
Tatort Niedersachsen - der Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung· Folge 85
Tatort Niedersachsen: Verdrängte Erinnerungen - mein Stiefvater ermordete meine Familie
Sonntag, 17. August 2025 · 45 min
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Shownotes
In einer Nacht enden drei Leben: Ein Mann tötet erst seinen Sohn, danach seine Frau und schließlich sich selbst. Ein einziges Familienmitglied bleibt zurück – Heike L., die damals 13-jährige Stieftochter des Täters. Jahrzehntelang gelingt es ihr, den Verlust ihrer Familie zu verdrängen – bis sie selbst in eine tiefe Krise stürzt. Schließlich sucht und findet sie Hilfe. Die heute 67-Jährige kann heute offen über das Verbrechen und ihre Erlebnisse sprechen, die ihr Leben bis in die Gegenwart prägen. Sie möchte anderen Opfern und Hinterbliebenen Mut machen.
In der neuen Episode unseres True-Crime Podcasts „Tatort Niedersachsen“ taucht mit Polizei- und Gerichtsreporter Hendrik Rasehorn im Gespräch mit Heike L. tief in ihre Geschichte ein. Sie erzählt, wie das Verbrechen sie verändert hat, welche quälenden Fragen sie beschäftigten und auf welche Weise es ihr gelang, ihr Trauma zu verarbeiten. „Ich kann mit meinem Leben, das ich jetzt führe, zufrieden sein. Heute ist alles anders – und vor allem viel besser“, sagt Heike L.
Was gefällt Ihnen gut an Tatort Niedersachsen? Haben Sie Anregungen, was wir noch besser machen können oder einen Vorschlag zu einem Fall, den wir im Podcast vorstellen sollen? Oder Kritik? Schreiben Sie uns an tatort.niedersachsen@funkemedien.de
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Tatort Niedersachsen, der Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung. Alles rund um spannende Kriminalfälle in der Region. Wir blicken gemeinsam mit unseren Redakteuren auf die Hintergründe der spektakulärsten Verbrechen zwischen Harz und Heide. Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, herzlich willkommen bei Tatort Niedersachsen, dem Crime-Podcast der Braunschweiger Zeitung. Mein Name ist Hendrik Rasorn.
Bevor ich den heutigen Fall vorstelle und meinen Gast heute vorstelle, muss ich ein bisschen mal ausholen. Und zwar haben wir uns kennengelernt über ein ganz anderes Thema, einen ganz anderen Fall, den wir hier vorgestellt haben. Es geht um den Amoklauf in Westfagen, 23. August 1998. Ja, da ging es um eine Frau, die sich von ihrem Mann trennen wollte.
Der Mann hatte große Angst, alles, was ihm in seinem Leben war, zu verlieren. Und er wollte diese Trennung nicht akzeptieren. Er hat alles versucht, um seine Frau zurückzubekommen. Er war Waffenhändler, hat sich illegal eine Waffe besorgt, ist dann eines Abends nach Wolfsburg-Wersthagen gefahren, wollte seine Frau aus der Wohnung der Angehörigen rausholen und drohte den Angehörigen mit der Pistole.
Und ja, dann fielen die Schüsse. Er schoss sich den Weg durch die Wohnung frei, auf dem Weg zu seiner Frau. Die ganze Zeit an der Hand führte er seine Tochter mit sich. Und ja, diese Tochter hat sich dann, nachdem wir über diesen Fall berichtet haben, 25 Jahre später bei mir in der Redaktion gemeldet.
Ich war selbst überrascht, hatte gar nicht damit gerechnet. Wir hatten im Vorfeld natürlich versucht, auch Angehörige ausfindig zu machen zu dem Fall, gab aber keine mehr in Wolfsburg, auch keine Kontakte oder irgendwie sowas. Daher war es umso interessanter, als sich diese Frau bei uns gemeldet hat, weil sie ihre Geschichte uns erzählen wollte.
Gar nicht so sehr ging es darum, was sie bei der Tat erlebt hat, sondern wie sie das Leben nach der Tat erlebt hat und wie sie diese Eindrücke danach verarbeitet hat. Ich lese mal kurz vor aus dem Artikel, den ich damals geschrieben habe. Jahrelang hatte sie Antworten gesucht. Sie quälte die Frage nach dem Warum.
Im Zitat, ich fand nur wenige Sätze, die Chronologien von Amokläufen. Und dann ganz zufällig stieß ich auf den Postcast. Ich war baff. Ich hatte den Fall in Archiven nachrecherchiert. Ich hatte mir das Urteil besorgt. Ich habe mit Polizisten, die am Einsatz beteiligt waren, gesprochen. Wie erwähnt, Kontakte zu Verwandten hatte ich nicht.
Und daher war es interessant, was sie mir halt erzählt hat, wie sie auch diesen Podcast natürlich auch wahrgenommen hat. Sie hat gesagt, sie hätte erst mal Angst gehabt, sich auf diese Weise mit dem Schicksal ihrer Familie auseinanderzusetzen. Tatsächlich hat sie dann gemeint, wurden viele ihrer offenen Fragen beantwortet.
Es war ein sehr offenes, sehr interessantes Gespräch. Und, ähm, Ja, sie sagt, sie hat jahrelang die Schuld bei sich selbst gesucht. Die Taten ihres Vaters, der ihre Familie zerstört hat. Und sie hat sich gefragt, ob die Menschen heute noch leben würden, wenn sie nicht geboren worden wäre. Was eigentlich eine irre Annahme ist, weil sie war Kind, sie war unschuldig, sie hat ja überhaupt nichts zu gekonnt.
Aber das sind die Fragen, die sie nach der Tat und viele Jahre danach immer noch beschäftigt haben. Nochmal ein Zitat aus dem Artikel, über den ich geschrieben habe. Ich habe den Podcast bestimmt sechsmal gehört. Der war meine Therapie. Ich weiß jetzt, dass ich einfach nur zur falschen Zeit in die falsche Familie hineingeboren wurde.
Und ich denke, Wahnsinn, dass ich hier heute sein kann und trotzdem mittlerweile so ein tolles Leben führe. Ich begrüße heute im Studio meinen Gast, Frau L., Frau Heike L. Hallo, schönen guten Tag. Ja, Frau L., Sie sind auch auf mich zugekommen und zwar im vergangenen Jahr. Sie haben sich bei mir gemeldet, das war im Oktober 2024.
Und Sie schrieben mir, Sie hätten damals diesen Podcast gehört und auch die Geschichte gelesen und wollten auch Ihre Geschichte erzählen. Wollen Sie mal vielleicht den Hintergrund erzählen, was so Ihr Antrieb war, warum Sie sich bei uns gemeldet hatten? Ja, der Podcast hat mich fasziniert, weil auch so ein bisschen meine Geschichte dahinter steckt.
Und ich mir auch immer die Fragen gestellt habe nach dem Tod meiner Eltern und meines Bruders, warum bin ich geboren worden, warum hat man mich hier allein zurückgelassen. Und möglicherweise auch, bin ich schuld vielleicht an dem, was da passiert ist? Und bin ich schuld und ich habe viel Parallelen zu der jungen Frau aus Westhagen gefunden.
Wir wollen heute die Geschichte Ihrer Familie erzählen. Die ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Kein Amoklauf, aber doch sehr dramatisch. Ich habe dafür alte Ermittlungsunterlagen sichten dürfen, die Sie auch erstmals dann sehen konnten. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir keine Orte nennen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir keine Namen nennen, keine Nachnamen nennen.
Wir sprechen dann von Vornamen, um den Fall zu erzählen. Ich werde den Fall so ein bisschen vortragen und Ihnen ab und zu mal eine Frage stellen. Und wir schauen mal, wie weit wir kommen. Weil eigentlich unser Anliegen bei dem Podcast heute ist ja eigentlich gar nicht so sehr, diesen Fall vorzustellen, sondern das Interesse war ja von Ihnen zu sagen, wie geht man damit um und wie macht man das Beste sozusagen draus als Angehöriger.
Und wo kriege ich Hilfe her? Das ist vor allen Dingen das Wichtigste und man sich nicht scheuen soll, sich auch wirklich Hilfe zu holen. Genau. Wir gehen mal ins Jahr 1956 zurück. Das ist lange, lange her. Da ist Helga, das ist ihre Mutter. Und da ist Karl. Die lernen sich beide kennen, lernen sich beide lieben, sind noch beide sehr jung, wie ich nachgerechnet habe.
Und sie heiraten beide. Ich bin mir nicht ganz sicher, war ihre Mutter schon mit ihr schwanger oder kam das erst schnell nach der Hochzeit? Damals hieß es ja noch, die mussten heiraten, weil ich halt unterwegs war, meine Mutter schwanger war. Okay, ich habe es mir fast gedacht, sage ich mal, weil es dann doch sehr schnell ging alles.
Und dann trotzdem relativ schnell, 1959, eine Scheidung vor dem Landgericht Braunschweig. Es wurde damals festgestellt aus beiderseitigem Verschulden. Das war damals noch notwendig, weil der Gesetzgeber vorgeschrieben hat, mal aufzuklären, wer ist denn nun schuld, dass diese Ehe in die Brüche gegangen ist.
Da galt das Verschuldensprinzip, so habe ich mir das rausgeschrieben. Wer tatsächlich schuld am Ende einer Ehe war, der musste dann mit Konsequenzen rechnen. Jetzt beispielsweise was das Sorgerecht angeht oder was Zahlungen dann angeht. Heute ist man davon weggekommen oder 1976 zum Glück ist man da schon weggekommen.
Da gilt nicht mehr das Verschuldensprinzip, sondern es gilt jetzt danach, ob eine Ehe tatsächlich noch zu retten ist oder ob sie aufgelöst werden muss. Also das sogenannte Zerrüttungsprinzip. Ja, also die Ehe ihrer Eltern hat nicht lange gehalten. Karl zieht zurück nach Essen und ihre Mutter wohnt bei ihren Eltern und lernt anderthalb Jahre später Horst kennen.
Auch dort kommt es relativ schnell zu einer Beziehung. Sie heiraten und sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung rum. Erste Etage, drei Zimmer, Küche, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer. Haben Sie noch Erinnerungen an die Wohnung? Ja, man ist vom Flur, vom Treppenhaus gleich reingekommen ins Wohnzimmer.
Dann war da das Kinderzimmer. Links ging es in die Küche und dahinter war das Schlafzimmer, wo meine Eltern drin geschlafen haben und die Toilette war auf dem Flur. Im Februar 1963 Geburt ihres Halbbruders und parallel dazu 1964 hat auch ihr leiblicher Vater erneut geheiratet in Essen. Es gab wohl dann Streitigkeiten wegen Unterhaltszahlungen. Der Vater war da ein bisschen säumig, wurde dann auch verurteilt deswegen.
Aber wie gesagt, er hat ja in Essen gelebt und ihre Familie hier bei uns in der Region. Ja, der Stiefvater Horst. Ich habe mir mal aus dem Ermittlungsbericht mal so ein paar Stichworte zusammengeschrieben. Später, als die Polizei in dem Fall ermittelt hat, wurde der Stiefvater ihrer Mutter von der Polizei befragt.
Und er sollte mal sagen, was er, dieser Horst, was das für ein Mensch war. Und er hat ihn charakterisiert als ein Eigenbrödler. Es gab keinen richtigen Kontakt zwischen ihm und der Familie. Er hat unmissverständlich zu Wort gegeben, dass er das auch nicht wollte. Er hat seine Familie um sich gescharrt und von der Umwelt abgekapselt.
Meiner Frau und mir war das natürlich nicht recht. Meine Frau hat sich darüber sehr gegrämt. Und ja, also man merkt schwierige Familienverhältnisse. Haben Sie das auch so wahrgenommen damals? Ich durfte keinen Kontakt zu meinen Großeltern haben. Aber warum wurde Ihnen das erklärt? Das weiß ich nicht, das kann ich nicht sagen. Okay, okay.
Und auch ihre Mutter wurde dazu befragt. Da hieß es dann, meine Tochter hat sich in familiärer Beziehung den Wünschen ihres Ehemanns unterworfen. Er liebte meine Tochter sehr, abgesehen davon war er sehr eifersüchtig. Aus dieser Eifersucht heraus hat er meine Tochter von uns ferngehalten. War Ihnen diese Eifersucht präsent? Ja, wenn irgendjemand von uns dreien, mein Bruder, meine Mutter oder ich mal später nach Hause gekommen sind, dann hat er uns auch schon mal geschlagen.
Er war sehr eifersüchtig, er wollte alles ganz genau wissen, wo wir waren. Eine Nachbarin wurde auch von der Polizei dazu befragt und die sagt, das waren zwei grundverschiedene Ehepartner. Herr K. Wollte seine Familie an den Wochenenden für sich haben, seine Frau hingegen suchte jedoch mehr die Freundschaft und die Geselligkeit anderer.
In dem Polizeibericht heißt es, bis 1971 sei diese Ehe, obwohl sie das so schildern, aber im Polizeibericht heißt es normal gelaufen. Es hätte keine Probleme gegeben, keine Schwierigkeiten, jedenfalls nichts, was aktenkundig geworden wäre. Und im Mai 1971 taucht dann ihr Vater wieder auf am Wohnort. Er sucht wohl Kontakt zu ihnen. Ist das richtig? Ist richtig.
Genau einen Tag vor meinem 13. Geburtstag, das war der 3. Mai, da ist er auf einmal mit einem LKW bei uns durch die Straße gefahren. Aber warum? Er hat das Geld nicht gezahlt und lange Zeit gab es keinen Kontakt. Wenn ich heute drüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass die beiden verabredet waren. Okay, okay. Es kann möglich sein, wir wissen es nicht.
Ich weiß es auch nicht. Also es kommt laut Polizeibericht zu einem zufälligen Aufeinandertreffen in der Straße, in der ihre Familie wohnt. Ja, und aus diesem ersten Zusammentreffen werden dann weitere Zusammentreffen. Man muss da jetzt gar nicht ins Detail gehen. Also es kommt zu Treffen in den Wohnungen, es kommt zu Treffen zwischen ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann.
Der Mann ihrer Mutter soll davon geahnt und auch gewusst haben. Es soll eine Situation gegeben haben, dass er ihren Vater dann auch angetroffen hat in der Wohnung, zufälligerweise. Dann wurde wohl ein Treffen vereinbart am Nachmittag, wo man sich unter Männern dann aussprechen wollte. Und im Polizeibericht wird dann erzählt, dass Karl aus diesem Gespräch den Eindruck erhalten hat, dass ihr Stiefvater einer möglichen Trennung stattgeben würde.
Ob es tatsächlich so war oder nicht, man weiß es nicht. Jedenfalls liest es sich so, als ob er in der Situation den Eindruck gewonnen hat, er könne sich weiter mit seiner Ex-Frau treffen. Und dazu kommt es dann ja auch in der Folgezeit zu weiteren Treffen. Haben Sie diese Treffen mitbekommen? Waren Sie mit dabei? Nein, wenn es hieß, dass mein leiblicher Vater zu uns kam oder irgendwie in der Ecke war, habe ich mich weg organisiert.
Ich bin dann entweder ins Schwimmbad gegangen oder habe mich... Sie wollten ihn gar nicht sehen? Ich wollte ihn nicht sehen. Ich war verwirrt, weil ich eigentlich immer der Meinung war, dass mein Stiefvater mein leiblicher Vater war. So wurde mir das eingeredet. Und wie hat Ihr Stiefvater darauf reagiert in Ihrer Erinnerung?
Er war wütend, er war sauer. Er hat auch schon mal um sich geschlagen. Ich kann mich noch an eine Situation erinnern. Da flog ein Sieb mit gekochten Nudeln durch die Küche. Okay. Ja, die beiden, dieses noch verhinderte Pärchen, so möchte ich es mal sagen, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
In einer Zeit, wo jeder ein Mobiltelefon besitzt, in der Zeit konnte man froh sein, wenn irgendwer einen Telefonanschluss hat. Und dann ist man im Zweifelsfall zu einem Nachbarn gegangen und auch in diesem Fall war es so, da wurden Telefongespräche vereinbart und wurde gesagt, ich rufe um so und so viel Uhr bei deiner Nachbarin an, sei bitte dann da.
Also seit es dieses Zusammentreffen gibt, soll in der Ehe ihrer Mutter und ihres Stiefvaters, sage ich mal, nicht mehr so viel funktioniert haben. Darüber bricht dann auch der Stiefvater ihrer Mutter der Polizei. Er sagt dann, Zitat, seit diesem Zeitpunkt soll noch Aussagen seines Schwiegersohns die Ehe nicht mehr gegangen sein.
Ja, also tatsächlich, also ihr Stiefvater wollte ja eigentlich keine Treffen mit den Eltern oder mit den Angehörigen ihrer Mutter haben. Aber in dieser Situation tatsächlich hat er dann Kontakt gesucht und ihnen sein Herz ausgeschüttet. Es gab auch Situationen, dass er dann auch, je länger das Ganze gedauert hat, angeblich dann auch von Selbstmordgedanken erzählt hat, dass er möglicherweise mit einem Messer sich Pulsadern aufschneiden würde.
Und heute werden das Alarmsignale wahrscheinlich, wo man ganz schnell die Behörden einschalten würde und sagen würde, dem Menschen muss geholfen werden und auch in dieser Familie muss hingeguckt werden. Aber damals gab es sowas nicht wahrscheinlich. Ich kann mich auch an diese Aussagen gar nicht erinnern. Wahrscheinlich waren sie aber auch zum Glück nicht dabei. Ja.
Bemerkenswert in diesen Ermittlungsunterlagen, und das spricht vielleicht auch ein bisschen für diesen Zeitkals, der damals herrschte, ist eine Aussage einer Nachbarin, die vernommen worden ist. Die wird in den Ermittlungsunterlagen wie folgt zitiert. Erwähnen möchte ich, dass meines Erachtens Frau K., also ihre Mutter, ein falsches Spiel getrieben hat.
Und zwar deshalb, weil sie ihm immer wieder Hoffnung gemacht hat, dass sie sich von dem ersten Mann lassen würde und sich dann trotzdem mit diesem getroffen hat und erst am Morgen nach Hause kam. Ich meine, dass dieses Verhältnis für deren Ehemann die Hölle gewesen sein muss. Das ist so dieses althergebrachte Bild, die böse Frau, der arme Ehemann, der nichts dafür kann.
Was geht Ihnen im Kopf vor, wenn Sie das so heute hören? Gott sei Dank in der heutigen Zeit, dass das nicht mehr so üblich ist, dass man sagen kann, es funktioniert nicht mehr, ich ziehe aus. Aber damals weiß ich, dass meine Mutter krampfhaft nach einer Unterkunft gesucht hat. Und das war nicht so einfach als getrennt lebende oder entscheidungslebende Ehefrau.
Einmal schon geschieden und jetzt möglicherweise die zweite Scheidung. Kann man erahnen, was das in der damaligen Gesellschaft bedeutet hat? Das war die Schande für meine Großeltern. Ja? Ja. Wir kommen jetzt an eine Stelle, die ein bisschen heikler wird, auch als Hinweis für alle Zuhörer an dieser Stelle.
Die Ehe hat sich dann so weit entwickelt, dass ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Halbbruder in einem Bett geschlafen hat und ihr Vater bei ihnen im Bett geschlafen hat. Sie waren zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt, aber das war natürlich erstmal wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass es keine weitere Möglichkeit gab, irgendwo unterzukommen oder wie sehen Sie das?
Ja, ich weiß es nicht. Meine Mutter und mein Bruder hatten ein ganz enges Verhältnis und die Zeit, wo ich mit meinem Stiefvater, vor allen Dingen, wenn meine Mutter und mein Bruder nicht da waren, alleine war in diesem Zimmer, ist das für mich die Hölle gewesen. Wir deuten es an dieser Stelle nur an, sexueller Missbrauch hat stattgefunden und das letztendlich, aber da werden wir später nochmal was zu erzählen, war ja auch dann der entscheidende Schritt, der sich dazu bewogen hat, das alles mal aufzuarbeiten. Aber da kommen wir noch hin.
Ja, also von wegen der arme Ehemann, der arme Familienvater. Es kommt auch, Sie hatten ja auch schon angedeutet, es gab Szenen der Gewalt. Es gibt im Polizeibericht eine Stelle, da wird berichtet, dass ihr Stiefvater ihre Mutter verprügelt hat in einer Arztpraxis, wo sie geputzt hat damals. Sie musste krankgeschrieben werden, also es war nicht einmal nur ein Klaps, das war richtig heftig.
Ja, im Oktober 1971 entscheidet sich dann ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Halbbruder nach Essen zu fahren, um ihren Vater zu besuchen. Wir können nur heute raten, aber ich gehe stark davon aus, wahrscheinlich wurde da besprochen, wie könnte eine Trennung funktionieren, wie organisiert man einen Umzug, wo wohnt man zusammen, wohnt man gleich zusammen oder sucht man jetzt erstmal eine eigene Wohnung.
Und es geht auch so weit, dass ihre Mutter sich dann einen Anwalt genommen hat oder anwaltliche Beratung zunächst einmal gesucht hat, um zu klären, wie könnte man sich scheiden lassen. Wieder ein Zitat von dem Stiefvater ihrer Mutter. Mein Schwiegersohn war in letzter Zeit häufig zu Besuch und hat sich beklagt.
Er berichtete von der beabsichtigten Scheidung und dass er damit nicht einverstanden wäre. Er wusste wohl Bescheid, was sich da anbahnt. Er sei sehr verzweifelt gewesen. Er sprach, wie ich schon erwähnt habe, von Selbstmord mit einem Messer und Ihre Großeltern sollen noch versucht haben, in diesem Ehestreit zu schlichten.
Haben Sie das auch so in Erinnerung? Nein, das habe ich absolut nicht in Erinnerung. Mein Vater war schon immer der Bohmann und mein Stiefvater war eigentlich in den Augen meiner Großeltern auch nicht viel besser. Sie wollten nur Ihr Gesicht wahren, dass es nicht zu einer zweiten Scheidung kommt. Es kommt auch so weit, dass Ihr Stiefvater nach Essen gefahren ist, um die neue Ehefrau von Ihrem Vater zu sprechen und zu informieren, was dort passiert.
Und ja, Anfang 71, im Polizeibericht heißt es auch, dass Ihre Großeltern Sie dann aus dieser Familie genommen haben, weil die Situation angeblich unhaltbar wäre. Eine 13-Jährige zusammen mit einem erwachsenen Mann in einem Bett. Wie haben Sie es in Erinnerung? Also ich weiß, dass ich im Oktober 1971 zu meinen Großeltern gegangen bin.
Mein Stiefvater war nicht da, meine Mutter war, glaube ich, in Essen. Und ich bin zu meinen Großeltern gegangen und habe gesagt, ich halte das nicht mehr aus. Bitte, bitte kann ich bei euch bleiben. Okay. Ja, man fragt sich, wie sowas Einzug in einen Polizeibericht findet und wir können es uns beide nur so erklären, dass möglicherweise ihre Großeltern den Anschein wahren wollten, möchte ich es mal sagen.
Ja, wir machen jetzt einen kleinen Sprung in den November. Wir sind jetzt schon nah an den Tagen vor der Tat. Das ist der 20. November. Ihr Vater kehrt aus Essen wieder zurück zum Wohnort. Es gibt immer wieder Treffen und auch ihr Stiefvater weiß davon. Dann ist es der 23. November. Ihr Vater fährt zurück nach Essen.
Und es kommt zu einer Situation, das kann man sich heute auch nicht so richtig vorstellen, aber es kommt zu der Situation, dass ihr Stiefvater sich erstmal Bettwäsche schnappt und die aus dem Haus schafft, erstmal versteckt, dass ihre Mutter da nicht mehr drankommt. Und möglicherweise ist das aus Verzweiflung, indem man sozusagen solche Grundlagen entzieht, Bettwäsche, es gehört ja alles so zur Aussteuer sozusagen, dass man versucht, die finanzielle Grundlage von so einer Trennung dann einfach zu entziehen.
Ihre Mutter bekommt das mit und sie wiederum packt zwei Koffer mit der restlichen Bettwäsche, packt das Familiensilber 1 Porzellan, die Briefmarken sagen, die Kaffeemaschine den alle schneiden und geht dann mit seiner Nachbarin. Also, ja, Zeichen stehen tatsächlich wohl ganz stark auf Trennung und in folgenden Stunden, muss man sagen, eskaliert die Situation. Ja.
Nachbarn berichten, dass sie ihre Mutter am Vormittag noch mal gesehen haben und dass ihr Stiefvater am Mittag dann gesehen wird, wie er noch mal Autoreifen in seinen Wagen packt und irgendwo hinfährt. Also erstmal spricht nichts dafür, dass an dem Tag irgendwas Dramatisches passieren könnte. Es kommt an dem Tag aber wieder zu Zusammentreffen zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater in einem Nachbarort.
Dann ist wohl auch ihr Halbbruder mit dabei, der wird dann wieder zurück zur Familie gebracht. Dann gibt es ein erneutes Treffen zwischen ihren Eltern und irgendwann abends bringt ihr Vater ihre Mutter zurück zur Wohnung. Ich habe das auch nochmal aus dem Polizeibericht rausgeschrieben, was ihr Vater zu dieser Situation damals gesagt hat.
Frau K. hat mir an dem Abend nicht gesagt, dass große Unstimmigkeiten zwischen ihr und ihrem Mann beständen. Sie erwähnte lediglich, dass sie hoffe, dass bald alles vorbei wäre. Ich hatte auch nicht das Empfinden, dass sie unter Angstzuständen litt. Ein bisschen weiter heißt es dann im Text. Mir ist bekannt, dass Herr K.
Eifersüchtig war. Ich habe aber nicht angenommen, dass er zu einer solchen Tat fähig ist. Ihr Vater fährt zurück nach Essen zusammen mit einem Arbeitskollegen und in der Wohnung bleibt ihre Mutter mit ihrem Vater zurück. Ein Nachbar kommt abends 23 Uhr vom Wachdienst zurück um eine Pause einzulegen daheim.
Er sieht noch, dass Licht in der Wohnung an ist. Das ist ein bisschen ungewöhnlich für diese Uhrzeit. Normalerweise soll da schon alles dunkel gewesen sein, aber er denkt sich nicht viel dabei. Der Nachbar, nachdem die Pause absolviert ist, geht dann wieder zur Arbeit. Er kommt dann irgendwann nachts wieder, legt sich dann zusammen mit seiner Frau ins Bett und dann irgendwann tief in der Nacht hört er ein Poltern, ein Bumsen, wie er es im Polizeibericht dann sagt.
Er und seine Frau machen sich Gedanken, was da oben los ist, aber dann, sie kennt es halt auch, dass aus dieser Wohnung auch mal oft Streitgeräusche halt einfach kommen und sie denken sich nicht viel dabei. Dann ist auch irgendwann Ruhe und dann eine Stunde später ist dann wieder ein Bumsen zu hören und dann wieder Ruhe.
Ich habe den Polizeibericht durchgelesen und aus dem, was die Polizei dort ermittelt hat, was die Kripo dort ermittelt hat, ergibt sich für mich folgendes Tatgeschehen. Ich gehe davon aus, dass in dieser Nacht wahrscheinlich einen Streit zwischen ihrer Mutter und ihrem Stiefvater gegeben hat. Möglicherweise ist ihre Mutter dann gemeinsam mit ihrem Halbbruder schlafen gegangen.
Ihr Stiefvater hat sich dann ein Schlachtermesser gegriffen, ist in das Zimmer ihrer Mutter gegangen. Und möglicherweise ist es dort zu einem Kampf gekommen, dass dieses Messer gar nicht zum Einsatz gekommen ist. Jedenfalls so, wie er es beabsichtigt hat. Aber es gab eine Situation, in der ihre Mutter verletzt wurde. Und zwar an den Arm, an den Händen.
Ein Daumen wurde sogar fast abgeschnitten. Also ich gehe fast davon aus, sie hat ihren Stiefvater in der Nacht, sie ist wach geworden, hat er gesehen, dass er da was machen wollte. Hat ins Messer reingegriffen, wurde dabei verletzt. Das Messer ist dann nicht mehr zum Einsatz gekommen. Und stattdessen hat ihr Stiefvater sie dann erwürgt. Und das gleiche hat er dann auch mit ihrem Bruder gemacht.
Dann anscheinend ist er durch die Wohnung gelaufen, er hat sich hingesetzt und hat nochmal einen Abschiedsbrief geschrieben. Darin heißt es, die Frau W. hat unsere Wäsche, Silber, Geschirr, Briefmarken und vieles mehr. Ich bitte um Verzeihung, die Enttäuschung war zu groß. Ich habe meine Familie über alles geliebt, einschließlich meiner Stieftochter Heike.
Leider war es mir nicht vergönnt, meinen Kindern ein sorgenfreies Leben für die spätere Zukunft zu geben, da meine liebe Frau nichts mehr von mir wissen wollte, obwohl ich für sie gesorgt habe, Horst. Wie ist das, wenn Sie das heute nochmal hören, was dort drin steht? Ich finde es schlimm, dass er gesagt hat, dass die bestimmten Gegenstände sind da und da.
Und im nächsten Moment sagt er, er hat uns alle geliebt. Und das kann ich nicht glauben. Wer jemanden liebt, der macht nicht sowas. Richtig. Und vor allen Dingen erst mal hinweisen, wo was untergebracht ist. Er macht sich auf jeden Fall Gedanken anscheinend, wie es ist, wenn diese Situation irgendwann entdeckt wird.
Er legt den Wohnungsschlüssel vor die Haustür, damit die Tür nicht aufgebrochen werden muss. Nimmt die Polizei zumindest an. Er schließt von innen mit einem anderen Schlüssel nochmal ab. Und dann, wie er es angekündigt hat, tötet er sich selbst. Er schneidet sich in den Hals. Am Tag danach merkt dann eine Nachbarin auf.
Ihr kommt das ein bisschen komisch vor. dass es in dieser Wohnung so ruhig ist, wo es manchmal auch ein bisschen lauter zugeht. Er informiert ihre Großeltern, die fahren hin zur Wohnung. Ihr Großvater betritt die Wohnung und sieht dann dort, was dort passiert ist. In einem ersten Schock fällt ihm gar nicht mal die Nummer von der Polizei ein.
Er ist so aufgeregt, dass er zur Polizei hinläuft und dort auf der Wache dann Alarm schlägt. In diesem Polizeibericht wird dann ganz genau aufgeklärt, wie es da halt voraus ausgesehen hat. Es wird ganz genau erklärt, welche Gegenstände dann im Haus gelegen sind. Und dann beginnen die Zeugenvernehmungen.
Relativ schnell steht fest, kann niemand anderes für diesen Tod ihrer Angehörigen verantwortlich sein als ihr Stiefvater. Wobei man darf in dem Zusammenhang nicht von einem Familiendrama sprechen, sondern das, was er gemacht hat, das war Mord. Und am Ende hat er sich selbst getötet, aber das, was er gemacht hat, ist Mord.
Wir sind jetzt sozusagen am Ende. Dieser Fall hat damals auch Berichterstattung gefunden bei uns in der Zeitung, eine relativ knappe Berichterstattung. Ja, es war möglicherweise im Unstand geschuldet, ja, das ist ein Drama in einer Familie. Was gibt es da halt viel zu berichten? Heute würde man es vielleicht ein bisschen anders angehen, aber damals war es ein relativ kleiner Artikel.
Allerdings auch überregional wurde darüber berichtet, wie Sie mir erzählt haben. Dadurch, dass der Täter von Anfang an feststand, waren keine großen Ermittlungshandlungen eigentlich durchzuführen. Es gab diesen Abschlussbericht, aus dem ich zitiert habe, der wurde der Staatsanwaltschaft in die Hand gedrückt und die hat dann gesagt, ja, das Verfahren ist einzustellen. Nein.
Jetzt kommen wir zum zweiten Teil unseres Gesprächs, wo wir ja so ein bisschen miteinander besprechen wollten, wie Sie damit umgegangen sind. Und da wäre ja meine erste Frage eigentlich an sich. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie erfahren haben, wie das war, als Ihnen gesagt wurde, dass Ihre Mutter und Ihr Halbbruder tot sind und Ihr Stiefvater dafür verantwortlich ist und auch sich selbst getötet hat?
Ja, ich war zu dem Zeitpunkt, als meine Großeltern die Wohnung betraten oder mein Großvater die Wohnung betrat, beim Augenarzt. Und irgendwann kam er dann rein und hat mir einen Hausschlüssel gebracht für die Wohnung, wo wir gelebt haben. Und da habe ich dann nur gefragt, was ist denn mit Mutti? Und ich muss mit Mutti nochmal wohin? Es ist alles gut, geh du dann ruhig nach Hause.
Dann bin ich auch nach Hause gegangen, es war eine lange Straße, die zog sich unendlich lang. Auf einmal hielt das Auto im Dunkeln meiner Großeltern neben mir. Meine Großeltern sind ausgestiegen, ich sage, was ist denn nun mit Mutti, was ist passiert? Und meine Oma, die sind alle tot, der hat sie alle umgebracht und sich hat dann Hals durchgeschnitten.
Und ich war fassungslos, ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich glaube, ich habe auch kaum Reaktionen gezeigt. Die haben mich dann ins Auto gepackt, wir sind dann nach Hause gefahren. Und dann habe ich eigentlich wenig Erinnerung dran. Meinen Sie, Sie haben in der Situation wirklich verstanden, was da passiert ist?
Nein, ich war 13 Jahre alt, etwas über 13 Jahre alt. Ich habe es nicht verstanden. Und zu Hause wurde dann alles haarklein erzählt. Das weiß ich noch, was passiert ist, wie es passiert ist, wie es dort aussah. Und nicht mal so ein bisschen kindgerecht, dass man sagt, das so ein bisschen kindgerecht verpackt, ja.
Aber es war wirklich wie eine Keule, die auf mich eingeschlagen wurde. Also im Polizeibericht wird ja auch erzählt, wie es in der Wohnung ausgesehen hat. Man kann sich es vorstellen. Es war auch sehr viel Blut dort und das ist absolut nichts, was man eigentlich einem Kind in dem Alter erzählt. Vielleicht noch nicht mal im Jugendlichen.
Eine gewisse Reife muss dafür vorhanden sein, um das einfach alles zu verarbeiten. Sie sagten selbst, Sie haben gar gar nicht so eine richtige Erinnerung an diese Tage danach. Haben Sie eine Erinnerung an die Beerdigung? An die Beerdigung habe ich überhaupt keine Erinnerung. Das Einzige, ich war dabei, das weiß ich. Ich weiß auch nur, dass eine ältere Frau, ich habe kein Gesicht dazu. Ich sehe aber heute noch den lila Mantel, so einen Wollmantel und die hat mich in den Arm genommen.
Ansonsten habe ich gar keine Erinnerung mehr daran. Gibt es das Grab noch? Nein. Waren Sie danach nochmal in dem Grab? Ich war, ich musste ja mit meinen Großeltern immer zum Friedhof. Und das Kuriose war oder das Furchtbare für mich war, dass mein Zimmer, was ich dann bei meinen Großeltern bezogen habe, genau auf den Friedhof und fast auf die Grabstelle, wo meine Mutter, mein Bruder, mein Stiefvater beerdigt sind, zeigte.
Konnten Sie denn diese Wohnung oder mussten Sie diese Wohnung noch mal betreten? Gott sei Dank nein. Ich sollte hinterher, als die Wohnung dann sauber war, noch mal mit rein. Ich habe mich aber mit Händen und Füßen gewehrt. Ich wollte da nicht mehr. Ich habe auch seitdem diese Straße nie wieder betreten.
Rückblickend. Wenn Sie sich an diese Zeit zurückerinnern, welche Emotionen haben Sie dort besonders stark erlebt? War es Wut, war es Trauer, war es Fassungslosigkeit? Es war viel Wut auf meine Angehörigen, wie die damit umgegangen sind. Und es war Fassungslosigkeit, als es dann hieß von Seiten meiner Großeltern, so sinngemäß, du bist schuld, dass alle drei tot sind, wenn du nicht weggelaufen wärst.
Vier Mann könnte auf einmal nicht umbringen. dann hätte er mich auch mit umgebracht. Davon ist auszugehen, wenn Sie in der Wohnung gewesen wären. Hatten Sie Kontakt mit Ihrem Vater? Der Kontakt ist dank meiner Stiefmutter abgebrochen. Und mein Vater hat sich dann, als ich bei meinen Großeltern mich eingerichtet hatte, das Zimmer hatte, ist er sporadisch gekommen.
Mal alle halbe Jahr, mal hat er auch mal zwei Jahre auf sich warten lassen. Der Kontakt ist dann so ziemlich, ja, ist eigentlich eingeschlafen. Gab es denn in dieser Zeit irgendeine Art von professioneller Hilfe, die Ihnen von Behörden beispielsweise angedient wurde? Also heute ist das ja Standard in so einer Situation.
Da kommen Helfer, da kommen nicht nur die Polizei, die weiß, was zu tun ist und was zu raten ist. Oder Jugendamt beispielsweise, da wird geguckt, macht das Sinn, das betroffene Kind in so einer Familie zu lassen oder wird es vielleicht in eine Obhut gebracht? Gab es irgendwie mal? Gab es gar nicht. Der Einzige, der sich wirklich mit mir auseinandergesetzt hat und der mit mir lange Gespräche geführt hat, das war mein damaliger Klassenlehrer.
Welche Richtung gingen die Gespräche? Mein Lehrer hat mit mir, so wie ich es heute in Erinnerung noch habe, das so ein bisschen Kind- oder jugendlich gerecht besprochen und wie es mir geht. Der hat öfter gefragt, wie es mir geht. Er hat auch mit der Klasse gesprochen, weil viele Kinder oder viele damalige Freunde, es waren keine Klassenkameraden, aber außerhalb der Schule, die gesagt haben, ich wäre aus einer Mörderfamilie und das hat er dann alles mit mir aufgearbeitet, so ein bisschen.
Das war also wirklich der Einzige. Das heißt, gab niemanden auch im Alltagskreis Freunde, der sie zur Seite genommen hat, aufgefangen hat? Nein, gar nicht. In der Situation stellt man sich ja die Fragen nach dem, ja warum, warum kam es zu dieser Tat? Wie sind Sie damit umgegangen? War das bestimmt für Sie? Wollten Sie eine Antwort finden?
Eigentlich damals nicht. Oder haben Sie das verdrängt eher? Nein, ich habe viel verdrängt oder eigentlich große Dinge, viele Dinge verdrängt. Auch den sexuellen Missbrauch. Ich wusste, dass mit mir irgendwas nicht stimmt. Ich wusste, dass ich mich nicht wirklich auf einen Mann einlassen konnte. Aber ich wusste nicht, warum. Es hat sich jahrelang die Frage gestellt, was ist mit mir los, bis ich dann irgendwann nicht mehr konnte.
Und der Kontakt zu meinem Vater sich so ein bisschen wieder aufgebaut hat und er dann starb, ja, da konnte ich nicht mehr und bin in eine Reha gekommen und da wurde mit mir über diese Geschichte auch gesprochen, weil ich das auch angesprochen hatte. Und irgendwann kam eine Erinnerung zurück, vor allem nachts, wo ich gedacht habe, hast du einen blöden Traum gehabt?
Nein, das war kein Traum, das war ich, die betroffen war. Aber in dieser Anfangszeit, wo Sie noch relativ jung waren? Nein, gar keiner. Rückblickend, man sagt jetzt, man kann gut diese Tat als eine Tragödie bezeichnen, die ein Leben verändert hat. Hat sie ihr Leben verändert? Glauben Sie, ihr Leben war anders gelaufen?
Ich glaube nicht, weil ich seit vielen Jahren endlich auch das machen konnte, was ich gerne möchte. Ich konnte arbeiten, was ich gerne möchte und nicht. Ich wurde früher immer reingedrängt in irgendwelche Rollen, die ich gar nicht spielen wollte, die ich gar nicht haben wollte. Mein Wunschtraum war, ich wollte Tischler werden.
Unglaublich. Das ist ein eher untypischer Beruf in der Zeit für Frauen. Ja, und ich musste ins Büro und war da todunglücklich. Und danach hat es sich verändert, als ich dann für mich alleine war, dass ich dann das gemacht habe, was ich gerne möchte. Vor allen Dingen auch im sozialen Bereich. Gibt es heute noch so Situationen oder wie geht man damit im Alltag um, mit diesem Geschehen? Ab und zu kann ich mir vorstellen, erinnern Sie sich ja dann doch, was passiert ist?
Haben Sie das irgendwie in Ihren Alltag eingebettet? Gibt es so Rituale oder wissen Sie... Drücken Sie auf den Knopf innerlich, sage ich mal, wenn da die Gedanken kommen, um sich an was anderes, an was Schöneres zu erinnern, um damit umzugehen? Ja, es gibt auch unter anderem bestimmte Filme, die ich nicht gucken kann, weil da drücke ich dann auch auf, da drücke ich wirklich auf den Knopf, weil ich das nicht ertragen kann.
Vor allen Dingen, wenn es Gewalt gegen Frauen, egal in welcher Form ist. Aber ich glaube, durch die professionelle Hilfe, die ich vor ein paar Jahren bekommen habe, kann ich zufrieden sein mit meinem Leben, was ich jetzt führe. Wann war das? Wann haben Sie sich die Hilfe gesucht? Da muss ich um 40 Jahre alt gewesen sein.
Das ist ungefähr 27 Jahre her. Und da war ich, wie gesagt, als ich aus der Reha kam, bin ich nur entlassen worden, damit ich gleich wieder an meinem Heimatort professionelle Hilfe kriege. Und war dann bei uns in der Nähe in einer Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch. Und die Frau, der habe ich eigentlich alles zu verdanken.
Die hat mir wirklich geholfen, aus dem tiefen Loch wieder rauszukommen. Ich habe Erinnerungen zurückbekommen, aber alles ist noch nicht wieder da und ich glaube, ich bin jetzt auch so weit, dass ich auch nicht mehr wissen möchte. Hat das funktioniert? Viel Gespräche geführt? Wir haben Gespräche geführt.
Wir waren auch bei der Kripo. Wir haben mit einem Kripobeamten zusammengesprochen. Und ausschlaggebend war, wo ich dann zu ihr bin, ich sage, ich kann nicht mehr. Und da meinte sie, ich möchte sie zur Enttraumatisierung nach Göttingen schicken. Und da habe ich gesagt, wie lange wird das dauern? Ja, ungefähr ein halbes Jahr.
Und da war ich gerade frisch getrennt von meinem Ehemann. Und habe gesagt, das kann ich nicht. Ich sage, was ist mit meinen Kindern? Ich muss für meine Kinder doch da sein. Ja, meint sie, dann gibt es wirklich nur die Hauruck-Therapie. Dann war sie mit mir zur Kripo in Helmstedt. Wir haben aber vorher die Staatsanwaltschaft angeschrieben.
Und dann war sie bei der Kripo mit mir. Ich habe Briefe geschrieben. Ich habe die auf dem Grab meiner Mutter verbrannt. Es waren keine netten Briefe. auch auf dem Grab von meinem Stiefvater, es hat mir halt geholfen. Und der Frau verdanke ich wirklich das, was ich heute bin. Meinen Sie, dass das Resultat ist aus diesen Familienverhältnissen oder hat da auch die Gesellschaft in gewisser Weise, spielt da eine Rolle, dass man nicht über sowas redet?
Es haben auch viele Freunde eine Rolle mitgespielt, die meine Mutter zum Beispiel ausgehorcht haben und dann wieder zu meinem Stiefvater gegangen sind und umgekehrt genau das Gleiche. Ja, das wird in dem Ermittlungsprotokoll da auch deutlich, sage ich mal, dass viele meinten viel zu wissen und anscheinend hintenrum viel passiert ist.
Rückblickend, wie gehen Sie heute mit dem Ganzen um, sage ich mal. Es ist ja schon ein Schritt gewesen, dass Sie sich bei uns gemeldet haben, aber es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie darüber gesprochen haben. Möchten Sie darüber mal erzählen? Sie haben ja schon anderen Leuten darüber erzählt und das auch aus bestimmten Anlass.
Ja, der Hauptanlass war, dass zu der damaligen Zeit, wenn man da was gesagt hätte, hätte man mich als Lügnerin oder so betitelt. Und heute die Betroffenen, die wirklich auch betroffen sind, die sollen wirklich sich an professionelle Stellen wenden und sich dann auch wirklich Hilfe holen. Sie haben sich ja bei uns gemeldet, dass wir über diesen Fall sprechen.
Haben Sie denn schon früher die Kraft gehabt, darüber zu sprechen? Nein, auf gar keinen Fall. Damals gehörte sich das nicht, dass man über sowas spricht. Das wurde unter den Teppich gekehrt. Und ich selber habe mich dann auch geschämt, dass ich das zugelassen habe. Aber ich war ein Kind, ich konnte nicht anders.
Was ist denn von heute aus betrachtet, heute haben wir ja viel mehr Möglichkeiten, zum Glück, alle gucken auch genauer hin, gerade das Thema Gewalt in der Familie, Gewalt gegen Frauen, einen ganz anderen Stellenwert als damals. Was würden Sie denn aufgrund Ihrer Erfahrungen, die Sie gemacht haben und mit dem Wissen von heute, was möglich ist, was würden Sie Betroffenen raten?
Sich sofort an professionelle Stellen wenden, wie es gibt Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch, gegen körperliche Gewalt oder dann gibt es ja auch den Weißen Ring, dass die Betroffenen sich wirklich an öffentliche Stellen wenden. Es ist ja auch oft kostenlos oder in der Regel ist es kostenlos.
Die Beratungsangebote findet man alle im Netz, wohin man sich wenden kann. Es wäre wahrscheinlich wünschenswert gewesen, wenn es damals schon diese Möglichkeiten gegeben hätte und wenn die Gesellschaft besser hingeguckt hätte. Möglicherweise wären dann ihre Mutter, ihr Halbbruder noch am Leben und auch ihr Stiefvater sozusagen.
Man kann allerdings auch nicht in einen Menschen reingucken und man weiß nicht, sage ich mal, was hat ihn da geritten. Weil irgendwo, ich nehme es, ich glaube nicht, dass er ihre Mutter, ihren Halbbruder, er hat sie geliebt. Da bin ich mir schon ziemlich sicher. Aber was daraus dann geworden ist, das ist ein Wahnsinn.
Und so weit hätte es nicht kommen dürfen. Ja, wir sind fast am Ende angekommen bei diesem Gespräch. Wie schwer war das jetzt für Sie, über das nochmal einmal zu sprechen? Es war ein schwieriger Gang hierher und ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich war aufgeregt. Und ich hoffe, dass ich wirklich Frauen erreiche oder Menschen erreiche, denen nicht das Gleiche passiert ist, aber die auch gegen Gewalt, also die Gewalt erlebt haben, sich wirklich Hilfe zu holen.
Es ist wirklich wichtig, damit man später ein gutes und einigermaßen ruhiges Leben führen kann. Ja, Frau L., so wie wir vereinbart haben, wie wir sie nennen möchten. Frau L., ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie Mut und die Kraft gefunden haben, heute hier zu uns zu kommen, über Ihre Familiengeschichte zu reden.
Ich hoffe, es war nicht so schlimm, wie Sie im Vorfeld angenommen haben. Ich finde, es war ein sehr schönes Gespräch und auch eins, was neue Perspektiven geöffnet hat. Ich danke Ihnen ganz ehrlich und liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, ich verabschiede mich an dieser Stelle. Machen Sie es gut. Ja, tschüss.