausschließlich nur innerlich, gewissermaßen im unsichtbaren Stadt finden. Ein Mensch kann Kontakte pflegen und am sozialen Leben teilnehmen – doch innerlich vollzieht sich das was man Psychoanalytisch einen Besetzungsabzug nennt. Das äußere Geschehen gewinnt nicht dieselbe emotionale Bedeutung wie für andere.

Das kann so weit gehen dass jemand scheinbar offen und mitteilsam ist und dennoch innerlich auf Distanz bleibt. In Anlehnung an dem Psychoanalytiker William Fairbain könnte man von einem sich zeigen ohne etwas von sich zu geben sprechen, die Person kann durchaus sehr persönliche ja intime Dinge von sich preisgeben aber gerade dadurch dass sie ihn zuvor innerlich ihre emotionale Bedeutung entzogen hat was für den anderen wie ein Moment großer Offenheit und Nähe erscheint berührt die Person selbst kaum.

Das eigentliche, der emotionale Kern bleibt verborgen und gewissermaßen unangetastet. Gerade in Psychotherapien kann das bedeutsam werden. Ein Mensch kann sogar sehr viel über sich erzählen ohne dass es dem Therapeuten gelingt ihm emotional wirklich nahe zu kommen was nicht selten den Weg in eine als Obtherapie ebnet.

Das zeigt sich auch, dass sich schizuide Mechanismen keineswegs nur in äußerlich sichtbarem Einzelgängertum äußern. Entscheidend ist, welche emotionale Bedeutung Beziehungen für einen Menschen haben und wie weit der andere tatsächlich an sich heranlässt. Eine Klassifikation die sich nur an äuzerlich beobachtbaren Verhalten orientiert erfasst hier den entscheidenden innern Vorgang nicht.

Andere kommen mir zu nahe. Nähe kann als etwas Eindringendes, Einkreisendes oder Vereinnahmen das erlebt werden. Als würde der andere zu weit in den eigenen inneren Raum vordringen und die Grenzen des Selbst bedrohen. Manchmal zeigt sich diese Dynamik nur in einem schwer erklärbaren Bedürfnis nach Abstand – einem inneren Fluchtimpuls oder darin dass man sich im Kontakt plötzlich emotional zurückzieht.

Das eigene Sehen kann dabei durchaus intensiv sein und sich auch auf andere Menschen richten, solange die ersehnte Nähe gewissermaßen in der eigenen inneren Welt verbleibt – in Fantasien und Vorstellungen. Sobald daraus aber eine reale Beziehung wird, der Andere einem tatsächlich nahekommt, scheint das Begehren zu erlöschen und einem starken Bedürfnis nach Rückzug zu weichen.

Was für den anderen wie der Beginn einer ersehnnten Intimität erscheint kann für die schizuide Person gerade der Moment sein, in dem sie sich innerlich zurückziehen muss. Manchmal ohne selbst sagen zu können, warum? Das liegt den Grundstein für zahlreiche Missverständnisse in Beziehungen. Aus der Distanz heraus – etwa per SMS oder Mail – kann eine schizuride Person durchaus näher suchen und zugewandt wirken.

Das Gegenüber lässt sich darauf ein und erlebt die Beziehung vielleicht als etwas, dass sich Schritt für Schritt vertieft. Es entsteht der Eindruck mit jeder weiteren Öffnung einen weiteren Schritt auf einem Weg zu größerer Nähe zu machen. Für schizuile Menschen verläuft dieser Weg jedoch oft nicht geradlinig sondern eher wie eine Wippe.

aus der Distanz heraus wird näher gesucht. in der Nähe entsteht wieder das Bedürfnis nach Distanz. Solange der Andere nicht zu nah kommt kann die Beziehung lebendig, intensiv und sogar sehr innig wirken. Wird sie unmittelbarer verbindlicher oder emotional fordernder, wächst das Bedürfnis sich wieder zurückzuziehen?

Die Person antwortet seltener, wird sachlicher – oder braucht mehr Raum! Hier kann ein regelrechter zwischenmenschlicher Teufelskreis entstehen. Die eine Person versucht, die empfundene Distanz durch ein stärkeres Nähe rücken zu überwinden woraufhin sich die schizuide Person nur noch weiter zurückzieht.

Nancy McWilliams beschreibt in diesem Zusammenhang die besondere Anziehung zwischen Schizoiden und historionisch organisierten Menschen, beide bewundern am anderen etwas zu dem sie selbst nur Schwerzugang finden – die schizoideperson die Wärme, emotionale Offenheit und Unbefangenheit im Kontakt mit anderem, die historionische Person die Unabhängigkeit, Eigenständigkeit.

Was zunächst eine besondere Faszination für einander begründet, kann später zum Gegenstand heftiger Konflikte werden. Je mehr die eine Person nähe sucht, desto stärker fühlt sich die andere bedrängt und zieht sich zurück – was wiederum die Sehnsucht und das Drängen der ersten Person verstärkt! Die eigentliche Welt ist Innen.

Das wohl charakteristischste Merkmal beschreibt die besondere Bedeutung der Innenwelt. Das Innere einer schizuiden Person ist gefüllt mit Gedanken, Fantasien, Kreativität und verschiedensten Gefühlen und feinen und differenzierten Empfindungen. Beinahe scheint die Innenwelt reicher und lebendiger als das Außen.

Gerade innere Objekte sind stark besetzt – also verinnerlichte Bilder und Vorstellungen von wichtigen anderen Menschen und die Art wie diese innerlich weiterleben sich etwa in Figuren der eigenen Fantasie verwandeln. Hier bedeutet, dass es bei Schizoidie nicht um eine generelle Fühlosigkeit in ihre Lehre oder die prinzipielle Unfähigkeit geht andere Menschen zu verstehen und sich in sie hineinzufühlen.

Die emotionale Tiefe- und Bedeutung ist vorhanden aber sie verschiebt sich nach Innen. Ein innerer Rückzug wird entsprechend als etwas erleichtern das erlebt – ein Zurückkern zum eigentlichen der Wiedergewinnung des eigenen Raums. Die Person kann es genießen, sich ganz in ihre Gedanken und Fantasien zu vertiefen.

Begegnungen in der Vorstellung fortzusetzen oder innerlich ganze Szenen- und Gespräche durchzuspielen – manchmal bis hinein das Fantastische! Größenfantasien und Omnipotenz können dabei eine Rolle spielen. Ein Sich ausmalen wie groß, wie mächtig, stark gewieft und clever man sich verhalten könnte… oder wie schön und besonders eine Szene wäre.

Die Innenwelt ist oft idealisiert, tatsächlich isst sie aber meist keineswegs nur ein angenehmer Zufluchtsort. Sie kann ebenso von grausamen, aggressiven oder beängstigenden Fantasien bevölkert sein – etwa von Unfällen oder Katastrophen. Oder es gibt verfolgende innere Objekte Also gewissermaßen die inneren Anteile, die immerzu das eigene Denken fühlen und handeln prüfen und verurteilen.

Das manchmal innere nahezu zwanghafter abklopfen ob die eigenen Regungen erlaubt oder geächtet sind. Die innere Welt ist also affektiv hoch aufgeladen Sei es mit Sehnsuchtsvollen oder begehrenden Effekten sei es mit Aggressiven oder der Angst. Menschen unterscheiden sich darin wie sehr sie einen solchen inneren Rückzug benötigen, wie gut sie sich dabei entspannen und ganz bei sich fühlen können.

Und wie sehr Sie dafür auf andere angewiesen sind? Viele Menschen haben in diesem Sinne schizuide Tendenzen! Ein ausgeprägtes schizurides Muster liegt jedoch vor, wo der Übergang zwischen Innen- und Außen nicht mehr flexibel ist – die Person gewissermaßen nicht aus ihrer Innenwelt in die Außenwelt zurückkehren kann sondern ihren emotionalen Schwerpunkt nahezu vollständig nach Innen verlagert hat.

Sie nimmt, so gesprochen mit Ihren Fantasienvorlieb und gebt den Anspruch auf etwas davon wie immer auch unvollkommen Realität werden zu lassen. Sie lebt dann in einem inneren mehr oder weniger goldenen Käfig – je nachdem wie die eigenen individuellen Tendenzen gelagert sind. Doch woran liegt das? Was steht hinter einer solchen schizuiden Abwehr?

Ein Schizuider Rückzug ist nicht mit sozialer Angst gleichzusetzen. Im Vordergrund steht nicht die Furcht vor sozialen Situation, vor dem Urteil anderer Menschen oder davor sich zu blamieren. Während sich ein sozial ängstlicher Mensch gerade deshalb zurückziehen kann weil ihm die Meinung anderer so viel bedeutet hat sie für einen schizuriden Menschen häufig einen vergleichsweise geringen emotionalen Stellenwert.

Er muss sich daher auch nicht unbedingt unauffällig verhalten, sondern kann im Gegenteil ausgesprochen eigenwillig exzentrisch oder unangepasst erscheinen ohne sich sonderlich darum zu kümmern was andere von ihm halten. Auch ist Chizuidi von Autismus abzugrenzen. Beide können äußerlich mit sozialem Rückzug einem ausgeprägten Bedürfnis nach allein sein oder einer empfundenen Fremdheit in der sozialen Welt einhergehen.

Doch die Gründe dafür können sehr unterschiedliche sein! Bei Autismus spielen neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten, der soziale Kommunikation und Abstimmung, der Reizverarbeitung sowie häufig ein erhöhtes Bedürfenessachvorhersagbarkeit eine wesentliche Rolle – das bedeutet natürlich keineswegs dass autistische Menschen andere nicht sensibel wahrnehmen oder sich keine näher wünschen.

Bei einer schizuiden Organisation steht dagegen aus psychoanalytischer Sicht ein spezifischer, meist unbewusster Beziehungskonflikt im Zentrum – wobei es natürlich auch hier angeborene Tendenzen geben kann! Der Rückzug beruht nicht unbedingt auf Schwierigkeiten soziale Signale zu verstehen. Im Gegenteil Schizoidemenschen können ein ausgesprochen feines Gespür für Stimmungen, Erwartungen und unausgesprochene Wünsche anderer haben.

Gerade diese Empfindsamkeit kann jedoch zum Problem werden. Es ist als hätte die Person eine besonders dünne durchlässige psychische Haut. Der andere kommt ihr schnell zu nahe Seine Wünsche und Erwartung dringen zutief in den eigenen inneren Raum ein. Der Rückzug dient dazu, das eigene selbst zu bewahren und gegen die empfundene Zudringlichkeit abzugrenzen.

Das kann sich gerade dann zeigen wenn man einer solchen Person genügend Abstand lässt. Sie kann im Kontakt aufmerksam, zugewandt und feinfühlig sein. Erst wenn die Beziehung emotional bedeutsam wird entsteht jener schwer erklärbare Impuls sich wiederzu entziehen. Zum Vergleich und zur Verdeutlichung stellen wir uns folgende Situation vor.

Zwei Menschen, Clara und Nina sitzen jeweils mit ihren Partner in einem vollen Café. die Bewegungen der Menschen, die Tür, die immer wieder auf und zu schwingt. Der Blick kontakt mit ihrem Partner und zugleich die Anstrengung dem Gespräch zu folgen.". Er hat eine Pause gemacht – erwartet er jetzt, dass sie etwas sagt?

Was könnte Sie antworten? Schon spricht er weiter! Clara wird immer erschöpfter. Sie braucht Ruhe um sich wieder zu sammeln. Nina, die Freundin mit der Schizoidentendenz erlebt diese Situation anders. Ihr Partner ergreift ihre Hand. Nina erstarrt, ihr wird unbehaglich. Plötzlich möchte sie nicht mehr im Café setzen – das Gespräch wird persönlicher, sein Blick intensiver!

Sie bekommt das starke Gefühl emotional gemein zu sein und gebraucht zu werden als würde nun etwas von ihr erwartet, als müsse sie sich öffnen oder festlegen. Die innere Spannung nimmt zu. Gleichzeitig fühlt sie sich immer müder beinahe schläfrig, ihre Gedanken schweifen ganz woanders hin. Sie blickt aus dem Fenster wird immer stiller und verabschiedet sich bald mit der Begründung sie müsse nach Hause und sich nochmal hinlegen.

Kaum ist sie allein fällt die Spannung ab! Sie wird wieder wacher und lebendiger und freut sich darauf zuhause etwas für sich zu tun.". Natürlich is das keine diagnostische Faustregel – auch autistische Menschen können näher als überwältigend erleben Und Autismus und schizuide Persönlichkeitszüge können gemeinsam vorkommen.

Für die Unterscheidung kommt es deshalb auf die gesamte Entwicklungsgeschichte, um die jeweilige innere Funktion des Rückzugs an. Nancy McWilliams beschreibt, dass sich nicht wenige Menschen mit Schizoidentendenzen zum psychotherapeutischen Beruf hingezogen fühlen. Die therapeutische Rolle bietet einen besonderen Kompromiss – man kann anderen Menschen intensiv zugewandt sein!

und zugleich eine geschützte persönliche Distanz waren. Dazu passt eine ältere Untersuchung von Carlotta Nordt und Kollegen zu den Bindungsmustern vom Psychotherapeutin, in der rund ein Drittel ein vermeiden verschlossenes Bindungsmuster zeigte, während noch häufiger eine Form der Bindungssicherheit zu finden war die sich durch Offenheit und Fürsorglichkeit bei zugleich geringem eigenen Bedürfnis nach Zuwendung auszeichnet.

Der Kernkonflikt des Schizoidenerlebens ist nach McWilliams ein allgemein menschlicher. Der Wunsch, nach Beziehung bei gleichzeitiger Angst sich in der Beziehungen zu verlieren vom anderen vereinnahmt oder besetzt zu werden. Im Schizoidenerleben ist dieser Konflikt so zugespitzt dass er zu einem regelrechten Dilemma wird.

das eigene selbst scheint sich nur noch bewahren zu lassen indem man sich aus Beziehionen zurückzieht. Die Schizoider-Lösung ist damit gewissermaßen das Spiegelbild einer historionischen. Während die eine Person das eigene selbst zu bewahren versucht, in dem sie sich zurückzieht, versucht die andere dies, indem sie sich dem Gegenüber zuwendet und sich ihm scheinbar ganz hingibt.

Das Schizoide erleben ringt zentral um die Frage der eigenen Echtheit und fühlbaren Eigenheit. Während bei einer nazistischen Organisation die Bestätigung des eigenen selbstwärts mitunter auch der eigenen Grandiosität im Vordergrund steht, geht es bei der Schizoidenorganisation vor allem darum sich selbst als echt und eigenständig erleben zu können.

Entscheidend ist weniger die Anerkennung von außen als das innere Gefühl – Das bin wirklich ich! Das was ich denke, fühle oder erschaffe kommt tatsächlich aus mir selbst. Ich bin bei mir. Darin liegt auch eine besondere Nähe zu Kreativität und eigenständigen Denken, aber ebenso zu einem ausgeprägten Bedürfnis nach Aufrichtigkeit und Authentizität.

Nicht wenigen berühmten Wissenschaftlern und Künstlern werden schizoide Züge nachgesagt – wobei es sich oft um psychologische Analysen von biografischen Dokumenten nicht wirkliche Diagnosen handelt. Schizoide-Menschen können durchaus leistungsstark und zugleich ausgesprochen selbstkritisch sein. Doch sobald sie etwas von ihrem Inneren zu sehr nach Außen tragen, kann sich das Gefühl einstellen, dass es nicht mehr ganz Ihnen gehört.

Selbst Lob, Erfolg oder die Zuneigung anderer können dann etwas Vereinahmen des bekommen. Das eigene wird zum Gegenstand fremder Erwartungen, Bewertungen und Wünsche – was für andere eine glückende Bestätigung ihrer Person bedeutet kann hier als Verlust von Eigenständigkeit erlebt werden. Die soziale Welt erscheint dann weniger als ein Raum der eigenen Entfaltung, denn als Einer in dem die Freiheit des eigenen selbst bedroht ist.

Doch warum wird die Nähe anderer Menschen überhaupt als so bedrohlich erlebt? Warum ist das Gefühl für die eigenen Grenzen so empfindlich dass selbst eine erwünschte Beziehung das eigene selbst bedrot? Der Psychoanalytiker Thomas Ogden hat sich eingehend mit der Dynamik der Schizuridie beschäftigt. Er unterscheidet drei grundlegende Weisen, auf die Menschen ihre Erfahrungen organisieren und ihre psychische Struktur bilden.

Auf einer sehr frühen Ebene entsteht dieses Gefühl von Halt zunächst durch körperliche und sinnliche Erfahrungen – durch Berührung, Rhythmus, das Empfinden der eigenen Körpergrenzen. Man könnte sagen Ich spüre meinen Körper, seine Oberfläche und seine Begrenzung. Und dadurch bekomme ich ein Gefühl dafür, dass ich überhaupt ein Zusammenhängendes selbst bin.".

Auf einer späteren Ebene können wir uns auf andere Menschen als eigenständige gegenüber beziehen – ich bin ich, du bist du! Wir können einander lieben, brauchen, enttäuschen oder miteinander streiten ohne das dadurch unsere grundsätzliche Getrenntheit in Frage steht. Psychischen Halt gewinnen wir hier auch dadurch, dass wir mit anderen in Beziehungen sind – ohne dabei unsere Differenz unser Getrenntsein aufgeben zu müssen.

Zwischen diesen beiden Ebenen der körperlich-sensorischen und der auf äußere Beziehung gerichteten liegt die Welt der inneren Objekte – gewissermaßen unsere innere Bezielungswelt! Hier entsteht psychische Halt durch die inneren Bilder, die wir von uns selbst und anderen Menschen in uns tragen. Sie sind von unseren bisherigen Beziehungserfahrungen geprägt – und ermöglichen es uns mit anderen innerlich verbunden zu bleiben auch wenn sie gerade nicht anwesend sind.

Es ist etwa ein großer Entwicklungsschritt, wenn ein Säugling nicht mehr die permanente konkrete Anwesenheit seiner Eltern braucht sondern bei deren Verlassen des Zimmers innerlich ruhig und entspannt bleiben kann. Dabei hilft ihm, innerlich ein Bild von ihnen anwesend zu halten – verbunden mit dem Wissen sie kommen wieder!

Ocken beschreibt diese drei Ebenen nicht als Entwicklungsstufen die wir nacheinander abschließen. Es sind unterschiedliche Weisen unser Erleben zu organisieren, die unser ganzes Leben lang nebeneinander bestehen. Wir finden halt in körperlichen und sinnlichen Erfahrungen, in unseren Beziehungen zu anderen Menschen aber auch in unserer inneren Beziehungswelt.

Konflikte und Fixierungen können auf jeder dieser Ebenen entstehen. Chizuidi lässt sich aus dieser Perspektive als eine Fixierung auf die innere Objektwelt verstehen. Diese Objekt-Welt ist in dieser Hinsicht übermächtig – hypertroph! nimmt sozusagen nicht eine von mehreren inneren Stationen ein, sondern das seelische Gleichgewicht ruht zu wesentlichen Teilen darauf.

Ocken verwendet dafür das Bild eines Limes. Unsere inneren Objekte die aus frühen Beziehungserfahrungen hervorgegangen sind halten unsere psychische Welt zusammen. Sie verleihen uns inneren Halt, Beständigkeit und das Gefühl über wechselnde Erfahrungen hinweg dieselbe Person zu bleiben. Sie leimen unsere Erfahrungen aneinander.

Ohne diesen Leim werden sie fragmentiert und chaotisch.". Im Schizoidenerleben ist dieser Leim jedoch gewissermaßen zu stark! Die inneren Objekte haften so fest, dass sich die eigene innere Beziehungswelt über die äußere Wirklichkeit legt. Besonders Menschen, die emotional bedeutsam werden, erscheinen dann im Licht jeneren Objektes, die zugleich ersehnt und gefürchtet werden.

Es dreht sich in gewisser Hinsicht das Verhältnis von Innen- und Außen, während sonst die Fantasie und der Traum die äußere Welt verarbeiten – gewissermaßen die äussere Welt in die innere Traumwelt hineinwirkt und dort prozessiert wird – wird hier umgekehrt das äußeren Leben zum Schauplatz der inneren Welt.

Es ist als könnte die Person gar nicht anders als immer zuzuträumen! Würde in einem psychonalytischen Sinn, ihre ganze Außenwelt immerzu wie eine Bühne der Innenwelt erleben. Der andere kann einem dann kaum noch als eigenständiges Gegenüber begegnen weil er immer wieder in die Rollen der inneren Objekte gerät.

Stellen wir uns noch einmal die Situation mit Nina und ihrem Partner im Café vor. Ihr Partner nimmt vielleicht vorsichtig Ihre Hand und sagt dass sie sich freut das Sie heute Zeit miteinander verbringen. Es ist seine Art seine Zuneigung für Nina vorsichtig auszudrücken. In Nina entsteht jedoch fast Augenblicklich ein anderes Erleben, die Geste fühlt sich festhaltend an, seine Nähe auf eine beklemmende Weise fordernd.

Sie erlebt als wolle er etwas von ihr, als müsse sie nun reagieren, sich öffnen oder etwas zurückgeben – das innere Bild eines anderen der vereinnahmt oder zu viel verlangt haftet so stark dass es sich über den realen Partner legt. Zwar spürt und erfasst Nina einerseits seine Zurückhaltung, aber das Gefühl, dass sie eingenommen wird ist noch stärker.

Sie begegnet gewissermaßen zugleich ihrem Partner und einem Inneren gegenüber. Wenn Nina hingegen zu Hause und allein ist, kann sie sich durchaus Fantasien von Nähe körperlicher Umschlungenheit und Sexualität hingeben und sich dabei innige oder erotische Worte zwischen sich und ihrem Partner vorstellen.

Dann wieder erscheint der Partner in idealisierter, fast überwältigend begehrenzwärter Gestalt – auch das eine Facette des inneren Objekts! Wobei es schwer fällt ein realistisches Gespür dafür zu entwickeln, wer ihr Partner als Reale äußere für sich eigene Person eigentlich ist…. In der Schizoidenorganisation haben diese inneren Objekte eine besondere Macht.

Über den Beziehungen liegt die Schablone der inneren Objecte, bedrohnt, fordernd, grenzenauflösend – idealisiert! Neben einem Seuchengegenüber scheint man kaum noch frei denken, fühlen und existieren zu können. Die Schizoide-Lösung besteht darin, den Wunsch nach Beziehung nach innen zu verlagern in die eigene Fantasie und Objektwelt.

Dort lässt sich näher eher selbst bestimmen und kontrollieren, man kann sich nach einem Menschen sehen ihn lieben idealisieren oder auch mit ihm kämpfen ohne sich seiner tatsächlichen Gegenwart um seinen Ansprüchen aussetzen zu müssen. Zwar können auch die inneren Objekte bedrängt und übermächtig sein doch sie dringen nicht in derselben Weise von außen in das eigene Leben ein.

Darin liegt das gespaltene Moment der schizuiden Abwehr. Das griechische Schizein bedeutet Spalten, die innere und äußere Beziehungswelt treten auseinander. Im Innern lässt sich Nähe zwar eher kontrollieren, doch der Preis ist eine Art Entwirklichung- und Entkörperlichungen der Erfahrung. Die innere Beziehen kann noch so intensiv sein – es fehlt ihr die unmittelbare Berührung das Unvorhersehbare, der Eigensinn eines anderen Menschen, der sich unseren Vorstellungen entzieht.

Gerade das wovor der Rückzug schützen soll ist auch das was einer Beziehung ihre Lebendigkeit verleiht. McWilliams beschreibt zwei mögliche Beziehungserfahrungen die zur Entwicklung Schizoidermuster beitragen können und sich häufig miteinander verschränken. Der erste Weg ähnelt einem vermeidenden Bindungsmuster Das Kind wächst in einem Umfeld auf, das auf seine emotionalen Bedürfnisse wenig eingeht.

Es lernt sein Erwartungen zurückzunehmen – seine Sehnsucht nach Nähe nicht mehr zu zeigen und sich an das anzupassen was die Bezugspersonen ihm überhaupt geben können. Der Rückzug ist hier zunächst eine Antwort auf enttäuschte Beziehungswünsche. Statt weiterhin etwas von anderen zu erwarten verlegt das Kind seine Bedürflisse zunehmend in die eigene innere Welt.

Die scheinbare Selbstgenüksamkeit schützt so vor der Erfahrung, andere zu brauchen und mit diesem Bedürfnis immer wieder ins Leere zu laufen. Der zweite Weg führt über das sogenannte overstimulating parenting. Hier sind die Eltern keineswegs emotional abwesend – zumindest nicht in einem äußerlichen Sinn.

Im Gegenteil Sie können ausgesprochen zugewandt fürsorglich und intensiv mit ihrem Kind beschäftigt sein. Doch diese Zuwendung ist stark von ihren eigenen Bedürfnissen geprägt. Sie müssen das Kind umsorgen, ihm nahe sein, von ihm gebraucht werden oder seine Liebe und Bestätigung erfahren. In manchen Fällen ließe sich vielleicht geradezu von einem aggressiven Bemuttern- oder Bevaternsprechen.

Das Kind erhält ein Übermaß an Aufmerksamkeit Aber diese dient letztlich mehr der Befriedigung der älterlichen Bedürfnisse als seinen eigenen. Es findet unentweig Interaktion statt, ohne dass das Kind in seinem eigenen selbst wirklich gespiegelt wird. Es wird weniger so wahrgenommen wie es tatsächlich ist – als vielmehr so, wie die Eltern es brauchen!

Für das Kind kann Nähe dadurch etwas Eindringendes und Vereinnahmen das bekommen. Es entwickelt möglicherweise schon sehr früh die Neigung sich innerlich zurückzuziehen, sobald der Kontakt zu intensiv wird – bis hin zu kleinen, dissoziativen Momenten in denen es emotional gewissermaßen abschaltet. McWilliams spricht von Mikrotesoziationen die gewissermassen strukturelle Basis für eine schizuide Persönlichkeitsorganisation ebnen.

Der Rückzug wird zu einer Möglichkeit einen eigenen inneren Raum zu bewahren in denen die Bedürfnisse und Erwartungen der anderen nicht hineinreichen. Zugleich können gerade diese älterlichen Objekte durch ihre Allgegenwart eine enorme innere Macht gewinnen, sind zugleich abgewährt – und begehrt! Die Eltern, den sich das Kind äußerlich zu entziehen versucht, bleiben in seiner inneren Beziehungswelt als fordernde, eindringende oder vereinnahmende Gestalten präsent.".

So entsteht eine paradoxe Situation. Der Rückzug schützt vor den unmittelbaren Ansprüchen der anderen, doch auch in der eigenen Innenwelt bleibt das Kind gewissermaßen von ihnen besetzt. Es kann sich der tatsächlichen Nähe entziehen – ohne innerlich wirklich frei von ihr zu werden! Allerdings spielt dabei auch das angeborene Temperament eine wichtige Rolle.

Kinder unterscheiden sich von Geburt an erheblich in ihrer Reizempfindlichkeit und darin, wieviel körperliche und emotionale Stimulation sie vertragen bzw. suchen – was für das eine Kind eine völlig angemessene und wohltuende Zuwendung ist, kann für ein besonders empfindsames Kind bereits überwältigend sein.

Entscheidend ist also nicht allein, wie viel Nähe die Eltern anbieten, sondern wie gut Sie diese auf die individuellen Bedürfnisse und Grenzen ihres Kindes abstimmen können. Man könnte sich beispielsweise eine Mutter vorstellen die ihr im Kind mit großer Begeisterung die Welt erschließen möchte. Sie veranstaltet kleine Entdeckungsreisen, versteckt im Garten interessante Gegenstände, bereitet Überraschungen vor und freut sich überschwänglich wenn das Kind etwas findet.

Schau mal was du entdeckt hast! Ist das nicht toll? Sie möchte dass ihr Kind neugierig selbständig und unternehmungslustig ist – und sie ist überzeugt es genau darin zu fördern.". Doch tatsächlich ist diese Entdeckungsreise bis ins Detail von ihr arrangiert. Die Dinge, die das Kind findet hat sie dorthin gelegt.

Anders als bei einer Ostereier-Suche isst sie aber nicht die arrangierende Hand einer Tradition, die sie ausführt und die Situation trianguliert. Sondern in den hiesigen Ostereiern verbergen sich die älterlichen Wünsche und Bedürfnisse. Die Entdeckungen, über die es sich freuen soll hat die Mutter vorgesehen.

Tut aber so als würde das Kind die Entdeckenen gewissermaßen aus sich heraus entstehen lassen. Interessiert sich das Kind plötzlich für etwas ganz anderes? Lenkt sie seine Aufmerksamkeit behutsam zurück! Schau doch mal da drüben – Da gibt es noch etwas Spannendes! Selbst die Freude des Kindes scheint sie schon voll wegzunehmen.

Das macht ihr doch SO ein Riesenspaß. Das Kind soll sich als selbstständig, lebendig und neugierig erleben. Aber selbst seine Eigenständigkeit ist gewissermaßen eine Veranstaltung der Mutter – sie spiegelt ihm ihre eigenen Wünsche als Seine zurück. Etwa sich als umfassendgebend spenden zu erfahren die Welt erschaffen zu können oder das Kind soll die eigenen Fantasivvorstellungen von Glück und Bezogenheit erfüllen.

Oder es handelt sich um einen moment verdrängten, intrusiven Nähwunsches. Das Kind soll mit dem Garten die Sphäre der Mutter oder das Vaters erkunden – sie hat sich gleichsam in den Garten hineingelegt, um vom Kind dort gefunden zu werden! Und gerade darin liegt das Vereinnahmde. Die Mutter ist nicht nur dort wo sie sich unmittelbar um das Kind kümmert… Sie ist auch schon in den Räumen, die das Kind vermeintlich selbst entdeckt.

Wohin es auch geht trifft es auf etwas, das sie für es vorgesehen hat. Die zugespitzte innere Erfahrung – die jedoch oftmals zunächst ohne Worte bleibt – sich eher in ein tiefes Grundgefühl fest setzt könnte lauten «Ich kann mich nicht einmal auf meine eigene Entdeckungsreise begeben, ohne dass du schon vor mir dort gewesen bist.

Selbst dort wo ich mich frei und unabhängig fühlen soll bin ich noch von deinen Wünschen umstellt.». Natürlich geht es dabei, wie immer nicht um einzelne Situationen sondern um eine tiefgreifende sich immer wiederholende Beziehungserfahrung. Das Elternobjekt scheint überall zu sein selbst dort wo das Kind etwas Eigenes entdecken oder erschaffen möchte.

So entsteht ein grundlegendes Ringen um die eigene Eigenheit. Wo kann ich mich überhaupt als Ich selbst erfahren? Wo gibt es etwas dass wirklich von mir ausgeht und nicht schon von den Wünschen eines anderen besetzt ist. Wenn dafür im Außen kein Raum bleibt, dann vielleicht nur noch ganz tief im Inneren.".

Das Beispiel macht die besondere Form der Intrusion deutlich – nicht die offensichtlich übergriffige Mutter, die ihrem Kind alles verbietet sondern eine Mutter,die ihm sogar eine scheinbare Freiheit bereitet und ihm in Wahrheit kaum Raum lässt etwas zu entdecken das wirklich von ihm selbst ausgeht das noch wirklich unentdeckt und frei ist.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik des schizuiden Rückzugs? Indem sich ein Mensch vor den Ansprüchen unter Wartungen anderer schützt, bewahrt er sich einen inneren Raum in dem er ganz er selbst sein kann. Doch dieser Schutz hat seinen Preis! Die eigene Innenwelt mag noch so reich und lebendig sein.

Ihr fehlt etwas vom Wind der Wirklichkeit. Die rare Begegnung mit einem anderen Menschen lässt sich durch keine Fantasie ersetzen. Und selbst im Rückzug bleibt man womöglich an jene inneren Objekte gebunden, vor denen man sich eigentlich schützen wollte. Damit stellt sich eine entscheidende Frage – wie kann ein Mensch die Nähe eines Anderen zulassen?

Ohne dabei das Gefühl zu verliern, er selbst zu sein! Wie kann eine Beziehung entstehen in der der andere weder vereinnahmt noch abgewährt werden muss, sondern tatsächlich ein anderer sein darf. Gerade in der Psychotherapie wird diese Frage besonders relevant. Denn auch die therapeutische Beziehung kann zunächst jene Ängste wachrufen vor denen sich die schizuide Person durch ihren Rückzug schützt.

Es geht deshalb um eine behutsame nachholende Erfahrung von Kontakt der emotionale Berührung zulässt ohne zu bedrängen oder zu überstimulieren. McWilliams betont, dass die entscheidende therapeutische Erfahrung dabei weniger in neuen Einsichten liegt als darin das eigene selbst in der Gegenwart eines anderen Menschen entfalten zu können, der einen weder vereinnahmt noch allein lässt – einem Menschen also, der aufrichtig interessiert und emotional ansprechbar ist ohne ständig etwas zu fordern wobei Deutungen, die der Therapeute gibt immer auf diese unbewusste Beziehungsdimension hin zu befragen sind.

Wie erlebt es das gegenüber? Dass der Therapeut oder die Therapeutin sich Gedanken darüber macht was in ihm vorgeht? Besonders wichtig ist für McWilliams die therapeutische Ehrlichkeit. Gerade Menschen, die wiederholt erfahren haben dass ihre Gefühle missverstanden oder in fremde Vorstellungen übergestülpt wurden, können ausgesprochen empfindlich für jede Form von Unechtheit sein.

Dazu gehört auch, dass der Therapeut eigene Irrtömer eingestehen kann statt den Patienten erneut erklären zu wollen was er angeblich wirklich fühlt. Zugleich bringen schizuide Menschen häufig gute Voraussetzungen für eine Psychotherapie mit. Ihre Reflexivität die Vertrautheit mit der eigenen Innenwelt und das kreative Potenzial ihrer Fantasie.

McWilliams beschreibt, dass gerade Literatur-, Kunst-, Filme- oder gemeinsam entwickelte Metaphern einen Zugang zu Gefühlen ermöglichen können, die in einer unmittelbaren emotionalen Begegnung zunächst kaum auszuhalten werden. Es geht dabei nicht um eine Umprogrammierung der Persönlichkeit – oder darum das Bedürfnis nach Rückzug aufzugeben!

sondern um eine größere Flexibilität der Grenzen zwischen Innen und Außen, darum nähe zulassen zu können ohne die eigene Eigenheit zu verlieren. Vielleicht hat er Dichter Rainer Maria Rilke dem Wesen einer solchen Beziehung in seinen Worten eine treffende Gestalt gegeben – das Beziehungen vielleicht Liebe darin bestehe, dass zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.".

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