Blindflug – Wein-Podcast· Folge 190

Blindflug 190: Drei Schnitte für ein Halleluja

Freitag, 18. September 2026 · 1 h 05

MP3

Shownotes

Wir reden über die Krise des Winzerhandwerks, die Vielleichtkrise von Wiesbaden und den Zusammenhang zwischen Preisen und Qualitätsmaßnahmen. Wir trinken Chardonnay und Pinot aus Deutschland, die noch als Geheimtipps durchgehen.

Es gibt viel zu loben an den Weinen, die dieses Jahr in Wiesbaden auf dem Tisch standen. Die Veranstaltung hat trotzdem ihren Zenith überschritten. Das ist symptomatisch für eine Branche in der Dauerkrise. Wenigstens zaubert uns der Inhalt unserer schwarzen Gläser ein Lächeln auf die Lippen.

Steitz gibt Gas

i0.wp.com/www.schnutentunker.de/wp-content/upl…

Flo schenkt Felix den Chardonnay Alte Reben 2024 von Steitz aus Rheinhessen ein. Was für ein schöner Wein, was für ein Schnäppchen! Felix hat zunächst Sorgen, aber alles, was ihn beunruhigt, verzieht sich, sobald der sehr kalt eingeschenkte Wein die richtige Temperatur erreicht. Feinheit, vielschichtiges Holz – der Wein vermittelt eine Idee und der junge Winzer hat sie fast perfekt auf die Flasche gebracht. Den Mann sollte man im Auge behalten.

Ein Großer aus Bürgstadt

i0.wp.com/www.schnutentunker.de/wp-content/upl…

Felix hat den aktuellen Sieger-Rotwein von Best of Franken im Gepäck. Der Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022 vom Weingut Josef Walter ist auch in der Qualitätspyramide dieses Nicht-VDPisten mit einer Ersten Lage gleichzusetzen. Und dafür (und für den schmalen Preis) ist der Wein eine Sensation. Die Aromatik ist nicht 100 Prozent typisch mit einer Johannisbeerfrucht und Seeluft in der Nase, aber immer noch so nah am Ideal, dass Flo den Wein als Spätburgunder erkennt. Das macht irre viel Spaß und sei von Herzen empfohlen.

Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.

Hier geht es zur Episodenübersicht. (schnutentunker.de/blindflug)

Wenn Du diesen Podcast und Felix‘ weitere Arbeit unterstützen willst, werde Mitglied der Community bei Steady (steadyhq.com/de/schnutentunker/about).

Blindflug gibt es auch auf Spotify…

‚Alexa, spiele Blindflug Weinpodcast‘ und ihr hört uns über Amazon.

Und natürlich gibt es uns auch auf YouTube. (youtube.com/channel/UCDhDQrzozfLSQ6YwBMAiW-Q)

Anbei die Zusammenfassung des Transskripts. Da die Transskriptionssoftware fehler machen kann, dies Bitte nur zur raschen Auffindung von ungefähren Inhalten oder zur Navigation nutzen.

Wein 1 wird eingeschenkt & Wetter/Jahrgang 2025 ( – )

Nach dem Würfeln bekommt Felix von Flo blind einen Wein: Chardonnay „Alte Reben“ 2024 vom Weingut Steitz aus Rheinhessen (Steinbockenheim, bei Siefersheim). Daran hängt ein langes Gespräch über den extremen Hitzesommer 2025: Der meteorologische Sommer war deutschlandweit der zweitwärmste nach 2003 (in Berlin selbst eher durchwachsen). In der Pfalz „40 Tage am Stück über 30 Grad“ wie 2003; Flo konnte dort nur um 5 Uhr morgens Rad fahren. In Franken (Steigerwald, bei Castell) sah es aus wie in der Toskana – alles außer den Reben vertrocknet, samt Sorge um Tiere. In Frankreich noch krasser: Die Hospices de Beaune lasen ihren Meursault Premier Cru schon am 18. August (dunkelgelber Most, drohende ~15 % Alkohol, aber noch grüne Rappen); Benoît Ente war bei den weißen Sorten schon um den 12. August fertig. Kernfrage: „Nichts ersetzt Hängezeit“ – was bedeutet das für Turbosommer? In der Champagne wird es wegen zu alkoholreicher Basisweine eine Rekordmenge an Coteaux Champenois (Stillweine) geben. Fachliche Überlegung: In so einem Hitzejahr könnten sich die Reifezeitpunkte der Rebsorten stark angenähert haben; beim Riesling (Aromabildung v. a. nach der Weichwerdung) wirkt sich die Verkürzung anders aus als bei anderen Sorten. Man werde erst in einigen Jahren sehen, ob die aromatische Substanz die Struktur puffert.

Exkurs: Der Winzer-Nachwuchs bricht ein ( – )

Flo hat in einem Biergarten in Berlin-Friedenau (Südgelände) einen frisch ausgelernten Winzer getroffen, der die Lehre parallel zu einer American-Football-Karriere gemacht hat und nun Winzer werden will. Das führt zu alarmierenden Zahlen: 2024 legten nur 228 Gesellen-/Meisterprüfungen ab, 2025 begannen nur 210 die Winzerausbildung in ganz Deutschland – gegenüber ~1.000 vor zehn Jahren, also ein Einbruch um rund 75–80 % (Geisenheim-Studienzahlen sind mit ~160–170 Anfängern stabiler, aber nicht vergleichbar). Das schafft massive Probleme: Mittelbetriebe finden kaum noch Leute, die z. B. Schlepper fahren, konkurrieren mit den großen Gütern um die wenigen Kräfte, und Familien müssen 50 % mehr arbeiten. Felix vermutet ein kommendes Handwerks-Revival, gerade weil KI viele Studienberufe stärker treffe als handwerkliche (eine KI fahre keinen Schlepper; Roboter in der Steillage seien zu teuer und kaum genehmigungsfähig). Flo bringt einen politischen Haken: Angesichts der aktuellen Lage sei es fraglich, ob man ausländische Auszubildende gut für den ländlichen Raum gewinnen könne, wo sie teils nicht willkommen seien – dabei sei Winzer ein tolles, weltoffenes Berufsbild. Felix ergänzt, dass moderne Weingüter zunehmend im Team arbeiten und Aufgaben sinnvoll aufteilen (Kaufmann/Keller/Außenbetrieb), oft ohne Erbteilung in Harmonie geführt.

Verkostung Wein 1 (Steitz) & Auflösung ( – )

Felix‘ „Reise“: zunächst flach, mit einem vermeintlichen Cremetörtchen-Ton (den er als BSA-Verdacht deutet und hasst) – der sich beim Erwärmen komplett auflöst. Er stellt ausdrücklich fest: null BSA-Spuren, absolut sauber. Mit Luft wird der Wein immer nobler: leicht rauchige Holz- und Würzaromatik, feine Vanille, reifer Apfel/Birne, unaufdringlich (nicht so „poliert“ wie das meiste, was er zuletzt im Glas hatte), hinten eine feine, leicht pfeffrige, schmirgelnde Note, lebendige Säure. Tipp: Weißburgunder, warme Region (Baden), Jahrgang 2024, evtl. zwei Jahre im Holz. Auflösung: Chardonnayvom Weingut Steitz (Steinbockenheim/Rheinhessen, unter Siefersheim) – „Alte Reben“ für 17 Euro, gemacht vom Junior, der das Gut seit drei Jahren im Betrieb hat. Felix ordnet ihn einordnungstechnisch „zwischen Baum und Borke“ ein (Kategorie 1 vom Preis, aber als Kategorie 2 gemeint) – kein Makel, sondern typisch für Weine im Grenzbereich der Qualitätsstufen. Beide finden ihn für 17 Euro sehr gelungen.

Wein 2 wird eingeschenkt & neue Podcast-Idee: Speisenempfehlung ( – )

Blind: Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022, Weingut Josef Walter (Franken). Aus der (noch laufenden) Hörer-Umfrage stammt die Anregung, künftig zu jedem Wein eine Speisenempfehlung zu geben – eine kleine Änderung, die vielen gefallen dürfte (Desinteressierte können 30 Sekunden vorspulen). Zum Steitz-Chardonnay überlegen beide: Felix hält ihn für zu würzig/pfeffrig für klassische Forelle und zu wenig fleischig fürs Wiener Schnitzel; er passe eher zu einer deftigen Brotzeit (inkl. Leberwurst) oder zu gegrilltem Fisch (Dorade mit Thymian, Ofenkartoffeln). Flo hatte ihn zu gefüllter Zucchini (Kartoffel, Chili, Zwiebel, Knoblauch, Tomate, überbackener Schafskäse) – auch etwas Asiatisches könnte passen.

Wiesbaden (GG-Vorpremiere): „Die Luft ist raus“ ( – )

Felix‘ kritischer Rückblick auf die diesjährige VDP-GG-Vorpremiere in Wiesbaden: 83 Weine weniger, ~25 Güter ausgestiegen, kaum Neuzugänge – am Ende nur 110 von rund 190 GG-fähigen Betrieben. Gründe waren unterschiedlich: Paul Weltner blieb aus Protest weg (der Sonntag, an dem außer Riesling alles verkostet wurde, wurde abgeschafft – seitdem gibt es an jedem Tag Riesling, was Grauburgunder, Lemberger, Silvaner benachteiligt und die Franken schwächt). Uli Allendorf nannte den ökonomischen Grund: Es kämen mehr volle Flaschen zurück als hingeschickt. Felix rechnet die Kosten vor – ~1.000 Euro Sockelbetrag pro Betrieb (25 fehlende Güter = 25.000 Euro Budgetloch), plus ~100–150 Euro pro Wein; effektiv probierten am Ende teils nur ~40 Leute einen Wein. Besonders getroffen: der Rheingau (Kloster Eberbach, Künstler u. a. blieben weg). Zwei Betriebe kehrten nach …

0:00 / 0:00