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Der neueste Weird-Fiction-Erfolg aus Tschechien: Jonáš Zbořils Debütroman „Flora“
Freitag, 11. September 2026 · 6 min
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Shownotes
Es ist heiß in dieser Romanwelt, auch im Winter - Umweltkatastrophen sind alltäglich geworden. In der Steppe vor den Toren einer Stadt erobert sich die Natur ein Areal zurück. Es wuchern Süßgras, Bärlauch und Staudenknöterich. Hier lebt das junge Paar Sára und Adam.
Auf einem nächtlichen Spaziergang finden sie ein kleines, fragiles Wesen, weder Mensch noch Tier. Aus seinem Körper ragen dünne Kabel wie Insektenbeine. Sie nehmen es mit nach Hause, in ihre Datsche, füttern es, geben ihm Babykleidung und legen es in einen Kinderwagen.
Vorsichtig schlage ich die grüne Fleecedecke zurück. Darunter ist es heiß. Hervor guckt ein gräulicher, runzeliger Kopf, ein paar krisselige Härchen, dunkelgläserne Augen – einem Fremden müssen sie leer erscheinen.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Ein Kind – aber so eins?
Sie nennen dieses stille, schnell wachsende Geschöpf Flora. Während Sára sofort Muttergefühle entwickelt, ist Adam eher abgeschreckt von „ihr“. Eigentlich wünschen sich Sara und Adam schon lange ein Kind. Aber so eins? Flora verändert die beiden auf eine Weise, die sie sich niemals hätten vorstellen können. Im Laufe eines Jahres wird „sie“ immer unheimlicher:
„Technisch gesehen, sei das Ding eine neue Lebensform, behauptet Sára. Ich dachte, so etwas wie neue Lebensformen gibt es überhaupt nicht mehr. Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass es auf der Erde nicht nur ein Artensterben, sondern auch ein Artenentstehen geben könnte.“
Wo Flora ist, so scheint es, wird Totes wieder lebendig, wuchern neue Pflanzen, regnet es Insekten. Jonáš Zbořil entwirft in seinem Debütroman „Flora“ eine geheimnisvolle, beunruhigende, stellenweise sogar horrorartige Atmosphäre, stets nur mit Andeutungen:
Nie ist ganz klar, ob von Flora Gefahr ausgeht oder ob sie vielmehr etwas zurückbringt, das die Menschen längst zerstört haben.
„Nach der Arbeit experimentiere ich mit Flora. Ich lege verschiedene Sachen vor sie hin. Ein Buch. Ein altes Spielzeug. Sie reagiert jedes Mal gleich. Als ob sie die Sachen nicht berühren, nur etwas zu ihnen aussenden müsste. Das stärkste Interesse bekundet sie an lebenden Dingen: getestet an einem Blumentopf mit Ranken.“
Vor allem aber scheint mir, dass das Interesse, das Flora an ihrer Umgebung zeigt, auch umgekehrt besteht. Die Umgebung zeigt Interesse an ihr.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Ein Wesen zwischen künstlich und lebendig
Die Steppe, von der Zbořil erzählt, gleicht einer Müllhalde, in der es nach reifem Obst riecht, obwohl sich in ihr alles sammelt, womit die Stadt nichts mehr anfangen kann. Hier leben die letzten unangepassten Menschen. Es ist eine raue Landschaft zwischen Zivilisation und Natur – so wie Flora ein Wesen zwischen künstlich und lebendig ist.
Zbořil interessiert sich für das Hybride, das Dazwischen und was es hervorbringt. So muss man in seinem Roman auch zwischen den Zeilen lesen. Gerade dort, im Dazwischen, entfaltet er seine literarische Kraft.
„Was erhält man, wenn man die Biosphäre umstülpt? Polymere? Pixel? Displays? Der helle Schein des Bildschirms stammt aus der Natur. Das Unterseekabel, durch das das Internet fließt, ist aus Natur. Meine Anmeldedaten sind aus Natur. Ich weiß nicht, ob es mich mit Staunen erfüllt, dass die Natur ihre Moleküle so zu verändern vermochte, dass daraus ein Cursor entstanden ist. Oder mit Angst.“
Klingt nach Science-Fiction? Ist aber gar nicht so abgefahren, wie es sich anhört. Die Welt in „Flora“ ist unserer Gegenwart nämlich gar nicht so unähnlich – nur leicht verschoben und überzeichnet.
Forschende experimentieren tatsächlich mit sogenannten Xenobots: winzigen Strukturen aus lebenden Zellen, die sich bewegen und sogar weitere solcher Strukturen hervorbringen können. Zbořil treibt diese reale Forschung ins Fantastische weiter.
Sára hat mir früher einmal davon erzählt. Von Wissenschaftlern, die biologische Maschinen aus Froschzellen gezüchtet haben. Künstliches Leben. Die Maschinen pflanzen sich eigenständig fort.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Weird Fiction – überraschend zärtlich
„Flora“ ist Weird Fiction, botanischer Horror und eine gruselige Novelle über Klimawandel, Elternschaft und Care-Arbeit, aber so überraschend zärtlich geschrieben, dass sie verwundert und verzaubert. Sophia Marzolff hat sie in einer klaren Sprache ins Deutsche übertragen.
„Ich ziehe Flora langsam aus, streife den Schlafanzug über die Kabel, ziehe ihr die Schlafsocken an. Sie hängen an den kleinen Strümpfen herab. Dann nehme ich Flora auf den Arm, lege den harten Körper an meine Brust. Ich erzähle ihr vom roten Ballon.“
Adam liest Flora auch vor, unter anderem ein Gedicht, das auf das in Tschechien bekannte Märchen von Otesánek verweist: Ein kinderloses Paar nimmt einen Baumstumpf als Kind an – bis das zum Leben erwachte Wesen unstillbaren Hunger entwickelt.
Auch Zbořil erzählt von einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch. Doch er versetzt das alte Motiv in eine Welt von Klimakrise und Biotechnologie. Aus dem Märchen vom unheimlichen Wunschkind wird ein Zukunftsmärchen über die Frage, was wir als lebendig, natürlich und schließlich als Familie begreifen.
Außerdem kommt das Buch selbst ein wenig märchenhaft daher. Die Schrift schimmert leicht grün. Es gibt viel Weißraum und Illustrationen, die aussehen wie Gräser, die der Buchfalz entwachsen. Jonáš Zbořil setzt in „Flora“ ganz auf die Kraft der Fantasie, eine abgefahrene Mischung aus skurril, bedrohlich und hingebungsvoll.