Anmelden

Tatort Niedersachsen - der Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung· Folge 104

Tatort Niedersachsen: "Ich werde mich von dir niemals im Guten trennen"

Montag, 7. September 2026 · 38 min

MP3

Shownotes

In der Dusche plätschert das Wasser. Eine 55-jährige Frau macht sich fertig für den Tag. Plötzlich fällt ein Schuss. Aus einer ohnehin schon kriselnden Beziehung wird ein Fall für die Gifhorner Mordkommission und ein Prozess am Landgericht Hildesheim. Nach außen wirkt das Paar wie frisch verliebt, doch hinter der Fassade ihrer Doppelhaushälfte schwelt eine jahrzehntelange, toxische Beziehung. Nach einer Scheidung wagen beide Ende 2005 einen zweiten Versuch und heiraten erneut. Doch nach einem eskalierten Urlaub kündigt die 55-Jährige die endgültige Trennung an. Das Liebes-Comeback gerät zu einem Albtraum.

Für Kriminalreporter Hendrik Rasehorn war es sein erster Schwurgerichtsprozess. In dieser neuen Folge von "Tatort Niedersachsen" zeichnet er im Gespräch mit Redakteurin Stine Hasenforther die jahrzehntelange Leidens- und Trennungsgeschichte eines Paares nach und begleitet einen Prozess wegen versuchten Mordes, der sich um die Frage nach verletztem Stolz, verhängnisvolle Abhängigkeit und tiefer Verzweiflung dreht.

Hier finden Opfer von Gewalt Hilfe:
Weisser Ring e.V. Schnelle und direkte Hilfe für Opfer von Kriminalität.
Sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner für Fragen der Opferhilfe und des Opferschutzes. Onlineberatung: weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer/onlineberatung Telefon: 116 006
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Telefon: 116 016 (24 Stunden am Tag besetzt)
Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“. Telefon: 116 111
Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt. Telefon: 0800 22 55 530
Trauma-Netzwerk. Telefon: (05121) 304-741 oder per E-Mail:
Trauma-Netzwerk@ls.niedersachsen.de
Netzwerk ProBeweis (anonyme und kostenlose Spurensicherung für Opfer von Gewalttaten). Online unter probeweis.mhh.de
Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK)
polizei-beratung.dehttps://http://www.polizeif…

Ihr selbst habt Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken – oder kennt jemanden, den oder die eine psychische Erkrankung beschäftigt? Es gibt Hilfe. Professionelle Beratung – rund um die Uhr und kostenfrei – bietet etwa die Telefonseelsorge unter den Rufnummern (0800) 1110111, (0800) 1110222 und 116 123 oder per Mail und Chat an.
online.telefonseelsorge.de

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Freitagmorgen, 24. März 2006. Eine ruhige Neubausiedlung in einem Dorf zwischen Braunschweig und Giffhorn. Hinter den Fenstern beginnen die Menschen ihren Alltag. In einem Einfamilienhaus kämpft eine Frau ums Überleben. Sie schleppt sich durch den Flur. Jeder Schritt kostet Kraft. Irgendwie erreicht sie noch das Telefon. Sie wählt den Notruf.

Als Polizisten wenige Minuten später das Haus betreten, wissen sie nur eines. Hier ist gerade etwas Furchtbares passiert. Tatort Niedersachsen, der Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung. Alles rund um spannende Kriminalfälle in der Region. Wir blicken gemeinsam mit unseren Redakteuren auf die Hintergründe der spektakulärsten Verbrechen zwischen Harz und Heide.

Damit hallo und herzlich willkommen bei Tatort Niedersachsen, dem Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung. Mein Name ist Dina Hasenforter, heute sitze ich wieder hier mit unserem Polizei- und Gerichtsreporter Hendrik Rasehorn. Hallo Hendrik. Guten Tag. Heute besprechen wir mal einen Fall, der schon etwas in der Vergangenheit liegt, 2006.

Du hast den Fall damals auch mitbegleitet, den Prozess mitbegleitet, da sprechen wir später drüber. Aber wir starten heute mal ein bisschen anders rein und fangen nicht direkt an mit dem Tag der Tat, sondern wir gucken uns ein Ehepaar an, was eine ganz wichtige Rolle in diesem Fall spielt. Wir haben ihnen mal Namen gegeben, die Namen sind natürlich geändert.

Wir nennen die Frau Sabine, sie ist zu dem Zeitpunkt 55 Jahre alt und den Mann nennen wir Volker, er ist 56 Jahre alt. Was kannst du uns über die beiden erzählen, Hendrik? Wie haben die sich kennengelernt? Ja, also du hast ja schon gesagt, der Fall spielt im Jahr 2006. Tatsächlich verbindet dieses Paar eine ganz lange Geschichte miteinander.

1969 haben die sich schon kennengelernt, also es muss so zu Schulzeiten gewesen sein oder kurz danach. Er ist kennengelernt, sie damals 18 Jahre alt, er 19 Jahre alt. Zwei Jahre später sind sie zusammengekommen. Dann haben sie sich kurz danach, wie es dann halt so ist, als Pärchen dann das erste Mal getrennt. Aber irgendwie konnten sie nie voneinander so richtig loslassen.

Haben sich nie aus den Augen verloren. Sie hatte zwar eine andere Beziehung, hatte da auch einen Sohn. Aber hat sich aus dieser Beziehung dann wieder gelöst und ist dann mit ihm tatsächlich wieder zusammengekommen. Und 1974 haben sie geheiratet. Volker hat dann ihren Sohn aus erster Ehe adoptiert. Und beide zusammen haben auch noch zwei weitere gemeinsame Söhne in die Welt gebracht.

Lange Zeit eine unauffällige Ehe geführt. Allerdings auch mit Auffälligkeiten, auch mit Gewalt. 1991 haben sie eine Urlaubsreise gemacht. Und da hat Volker Sabine geohrfeigt. Und das war so dieser Anfang vom Ende, der dann in eine Trennung und schließlich 2000, im Jahr 2000 in die Scheidung geführt hat.

Beide haben neue Partner kennengelernt. Sabine hat eine Doppelhaushälfte in dem Vorort, den wir aus gutem Grund nicht nennen, bezogen und sie ist dort mit ihrem neuen Partner eingezogen. Und auch Volker hat eine neue Partnerin. Das muss man erstmal so ein bisschen zu dieser Vorgeschichte wissen, um in diesen Fall halt reinzukommen.

Klingt ja erstmal auch jetzt nicht so ungewöhnlich, ganz jung, kennengelernt, früh zusammengekommen, getrennt, dann nochmal zusammengefunden, geheiratet, Scheidung, ist ja so rein von der Statistik alles gar nicht so besonders. Aber dann haben sie 2004 sich wiedergefunden. Richtig. Und nochmal zueinander gefunden und sind wieder zusammengekommen. Was passierte dann?

Ja, die beiden konnten nicht ohne. Nicht mit und nicht ohne. Nicht mit und nicht ohne, tatsächlich, ja. Sind wieder zusammengekommen. Sie haben nie den Kontakt zueinander verloren, haben sich gegenseitig kontaktiert, haben, sich wieder getroffen und haben dann tatsächlich sich von ihren Partnern getrennt, und im Dezember 2006 dann auch geheiratet.

Die Kinder haben in dem Zusammenhang jetzt keine besondere Rolle gespielt. Könnt ihr ja fragen, was die davon gehalten haben. Aber es hieß, dass der Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern auf ein Minimum reduziert war. Ja, nach der Heirat ist dann Volker am 4. März in die Doppelhaushälfte eingezogen.

Und wenig später am 18. März. Wo sie vorher war mit ihrem Ex-Partner. Genau, der ist ausgezogen. Sie hatte aber auch noch weiterhin Kontakt zu ihrem Ex-Partner. Das ist nochmal ganz wichtig, nochmal festzuhalten. 14 Tage nach dem Einzug sind beide dann zu einer Reise an die Ostsee aufgebrochen. Das war ein Samstag.

Wahrscheinlich so die verspäteten Flitterwochen. Ja, sicherlich. Und jetzt springen wir ein paar Tage nur nach vorne. Auf den 24. März 2006, da hat Volker Geburtstag. Was ist da passiert? Bei der Polizei ging ein Notruf ein und am Telefon war dann Sabine, schwer verletzt. Und die Polizei fuhr dann direkt zu dieser Doppelhaushälfte, wo die beiden wohnten und was haben sie da gefunden?

Ja, das muss wohl eine sehr dramatische Situation gewesen sein. Der Notruf bei der Polizei ging um neun Uhr vormittags ein. Sabine meldete sich am Telefon, mein Mann hat auf mich geschossen. Dann sind natürlich gleich alle Kräfte ausgerückt da in dieses Dorf, diesem Polizeiaufgebot. Die erste Streife, die dann vor Ort war, hat dann Sabine auf dem Treppenadsatz zum Eingang des Hauses entdeckt.

Sie hatte sich aus dem Obergeschoss runtergerobbt, bis zu dem Eingangsbereich lange Blutspur auch dabei hinterlassen. Sie war schwer verletzt, hatte eine Verletzung im Unterkörper, mehrere lebenswichtige Organe sind dabei verletzt worden. Sie hatte versucht halt runter zu kommen aus dem Obergeschoss um zu telefonieren und ich meine mich zu erinnern, dass sie auch noch mit letzter Kraft dann tatsächlich geschafft hat, die Haustür aufzubekommen Polizei ist dann reingekommen ins Haus, und hat im Obergeschoss nachgeguckt und da lag Volker ebenfalls mit einer Schusswunde im Oberkörperbereich es muss eine ganz schreckliche Szenerie gewesen sein, halt sehr viel Blut, auch für die Nachbarn natürlich Dieses Dorf ist relativ idyllisch. Ich kenne das.

Das Ganze hat in einer Neubausiedlung stattgefunden, wo natürlich auch viele, die kennen sich, haben zusammen ein Haus gebaut. Da ist eine enge Beziehung zueinander und plötzlich mit einmal, so morgen irgendwie ist da ein Großeinsatz mit Blaulicht, mit Polizei, Feuerwehr. Der Hubschrauber, der da landet, war wirklich eine Ausnahmesituation.

Retter haben anderthalb Stunden um das Leben der beiden gekämpft. Beide wurden dann in Spezialkliniken gebracht, konnten auch gerettet werden. Im Haus wurde eine Waffe sicherstellt, eine Pistole, die später im Prozess noch eine ganz besondere Rolle gespielt hat. Dazu werde ich dann später noch ein bisschen was sagen.

Uns wurde festgestellt, dass mit dieser Pistole viermal geschossen wurde. Das ist auch entscheidend für den Fall. Viermal? Und für die Waffe hatte die gehörte Volker? Ich durfte legal besitzen, ja. Erbstück wahrscheinlich. Und es ist so abgelaufen, dass Sabine war in der Dusche, richtig? Die war in der Dusche, hatte den Vorhang auch vorgezogen, hat Volker nicht gesehen.

Sie hat geduscht, genau, am Vormittag. Und der Schuss ist durch den Duschvorhang, durchgegangen und hat sie dort getroffen. Und wo sind die anderen drei Schüsse hingegangen? Erzähle ich später. Okay. Einer der Gründe, warum Volker auf seine Frau geschossen hat, soll gewesen sein, dass sie sich ein zweites Mal von ihm scheiden lassen wollte.

Was jetzt natürlich ein bisschen irritiert, dadurch, dass sie ja im Grunde gerade erst ein zweites Mal geheiratet haben. Du hattest eben schon gesagt, dass es in der ersten Ehe von den beiden auch schon zu Gewalt seitens Volker gegenüber Sabine gekommen ist. Was waren sonst noch Gründe für die Scheidung? War das ausschlaggebend?

Was ist da so vorgefallen? Wir haben das vielleicht ein bisschen verniedlicht jetzt, als wir das geschildert haben. Tatsächlich, sage ich mal, die haben schon aneinander gehangen. Allerdings war es auch eine Beziehung, die vor allen Dingen durch seine psychischen Probleme geprägt war. Er ist, sagt selbst, er ist in dieser Zeit depressiv geworden.

Gegenseitige Vorwürfe, Probleme, wobei man jetzt auch nicht genau weiß, hat jetzt der eine dann tatsächlich recht, wie er das geschildert hat oder hat die andere recht, wie er es geschildert hat. Also er behauptet, sie hätten sich, also zur Zeit dieser ersten Scheidung, sie hätten sich nur angeschwiegen.

Die Trennung sei von ihm ausgegangen, er habe eine Pause gebraucht, aber eigentlich behauptet er, sie sei immer die Liebe seines Lebens gewesen. Das hat er auch später im Prozess gesagt. Und sie sagt, naja, er sei schon relativ unberechenbar gewesen, was sich natürlich auch dann durch diese Ohrfeige im Urlaub dann manifestiert.

Und das zum Zeitpunkt, als diese erste Trennung gegeben hat, von ihrer Seite aus zumindest keine große Liebe mehr da gewesen sei. Aber irgendwas muss ja da gewesen sein, sonst wären sie nicht wieder zusammengekommen. Ja. Wenn ihr Menschen kennt, die von Gewalt betroffen sind oder selber vielleicht in einer Partnerschaft lebt, wo Gewalt herrscht, dann haben wir euch Anlaufstellen rausgesucht, wo ihr Hilfe bekommt und die findet ihr auch unten in der Folgenbeschreibung.

Unter anderem ja hat vielleicht auch geholfen, dass er sich ja auch in Psychotherapie begeben hat nach der ersten Scheidung. Und Sabine, so steht es zumindest auch in den Berichten, später auch gesagt hat, dass er sich danach zu seinem Vorteil verändert hätte. Also das wird wahrscheinlich mit einem Grund gewesen sein, warum sie wieder zu ihm gefunden hat.

Ist ja positiv zu bewerten, wenn jemand seine Defizite erkennt und sagt, ich hole Hilfe. Ich kann das nicht mit mir selbst abmachen. Und es hat ja anscheinend dann auch ihm tatsächlich geholfen. Was ja auch ein großes Tabuthema ist, Psychotherapie. und das ist alles ja 20 Jahre her. Also das muss man ihm auch anrechnen, dass er das gemacht hat.

Offensichtlich hatte das keine so langfristigen positiven Folgen, weil dann kam es wieder zur Gewalt. Und gerade bei dieser Ostseereise, die sie gemacht haben, ist es dann wohl eskaliert. Und das Thema Trennung war wohl in dieser kurzen Zeit dieser zweiten Ehe wohl häufiger Thema. Es wurde natürlich später im Prozess versucht aufzuarbeiten, was da jetzt eigentlich vorgefallen ist.

Meiner Erinnerung nach haben die sich vom ersten Tag von der Abreise an, haben die sich gestritten in diesem Urlaub. Und das gipfelte dann tatsächlich da noch darin, dass sie dann beschlossen haben, diesen Urlaub vorzeitig abzubrechen. Man muss sich noch mal vergegenwärtigen, wie nah das alles beieinander liegt.

Also Weihnachten, er ist geheiratet, eingezogen Anfang März, 14 Tage später diese Ostseereise, vermutlich Hochzeitsreise, dann angetreten und auf dieser Hochzeitsreise dann halt gleich so sehr gestritten, dass nicht nur die Reise abgebrochen wurde, sondern zumindest Sabine gesagt hat, zu diesem Zeitpunkt hat für sie festgestanden, dass sie die Trennung will, die erneute Scheidung.

Ob das an diesem Tag war, wo sie Rückreise angetreten hat oder am Tagtag selbst, das ist nicht ganz klar geworden. Da gibt es unterschiedliche Darstellungen von beiden. Also zumindest war klar, diese Beziehung fährt auf eine Wand zu, und zwar mit hohem Tempo. Dann sind sie von dieser Ostseereise auch wiedergekommen. In den Berichten steht, also die haben sie ja vorzeitig abgebrochen und in den Berichten von damals steht auch, dass auch in der Nachbarschaft ein bisschen mitbekommen wurde, dass es da sehr gekriselt hat in dieser Ehe.

Kannst du dich da noch daran erinnern? Ja, das ist ja leider oft so, begegnet mir bei Kriminalfällen oft so, wenn es um Gewalt in der Partnerschaft geht, dass tatsächlich ist eigentlich auch viele mitbekommen, was da eigentlich passiert ist. Und viele live Zeugen werden, aber keiner so richtig eingreift, sondern tatenlos halt zuschaut. Und in der Situation war es wohl auch so, dass viele mitbekommen haben, dass sie sich schon gestritten haben.

Inwiefern das jetzt auf der Straße war oder ob da jetzt jemand an durchs geöffnete Fenster irgendwas gehört hat, das weiß ich nicht. Aber es war auf jeden Fall in der Nachbarschaft bekannt, dass es mit dieser Ehe nicht zum Besten bestellt ist. Und da müssen sich viele auch natürlich Gedanken gemacht haben.

Also nochmal, gerade zusammengekommen und schon lautstarke Streitereien, sodass die Nachbarschaft Bescheid weiß. Und keiner hat eingegriffen. Das ist bemerkenswert. Das finde ich auch spannend, dass du sagst, dass du das auch heute immer noch erlebst, dass das der Fall ist. Weil damals habe ich auch gelesen, es gab auch einen Bericht, wo nach diesem Fall Experten sogar extra noch mal appelliert haben an die Allgemeinheit.

Dass man ruhig auch mal drauf achten soll, was bei den Nachbarn was nebenan passiert. Und die Ehe wird ja oft irgendwie als so ein geschützter Raum wahrgenommen, wo keiner eingreifen darf, was niemanden was angeht. Deswegen sagt man lieber nichts. Aber da ist es natürlich wie in jeder anderen Lebenslage, auch wenn man Gewalt mitbekommt, ob körperliche oder ob verbale Gewalt, dass man lieber handelt und einmal zu viel die Polizei anruft, als einmal zu wenig.

Aber das hat scheinbar vor 20 Jahren noch nicht richtig funktioniert und heute offensichtlich dann auch nicht. Ich weiß nicht, ob das Zeitgeist entspricht, das weiß ich nicht. Aber auch die Situation Neubaugebiet, das ist nicht so anonym wie in einer Großstadt im Mehrfamilienhaus, wo man nicht weiß, wer überall und unter allen wohnt. Die kannten sich alle.

Da grüßt man sich morgens auch noch im Neubaugebiet. Und keiner hat dann tatsächlich eingegriffen. Am 25. September 2006 begann dann der Prozess vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Hildesheim. Und du hast damals darüber berichtet, wie lautete denn die Anklage? Ja, versuchter Mord mit gefährlicher Körperverletzung. Also nochmal, um diese Szenerie nochmal auf den Punkt zu bringen, was dort stattgefunden hat.

Also sie stand unter der Dusche. Auch da gibt es unterschiedliche Vorträge von beiden, was da tatsächlich passiert ist. Also sie sagt, sie sei gerufen worden von ihm. Und habe sich unter der Dusche halt umgedreht und dann sei dieser Schuss gefallen. Also aus dem Nichts sozusagen heraus. Und auch durch den Duschfong, also sie hat ihn nicht gesehen. Durch den Duschfong, sie hat ihn nicht gesehen, genau.

Und sie hat dann geschildert, dass sie dann sich dann wieder hochgerappelt hat, hat den Fong zur Seite, hat dann ihren Volker da liegen sehen, der sich dann auch selbst einen Schuss verpasst hatte, das war Schuss Nummer zwei. Und er dann geistesabwesend dann noch vor sich hingestammelt hat, du hast meine Waffe, gib meine Waffe zurück.

Also ganz deutliche Anzeichen für einen Nervenzusammenbruch. Er sagt wiederum, das Ganze sei ganz anders gewesen. Er hätte erst an diesem Tag, an seinem Geburtstag, am Vormittag erfahren, dass sie sich von ihm trennen möchte. Am Abend vorher hatte er Beruhigungsmittel genommen. Hat dann zu ihr gesagt. Warum hat er Beruhigungsmittel genommen?

Anscheinend diese ganze Situation, so wie sich das alles zugespitzt hat. Er hat dann gesagt, er hätte zu ihr, während sie unter der Dusche gestanden hat, zu ihr zugerufen, ich gebe mir jetzt die Kugel. Und sie soll gesagt haben, na dann tust du endlich. Und dann habe sich allerdings der Schuss versehentlich gelöst.

Das sind zwei sehr unterschiedliche Tatschilderungen. Das sind zwei sehr, sehr unterschiedliche Tatschilderungen. Das ist natürlich klar. Das eine wäre möglicherweise ein tatsächlich wie angeklagt, ein versuchter Mord. Und das andere wäre, ja, alles andere. Im besten Fall eine fahrlässige Körperverletzung.

Mit viel Wohlwollen. Was erinnerst du noch von dem Prozess? Also kannst du dich noch daran erinnern, wie du die beiden wahrgenommen hast? Ja, vielleicht erstmal diesen Prozess an sich. Landgericht Hildesheim, wirklich ein großer Saal, den man dran sitzt, Richterbank erhöht, großer Raum für die Prozessbeteiligten dahinter, dann abgesperrt der Raum der Zuschauer.

Wie ich mich erinnere, war relativ viel los. Angehörige, Nachbarn, alle wollten sehen. Diesen Prozess halt mitverfolgen. Der vorsitzende Richter in dem Fall war Ulrich Pohl, ein altgedienter Richter, der nichts anderes eigentlich gemacht hat als Mordprozesse oder Tötungsdelikte. Einer, der bekannt war für seine Verhandlungsführung.

Es gibt ja Richter, die sehr empathisch in Verfahren mit Angeklagten umgehen. Und er war eigentlich einer, der nicht ohne Grund den Spitznamen der Kalte hatte. Ein bisschen schroffer in der Art und Weise. Ja, es war schon, ich hatte tatsächlich, weil das auch mein erster Landgerichtsprozess war, Da hatte ich damals auch so ein Gefühl, oh Gott, ich möchte hier niemals sitzen als Angeklagter.

Weil das schon eine Atmosphäre war, die war einschüchternd schon in dieser Situation. Du hast noch Sabine und Volker gefragt. Volker war, ein Mann, der in sich gebrochen war. Das kann man wahrscheinlich so sagen. Sehr jammervoll, sehr unter der ganzen Situation leidend, immer mit den Tränen kämpfend.

Das Leid war ihm anzusehen, was er da angerichtet hatte. Ich nehme ihn ab, dass es aufrichtig war, dass er gesagt hat, es war die Liebe meines Lebens. Und dahingehend Sabine, die auch deutlich unter dem Eindruck stand, aber mehr wie ein Opfer halt unter dem Eindruck, die das Ganze stand. Sag ich mal, dass Menschen, zu dem sie halt so ein Vertrauen hatte, tatsächlich die Waffe gegen sie gerichtet hat.

Und es gab immer im Gerichtssaal auch so Versuche von Volker, sie mit Blicken sozusagen Kontakt aufzunehmen. Sie hat die ganze Zeit nur auf ihre Hände geguckt. Es gab eine Situation, es war immer eine Anspannung zwischen den beiden auch zu spüren in diesem Prozess. Und es gab eine Situation, da wurde Sabine vom Vorsitzenden Richter gebeten, an die Bank zu treten. und die Waffe zu identifizieren, mit der auf sie geschossen wurde.

Sie kannte, ich muss sie halt sagen, handelt es sich um Tatwaffe. Sie kannte die ja auch aus seinem Haushalt. Und das war auch ganz eindrucksvoll. Ich kann mich an dieses Bild bis heute noch erinnern, weil sie hat diese Waffe gesehen und hat gezittert und war kurz davor, zusammenzubrechen. Also da lag die Waffe und die Patronen auf dem Richtertisch und wurde natürlich auch schnell dann unterbrochen und ihr Zeit gegeben, sich zu sammeln.

Aber da sieht man. Was sowas mit einem Opfer macht. Und auch der Prozess hat ja relativ später, also einige Monate später im September, glaube ich, ist es losgegangen. Also sie hatte schon Zeit, das Ganze natürlich auch zu verarbeiten. Sicherlich gesundheitlich ging es ihr schon besser. Die hatte lebensbedrohliche Verletzungen. Das muss man ja auch wirklich so sagen.

Aber wie es in ihr drinnen ausgesehen hat, das hat man in dieser Situation, Als sie dann diesen Revolver noch mal gesehen hat, das haben wir halt ganz deutlich gesehen. Und da merkt man halt was, was so eine Tat halt auch mit dem Opfer macht. Ganz deutlich. Jetzt hast du eben erzählt, dass die beiden die Taten ja sehr unterschiedlich geschildert haben. Was hat der Prozess dann ergeben?

Ja, also dass das Volker der Schütze war, das stand ja nun außer Frage, da war kein dritter Mann irgendwas vor Ort. Jetzt geht es natürlich erst mal als erstes aus Sicht des Gerichts darum, wen glaubt man halt? Wessen Schilderung glaubt man? Und an den Schilderungen von Sabine gab es keine Zweifel. Also dieses, was sie da berichtet hat, dieser Schuss, den sie nicht hat kommen sehen durch den geschlossenen Duschvorhang, das wurde ihr ganz klar abgenommen.

Das hat auch später natürlich auch die Beweisaufnahme und die Forensik dann ergeben. Das, was Volker gesagt hat, wurden als Schutzbehauptungen wahrgenommen. Also klar war, er war der Schütze. Dann muss das Gericht natürlich die Frage klären, war das jetzt ein Zufall oder Absicht? Er hatte ja behauptet, er hat da so ein bisschen mit dieser Waffe rumgefummelt und dann hätte sich der Schuss dann zufällig gelöst. Und jetzt kommen wir zu diesen vier Schüssen, von denen ich erzählt habe.

Er hat nämlich vor der Tat, bevor er auf Sabine geschossen hat und bevor er auf sich selbst geschossen hat, jeweils einen Testschuss abgegeben. Also er hat erst mal die Waffe auf Funktionsfähigkeit geprüft. Jetzt muss man wissen, Diese Waffe, die er da in Händen hatte, das war eine Luger, Luger 08. Wir hatten in einem früheren Crime-Podcast der Liebespaar-Mörder, der hatte auch eine Luger 08. Das ist, kennt vielleicht der eine oder andere, der so alte Kriegsfilme anguckt, das ist eine alte Wehrmachtspistole.

Vom Design her sehr ikonisch. Und auch mit relativ viel Wurm, wenn ich das mal so sagen kann, vergleichbar mit einer Dienstpistole von der Polizei. Und diese Militärwaffen haben die Eigenschaft, dass die nicht so leichtgängig sind, sondern man muss schon mit relativ viel Widerstand diesen Abzug durchdrücken, damit ein Schuss fällt.

So unwahrscheinlich, dass sich da einfach so ein Schuss löst. Er hätte da irgendwie da rumgemacht und plötzlich löst sich da ein Schuss, haben sie schon mal festgestellt, nee, das war nicht so, die Waffe war auch störungsfrei, im guten Zustand, gepflegt, alles so, das kann also nicht sein, hat einen Abzugswiderstand, umso absichtlich das Abfeuern war also nicht möglich.

Und dann wurde der Schusskanal auch nachgestellt. Das macht man üblicherweise, dass man beispielsweise einen Dummy hinstellt, dann mit einem langen Stab, dann durch den Einschusskanal im Duschvorhang. Und dann, wenn es eine Austrittswunde gibt, guckt, wo die Patrone dann in der Wand halt trifft. Und so kann man das dann nachstellen.

Man muss dazu wissen, sie war im Vergleich zu Volker relativ klein gewachsen. Also schon ein großer, mindestens ein Kopf, wenn ich mich richtig erinnere. Wahrscheinlich sogar mehr ein Größenunterschied. Und man hat dann festgestellt, dass dieser Schusskanal von oben nach unten verlaufen ist. Und die Waffenexperten haben dann gesagt, naja, also wenn es jetzt ein zufälliger Schuss gewesen wäre und er die Waffe so in der Hand gehabt hätte, dann würde man eigentlich eher erwarten, dass ein waagerechter Schuss gefallen wäre.

Hier war aber so, dass der Schuss von oben nach unten, er halt größer als sie. Und halt schon gezielt dann durch diesen Duschvorhang in ihren Unterkörper. Also war klar, das war jetzt kein Zufall, sondern das war Absicht, was er da gemacht hat. Wenn man das festgestellt hat, ist dann halt die nächste Frage, ja, war die Tat heimtückisch oder nicht? Versuchter Mord oder Totschlag?

Muss das Gericht dann feststellen. Ja, und wir haben jetzt schon so oft über diesen Duschvorhang gesprochen. Ja, arg und wehrlos. Arg und wehrlos, Sabine stand dahinter, die konnte nicht damit rechnen, auch sag ich mal, also klar es gab eine Trennungssituation, aber sie konnte jetzt nicht unbedingt damit rechnen, dass er dieses Erbstück da aus dem Schrank oder wo auch immer herholt und auf sie schießen wird, sondern ...

Der Schusskanal, das hatten wir auch noch nachgestellt, es waren 40 Zentimeter, also es war ein relativ kurzer Abstand, wo er mit der Waffe von ihr entfernt stand. Ganz klassische Heimtücke-Konstellation, war überhaupt nicht dran zu rütteln. Wenn man das jetzt alles festgestellt hat, muss man halt gucken, wie war die psychische Verfassung von dem Schützen zu diesem Zeitpunkt.

Wir haben ja schon gehört, er hatte seine psychischen Probleme, die hat er mitgebracht, das ist auch aktenkundig geworden. Er war in Behandlung und wurde natürlich auch für dieses Verfahren, das ist ja heute gang und gäbe, von einem psychiatrischen Sachverständigen untersucht. Und der hat eine Persönlichkeitsstörung festgestellt, die sich halt in dieser Vorgeschichte manifestiert hat.

Und auch, dass er zum Zeitpunkt der Tatzeit dann auch eingestrengt steuerungsfähig war. Aufgehoben nicht, also dass er jetzt total neben sich stand, nicht, weil das Ganze zu planvoll war. Also Waffe rausholen, hinstellen, zielen, schießen. Auch das, was er danach gemacht hat mit dem Schuss auf sich selbst.

Täter, sage ich mal, die nicht mehr Herr ihrer Sinne sind, die verhalten sich anders. Und das war bei ihm nicht so der Fall. Also Schuldfähigkeit war schon gegeben? Eingeschränkt? Eingeschränkt, genau. Ich hatte ja erzählt, es gab auch diese Situation, dass er dann halt gesagt hat, gib mir meine Waffe zurück.

Da wurde halt festgestellt, also er hat einen Nervenzusammenbruch gehabt. Und sie hatte die Waffe gar nicht? Nein, natürlich nicht. Aber das war halt nach der Tat. Das hat jetzt sozusagen für die Tat dann keine Rolle gespielt. Also es ist nicht auszuschließen gewesen, dass er auf jeden Fall vermindert schuldgefähig war.

Und das bedeutet, dass eine Strafrahmenverschiebung dann halt stattfindet, dass er sozusagen von diesem lebenslänglich, wenn er denn verurteilt werden würde wegen Mordes, dass das Strafmaß dann reduziert wird auf einen Strafraum zwischen drei und 15 Jahren. Und so ist es dann auch gekommen. Wie sah das Urteil dann am Ende aus?

Acht Jahre hat die Staatsanwaltschaft gefordert. Sechs Jahre sind es geworden. Im Nachhinein in Vorbereitung des Podcasts habe ich mir nochmal überlegt, war das denn jetzt angemessen eigentlich für das, was da passiert ist? Und das werden sicherlich auch viele Hörer jetzt an dieser Stelle auch mitdiskutieren.

Ich denke schon, dass es angemessen war. Einfach durch diesen Umstand, dass er halt diese psychischen Probleme halt mitgebracht hat, diese besondere Situation vor der Tat. Sicherlich hätte man vielleicht auch dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen können acht Jahre wären auch angemessen gewesen auf jeden Fall wären nicht weniger als sechs Jahre angemessen gewesen, da bin ich mir ziemlich sicher also das Gericht hat ein bisschen Rabatt halt eingeräumt, natürlich auch weil er Geständnis, abgelegt hat, er hat auch wirklich bereut vor Gericht, selten jemand erlebt in so einem Prozess, der so bereut hat wie er, das muss man natürlich zu seinen Gunsten dann sagen, aber natürlich die Folgen für das Opfer sind natürlich dramatisch gewesen.

Und das darf man natürlich bei so einem Urteil dann auch nicht aus dem Auge verlieren. Hatte er selber auch lebensgefährliche Verletzungen durch den Schuss, den er sich selber zugeführt hat? Er hatte auch lebensgefährliche, ja, er hat versucht, sich ins Herz zu schießen, hat aber kurz und knapp dann da irgendwie verfehlt.

Aber natürlich, klar, wenn man sich in den Brustkorb schießt, Lunge durchschießt oder ich weiß es nicht mehr genau, wo er getroffen hat. Aber das geht natürlich mit inneren Blutungen dann einher und er ist ganz knapp überlebt. Genauso wie sie. Also hat sich körperlich wahrscheinlich auch fürs Leben noch mitgestraft. Sicherlich, ja, sicherlich.

20 Jahre ist das jetzt her. Du hast eben schon gesagt, das war einer deiner ersten Fälle. Der erste Mordfall war das. Der erste Mordfall als Jungredakteur dann noch. Du hast da auch ein bisschen drüber gesprochen in einer Folge, die ihr euch auch sehr gerne anhören könnt. Gemeinsam mit Erik Westermann, unserem Kollegen und Kriminalreporter.

Da habe ich euch beide interviewt zu eurem Job und ihr habt ein bisschen Einblicke hinter die Kulissen eines Gerichtsreporters gegeben. Die Folge heißt Zwischen Gerichtssaal und Gewissen. Könnt ihr euch also auch sehr gerne anhören. Da hast du auch ein bisschen erzählt, sonst sagst jetzt gerne nochmal, wie hast du das damals, das wird dich ja geprägt haben irgendwie.

Also du, der blieb in Erinnerung, der Fall. Der ist tatsächlich bis heute noch in Erinnerung. Also ich kann mich an den ganzen Prozessen, die ganze Szenerie, ich kann mich da immer noch dran erinnern. An andere Prozesse kann ich mich längst nicht mehr so gut erinnern. Da bin ich manchmal überrascht, wenn ich im Archiv dann so einen Fall finde.

Und ach Gott, da habe ich auch drüber geschrieben. Ich habe gestern mal so Interesse, aber mal nachgeguckt. Ich habe 500 Artikel im Zusammenhang mit Prozessen und Mord geschrieben. Also es sind nicht 500 Mordfälle, aber 500 Artikel, wo es um Mord und Prozesse ging. Da kommt schon was zusammen. Da kommt schon was zusammen, ja.

Aber das Interessante ist, oder das Erschreckende wahrscheinlich mehr ist, dass sich in dem Fall gezeigt hat und auch immer wieder in Verfahren dieser Art gezeigt hat, dass die Situation, wenn Frauen sich trennen, die Gefahr exorbitant steigt, dass sie Opfer von Gewalt werden. Muss nicht immer gleich jetzt ein mord sein aber, gibt auch andere sachen die ich da erlebt habe da wird vergewaltigt da werden nasen abgeschnitten da werden ganz schlimme sachen gemacht, also diese trennung situation kann für frauen ich lebensgefährlich sein so und als als man das gibt mir natürlich schon zu denken was ist was ist da los und das begegnet mir seit ich gerichts richterstattung mache immer wieder, das ist schon ist schon bemerkenswert,

Und interessant ist auch, dass er halt gesagt hat. Sabine sei die Liebe seines Lebens gewesen. Ist ja toll, ist ja ein schönes Bild, aber die Frage ist, ging es da jetzt wirklich um Liebe oder ging es da eher um Kontrolle? Das ist die Frage, die man sich da stellen muss. Und gerade bei jemandem, der so eine kurze Lunte hat, muss man sich auch die Frage stellen, wieso hat so jemand so eine Waffe?

Was macht so eine Waffe da zu Hause? Ist damals aber so gewesen und ist heute, glaube ich, immer noch so, dass kein Austausch zwischen Ärzten und Waffenbehörden stattfindet. Sodass da mal prophylaktisch mal ein Hinweis gegeben wird. Hier, da finde ich was statt. Vor allem, er war ja auch in Psychotherapie.

Also es ist ja wirklich auch etwas nachweisbar. Man kann auch grundsätzlich sagen, also Waffen, ja, Jäger ist in Ordnung. Sportschützen sollen sie machen. Aber ansonsten gehören Waffen nicht nach Hause. Die haben da nichts zu suchen. Und geerbte Waffen, jemand, der nicht professionell oder aus sportlichem Interesse was damit zu tun hat, der sollte die gefälligst abgeben.

Also Trennungssituation plus Waffe zu Hause. Also das steigert diese Gefahr für Frauen dann noch ins Unermessliche, könnte man ja fast sagen. Wir hatten schon drüber gesprochen, was natürlich auch bemerkenswert ist, dieses soziale Umfeld, das nicht reagiert hat. Alle wussten Bescheid, niemand hat reagiert, niemand hat mal gesagt, hier wollt ihr nicht mal oder könnt ihr nicht mal, solltet ihr nicht mal.

Und vielleicht auch, das war auch natürlich auch für mich interessant, sag ich mal, vorher war ich immer bei Amtsgerichten unterwegs, da ging es so auch um Fälle so aus dem Leben eigentlich. Ich war oft am Amtsgericht in Gifhorn, da war ein Richter, der sehr väterlich mit den Angeklagten umgegangen ist, auch so Lebensweise halten dann mit auf den Weg gegeben hat.

Und das hat so ein bisschen auch meine Neugier damals auf Justizberichterstattung geweckt. Und da hat man dann halt auch gesehen, hier ging es ja um was. Bei der Tat, das war jetzt kein Eierdiebstahl. Und da ging es um richtiges Strafmaß, sag ich mal. Und natürlich sowas muss auch geahndet werden. Und wir haben ja auch über die Strafhöhe gerade gesprochen. Wie bestraft man sowas?

Ganz schwieriges Thema. Da ändert sich auch. Die Justiz, sage ich mal, und Fälle, die möglicherweise damals noch mit geringerem Strafmaß geahndet wurden, werden heute, angesichts der Problematik Gewalt gegen Frauen immer heftiger oder immer härter. bestraft. Sechs Jahre sind sie jetzt geworden. Wie gesagt, Diskussion wird wahrscheinlich bei uns im Chat dann oder unter den Podcasts dann losgehen.

War es richtig? War es zu wenig? Meisten werden sagen, viel zu wenig. Ja, also aus diesem Fall kann man wirklich viel tatsächlich halt rausziehen. Aber das Interessanteste oder das Bemerkenswerte ist tatsächlich, sage ich mal, dass Gewalt gegen Frauen in Trennungsphasen ein ganz schlimmes Thema ist. Ja, das ist genau mein Stichwort. Ich hatte dir schon angekündigt, dass ich noch eine kleine kritische Anmerkung hier vornehmen will.

Und zwar ist mir bei der Recherche und beim Lesen der ganzen Berichterstattung, das ist jetzt alles 20 Jahre her, da ist es mir aufgefallen. Aber es begegnet mir auch heute ab und zu noch in medialer Berichterstattung und da will ich auch unsere eigene Zeitung gar nicht ausnehmen, aber auch bei anderen Medienhäusern ist es nicht anders, dass, wenn es um solche Themen geht, um solche Fälle, oft von Ehedrama oder Familientragödie gesprochen wird und das sehr oft in den Titeln steht.

Und das finde ich so problematisch, weil das so den Blick verschiebt. Tragödie, da verbindet man ja erst mal irgendwie ein schicksalshaftes Unglück mit, sei es ein Unfall oder eine Erkrankung. Irgendwas, was keiner beeinflussen kann, wo man keine Kontrolle drüber hatte. Und Ehedrama, finde ich, klingt so nach Beziehungsstreit, wo beide irgendwie zu gleichen Teilen Teil dieser Eskalation waren.

Aber das hier ist nicht der Fall gewesen. Also hier hat ein Mann auf seine Frau geschossen und wurde auch wegen versuchten Mordes verurteilt. Also das ist ganz weit weg von einer Tragödie. Das ist eine vorsätzliche Gewalttat. Und in vielen Fällen, ich weiß, du hast da eine andere Haltung zu, aber in vielen Fällen ist es das, was heute ja auch als Femizid bezeichnet wird.

Also eine Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts Genau durch solche Merkmale, also meistens oder am allerhäufigsten durch den Partner oder Ex-Partner. Und ganz oft genau wegen den Faktoren, die du genannt hast. Kontrollverlust, die Frau möchte sich trennen, die Frau möchte ein selbstbestimmtes Leben führen.

Und der Mann kann damit nicht umgehen, hat das Gefühl, hat ein Besitzdenken über die Frau, glaubt, über ihr Leben entscheiden zu können, nimmt ihr dann das Leben, greift sie an, tut ihr Gewalt an. Und deswegen finde ich das ganz wichtig, dass wir das auch in der Berichterstattung, ganz klar benennen, was das ist, dass es eben kein Drama ist, keine Tragödie, sondern ein versuchter Mord, ein Mordanschlag, ein Femizid, wie man es nun auch nennen will.

Darum geht es mir jetzt gar nicht so, aber es sind halt keine Einzelfälle. Es ist nicht so, als würde das irgendwie alle Nase mal passieren, aus Versehen, sondern das passiert, ich habe sogar Zahlen mitgebracht, 2024 laut dem Bundeskriminalamt, fast jeden Tag gibt es einen versuchten oder vollendeten Femizid.

Und deswegen finde ich, ich will das gar nicht so drastisch klingen lassen mit der Begriffsbezeichnung, aber ich finde es einfach wichtig, weil es prägt natürlich, also Sprache prägt natürlich, wie wir so ein Verbrechen wahrnehmen. Und dass da eigentlich vor allem ein großes Problem hinter steckt, ein patriarchal geprägtes Problem, gesellschaftliches Problem.

Was sehr viele Menschenleben jedes Jahr kostet. Deswegen, das wollte ich an der Stelle nochmal in meine kleine Brandrede. Ich bin da natürlich ganz bei dir. Das sind Begriffe, die wir damals in der Berichterstattung gewählt haben. Ich habe mir dann natürlich auch geguckt und selbst Leser der Zeitung gewesen, wie berichtet man über sowas? Das war damals gang und gäbe. Heute sind das Begriffe, die im Giftschrank liegen. Die benutzt man nicht mehr. Sie werden immer noch benutzt tatsächlich, aber weniger natürlich. Sie werden noch benutzt, ja.

Aber da denke ich mal, das Bewusstsein in den Redaktionen, dann tatsächlich, das ändert sich schon. Und auch wenn wir jetzt Ausbildungen bei uns im Haus machen mit jungen Redakteuren, da achten wir auch schon drauf. Und gerade auch auf Begrifflichkeiten, dass sie richtig benutzt werden. Femizid tatsächlich benutze ich nicht so gern, weil ich das eher so für einen aktivistischen Begriff halte.

Und ich bin da ganz bei dir, wenn man halt sagt, darüber reden, was es ist. Das ist ein Mord an einer Frau. Und das kann man klar benennen. Und da muss man keine literarischen Begriffe verwenden, sondern die Dinge klar beim Namen. Ja, aber auch spannend. Das wird ja im Bundestag auch diskutiert, ob Femizid als eigenständiger Straftatbestand ins Strafrecht noch verankert werden soll.

Wenn dem so wäre, wäre es kein aktivistischer Begriff mehr. Aber mal gucken. Gut, an der Stelle würde ich einmal sagen, danke fürs Zuhören, danke fürs Einschalten. Wie steht ihr zu dem Begriff Femizid? Vielleicht kann man das auch mal fragen. An die Hörerinnen und Hörer wäre das etwas, wo ihr auch sagt, das sollte als Straftatbestand im Strafrecht stehen. Fände ich mal ganz spannend.

Und überhaupt, wie fandet ihr die Folge? Schreibt Anmerkungen, Kritik gerne in die Kommentare. Und mich würde auch interessieren, ob euch so ältere Fälle auch interessieren. Ob ihr gerne Fälle hört, die schon weiter in der Vergangenheit liegen oder lieber aktuelle Fälle bevorzugt. Schreibt es auch sehr, sehr gerne in die Kommentare. Und danke dir, Hendrik, dass du den Fall erzählt hast, dass du dich zurückerinnert hast vor 20 Jahren an deinen ersten Fall am Landgericht.

Und ich würde sagen, bis zum nächsten Mal bei Tatort Niedersachsen.

Anmelden oder registrieren

Jetzt

0:00 / 0:00