
Kriegsfirma im Emsland: Frankreich nutzt Deutschland für Atomgeschäft mit Russland aus | Sebastian Stier (WNISR)
Sonntag, 26. Juli 2026 · 14 min
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Shownotes
Mit Hängen und Würgen einigt sich die EU am Donnerstag auf neue Russland-Sanktionen (redaktionsportal.netrtl.com/Rp2/search-details…). Doch einen Bereich klammert die Staatengemeinschaft nach wie vor aus: die russische Atomindustrie. Das nutzt Frankreich aus. Im Emsland darf ein französisches Unternehmen ab sofort mit mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechern (kyivindependent.com/russias-rosatom-complicit-…) Brennelemente fertigen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat somit eine neue Einnahmequelle für die angeschlagene russische Kriegskasse.
Gast? Sebastian Stier. Der Physiker und promovierte Informatiker hat viele Jahre für Siemens gearbeitet, ehe er die Seiten wechselte und als Patentanwalt einer Münchner Kanzlei Erfinder und Unternehmen vor dem Europäischen Patentamt vertrat. Seit seinem Ruhestand zeichnet Stier für den Weltnuklearbericht (WNISR (worldnuclearreport.org/World-Nuclear-Industry-…)) die Verflechtungen des französischen Atomkonzerns Framatome mit dem russischen Atomkonzern Rosatom in Lingen nach.
Moderation? Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
Moderation: Clara Pfeffer (n-tv.de/incoming/Clara-Pfeffer-article22772720…) und Christian Herrmann (n-tv.de/autoren/Christian-Herrmann-article2158…)
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Hallo liebe Hörerinnen und Hörer, willkommen zurück im Klimalabor von NTV. Dieses Mal wieder mit einer Folge aus unserer Reihe Kurz und Knapp. Und zwar zum Emsland, genau gesagt zur Brennelementefabrik in Lingen. Dort darf ein französisches Unternehmen, nämlich ab sofort gemeinsam mit mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechern, Brennelemente fertigen.
Das hat das niedersächsische Umweltministerium diese Woche genehmigt. De facto hatte das Ministerium aber kein Mitspracherecht. Es sieht aber so aus, als wollte die Bundesregierung keinen Streit mit der französischen Regierung beginnen. Denn für Frankreich ist die Atomindustrie Staatsangelegenheit. Das Problem ist, jetzt dürfen russische Staatsbürger, die wahrscheinlich eher auf die europäischen Sanktionslisten gehören, im Emsland offiziell in einem Bereich von Europas kritischer Infrastruktur mitarbeiten.
Darum geht es jetzt im Klimalabor von NTV, heute wieder kurz und knapp am Sonntag. Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, dann schreibt uns gerne eine E-Mail an klimalabor.ntv.de und wenn ihr den Podcast unterstützen möchtet, freuen wir uns sehr, wenn ihr das Klimalabor bei Apple Podcasts oder Spotify bewertet oder anderen Leuten davon erzählt.
Dankeschön und einen schönen Sonntag. Ich bin Christian Herrmann und wünsche euch jetzt ganz viel Spaß im Klimalabor. Wladimir Putin hat eine neue Einnahmequelle für die angeschlagene russische Kriegskasse gefunden. Im Emsland. Frankreich sei Dank. Das niedersächsische Umweltministerium hat einem französischen Kernkraftunternehmen erlaubt, in Lingen sowjetische Brennelemente herzustellen, trotz Protesten.
Denn Russland ist an dem Projekt beteiligt. Ich halte es in diesen Zeiten politisch für fatal, mit Russland zu kooperieren. Putin macht das ja nicht, weil er uns unterstützen möchte, sondern er macht es, um Abhängigkeiten zu schaffen, gerade im sensiblen Atomsektor. Das war der niedersächsische Umweltminister Christian Mayer von den Grünen.
Auch er lehnt das Projekt ab, das hat er vor wenigen Wochen im NDR erklärt. Aber warum hat er es dann genehmigt? In Lingen werden bereits seit 1979 Brennelemente hergestellt. Betreiber der Fabrik ist die Advanced Nuclear Fuels GmbH, kurz ANF. Das ist die Kernbrennstoffsparte des französischen Unternehmens Framatom.
Fram Atom baute Atomkraftwerke, genauer gesagt Reaktoren und Turbinen und gehört zum staatlichen französischen Energiekonzern EDF. Die wichtigsten Kunden der Brennelementefabrik in Lingen waren bis zur Atomkatastrophe von Fukushima vor 15 Jahren die deutschen Atomkraftwerke. Durch den deutschen Atomausstieg sind die allerdings weggebrochen.
Ersatz haben ANF und Fram Atom im Ausland gesucht. Die meisten Brennstäbe aus Lingen verkaufen sie inzwischen an Atomkraftwerke in Belgien, Schweden und Finnland. Auch die französische Flotte gehört zu den Kunden. Finanziell ist die Situation jedoch angespannt geblieben. Die neuen Kunden konnten die deutschen Atomkraftwerke nicht ersetzen, sagen die Grünen.
Demnach war die Fabrik in Lingen in den vergangenen Jahren teilweise nur zu 23 Prozent ausgelastet. Es mussten zusätzliche Abnehmer für die Brennstäbe her. 2018 haben ANF und Framatom deshalb Kernkraftwerke in Osteuropa und Finnland in den Blick genommen, die vor vielen Jahren von der Sowjetunion gebaut wurden.
Darin allerdings befinden sich Reaktoren, die Brennelemente mit einem speziellen sechseckigen Design benötigen, also einem anderen als westliche Reaktoren. Diese Brennstäbe werden bisher nur in Russland hergestellt. Insofern ist der französische Plan eine gute Idee. Künftig müssen Bulgarien, Finnen, Tschechen und Slowaken für ihre alten sowjetischen Atomkraftwerke keine Brennelemente mehr von Putin direkt kaufen.
Sie können sich an Lingen wenden. Doch für ANF und das Werk im Emsland ist die Fertigung der sechseckigen Brennelemente Neuland. Sie hinken dem Zeitplan hinterher. Eigentlich hätten sie die ersten Brennstäbe sowjetischer Bauart bereits 2024 an Tschechien und Ende 2025 an Bulgarien liefern sollen. Die Slowakei und Ungarn haben Lieferverträge für die Zeit ab 2027.
Um die Produktion in Schwung zu bringen, hat ANF deshalb den bisherigen Hersteller um Unterstützung gebeten. Der heißt TVEL und ist die Brennstofftochter des staatlichen russischen Atomkonzerns Rossatom. Das Unternehmen stellt die Maschinen, die Software und auch das Know-how für die neue Fertigung in Lingen bereit.
Schon seit zwei Jahren helfen Mitarbeiter von TVEL dabei, die Anlagen in Lingen aufzubauen und ANF-Mitarbeiter darin auszubilden, in einem alten Möbellager, um die strengen Sicherheitsregeln der Brennelementefabrik zu umgehen. Die Zusammenarbeit hält nicht nur der niedersächsische Umweltminister Christian Mayer für eine schlechte Idee, sondern auch Sebastian Stier.
Wegen der Beteiligung von Rossatomen am russischen Angriff auf die Ukraine zum Beispiel und auch wegen möglicher Spionage und Sabotage der TVEL-Mitarbeiter im Bereich kritischer Infrastruktur. Also grundsätzlich muss man ja sagen, dass solche Anlagen ja Hochsicherheitsbereiche sind. Da ist Stacheltat drumherum und da kann nicht jeder einfach rein.
Da gibt es genaue Auflagen. Die Mitarbeiter müssen überprüft werden. Die müssen vielen Anforderungen genügen. Und jetzt will man auf einmal Mitarbeitern einer russischen Firma, die da auch in feindliche Handlungen, Sie haben Saporisch hier erwähnt. Verwickelt ist, denen den Zugang zu gewähren. Das ist natürlich ein bisschen eine merkwürdige Situation.
Was da konkret an Gefahrenpotenzial ist, da kann man sich natürlich viel ausmalen. Sebastian Stier ist Physiker und promovierter Informatiker. Er hat viele Jahre für Siemens und danach als Patentanwalt gearbeitet. Seit seinem Ruhestand fasst er die Verflechtungen von Pharmatom und Rossatom in Lingen für den jährlichen Bericht über den Zustand der weltweiten Atomindustrie zusammen.
Doch seine Meinung ist für das Genehmigungsverfahren in Lingen genauso unwichtig wie die Meinung von Christian Mayer. Das niedersächsische Umweltministerium hatte nämlich kein Mitspracherecht. Es durfte den Antrag von ANF und Framatom nur auf Grundlage des deutschen Atomgesetzes bewerten, sprich, ein Veto war nur möglich, wenn in Lingen gegen Bestimmungen wie zum Strahlenschutz verstoßen wird.
Das ist aber unwahrscheinlich, weil dort ja seit vielen Jahren Brennelemente bereits hergestellt werden. Aus Gründen der nationalen Sicherheit, also um sich zum Beispiel vor Sabotage oder Spionage zu schützen, kann nur die Bundesregierung ein Veto einlegen. Die jedoch möchte offenbar keinen Streit mit der französischen Regierung riskieren.
Im Welt-Nuklearbericht 2024 steht unter Berufung auf gut informierte Regierungsquellen. Das Kanzleramt möchte in einem Bereich von geringer strategischer Bedeutung nichts unternehmen, was Frankreich als Stolperstein betrachten könnte. Die offensichtlichen Sicherheitsbedenken versucht die Politik mit strengen Auflagen zu entkräften.
In einem 149 Seiten langen Bericht zur Genehmigung des französisch-russischen Atomprojekts im Emzland erklärt das niedersächsische Umweltministerium, wie Spionage und Sabotage durch mögliche russische Kriegsverbrecher verhindert werden sollen. Mitarbeiter von TVEL und Rossatom dürfen das Werksgelände in Lingen grundsätzlich nicht betreten.
Die russischen Maschinen und die russische Software, mit der sie betrieben werden, müssen extern überprüft werden. Die Anlagen dürfen nicht mit anderen IT-Systemen in der Fabrik vernetzt werden. Aus Russland gelieferte Brennstäbe müssen vor der Weiterverarbeitung in Lingen auf Manipulation überprüft werden.
Gibt es Verstöße, können diese zum Entzug der Genehmigung führen. Doch die Vorgaben sind widersprüchlich, denn nur wenige Sätze später räumt das niedersächsische Umweltministerium ANF einen Ausweg an. Wenn das Unternehmen ein Konzept zur Risikominimierung vorlegt, dürfen TVEL-Mitarbeiter die Fabrik doch betreten.
Voraussetzung ist, dass sie vorher vom Ministerium auf ihre Zuverlässigkeit überprüft wurden. Außerdem müssen sie während ihres Aufenthalts unter Aufsicht von zwei geschulten ANF-Mitarbeitern stehen. Sebastian Stier überrascht das nicht. Das sind eben ganz andere Brennelemente, die jetzt hergestellt werden müssen mit speziellen Maschinen.
Und die Mitarbeiter von ANF haben eben keinerlei Erfahrung in der Herstellung. Dieser Brennelemente. Und sie haben zwar wohl in einem Schulungsverfahren schon gelernt, wie man außerhalb der Fabrik, wie man mit diesen Maschinen arbeitet. Aber jetzt, Situationen sind doch denkbar, in denen die Mitarbeiter von ANF da überfordert sind.
Denn man muss sich vorstellen, man stellt zum ersten Mal solche Brennelemente her, die sehr strikten Anforderungen genügen müssen, alle Qualitätsanforderungen. Und Anforderungen der zukünftigen Abnehmer, die haben sehr genaue Regulierungen. Und jetzt treten irgendwelche Probleme auf. Da werden irgendwelche Grenzwerte nicht eingehalten. Irgendetwas stimmt nicht so ganz.
Und die Mitarbeiter haben dort eben gar nicht die Erfahrung. Was man in einer Problemsituation machen kann. Ich kann mir also sehr lebendig vorstellen, dass man da auf Probleme stößt, wo man dann auf das Know-how und die jahrzehntelange Erfahrung von TVL-Mitarbeitern zurückgreifen muss, um diese Probleme zu lösen.
Die Grünen haben im vergangenen Dezember versucht, das französisch-russische Projekt im Bundestag zu stoppen. Union und SPD haben den Antrag aber zusammen mit der AfD abgelehnt. Die deutsche Politik fügt sich französischen Wirtschaftsinteressen. Denn für die französische Atomindustrie ist Rossatom seit vielen Jahren ein enger und wichtiger Partner.
Der russische Angriff auf die Ukraine hin oder her. Sebastian Stier sagt, es gibt keine Anzeichen dafür, dass die französisch-russische Atomzusammenarbeit so bald enden könnte. Zum Beispiel ist Ende vergangenen Jahres in der Nähe der ukrainischen Grenze das neue russische Atomkraftwerk Kursk in Betrieb gegangen.
Dafür hat Framatom noch nach Kriegsbeginn die Reaktorsicherheitssysteme geliefert. Wahrscheinlich waren Framatom-Mitarbeiter auch vor Ort, um sie zu installieren. Das ist kein Einzelfall. Das Grammatom wird auch für das neue PAX-Kernkraftwerk in Ungarn, dessen Bau im Februar begonnen wurde, wird ebenfalls diese Reaktorsicherheitstechnik liefern.
Frankreich wird auch die Arabell-Dampfturbine, das ist auch eine entscheidende Komponente für ein Kernkraftwerk, die wird auch aus Frankreich geliefert. Und also da gibt es bisher keine Zeichen, dass man diese Zusammenarbeit irgendwie beendet. Da gibt es ja Zusammenarbeit sowohl in der Türkei, in Akuyu als auch in Ägypten.
Auch dort werden diese Arabel-Dampfturbinen geliefert. Und wenn Rosatom neue Ausschreibungen im Ausland gewinnt, ist auch schon damit zu rechnen, dass weiterhin französische Technik damit eingebaut wird. Wie eng die Zusammenarbeit von Framatom und Rosatom ist, wird klar, wenn man weiß, dass es eine Alternative zur französisch-russischen Partnerschaft in Lingen gebe.
Framatom könnte nämlich auch mit Westinghouse kooperieren. Das ist ein amerikanisch-kanadischer Atomkonzern. Westinghouse möchte wie Framatom sowjetische Atomkraftwerke in Finnland und Osteuropa als Brennstoffkunden gewinnen. Anders als Framatom hat Westinghouse sogar schon ein eigenes Design für die sechseckigen Brennelemente entwickelt, die mit sowjetischen Reaktoren kompatibel sind.
Aber Fram Atom sieht in Westinghouse offenbar anders als in Rossatom und TVEL, er einen Konkurrenten als seinen Partner. Der Sieger der französischen Atomgeschäfte heißt Wladimir Putin. Er verdient in Zukunft Geld mit Brennelementen made in Germany. Der Verlierer ist Deutschland. Mitarbeiter von Rossatom sind am Krieg gegen die Ukraine beteiligt und gehören eigentlich auf die europäische Sanktionsliste.
Stattdessen dürfen sie in Zukunft im Emsland bei der Versorgung von Europas kritischer Energieinfrastruktur mithelfen. Deutschland lässt sich ausnutzen, um Frankreich das Atomgeschäft nicht malig zu machen.