
Stay Forever - Retrogames & Technik· Folge 524
Windows 95/98 (SFT 23-2)
Dienstag, 22. September 2026 · 1 h 49
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Shownotes
Henner und Christian sprechen ausführlich in zwei Folgen über Windows 95/98, dies ist Folge 2: Windows 98 & DirectX
Nach dem großen Aufschlag rund um Entwicklung und Architektur von Windows 95 in Folge 1 dieser SFT-Doppelfolge widmen sich Christian und Henner in diesem zweiten Teil dem Spektakel, das die Veröffentlichung im August 1995 begleitete – und dem Wettrennen um die Zukunft des PCs, das damit erst richtig losging. Von der Mitternachtsschlange vor amerikanischen Elektronikmärkten über ein Riesenrad auf dem Microsoft-Campus bis zur Rolling-Stones-Hymne, die drei Millionen Dollar Lizenzgebühren kostete: Der Launch von Windows 95 war eine Marketingmaschine, wie sie die Softwarebranche zuvor nicht gesehen hatte. Doch hinter der Bühnenshow verbarg sich eine viel grundsätzlichere Frage, mit der sich Microsoft zu dieser Zeit herumschlug – nämlich ob und wie der PC gegen Spielkonsolen aus Japan bestehen könnte.
Hier setzt der eigentliche Schwerpunkt der Folge an: die abenteuerliche Entstehungsgeschichte von DirectX. Chris und Henner erzählen, mit welch halsbrecherischer Eigeninitiative eine kleine Gruppe von Microsoft-Mitarbeitern gegen interne Widerstände eine völlig neue Schnittstelle für Spiele aus dem Boden stampfte – inklusive spektakulär gescheiterter Weihnachtssoftware, einer Bill-Gates-Videobotschaft mit Schrotflinte und Interviewausschnitten mit den Leuten, die tatsächlich dabei waren. Am Ende steht die Frage, was von alledem eigentlich geblieben ist – und ein Ausblick auf das, was aus Windows 95 in den folgenden Jahren wurde.
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Henner Hallo liebe Hörerinnen und Hörer und moin Christian.
Chris Moin Henna.
Henner Christian, wir können die allerwichtigste Frage, die sich uns in ganz vielen Technikfolgen stellt, gleich zu Beginn beantworten, finde ich. Dann haben wir das hinter uns. Welches ist das beste Spiel für Windows 95 und wann kriegt Minesweeper die verdiente Stay Forever Folge?
Chris Moment mal, Minesweeper gab es doch vorher schon in den anderen Windows-Versionen. Da brauchen wir doch 95 nicht. Oder täusche ich mich?
Henner Ja, das stimmt, aber trotzdem ist es das beste Spiel, das man unter Windows 95 spielen kann.
Chris Das ist eine sehr steile These, da bin ich schon gespannt auf die Widerrede bei uns im Forum. Aber tatsächlich ist es ein ausgezeichnetes Spiel, da will ich dir gar nicht widersprechen. Und ja, meins wie bei Folge wann, schauen wir mal, könnte auf jeden Fall kommen.
Henner Ja, ich denke, damit ist das geklärt, die Folge kommt und das beste Spiel haben wir gekürt. Jetzt können wir über die technischen Dinge sprechen und über die wirtschaftlichen und alles andere, was weniger mit Spielen zu tun hat. Naja, vielleicht kommen wir nochmal auf die Spiele zurück. Aber jetzt muss erst mal Windows 95 auf den Markt, Christian, oder? Denn da haben wir letztes Mal aufgehört.
Chris Genau, da haben wir letztes Mal aufgehört. Wir sind also im Juli 1995, da wird die Goldmaster-CD ins Presswerk geschickt. Und bei Microsoft in Redmond bricht der Jubel aus. Da fließt Champagner, da springen die Entwickler in die Brunnen des Unternehmensgeländes. Die liefern sich da Wasserschlachten. Als ich das gelesen habe, dachte ich mir, warte mal, so etwas Ähnliches habe ich doch schon mal gehört. und habe mich erinnert, dass Günder und ich ja mal eine Folge über Age of Empires aufgenommen haben.
Chris Ein Spiel, das dann ein paar Jahre später rauskam und von Microsoft gepublished wurde. Und da haben wir in einer Wusstet ihr eigentlich Folge dazu eine Anekdote erzählt aus dem Jahr 1996, also ein Jahr nach dem Windows 95 Launch. Da hatte Microsoft damals schon seine Games Group und deren Chef ist damals Stuart Mulder gewesen.
Chris Und zum Release eines Spiels namens Hellbender hat eben jener Stuart Mulder eine große Launchparty in Redmond im Hauptvertier geschmissen und im Zuge dieser Party den Age of Empires Producer Tim Snamenacek, in den Brunnen auf dem Firmengelände geschmissen. Und der hat sich dabei das Bein gebrochen und musste zwei Monate den Gips tragen.
Chris Da scheinen mir also, dass Schabernack mit dem Brunnen oder den Brunnen auf dem Firmengelände zu treiben, nicht so ungewöhnlich war in der Ära bei Microsoft. Keine Ahnung, wie das heutzutage ist.
Henner Ja, offenbar. Ausgerechnet für Hellbänder sich einen Arm brechen. Ich glaube, das lohnt sich nicht.
Chris Ein Bein war es, aber ich glaube, das ist egal. Da hat ihm beides nicht gefallen.
Henner Nee. Das war der Juli. Da war die Goldmeister-CD fertig, muss ins Presswerk und dann wird natürlich die Packung produziert und die CD gepresst für den Endkundenverkauf und der beginnt am 24. August 1995. Da beginnt also der Verkauf von Windows 95 in den USA. Deutschland kommt etwas später dran, Anfang September.
Henner Aber der Launch, der beginnt nicht zur üblichen Geschäftsöffnungszeit, sondern schon um Mitternacht. Ganz viele Geschäfte, zumindest in Seattle, also da, wo Microsoft beheimatet ist und in umliegenden Gemeinden, da öffnen einige Händler ihre Pforten schon nachts so früh wie möglich, weil da Windows-Fans anstehen, die es nicht erwarten können, Windows 95 in Händen zu halten und zu installieren.
Henner Die haben halt noch keine Ahnung, wie oft sie dieses System in den nächsten Jahren noch installieren werden. Kurios aus heutiger Sicht wie auch aus damaliger, aber ein Beleg dafür, wie erfolgreich Microsoft den Hype geschürt hat. Denn Ladencamper für ein Betriebssystem, das ist doch ein eher unbekanntes Phänomen.
Henner Das gab es für DOS wohl eher selten.
Chris Microsoft scheut da keine Kosten und Mühen in diesem Zusammenhang. Auch diese Launch ist begleitet von großen Feierlichkeiten. Zum Beispiel auf dem Campus in Redmond, da gibt es auch ein Sportfeld. Das wird zu dieser Gelegenheit in einen kleinen Freizeitpark umgebaut mit Zelten und Spielständen und sogar einem Riesenrad.
Chris Und Microsoft Card, zumindest schätzt das die Los Angeles Times, damals rund 5000 Menschen aus der Branche, aus der Presse mit Bussen dorthin. Und dann gibt es noch ein Hauptevent auf einer Bühne im Microsoft Campus. Da passen in die Halle ungefähr 2000 Leute, die da vor Ort zusehen. Das wird moderiert von Microsofts Geschäftsführer Bill Gates.
Chris Und der hat sich dazu eingeladen den damals immens populären talkmaster jay leno der ja auch comedian ist und der also da auf der bühne vor allen dingen für die witze zuständig ist mäßige witze zum beispiel so einer hier.
Einspieler Ich denke ich habe ein gutes beispiel ich habe ein paar jungen ideen hier diese jungen die du hast du? absolut fantastisch, It's right here on the desktop. If I do this right click, I can say send and I can put it on a floppy disk that you can take back and use in your show. That would be, you know that.
Einspieler If you don't want them, all I have to do is use this undo and it'll delete them off of that floppy disk. Maybe that would be best.
Henner Ja, für jene, die das nicht verstanden haben, hier ging es um die Funktion Send to Floppy, also eine Datei direkt per Rechtsklick per Kontextmenü auf die Diskette schicken und das anschließend wieder rückgängig machen, weil die Datei doch nicht so toll ist. Ja, ist mäßig lustig.
Chris Ja, aber auf jeden Fall ist es ein großes Spektakel. Diese Show wird auch live übertragen zu 40 weltweiten Launchpartys. Zehntausende Leute verfolgen das da per Satellitenübertragung. Diese Partys anderswo auf der Welt, die haben auch so Eventcharakter. Da gibt es spektakuläre Presseaktionen, Lasershows zum Beispiel oder eine U-Boot-Fahrt in der Ostsee. Also wie gesagt, Microsoft lässt sich nicht lumpen.
Chris Und auf der Bühne da in Redmond in Seattle, da demonstrieren Jay Leno und Bill Gates anderthalb Stunden lang die Vorzüge dieses neuen Betriebssystems. Die begleiten zum Beispiel ein Live-Upgrade von Windows 3.1 auf Windows 95. Sie führen auch das neue Office 95 vor. Sie zeigen die Erweiterung Microsoft Plus, auf die wir gleich noch kommen werden.
Chris Und sogar ein paar Spiele werden dort angespielt und auch das Microsoft Network. Auch der Projektleiter, Brad Silverberg, hat einen Auftritt und der dankt dann den Entwicklern und den Testern und das ist wie gesagt der Startpunkt, das Launch Event und danach folgt eine, ja man kann es eigentlich nicht anders sagen, eine gewaltige Marketingkampagne.
Henner Ja solch eine Dimension zumindest kannten wir von Microsoft bislang nicht. Ich war, glaube ich, vor ein paar Jahren mal auf dem Launch-Event in Deutschland für Windows 7. Das fand ich ganz so aufregend. Da gab es kein Riesenrad und Jay Leno war auch nicht da. Da gab es ein paar Häppchen. Naja, am Launch-Tag schreibt die Washington Post damals über den Hype, man könne sich, Zitat, unter einer Brücke verstecken oder mit einem Ruderboot in die Mitte des Ozeans fahren, aber Microsofts Kampagne könne man trotzdem nicht entkommen.
Henner So groß ist diese Kampagne, so umfassend. Natürlich schalten sie Werbung, Printanzeigen, TV-Spots und so weiter. Aber darüber hinaus leisten sie sich auch ein paar teure Marketing-Stunts. Also nicht nur diese teuren Aktionen wie die U-Boot-Fahrt für die Pressevertreter, sondern auch für die Allgemeinheit.
Henner Zum Beispiel das Empire State Building in New York. Da wird die Spitze in den Farben des Windows-Logos beleuchtet. In London kauft Microsoft einfach mal eine komplette Druckauflage der Times und erhöht die dabei noch ein bisschen auf 1,5 Millionen Stück und verteilt diese Zeitung dann kostenlos, natürlich mit einem 24-seitigen Werbebeileger.
Henner Aber noch teurer als dieser Coup ist der Soundtrack dazu, der auch in den meisten Werbespots zu hören ist. Das ist nämlich kein neu komponiertes Stück, sondern ein Klassiker von den Rolling Stones, Start Me Up von einem 1981er Album. Das gilt immerhin als eins der populärsten Lieder der Rolling Stones und hat Microsoft damals drei Millionen Dollar gekostet. Wir hören mal kurz rein.
Henner Ja, ich bin kein großer Fan von dem Song, aber zumindest passt der Refrain und ich nehme an, dass Microsoft den Song auch wirklich nur wegen des Refrains ausgesucht hat. Start me up, das spielt natürlich an auf den Startbutton, der ja so ein wesentliches charakteristisches Merkmal ist von Windows 95.
Henner Aber wenn man genauer hinhört, Christian, und sich den restlichen Text in den Strophen auch mal anhört, dann erkennt man, dass es hier nicht um Betriebssysteme geht, sondern es geht hier um Metaphern für sexuelle Erregung oder sogar Akte. Die vorletzte Zeile im Song ist, you make a dead man come. Ich glaube, das hat sich bei Microsoft keiner angehört, bevor sie die drei Millionen Dollar ausgegeben haben.
Chris Also in den Werbespots habe ich das nie gehört, diese Zeit. Da wurde wohlweislich immer vorher abgeblendet. Nee, du hast schon recht, es ging ausschließlich um den Refrain.
Henner Aber diese Kampagne auf allen Medien, die damals modern sind, die ist sehr effektiv. Es gibt eine Umfrage aus dem Juli 1995, das ist ja noch vor dem Launch und schon da wissen, also nach dieser Umfrage, mehr als 50 Prozent der Befragten, das sind US-Haushalte mit PCs, Bescheid darüber, dass bald Windows 95 eingeführt wird.
Henner Und das will was heißen. Mehr als 50 Prozent wissen Bescheid über sowas Trockenes wie ein neues Betriebssystem. Ich glaube, das schafft man heute nicht mehr mit einer neuen Android-Version oder so.
Chris Nee, vermutlich nicht. Diese Kampagne trifft auf offene Ohren, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern genauso gespannt sind auch die Fachredaktionen, die sich Windows 95 natürlich vorknöpfen wollen. Und das Echo dort ist überwiegend positiv. Das PC Magazine in den USA, das misst zum Beispiel in seiner Ausgabe 9.95 Windows 95 an den geschürten Erwartungen und befindet, es sei zwar nicht alles, was wir uns gewünscht hätten, aber immer noch ein großer Schritt nach vorn.
Chris Das PC-Magazin findet vor allem die neue Oberfläche sehr gut. Es sei, Zitat, ein großartiges neues Interface, Zitat Ende, mit verbesserter Benutzerfreundlichkeit und verglichen mit Windows 3.11 laufe es außerdem stabiler. Mac-User zieht in der Ausgabe 12.95 auch den Vergleich mit dem Vorgänger, Zitat, Windows 3.1 und Windows 3.11 stinken.
Chris Sie sind schwer zu installieren, sie sind schwer zu bedienen, sie stürzen oft ab. Windows 95 ist trotz seiner Schwächen ein Segen für Winterleute, Zitat Ende. Und wow, dieses Wort Winter, Henner, das habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört.
Henner Ich auch nicht.
Chris Das ist so ein Portmonteau damals für Windows und Intel. Also es steht quasi synonym für IBM-PCs.
Henner Ja, mit einer negativen Konnotation, wenn der Mac-User das schreibt jedenfalls. Also das ist der Pöbel für den Mac-User. Ja, da gibt es weitere Testberichte natürlich. Natürlich, es ist ein riesen Event, auch normale Presse, fachfremde Presse schreibt darüber, aber natürlich vor allem die Computermagazine, zum Beispiel die PC Computing in Ausgabe 895, die vergleicht jetzt Windows 95 nicht nur mit den eigenen Vorgängern, sondern auch mit den Konkurrenten, da gibt es ja noch welche, von IBM, OS2 Warp 3.
Henner Und demnach ist Windows 95 diesem Konkurrenten in den meisten Kategorien überlegen, vor allem bei sowas wie Netzwerkfunktionen und der Hardwareverwaltung mit Plug & Play und Co. Aber es gibt ja noch einen Konkurrenten, einen Inhouse-Konkurrenten, nämlich Windows NT, das stabilere Windows. Die Computer World vergleicht Windows 95 im März 96 mit Windows NT und das schneidet wiederum in fast allen Bereichen besser ab als Windows 95.
Henner Multitasking, Performance, Stabilität. Das wundert mich nicht, aber es gibt eine Ausnahme bei der Kompatibilität. Da ist Windows 95 überlegen und auch das ist wenig verwunderlich, denn Windows 95 ist stark darauf zugeschnitten, mit alter Hardware und Software zu harmonieren. NT nicht so sehr, das richtet sich aber auch an einen ganz anderen Markt, an einen Profimarkt.
Chris Ja, das sieht man auch im Performance-Test, den Computer World damals auch durchführt. Mit bestehender Anwendungssoftware sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Windows-Varianten wechselhaft. Aufschlussreicher ist ein Vergleich in der Disziplin Doom 2, in dem sich Windows 95 rein im DOS stellen muss.
Chris Bei den Ladezeiten gibt es große Unterschiede zwischen Windows im GUI und im DOS-Modus. Wenn man Doom 2 vom Desktop aus startet, dann braucht es dreimal so lange zum Starten wie das alte DOS. Im reinen DOS-Modus ist Windows 95 dagegen gleich auf, was die Ladezeit angeht. Die Framerate im eigentlichen Spiel ist wiederum in allen drei Szenarien ähnlich, aber hier fällt Windows NT ab, auf dem Doom 2 auch zum Laufen gebracht wurde.
Chris Laut Redaktion fällt es da sogar auf den niedrigsten Wert, den die Doom Engine überhaupt anzeigen kann. Und sie folgen dann, Zitat, die Architektur von Windows NT ist schlecht angepasst an solche Spiele. Zitat Ende. Ja, das stimmt wohl, dafür ist es ja auch nicht gedacht. Aber letztlich entscheidend ist, welches System den Wettbewerb auf dem Markt für sich entscheidet.
Chris PC Computing hat dazu zum Launch von Windows 95 schon eine Meinung, nämlich folgende, Windows 95 mit großem Vorsprung wird das für sich gewinnen.
Henner Ich glaube, ich stimme denen zu, ihre Prognose. Ja, ich finde diesen Vergleich mit NT in Doom 2 sehr interessant, weil er zeigt, dass Microsoft hier vielleicht doch noch auf das richtige Pferd gesetzt hat mit diesem alten DOS, das ja nach wie vor die Basis bildet für Windows 95. Sie sind ja nicht umgestiegen auf den viel moderneren NT-Körnel, was viele kritisieren, aber ja, wenn man an Spieler denkt, dann ist das wahrscheinlich doch die richtige Entscheidung gewesen. NT ist einfach noch kein Spielebetriebssystem.
Henner Ja, von den Spielen zu einer Spielerei, denn parallel zum Betriebssystem bringt Microsoft am gleichen Tag, am 24. August, auch noch eine Erweiterung auf den Markt. Die kennt man ja von Spielen, ein Add-on quasi, eine kostenpflichtige Erweiterung, noch nicht zum Runterladen, sondern auf einer separaten CD.
Henner Und dieses Paket heißt mit vollem Namen Microsoft Plus Companion for Windows 95, sehr handlicher Name, und kostet in den USA 50 Dollar. Das ist etwa ein Viertel dessen, was das Betriebssystem selbst kostet. Aber das hat etwas höhere Systemanforderungen. Das braucht nämlich mindestens 8 MB RAM. Das Betriebssystem soll ja mit 4 auskommen.
Henner Das ist einfach eine Erweiterung mit zusätzlichen Programmen und Verschönerungen für das Betriebssystem. Darunter sind einige recht nützliche Werkzeuge, zum Beispiel der System Agent, das ist ein Taskplaner fürs automatische Ausführen von Programmen oder Drive Space für die Festplattenkomprimierung. Aber interessanter sind natürlich die multimedialen Spielereien, die da drin stecken. Das ist das Multimedia-Zeitalter, sowas muss sein.
Henner Und da gibt es kleinere visuelle Updates, zum Beispiel, dass man beim Verschieben von Fenstern deren Inhalt sehen kann. Das ist beim regulären Windows 95 noch nicht so, da siehst du nur den Rahmen. Aber vor allem bringt dieses Plus-Paket jetzt die Möglichkeit mit, die Oberfläche, den Desktop zu verschönern und zu personalisieren mit sogenannten Themes, Themen.
Henner Das sind so zusammengefasste Sammlungen von allerlei Zierrad, da ist ein Hintergrund mit drin, spezielle Mauszeiger, verschiedene Schriften, manche schöner, manche weniger, bestimmte Farben sind dann voreingestellt, Klänge, Bildschirmschoner und zwölf von diesen Paketen sind enthalten. Nun mal ein Beispiel, eins davon heißt Dangerous Creatures, also gefährliche Tiere und wenn man das aktiviert, dann sitzt auf dem Desktop im Hintergrund, eine Raubkatze und der Bildschirmschoner, der lässt dann so rochen und Haie durchs Bild schwimmen und beim Starten und Runterfahren gibt es neue Sounds, können wir mal hören.
Henner Da heult ein Wolf. Sehr verspielt das Ganze, aber sehr schick. Ich mochte ja dieses Spukhaus-Theme. Welches hattest du denn?
Chris Ich habe die ganze Zeit, während du gesprochen hast, darüber nachgedacht. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß, dass ich das Plus-Paket hatte. Ich habe das sicher nicht in der Box gekauft. Das wird bei einer OEM-Version mit dabei gewesen sein. Also ich kann mich nicht erinnern, dass ich unter Windows 3 viel mit dem System selbst herumgespielt hätte, also mit der Gestaltung von Windows, aber mit Windows 95 sehr viel.
Chris Gerade wegen diesen Theme-Optionen. Und das zieht sich bis in die Gegenwart. Bei jedem neuen Windows ist das Erste, was ich mache, erstmal meinen Desktop-Hintergrund anpassen.
Henner Natürlich.
Chris Dass das alles wieder so aussieht, wie ich das haben möchte. Und ich glaube, das geht zurück auf dieses Microsoft Plus damals.
Henner Aber es sind nicht nur Spielereien dabei, sondern auch ein Spiel. Nämlich 3D-Pinball Space Cadet. Das ist so ein kleiner Flipper, ein einzelner Tisch nur mit einer Weltraumthematik. Der stammt aus einer Vollversion, aus einem separat von Maxis vertriebenen Spiel, also kein Microsoft-Eigengewächs. Das heißt Full Tilt Pinball und ich habe das sehr gerne gespielt, auch zu XP-Zeiten noch. Hat wahrscheinlich jeder, oder?
Chris Ich mochte das nie, weil mir das...
Henner Was?
Chris Ja, also ich habe es natürlich auch gespielt, aber mir war das immer zu träge, zu ruckelig, zu ungenau. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das ein präzises Flipperspiel ist. Vielleicht tue ich dem Unrecht und das lag an meiner Hardware.
Henner Okay, also keine Stay Forever Folge zu Space Cadet. Schade.
Chris Nee, vielleicht wenn so zu Full Tilt Pinball. Überhaupt, wir müssten auch mal eine Folge zu Flipperspielen machen. Was wir alles machen müssen, hier füllt sich die Liste, kommt direkt nach der Minesweeper Folge.
Henner Ob es an dem Spiel liegt oder an den Themes oder an der Software, die noch beiliegt, die Zeitschrift PC Computing, die hat später dieses Plus-Paket als unverzichtbares Add-on bezeichnet. Das ist ein großes Wort für diese Spielerei, aber das liegt vielleicht auch eher an einer weiteren Dreingabe, die da enthalten ist, die wir noch gar nicht erwähnt haben, denn da ist ja noch ein Programm bei. Welches ist denn das?
Chris Ja, da ist noch das Internet Jumpstart Kit dabei und das enthält einen Mail-Client für E-Mails, aber vor allen Dingen eines der wichtigsten Programme des Jahrzehnts. Ich glaube, das kann man ohne Übertreibung sagen, auch wenn sich vielleicht dem einen oder anderen hier die Augenbrauen zusammenziehen, wenn ich den Namen nenne. Es ist nämlich der Internet Explorer, also der Browser von Microsoft, mit dem man ins Internet kommt.
Chris Dieser Browser geht zurück auf das Jahr 1994. Damals hat Microsoft nämlich eine Lizenz erworben für Mosaic, für den ersten Webbrowser der Firma Spyglass, auf dem auch der konkurrierende Netscape Navigator basiert. Und der Internet Explorer, das ist erst ein kleines Projekt innerhalb des Konzerns, an dem zunächst nur eine Handvoll Entwickler arbeiten, aber das bekommt bald deutlich größere Bedeutung innerhalb von Microsoft, denn da gibt es ein recht berühmtes internes Memo von Bill Gates, dem Microsoft-Chef, vom 26.
Chris Mai 1995 an seine Führungsebene mit dem Titel The Internet Tidal Wave, also die Internetflutwelle. Und darin schreibt er, dass das Internet die Regeln ändern werde, dass das eine unglaubliche Gelegenheit und gleichzeitig auch eine unglaubliche Herausforderung sei. Und diese Herausforderung dürfe Microsoft nicht ignorieren.
Chris Gates weist mit diesem Memo dem Internet die höchste Bedeutung zu. So steht das in diesem Text. Das sei für jeden Teil unseres Geschäfts entscheidend. Zitat Ende. Er hält das sogar für die wichtigste Entwicklung seit der Einführung des IBM-PC im Jahr 1981 und für noch wichtiger als die Einführung der grafischen Benutzeroberfläche.
Chris Das sind mal markige Worte. Und Gates sieht in diesem Memo auch noch eine Gefahr für Microsofts Geschäftsmodell durch eine, mögliche, also zu dem Zeitpunkt noch hypothetische Klasse von technisch viel einfacheren PCs, die sich voll auf webbasierte Dienste konzentrieren und klassische Software obsolet machen.
Chris Das schreibt er hier im Jahr 1995, das ist einigermaßen visionär, das wird ja dann mit sowas wie Netbooks und vielleicht sogar auch im weiteren Sinne mit Smartphones auch tatsächlich dann so eintreten. Nun, auf jeden Fall bedeutet das also, dass sich die Aufmerksamkeit von Microsoft jetzt in viel stärkerem Maße als vorher auf das Internet richtet.
Henner Ja, aber das kommt ziemlich spät. Also ich kann mir vorstellen, dass man nicht glücklich war, bei Microsoft in der Führungsebene sowas im Mai 95 zu lesen, denn da ist Windows 95 schon längst fertig. Das wird nur noch getestet und verfeinert, ein paar Bugs gefixt, aber man kann das jetzt nicht komplett umstricken und aufs Web ausrichten.
Henner Dafür ist es viel zu spät. Und Microsoft ist auch insgesamt einfach spät dran mit dieser Erkenntnis. Es gibt ja schon Browser, wie du gesagt hast, vor dem Internet Explorer und das Web etabliert sich hier schon gerade als Massenmedium. Das geht so 1994 richtig los und es gibt eine Umfrage aus dem Jahr 1995, der zufolge schon 53 Prozent aller PC-Nutzer in den USA ein Modem benutzen.
Henner Das fand ich auch überraschend. Ich hatte 1995 auch schon ein Modem, aber ich bin ja auch ein Nerd. Und so viele? Erstaunlich. Hattest du auch schon 1995 ein eigenes Modem? Warst du schon im Internet?
Chris Ich hatte 1995 noch kein Modem. Da war ich noch in der Schule. Mit dem Einschreiben in die Uni habe ich meinen ersten Internetzugang bekommen. Das war, glaube ich, 1997. Und dann habe ich auch selbstverständlich den Netscape Navigator benutzt. Nicht den Internet Explorer. Es war aber gar kein Geschmacksurteil damals.
Chris Ich weiß auch nicht. Ich hatte damals das Gefühl, dass der Netzgebung Navigator einfach State of the Art ist, dass man den benutzen muss.
Henner Ja, so war das auch anfangs. Nun, der Internet Explorer als großer Konkurrent für den Navigator, der ist ja schon fertig eigentlich, schon mehrere Monate vor dem Launch von Windows. Aber wie gesagt, es ist zu spät, um den jetzt noch mit zu integrieren in Windows, mit auf die CD zu pressen. Das geht nicht mehr. Ich hatte ja die Gelegenheit, mit John Ludwig zu sprechen, der einst als Vizepräsident bei Microsoft mitverantwortlich war für verschiedene Betriebssystemprojekte und auch für das Internet Explorer Projekt für einige Versionen.
Henner Und er sagte mir, Zitat, wir hätten gar nicht all die begleitenden Maßnahmen koordinieren können, wie Lokalisierung, die Erstellung der Benutzerhandbücher, Produktion, Tests durch OEM-Hersteller und so weiter. Zitat Ende. Das war also nicht mehr möglich, all das durchzuführen für den Internet Explorer zu diesem Zeitpunkt und so reicht es eben nur für die Plus-CD.
Henner Die wird zwar gleichzeitig fertig, aber die hat nicht den gleichen Produktionsaufwand. Da kann man also auch nochmal größere Änderungen vornehmen kurz vor Schluss, dann fliegt halt eins von diesen komischen Themes raus. Und dann geht es aber Schlag auf Schlag. Also diese Internet Tidal Wave Anweisung von ganz oben, die wird ernst genommen und das Internet Explorer Team wird kräftig aufgestockt.
Henner Schon im November 95 ist dann der zweite Internet Explorer fertig, also nur wenige Monate später. Der ist auch erstmal nur als Teil des Plus-Pakets zu haben in der aktualisierten Version. Aber dann Anfang 96, da wird er auch Teil des ersten Service-Packs, über das sprechen wir später noch, für Windows 95.
Henner Und damit ist er jetzt kostenlos, wird also ohne Aufpreis, ohne dass man so ein Plus-Paket separat kaufen muss, verteilt. Und das ist neu, denn bis dahin sind Browser zumindest für Unternehmenskunden noch kostenpflichtig. Auch der Netscape Navigator. Ich glaube für uns Privatkunden nicht, aber für Unternehmen war der kostenpflichtig und das ändert sich jetzt.
Henner Diese Hürde fällt, der Microsoft Internet Explorer ist umsonst und das ist nicht nur ein Schuss gegen Netscape, sondern auch gegen IBM. Da muss man immer wieder dran denken, die gibt es ja damals auch noch mit ihrem OS2 und da ist schon seit Ende 94 ein Browser drin, von dem ich noch nie gehört habe, von dem Web Explorer.
Henner Die sind also schon deutlich früher dran und geben sie aber schon bald wieder auf im Jahr 96, verlässt IBM den Browsermarkt schon wieder. Also ganz offensichtlich verkennen sowohl Netscape als auch IBM die Bedeutung eines eigenen kostenlosen Browsers und Bill Gates erkennt diese Bedeutung. Ja und so schafft es Microsoft mit seiner Marktmacht und der großen Verbreitung von Windows 95, zu der wir gleich ja noch kommen, den Internet Explorer zu etablieren, und zum größten Fenster ins Web zu machen, zum quasi Standard.
Henner Und nicht nur das, der Internet Explorer erleichtert ja die Nutzung des Internets, ist also eine sehr niedrige Einstiegshürde. Brad Silverberg, der Chef der Betriebssystem-Sparte damals bei Microsoft, der hat das später so ausgedrückt und Ludwig hat mir im Interview das auch so bestätigt, Zitat, in vielerlei Hinsicht war das Internet die Killer-App für Windows.
Henner Das finde ich ist ein sehr interessanter Blick.
Chris Ja, finde ich auch. Aber die Bedeutung dieser Integration des Internet-Explorers in Windows für die gesamte Branche, für den Markt, zeigt sich auch daran, finde ich, dass es ein paar Jahre danach dann schon ein Anti-Kartell-Verfahren in den USA gibt, das mit dem Urteil im Jahr 2000 dann Microsoft auch zwingt, den Internet-Explorer als Standard wieder aus Windows rauszulösen.
Chris Und in dem Zug übrigens auch andere Geschäftspraktiken aufzugeben zum Beispiel, hat Microsoft auch deswegen für die große Verbreitung des Internet-Explorers gesorgt, weil sie die OEM-Partner, also die Hardware-Hersteller, denen Windows beiligen soll, gezwungen haben vertraglich, dass dieses Windows mit dem Internet-Explorer ausgeliefert werden muss und mit keinem anderen Browser.
Chris Diese ganzen Sachen sind also kartellrechtlich sehr bedenklich und Microsoft muss sie dann ja eben auch aufgeben.
Henner Also Microsoft nutzt hier Windows 95 als Hebel, um in den Internetmarkt oder den Browsermarkt vorzudringen. Aber das klappt natürlich nur, weil Windows 95 so verbreitet ist und so populär und kein PC-Hersteller darauf verzichten kann. Und damit kommen wir zum Erfolg. Den haben wir ja schon angedeutet.
Henner Der ist kolossal, kann man nicht anders sagen. Aber die Voraussetzungen sind ja auch perfekt, oder? Für Windows 95.
Chris Ja, die sind perfekt in Windows 95. Baut ja natürlich auf den Vorgängern auf, die mögen veraltet sein, aber Windows 3.1 und 3.11 sind ja schon verbreitete Betriebssysteme. Es gibt zusätzlich viel Aufmerksamkeit für Windows 95. Es gibt gute Presse, es gibt diese große Marketingkampagne. Da kann ja kaum was schief gehen, zumal es auch noch wenig direkte Konkurrenz gibt.
Chris Wir haben natürlich Apple mit den Macintosh und seinem zugehörigen Betriebssystem, aber die sind zu dem Zeitpunkt bei einem einstelligen Marktanteil, dementsprechend also kaum relevant. Linux noch viel weniger, spielt damals noch keine Rolle. Der Hauptwettbewerber ist tatsächlich OS2 Warp von IBM. Das gibt es seit 1994 in der Version 3 und das ist ebenfalls auf Privatkunden ausgerichtet.
Chris Natürlich gibt sich IBM angesichts der neuen Bedrohung gelassen. Am Launchtag von Windows 95 sagt zum Beispiel ein IBM-Sprecher der Washington Post, Zitat, Microsoft liefert dieselben Features, die wir schon vor sieben Jahren hatten. Wir machen hier Business as usual, Zitat Ende. Aber IBM ist ja auch ein PC-Hersteller, hat die Aptiva-Reihe und die kriegt man auf Wunsch auch mit Windows 95.
Chris Also angesichts des Hypes und dieser medienübergreifenden Aufmerksamkeit kann sich kein PC-Hersteller leisten, auf Windows 95 zu verzichten, auch IBM nicht.
Henner Ja, die allermeisten Windows 95-Kopien werden über neue PCs verkauft und beiliegend und vorinstalliert auf neuen PCs. Aber das ist natürlich nur ein Teil des Geschäfts. Es gibt auch einen großen Retail-Markt. Die ganzen Leute, die vor den Geschäften gecampt haben, die haben sich ja Retail-Boxen gekauft oder Upgrade-Versionen für ihr bestehendes Windows 3 gekauft.
Henner Und was kostet das eigentlich? Nun diese Upgrades, die kosten damals 110 Dollar, das entspricht heute inflationsbereinigt ungefähr 200 Euro, und die Vollversion, die eigenständige, die ja nur auf Diskette zu haben ist, die kostet 210 Dollar, das entspricht also ungefähr 400 Euro. Viel Geld für ein bloßes Betriebssystem, mit dem alleine man ja recht wenig anfangen kann, außer Mindsweeper zu spielen.
Henner Und Microsoft beschreitet hier auch ganz neue Vertriebswege. Ich fand das interessant, dass ein Marketingmanager namens David Cole später mal in einem Interview erzählt hat, er sei persönlich am Tag der Veröffentlichung, also damals im August 95, im Shoppingkanal QVC aufgetreten, falls den noch jemand kennt.
Henner Und hat dort den Menschen, die dort zusahen, 20.000 Exemplare von Windows 95 verkauft. Das ist, glaube ich, kein typisches Produkt für so einen Shopping-Kanal, wo sonst eher Schmuck und allerlei Quatsch verkauft werden. Ja, das hat also eine enorme Breitenwirkung, wie man es von einem Betriebssystem bislang gar nicht kannte.
Henner Ja, und diese 20.000 Exemplare sind natürlich nur ein kleiner Anfang, denn ja, Microsoft hat hier einen riesen Hit am Start. Schon nach vier Tagen vermeldet Microsoft, dass sie eine Million Exemplare verkauft haben. Für diesen Meilenstein hat Windows 3, der Vorgänger, also 3.0, noch vier Monate gebraucht.
Henner Und jetzt nach fünf Wochen, nachdem Windows 95 eingeführt wurde, sind es schon sieben Millionen Exemplare. Und nach einem Jahr im August 96 sind 40 Millionen Lizenzen ausgeliefert. Wahrscheinlich nur ein kleiner Teil davon bei QVC, aber das ist ein Riesenerfolg.
Chris Unterschätzt das nicht.
Henner Nee, okay, hast du recht. Für die Gesamtmenge über die gesamte Lebensdauer von Windows 95, das bleibt ja noch ein paar Jahre erhältlich, gibt es keine offiziellen Zahlen, aber man kann das grob abschätzen anhand der Zahlen und Schätzungen von Marktforschern und demnach müssen so im Laufe der Jahre insgesamt 180 bis 200 Millionen Exemplare verkauft worden sein.
Henner Und davon allein 50 Millionen jeweils in den Jahren 97 und 98, obwohl es 98 ja schon den Nachfolger gibt. Also das ist immens. Ich weiß nicht, ob bei Stay Forever jemals über ein erfolgreicheres Produkt gesprochen wurde.
Chris Vermutlich nicht, weil über die Playstation haben wir noch nicht gesprochen.
Henner Ja, aber selbst die erreicht keine 200 Millionen Exemplare.
Chris Nee, das stimmt. Haben wir überhaupt eine Konsole, die 200 verkauft hat?
Henner Nee.
Chris Okay. Ja, aber dass das so hervorragend funktioniert, dass das so gut läuft, dass Windows 95 hat natürlich in erster Linie einen Grund, wie wir beide wissen und ihr alle, die uns zuhört, denn Windows 95 ist auch eine sehr gute Spieleplattform und damit kommen wir zu unserem Stay Forever eigenen Terrain.
Henner Minesweeper.
Chris Ja, genau. Die Killer-App für Windows 95, schon klar. Nun haben wir ja schon beschrieben, dass Windows 95 ein hybrides Betriebssystem ist. Das ersetzt also nicht nur die vorherigen Windows-Versionen, sondern es ersetzt auch DOS. Und DOS ist zu diesem Zeitpunkt, wo Windows 95 rauskommt, das einzig relevante PC-Betriebssystem für Spiele.
Chris Die vorherigen Windows-Versionen, obwohl es da einige Bestrebungen von Microsoft gab, die besser für Spiele tauglich zu machen, haben nicht die gleiche Bedeutung erreicht, nicht mehr ansatzweise, wie DOS. Microsoft scheint sich dieser Verantwortung bewusst zu sein, dass also jetzt, wenn DOS ersetzt wird durch Windows 95, dass natürlich dann auch ein Spiele-Ökosystem geschaffen werden muss.
Chris Und die Spiele spielen ja auch bei dem vorher erwähnten Launch-Event eine Rolle. Da wird ihnen wortwörtlich eine Bühne geboten. Jay Leno spielt live bei diesem Launch-Event gleich zwei verschiedene Spiele, nämlich einmal Hover und Fury Cubed. Beide dieser Spiele müssen einem nicht unbedingt was sagen. Die werden von Microsoft vertrieben und die sind auch extra dafür erstellt, um zu zeigen, dass auch 3D-Anwendungen in Windows 95 funktionieren.
Chris Bill Gates spielt bei diesem Launch Event auch ein Spiel, nämlich das vorhin erwähnte Space Cadet, also diesen Flipper. Man könnte also da durchaus denken, dass Microsoft den Spielen ordentlich Raum einräumt in seinem Betriebssystem, also dass von Anfang an klar ist, hier Spiele sind eine wichtige Sache für uns, aber dieser Eindruck würde täuschen, denn das ist ein relativ neuer Trend.
Chris Ursprünglich hatte das Microsoft-Management wenig Interesse am Spielemarkt, obwohl dem Betriebssystem natürlich die obligatorischen Minispiele wieder beiliegen, wie zum Beispiel das Mindsweeper, das du schon so nachdrücklich erwähnt hast.
Henner Ja klar, kommen wir mal kurz zu den beiliegenden Spielen. Bei Microsoft hat es Tradition, den Betriebssystemen auch immer kleine Spiele mitzugeben, die man zumindest optional vom Installationsdatenträger aufspielen kann. Und Windows 3 hat ja zum Beispiel schon das Kartenspiel Solitaire mitgebracht und das Brettspiel Reversi oder Othello nennt man es ja auch.
Henner Und dieses Reversi wird ab Version 3.1 ersetzt durch das berühmte Minesweeper, dieses Logik-Puzzle mit den Minen, das so großartig ist. Das hat sich zuvor schon im Microsoft Entertainment Pack bewährt. Was ist das denn jetzt schon wieder, Christian? Und hast du das in deiner Sammlung?
Chris Ja, natürlich habe ich das in meiner Sammlung. Da gibt es sogar mehrere davon. Zwischen 1990 und 92 hat Microsoft da vier Stück veröffentlicht. Dazu dann auch noch extra eine Sammlung mit Arcade-Spielen. Und dafür zuständig war im Konzern ein winziges Team. Das nannte sich Entry-Business. Dessen Aufgabe war es, mit relativ geringem Budget Windows 3 auch für Heimanwender attraktiv zu machen.
Chris Eine richtige Spieleabteilung gibt es zu dem Zeitpunkt noch nicht bei Microsoft. Es gibt zwar den Microsoft Flight Simulator, der entsteht aber gar nicht bei Microsoft selbst, sondern bei einem externen Entwickler, bei BAO, der Bruce-Artrick-Organisation. Microsoft ist da nur in Anführungszeichen der Publisher.
Chris Es gibt auch schon ein Golfspiel, Microsoft Golf. Das ist ein Ableger von Links, von Access-Software und entsteht auch dort. Also das ist alles eher Beifang. Spiele sind im Konzern Anfang der 90er ein absolutes Nischenthema.
Henner Zurück zu den Minispielen, die beiliegen. Windows 3 11 hat ein weiteres hinzugefügt. Hearts, ein weiteres Kartenspiel mit einem LAN-Modus. Ganz erstaunlich, in den frühen 90ern denkt man hier schon an LAN-Partys. Das habe ich auch immer sehr gerne gespielt, durchaus auch im LAN. Und warum haben wir die jetzt genannt? Solitär, Mindscreeper und Hearts.
Henner Nun, weil alle drei von Windows 95 übernommen werden. Also die sind auch weiterhin enthalten. Aber dabei bleibt es nicht. Es kommt ein weiteres hinzu. Noch eine Solitär-Variante namens FreeCell. Die war auch früher schon mal in einem Entertainment-Pack zu finden. Ja und dann gibt es die CD-Versionen von Windows 95, die enthalten einen Unterordner, wenn man da ein bisschen rumstöbert, der heißt Fun Stuff und da liegen ein paar Videos drin, und auch ein Spiel, nämlich eben das besagte Hover, ein schon auf der Bühne ja präsentiertes 3D-Spiel.
Henner Da schwebt man mit so Schwebefahrzeugen durch 3D-Labyrinthe und sammelt Fähnchen ein, ist allerdings kein Capture the Flag, also das ist ein reines Singleplayer-Spiel und nicht besonders aufregend. Ja, das war es auch schon. Also ein paar altbekannte Spiele, die man schon aus den Vorgängern kennt und Hover, naja, das sind jetzt alles keine Killer-Applikationen, auch wenn Minecraft immer noch so großartig sein mag.
Henner Also damit wird Windows 95 jetzt sicherlich keine ernstzunehmende Spieleplattform. Wie soll das jetzt also funktionieren? Wie soll Windows 95 das große Erbe von DOS als primäre PC-Spieleplattform antreten?
Chris Ja, das ist eine gute Frage, denn wie gesagt, die Vorgänger-Windows-Systeme haben dieses Erbe ja nicht angetreten. Windows 3 war keine bedeutende Gaming-Plattform. Die bekannte Spiele-Datenbank MobiGames, die führt mehr als 1600 Titel auf, die mit Windows 3X kompatibel sind, aber in den meisten Fällen handelt es sich da dann doch um DOS-Spiele, die sich halt von Windows aus starten lassen.
Chris Es gibt auch einige DOS-Spiele, die mit leichten Anpassungen und dann gerne auch noch auf CD-ROM in dieser Zeit für Windows 3 neu veröffentlicht werden. Civilization for Windows zum Beispiel oder Pirates Gold. Aber das ändert nichts daran, dass es im Kern DOS-Spiele bleiben. Ich habe auch mal in meine eigene Sammlung geguckt. Ich sammle ja die Spiele aus dieser Ära, wenn sie für den PC erschienen sind, unabhängig von dem Betriebssystem.
Chris Und ich habe ungefähr 6.500 Spiele, die für DOS erschienen sind. Und im Vergleich dazu ungefähr 500 Spiele, die für Windows 3.1 oder 3.0 erschienen sind. Also DOS mag zwar veraltet sein, aber es ist bei den Spielenden und den Spieleherstellern beliebt. DOS erlaubt direkten Zugriff auf die Grafikkarte, auf die Soundkarte, auf andere Hardware.
Chris Spieleentwickler machen deshalb gerne Gebrauch davon. Die Windows-Oberfläche mit der Hardware-Abstraktion ist für moderne 3D-Spiele viel zu langsam. Selbst der von dir erwähnte Betriebssystem-Chef Silverberg hat später zugegeben, dass Spieler Windows hassten zu dieser Zeit. Also er spricht von den Dreier-Windows.
Chris Und während Windows 95 entwickelt wird, sieht es lange so aus, als ob es dabei auch bleiben würde.
Henner Genau, denn das Microsoft Management, das kennt sich gut aus mit Bürosoftware und mit Betriebssystemen und mit ethisch und kartellrechtlich bedenklichem Geschäftsgebaren. Aber die verstehen nicht allzu viel vom Spielemarkt. Natürlich ist aber auch der Führungsebene rund um Bill Gates klar, ja Windows 95 muss auch mit DOS-Spielen umgehen können.
Henner So viel verstehen sie dann doch, dass sie das nicht aufgeben dürfen, denn es gibt ja auch, immerhin, du hast es ja schon erwähnt mit Microsoft Home, ein eigenes Label innerhalb des Konzerns, das Spiele vertreibt. Da erscheinen auch ein paar Multimedia-Programme, Weinführer und Encarta und sowas, aber eben auch Spiele.
Henner Nur diese Spiele, die laufen weiterhin unter DOS. Also du hast ja den Flight Simulator erwähnt, der läuft noch bis 96 unter DOS und die Golfreihe Links LS, die steigt erst 1997 auf Windows um. Also die Microsoft eigenen Spiele bis auf die kleinen Spiele-Dreingaben sind weitgehend DOS-Spiele. Und deswegen versteht auch die Führungsebene ja die DOS-Kompatibilität, die können wir nicht aufgeben.
Henner Und da kommt Windows 95 wieder seine hybride Architektur zugute, denn fast alle PC-Spiele, die so im letzten Jahrzehnt erschienen sind, die können sich darauf verlassen auf Windows 95, dass sie weiterhin funktionieren, denn DOS ist ja nach wie vor enthalten, das ist ja der Unterbau für Windows 95. Und so liegt auch zu Beginn der Entwicklung oder während der Entwicklung von Windows 95, was Spiele angeht, der Fokus voll und ganz auf DOS Gaming.
Henner Das hat auch John Ludwig mir bestätigt. Zitat, als das Projekt begann, lag der Fokus auf DOS Gaming. Wir mussten kompatibel sein mit allen MS-DOS-Spielen. Es geht also nicht so sehr um Windows 95 Spiele, sondern um DOS-Spiele, die irgendwie auch laufen müssen. Wenn irgendwas nicht läuft, wenn man also auf das Icon doppelklickt für ein DOS-Spiel und das startet nicht richtig oder braucht sehr lange, wie halt Doom 2, das hast du ja vorhin berichtet, dann kann man ja immer noch in den MS-DOS-Modus wechseln, also das Betriebssystem neu starten in den MS-DOS-Modus und dann landet man ja wieder auf der guten alten DOS-Kommandozeile und kann da spielen, wie man es gewohnt ist vom alten DOS-System.
Henner Und das ist bei einigen Spielen auch notwendig. Es gibt so gängige Schätzungen, die sagen, ja, für fünf bis zehn Prozent aller DOS-Spiele muss man das so machen. Die laufen nicht so gut, wenn man sie direkt von Windows aus startet, aber die meisten anderen schon. Auch wenn man da eher im Vollbildmodus spielen sollte, der Fenstermodus ist dann doch etwas zu langsam.
Henner Aber wie erreicht Microsoft das überhaupt, dass fast alle Spiele, die bislang unter DOS erschienen sind, die eigenen wie auch die von Drittherstellern weitgehend problemlos laufen unter Windows 95? Das ist doch ein riesiger Testaufwand, die alle auszuprobieren, oder?
Chris Ja, aber genau das passiert tatsächlich Microsoft intern. Da gibt es einen Programmierer namens Raymond Chen, der primär die Aufgabe hat, die Kompatibilität herzustellen in diesen virtuellen DOS-Maschinen zu den existierenden DOS-Programmen und DOS-Spielen. Also im Zweifels auch diese virtuellen Maschinen anzupassen, sodass das läuft.
Chris Und der hat einen Kompagnon, der jetzt in der weiteren Erzählung noch sehr wichtig werden wird, nämlich Alexan John. Der ist bis Mitte 94 eigentlich noch beschäftigt mit dem Drucksystem von Windows 95, aber der wechselt dann so langsam in eine Rolle als Evangelist, also jemanden, der sowohl nach innen, aber primär auch nach außen dafür zuständig ist, Partner, also insbesondere Industriepartner, davon zu überzeugen, dass sie sich schon mal vorbereiten sollen auf dieses neue Betriebssystem und idealerweise dafür dann entwickeln sollen.
Chris Und das hat von Anfang an auch einen starken Fokus auf Multimedia- und Spielethemen. Und Alex St. John ist zum Beispiel jemand, der dem Raymond Chen massenhaft Spiele anliefert, der eben seiner eigenen Aussage nach Tausende von Spielen in sein Büro gebracht hat, es regelrecht befüllt damit hat. Um dem Raymond Chen zu erlauben, die auf die Kompatibilität abzuklopfen.
Chris Dieses Zitat mit den tausenden von Spielen, das stammt aus einem Gespräch mit dir, Hanna, denn du hattest die Gelegenheit, mit Alexane John zu sprechen. Und bei der Gelegenheit hat er dir zum Beispiel auch erzählt, wie er da bei seinen Kontakten in der Spieleindustrie anfangs aufgetreten ist. Nämlich erstmal nicht unter guten Vorzeichen. Er bringt diesen Studios nämlich keine frohe Botschaft, was das anstehende Windows 95 angeht.
Chris Und das können wir Ihnen mal kurz selbst erzählen lassen.
Einspieler Und das war wirklich die starte von DirectX, das erste, das erste, die Game Developers mit dem, ich bin sorry, Sie sind alle aus der Bühne, wenn wir das Ding verkaufen sind, wir werden die ganze Unternehmen, und alle deine Gäste sind, und ihr habt mich zu versuchen, das war mein Geist zu machen. Und so, das war meine introduction zu den Game Industry, die Herald of Death von Microsoft.
Chris Also er sagt, wenn wir Windows 95 veröffentlichen, dann sind alle eure Spiele tot, die funktionieren da nicht mehr drauf und dann geht ihr pleite. Es sei denn, ihr lasst uns versuchen, ihr lasst mich versuchen, sie zu reparieren. Und so sei er dann in der Spieleindustrie eingeführt worden als der Todesbote von Microsoft, der aber natürlich eigentlich die Botschaft bringt.
Chris Pass auf, wir wollen auch sicherstellen, dass eure Spiele noch unter Windows 95 laufen. Lasst uns hier mal die Kompatibilität sicherstellen. Aber warum eigentlich dieser Fokus auf die Kompatibilität für DOS? Warum versucht St. John stattdessen nicht einfach die Entwickler davon zu überzeugen, das Win32-Subsystem von Windows 95 zu nutzen, also die moderne Version des Betriebssystems?
Chris Denn die bietet ja schließlich viele Vorteile.
Henner Ja, und das ist eine interessante Frage. Wir haben ja im ersten Teil dieser Folge schon ausführlich darüber gesprochen, wie viel besser es ist, 32-Bit-Software zu nutzen, welche Vorteile das hat. Und das gilt ja auch für Spiele. Die können nämlich, wenn es richtige 32-Bit-Windows-Programme sind und keine alten DOS-Programme mehr, zum Beispiel auf den vollständigen 32-Bit-Adressraum zugreifen, ohne DOS-Extender und sonstige Krücken und ohne diese alten Limits von 640 Kilobyte konventionellem Speicher und ähnlichem.
Henner Dann können Sie auf den vollen Arbeitsspeicher zugreifen. Das ist doch viel besser. Und darüber lassen sich dann auch größere Auflösungen erreichen. Unter DOS ist man oft auf Standard-VGA wie 320x200 Pixel beschränkt. Unter Windows ginge viel mehr. Dann gibt es ja auch noch weitere neue Technologien, die man nutzen kann, die 32-Bit-APIs, also die Programmierschnittstellen für Audio-Wiedergabe, für Video-Wiedergabe, der Zugriff aufs CD-Laufwerk, auf die Netzwerke.
Henner Das ist ja alles drin und vereinheitlicht in Windows 95. Und davon können die Spiele eigentlich stark profitieren, wenn sie nur angepasst sind an dieses Betriebssystem. Und sie sind natürlich auch benutzerfreundlicher. Kann man einfach mit der Maus installieren oder die Installation läuft sogar automatisch, wenn man die CD einlegt.
Henner Da beginnt das Setup praktisch selbstständig mit der Arbeit. Man muss nur hier und da mal klicken und schon ist es auf der Festplatte das Spiel und kann man währenddessen Minesweeper spielen.
Chris Ist Minesweeper jetzt das neue Donkey Bus eigentlich? Genau, frage ich mich.
Henner Ich werde das jetzt auch in jeder Folge erwähnen. Es liegt daran, dass ich hier immer Mindsweeper spiele, während du redest.
Chris Verständlich.
Henner Ja, das war bei DOS alles nicht so einfach. Aber es gibt auch einen Nachteil. Es gibt sogar mehrere Nachteile, die Windows 95 mitbringt. Und die erklären, weshalb jetzt nicht alle Spieleentwickler freudig auf Windows 95 umsteigen. Welche sind denn das?
Chris Vor allen Dingen sind es die viel höheren Hardware-Anforderungen. Also wenn wir mal Command & Conquer Alarmstufe Rot als Beispiel nehmen. Das erscheint nämlich in einer DOS- und einer Windows-Version. Und die DOS-Version hat einen 486 mit 66 MHz als Mindestvoraussetzung. In der Windows-Variante braucht es zwingend einen Pentium.
Chris Oder Master of Orion 2, auch ein Spiel aus dieser Ära. Für Windows braucht das zwingend 16 MB Hauptspeicher, in DOS 8 MB. Also die Anforderung an den Arbeitsspeicher ist doppelt so hoch unter Windows. Und die Grafikdarstellung in Windows, und das ist, glaube ich, der eigentliche Killer für eine große Zahl von Spielen, die jetzt in dieser Ära entstehen.
Chris Diese Grafikdarstellung läuft über das ziemlich lahme Graphics Device Interface, also GDI. Das ist gedacht für zweidimensionale Fenster. Aber wir kommen ja hier in die Ära der 3D-Grafik. Wir sind ja hier schon nach Doom. Und dafür ist das GDI absolut ungeeignet. Selbst das Flight Simulator Team, du hattest das vorher schon erwähnt, das ja eigentlich zu Microsoft gehört, schwört deswegen weiterhin auf DOS, denn der Flight Simulator ist ein 3D-Spiel, weigert sich, das Spiel an Windows anzupassen.
Chris Dafür wäre unter Windows ein direkter Zugriff auf die Grafik-Hardware nötig, wie es unter DOS eben möglich ist. Und deswegen haben die Entwickler erst mal wenig Interesse an Windows. Das Betriebssystem steht ihnen im Weg und Windows 95 ändert daran nichts. Microsoft muss dieses Problem also lösen. Und das wäre dann auch schon der zweite Anlauf, denn da gab es schon mal einen Versuch, das zu lösen.
Henner Den einigen bei Microsoft ist das klar. Die sind ja nicht doof. Die wissen schon, dass Windows keine geeignete Spieleplattform ist. Das wird ihnen wahrscheinlich auch ständig von den Spieleentwicklern genauso gesagt. St. John erzählt das so, dass er bei den Spieleentwicklern ständig vorbeischaut und eben für Windows wirbt und die hätten ihn aber alle immer ausgelacht und gesagt, nee, Windows ist fett und ist uns nur im Weg, wir bleiben bei DOS.
Henner Also das ist kein Geheimnis, dass Windows ungünstig ist als Plattform für technisch anspruchsvolle Spiele. Und das erkennt man schon früh im Jahr 1994. Da gibt es in einer kleinen Microsoft-Abteilung ein Projekt, bei dem eine Software-Schnittstelle, also solch eine API entwickelt wird, die heißt WinG, geschrieben Win mit einem großen G.
Henner Und das G, man weiß nicht so genau, wofür das steht. Vielleicht für Games, aber wahrscheinlich steht es eigentlich für Graphics. Denn darum geht es hier. Also WinG, das ist eine Schnittstelle, die es den Spieleentwicklern erleichtern soll, ihre Spiele von DOS auf Windows zu portieren. Eigentlich geht es zurück auf eine Entwicklung für Windows 95.
Henner Die wird ja rückportiert auf Windows 3. Bisschen verworren, diese Geschichte. Aber was macht WinG jetzt? Nun, das löst ein kleines architektonisches Problem, denn Windows 3 kann, ganz vereinfacht dargestellt, Bilder nur auf echten physischen Ausgabegeräten zeichnen, wie auf dem Monitor. Die werden da gemalt und dann wieder vergessen.
Henner Aber sie können nicht später wieder ausgelesen und manipuliert werden. Es gibt keinen Zugriff auf einen schnellen Bildpuffer, in dem man arbeiten könnte, sondern die Bilder kommen direkt auf den Monitor und dann sind sie weg. Und das ist für Spiele ungünstig. WinG behebt das, denn WinG stellt jetzt einen schnellen Speicherbereich für Grafiken bereit, auf den die Programme zugreifen können und in dem sie die Daten auch später nochmal manipulieren können.
Henner Und dazu gibt es noch einen standardisierten, einen optimierten Weg zum Zeichnen von Bildern. Das heißt, die Spiele sind jetzt weniger davon abhängig, dass sie die Hardware-Treiber korrekt ansprechen. Das ist ja unter DOS noch ein Problem. Da müssen die Entwickler praktisch jeden einzelnen Grafiktreiber beachten und für jeden einzelnen Treiber und jede Grafik-Hardware separat optimieren.
Henner Das entfällt hier. Also WinG ist schon ein Fortschritt, zumindest für Windows 3.1 und so wird das dann auch im April 1994 eingeführt. Auf der GDC, dieser Entwicklermesse, präsentiert Microsoft, also WinG, der Entwicklergemeinde und präsentiert die Leistungsfähigkeit mit einem Spiel, mit einem Vorzeigespiel, dem guten alten Doom.
Henner Doom ist ja ein DOS-Spiel, aber hier wird eine Windows-Version von Doom präsentiert, die unter Windows 3 läuft, mit dem inoffiziellen Namen Windoom. Das ist auch keine Entwicklung von id Software, sondern von Microsoft selbst. Die hat also ein Team bei Microsoft entwickelt und federführend war ein Herr namens Gabe Newell.
Henner Woher kennen wir den denn, Christian? Haben wir das schon mal gehört, oder?
Chris Ja, das ist natürlich der spätere Gründer von Valve und Mitschöpfer von Half-Life. Ja, dieses WinG schafft höhere Frameraten, aber dadurch schafft Microsoft ja keinen Vorteil für Windows, sondern es schmälert eigentlich nur den inhärenten Nachteil. Und es ist trotzdem ein Notbehelf, denn WinG beschränkt sich auf zweidimensionale Bitmap-Grafiken und Videos, aber es hilft gar nicht beim Rendern von polygonalen 3D-Welten, die ja jetzt wie gesagt im Kommen sind.
Chris Und selbst bei den 2D-Bildern gibt es einen Nachteil, denn was Vinci fehlt, ist die Synchronisation zwischen der Grafikkarte und dem Monitor und das erzeugt beim Rendern von 2D-Bildern Tearing-Effekte, also das Bild zerreißt, horizontale Linien trennen das Bild in den oberen und unteren Bereich, die leicht gegeneinander verschoben sind.
Chris Da Alexane John für die Unterstützung und die Überzeugung von den externen Spieleentwicklern zuständig ist, preist er dort natürlich auch Vinci an, aber stößt er auf wenig Gegenliebe. Er hat dir auch erzählt, dass sich alle trotzdem darüber beklagt hätten und ihm gesagt hätten, Zitat, gute Arbeit mit den hohen Frameraten, aber zu dumm, dass alles scheiße aussieht.
Chris Er schafft es trotzdem, ein paar Studios zu überzeugen, auf Vinci umzusatteln. Die Release-Version kommt im September 1994 raus und kommt dann auch in einigen Spielen zum Einsatz. Zum Beispiel in Civilization 2, einem meiner Allzeit-Lieblingsspiele, oder auch in der Windows-Version von SimCity 2000 und in dem Microsoft-eigenen Titel Fury Cubed, den wir vorher schon mal erwähnt haben.
Chris Aber seinen prominentesten und folgenreichsten Einsatz hat Vinci nicht in einem Core-Gamer-Titel, sondern in einem wahrscheinlich den meisten von euch unbekannten Multimedia-Programm für Kinder.
Henner Ja, jetzt kommt eine wilde Geschichte, Christian. Es wird ein bisschen kompliziert, aber bleibt dran. Es lohnt sich, denn am Ende steht die Entwicklung von DirectX. Was das ist und warum das so wichtig ist, dazu kommen wir noch. Aber erst mal zur Genese. Also, es geht um den König der Löwen. Das ist ein Zeichentrickfilm von Disney und das ist im Jahr 1994, in dem wir hier sind, der mit großem Abstand erfolgreichste Kinofilm.
Henner Ich glaube, Forrest Gump ist da auf zwei, aber weit abgeschlagen. Und natürlich kommen dazu auch ein paar Spiele raus, man kennt dieses berüchtigte Westwood-Spiel, das so wahnsinnig schwer ist, aber nicht nur das, im November 1994 veröffentlicht dann Disney auch auf Basis dieses Films, eine interaktive CD-ROM für Windows 3.1 und die heißt Disney's Animated Storybook The Lion King, also König der Löwen.
Henner Das ist ein Bilderbuch, ein animiertes Bilderbuch, kein richtiges Spiel eigentlich. Und dieses Bilderbuch, das basiert auf WinG. Also Alex St. John hat es geschafft, Disney anzuwerben und davon zu überzeugen, dieses Werk mit WinG auf Windows 3.1 umzusetzen. Und dieser große Erfolg, dass man jetzt also diesen Riesenkonzern Disney gewonnen hat für Windows als Spieleplattform, das ist ganz ungewöhnlich und das weckt das Interesse der Unternehmensführung.
Henner Die wird jetzt hellhörig und die beauftragt St. John nun, eine Roadmap zu schreiben, einen Plan, wie man diesen Erfolg wiederholen könne. Wir finden es toll, dass ein Riesenkonzern wie Disney Spiele im weitesten Sinne für unser Windows anbieten will. Wie bringen wir alle anderen dazu, das auch zu tun? Wie machen wir Windows und das künftige Windows 95 vor allem natürlich zur ultimativen Multimedia-Plattform?
Chris Und das Stichwort ist ja Multimedia. Wir sind ja in dieser 94er, in dem CD-ROM-Boom-Ära und alles muss auf einmal Video haben und auf CD-ROM kommen. Du hattest vorher schon kurz die Microsoft-Home-Linie erwähnt. Das ist ja eine reine Multimedia-Linie. Das sind ja alles videobasierte Lexika und lauter solches Zeug.
Chris Und Alex St. John hat eine ganz eigene Vorstellung davon, was Multimedia unter Windows bedeuten soll. Zitat von ihm, Microsoft dachte, Videos abzuspielen wäre das Aufregendste, was man mit Windows anstellen kann. Ich sagte ihnen, ihr spinnt, das ist das Dümmste, was ich je gehört habe und Apple wird euch in den Hintern treten.
Chris Gaming ist das, wofür Leute PCs nutzen wollen. Zitat Ende. Aber wir hatten es ja schon gesagt, Windows 95 zollt dem nicht Rechnung. Windows 95 ist auf Multimedia ausgerichtet, durchaus, aber nicht auf Games. Und Saint-Jean plant, das zu ändern. Gemeinsam mit zwei Microsoft-Mitstreitern, mit dem WinG-Entwickler Craig Eisler und etwas später dazu gestoßener Eric Engstrom, führte unter seinen Kontakten in der Spielebranche im Sommer 1994 eine Umfrage durch.
Chris Was müsste Microsoft tun, um Windows zu einer Spieleplattform zu machen? Da kriegt er viel Feedback und auf Basis von diesen Ergebnissen verfassen die drei dann im Oktober 1994 das Strategiepapier, nachdem die Unternehmungsführung ja verlangt hat. Das ist ein Memo unter dem Titel Taking Fun Seriously und dieses Dokument propagiert ein spielerfreundliches Windows und zeigt eine Strategie auf, um den PC zum.
Chris Zitat, ultimativen Konsumenten-Unterhaltungsgerät zu machen und Online-Multiplayer-Erlebnisse zu schaffen, die mit allem außer Sex konkurrieren, Zitatende. Ja, das ist ein interessanter Zungenschlag, den die drei da hatten. Aber dieses Dokument ist durchaus denkwürdig, ob seiner Offenheit und auch seiner Weitsicht.
Henner Das ist ein tolles Dokument. Das ist auch überliefert, dank St. John, der hat das veröffentlicht. Ich habe das alles gelesen und darin stellen die Autoren erstmal zu Beginn fest, wie riesig dieser Spielemarkt sei. Man darf nicht vergessen, an wen sich dieses Dokument richtet, an die Führungsebene von Microsoft, primär an Bill Gates, auch wenn das so da nicht drin steht.
Henner Das richtet sich nicht an normale Leserinnen und Leser, an Spieler da draußen, sondern das ist ein internes Dokument. Und da muss erstmal aufgeklärt werden, diese Leute, die sich nur mit Büros, Software und Betriebssystemen auskennen, die müssen begreifen, wie wichtig dieser Spielemarkt ist. So konstatieren sie gleich in den ersten Absätzen, Spiele seien auf dem PC die größte Softwarekategorie und der eigentliche Grund, weshalb Windows sich eigentlich gegen Apple durchgesetzt habe.
Henner Mit anderen Worten, Apple ist in vielen Bereichen, was das klassische Multimedia-Geschäft angeht, mit Quicktime und Co. eigentlich überlegen. Aber wegen der Spiele sind wir überhaupt noch relevant. Dann kommt noch der Konsolenmarkt hinzu, der wird auch noch erwähnt, den gibt es ja auch noch und der befindet sich, schreiben sie gerade, im Umbruch, das stimmt, das Dokument entsteht ja im Oktober 1994 und kurze Zeit später erscheint in Japan die Playstation, und sie drohen nun also, diese Konsolen, die jetzt gerade erneuert werden, die in eine neue Generation eintreten, die drohen uns zu enteilen.
Henner Zitat 1995 könnte das erste Jahr sein, in dem die Konsolen den PC weit hinter sich lassen und das obwohl der PC doch so technisch leistungsfähig ist. Also Microsoft verkennt hier die Chancen im Spielemarkt, schreiben sie, und versäume es, die vielen Schwächen der Plattform zu beheben, denn die Plattform hat viele Schwächen.
Henner DOS ist zwar eine große Spieleplattform, aber es ist eigentlich keine besonders gut geeignete Spieleplattform, denn DOS-Spiele, schreiben sie, sind schwierig zu installieren und zu konfigurieren, das stimmt alles. Und wegen DOS seien die Entwickler auch stets auf den kleinsten gemeinsamen Hardware-Nenner ausgerichtet.
Henner Also es gibt eine große technische Vielfalt, viele verschiedene Grafikchips und Soundchips und so weiter, aber die Entwickler würden sich immer nur auf einen kleinen gemeinsamen Nenner einigen, also das Minimum nur nutzen, weil es zu aufwendig ist für jeden einzelnen Grafikchip und für jede neue Soundblaster-Generation, eigene Treiber oder eigene Software zu schreiben.
Henner Und das hält den PC als Plattform natürlich stark zurück, vor allem gegenüber den Konsolen, die diesen Nachteil nicht haben. Und neue Technologien, wie sie gerade aufkommen, hohe SVGA-Auflösungen zum Beispiel, die würden deswegen kaum angenommen. Ja und was ist jetzt mit Windows spielen? DOS-Spiele, haben sie gerade etabliert, sind also problematisch, halten die Plattform zurück. Und was ist jetzt mit Windows spielen?
Henner Für die hat Microsoft ja auch eine Vision. Also es ist ja Bill Gates und Co. durchaus klar, dass es eine Zukunft gibt für Spiele unter Windows 95. Aber sie haben eben die falsche Vision. Das meinen zumindest die drei Autoren. St. John sagt mir dazu, Zitat, das Unternehmen setzte damals stark auf Bill Gates' Vision von Multimedia, also auf Bilderbücher wie Lion King, interaktive Enzyklopädien oder auch interaktive Filme wie das Adventure Seventh Guest.
Henner Die Idee war, also die Vorstellung von Bill Gates und Co. von einem modernen Spiel unter Windows 95, das ist eine CD-ROM mit ein bisschen Video und da kann man draufklicken. Darauf lag der Fokus. Und St. John sagt mir dazu, Zitat, das war eine ziemlich dumme Vision und das habe ich Bill auch ständig gesagt.
Henner Also die halten dich hinterm Berg mit ihrer Meinung. Ja und das findet sich auch in diesem Dokument Taking Fun Seriously, da stehen sehr deutliche Worte an die Führungsebene. Da schreiben sie Zitat, solche Programme, also solche Multimedia-Spiele in Anführungszeichen, das seien pseudo-interaktive, schlechte Spieletechnologie, weniger grafisch, weniger interaktiv als richtige Spiele und mit wenigen Ausnahmen wie Seventh Guest von 93 auf dem Markt auch chancenlos.
Henner Zitat, unsere Ressourcen werden investiert in eine spezifische Art der Interaktivität, die in Großbuchstaben niemand kauft. Also wir sind hier auf dem Holzweg, sagen sie sehr, sehr deutlich. Wir brauchen richtige Spiele unter Windows 95. Ja, und da haben sie auch gleich eine Lösung in petto.
Chris Genau, denn die drei Autoren dieses Papiers schlagen jetzt eine Reihe von neuen APIs vor, also Programmierschnittstellen, mit denen Spieleentwickler einen einheitlichen und zugleich auch direkten Zugriff auf die PC-Hardware erhalten. Denn damit würde man dann die Spieleentwickler von den Schwierigkeiten befreien, die bislang den Zugriff auf grundlegende Grafikfunktionen beeinträchtigen, so steht das in dem Dokument.
Chris Also im Endeffekt ein besseres WinG, aber es geht nicht nur um die Grafik, auch ein neues Soundsystem wird angepeilt, das die Probleme des bisherigen Soundtreiber-Modells beheben solle, darunter zum Beispiel die Latenz oder Ressourcenkonflikte und Schwierigkeiten bei der Audiosynchronisation. Dann ist angedacht eine Eingabe-API für die Joystick- und die Gamepad-Steuerung, die dadurch vereinheitlicht werden soll.
Chris Das wiederum würde den Weg freimachen für neue, moderne Joysticks und andere Eingabetechnologien, Headtracker zum Beispiel oder Datenhandschuhe. Ja, das war vielleicht der Teil der Vision, der sie bisher noch nicht so materialisiert hat. Außerdem steht in dem Papier eine Multimedia-API, die die Entwicklung von LAN- und Internet-basierten Spielen erleichtern soll.
Chris Und diese API-Sammlung hat da auch einen Namen, nämlich das Manhattan Game SDK und, Was ist das jetzt? Ein Game-SDK ist logisch, das ist ein Software-Entwicklungspaket, also Software-Development-Kit für Computerspiele. Aber warum heißt das Manhattan? Naja, die Wortherkunft ist recht geschmacklos, denn es gibt ja das militärische Manhattan Project, das damals von den USA aus der Taufe gehoben wurde, um einer japanischen Bedrohung entgegenzutreten.
Chris Und das ist auch hier die Bedeutung. Die angenommene Bedrohung kommt in diesem Fall durch die neuen Konsolen von Sony, Sega und Nintendo, also von japanischen Firmen. Und deswegen heißt der Projektname hier in diesem Papier Manhattan Project. Übrigens auch nur hier, das wird dann später nicht übernommen.
Chris Es bleibt nicht bei diesem Namen.
Henner Ja, dieser Name Manhattan ist nur ein interner Name und auch bei dem Namen Game SDK bleibt es langfristig nicht. Am Ende heißt diese API-Sammlung DirectX. DirectX, der Name ist keine Erfindung des Teams selbst, sondern die wird einem Journalisten zugeschrieben. So ganz genau weiß das niemand mehr. DirectX, ja das X ist einfach nur ein Platzhalter. Denn alle APIs, die in dieser Sammlung enthalten sind, die heißen Direct irgendwas.
Henner Da sind vier enthalten in der ersten Version. DirectDraw ist der Win-G-Nachfolger, der ist zuständig für schnelle 2D-Grafik. Direct Sound natürlich für den Klang, Direct Input für die Eingabe und Direct Play für Multiplayer-Technik. Ja, und gemeinsam sind sie eben Direct X-Technik. Es gibt aber diesen Namen zu Beginn noch nicht, also im Herbst 1994, da heißt das Ganze noch Manhattan Game SDK, aber es braucht doch noch keinen richtigen Namen, denn es gibt ja noch überhaupt keinen Code.
Henner Diese APIs sind ja nur Vorschläge. Das ist also der Wunsch dieses Teams, so etwas entwickeln zu dürfen, aber damit haben sie noch gar nicht angefangen. Es gibt noch keinen Code, es gibt nur den Plan. Der Plan lautet, so steht es in dem Dokument, mit diesem Game SDK, alias DirectX und in Zusammenarbeit mit den Hardware-Herstellern und natürlich mit den Spieleentwicklungsstudios soll DOS innerhalb von zwei Jahren als Spieleplattform abgelöst werden.
Henner Sie schreiben Zitat getötet werden, typisch für die Jungs, sie sind immer sehr drastisch in ihrer Wortwahl und Windows 95 soll als Nachfolger aufgebaut werden. Das ist ein ziemlich stimmiger Plan, das ist ein guter Plan, muss man sagen und der ist so zu lesen in dem erwählten Dokument in Taking Fun Seriously, das im November 1994 fertiggestellt wird.
Henner Ja, nur leider, dieser Plan interessiert niemanden.
Chris Es ist gar nicht genau überliefert, wer dieses Strategiepapier intern überhaupt zu lesen bekommt, ob das jemals zu Bill Gates vordringt. Es bekommt aber auf jeden Fall kaum Resonanz und ist jetzt nicht so, als würde das Management dann bei den drei anklopfen und sagen, ja, setz das bitte in die Tat um.
Chris Deswegen beschließen sie trotzdem schon mal mit der Arbeit zu beginnen. Alex St. John lädt prominente Spielerentwickler wie zum Beispiel Seamus Blackley von Looking Glass ein, um Feedback von ihm einzuholen. Blackley wird übrigens später dann bei Microsoft verantwortlich sein für die Xbox. Und Eisler beginnt in seinem Weihnachtsurlaub schon mal den ersten Code zu schreiben.
Chris Und nach Weihnachten geraten die Dinge dann richtig ins Rollen. Und zwar nochmal wegen Lion King, wegen dem König der Löwen. Und zwar dieses Multimedia-Buch auf CD, das du da vorhin beschrieben hast, auf Vingee-Basis, das ist nämlich ein großer Erfolg. Das haben viele amerikanische Kinder unter dem Weihnachtsbaum liegen.
Chris Und das kommt auch als vorinstallierte Software auf angeblich eine Million Compact-PCs, die auch wiederum zu Weihnachten natürlich dann gut verkauft werden. Diese Freude unterm Weihnachtsbaum wehrt aber zumindest bei den Compact-PCs nur kurz, nämlich nur bis zum Blue Screen. Dieses Bilderbuch stürzt darauf einfach ab. Schuld daran sind fehlerhafte Grafiktreiber, die wurden zu eilig ausgeliefert und nicht auf Winji-Kompatibilität getestet.
Chris Das ist nicht unbedingt Microsofts Schuld, aber Disney wird über die Weihnachtstage mit zahllosen Supportanrufen überschwemmt und kriegt anschließend auch noch vernichtende Kritik aus der Presse, weil dieses populäre Spiel nicht funktioniert.
Henner Ja, Disney ruiniert Weihnachten, war da zu lesen teilweise.
Chris Das ist ja schon drastisch. Wie gesagt, Microsoft kann da nichts dafür, aber Alex St. John, der diesen Deal ja eingefädelt hat, der Disney ja zu Vinci gebracht hat, der rechnet angesichts dieser katastrophalen Resonanz aus der Öffentlichkeit jetzt schon damit, dass er rausgeschmissen wird. Es kommt aber anders, wie er dir berichtet hat, der sagte dir, Bill Gates war begeistert.
Chris Klar, diese Disney-Geschichte war bitter, aber diesen Grad an Aufmerksamkeit hat nie zuvor irgendeine Microsoft-Aktion in der Öffentlichkeit bekommen im Zusammenhang mit Spielen und ihrem Betriebssystem. Und deswegen wird das Management und insbesondere Bill Gates jetzt also doch wieder aufmerksam auf das ganze Gaming-Thema und fordert von Alex St.
Chris John und seinen Mitstreitern nochmal einen Plan an, wie man solche Debakel wie mit Minji dann in Zukunft vermeiden könnte und Disney wieder glücklich machen könnte. Und dieser Plan ist jetzt eine erweiterte Fassung von Taking Fun Seriously, von diesem ersten Papier, das heißt Taking Fun Seriously 2. Da reichen also St. John und seine Kollegen dieses Strategiepapier erneut ein, diesmal ergänzt um Maßnahmen, wie eben so ein Debakel wie um Lion King zukünftig verhindern werden könnte.
Chris Und dann hören sie da schon wieder nichts davon. Da wiederholt sich diese Geschichte. St. John hat dir gesagt, Zitat, wir haben den Plan eingereicht, dann wanderte er die Hierarchie hinauf und es blieb still. Zitat Ende. Das ist vielleicht auch nicht so verwunderlich, weil für die Microsoft-Führungsebene zählt hier im Frühjahr 1995, wo wir jetzt sind, nur noch die Fertigstellung von Windows 95, das ja schon ewig verspätet ist. Das Ding muss endlich mal rauskommen.
Chris Für tiefgreifende Veränderungen wie jetzt neue APIs ist auch überhaupt keine Zeit mehr. Also das hat einfach null Priorität, dieses Ding. Und St. John geht also dann schon davon aus, dass sein Projekt gestorben ist. Aber dann kommt der Gedanke, vielleicht müsst ihr die Dinge nur selbst in die Hand nehmen. Er hat natürlich auch einen vorgesetzten, Rick Siegel, und der warnt ihn.
Chris Also wenn du jetzt selber losläufst mit diesem Schnittstellenpaket und das geht schief, dann kostet dich das deinen Job. Und Alex St. John versteht diese Warnung als Aufforderung.
Einspieler Aber er sagt, sind Sie bereit zu sein, dass ich mich für ihn verabschiedet habe? Und ich denke, er sagt, ich bin, was er für ihn? Was sind Sie für mich für eine Möglichkeit? Ich bin, wenn du es, wenn du es. Wenn du es, wenn du es, wenn du es, wenn du es, wenn du es, wenn du es, wenn du es, wenn du es. Und ich war, okay. Und ich habe gesagt, Eric und Craig, und wir alle zusammengekommen und gesagt, ja, wir sind für das. Wir machen es. Wir machen es.
Chris Also er sagt hier, warum fragst du um Erlaubnis? Mach es doch einfach. Und das tut er dann auch. Und so wird diese Spiele-Schnittstellen-Sammlung jetzt Microsoft intern eine Art Geheimprojekt.
Henner Ja, die Entwicklungsarbeit daran läuft ja eigentlich schon. Sie haben ja schon, Feedback eingeholt in der Spielebranche, das ist St. Johns Aufgabe vor allem und Eisler hat schon programmiert, aber so nebenbei und jetzt gehen sie in die Vollen, jetzt konzentrieren sie sich voll und ganz darauf und wollen um jeden Preis ihr Projekt durchprügeln, dieses Game SDK zu verwirklichen und irgendwie Windows 95 zur Spieleplattform zu machen.
Henner Ja und das tun sie, also Eisler, der arbeitet weiter im Verborgenen quasi geheim an dieser API-Sammlung, aber er programmiert nicht alleine, das schafft er gar nicht, der wird unterstützt, denn das Team holt sich Unterstützung, die kriegt sie aber nicht im Unternehmen, denn sie arbeiten ja ohne Auftrag von ganz oben.
Henner Aber sie holen sich die Unterstützung daher von außen, zum Beispiel bei den Hardware-Herstellern. ATI, der Grafikchip-Hersteller, ist hier ein wichtiger Partner, gehört heute zu AMD. Und sie beschäftigen auch externe Programmierer. Und die bezahlen sie einfach mit ihrer Firmenkreditkarte. St. John beschreibt das so, dass er als Evangelist in seiner Aufgabe wohl sehr große Spielräume hatte. Der kann quasi auf eigene Faust durch die Welt reisen und Geld ausgeben, um nur irgendwie Unternehmenspartner zu gewinnen.
Henner Und das macht er auch. Er hat an mehreren Stellen behauptet, er hätte seine Firmenkreditkarte um eine Million Dollar überzogen. Er neigt ein bisschen zur Übertreibung, der gute Mann, aber es kann schon stimmen und er sichert sich dabei auch die Unterstützung von sehr prominenten Spieleentwicklern. Er hat ja diese Kontakte in die Spielebranche in seiner Aufgabe.
Henner Und so heißt es zum Beispiel, dass Origin Systems, das kommt etwas später, jetzt nicht im Frühjahr 95, aber etwas später zwei Programmierer sogar entsendet, die dann bei Microsoft einen Monat lang bei der Entwicklung helfen. Und id Software, die helfen auch, denn die händigen Microsoft den heiligen Quellcode für Doom aus.
Henner Also sie helfen nicht direkt, aber sie überlassen Microsoft immerhin den Code für ihr wichtigstes Spiel. Doom spielt jetzt schon wieder nämlich eine wichtige Rolle. Wir haben ja schon beschrieben, welche Rolle Doom für Win-G gespielt hat. Da hatten sie ja dieses Win-Doom entwickelt, das Win-G nutzt und unter Windows läuft.
Henner Und jetzt entsteht hier eine neue Windows-Doom-Version namens Doom 95. Die hat mit WinDoom nicht mehr viel zu tun. Es ist eine neue Portierung, die aber erneut bei Microsoft entsteht, also ohne aktive Hilfe von id Software. Aber immerhin mit späterem Segen von id, denn Doom 95 wird noch kommerzialisiert.
Henner Ja und Doom ist so wichtig, dass es sogar die Leitlinien definiert für die Entwicklung von DirectX. Aber das kann St. John nochmal selbst erzählen.
Einspieler The definition of DirectX 1 is whatever runs Doom on Windows better than it runs on DOS. That was the spec for DirectX 1.0.
Henner Er sagt, die Definition von DirectX 1, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht so heißt, ist, was immer Doom unter Windows besser laufen lässt als unter DOS. Auf dieser Basis und nach dieser Maßgabe wird DirectX 1, also diese Schnittstellensammlung, entwickelt.
Chris Ja, das ist wenigstens eine griffige Vision, die sie da als Leitbild haben. Im Frühjahr 1995 lässt Alex St. John dann die Spielepresse schon mal wissen, dass Windows 95 eine großartige Spieleplattform sein werde. Naja gut, das ist auch seine Aufgabe als Evangelist. Und er sticht bei der Gelegenheit aber auch schon heimlich Informationen zu diesem geplanten Game SDK an die Redaktionen durch, obwohl es ja gar nicht den offiziellen Segen hat.
Chris Gewinnt damit in der Branche aber zusätzlichen Rückhalt und nach eigener Auskunft schürt er damit dann am Ende so viel Hype, dass Microsoft sein Projekt gar nicht mehr ignorieren kann.
Einspieler Das war's für heute.
Chris Nach und nach gewinnt er damit die Unterstützung der Führungsebene, etwa von Bill Gates und Brad Silverberg. Und im April 1995 ist dann die erste noch sehr rohe Beta von dieser Game SDK bereit für die Game Developers Conference. Heißt da immer noch nicht DirectX, sondern heißt da eben noch Game SDK. Die ist nur kompatibel mit einer einzigen Grafikkarte von ATI.
Chris Und vor Ort halten St. John und Kollegen einen kleinen Vortrag. Aber ATI rührt schon mal ordentlich die Werbetrommel für dieses Game SDK, die haben gleich mehrere Vorträge dazu. Und gegenüber vom Konferenzgelände veranstaltet das Team um Alex St. John ein eigenes Event mit angeblich mehr als 1000 Gästen.
Chris Spätestens jetzt ist auch die Spielebranche mit an Bord, wie das Magazin Game Developer im Juni 1995 schreibt. Microsoft sei in der Branche zwar äußerst unbeliebt, aber, Zitat, wen auch immer ich über Microsofts Game SDK befragte, es war eine Liebesgeschichte.
Henner Zitat Ende.
Chris Und die Zeitschrift PC Week behauptet, Zitat, Millionen von Haushalten, die früher Spielkonsolen gekauft haben, werden stattdessen Windows 95 PCs kaufen.
Henner Ja, spätestens jetzt kann die Unternehmensführung das nicht mehr ignorieren, dieses Projekt, was da gerade entsteht. Das ist jetzt natürlich auch längst kein Geheimprojekt mehr. Es wird immer größer, die Öffentlichkeit wird aufmerksam. Ja, aber wie soll das überhaupt funktionieren? Das haben wir noch gar nicht beschrieben. Wir haben beschrieben, wie WinG so ungefähr funktioniert, aber das hat ja auch nicht besonders gut funktioniert. Was will DirectX, wenn es eines Tages so heißt, eigentlich besser machen?
Henner Das ist natürlich nicht so ganz einfach, aber wir versuchen das mal in einem Absatz so runterzubrechen, was DirectX überhaupt macht. In den Worten von St. John, Zitat, wenn man DirectX-Treiber installiert, dann geben sie sich als gültige Windows-Treiber aus. Sie belügen das Betriebssystem und legen Windows praktisch still.
Henner Also Windows weiß überhaupt nicht, was dort passiert. Das Windows-Grafiksystem, dieses lahme GDI, das weiß also nicht, was da eigentlich passiert. Das zeichnet weiterhin seine Pixel, aber die kommen nie bei der Grafikkarte an. Die Grafik-Hardware wird vollständig kontrolliert von DirectX und Windows ist einfach raus.
Henner Denn, Zitat von St. John, dann läuft stattdessen das DirectX-Betriebssystem für Doom. Naja, hier geht es primär um Doom, das war ja der erste Maßstab oder das Ziel, Doom laufen zu lassen. Später gilt dasselbe natürlich auch für viele andere Spiele. Also Eingaben, Game Controller, Netzwerkfunktion, Soundgrafik, das alles übernimmt DirectX.
Henner St. John bezeichnet DirectX daher auch als Sidecar-Betriebssystem. Also als ein angedocktes, aber eigenständig laufendes Betriebssystem innerhalb des Betriebssystems. Und wenn das Spiel dann beendet wird, dann endet auch DirectX und gibt die Kontrolle wieder ab an Windows und das weiß überhaupt nicht, was da gerade eigentlich passiert ist, dass es also, ausgeschlossen wurde und dass das, was Windows da gezeichnet hat, nie auf dem Monitor zu sehen war.
Henner Also das ist wirklich ein tiefer Eingriff ins Betriebssystem. Das Betriebssystem oder zumindest seine Oberfläche wird komplett rausgeworfen, während das Spiel läuft. Aber genau das ist ja auch das Ziel. Das Betriebssystem und seine Oberfläche waren den Entwicklern und waren den Spielen im Weg und deswegen wird es einfach abgeschaltet.
Henner Das funktioniert auch schon einigermaßen bei dieser Präsentation auf der GDC oder neben der GDC und kommt gut voran, vor allem weil Eisler 100 Stunden pro Woche arbeitet. Aber auch wenn sie gut vorankommen, für eine Integration in Windows 95 ist es natürlich viel zu spät. Das haben wir ja schon beim Internet Explorer gehört.
Henner Der war ja auch Monate vor dem Launch von Windows 95 fertig, aber der konnte auch nicht mehr ins Betriebssystem integriert werden. Also wie soll DirectX, wenn es dann irgendwann mal wirklich fertig ist, überhaupt verbreitet werden? Nur die Idee ist, dass Microsoft das gar nicht selbst macht. Natürlich, sie brennen das auf eine CD und geben das den Spieleentwicklern, damit die auf dieser Basis ihre Spiele schreiben können. Es ist ja ein SDK, ein Software Development Kit, also Software für die Entwicklung von Spielen.
Henner Aber auch die Spielerinnen und Spieler müssen selbst DirectX installieren. Das kennt man ja bis heute, das ist ja nach wie vor nötig unter Windows, DirectX zu installieren. Und wie soll das passieren, woher kriegen die das? Nun, das sollen die Spieleentwickler selbst auf ihre Spiele-CDs packen. Also es ist nicht auf der Windows-CD, aber es steckt auf den Spiele-CDs.
Henner Und wenn man das Spiel installiert, dann wird erstmal DirectX installiert. Das ist also der geplante Vertriebsweg für diese Software. Und ja, dann ist auch die finale Version bald fertig. Windows 95 kommt ja im August und im September, einen Monat später, ist also dieses Game SDK, der Name Manhattan Project war nur intern, der ist entfallen, Game SDK Featuring DirectX, besser bekannt als DirectX 1.0, Bereit für die Auslieferung an die Spieleentwickler.
Chris Ja, und weil Windows 95 ja so eine opulente Launchparty bekam, bekommt das jetzt DirectX auch. Das wird organisiert unter St. John's Federführung bei Microsoft. Und am 30. Oktober 1995 steigt dann eine große, wilde Party. Die hat wieder so einen markigen Titel. Judgment Day heißt die, Tag der Abrechnung.
Chris Findet auch wieder auf dem Microsoft Campus statt. Bestimmt wird auch wieder irgendjemand in den Brunnen geworfen. oder schmeißt sich das selber rein. Es gibt auf jeden Fall Live-Musik, das Riesenrad ist wieder da, es gibt ein Halloween-Spukhaus und es sind 35 Entwicklerstudios vor Ort, die zeigen insgesamt schon 75 Spiele.
Chris Einige Studios gestalten sogar eigene Areale, Activision zum Beispiel ist ja einer der Entwickler, die ein ganz, ganz frühes Windows 95 Spiel am Start haben, nämlich Pitfall, The Mayan Adventure und die gestalten da so eine eigene Dschungel-Landschaft zu dieser Gelegenheit. It Software ist natürlich auch zugegen, die veröffentlichen zudem Anlass auch gleich ein neues Spiel, nämlich Hexen, den Shooter, der bei Raven Software entwickelt wurde. Das ist allerdings noch ein reines DOS-Spiel, das hat mit Windows gar nichts zu tun.
Chris Aber trotzdem ist id Software das Highlight auf dieser Game SDK CD zu verdanken, nämlich eine frühe Fassung dieser Windows 95 Version von Doom, Doom 95. Und anders als das WinGee-basierte WinDoom ist Doom 95 jetzt also offiziell von id Software abgesegnet. Und das läuft nicht nur auf Wunsch im Windows-Fenster, sondern bringt auch einen Launcher mit für eine bequeme Konfiguration. Das hat höhere Auflösungen im Gepäck, es unterstützt mehr Soundkanäle. Das ist also eine technisch erweiterte Fassung von Doom.
Chris Und laut einigen Quellen ist es unter Windows 95 tatsächlich auch schneller als unter DOS. Das war ja das erklärte Ziel von DirectX. Wie wichtig dieser Doom-Port für das Windows-95-Ökosystem ist, das verdeutlicht beim Judgment Day neben einem großen Doom-Turnier, das dort gespielt wird, auch eine Videobotschaft von Bill Gates, die zu dem Anlass abgespielt wird.
Chris Und das ist entstanden nach einem Skript und unter der Regie von Alex St. John und wohl unter dem Protest der PR-Abteilung. In diesem Video, in dieser Botschaft, tritt Bill Gates mit einer Shotgun in einer Doom-Spiel-Szene auf und preist Windows 95 als die Spiele-Plattform. Hören wir mal kurz rein.
Einspieler Windows 95 ist die Game-Plattform. Whether it's the best performance, the best setup, the best integration. Yeah, yeah, yeah. Don't interrupt me.
Chris Nun ja, also das muss eine wilde Sause gewesen sein. Auf jeden Fall im Januar 1996 veröffentlicht Microsoft dann eine Sampler-CD namens Games for Windows 95. Und die enthält mehr als ein Dutzend Demos von Spielen, die für Windows 95 angepasst wurden. Darunter Fury Cube, diesen eigenen Titel von Microsoft.
Chris Von Activision ist Mac Warrior 2 dabei und natürlich auch die finale Version von Doom 95. Also Microsoft nimmt den Spaß endlich ernst, aber dabei fehlt DirectX eigentlich noch seine wichtigste Komponente.
Henner Ja, denn wir haben die einzelnen APIs ja aufgezählt, da ging es um 2D-Grafik und um Sound und solche Dinge, aber was fehlt? 3D-Grafik, das ist ja eigentlich gerade die große Revolution. Nicht irgendein Multimedia-Quatsch mit Videos, nein, 3D-Grafik mit Polygonen, wie es die Playstation vormacht. Und gerade dafür ist DirectX noch überhaupt nicht vorbereitet.
Henner Wir sind ja hier noch im Prä-Voodoo-Zeitalter, also die berühmten Voodoo-Grafik-Karten, die kommen erst 96 und so ist der PC, was 3D-Grafik angeht, weit hinterher hinter der Playstation und das muss sich ändern, wenn Windows 95 wirklich die beste Spieleplattform der Welt sein soll und das ist ja das erklärte Ziel.
Henner Das heißt, DirectX braucht eine weitere Schnittstelle für die Berechnung von 3D-Grafik. Es gibt so eine 3D-Grafik-Schnittstelle schon, die heißt OpenGL, aber OpenGL ist eigentlich nicht für Spiele geeignet, auch wenn id Software in Person von John Carmack ja später darauf schwört, aber eigentlich ist das überdimensioniert, das ist für den professionellen Einsatz gedacht und nicht so sehr für Spiele.
Henner Und deswegen, das steht auch im Taking Fun Seriously Dokument so, sei das eine ziemlich unpopuläre API für 3D-Spiele. Und das heißt, auch ein Zitat, wir haben in diesem Jahr keine API, die uns mit den neuen Konsolen mithalten lässt. Aber, das schreiben sie auch gleich in ihrem 94er Dokument schon, die nötige Technologie existiert schon.
Henner Nur nicht bei Microsoft selbst, aber anderswo. Und da nennt das Dokument drei Unternehmen, die da gerade führend sind auf dem Gebiet der 3D-Grafik-APIs. Das sind Criterion, Argonaut und Randomorphics. Die haben alle drei eigene 3D-Engines und 3D-APIs. Argonaut kennt ihr vielleicht, die sind ja vor allem bekannt für das SNES-Spiel Starfox mit diesem SuperFX-Grafik-Chip, der im Modul mit drin steckt.
Henner Aber der entscheidende von den dreien ist Render Morphix. Die haben eine eigene 3D-API namens Reality Lab. Und genau diese Firma Render Morphix wird nun von Microsoft gekauft. Das Dokument stellt die drei noch vor und empfiehlt nur, man sollte doch den meist respektierten von diesen drei Anbietern einfach kaufen.
Henner Das ist ja eine bewährte Taktik von Microsoft. Wenn man jemanden nicht schlagen kann, dann übernimmt man ihn einfach. Und genau das wird hier auch vorgeschlagen. Und wie gesagt, das macht Microsoft dann auch. Diese Übernahme von Randomorphics, die geschieht schon im Februar 1995. Da ist dieses Game-SDK-Projekt eigentlich noch das Geheimprojekt.
Henner Das ist noch nicht so sehr an die Öffentlichkeit gedrungen. Wie schaffen sie es also, die Microsoft-Führungsebene davon zu überzeugen, einfach mal eine Firma zu kaufen für das, was später Direct3D wird? Das ist eine sehr komplizierte Geschichte und sie hat sehr viel mit Intrigen zu tun. Sie schaffen das nämlich, ohne jetzt auf die Details einzugehen, eine andere Abteilung, die Multimedia-Abteilung dazu zu bringen, dass sie Randomorphics übernimmt, ohne zu wissen, dass das eigentlich etwas für das Direct-Lix-Team ist.
Henner Zitat von St. John zu diesem Vorgang. Ich zögere zu erzählen, wie wir Microsoft dazu gebracht haben, sie zu kaufen, denn wir waren dabei sehr berechnend und böse. Also, wie gesagt, wir gehen nicht näher auf diese Geschichte ein. Sie schaffen es, sie bringen Microsoft dazu, Randomorphics zu übernehmen und auf der Basis der Randomorphics-Technik namens Reality Lab entsteht nun also bei Microsoft Direct 3D, die neue 3D-fokussierte Schnittstelle als Teil von DirectX.
Henner Und die erste Version von diesem Direct 3D, die erscheint im Juni 1996, also einige Monate nach dem ersten DirectX, als ein Teil der zweiten Generation von DirectX 2.0. Das heißt jetzt nicht mehr Manhattan Project, sondern das entsteht unter dem Namen Orion Project. Das ist so ein NASA-Projekt aus den 50er Jahren, da sollten nukleare Raketenantriebe entwickelt werden. Immerhin keine Bomben mehr.
Henner Erste Spiele, die dieses Direct 3D nutzen, die erscheinen dann auch schon im Herbst 96. Die nutzen allerdings gleich die erweiterte Version aus DirectX 3.0. Wir sehen schon, wie beim Internet Explorer geht es hier Schlag auf Schlag. Es kommen in sehr schneller Folge neue Versionen raus. Und zu den frühesten Titeln, die dieses Direct 3D nutzen, gehören im September 96 wiederum einige von Microsoft selbst publizierte Spiele.
Henner Monster Truck Madness, das habe ich auch gerne gespielt. Hellbender und ein Basketballspiel namens NBA Full Court Press. Im Oktober zieht dann auch endlich die Flight Simulator Reihe um von DOS auf Direct 3D. Jetzt ist also endlich der PC dort, wo er längst hätte sein sollen, ist eine echte 3D-Spielemacht geworden. Dank DirectX und vor allem dank Direct 3D.
Chris Das stimmt natürlich. Allerdings sind die unabhängigen Entwicklerstudios da draußen, die jetzt nicht bei Microsoft-Selbstspiele entwickeln, nicht ganz so schnell überzeugt. Die ersten Direct-3D-Versionen sind noch relativ eingeschränkt und erschweren die Programmierung. John Carmack z.B. Schreibt 1997, it just sucked.
Chris Also es war scheiße. Und zugleich gibt es auch einen Konkurrenten, eine alternative Schnittstelle namens Glide. Die kommt vom Entwickler der Voodoo-Karten von 3DFX. Dazu gibt es auch schon eine eigene Stay Forever-Technik-Folge, auf die wir an dieser Stelle gerne verweisen. Und Glide ist wiederum eine Abwandlung von OpenGL, reduziert auf Spielebefehle und wird für eine Zeit lang so eine Art quasi Standard.
Chris Aber Microsoft gibt nicht auf und entwickelt Direct3D rasant weiter. Du hast schon von diesen häufigen Versionen gesprochen. Und ab der Version 5 von 1997 wird DAIC 3D dann auch endlich in der Spielebranche ernst genommen. Version 6 von 1998 ist laut den Entwicklern, die damals auf der GDC sich dazu äußern, dann auch schnell genug, um Glide und andere proprietäre APIs zu ersetzen.
Chris Version 7 kommt 1999, die zieht in der Funktionsvielfalt sogar vorbei an OpenGL, und parallel dazu verläuft ja der Siegeszug von NVIDIA, deren 3D-Chips fast von Anfang an voll auf Direct3D setzen und die Voodoo-Chips dann nach und nach aus dem Markt drängen. 2011 findet dann selbst John Carmack lobende Worte für Microsofts 3D-API.
Chris Jetzt haben sie es wirklich geschafft. Und so geschieht das, was St. John prognostiziert hat. DOS stirbt. Die Zahl der jährlichen neuen DOS-Spiele beginnt schon 1995 zu sinken. 1997 sind es nur noch etwa halb so viele wie auf dem Höhepunkt 93-94. Und Ende der 90er Jahre spielt DOS dann gar keine Rolle mehr.
Chris DirectX wird derweil sogar zum Antrieb einer Konsole, die Xbox von 2001 basiert, im Kern auf der DirectX Version 8. Ja, und natürlich erben auch spätere Windows-Generationen diese API-Sammlung DirectX, denn nach Windows 95 muss es jetzt rasch weitergehen. Warum muss es so rasch weitergehen, Herr?
Henner Ja, weil der Name genau das nahe liegt.
Chris Richtig.
Henner Auf Windows 95 muss logisch 96 folgen. Das vermuten damals auch viele in der Presse. Und auch Microsoft selbst oder zumindest ein Mitarbeiter hat das mal bei einer Entwicklungskonferenz damals so behauptet. Ja, dass wohl ein Windows 96 folgen werde, das natürlich alles besser macht. Ja, das kommt aber nicht. Aber die Entwicklung geht weiter. Windows 95 entstand ja unter dem Codenamen Chicago und auf Chicago folgt jetzt ein neues Projekt namens Nashville.
Henner Nashville ist erneut der Name einer US-Stadt und nun auch der geplanten nächsten Windows-Generation, die auf Windows 95 aufbaut und dem Gates-Dekret folgend den Internet Explorer im System verankern, also voll aufs Web ausgerichtet sein soll. Aber das Nashville-Projekt wird schon im Januar 96 wieder aufgegeben und die dafür eigentlich geplanten Inhalte werden dann aufgeteilt auf zwei neue Projekte, ein kurzfristiges und ein längerfristiges.
Henner Das erste dieser beiden ist ein Update-Paket für Windows 95, was wir heute Service Pack nennen würden, damals aber noch nicht so heißt, sondern OSR2. Das steht für OEM Service Release 2, richtet sich primär an PC-Hersteller, nicht so sehr an Endkunden, die das aber trotzdem gern annehmen und das System damit upgraden zu Windows 95B.
Henner Und da sind verschiedene Updates drin, ein paar neue Treiber, das Dateisystem FAT32 für größere Partitionen mit mehr als zwei Gigabyte. Und der Browser ist auch enthalten, aber er ist noch nicht so stark ins Betriebssystem integriert. Browser und Dateimanager sind nicht miteinander verschmolzen, wie das ursprünglich mal für Nashville geplant war.
Henner Es folgen dann noch OSR 2.1 und 2.5 mit weiteren Updates, aber diesen kühnen Plan der Verschmelzung von Betriebssystemen und Browser, den verschiebt Microsoft in das zweite Projekt, das größere mit Codenamen, ja das ist wieder eine Stadt, Memphis.
Chris Über das Jahr 1997 verteilt erscheinen dann Testversionen dieses neuen Memphis-Systems. Das wird jetzt folgerichtig als Windows 97 bezeichnet. Aber auch das verzögert sich wieder. Ja, das hat ja inzwischen auch schon Tradition. Es gibt auf der Messe Comdex im April 1998 eine öffentliche Aufführung und die zeigt auch, warum sich das verzögert.
Chris Da sollen eigentlich die Vorzüge der verbesserten USB-Unterstützung demonstriert werden. Aber dann wird da ein USB-Scanner angesteckt und erzeugt einen Blue Screen. Bill Gates kommentiert das dann mit den Worten, das ist wohl der Grund, warum wir Windows 98 noch nicht ausliefern. Bei diesem Namen, also Windows 98, bleibt es dann aber. Im Juni 1998 kommt dieses System auf den Markt.
Chris Die deutlich bessere, jetzt auch halbwegs brauchbare USB-Unterstützung ist eine der Neuerungen. Der Internet Explorer ist jetzt stärker integriert. Der hat inzwischen die Version 4 erreicht. Active Desktop ist eine weitere Neuerung. Windows 98 setzt ganz unübersehbar auf das Web. Das liefert neben dem Browser auch noch Outlook Express als Mail-Client mit, Frontpage Express als Tool für die Erstellung von HTML-Seiten, NetMeeting für Online-Konferenzen und auch noch weitere Tools, die alle mit dem Internet zu tun haben oder mit der Vernetzung.
Chris Der Windows Explorer, der enthält jetzt Navigationsbuttons, also wie ein Browser und auf dem Desktop prominent platziert sind Active Channels. Das sind also abonnierbare Webseitenkanäle, die ihre Inhalte dann automatisch für die spätere Offline-Nutzung oder die Anzeige auf dem Active Desktop runterladen.
Henner Habe ich nie benutzt.
Chris Nee, ich auch nicht. Also von diesem super starken Internetfokus ist auch nicht jeder begeistert. Du hattest ja, wie gesagt, mit dem Microsoft-Manager John Ludwig gesprochen und der hat hier im Dialog gesagt, Zitat, ich gebe zu, dass wir alle ein wenig zu begeistert davon waren, Internetfunktionen hinzuzufügen.
Chris Und ich war sicherlich mit Schuld, es zu weit getrieben zu haben. Active Desktop war einfach nicht ausgereift genug, nicht schnell genug. Es war letztendlich das Guten zu viel. Zitat Ende.
Henner Ja, das stimme ich ihm zu. Ist aber ein Muster, das sich bei Microsoft wiederholt. Wir leben gerade im Jahr 2026 und erleben, wie Microsoft seine Betriebssysteme mit KI-Funktionen vollstopft. Und genauso war das damals mit den Internetfunktionen. Hat keiner danach gefragt, aber das musste dann sein. Aber es wäre auch nicht fair, Windows 98 auf diese ungeliebten Web-Funktionen zu reduzieren, denn es gibt darüber hinaus durchaus sinnvolle Neuerungen.
Henner Es gibt ein neues Treibermodell, WDM, das vereinheitlicht jetzt die Treiberbasis für Windows 98 und NT und für nachfolgende Generationen. Das ist sehr willkommen. Also eine USB-Unterstützung, haben wir schon erwähnt, funktioniert einigermaßen. Naja, zumindest für Mäuse und Tastaturen reicht es, Massenspeicher laufen noch nicht.
Henner Dann werden andere neue Technologien unterstützt, wie der neue Grafikkartensteckplatz AGP oder die Energieverwaltung per ACPI. Da kann sich der PC, das ist ganz toll, jetzt in einen Energiesparmodus versetzen, sehr zeitgemäß. Umweltschutz und so und er kann auch sich selber abschalten. Also beim Runterfahren wird jetzt nicht mehr wie früher immer angezeigt, sie können den Computer jetzt ausschalten. Nee, das macht der Rechner einfach selbst, wenn denn die Hardware bereit ist dafür.
Henner Muss schon etwas neueres Netzteil sein und ein passendes Mainboard, dann geht das. Man kann mehrere Monitore parallel anschließen. Es ist erstaunlich, was vorher alles nicht ging aus heutiger Sicht.
Chris Ja, nicht wahr.
Henner Aber wer hatte auch Platz für mehrere Röhrenmonitore auf dem Tisch? Das war eher die Ausnahme. Man kann sich Video-DVDs ansehen, wenn man eine passende Decoder-Karte im Gerät hat. Und eine wichtige Neuerung, es gibt Windows Update. Auch das gab es vorher nicht. Natürlich gab es Updates für Windows, aber die musste man separat runterladen oder auf einer CD beziehen.
Henner Jetzt gibt es eine integrierte Funktion namens eben Windows Update und die kann direkt aus dem Netz Updates runterladen und installieren und dann im schlechtesten Moment den Rechner neu starten.
Chris Für all das ist allerdings ein schnellerer Rechner nötig als vorher. Jetzt muss es mindestens ein 486 DX2 mit 66 MHz und 16 MB RAM sein. Das ist immerhin die vierfache Menge von dem, was offiziell für Windows 95 noch gereicht hat. Ein CD-Laufwerk ist immer noch nicht zwingend notwendig für die Installation, denn Windows 98 ist die letzte Windows-Version, die auch auf Disketten zu beziehen ist. Da bekommt man dann 39 Stück. Das ist ein großer Spaß, von denen Windows 98 zu installieren.
Henner Ja, und die 38. ist kaputt. Ja, genau.
Chris Die Presse jedenfalls ist wieder angetan. Die Zeitschrift Smart Computing nennt die Neuerungen exzellent. PC Computing schreibt von einem willkommenen Upgrade für Windows 95 und einem absoluten Must-Have für neue Systeme, zählt aber auch Nachteile auf, und dazu gehören die hohen Systemanforderungen und die, Zitat, nur minimal geringere Crashfreude, Zitat Ende.
Chris Das ist auch kein Wunder, weil am technischen Unterbau hat sich bei Windows 98 nichts geändert, also diese Dreiteilung aus DOS, 16-Bit Windows und 32-Bit Windows ist da schon immer noch drin.
Henner Die Presse ist also weitgehend begeistert. Ich glaube, das galt auch für uns. Ich bin auch sehr schnell damals umgestiegen von 95 auf 98. Du auch?
Chris Ja.
Henner Weniger begeistert war die Presse vom Plus-Paket. Das gab es auch wieder, dieses kostenpflichtige Add-on. Da ist aber diesmal ziemlich viel Quatsch dabei. Das einzig Sinnvolle ist so eine Zip-Unterstützung, also die integrierte Unterstützung für Zip-komprimierte Archive. Schon nett, aber sehr beschränkt und eigentlich brauchte das keiner.
Henner Es hatte doch jeder Winra installiert. Und es gibt natürlich wieder Desktop-Themes und ein paar Spiele, aber das ist nicht mehr so sinnvoll und wichtig wie das erste Plus-Paket. Den Internet Explorer bekommt man ja jetzt auch schon von Haus aus. Die PC-Computing schreibt deswegen auch das ganze Paket seit Zitat Hochglanz-Ramschware und eines der miesesten Software-Angebote, die uns je untergekommen sind.
Chris Harte Worte.
Henner Wow. Nun, die Geschichte von Windows 98 ist damit noch nicht beendet. Es gibt dann noch Windows 98 Second Edition SE, also ein größeres Upgrade im Jahr darauf, also 1999. Da wird die USB-Unterstützung noch ein bisschen verbessert. So richtig gut ist sie da immer noch nicht. Aber immerhin, es gibt die Möglichkeit, Internetzugänge im LAN zu teilen, sehr zeitgemäß.
Henner Und natürlich werden wieder ein paar Tools aktualisiert. Aber der RAM-Bedarf, der wächst weiter auf mittlerweile 24 MB, schon 20 mehr als die Urversion. Ja, und das eigentliche Problem von Windows 98 SE ist aber, du hast es gerade gesagt, der Unterbau, das immer noch das alte 16-Bit DOS. Und wir nähern uns hier dem Ende des Jahrtausends. Jetzt wird es doch langsam mal wirklich Zeit für den Umstieg auf NT, oder?
Chris Ja und für den Abschied von DOS Windows 98, so hatte Bill Gates persönlich im Frühjahr 98 auf der Microsoft Hausmesse verkündet, soll das letzte DOS-basierte Betriebssystem von Microsoft sein. Für die privaten Nutzer soll jetzt auch ein System auf Basis von Windows NT, folgen. Das hat auch einen Codename, nämlich Neptune.
Chris Diese NT-Reihe, die sich ja an professionelle Anwender und Büros und sowas richtet, wird auch parallel weiterentwickelt bei Microsoft. Das Neptune-Projekt, das also wie gesagt das Heimanwender-NT sozusagen werden soll, verzögert sich aber. Und dann kommt Microsoft in eine Situation, wie zumindest einige Quellen behaupten, wo sie nicht länger warten können auf dieses Neptune-Projekt, also auf den NT-basierten Windows-Nachfolger, weil die PC-Hersteller da draußen nach einem Update verlangen, nach einer neuen Windows-Version.
Chris Und daher beginnen dann schon Ende 1998 doch Diskussionen intern, ob man nicht nochmal eine Neuauflage, das nun ja doch schon alternden Windows 9X, also 95, 98 machen soll, auf DOS-Basis, wiederum stark auf Multimedia-Inhalte ausgerichtet und mit dem Interface von dem NT-Nachfolger von Windows 2000 ausgestattet.
Chris Und dieses System wird intern Win2KC genannt, also Windows 2000 Consumer. Das wird auch 1999 angekündigt und soll wie Windows 2000 auch im Jahr 2000 erscheinen. Und das gelingt sogar. Und das trägt dann den Namen Windows Millennium Edition, kurz Windows ME und erscheint im September 2000.
Henner Interessant, dass du ME sagst. Niemand sagt, glaube ich, Mi, obwohl es mit einem großen M und einem kleinen E geschrieben wird.
Chris Ach, soll das so ausgesprochen werden? Das höre ich jetzt zum ersten Mal.
Henner Ich weiß nicht. Ich habe mich das immer gefragt. Im Zweifel sagt man Millennium Edition.
Chris Das wiederum habe ich auch noch nie gehört, dass das jemand so sagt. Okay, ich glaube, wir bleiben bei ME.
Henner Es spielt aber auch keine Rolle, denn dieses ME ist ein wirklich kurzes Kapitel. Das ist also, wie gesagt, immer noch DOS-basiert, aber es versteckt dieses DOS-Fundament etwas verschämt. Denn den reinen DOS-Modus, in dem man ja bislang immer noch wechseln konnte per Neustart, den gibt es jetzt einfach nicht mehr.
Henner Zumindest nicht mehr offensichtlich, man kommt über Umwege doch noch ran. Aber es gibt auch ein paar durchaus wichtige, schöne Neuerungen. Ich finde, Windows ME ist durchaus besser als sein Ruf. Das wird immer verschrien und verhasst im Rückblick, aber es hat einige sinnvolle Neuerungen mitgebracht. Die Systemdateiüberprüfung zum Beispiel, die also verhindert, dass man willkürlich irgendwelche Systemdateien löscht.
Henner Da gibt es eine Wiederherstellungsfunktion, mit der man zu früheren Systemzuständen zurückkehren kann, wenn etwas schief gelaufen ist. Und die Oberfläche ist natürlich wieder ein bisschen modernisiert und noch ein bisschen stärker auf Multimedia getrimmt. Es gibt den Movie Maker als Videoschnittprogramm und einige andere Dinge.
Henner Aber insgesamt ist das kein ganz großer Wurf. Es gibt auch wieder ein paar neue Spiele. Es gibt jetzt nämlich Internet-Varianten von den bekannten Spielen wie Hearts und Backgammon und Reverse. Da gibt es Internet Hearts, Internet Backgammon und so weiter. Aber kein Internet-Mindsweeper. Und damit hat das Betriebssystem bei mir natürlich keine Chance gehabt.
Henner Also ich habe ME nie selbst benutzt, damals zumindest nicht.
Chris Ich schon.
Henner Hast du das damals installiert?
Chris Ja, ich habe jede Windows-Mission mitgenommen.
Henner Oh, okay.
Chris Ich hatte das. Ich habe jetzt auch keine besonders ausgeprägten Erinnerungen an ME. Es kam ja langsamer und aufgebläht hervor als Windows 98, aber das mag ich vielleicht auch einfach falsch hören.
Henner Ich habe hier für eine Technik-Bits-Folge neulich versucht, eine USB-Maus unter Windows 98 zum Laufen zu bringen, für die es nur 98 Treiber gab. Und das funktionierte nicht, der Rechner ist immer wieder abgestürzt. Ich habe alles versucht. Es brachte nichts. Windows 98 und USB, die vertragen sich einfach nicht.
Henner Und die Lösung war am Ende Windows ME. Das hat mich gerettet. Denn das kann alles, was Windows 98 auch kann. Naja, es hat den DOS Real Mode nicht mehr, aber es bringt eben diese USB Unterstützung mit. Die ist jetzt wirklich zum ersten Mal richtig brauchbar. Also ich finde Windows ME ist dann doch etwas besser als sein Ruf.
Chris Also das reicht für Verhaltenslob in der Presse. PC World schreibt zum Beispiel im Juli 2000, diese PC Health Funktionen seien der beste Grund für das Update auf Windows ME. Aber davon abgesehen, Zitat, brauchen sie ME eigentlich nicht. Stattdessen sollten sie warten, bis Microsoft Fehler und Inkompatibilitäten behoben hat oder auf die nächste Windows Version warten. Zitat Ende.
Chris Denn das ist so der Pferdefuß von Windows ME nach wie vor. Es hat Kompatibilitätsprobleme, vor allem bei alter DOS-Software. Aber es hat auch noch Systemstabilitätsprobleme, die ja die Vorgänger auch schon geplagt haben. Und die, glaube ich, auch für den zweifelhaften Ruf von Windows ME heutzutage hauptsächlich zuständig sind.
Chris Das liegt vor allem an den Schwächen der alten 16-Bit-Basis. Das tritt nun einfach sehr deutlich zu Tage. Die PCs sind moderner geworden. Es gibt mit Windows 2000 parallel ein sehr viel ausgereifteres Windows, nach wie vor für den professionellen Einsatz gedacht, aber das ist halt in der Welt und dagegen sieht ME doch schon deutlich alt aus.
Chris Nun und die Konsequenz intern bei Microsoft ist dann auch, dass diese beiden bisher getrennten Projekte, also das professionelle Windows, das MT und das Heimatanvendor Windows zusammengelegt werden, verschmelzen zu einem Projekt, das hat erst den Codenamen Whistler und wird dann im Jahr 2001 als Windows XP erscheinen, aber das ist eine andere Geschichte für eine andere Stay Forever Technikfolge.
Henner Oh ja, genau. Und weil XP so kurz nach ME erscheint, nur ein Jahr später, spricht also sehr bald schon niemand mehr von Windows ME und fast alle, die ich kenne, sind auch sehr schnell auf XP umgestiegen. Ja, das ist also ein etwas unrühmliches Ende, dieses Windows ME für, eine große Betriebssystemfamilie, die aber einiges vollbracht hat, die den Markt und den Computer als Medium und als Massenprodukt doch sehr weit vorangebracht hat. Und damit sind wir schon bei der Schlussbetrachtung.
Henner Was hat uns Windows 95-98 und in Klammern vielleicht auch ein bisschen Windows ME gebracht? Was ist davon heute noch übrig?
Chris Nun, da ist natürlich vor allen Dingen die Nutzerfreundlichkeit. Das war ja das erklärte Ziel dieses Projekts, dass auch Einsteigern durch Windows 95 das Arbeiten mit dem PC nähergebracht wird, dass die Oberfläche zugänglicher und freundlicher ist. Und dazu gehören aber auch unterstützende Technologien wie Plug & Play zum Beispiel.
Chris Für John Ludwig war das in eurem Gespräch übrigens das wichtigste Vermächtnis sogar von Windows 95, weil das alles zusammen hat geholfen, den PC von einem technischen Werkzeug für wenige Experten in ein alltägliches Konsumgut für Millionen von Menschen zu verwandeln. Menschen, die vor dem Hype um die Markteinführung teils gar nicht wussten, was ein Betriebssystem überhaupt ist.
Chris Und erst mit Windows 95 erfüllt der PC wirklich das Versprechen, dass seine Gerätegattung ja von Anfang an gegeben hat, nämlich ein Computer für jedermann zu sein.
Henner Genau, das ist ja der Traum von Anfang an gewesen, seit diese Gerätegattung in den 70ern aufkam. Der wird jetzt erst, 20 Jahre später geht er in Erfüllung, dank Windows 95. Ich glaube, das kann man so sagen, ja. Gucken wir ins Detail, dann gibt es auch einiges, was bis heute überlebt hat. So einige Konventionen bei der Computerbedienung, Bedienelemente wie den Desktop als Arbeitsfläche, die man vollmüllen kann mit eigenen Dateien, wie einige das tun, einige undisziplinierte Menschen.
Henner Oder das Startmenü in der Ecke als Ankerpunkt. Das sieht man ja nicht nur bis heute bei Windows, sondern das sieht man ja auch bei anderen Betriebssystemen in ähnlicher Form. Viele Linux-Oberflächen haben auch etwas Startmenü-Ähnliches irgendwo in der Ecke stehen. Also das hat sich durchaus durchgesetzt.
Henner Und natürlich auf technischer Ebene dieses prozessorientierte Arbeiten, das Multitasking, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ein Spiel installieren und ein anderes dabei spielen, das ist natürlich das Wichtigste. Und das hat die Produktivität doch deutlich erhöht. Und ja, uns ist allen klar, also bevor ihr böse Kommentare schreibt, Multitasking ist keine Erfindung von Microsoft und wurde nicht erst mit Windows 95 eingeführt. Das konnte der Amiga schon viel früher.
Henner Aber hier hat es sich auf breiter Basis erst durchgesetzt. Hier wurde dem Durchschnittsnutzer, der vorher Windows 3 und DOS benutzt hat, gezeigt, was ein PC alles leisten kann. Auch während wir etwas leisten. Drucken, während wir schreiben.
Chris Ja, und Microsoft hat natürlich auch das Internet nicht erfunden und auch keine wesentlichen Internet-Technologien wie den Browser oder die E-Mail oder sowas. Aber Windows 95 war trotzdem für viele Menschen der Einstiegspunkt ins Internet. Und das nicht zuletzt durch die konsequente Integration von Web-Technologien in das Betriebssystem, wie den Browser, wie das E-Mail-Programm.
Chris Und das hat diesen ganzen Zugang erleichtert.
Henner Aber Christian, das Allerwichtigste ist natürlich das Thema Gaming. Das Allerwichtigste ist, dass Windows 95 auch mithilfe von DirectX und mit dem vereinheitlichten Treibermodell den PC zur besten Spieleplattform der Welt gemacht hat. Es ist gut, dass Fabian nicht hier ist, der würde uns wahrscheinlich widersprechen, aber ich denke, so ist es.
Henner Und genauso habe ich es auch Alex St. John in unserem Gespräch gesagt. Ich habe ihm persönlich dafür gedankt, dass er den PC gerettet und zur besten Spieleplattform der Welt gemacht hat. Ich glaube, sein Ego hatte dieses Lob nicht nötig. Das ist auch so groß genug. Aber ich glaube, es ist nicht ganz übertrieben.
Chris Wer weiß, wie oft er das schon gehört hat. Da hat er sich bestimmt gebauchpinselnd gefühlt.
Henner Ja, klar.
Chris Aber ja, ja, klar. Windows 95 ist das Windows, das DOS abgelöst hat. Das trotz diverser Versuche vorher. Wir hatten es ja beschrieben. Und da ist es dann endlich gelungen. Ja, und vielleicht auch nicht zuletzt. Windows 95 hat uns dabei geholfen, die Stabilität des späteren Windows XP umso mehr zu schätzen.
Henner Ja, und du hast es ja schon angeteasert. Das ist ein Thema für die nächste Stay Forever Technik Windows-Folge, die irgendwann mal erscheint und da behandeln wir dann 2000 und XP und den ganzen NT-Strangen. Und Minesweeper können wir dabei auch noch mal erwähnen, denn das war, glaube ich, auch dabei.
Chris Ja, wie gesagt, das muss jetzt ja, das ist das neue Windows-Maskottchen. Minesweeper.
Henner Ja, genau.
Chris Sehr schön. Henna, ja, dann herzlichen Dank für diese Reise durch Windows 95, 98 und ME. Vielen Dank für die Recherche und euch da draußen. Ganz herzlichen Dank fürs Zuhören.
Henner Ich danke auch dir natürlich und auch meinen Gesprächspartnern. Und bis zum nächsten Mal.
Chris Tschüss.