
heute journal - der Podcast· Folge 90
Wut auf den Straßen: Europas Jugend protestiert. Mit Nina-Kathrin Wienkoop und Lilli Berthold
Donnerstag, 22. Oktober 2026 · 40 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
In vielen Ländern Europas gehen gerade junge Menschen auf die Straße. In Frankreich, Italien oder Griechenland führen vor allem Schüler und Studierende die Proteste an. Sie wollen mehr Geld für Bildung oder kämpfen gegen hohe Mieten und steigende Preise. Meistens bleibt es dabei friedlich, mancherorts kommt es aber auch zu Gewalt und Plünderungen. Jetzt planen auch in Deutschland junge Menschen einen Protesttag. Polizei und Sicherheitsbehörden beobachten die Lage aufmerksam.
Christoph Wiesel-Lancé und Christian Sievers fragen in dieser Folge, was hinter der Wut der jungen Generation steckt und was die Proteste in Europa miteinander verbindet. Sie sprechen darüber, welche Rolle die Gewalt spielt – und wie groß die Bewegung bei uns in Deutschland werden könnte.
Mit dabei sind die Protestforscherin Nina-Kathrin Wienkoop vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin und Lilli Berthold von der Bundesschüler*innenkonferenz.
Außerdem geht es um einen grinsenden Totenkopf mit Strohhut: Die Piratenflagge aus dem Manga „One Piece“ ist inzwischen weltweit zum Erkennungsszeichen der Gen-Z-Proteste geworden.
Anmerkung der Redaktion: Gianni Matheja ist nach der Aufzeichnung aus dem Organisationsteam von „Gen Z regelt“ ausgetreten.
heute journal - der Podcast – in der ZDF heute App, im Web und auf Youtube.
Lasst gern eine Bewertung da und abonniert unseren Podcast.
Wir freuen uns über Fragen, Kritik oder Themenvorschläge an: heutejournal-podcast@zdf.de
Team:
CvD (ZDF): Erik Illenseer
Host: Christoph Wiesel-Lancé
Mod: Christian Sievers
Autorin: Esther Stephan
Redaktion: Alina Bähr
Factchecking: Julia Maas, Charles Harding
Redaktion Pool Artists: Julia Illmer, Nicklas Stellhorn
Kamera: Manfred Peiter
Ton: Nicolas Keller
Weitere Links zum Thema:
zdfheute.de: Europaweite Schüler- und Studentenproteste (zdfheute.de/video/heute-nachrichten/europaweit…)
zdfheute.de: Proteste in Europa: Woher kommt die Wut? (zdfheute.de/video/zdfheute-live/proteste-frank…)
zdfheute.de: Polizeigewerkschaft: Deutschland gegen Krawalle gewappnet (zdfheute.de/politik/deutschland/polizei-gewerk…)
zdfheute.de: Wie die Krise Frankreich politisch spaltet (zdfheute.de/politik/ausland/frankreich-ausschr…)
spiegel.de: Warum die Generation Z bei Demos jetzt weltweit eine Strohhut-Piratenflagge schwenkt (spiegel.de/kultur/literatur/one-piece-flagge-w…)
zdf.de: Am Puls: Welt in Dauerkrise: Was gibt uns Sicherheit? (zdf.de/video/reportagen/am-puls-100/puls-sieve…)
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
In etlichen Ländern Europas tragen junge Menschen gerade ihre Wut auf die Straße. Ob in Frankreich, Italien oder Griechenland, vor allem Schüler und Studierende führen die Proteste an für bessere Bildung oder gegen hohe Lebenshaltungskosten. Und während die Demos in den meisten Fällen friedlich verlaufen, kommt es mancherorts zu Gewalt und Chaos. Jetzt ist auch in Deutschland ein Protesttag angekündigt.
Was steckt hinter der Wut der jungen Generation? Was verbindet die Proteste und wie groß könnten sie bei uns in Deutschland werden? Darüber sprechen wir diese Woche mit Nina-Kathrin Wienkob vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung Berlin. Sie lehrt und forscht unter anderem zu den Themen Demokratie, Jugend und gesellschaftlicher Zusammenhalt und hat ihren ersten Schulabschluss in Frankreich gemacht. Hallo Frau Wienkob. Hallo.
Außerdem dabei Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschüler-Innenkonferenz und seit kurzem Studentin in Leipzig. Grüße auch an Sie. Hi. Und hier im Studio ist wieder Christian Sievers, Moderator des Heute-Journals. Hi Christian. Grüß dich. Und ich bin Christoph Wiesel-Lancé, Vertreterin dieser Woche Helene.
Es ist Donnerstag, der 22. Oktober, kurz vor 14 Uhr. Schön, dass ihr alle dabei seid. Die Szenen aus Frankreich gingen am Wochenende um die Welt. Mehr als eine halbe Million Menschen demonstrieren landesweit. Schüler und Studierende, die mehr Geld für das Bildungssystem fordern, aber auch viele andere, bei denen sich Frust angestaut hat über die Politik der Regierung.
Dann kapern Krawallmacher zum Beispiel in Paris, den Protest zünden Autos und Geschäfte an. Tausende werden festgenommen. Christian, du warst am Wochenende selbst in Paris. Was ein Zufall. Privat hast die Proteste miterlebt. Da wollen wir heute beginnen. Wie hast du das erlebt? Ja, das ist so, wie wenn man als Touri plötzlich in eine ganz neue Situation reingeschmissen wird und natürlich auch so ein bisschen naiv durch die Stadt stolpert und spürt, was da gerade los ist.
Und es waren ganz viele Welten, die ich bis heute ehrlich gesagt noch nicht so richtig in meinem Kopf unter ein Dach gekriegt habe. Ich sage erstmal, die Übergeordnete war natürlich, ist Paris eine riesige Stadt und es gab immer noch Gegenden, in denen ganz normal die Leute im Straßencafé saßen Und manche haben auch irgendwie ihren Champagner geschlürft und zwei Straßen weiter brannten aber bereits die Barrikaden.
Das war so dieser eine Gegensatz. Und der andere war, und das hat man quasi den gesamten Tag über erlebt, erst eine unglaublich große Menge von friedlichen Demonstrierenden, also da war wirklich alles dabei, vom Kleinkind bis zum, Opi und der Omi, mit Plakaten, mit Forderungen, mit ganz konkreten Anliegen.
Aber ich muss sagen, schon da merkte man zwei Dinge. Erstens, ähm, Es mischten sich schon, ganz zum Anfang waren immer auch Leute dabei, da hat man gespürt und ich bin jetzt kein Protestforscher, das hören wir ja gleich noch aus berufenem Munde, aber man hat schon als einfach nur, dabei sein, da drauf gucken, da gespürt, dass da Leute auch drunter gemischt waren, denen es ganz klar nicht um die Zukunft des französischen Bildungssystems ging, die also vermummt waren, die Werkzeuge dabei hatten.
Die sie wohl aus anderen Gründen dabei hatten, als um zu protestieren. Das war die eine Geschichte, wo man echt gedacht hat, was passiert da noch? Und die zweite Sache, die mir total auffiel, weil ich es aus Deutschland total anders kenne, das ist die Tatsache, dass man ganz wenig Polizei am Anfang gesehen hat. Also bei manchen Demonstrationszügen gar keine Polizei.
Die Demonstrierenden mussten teilweise den Verkehr selbst absperren. Also es war nicht mal jemand da, der gesagt hätte, Entschuldigung, hier sind gerade ein paar tausend Leute auf der Straße, könnt ihr bitte aufhören Auto zu fahren, sondern das haben die dann selbst gemacht. Also da habe ich mich total gewundert, weil ich kenne Demonstrationszüge in Deutschland so, dass die zumindest von einem Polizeiaufgebot am Anfang gleich gesichert werden und die waren überhaupt nicht zu sehen.
Und dann ging es relativ schnell los, dass das umschlug und dass diese, du hast es vorhin, glaube ich, ganz schön gesagt, nämlich gekapert wurden, die friedlichen Demonstranten, diese Züge, durch Menschen, die als erstes diese E-Scooter angesteckt haben. Überall in Paris brannten E-Scooter. Das sind ja diese Elektro-Scooter, die man mieten kann, die auch diese Batterien haben, die gehen los wie Zonder, und die brannten so krass, dass sie sich mit dem Asphalt vermischt haben und, es war alles voller Glas auf den Straßen, weil die Bushaltestellen eingeschmissen wurden, die Schaufensterscheiben eingeschmissen wurden und dann je länger der Abend und die Nacht wurde, desto häufiger.
Begab man sich in diese Gefahr, dass man einmal falsch abgebogen ist und plötzlich kam einem so eine Horde Schwarzgekleideter entgegen, die die Dinge unterm Arm hatten, die sie ganz offensichtlich gerade geklaut hatten und, Und was einem auch entgegenkam, war eine Horde schwarz gekleideter Motorradfahrer, wo ich erst totale Angst bekommen hatte, weil ich dachte, was ist denn das jetzt?
Und dann stellte sich heraus, dass die Polizei, die war nur als solche nicht zu erkennen. Also es war ein, ja, ich muss echt sagen, total aufwühlender Tag und aufwühlende Nacht in Paris, wie ich sie so noch nie erlebt habe. Als Tourist vielleicht nicht unbedingt erwartet. Richtig. Frau Winkopf, wir wollen das nochmal ein bisschen sortieren.
Begonnen hat das ja alles in Frankreich vor einigen Wochen als Protestbewegung von Schülern für bessere Lernbedingungen. Inzwischen beteiligen sich ja tatsächlich ganz unterschiedliche Gruppen. Wer kommt denn da überhaupt zusammen? Ja genau, also wie gerade schon angesprochen, ursprünglich waren es ja inhäret wirklich Bildungsfragen. Also auch finde ich erstmal auch vielleicht schön anzuerkennen, junge Menschen, die sagen, hier wir möchten, dass ihr in unsere Bildung investiert.
Hier fehlt etwas. Wir möchten andere gute Lernräume. Wir möchten andere Arten von Bildung. Also ich finde, da wurde erstmal deutlich, es ging ja vor allem von SchülerInnen und Studierenden aus, die natürlich sich auch gut organisieren können, weil sie räumlich immer zusammenkommen. Das finde ich nochmal ganz spannend, sich das auch klar zu machen.
Die kommen in Schulen und Universitäten zusammen, die können sich dadurch auch gut eben mobilisieren. Sehr früh tatsächlich sind LehrerInnen ja auch dazugekommen, haben sich ja auch teilweise schützend vor Protestierenden gestellt, auch zum Schutz von Wasserwerfern zum Beispiel. Da gab es einiges sehen.
Dann aber auch tatsächlich die Gewerkschaften. Und das ist in Frankreich gar nicht unüblich. Frankreich hat auch ein generell anderes Streikrecht und sich auch selbst anders verstehende Gewerkschaften, die sich deutlich stärker als politische Akteure verstehen. Und es gibt eben das Individualstreikrecht in Frankreich. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland.
Wo wir sicher noch darauf zu sprechen kommen werden. Aber da ganz klar, diese Akteure waren sehr schnell dabei, würde ich sagen. Und was wir jetzt aber sehen, was Sie eben schon angesprochen haben, sind jetzt noch mal andere Personengruppen, die ich auch noch mal unterscheiden würde. Also einmal organisiertere Gruppen, die bewusst auch ...
Hier auch ein Unmut gegenüber dem Staat äußern, in dem sie staatliche Gebäude angreifen. Und auf der anderen Seite eben diese Plünderung, die sie eben auch beschrieben haben. Und da wirklich auch jetzt eine Gelegenheit entstanden ist, die auch auf Social Media immer weiter verbreitet wird. Das sieht man ja auch.
Und dadurch auch das Gefühl entsteht, ich möchte da vielleicht auch dabei sein. Und da aber auch hinzugucken, wer wurde da eigentlich festgenommen und was sind das für Personengruppen? Und da hören wir ja aktuell, das sind vor allem viele Erwachsene, über 70 Prozent wohl der Festgenommenen, was Plünderung angeht, Erwachsene und tatsächlich in der Dominanz auch Männer.
Und da vielleicht auch eine Frage, was sind da eigentlich noch für gesellschaftspolitische Fragen hinter, dass Menschen dann so auch in diesem Moment zur Plünderung greifen und da vielleicht auch drauf aufspringen. Auf diese Eskalation werden wir später auch nochmal zu sprechen kommen. Vielleicht vorher Frau Berthold, für dieses Wochenende sind ja wieder Proteste in Frankreich angekündigt.
Sie haben sich ja auch als BundesschülerInnenkonferenz mit den Demos dieser jungen Franzosen, der Schüler, der Studierenden solidarisiert. Warum bewegt Sie das denn überhaupt, was da bei uns im Nachbarland in Frankreich passiert? Ja genau, also SchülerInnenproteste beschäftigen uns ja auch als sozusagen Gewerkschaft der SchülerInnen, die wir als BundesschülerInnenkonferenz letztendlich ja irgendwo sind, schon seit Jahren.
Und gerade in Frankreich ist es nun mal so, dass die Situation unter den jungen Leuten einfach viel prekärer ist als die in Deutschland. Es ist so, dass gerade soziale Spaltung und soziale Herkunft eine viel größere Rolle spielen als unter deutschen SchülerInnen teilweise. Die Zustände aber auch in den Schulen deutlich schlechter sind, gerade was den Schulbau oder aber auch die Fachkräfteorganisation angeht.
Da sind die Ressourcen deutlich schlechter verteilt und auch ganz anders organisiert als bei uns in Deutschland beispielsweise. Und zu sehen, dass junge Menschen irgendwie diese Initiative ergreifen und sagen, wir wollen dafür laut werden, dass wir hier gerade unter super schlechter Bildungsqualität irgendwo leiden, dass unsere Zukunft ja auf dem Spiel steht, hat uns auch hier in Deutschland bewegt.
Denn wir versuchen genau das, was in Frankreich jetzt für so viel Aufmerksamkeit sorgt und was in Frankreich ja auch irgendwo Hebel bewegt, versuchen wir in Deutschland ja schon seit Jahren, aber bei uns hat es einfach einen total anderen Wirkungsgrad. Das bedeutet nicht, dass wir gerne davon profitieren würden, wie gewaltvoll Proteste in Frankreich stattfinden.
Das bedeutet aber trotzdem, dass es so zu sein scheint, dass in Frankreich, irgendwie die Lobby der jungen Leute viel, viel breiter aufgestellt ist, dass sie sehr, sehr viel schneller Mehrheiten organisiert werden können für teilweise auch einen guten Zweck letztendlich. Und wir uns deswegen dafür aussprechen wollen, dass sowas auch in Deutschland möglich ist, dass auch die Lobby der jungen Leute in Deutschland irgendwie eine Rolle spielen kann und dass wir da auch genauso viele politische Hebel letztendlich bewegen könnten und wollen deswegen so diese Solidaritätsbekundung auch nach Frankreich aussprechen.
Ganz kurz, wenn ich da reinhaken darf, Sie haben von Wirkungsgrad gerade gesprochen, der in Frankreich höher sei als in Deutschland. Wie meinen Sie das? Also was konkret fehlt Ihnen am deutschen Wirkungsgrad? Genau, also was ich mit Wirkungsgrad meine, ist eindeutig, dass ja auch das französische Bildungssystem nicht so föderal organisiert ist wie in Deutschland, sodass man dort auch die Möglichkeit hat, mit einem bundesweiten Protest tatsächlich auch.
Sozusagen direkt Forderungen umsetzen zu lassen, dass man da sich an eine zentrale Stelle auch wenden kann. Wenn wir in Deutschland, sage ich mal, in Berlin noch mal eine große Schülerorganisation oder irgendwie noch mal einen Protest organisieren, dann interessiert das die Leute in München einfach überhaupt nicht, weil da funktioniert es einfach komplett anders.
Und da kann man überhaupt nicht so sich gemeinsam für eine Sache irgendwie einstellen, weil man kommt dann in die politische Debatte einfach so nicht rein. Aber ist das gut oder schlecht jetzt? Weil ich meine, vielleicht ist es ja auch gut, dass es verschiedene Arten von Bildungssystemen gibt und in manchen Ländern es einfach besser läuft als in anderen.
Genau, also föderalistische Strukturen sind an sich nicht das Problem dahinter. Ich glaube, das hat auch sehr viele Vorteile, was unsere Organisation an Schulen betrifft. Aber direkte Maßnahmen umzusetzen wird schwerer, wenn man die Gemeinschaft der jungen Leute nochmal auf verschiedene Regionen aufteilt, weil so einfach die Mehrheiten viel, viel geringer werden.
Also wenn ich jetzt zum Beispiel in Berlin es schaffe, irgendwie die jungen Leute auf den Straßen zu organisieren, dann habe ich diese Bewegung in Bayern einfach überhaupt nicht. Also dann habe ich da nicht diesen Wumms, der dahinter steckt und da komme ich dann auch als... Als junge Menschen viel, viel schwerer in dem politischen Diskurs.
Und das ist das, was in Frankreich sozusagen. Demokratische Beteiligung, sag ich mal, was natürlich jetzt unter gewaltsamen Protesten man nicht auf eine Ebene stellen kann, aber wo zumindest der Anknüpfungspunkt einfach viel eher da ist, wo man einfach den Kontakt viel schneller herstellt, wo man sehr viel schneller auch in die Debatte reinschaut, das funktioniert dort viel besser.
Jetzt haben wir schon ein bisschen über Frankreich gesprochen, ist ja auch aktuell so der Brennpunkt, das Epizentrum quasi dieser Protestwelle, aber auch anderswo in Europa, das ist ja auch interessant, gehen junge Menschen auf die Straße, teils aus ähnlichen, manchmal auch aus anderen Beweggründen. Und da wollen wir uns mal einen Überblick verschaffen mit Gundula Gause.
Gundula erklärt's. In Italien haben am Wochenende nach Angaben der Veranstalter mehr als 400.000 junge Menschen protestiert. Ihre Themen marode Schulen, hohe Rüstungsausgaben, steigende Preise und dazu noch ein Dekret der Regierung Meloni, mit dem sie den Anteil von Migranten in Schulklassen begrenzen will.
In Belgien haben Anfang Oktober zwischen 30.000 und 50.000 Menschen in Brüssel für bessere Schulen und gegen steigende Ausbildungskosten protestiert. In Österreich, vor allem in Wien, gehen in den vergangenen Tagen immer wieder tausende Menschen gegen drohende Kürzungen bei Universitäten auf die Straße.
In Portugal haben am Wochenende in Lissabon tausende für höhere Löhne und Renten sowie bezahlbare Wohnungen demonstriert. Und im Nachbarland Spanien geht es auch ums Wohnen und explodierende Mieten. Die Proteste entbrannten, nachdem eine 87-jährige Frau ihre Wohnung verloren hatte. In Griechenland kämpfen seit vergangener Woche Studierende vor dem Parlament in Athen.
Sie protestieren gegen hohe Mieten und fehlende Wohnheimplätze. Außerdem geht es um mehr Geld für Bildung. In Albanien haben Studierende zunächst gegen teure Unis und fehlende Berufsaussichten protestiert. Inzwischen haben sie sich einer Bewegung gegen Korruption angeschlossen und fordern den Rücktritt von Regierungschef Rama.
Frau Wienkob, gerade kommen also viele Proteste zusammen in Europa. Was verbindet die denn überhaupt miteinander? Ist das schon so eine Art europäische Jugendbewegung, die wir da sehen? Das ist vielleicht ein bisschen früh zu urteilen, ob das jetzt eine gemeinsame Bewegung ist. Ich finde aber, was wir ganz klar sehen, auch eben in der Zusammenfassung gehört haben, das sind ja inhärent soziale Fragen, die wir hier als Gesellschaft uns jetzt auch stellen sollten.
Fragen nach Wohlfahrtsstaatlichkeit, Fragen aber auch ganz klar nach Generationsgerechtigkeit, nach Zukunftsperspektiven und tatsächlich auch nach fehlenden hoffnungsvollen Zukunftsaussichten. Also ich finde da vielleicht uns auch das nochmal sehr bewusst klarzumachen, Wir haben ja junge Menschen, die einen demokratischen Staat erlebt haben in der Pandemie, in der sehr autoritär dort gehandelt hat.
Wurde ja auch viel diskutiert, wie legitim war, was. Und wo es ganz klar immer darum ging, die älteren Menschen zu schützen. Und jetzt geht es bei diesen Sparmaßnahmen wieder ja darum zu sagen, okay, die Rentenkassen und so weiter, wir brauchen das wieder als Gesellschaft. Das heißt, immer wieder hören junge Menschen, okay, es muss ganz viel gekürzt werden. Ihr müsst hier solidarisch sein, anderen Generationen gegenüber.
Aber zeitgleich bieten wir ihnen keine hoffnungsvollen Zukunftsaussichten, sondern ganz im Gegenteil die Perspektive auf weitere sozioökonomische Kürzungen, Schwierigkeiten. Wir haben es eben gehört, gerade wirklich mit dem essentiellsten, also Lebensunterhaltungskosten und Wohnen als die großen Themen und auch Themen wie Folgen des Klimawandels oder eben auch Aussichten in Bezug auf Kriegsdienste.
Ja, also insofern würde ich sagen, gibt es hier ganz viele gemeinsame Nenner und ich finde aber auch für uns wirklich als Gesellschaft inhärent soziale und sozialstaatliche Fragen, die wir uns demokratisch unbedingt stellen müssen. Ganz kurz das Wort Kriegsdienst haben Sie jetzt verwendet. Ich würde vielleicht Wehrdienst sagen wollen. Ich weiß, was Sie meinen, aber wir haben ja in Deutschland keinen Kriegsdienst aktuell.
Genau, aber ich habe das vielleicht auch genauso gesagt, weil die Wahrnehmung natürlich ist, dass es eben auch, das ist ein großer Unterschied, glaube ich, dass es eben diese Zeiten sind, wo es eben auch in Kriegssituationen kommt. Also ich erlebe das auch selbst an der Hochschule hier ganz viel und wir erleben das ja bei vielen Protesten in Bezug auf Wehrpflicht, eben wirklich eine Angst davor, selber davon betroffen zu sein.
Und diese Zukunftsaussicht, dass diese Sicherheit vielleicht auch, mit der einige noch mehr aufgewachsen sind oder dem Gefühl von, dass es eben möglich ist, wirklich das Leben auch in friedlichen Zeiten zu verbringen, das hat sich deutlich verändert. Und wie gesagt auch das Aufstiegsversprechen, was immer inhärent auch in unseren Gesellschaften war, was sich jetzt so auch nicht mehr erfüllt.
Also das zeigt sich ja auch statistisch, das ist nicht nur ein Gefühl, sondern das sehen wir ganz klar. Und da hat sich ganz doll etwas verändert und das ist glaube ich wichtig auch klar wahrzunehmen. Und dann vielleicht noch ein Satz dazu, auch eben zu dem Punkt, wie wir Gehör finden oder wie junge Menschen Gehör finden in unserer Gesellschaft.
Wir sind ja auch Gesellschaften, die immer älter werden. Das ist auch einfach statistisch, sind junge Menschen in der Minderheit. Das fühlen Menschen auch durchgängig. Ich glaube, das kann man sich manchmal vielleicht selbst gar nicht so vorstellen, was das heißt. Und da zu sehen, dass das auch eine zunehmende Herausforderung ist, sich dennoch repräsentiert zu fühlen und die Interessen eben zu artikulieren, wie das eben auch Frau Berthold gesagt hat.
Also wo kommen junge Menschen wie vor bei uns und welche Zukunft bieten wir ihnen auch politisch? Jetzt ist das eine natürlich der Blick in die Zukunft, das andere ist das ganz Konkrete, das haben Sie auch schon angesprochen. Also Wirtschaftslage, Inflation, steigende Mieten, das trifft natürlich auch gerade junge Menschen besonders hart, die zum Beispiel noch keine Gelegenheit hatten, jetzt einen finanziellen Puffer aufzubauen.
Frau Berthold, wie ist Ihr Gefühl denn? Geht es der Jugend heute tatsächlich schlechter als früher? Also dazu brauche ich gar kein Gefühl haben. Das kann man eindeutig in Zahlen ablesen. Beispielsweise das Deutsche Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung oder auch die Strandstudie Jugend, die alle zwei Jahre beziehungsweise jedes Jahr veröffentlicht werden, zeigen eindeutig, dass die mentale und die psychische Gesundheit junger Menschen einfach radikal verschlechtert ist seit Corona.
Es gibt 21 Prozent junge Leute, die sagen, dass sie tatsächlich psychische Auffälligkeiten haben, die also wirklich pathologische Krankheiten auch mit sich konsequent haben könnten. Es gibt 37 Prozent der jungen Menschen, die jeden Tag Angst vor möglichen Krisen oder globalen Kriegen haben. Es sind 40 Prozent der jungen Menschen, die inzwischen sagen, dass sie einsam sind. Und es sind einfach Zahlen, die...
Die sprechen für sich. Da brauche ich nicht irgendwie noch schauen, wie nehme ich das in meinem Umfeld wahr, sondern das ist einfach, das ist ein europaweiter Trend und der zeigt sich in Deutschland eben auch besonders in den Schulen. Genau wie Frau Wienkopf schon gesagt hat, das ist einfach ein Vorteil, dass sich junge Menschen jeden Tag in der Schule versammeln.
So haben wir nämlich da auch einfach ein ganz klares Meinungsbild. Wenn ich sehe, wie viele junge Menschen inzwischen regelmäßig dem Unterricht fernbleiben, wenn ich sehe, auch gerade in Pisa, wie sich irgendwie der Lernerfolg jedes Jahr wieder verschlechtert. Das hängt auch konsequent mit der verschlechternden mentalen Gesundheit, psychischen Gesundheit, aber auch einfach dieser Zukunftsvision, Zukunftseinstellung, diesem Optimismus, den junge Menschen nicht mehr haben können, letztendlich zusammen.
Und deswegen glaube ich, es sind viele Faktoren, die da auch irgendwie eine Rolle spielen. Das sind wahrscheinlich nicht nur schlechte Bildungskonditionen, es ist bestimmt viel mehr, was diese Gesellschaft auch gerade noch bewegt. Aber man sieht eben, es findet nicht nur zu Lasten alter Menschen statt.
Sondern wir haben hier eben, anders als in Corona, dass irgendwie die Auffassung war oder im Rentensystem oder bei der Einsamkeit war ja auch lange immer nur die Rede von alten Menschen, dann sehen wir einfach, dass es trotzdem auf den Schultern junger Menschen ausgetragen wird. Wenn ich da vielleicht ergänzen darf zu dem Punkt nochmal in Bezug auf Bildungspolitik.
Junge Menschen können sich ja auch nicht mehr sicher sein, dass die Bildung, die sie jetzt bekommen, sich auf dem Arbeitsmarkt tragen wird. Weil mit der Einführung KI-Programm, es verändert sich gerade ja aktuell sehr stark. Es gibt eine starke Verunsicherung, eine starke Transformation auch. Und wo unklar auch ist, welche Art von Bildung braucht es eigentlich und welche Berufe werden Bestand haben und welche nicht und wie werden die sich verändern.
Also das kommt, finde ich, noch zu dem, was eben schon gesagt wurde, noch hinzu. Und das finde ich auch hier besonders und deswegen auch sehr passend, dass es hier auch um diese Bildungsfragen geht. Jetzt sieht man zugleich, dass sich, und das haben wir auch schon angesprochen, sozusagen auf diese spezifischen Anliegen der Jungen ganz andere Anliegen noch mit draufsetzen.
Und Christian, du hast dich für Ampuls, für die Reihe ja gerade erst mit den Dauerkrisen sozusagen in der Welt beschäftigt. Und damit, was uns in Zeiten von Inflation, Kriegen und Klimakrise sozusagen noch Sicherheit gibt. Das betrifft ja eben nicht nur die Jungen, sondern auch Ältere. Was hast du denn herausgefunden? Und kann da vielleicht den Protesten gemeinsam auch helfen, irgendwie ins Handeln zu kommen?
Also ich glaube, was auf jeden Fall hilft, ist Gemeinsamkeit. Frau Berthold hat es ja gerade gesagt, es gibt sehr, sehr viele Menschen, die sich total bedrückt fühlen durch die Dauerkrisen dieser Welt, durch Kriege, Krisen, aber durch alle möglichen anderen Faktoren eben auch. Da spielt wahnsinnig viel rein.
Das sind vor allem viele junge Leute. Es sind aber auch ältere Menschen. Es geht auch quer durch die Bank. Das war zum Beispiel der Ausgangspunkt für diesen Film, den wir machen wollten, dass wir auch als Journalisten ja merken. Diese Welt ist in so einem Overdrive die ganze Zeit. Eine Krise jagt die nächste.
Man muss wirklich schon wahnsinnig aufpassen, dass man immer das wieder genau richtig eingeschätzt bekommt. Man hat das Gefühl, es gibt überhaupt keine Möglichkeit mehr, kurz mal durchzuatmen. Und ich wollte einfach rausfinden, wie beschäftigt das die Menschen. Und das Erstaunliche war, wir haben wirklich gedreht wie die Verrückten vom Bundesverteidigungsminister, der für die Sicherheit Deutschlands verantwortlich ist, bis zur Kleinfamilie im Rheinhaus.
Und ich habe überall eigentlich dieselbe Herausforderung festgestellt. Alle sagen, das ist etwas, was uns unglaublich umtreibt. Und das reicht von, wir... Versuchen irgendwie Lösungen zu finden, bis zu ich kann nachts nicht mehr schlafen. Und das hat mich wirklich total beeindruckt, weil ich das von mir selber auch kenne.
Es ist in der Tat etwas, was wir mit uns rumtragen. Und jetzt haben wir in diesem Film, der, übrigens ich muss kurz Werbung machen. Werbeblock, bitte. Ich muss kurz sagen, dass man ihn natürlich gucken kann. Und zwar im ZDF Streaming jederzeit und wir auch in den Shownotes zu diesem Podcast. Ampuls.zdf.de sage ich jetzt dir auch. Den Link verlinken. Vielen Dank, Christoph. Sehr lieb von dir. Sehr gerne. Aber mir ist das deswegen so ein Anliegen, Weil wir eben nicht nur gesagt haben, wir machen jetzt einen weiteren Film, der die Probleme alle nochmal aufzählt, sondern wir haben auch versucht zu gucken, wie kommen wir denn da raus.
Und wir werden jetzt nicht durch einen Film im ZDF am Ende die Welt verbessern können. Aber was wir wirklich gefunden haben, sind auch ganz viele Ansätze, was wir für uns tun können, um mit der Situation besser umzugehen. Um die Situation für uns besser in den Griff zu bekommen. Und nur eine Sache, wenn ich kurz darf, die mich total erreicht hat und an die ich ganz oft im Alltag mittlerweile denke, also das ist so ein Punkt, wo man sagt, man arbeitet an etwas und man dreht und man hat dann aber trotzdem etwas, was einem selbst was bringt im Alltag.
Das ist der Tipp einer Psychologin, die sagte, man muss in schwierige Situationen leben. Wirklich mit aktiv reingehen, selbst sich denen auch aussetzen und sie sagte, Zitat, mit Genuss, versuchen daraus einen Genuss zu ziehen. Da habe ich erst gedacht, worüber redet die? Aber das fand ich total faszinierend, weil sie sagt, danach bekommst du eine neue Widerstandskraft für dich selbst, weil du sagst, guck mal, ich habe etwas geschafft, ich habe etwas erreicht, ich kann das.
Und das gibt dir für weitere Situationen ein Level, das dich einfach stärkt, um mit so etwas umzugehen. Und ich habe jetzt im Alltag bei mir gemerkt, das hilft in der Tat. Das klingt so einfach, aber es ist etwas, was dich wirklich, wenn du mal wieder verzweifeln möchtest an den Umständen, tatsächlich einen Schritt weiter bringt.
Und das versucht dieser Film sozusagen das Problem zu zeigen, aber eben auch zu gucken, wie können wir damit besser umgehen als in der Vergangenheit. Was schaffen, was bewirken, das führt uns auch wieder zu den Protesten sozusagen zurück, weil die Frage ist natürlich, können die tatsächlich irgendwie was bewirken?
Gerade wenn man sich jetzt zum Beispiel Frankreich anguckt, Staatsverschuldung auf dem höchsten Stand seit 1946, wo soll das Geld für die Schulen herkommen, fragt man sich. Frau Wienkopf, also auch gerade wenn man sich jetzt anguckt und da müssen wir auch nochmal drauf zu sprechen kommen, die Gewalt, die Eskalation, die da jetzt auch mit dazu kommt.
Was können diese Proteste bewirken und geraten die Anliegen der Jungen nicht eigentlich dann durch die Gewalt völlig in den Hintergrund? Exakt, super Frage. Das würde ich sagen, ist jetzt die aktuell größte Herausforderung. Das sehen wir ganz klar, wir sehen es auch schon im Diskurs. Also jetzt gibt es erstmal eine Diskursverschiebung natürlich darüber, und verständlicherweise, wir sehen diese Bilder, die bewegen uns.
Menschen sind jetzt auch in Frankreich natürlich davon betroffen und dennoch, ist da jetzt auch eine inhärente Gefahr. Weil jetzt natürlich, jetzt geht es mehr um die Protestform, um die Eskalation und weniger um die Forderungen. Die kommen jetzt gerade in den Hintergrund und ganz im Gegenteil, wir erleben durch die Ausgangssperre.
Und auch Beschränkungen der Versammlungsfreiheit letztlich jetzt auch wieder ein Momentum, wo es darum geht, wie können wir damit rechtsstaatlich, demokratisch gut reagieren und dennoch eben auch innere Sicherheit herstellen. Also das ist ja jetzt dieser Zwiespalt und immer die Herausforderung, wenn erstmal so eine Eskalationsdynamik, wie wir das in der Forschung auch nennen, also wirklich eine Dynamik, die dann kaum noch aufzuhalten ist, losgetreten ist, ist das eine große Herausforderung.
Und jetzt ist natürlich ganz wichtig und da würde ich sagen, das ist auch ein Appell an die Politik vor allem, dass es verschiedene Reaktionen auf diese verschiedenen Gruppen gibt. Also dass auch diese Ansprache bitte verschieden ist. Das eine sind die Plünderungen, dass da ganz klar auch eben mit sicherheitspolitischen Maßnahmen reagiert wird, um wieder auch eine Ordnung herzustellen.
Das andere sind vielleicht auch die organisierteren Gruppen, die aber auch politisch sich anders zeigen, die vielleicht gegen staatliche Gebäude, Gewalt ausüben, da auch zu überlegen, wie gehen wir damit eigentlich um, aber das auch zu trennen und dann eben nicht die friedlichen Protestierenden, die jetzt ja davon am stärksten auch betroffen sind. Das muss man sich ja auch nochmal klar machen.
Die mussten sich auch schützen, die werden jetzt gerade sehr viel weniger interviewt, die haben gerade auch weniger Gehör wieder. Da auch zu gucken, wie sprechen wir die eigentlich an und was bieten wir da an Angebote, an Gesprächsangebote und eben auch an Möglichkeiten. Mit politischen Reformmöglichkeiten. Und da ist natürlich, apropos, Sie haben es gerade angesprochen, Handlungsspielräume ist immer ganz wichtig, dass Menschen das Gefühl haben von Handlungsspielräumen.
Und teilweise wird ja aber leider aus der Politik auch so gesprochen, als sei alles alternativlos. Und das ist ja gar nicht demokratisch, weil demokratisch heißt, wir verhandeln, was möglich ist und bieten verschiedene Angebote. Und da auch immer wieder zu schauen, wo sparen wir, wo holen wir als Staat uns Geld und da wirklich auch diese Debatten zu führen und sich dem auch mutig parallel zu stellen.
Also wenn jetzt zu sehr nur der Blick auf diese Eskalationen kommt, dann ist das auch problematisch, weil der ursprüngliche Protest und diese Forderung, nicht gehört werden, aber die ja bleiben. Also diese Missstände bleiben. Aber Frau Wiko, ganz kurz, können wir das noch einen Tick konkreter einfach machen?
Sie sagen, man muss die verschiedenen Gruppen jetzt differenziert ansprechen. Das klingt alles total schlau und wichtig und gut, aber ich habe im Moment den Eindruck, es passiert das Gegenteil. Denn es ist natürlich jetzt gerade eine super aufgeheizte Stimmung, kann man ja auch verstehen. Die Leute sind gespalten, polarisiert.
In Frankreich stehen auch noch Präsidentschaftswahlen vor der Tür. Das darf man auch nicht vergessen. Das heißt, die politischen Gegner versuchen das jeweils für ihr Lager auszuschlachten. Zu instrumentalisieren ja auch. Zu instrumentalisieren auch. Und jetzt ist die große Frage, wie kommen wir denn dahin, was sie vorschlagen? Das klingt total schlau, aber ich habe den Eindruck, wir sind davon weiter entfernt denn je.
Ich finde das ehrlich gesagt gar nicht so schwierig. Mich wundert es manchmal, dass es politisch-strategisch nicht mehr gemacht wird, um ehrlich zu sein. Es gibt doch verschiedene Möglichkeiten. Man kann doch parallel Protestierende, die friedlich protestiert haben, da ist doch auch klar, da gibt es ja einige organisierte AkteurInnen, da gibt es Gewerkschaften, da gibt es SchülerInnenvertretungen und so weiter, die kann man doch parallel zum Dialog einladen und zeitgleich ganz klar sicherheitspolitische Maßnahmen kommunizieren, aber eben nicht alle in einen Topf schmeißen.
Also ich finde das, ehrlich gesagt, also ich finde es gar nicht so schwierig zu kommunizieren und frage mich manchmal, warum so polarisiert auch kommuniziert wird. Und ja, Sie sagen das schon, es ist vor den Präsidentschaftswahlen. Genau, es ist vor den Präsidentschaftswahlen, da wird der Diskurs eh immer nochmal anders.
Aber wenn Sie mich fragen, ist das in Bezug auf Protest nicht schlau. Und was ich nochmal wichtig finde zu sagen ist, wenn wir uns Effekte und Erfolge von Protest angucken und auch historisch übrigens, dann sehen wir immer wieder, es ist auch oft der lange Atem. Und dieser lange Atem ist jetzt ja für diese Protestbewegung auch gar nicht so einfach aufzubauen, weil er jetzt ja erstmal quasi durch diesen disruptiven Protest und dann durch die Eskalation unterbrochen wird.
Das heißt, umso wichtiger, dass das eben jetzt nicht verschwindet, sondern eben vielleicht an Dialogtische geholt wird und Möglichkeiten auch wirklich geboten werden, darüber zu diskutieren und diese Themen trotzdem zu platzieren. Und dafür sind doch auch Pressekonferenzen, dafür sind Interviews, da gibt es doch viele Möglichkeiten. Also da muss ich sagen.
Da sehe ich ehrlich gesagt nicht so das Problem. Ja und interessant auch, wie es eben sich auch international ausbreitet. Das würde ich jetzt gerne nochmal ein bisschen näher zu uns wieder nach Deutschland holen. Bisher hat uns ja quasi die Protestwelle nur gestreift, wenn man sagen will, jetzt hat ein Bündnis namens Gen Z regelt für den 31.
Oktober zur Demonstration aufgerufen in 21 Städten, unter anderem für Bildung, Klimaschutz, bezahlbares Leben, gegen eine mögliche Wehrpflicht. Und einer der Mitorganisatoren ist Gianni Mattea, Student, Podcast-Host und hat auch eine Zeit lang bei uns in den Kindernachrichten von Logo gearbeitet. Und wir haben ihn mal gefragt, was er jetzt von den Protesten erwartet.
Wir haben uns vor zwei Wochen anlässlich der damals noch friedlichen Proteste in Frankreich und anderen Ländern als kleine Gruppe von jungen Menschen formiert und angefangen von The Ground Up sozusagen Demonstrationen zu planen, die am 31.10. in den größten deutschen Städten, also Hamburg, Berlin, Köln, München und Frankfurt stattfinden sollen.
Und dabei stehen wir für friedliche Proteste, weil wir wissen, dass es halt für viele in der Generation Z die erste Demo-Erfahrung ist. Und wir wollen, dass alle sich prinzipiell sicher dabei fühlen können. Und unsere Positionen sind alle in einem Positionspapier festgehalten und umfassen zentrale Punkte, wie die Investitionsrückstände im Bildungssystem auszugleichen, für mehr Klimaschutz zu sorgen und sozialverträgliche Lebenshaltungskosten für alle Menschen.
Dafür gehen wir am 31.10. in den deutschen Großstädten auf die Straße. Frau Berthold, was halten Sie davon? Unterstützen Sie die Proteste hier in Deutschland? Also ganz unabhängig davon, ob wir exakt diese Proteste unterstützen. Ich glaube, das werden wir dann auch sehen, wenn sie stattgefunden haben.
Ich gehe nicht davon aus, dass es in Deutschland ein ähnliches Gewaltpotenzial wie in Frankreich geben wird. Ich glaube, das ist tatsächlich eine ganz andere Dimension, in der diese Proteste stattfinden. Finden wir, also natürlich sind politische Forderungen, auch die jetzt aufgestellt werden, erstmal sehr progressiv.
Wir können vieles davon unterstützen, vieles davon gerade aus dem Bildungsspektrum unterschreiben, wenn es darum geht, junge Menschen irgendwie zu befähigen, ihnen nochmal, gerade was ihre Bildungsaussichten, gerade was ihre irgendwie auch letztendlich Berufschancen angeht, ihnen da irgendwie den Weg zu ebnen.
Trotzdem finden wir, dass es unfassbar wichtig ist, auch Forderungen zu differenzieren, auch Forderungen an der richtigen Stelle zu stellen. Gerade wie auch jetzt schon irgendwie gesagt wurde, man muss auch bei den einzelnen Personengruppen, die irgendwie an den Demonstrationen teilnehmen, muss man differenzieren, wer da welche Interessen vertritt.
Muss man unserer Meinung nach auch innerhalb der inhaltlichen Interessen nochmal differenzieren. Also es ist nicht einfach, sich als Gen Z irgendwie als eine Mehrheit quasi darzustellen. Es ist nicht einfach zu sagen, wir vertreten alle diese Position und wir können uns hier als ein Gesamtbild irgendwie porträtieren.
Für uns als Bundesschüler in Konferenz ist es immer sehr einfach, dass wir uns beispielsweise im Bereich Bildung bewegen, dass wir sagen können, wir können aus den Schulen heraus, können wir Forderungen zu Schulen stellen, wie Ressourcen in Schule verteilt werden. Wie wir uns Schulqualität wünschen, wie wir uns Unterricht wünschen.
Aber natürlich jetzt als Generation politische Forderungen auf dem gesamten politischen Spektrum zu stellen, ist nochmal eine ganz neue Herausforderung. Wir sehen auch gerade unter jungen Menschen, es gibt keine einheitliche politische Meinung. Wir haben die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern in Sachsen-Anhalt gesehen und gerade was besonders rechte Wahltendenzen angeht, standen die jungen Leute den, anderen Generationen in nichts nach.
Und ich glaube nicht, dass wir es schaffen, so eine große Mehrheit hinter genau einer, sage ich mal, hinter genau einer Forderungsfront irgendwie zu mobilisieren. Ich glaube, das wird irgendwann noch zu inneren Konflikten führen, einfach weil man sich bei so einer breiten Masse an Inhalten, an Personengruppen, an Menschen, an Positionen, bei so viel Vielfalt glaube ich nicht, dass man da tatsächlich gemeinsam irgendwie, letztendlich in die Debatte reinrutscht, sondern ich glaube, das wird massiv noch zu inneren Konflikten führen am Ende.
Und zugleich sehen wir auch schon wieder, es gibt Äußerungen aus der Politik, was jetzt konkret den 31. Oktober angeht. Frau Wienkopf, Hessens Innenminister hat gesagt, die Sicherheitsbehörden stellen sich auf einen größeren Einsatz ein. Er warnt vor einer Instrumentalisierung aus dem linken Spektrum.
Wie schätzen Sie das ein? Wie groß ist die Gefahr, dass dieser Protest eskaliert? Tatsächlich würde ich die Eskalation erstmal grundsätzlich nicht als sehr groß einschätzen. Wir haben eine andere Protestkultur, wir haben eine andere politische Kultur tatsächlich. Eben, Sie haben es schon angesprochen auch, was den Schutz von Demonstrationen und Versammlungen angeht, haben wir eben auch erlebt, dass in Frankreich da ja auch teilweise wirklich unterschätzt wurde. Also das muss man auch einfach mal ganz klar sagen.
Den Schutz an sich gibt es da auch für Demonstrationen, ebenso wie in Deutschland. Aber ich würde sagen, da gab es auch ein Momentum, wo das unterschätzt wurde und dann ja teilweise auch eine sehr repräsentative Polizeigewalt als Reaktion und auch in bestimmten Vierteln stärker als in anderen. Also da gab es ja auch eine wirklich sehr ungleiche Reaktion.
Ich glaube, was jetzt gerade ganz relevant ist, eine Eskalation beginnt ja auch dadurch, wie wir jetzt den Diskurs auch führen und auch dadurch, wie sich jetzt auch eben politische Akteure melden, PolitikerInnen melden, wie jetzt auch Polizeieinsätze geplant werden. Und da gibt es sehr, sehr viele Möglichkeiten und diese Strategien gibt es auch, bei der Polizei zu schauen, wie das eben gut geschützt wird.
Ganz wichtig finde ich nochmal klar zu sagen, dass nicht präventiv das Versammlungsrecht in irgendeiner Weise eingeschränkt werden soll, das ist ganz wichtig und aber solche Diskurse könnten natürlich wieder zu einer Eskalation auch beitragen. Und da ist, glaube ich, ganz wichtig an den verschiedenen Stellen, polizeilich und staatlich, ganz klar zu sagen, das ist Teil einer demokratischen Aushandlung.
Übrigens auch das, was Frau Berthold gerade beschrieben hat, auch vielleicht nochmal klarzumachen, was ist die Rolle von Protest. Tatsächlich ist es gar nicht, die Mehrheiten zu organisieren. Der Protest muss sich auch gar nicht einig sein. Auch die Generation soll und darf sich bitte nicht einig sein. Das ist inhärent demokratisch, dass ganz viel gestritten wird und das auch unterschiedlich ist.
Das ist was ganz anderes noch als das Thema dieser Gewalteskalationsdynamiken. Aber da würde ich tatsächlich für Deutschland keine Sorge haben. Aber ich übernehme jetzt mal ein bisschen die Gegenposition. Sie haben keine Sorge, dass Menschen sagen könnten, auch Gewalttäter sagen könnten, hey, das ist jetzt für mich der gerufene Anlass. Ich habe gesehen, was wir in Paris alles erreichen konnten.
Erreichen in Anführungsstrichen an Aufruhr, an Plünderungen, an Gefahr für Leib und Leben der Menschen. Das versuchen wir jetzt in Deutschland auch? Also wir wissen es natürlich nicht, ich möchte jetzt nicht so tun, als, könnte ich das sicher sagen in der Prognose, aber zum einen erleben wir, wir sind zeitlich in einem anderen Momentum in Deutschland, ja das habe ich eben auch bei Frau Berthold rausgehört, das höre ich auch bei anderen, jungen Stimmen raus, tatsächlich, es ist ja so, dass viele Sparmaßnahmen im Bildungsbereich zum Beispiel oder auch was Rennepolitik angeht und so weiter, erst noch die jüngere Generation stärker treffen wird, in aller Ehrlichkeit, also da wird eher in den nächsten Jahren noch einiges kommen.
Und auch andersrum, wir haben das föderale System eben schon gehört nochmal. Also da habe ich vielleicht ein bisschen eine andere Perspektive. Tatsächlich bietet es auch mehr Beteiligung, aber vor allem auch institutionalisiertere Beteiligung. Und das haben wir auch. Wir haben eine sehr organisierte Jugendverbandskultur mit Bundesjugendringen, Landesjugendringen und so weiter.
Das heißt, es gibt auch ehrlich gesagt sehr viel mehr Dialogformate. Das heißt, unser System, wir haben ein parlamentarisches System. In Frankreich ist ein präsidentielles System. Wir haben ein föderales. In Frankreich ist ein zentralstaatliches und wirklich eine ganz andere politische Kultur und auch ein anderes Narrativ.
Also wir haben es jetzt auch gesehen bei den Protesten in Frankreich, wie immer wieder auch die Bastille und den Sturm auf der Bastille erzählt wird. Das ist ja historische, nochmal eine ganz andere Geschichte und Einordnung. Dass es eine ganz andere Rolle hatte. Aber das Narrativ in Frankreich, dieses revolutionär-demokratische Narrativ, die Erzählung, die ist sehr viel stärker als in Deutschland.
In Deutschland gibt es eine ganz große Angst vor Unruhe und Chaos und das haben tatsächlich sehr viele sehr verinnerlicht und das höre ich tatsächlich auch, aus den verschiedenen Reihen, auch von den OrganisatorInnen. Wir haben eben das kurze Statement gehört. Allein schon, dass es so ein organisiertes Positionspapier gibt, sage ich mal, ist jetzt aus einer Protestforschungsperspektive auch schon relativ institutionalisiert und tatsächlich wenig eskaliert.
Also auch für Sie ein interessantes Forschungsfeld. Ganz vielen Dank Ihnen beiden. Frau Berthold erstmal, vielen Dank für Ihre Zeit. Es war sehr spannend. Danke auch für das Einbringen der jungen Perspektive. Ja, sehr gerne. Hat mich gefreut. Danke, dass ich dabei sein durfte. Dankeschön. Und auch Frau Wienkopf, ganz herzlichen Dank, dass Sie bei unserem Podcast dabei waren. Ja, herzlichen Dank für die Einladung. Danke.
Christian, jetzt kommen wir nochmal auf den Anfang zurück. Wir haben ja schon gehört, du warst in Paris auf den Straßen unterwegs. Hast du da zufällig auch Flaggen oder Poster gesehen mit einem grinsenden Totenkopf mit Strohhut drauf? Nee, hätte ich. Hast nicht gut genug hingeschaut. Hätte ich. Waren die da präsent? Ich habe gelesen, dass es die gab. Sagt dir das irgendwie was? Nee. Nee, okay. Ich muss zugeben, ich kannte das vorher auch nicht. Aber...
Und ich dachte, die Zeit nutzen wir jetzt am Schluss nochmal. Das ist offenbar ein bekanntes Erkennungszeichen für Gen-Z-Proteste weltweit. Und das Ganze kommt aus einem Manga. Bist du Manga-Fan? Nee, ich hasse Manga. Vielleicht ist das die Erklärung. Tut mir leid. Also wie gesagt, ich kann da auch nicht viel mit anfangen, aber ich dachte, damit wir mitreden können, trage ich es hier nochmal rein. Also One Piece ist das Manga, eine Serie, die schon fast 30 Jahre alt ist.
Und als die erfolgreichste Manga-Serie, deshalb sollten wir es eigentlich kennen, überhaupt gilt, mittlerweile auch verschiedentlich verfilmt. Und es geht da um eine Piratenbande, die nach einem großen Schatz sucht und dabei immer wieder gegen verschiedene Bösewichte kämpfen muss. Und viele Leute der Gen Z sind damit aufgewachsen und so hat sich die Flagge von Indonesien über Nepal zum Beispiel bis nach Europa international als Symbol für Freiheit und Rebellion gegen Unterdrückung etabliert.
Ein Beispiel dafür, wie so Popkultur sich in Protest widerspiegelt. Und da habe ich mich natürlich gefragt, wenn jetzt ein Christian Sievers auf die Straße gehen würde. Dann wäre die Flagge wahrscheinlich verfehlt. Aber wir können zum Beispiel, wir fragen doch einfach kurz noch Frau Berthold, haben Sie so eine Flagge zu Hause?
Nee, also ich bin auch gar nicht in dem Game drin, leider. Nee, ich habe sowas nicht. Okay, also wir sind nicht ganz die Einzigen, aber interessant zu wissen. Aber du könntest doch mit so einer Heute-Journal-Flagge vielleicht. Das ist richtig. Oder mit einem Horst Lichter, Bares für Rares oder irgendwie sowas.
Okay, gut, wir schauen mal, was sich Christian noch einfallen lässt. Vielleicht habt ihr auch irgendwelche Ideen, schreibt sie uns gerne in die Kommentare. Ansonsten. Wenn euch diese Folge gefallen hat, dann freuen wir uns über eine positive Bewertung und ein Abo. Auch gerne Feedback, Wünsche, Ideen als Kommentar oder per Mail an heutejournal-podcast at zdf.de Euch allen vielen Dank fürs Zuhören. Christian, dir vielen Dank fürs Mitmachen. Schönes Wochenende und tschüss.