
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)
Sudan - mit Roman Deckert, Hager Ali und Myriam Ahmed
Mittwoch, 14. Oktober 2026 · 39 min
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Shownotes
Mehr als 150.000 Tote, Millionen Menschen auf der Flucht: Der Krieg im Sudan seit 2023 hat katastrophale Folgen für die Zivilbevölkerung. Um Ursachen, Akteure und die Aussicht auf Frieden geht's in dieser Folge mit Roman Deckert, Hager Ali und Myriam Ahmed. Moderiert von Sarah Zerback.
Transkript (bpb.de/800812)
Interviewgäste:
• Roman Deckert, Wissenschaftler mit Schwerpunkt Horn von Afrika in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.
• Hager Ali, freie Journalistin und Doktorandin am GIGA Institut für Nahost-Studien mit Schwerpunkt Zivil-Militärische Beziehungen in Nahost und Nordafrika.
• Myriam Ahmed, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung, Nachwuchsgruppe „Radical Spaces“.
Audio-Zitate in der Folge:
• Der vergessene Krieg im Sudan: Geschichten vom Überleben (youtube.com/watch?v=UCLL8eoVDEc)
, DW Reporter, Deutsche Welle, 11.02.2024 (YouTube).
• Frauenbewegung im Sudan (youtube.com/watch?v=qhuZsiv-kSE)
, Weltspiegel, 30.4.2019 (YouTube).
• British Pathé, Independence Sudan (1956) (youtube.com/watch?v=d2hSCAmS), 13.4.2014 (YouTube).
Redaktion: Gina Enslin, Katrin Rönicke (beide hauseins), Julia Heinrich, Leontien Potthoff, Isabel Röder (alle bpb)
Lesetipps auf bpb.de:
• Roman Deckert, Zwischen Kolonialerbe und Elitenversagen. Eine kurze Geschichte des modernen Sudan, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33-34, 2026, bpb.de/580254.
• Gerrit Kurtz, Der Krieg im Sudan seit April 2023, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33-34, 2026, bpb.de/580253.
• Marcus Engler/Samuel Zewdie Hagos, Humanitäre Folgen des Krieges im Sudan, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33-34, 2026, bpb.de/580257.
• Hintergrund aktuell: Krieg im Sudan, Bundeszentrale für politische Bildung, 12.2.2026, bpb.de/547373.
• Manfred Öhm, Sudan, Dossier Kriege und Konflikte, Bundeszentrale für politische Bildung, 12.11.2024, bpb.de/54699.
• Safa Kheir Osman, Ein fragmentiertes Archiv. Die sudanesische Frauenbewegung zwischen Widerstand, Emanzipation und Krieg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33-34, 2026, bpb.de/580255.
• Marisa O. Ensor, Südsudanesische Frauen in Bewegung: ihre Rolle in Konflikten und in der Friedensförderung, Dossier Migration, Bundeszentrale für politische Bildung, 2.11.2019, bpb.de/317921.
• Fatin Abbas, Visionen für einen neuen Sudan. Literatur und Film seit der Dezemberrevolution, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 33-34, 2026, bpb.de/580258.
Zum Weiterhören: Szenario Blackout. Was wäre, wenn? Ein Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de/581468.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
*Musik*
Namarik Ismail Ich hieße Namarik Ismail.
Ich bin Krankenpflegerin. Ich bin vor dem Krieg in Khartum geflohen.
Sharia Jandan Ich heiße Sharia Jandan.
Ich war in Jetber(?), als wir überfallen und meine Kinder ermordet wurden.
Hane Hamuda Ich heiße Hane Hamuda.
Ich bin geflohen, nachdem ich meine beiden Kinder und ein Bein verloren habe.
Sarah Zerback Diese Frauen berichten in einer Reportage der Deutschen Welle
über ihre Erfahrungen während des Krieges im Sudan. Seit 2023 herrscht dort Krieg und der Sudan erlebt mittlerweile die größte humanitäre Katastrophe der Welt. Über 150.000 Menschen sind seit Kriegsbeginn getötet worden, Zwei Drittel der sudanesischen Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, Millionen wurden vertrieben.
In der internationalen Wahrnehmung ist der Krieg im Sudan trotzdem wenig präsent. Wie ist es zu diesem Krieg gekommen? Welche Folgen hat er für die Menschen im Land? Und wie sind die Aussichten für einen Frieden im Sudan? Darum geht es in dieser Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“. Und ich bin Sarah Zerback.
Der Historiker Roman Deckert erklärt, welche historischen Ursachen der Krieg im Sudan hat. Die Politikwissenschaftlerin Hager Ali beschreibt die aktuelle Situation im Sudan und unter welchen Umständen eine Konfliktlösung möglich sein könnte. Und die Friedens- und Konfliktforscherin Myriam Ahmed beleuchtet, wie es um die Frauenbewegung und die Zivilgesellschaft im Sudan steht.
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum „Sudan“ finden Sie auf bpb.de/apuz. Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript. Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes. *Musik*
Hager Ali Die Situation für die Menschen im Land ist für Außenstehende,
glaube ich, sehr schwer zu begreifen oder nachzuvollziehen. Es sind Rekorde des menschlichen Elends.
Sarah Zerback Das sagt die Politikwissenschaftlerin Hager Ali über die aktuelle Situation im Sudan.
Bevor wir uns genauer anschauen, woran das liegt und was dort eigentlich gerade passiert, fangen wir etwas weiter vorne an. Der Sudan liegt in Nordost-Afrika, südlich von Ägypten. Er ist ungefähr fünfmal so groß wie Deutschland. Etwa 53 Millionen Menschen leben dort. Die Hauptstadt des Landes ist Khartum.
Hier, in Khartum, begann im April 2023 der Krieg. So würde man es zumindest heute einordnen, sagt Hager Ali. Zu Beginn des Krieges war das gar nicht so einfach.
Hager Ali Für diesen Krieg selber gibt es relativ wenig Vorlagen oder Playbooks,
wenn man so möchte. Es ist ja oder hat zumindest nicht als ein klassischer Bürgerkrieg angefangen. Es gibt auch viele Sudanesinnen und Sudanesen, die jetzt auch immer noch sagen würden, das ist kein Bürgerkrieg per se. Der Ursprung war nämlich ein Machtkampf zwischen den sudanesischen Streitkräften, den SAF und den paramilitärischen Rapid Support Forces, der ausgelöst wurde durch eine Sicherheitssektorreform.
Sarah Zerback Milizen wie die Rapid Support Forces, kurz RSF,
sind ein wichtiger Teil der sudanesischen Machtstrukturen. Um das besser zu verstehen, muss man ein Stück in der sudanesischen Geschichte zurückschauen. *Trompetenfanfare* O-Ton British PAthé: The world has gained a new nation. The Sudan, for 58 years under the joint rule of Britain and Egypt, becomes an independent republic.
Sarah Zerback Die Wochenschau British Pathé aus dem Jahr 1956:
Damals, also vor 70 Jahren, wurde der Sudan unabhängig von der britisch-ägyptischen Kolonialherrschaft durch eine friedliche parlamentarische Abstimmung. Darauf folgten allerdings kaum friedliche Zeiten, stattdessen diverse Putsche, Putschversuche und zwei Bürgerkriege. Immer wieder gab es Aufstände gegen arabische Eliten, die die Arbeitskraft und Ressourcen vor allem im Süden des Landes ausbeuteten.
Im Kampf gegen diese Aufstände verbündete sich die sudanesische Regierung seit den 1980er Jahren mit diversen Milizen. Seit 1989 beherrschte der Diktator Umar al-Baschir den Sudan. 2011 wurde nach langen Konflikten zwischen Norden und Süden der Südsudan zu einem unabhängigen Land. Der Diktator al-Baschir schuf 2013 die Miliz RSF.
Baschir wurde 2019 durch Massenproteste gestürzt. Aber der Versuch, das Land zu demokratisieren, scheiterte. Stattdessen ergriff die sudanesische Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan mit einem weiteren Putsch 2021 die Macht im Land. Die RSF unter ihrem Führer Mohammed Hamdan Daglo - genannt „Hemeti“ - half dabei zuerst.
Die RSF allerdings langfristig in die sudanesische Armee einzugliedern, gelang nicht. Stattdessen brach 2023 der Krieg aus. *Musik* Viele Probleme, die diesen Krieg formen und verschärfen, gehen auf lange gewachsene Strukturen innerhalb der sudanesischen Gesellschaft zurück. Roman Deckert ist Historiker und beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit dem Sudan und Südsudan.
Mit ihm habe ich über die Geschichte des Sudans und die historischen Wurzeln des aktuellen Konflikts gesprochen. Ich habe ihn zuerst gefragt, woran es liegt, dass die Macht im Sudan nicht zentral angesiedelt, sondern zersplittert ist und sich vor allem in den Händen bewaffneter Gruppen befindet.
Roman Deckert Also der Sudan ist natürlich ein im Prinzip koloniales Gebilde.
Das sieht man schon beim Blick auf die Landkarte. Da sind teilweise Grenzen, gerade in Darfur, die über hunderte Kilometer mit dem Lineal gezogen sind, buchstäblich. Und wir hatten im . Jahrhundert die osmanische, ägyptische-osmanische Kolonialherrschaft über den Sudan, die die vorherigen staatlichen Strukturen dort zerrüttet hat und gerade durch den Sklavenhandel sehr viel Schaden angerichtet hat.
Und dann ist vor allen Dingen die britisch dominierte Kolonialherrschaft von 1899 bis 1955, wo die Briten gerade nach einem Aufstand oder einer Revolutionsbewegung Mitte der 20er Jahre sehr stark drauf gesetzt hat auf das Prinzip "teile und herrsche". Das kennt man auch aus anderen Ländern, wo die Briten Kolonialmacht waren.
Das heißt, man hat die Macht vor allen Dingen in der Armee und in der bürokratischen Elite an Gruppen, soziale Gruppen aus dem Kernland, aus dem Zentrum, dem Niltal nördlich von Khartum eigentlich gegeben. Also diese britische Politik des Teilen und Herrschens, die bestand eben auch darin, dass die britische Kolonialmacht den Südsudan lange Jahre hermetisch abgeschlossen hatte vom Nordsudan und auch nicht so recht wusste, was sie damit machen wollten.
Also es gab dort keine Entwicklung, nur ein paar Schulen, die Missionaren überlassen wurden, keine Infrastruktur, nichts. Also das heißt, der Südsudan war zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit total benachteiligt strukturell, konnte also überhaupt nicht mithalten und sich irgendwie repräsentiert sehen in der neuen Zentralregierung in Khartum.
Und da gab es, muss man schon auch sagen, so eine Art Rassismus, der verinnerlicht worden ist. Historisch hat sozusagen der britische Kolonialherr auf den ägyptischen Kolonialherrn herabgeschaut, der ägyptische Kolonialherr auf den Nordsudanesen, der Nordsudanese auf den Südsudanesen und stark vereinfacht, aber das alles in noch mehr Facetten natürlich.
Aber ja, es hat sich dann einfach weiterhin fortgesetzt eine Ideologie der arabischen Überlegenheit, des Versuches, den Südsudan zu arabisieren, zu islamisieren. Und dadurch wurden eben zwei blutige Rebellionen im Südsudan angeheizt, die bis zu drei Millionen Todesopfer gefordert haben über die Jahrzehnte.
Sarah Zerback Und worum geht es dabei außer um Macht?
Also welche Rolle spielen zum Beispiel Bodenschätze?
Roman Deckert Ja genau, also das ist sehr, sehr komplex.
Es gibt lokale, hyperlokale Ursachen. Dann eben auf der nationalen Ebene. Es gibt regionale Verwicklungen. Die Nachbarstaaten, die dort ihre eigenen Interessen verfolgen. Es gibt eine globale Dimension. Wenn man jetzt diese Komplexität so auf einen einfachen Nenner herunterkochen wollte, dann würde ich sagen, da kommt man auf den Begriff der Militarisierung des politischen Marktplatzes.
Das hat also einen britischer Forscher namens Alex de Waal geprägt. Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass ich mittlerweile im Sudan eigentlich nur noch Zugang zu Macht und Ressourcen bekomme, wenn ich eine bewaffnete Streitmacht hinter mir sammle. Und da geht es genau um den Zugang zu Bodenschätzen.
Früher war das mal Öl, das spielt jetzt keine so eine große Rolle mehr. Heutzutage ist es vor allem das Gold in Darfur, aber auch in anderen Teilen des Sudans. Gummi-Arabicum, ein ganz wichtiger Grundstoff für die weltweite Nahrungsmittelindustrie, und aber vor allen Dingen, was oft übersehen wird, auch Weideflächen, Zugang zu Wasser und Weideflächen, denn der Sudan war eigentlich immer traditionell der Brotkorb der gesamten Region, auch für die arabische Halbinsel.
Und da kommt einiges zusammen, also wo es um Verteidigungskämpfe geht. Auch der globale Klimawandel spielt da eine Rolle tatsächlich, dass also große Flächen verloren gegangen sind. Und ja, so geht es um Zugang zu Macht und Ressourcen. Und tatsächlich, ich würde aber auch noch behaupten, es ist also völlig offensichtlich, es geht auch sehr um Egos, um soziales Prestige.
Ich denke es offensichtlich, dass es auch um toxische Maskulinität geht bei den natürlich vor allen Dingen männlichen Eliten und das Patriarchat, was dort im Sudan immer noch sehr, sehr stark wirkt.
Sarah Zerback Das ist ja ganz bemerkenswert, was Sie gerade als militarisierten Marktplatz beschrieben haben.
Also wie erklären Sie sich, dass das Militär im Sudan so viel Einfluss eben auch auf die Politik hat? Vielleicht können Sie das noch mal ausführen.
Roman Deckert Ja, es gibt einen britischen Historiker, Peter Woodward, der hat das mal so bezeichnet,
also ein normaler Staat hat eine Armee und der Sudan ist aber kein Staat mit einer Armee, sondern es ist eine Armee mit einem Staat. Und das ist also historisch so gewachsen, der Sudan hält den traurigen Rekord der meisten Putsche und Putsch-Versuche in Afrika, also je nach Zählweise sind das bis zu .
Das heißt, die Armee ist eigentlich wie ein Krebsgeschwür seit der Unabhängigkeit und dem ersten Putsch . Und wenn man sich jetzt also diese Zahl der Putschversuche anguckt, dann ist natürlich klar, dass also jeder Machthaber genau weiß, dass er fürchten muss, selber von der Macht wieder weggeputscht zu werden und hat dann also versucht, jeweils einen starken Sicherheitsapparat, Sicherheit in Anführungszeichen, weil faktisch haben natürlich diese Sicherheitsapparate eher Unsicherheit verbreitet.
Also daraus sind zum Beispiel auch diese RSF-Milizen hervorgegangen. Omar al-Bashir hat die im Prinzip als seine eigene Praetorianer-Garde gegründet, oder zumindest befördert und wurde dann letztlich eben auch von ihr selbst gestürzt. Und ja, so ist es über die Jahrzehnte gekommen, inklusive natürlich des stetigen Zuflusses von Waffen, dass das Militär so stark geworden ist und eigentlich alle Rebellengruppen, die wir sehen, sind Abspaltungen von der Armee.
Sarah Zerback Und Deutschland wiederum war ja keine Kolonialmacht,
aber wiederum der erste Staat, der den Sudan als unabhängigen Staat anerkannt hat. Welche Rolle hat denn die Bundesrepublik Deutschland seitdem gespielt?
Roman Deckert Also dazu muss man ein Detail wissen, das ist auch wieder ein Zufall eigentlich des Timings,
also wirklich eine Koinzidenz. Und zwar wurde im Dezember 1955 in Bonn die sogenannte Hallstein-Doktrin erklärt. Und dabei ging es darum, die diplomatische Anerkennung der DDR in der sich zunehmend dekolonialisierenden Dritten Welt, was man damals als Dritte Welt bezeichnet hat, im globalen Süden zu verhindern.
Also man wollte verhindern in Bonn, dass die DDR internationale Legitimität bekommt. Und dazu hat man also so einen Ansatz aus Zuckerbrot und Peitsche gewählt. Und so kann man in den Akten der Bundesregierung nachlesen, wie also auch zum Beispiel Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister damals argumentiert hat, ja, wir müssen dort also ein Bollwerk aufbauen gegen östliche Einflüsse.
Und das hat man gemacht, indem man von bundesdeutscher Seite eigentlich das Wohlwollen der verschiedenen Regime in Khartum sich erkauft hat. Durch sehr große zivile Entwicklungshilfen, aber vor allen Dingen auch durch massive Militärhilfen. Man hat eine Munitionsfabrik aufgebaut, Großmengen an Waffen geliefert, moderne Waffen, ganze Fuhrparks an Militär-Lkw, Trainingsprogramm.
Man hat auch den sudanesischen Geheimdienst aufgebaut, die Polizei. Da waren an führender Stelle ehemalige SS-Offiziere tätig, die unter anderem für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben. Also da gibt es auch so ganz unselige Kontinuitätslinien, die sich eigentlich bis heute ja fortziehen. Tatsächlich ist das Internet voll mit Bildern von gerade RSF-Kämpfern, die also mit deutschen Heckler & Koch G3 Sturmgewehren ihren Krieg führen.
Und dieses Erbe besteht also bis heute fort. Und das, was ich gerade eben schon als Militarisierung des politischen Marktplatzes beschrieben habe, da hat eben die Bundesrepublik auch leider historisch eine ganz, ganz zentrale Rolle gespielt.
Sarah Zerback Und trotz dieser Gelder, die eben in den Sudan geflossen sind,
ist es ja wirtschaftlich gesehen so, dass die wiederkehrenden Kriege und Konflikte, dass die fatal waren. Und da fragt man sich natürlich, inwieweit hat das dazu geführt, dass eben auch politisch die Instabilität im Sudan gewachsen ist und der Sudan inzwischen zu den am höchsten verschuldeten und auch ärmsten Ländern der Welt gehört?
Roman Deckert Ja genau, also das wird oftmals übersehen, sozusagen „it’s the Economy, stupid.“
Da muss man immer wieder darauf hinweisen, weil oftmals sind die Erklärungsmuster, ja, das ist ethische Gewalt, das sind Stammeskriege. Also das verkleistert auch den Blick darauf, dass es vor allen Dingen, wie so oft auf der Welt und im Leben, wirtschaftliche Gründe hat, die ganz, ganz entscheidend sind.
Und da muss man also sehen, dass der Sudan eben sehr großes landwirtschaftliches Potenzial hat durch Bewässerungswirtschaft, durch das Nilwasser. Aber auch zum Beispiel in Darfur gab es reiche landwirtschaftliche Ressourcen. Und da hat man also in den 1970er Jahren sehr, sehr große Ambitionen gehabt, Großprojekte aufgesetzt.
Die haben auch durch Korruption gelitten. Aber es wäre jetzt auch zu einfach, alles so auf Korruption zu schieben. Also der springende Punkt ist eigentlich der, dass wir ja in den 70er Jahren mehrfach Ölpreisschocks hatten, wo Anfang der 70er Jahre der Ölpreis noch sehr, sehr niedrig war und dann am Ende des Jahrzehnts auf ein Vielfaches gestiegen ist.
Und da sind also all diese Entwicklungsprojekte, Großprojekte, gerade mechanisierte Landwirtschaft, also industrielle Landwirtschaft im Prinzip, die sehr stark auf den Einsatz von Öl angewiesen ist als Energiequelle, haben sich alle nicht mehr rentiert. Und die waren alle auf Pump finanziert, also von westlichen Gebern, aber gerade eben auch von Golfländern.
Also da kommt man im Prinzip auch auf die heutigen Verwicklungen mit der Golfregion, dass der Sudan dann Anfang der 80er Jahre im Prinzip bankrott war und seitdem bankrott geblieben ist, ausgeschlossen war von internationalen Finanzierungsmechanismen, was als einer der höchst verschuldeten Staaten der Welt gilt.
Und daraufhin haben die verschiedenen Regime eben darauf gesetzt, möglichst harte Devisen zu erwirtschaften, indem man auf Exporte von Vieh, von Agrarprodukten setzt, was man noch hat, was wiederum die Konflikte gerade in Darfur angeheizt hat, zusammen mit den Dürren infolge von globalem und lokalem Klimawandel, und dem stetigen Zustrom von Waffen war das also ein explosives Gemisch, was dann in Darfur Anfang der 2000er Jahre explodiert ist.
Und der Krieg, den wir heute sehen, der ist eigentlich ja letztlich aus Darfur rübergeschwappt auf den Rest des Landes und rührt also daher. Das heißt, dieser Krieg hat vor allem auch seine Wurzeln in dieser Verschuldungskrise und der Wirtschaftskrise, die also vor über 50 Jahren begann. Also da sind wir in den globalen Wirtschaftsstrukturen drin, die bei aller sudanesischen Eigenverantwortung eben, das muss man immer wieder betonen, da zu den Wurzeln des heutigen Krieges geführt haben.
Sarah Zerback Sie selbst sind ja immer wieder im Land unterwegs, waren zuletzt auch vor einigen Monaten vor Ort.
Worin sehen Sie denn trotz all dieses Trennenden auch Einendes in der Gesellschaft?
Roman Deckert Ja, also ich merke das immer wieder, wenn ich auf Konferenzen bin
und dann ist das, worum es geht, also wahnsinnig deprimierend. Und in dem Moment, wo dann meistens am Ende der Veranstaltung die Musik einsetzt, also sudanesische Musik, dann beginnt das Heilen. Also die Musik ist sicherlich sehr, sehr verbindend. Das zeigt also, dass eben bei allem Kulturkampf, bei dem Kampf um Identitäten, arabisch, afrikanisch, islamisch und so weiter, es doch sehr, sehr viel Verbindendes gibt.
Und ich habe das erlebt, als ich eben im April im Port Sudan war. Da bin ich dann an einem Abend ausgegangen und habe einen Konzertbesuch mit traditioneller sudanesischer Musik. Da waren zwei Drittel im Publikum Frauen, die Hälfte davon ohne Kopftuch und aus verschiedenen Teilen des Landes Ostsudan, Zentralsudan und alle brachte eigentlich diese Musik zusammen als ja eine Gemeinsamkeit und das gibt mir auch die Hoffnung, neben jetzt zum Beispiel auch diesen sogenannten Emergency Response Rooms, also sehr dezentralen, hyperlokalen, im Prinzip Nachbarschaftsvereinigungen, die also das Überleben gegenseitig organisieren, die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Medizin, Ausbildung und so weiter.
Diese große Solidarität, gerade in Zeiten von Not, das ist etwas, was mir so sehr große Hoffnung gibt für eine bessere Zukunft des Sudans.
Sarah Zerback Herr Deckert, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Roman Deckert Ich danke Ihnen.
*Musik*
Sarah Zerback Trotz dieses hoffnungsvollen Ausblicks: Der Krieg um die Herrschaft im Sudan geht weiter.
Politikwissenschaftlerin Hager Ali vom GIGA Institut Hamburg beobachtet das Kriegsgeschehen, das über die letzten drei Jahre immer unübersichtlicher geworden ist.
Hager Ali Man hatte zunächst in der ersten Etappe, so im ersten Kriegsjahr,
noch relativ klare Fronten zwischen den sudanesischen Streitkräften und den paramilitärischen Rapid Support Forces. Dann sind diese Fronten aber immer weiter zersplittert, weil der Krieg, auch der Kriegsschauplatz, die Musik woanders gespielt hat. Es ging nicht mehr die Übernahme von Khartum, es hatten sich Nebenschauplätze gebildet.
Und jetzt sind wir in einer Phase, wo die Ziele, das Endgame der Auseinandersetzung zwischen den Rapid Support Forces und dem sudanesischen Militär unklarer wird, schwieriger zu erreichen wird. Man hat sehr viele kleine Konfliktherde. Und vor allem hat sich auch die Art des Kampfes gewandelt. Es ist nicht mehr die klassische Bodenoffensive, sondern immer mehr Drohnen, immer mehr unterschiedliche Waffen, die benutzt werden in einem breiten Spektrum.
Parallel läuft die katastrophale humanitäre Situation weiter. Das ist die größte Vertreibungskrise der Welt und es ist schwer sich vorzustellen, was da noch mal eine weitere Eskalation sein könnte, außer Massaker, außer genozidale Kampagnen oder Genozide, wie teilweise schon befunden wurde.
Sarah Zerback Im Oktober 2025 verübten die RSF-Kämpfer in der Stadt Al-Faschir ein Massaker an Zivilistinnen und Zivilisten,
die in der Stadt eingeschlossen waren. Amnesty International berichtet von zahlreichen Hinrichtungen, von Vergewaltigungen und Misshandlungen. Es sind in diesem Konflikt Völkerrechtsverletzungen durch beide Kriegsparteien dokumentiert. Die Zivilbevölkerung leidet extrem unter dieser Gewalt.
Hager Ali Was ein besonders großes Problem ist gerade für Frauen und Mädchen,
ist die sexuelle Gewalt im Rahmen von Kampfhandlungen durch Kämpfende der Rapid Support Forces, deren Anhänger, die auf sozialen Medien sehr aktiv zur sexuellen Gewalt aufrufen, zur Vergewaltigung, auch diesen richtigen Anspruch auf Frauen verbreiten, immer wieder wenn sie in Territorien einfallen. Zur sexuellen Gewalt sollte man vielleicht noch erwähnen, dass Frauen natürlich auch von anderen Zivilisten dieser Gewalt ausgesetzt sind.
Also selbiges auch für Mädchen. Frauen sind bei Flucht und Migration, und das gibt es ja gerade sehr viel, immer einem erhöhten Risiko ausgesetzt des sexuellen Missbrauch, der sexuellen Nötigung.
Sarah Zerback Dazu kommen weitere Faktoren, die das Elend noch verstärken:
So gut wie jeder Bereich im Alltag der Zivilbevölkerung ist betroffen.
Hager Ali Man muss sich vorstellen, die kritische Infrastruktur im Land ist fast vollständig zusammengebrochen
und das bedeutet, man hat auch Probleme in der Wasseraufbereitung. Man hat Kriegsgerät, das herumliegt, Trümmer, die herumliegen. Es grassiert auch der Hunger gebietsweise. Wichtiger noch, vieles von diesen Hungersnöten, die wir auch sehen, gebietsweise im Sudan, ist zum einen dem Klimawandel oder der Klimakrise geschuldet, zum anderen aber auch dem Kampfgeschehen selber.
Wir hatten mit der Übernahme der Rapid Support Forces in Wad Madani zum Beispiel so ein Vorgehen, das sich Scorched Earth nennt, verbrannte Erde oder auch Ökozid fast schon, indem die Kämpfer der Rapid Support Forces gezielt die Umwelt in Angriff genommen haben. Man hat beobachten können, wie sie Ernten und Felder gerodet, niedergebrannt haben, Landwirte tatsächlich gezielt getötet haben, um die Zivilbevölkerung in ein totales Abhängigkeitsverhältnis zu drängen.
Und das kommt dazu schon zur ohnehin schon bestehenden Nahrungsmittelknappheit oder Unsicherheit, die es vor dem Krieg gegeben hat. Das ist ein Zustand, der nicht suspendiert wurde durch den Krieg, sondern noch mal um ein Vielfaches verschlimmert wurde.
Sarah Zerback Weil die Nahrungsmittel sehr knapp sind, sehen sich mittlerweile viele Zivilisten gezwungen,
sich entweder der Armee oder den Rapid Support Forces anzuschließen. Und das betrifft sogar Kinder, sagt Hager Ali.
Hager Ali Weil man ja nicht nur auf Waffen und Munition angewiesen ist,
sondern auch auf Kämpfende, auf Personal. Und da ist es bei den Rapid Support Forces vor allem so, dass man auch zunehmend Kinder rekrutiert. Das heißt, man bezieht immer mehr Zivilistinnen und Zivilisten ein in die Kampfhandlungen, aber es ist nicht wirklich nachhaltig, es ist nichts, das so wirklich zu großen "Fortschritten" geführt hat, zu großen taktischen oder strategischen Erfolgen.
Weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Sondern eher dazu geführt hat, dass die Kriegsdynamiken einfach verwässert werden und dass man jetzt in so einem Kriegszustand festgefahren ist, aus dem man nicht wirklich rauskommt, weil sich auch die Anzeichen häufen auf beiden Seiten, dass weder die sudanesischen Streitkräfte oder das sudanesische Militär, noch die Rapid Support Forces so wirklich in der Lage sind, das Geschehen noch zu kontrollieren.
Und man auch immer wieder festgestellt hat bei der Verhandlung, Feuerpausen, humanitäre Korridore und mehr, dass die zentralen Kommandos der beiden gar nicht mehr so wirklich garantieren können, dass sie gewisse Befehle auch so top down so wirklich durchsetzen können. *Musik*
Sarah Zerback Die Zivilbevölkerung im Sudan leidet massiv unter dem derzeitigen Krieg, das hat Hager Ali beschrieben.
Gleichzeitig sind in der Zivilgesellschaft auch Strukturen entstanden, die Nothilfe organisieren und unter schwierigsten Bedingungen ein Zusammenleben ermöglichen, Wie sich die sudanesische Zivilgesellschaft organisiert, damit beschäftigt sich auch Myriam Ahmed. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin.
Dort forscht sie zur Revolution im Sudan und untersucht dabei auch die Protestbewegung und die Zivilgesellschaft. Ein wichtiger Moment für die Zivilgesellschaft war die sogenannte Dezemberrevolution, die 2019 zum Sturz des Diktators Umar al-Baschir führte. Sie begann 2018 mit Protesten gegen die hohen Lebensmittelpreise.
So wurde 2019 in der Sendung Weltspiegel über die Proteste und die Rolle der sudanesischen Frauen berichtet. *Protestrufe*
O-Ton Weltspiegel Rifka gibt den Ton an, wie so oft.
Wir brennen von innen, kennen keine Angst, skandiert die 18-Jährige an der Spitze eines Protestmarschs junger Männer. Die Revolution macht Schluss mit Rollenklischees im Sudan. Frauen gehen raus, kämpfen an vorderster Front und setzen sich ehrgeizige Ziele.
Sarah Zerback Die Frauenbewegung spielte damals für die Proteste und den Sturz von Umar al-Baschirs Diktatur eine wichtige Rolle.
Das scheint durch den aktuellen Krieg schon wieder in weite Ferne gerückt zu sein. Aber es gibt gute Beispiele für Strukturen, die aus den Protesten weitergetragen wurden: die Emergency Response Rooms zum Beispiel. Selbstorganisierte humanitäre Hilfsangebote, die lokal von der Zivilbevölkerung organisiert werden.
Myriam Ahmed Also bei den Emergency Response Rooms ist es tatsächlich so,
dass die eigentlich gewachsen sind aus einer Struktur, die es während der Revolution gab und tatsächlich auch schon vor der Revolution. Und zwar waren das hauptsächlich diese Resistance Committees, also Widerstandskomitees, die während der Revolution in den Straßen mobilisiert haben und organisiert haben.
Es wurden wie so dieselben Netzwerke aktiviert, um auf den Krieg reagieren zu können oder halt eben diese humanitäre Hilfe und auch Fluchtwege organisieren zu können. Die Widerstandskomitees bestehen aber immer noch. Die sind zivilgesellschaftlich getragen, oft auch von sehr jungen SudanesInnen. Also es sind nicht unbedingt nur Frauen.
Aber ihren Prinzipien zu folgen ist es sehr wichtig, dass es ein gleichberechtigter und eher flache Hierarchie allgemein gibt in diesen Strukturen. Aber dadurch, dass eben auch während des Kriegs diese sexualisierte Gewalt so groß wurde, gibt es eben innerhalb dieser Emergency Response Rooms diese Frauenbüros oder Verantwortliche für diese Themen oder es gibt dann halt auch Women's Emergency Rooms, die halt von Frauen getragen werden.
Die machen medizinische Versorgung für Vergewaltigungsopfer, stellen aber auch zum Beispiel Gesundheitsgüter bereit.
Sarah Zerback Myriam Ahmed sagt, von den Effekten und Strukturen,
die sich während der Proteste gebildet haben, ist noch mehr geblieben. Zum Beispiel ein Gefühl von sozialem Zusammenhalt.
Myriam Ahmed Also mir wurde in Interviews zum Beispiel oft gesagt,
dass man halt während der Revolution auch endlich mal die Chance hatte, überhaupt mehr über den Sudan zu lernen. Also im Sinne von auch über andere Teile der Gesellschaft, über andere Regionen im Sudan, die man vielleicht selber nicht kennt. Und ich glaube, davon ist auf jeden Fall sehr viel geblieben.
Gleichzeitig ist es natürlich so, dass dieser soziale Zusammenhalt und auch so dieser Zusammenhalt durch die Massenproteste, die die Menschen vereint hat, dass der natürlich jetzt sehr stark bedroht ist. Es ist auch so, dass natürlich jetzt, wo der Krieg auch schon länger dauert, auch zivile Menschen zu den Waffen greifen.
Also das ist schon etwas, was sich verändert und ich glaube, das ist natürlich auch immer ein größeres Risiko dann für diesen sozialen Zusammenhalt. Und es wird auch oft argumentiert, dass dieser Krieg wie so eine Counterrevolution funktioniert. Also eigentlich auch als Ziel unter anderem hat, diese Revolution sozusagen rückgängig zu machen und die politische Macht auf jeden Fall nicht der zivilen Bevölkerung zu überlassen.
Sarah Zerback In den Protesten, die zur Revolution im Sudan führten,
ging es auch darum, sich gegen patriarchale Strukturen zu wehren. Besonders Frauen sind dafür auf die Straße gegangen und so als zivilgesellschaftliche Akteurinnen sichtbarer geworden. Myriam Ahmed betont aber, dass Frauen im aktuellen Geschehen im Sudan sehr unterschiedliche Positionen einnehmen.
Myriam Ahmed Ich finde es wichtig, auch zu sehen, dass halt Frauen in jedem Konflikt,
aber genauso auch im Sudan, halt in verschiedenen Rollen vertreten sind. Also einerseits natürlich in den Widerstandsbewegungen oder sie mobilisieren und organisieren humanitäre Hilfe. Natürlich auch als Opfer von Gewalt, verschiedenen Gewaltformen, unter anderem sexualisierte Gewalt, aber halt auch als Teil der Konfliktparteien.
Also sowohl in den Sudanese Armed Forces gibt es Frauen, aber auch bei den Rapid Support Forces sind Frauen und es gibt mittlerweile auch Frauen, die eben zu Waffen greifen, auch in einer Form von Verteidigung gegen diese militarisierten Gruppen.
Sarah Zerback Wenn man nun nach einer Möglichkeit sucht, diesen vielschichtigen Konflikt zu lösen,
dann muss auch diese Lösung vielschichtig sein, meint Myriam Ahmed.
Myriam Ahmed Es braucht Friedensförderung auf verschiedenen Ebenen.
Auf der nationalen Ebene, auf der lokalen Ebene, aber tatsächlich auch auf der internationalen Ebene. Also es muss auf jeden Fall auch Druck ausgeübt werden auf Drittstaaten, die involviert sind. Ein Beispiel, das man immer kennt, sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die die Rapid Support Forces unterstützen.
Es gibt natürlich auch schon viele Bemühungen, die Hauptkonfliktparteien an einen Tisch zu bringen und da Verhandlungen zu führen und natürlich gibt es ganz viele tatsächlich lokale Bemühungen, die im Sudan stattfinden oder halt von der Diaspora gestützt werden oder teilweise auch von NGOs, wo es darum geht ebenso soziale Kohäsion irgendwie aufrecht zu erhalten und das auch aufzubauen für den Fall, dass irgendwann mal ein Friedensabkommen zu Trage kommen würde.
Was die Rollen der Frauen hier anbelangt, ist es natürlich immer wichtig, Frauen an diesen Prozessen teilhaben zu lassen. Und das heißt nicht nur, dass sie halt daran teilnehmen, aber dass sie das auch mitgestalten. Ich glaube, das ist sehr wichtig. *Musik*
Sarah Zerback Auch die Politikwissenschaftlerin Hager Ali sagt:
Den Krieg im Sudan zu beenden und den Weg für einen nachhaltigen Frieden zu ebnen, dieses Ziel liegt derzeit noch in weiter Ferne.
Hager Ali Das ist zerfasert, es ist ein Flickenteppich, es ist sehr schwierig und festgefahren.
Und da muss man bei so den ersten Prognosen, wie lange denn so ein Konflikt noch dauern könnte, grundsätzlich sehr realistisch sein, dass man hier von einem Zeithorizont von vielleicht noch mal fünf Jahren sprechen muss als jetzt vom nächsten Jahr, um überhaupt etwas lösen zu können. Denn da beginnt schon die nächste Herausforderung.
Es geht nämlich gerade bei der Mediation nicht nur den aktuellen Kriegszustand, sondern auch um sehr viele Defizite in der vorherigen Governance des Landes, die uns jetzt auf die Füße fallen und die auch irgendwie mit berücksichtigt werden müssen in dem Prozess.
Sarah Zerback Einerseits die Zersplitterung des Krieges an so viele Schauplätze
mit vielen beteiligten Akteuren steht in krassem Gegensatz dazu, wie die Macht in der Hauptstadt Khartum bisher konzentriert war.
Hager Ali Eben dadurch, dass mit dem Zerfall der zentralen Regierung regionale Kriegsherde entstanden sind,
mit einer ganz anderen Konstellation von ethnischen, religiösen Gruppierungen, Kämpfen, Kampfstandorten, die man jetzt über diesen Zugang, den man wählen würde, nämlich über die zentrale Regierung, gar nicht mehr erreichen kann. Das heißt, wenn man versuchen wollen würde, etwas daran zu lösen, muss man diese Vergangenheit von gescheiterter Governance, von gescheiterter Dezentralisierung im Sudan direkt mit berücksichtigen.
Sarah Zerback Außerdem glaubt Hager Ali nicht,
dass man vom sudanesischen Militär oder den RSF noch verlässliche Sicherheitsgarantien bekommen kann. Verhandlungen werden also schwierig. Parallel dazu muss besonders die humanitäre Krise möglichst schnell angegangen werden.
Hager Ali Das braucht vor allem auch mehr als nur Geld.
Es braucht, selbst wenn man beispielsweise rein hypothetisch alles an humanitären Gütern aufbringen könnte und finanzieren könnte, hat man jetzt die große logistische Herausforderung, dass man sie gar nicht über die Frontlinien bringen kann tatsächlich im Sudan. Dass man jetzt beispielsweise mit der Blockade des Hormus einkalkulieren muss, dass Düngemittel auch im Sudan knapp werden kann, da der Sudan sie aus dem persischen Golf bezieht.
Und deswegen dann das, was man noch anbauen könnte im Sudan, um gerade diese Nahrungsmittelknappheit zu bekämpfen, dass auch das in den nächsten Jahren ein großes Problem wird.
Sarah Zerback An jedem Problem scheint also direkt wieder ein weiteres zu hängen.
Um die internationale Gemeinschaft stärker für die Unterstützung des Sudans zu gewinnen, haben seit Kriegsbeginn bereits drei sogenannte Sudan-Konferenzen stattgefunden. Zuletzt im vergangenen April in Berlin. Mehr als 1,5 Milliarden Euro an Hilfsgeldern für die sudanesische Bevölkerung wurden dort vereinbart.
Hager Ali sagt trotzdem Aktuell richten internationale Akteure wenig Hilfreiches aus.
Hager Ali Und da ist eine Geberkonferenz wie jetzt die letzte Konferenz in Berlin
leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und auch ein Tropfen, der dem aktuellen Kriegsgeschehen um Monate, vielleicht sogar Jahre hinterherhängt, weil es da wirklich eher darauf ankommt, langfristig engagiert zu bleiben und auch in mehr zu investieren als nur in die humanitäre Hilfe. Es geht ja auch beispielsweise in der medizinischen Versorgung darum, vor allem genderbasierte Gewalt, wie sie im Sudan ja vor allem grassiert, adäquat zu adressieren.
Und das ist etwas, was noch nicht in dem Maße passiert, wie es sollte, weil die Priorität ja erst mal ist auf die quasi absoluten Grundbedürfnisse. Und ja, es ist wie gesagt in dieser Vertreibungskrise, wir sprechen hier von mehreren Millionen, also auch eine Krise, die immer schlimmer wird, immer akuter wird, auch wo man quasi die tickende Zeitbombe des Klimawandels hat mit der Regensaison, in der Infrastruktur weiterhin zerstört wird, in der Wasser benötigt wird, mit den extremen Temperaturen, die mit jedem Jahr schlimmer werden, je länger diese Krise vor sich hin schwelt.
Deswegen ist es gar nicht so leicht, einen Anfangspunkt quasi zu finden, aber das, was benötigt wird, ist langfristiges Commitment. Und danach sieht es gerade in unserer Politik nicht so aus.
Sarah Zerback Unterstützung durch die internationale Community ist wichtig.
Und die hätte der Sudan schon vor Beginn des Krieges gebrauchen können.
Hager Ali Schon vor Kriegsstart gab es enorme Defizite in allen Sektoren,
von Bildung bis zur Gesundheit, zur Daseinsvorsorge. Da genügt auch nur ein Blick quasi auf Satellitenbilder, um zu sehen, wie allein die infrastrukturelle Lage vor dem Krieg gewesen ist. Da sind wie gesagt historische Versäumnisse, politische Versäumnisse, die einem jetzt auf die Füße fallen zusätzlich zur durch den Krieg unmittelbar verursachten humanitären Lage.
Und dazu wird es definitiv alles an externen Unterstützungen brauchen, die man kriegen kann.
Sarah Zerback Was wir also mitnehmen können
1. Der Krieg im Sudan ist nicht nur ein Machtkampf zwischen der Armee und den Rapid Support Forces, mittlerweile sind die Fronten über das ganze Land verteilt, und an den Kämpfen sind zahlreiche Milizen beteiligt. 2. Um die Konfliktursachen zu verstehen, muss man weit zurückblicken Koloniale Strukturen und eine ungerechte Machtverteilung, die jahrzehntelange Militarisierung und Bewaffnung des Landes haben die Konflikte befeuert.
3. Der Krieg hat zur größten humanitäre Katastrophe der Welt geführt. Von Hunger, Vertreibungen und sexualisierter Gewalt sind Frauen besonders betroffen. Trotzdem finden einige die Kraft, sich solidarisch zu organisieren. Eine mögliche Bearbeitung des Konflikts müsste solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten mit einbeziehen.
*Musik* Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“. In der APuZ-Ausgabe mit dem Titel „Sudan“ können Sie noch mehr zum Thema lesen. Den Link dazu finden Sie in den Shownotes. Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast. Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de. Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.
*Musik* Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.
Redaktion für diese Folge Gina Enslin, Julia Heinrich, Leontien Potthoff und Isabel Röder.
Produktion Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.
Am Mikrofon war Sarah Zerback. Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.