Im Krisenmodus· Folge 159

Kiew im fünften Kriegsjahr – das Lied der Hochschwangeren

Mittwoch, 1. Juli 2026 · 31 min

MP3

Shownotes

Kiew. Fünftes Kriegsjahr. Ein Sonntagmorgen. Rund 150 Frauen kommen mit ihren Kindern in ein Verteilzentrum im Stadtteil Trojeschtschyna. Sie holen Windeln, Babynahrung, Kleidung und Spielzeug ab – Dinge, die für viele Familien längst nicht mehr selbstverständlich sind.
Die Hilfe kommt aus Deutschland. Seit drei Jahren fahren die ehemaligen NRZ-Journalisten Matthias Maruhn und Wolfgang Kintscher regelmäßig mit Hilfsgütern in die Ukraine. Doch gleichzeitig wird es immer schwieriger, genügend Spenden zu sammeln.
FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen (nrz.de/niederrhein/article412410623/nrz-legend…) begleitet die Verteilaktion in Kiew und spricht für unseren Podcast „Im Krisenmodus“ mit Müttern, deren Alltag vom Krieg geprägt ist. Katia erzählt von schlaflosen Nächten und einem Mann an der Front. Natalia berichtet von einem Dorf, das nicht mehr existiert – und von zwei Schwangerschaften mitten im Krieg. Kristina beschreibt, wie ihre autistische Tochter auf jede Sirene reagiert und wie sie ihren Sohn 2023 unter Bombardierung zur Welt brachte.
Eine Reportage über humanitäre Hilfe, den Alltag ukrainischer Familien und die Frage, was Unterstützung nach mehr als vier Jahren Krieg noch bewirken kann.

Stimmen im Podcast
Katia (25), Mutter aus Kiew
über den Alltag mit drei Kindern, Luftalarm und ihren Mann an der Front.
Natalia (26), Binnenvertriebene aus der Region Sumy
über ein Dorf, das es nicht mehr gibt – und zwei Schwangerschaften unter Bomben.
Kristina (39), Mutter aus Kiew
über ihre Tochter Milana, Autismus, einen herzoperierten Sohn und das Leben mit ständigen Sirenen.
Maria Makymkowa, Leiterin der Hilfsorganisation Serze Mariji
über Solidarität, Binnenvertriebene und die Arbeit mit Familien in Not.
Matthias Maruhn, ehemaliger NRZ-Reporter und Ukraine-Helfer über drei Jahre humanitäre Hilfe und die sinkende Spendenbereitschaft in Deutschland.

🧭 Kapitel
1 | Ein Sonntag in Trojeschtschyna
Jan Jessen begleitet eine Hilfsaktion für rund 150 Mütter und ihre Kinder in einem Kiewer Wohnviertel.
2 | Katia: Wenn Kinder mit Sirenen aufwachsen
Eine junge Mutter erzählt vom Alltag zwischen Luftalarm, Schlafmangel und einem Mann an der Front.
3 | Natalia und Kristina – zwei Mütter, zwei Geschichten
Natalia und Kristina berichten vom Leben als Mutter im Krieg – und davon, warum Aufgeben keine Option ist.
4 | Zwei Schwangerschaften unter Bomben
Natalia erzählt, wie sie schwanger in einem Parkhaus Schutz suchte, als Bomben einschlugen. Kristina berichtet, wie ihr Sohn nach der Geburt am Herzen operiert wurde – während Kiew bombardiert wurde.
5 | Warum Hilfe weiter nötig ist
Maria Makymkowa und Matthias Maruhn erklären, weshalb humanitäre Hilfe wichtiger bleibt denn je.
6 | Das Lied der Hochschwangeren
Warum ein einziges Lied für Matthias Maruhn bis heute zum Sinnbild dieser Hilfsfahrten geworden ist.

🎧 Hör-Empfehlungen
Vergewaltigung als Waffe - was Russland Frauen antut (nrz.de/podcast/article409508362/vergewaltigung…)
Frauen in Syrien nach dem Sturz von Assad (morgenpost.de/podcast/article408584990/frauen-…)
Kinder im Ukraine-Krieg: Zuflucht im Keller (morgenpost.de/podcast/article408051983/kinder-…)

🤝 Unterstützungsmöglichkeiten

Hand in Hand mit der Ukraine – Hattingen
Partnerverein, der gemeinsam mit „Ukraine wir kommen" Spendenfahrten nach Kiew und Riwne organisiert.
🏦 Sparkasse Hattingen
IBAN: DE90 4305 1040 0000 2171 25
🔗 Website: Hand in Hand mit der Ukraine (handinhandmitderukraine.de)
Ukraine wir kommen e.V. – Essen
Seit 2022 fahren ehrenamtliche Helfer regelmäßig mit Hilfsgütern in die Ukraine. Schwerpunkt: Babynahrung, Windeln, Hygieneartikel und Kinderkleidung für Familien in Not.
🏦 Sparkasse Essen
IBAN: DE47 3605 0105 0003 4209 16
✉️ ukraine-wir-kommen@gmx.de
Serze Mariji – Herz Marias – Kiew
Ukrainische Partnerorganisation vor Ort, geleitet von Mariia Makymkowa. Unterstützt Mütter mit Kindern bis drei Jahre sowie Familien in finanziellen Nöten.

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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe

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Mein Name ist Katja, wir sind aus Kiew und uns heute hier auch hier verabschieden, dass wir hier eine humanitärliche Unterstützung von Niemens geben. Wir haben eine große Familie, ein Mann ist ein Krieger, und wir bekommen eine Unterstützung für Kinder. Das ist Katja. Katja ist 25 Jahre alt. Katja hat drei Kinder und steht an diesem Sonntagmorgen in Kiew. auf einem Hinterhof und hat mir erzählt, dass sie hierher gekommen sei, um Unterstützung von den Deutschen zu bekommen.

Und dann hat sie mir gesagt, dass ihr Mann Soldat ist. Und dann hat sie angefangen zu weinen. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen. Hallo, ich bin Jan Jessen, Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meine Reportagen in der NRZ, der WAZ, der Berliner Morgenpost im Hamburger Abendblatt und natürlich auf unseren Portalen der Funke Mediengruppe.

Ich war in den vergangenen Tagen wieder in der Ukraine unterwegs, viel im Süden, in Kherson, aber auch in anderen Gebieten im Süden und dann sind wir nach Kiew gefahren und die ukrainische Hauptstadt war in den Tagen, als wir da waren, in einem sehr angespannten Zustand. Auf den ersten Blick sah alles ganz normal aus. Das Leben geht in Kiew weiter.

Die Geschäfte sind offen, die Restaurants sind offen und man hat irgendwie auf den ersten Blick das Gefühl, dass das Leben irgendwie ganz normal ist, dass der Krieg vergessen ist. Aber dann gibt es eben immer wieder Luftalarm und insbesondere in diesen Tagen, in denen wir da waren, war es wie gesagt sehr angespannt, weil alle damit rechneten, dass ein großer russischer Luftangriff bevorsteht, weil einige Tage zuvor die Ukrainer ihrerseits Moskau angegriffen hatten, die russische Hauptstadt.

Und ich war in Kiew, weil ich eine Hilfsaktion begleiten wollte, eine Hilfsaktion von Menschen aus Deutschland, die ich sehr, sehr gut kenne. Da kommen wir gleich noch drauf. Und habe mich natürlich auch gefragt, was bedeutet Hilfe, wenn ein Krieg schon so lange dauert, dass viele Menschen längst nicht mehr hinschauen, die Hilfe in Deutschland mittlerweile so ein bisschen zurückgeht.

Und ich habe darauf, wie gesagt, versucht eine Antwort zu finden, nicht irgendwo in der Front, sondern an einem Sonntagmorgen in Kiew, im Stadtteil Trojeszczyna. Trojezchina, das ist ein Stadtteil, der relativ trostlos wirkt, muss man sagen, im Nordosten von Kiew. Da sind viele, viele Plattenbauten, mehrstöckige Hochhäuser, Wohnblocks und die Sozialstruktur ist schwierig. Also viele Leute sind finanziell schlecht aufgestellt in Trojezchina.

Und wir waren dann in einem Gebäude, das war so ein ehemaliges Verwaltungsgebäude für die Wohnblocks drumherum. Und hierhin sind an diesem Tag 150 Frauen mit ihren Kindern zusammen hingekommen, um Hilfe sich zu holen, um Unterstützung zu holen. Viele von diesen Menschen sind vor dem Krieg aus anderen Regionen in der Ukraine geflohen, insbesondere aus dem Osten und Nordosten des Landes.

Andere lebten schon immer in Kiew, was alle verbindet dasselbe. Sie haben also alle kleine Kinder und sie brauchen dringend Unterstützung. Und auf sie warten zwei Männer aus dem Ruhrgebiet. Schon am Abend, bevor wir da hingefahren sind zu dieser Verteilstation, da gab es wieder mal Luftalarm. Es ist dann in der Nacht nichts passiert.

Am nächsten Morgen auch wieder Luftalarm und das merkt man natürlich schon. Also wenn man den Leuten in die Augen guckt, man merkt, dass der Krieg Spuren hinterlassen hat. Die Gesichter sind müde, die Menschen wirken eigentlich alle erschöpft, aber auch gleichzeitig so ein bisschen gelassen, muss man sagen.

Also ich kann mich erinnern, als es losging im Februar 2022 und die folgenden Monate, Da war natürlich, sobald Luftalarm war, sind alle in den Keller gegangen und mittlerweile sind die Leute da schon deutlich entspannter. Mittlerweile gibt es Apps, auf denen man kontrollieren kann, was kommt da eigentlich angeflogen.

Also sind das Schahed-Drohnen, langsame Langstrecken-Drohnen oder sind das ballistische Raketen. Und von solchen Informationen machen die Leute dann auch ihre Entscheidungen abhängig. Also gehen sie in die Schutzkeller, gehen sie in die U-Bahn, gehen sie in die Korridore ihrer Wohnungen oder warten sie einfach ab, was passiert.

Kommen ballistische Raketen rein, dann muss man natürlich möglichst schnell Schutz suchen. Die sind sehr schnell unterwegs und der Schaden, den sie verursachen, wenn sie denn durchkommen durch die Luftabwehr, der ist dann schon immens. Und bei den Scheiddrohnen ist das alles überschaubarer und natürlich sterben auch dadurch Menschen, aber da muss man halt nicht sofort oder da müsste man eigentlich sofort auch Schutz suchen, aber da reagieren die Menschen schon lange nicht mehr drauf.

Ja und das Krasse eben an diesem Krieg in der Ukraine ist auch, dass, ja nicht nur die Erwachsenen davon betroffen sind, sondern auch die Kinder, die beispielsweise in den Kindergärten oder in den Schulen dann gelernt haben, sobald die Sirenen gehen, in den Schutzraum zu gehen und Mütter, die man sieht, die nachts kaum schlafen, weil jedes Mal, wenn Luftalarm ist, gehen sie dann eben zumindest in der Nacht in die Korridore.

Man kann halt nicht durchschlafen und ja, so ist das halt jetzt mittlerweile im fünften Kriegsjahr. Wie gesagt, das Gebäude, was wir da besucht haben, war früher ein Verwaltungsgebäude für die umliegenden Wohnblocks und heute stapelten sich dann in diesem Raum, in dem wir unterwegs waren, massenweise Kartons, voll mit Windeln, Babynahrung, Kinderkleidung, Spielzeug, Hygieneartikel, Winterjacken und Schlafsäcken.

Alles Dinge, die Familien mit kleinen Kindern dringend brauchen. Es war ein warmer Sommertag im Juni und auf dem Hof warteten schon die ersten Frauen und auch im Gang standen die Leute geduldig an, um ihre Hilfe abholen zu können. Die viele Leute kannten sich offensichtlich, die Kinder miteinander gespielt, und andere klammerten sich an ihre Mutter, Mütter und waren dann.

Also wenn man da reinkam und gerade André, mein Fotograf, da mit der Kamera, das war dann irgendwie für das ein oder andere Kind auch so ein bisschen, ich möchte nicht sagen bedrohlich, aber zumindest verwirrend, das merkte man. Und mittendrin stand in diesem Raum, der so voll mit Cortons war, ein Mann mit langen Haaren, dichten Bart, Baseballkappe, kurzer Hose und das war Mathis Marun.

Einige Leser der NRZ, die könnten ihn vielleicht kennen als Reporter. Heute ist er nicht als Journalist hier, sondern heute verteilt er Hilfsgüter. Ich persönlich kenne Matthias seit vielen Jahren. Wir haben beide für die Funke Mediengruppe gearbeitet. Er auch wie ich als Reporter und er war für Jahrzehnte, also Mattes ist im Grunde genommen so eine Reporterlegende bei der NRZ.

Er hat auch Krisen- und Kriegsgebiete besucht, war im Tschad, im Sudan, in den Balkankriegen unterwegs, auch wie ich in Afghanistan und im Irak. Also er ist sehr, sehr krisen- und kriegsfest und war für mich eigentlich auch immer ein Vorbild als junger Reporter. Und jetzt ist er wieder in Krisengebieten unterwegs.

Und als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfällt, da hat für ihn sozusagen ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Er ist dann in den Ruhestand gegangen, genau in diesem Jahr. Und dann statt zu Hause zu bleiben, hat er sich entschieden, als Helfer in der Ukraine unterwegs zu sein und da eine Hilfsorganisation zu unterstützen, im konkreten Fall Hand in Hand mit der Ukraine aus Hattingen.

Und ich habe ihn gefragt, ob man nach 40 Jahren Journalismus überhaupt aufhören kann, Reporter zu sein. Das legt man nach 40 Jahren, legt man den journalistischen Blick nicht so leicht ab. Ich freue mich dann aber immer, wenn ich plötzlich merke, mein Gott, du musst ja gar nichts aufschreiben, du musst ja gar keine Notizen machen.

Aber das ist auch der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Ein bemerkenswerter Satz, du musst gar nichts mehr ausschreiben. Also für 40 Jahre lang war Mattes derjenige, der Geschichten dokumentiert hat. Jetzt versucht er eben Menschen zu helfen. Und Mattes hat sich eigentlich immer dadurch ausgezeichnet, dass seine Reportagen immer sehr, sehr menschlich waren.

Also er hat immer ein großes Herz für die Menschen gehabt, über die er geschrieben hat, viel, viel Empathie und ich glaube, das ist eben auch so der entscheidende Punkt, warum er sich entschieden hat, Hilfe zu leisten. Am Ende muss man sagen, das merke ich ja auch bei mir, wenn man vor Ort ist, wenn man das Privileg hat, rausfahren zu können, rausfahren zu dürfen, mit Leuten vor Ort zu sprechen, Menschen zu begegnen in den düstersten Momenten ihres Lebens.

Dann muss man schon so ein bisschen ein Stein sein, wenn man nicht das Gefühl hat, ich muss unbedingt auch ein bisschen Hilfe leisten oder ich muss irgendwie Menschen, zumindest in Deutschland aktivieren, die Hilfe leisten könnten. Und das ist für Mattes eben auch ein wesentlicher Antrieb, also rauszugehen und da zu helfen, wo es möglich ist.

Und Mattes hat natürlich auch die entsprechenden Erfahrungen, wo er dann Leute unterstützen kann, die möglicherweise zum ersten Mal in einem Kriegsgebiet sind. Und er kann da beraten, auch zur Seite stehen und das war wohl auch einer der Gründe, weswegen er sich entschieden hat, das zu machen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen NRZ-Kollegen Wolfgang Kintzscher, der war viele Jahre Leiter der Lokalredaktion in Essen, fährt er mehrmals im Jahr nach Kiew, also eigentlich nach Kiew, aber auch nach Revne.

Es gibt eine Essener Hilfsorganisation, Ukraine, wir kommen und die beiden sozusagen Ukraine, wir kommen und Hand in Hand mit der Ukraine. Die arbeiten da zusammen. Wolfgang Kintscher ist bei Ukraine willkommen und die fahren vor allem Revner an, das ist die Partnerstadt von Essen. Und auf der anderen Seite fahren sie dann eben auch gemeinsam nach Kiew, um da Hilfe zu leisten.

Sie haben dann einen Transporter, den sie vollfüllen mit Hilfsgütern. Das ist ein Transporter, den Lions Club gespendet hat, zur Verfügung gestellt hat. Und sie sammeln auch gleichzeitig Geldspenden, um dann vor Ort Sachen einkaufen zu können. Das Ganze wird verteilt an Familien, die dringend auf Unterstützung angewiesen sind. Das sind eben nicht nur, das habe ich schon gesagt, Binnenvertriebene, sondern auch Menschen, die in Kiew ja finanziell nicht so besonders gut aufgestellt sind.

Ich frage Matthias, warum er dann eigentlich immer wiederkommt und ob es einen Moment gab, an dem er wusste, dafür lohnt sich das alles. Und da musste er nicht lange überlegen. Was das Schöne angeht, ist es ganz eindeutig, wenn man hier diese Sachen macht und die Kinder kommen und freuen sich. Und beim ersten Mal gleich, kann ich mich erinnern, war eine junge Frau, da mit ihrer Tochter war, sie war schwanger, sie war hochschwanger.

Und sie hat für mich ein Lied gesungen, als ich ihr Lebensmittelpaket gebe. Und das war tatsächlich emotional so ein Höhepunkt, weil man gemerkt hat in dem Moment, das ist alles ziemlich sinnvoll, was ich ja mache. Ich habe diese Frau nie kennengelernt. Ich kenne sie natürlich nur aus Matthias Erinnerung.

Die Frau war hochschwanger und sie bekam ein Lebensmittelpaket und dann beginnt sie zu singen. Das ist keine große Geste, natürlich kein langes Dankeschön, aber ein Lied. Und das ist ja schon, als er mir das erzählt hat, hatte ich auch so ein bisschen Gänsehaut, weil ich mir schon vorstellen könnte, wie krass so ein Moment ist.

Und warum das einer der bewegendsten Momente gewesen ist, die er bislang in der Ukraine erlebt hat. Ihm ist in diesem Augenblick ziemlich klar geworden, das, was man da vor Ort macht, das hilft wirklich. Und das ist auch das, was ich immer merke, wenn wir unterwegs sind und mit Leuten spreche und deren Geschichten dann irgendwie aufnehmen. Für die ist es auch ganz, ganz wichtig, dass man einfach da ist, dass sie merken, dass sie nicht vergessen werden.

Und dass es Leute gibt, die sich für ihre Geschichten interessieren. Wir haben ja auch in unserem Dorf, sag ich schon, aber irgendwie ist es unser Dorf, Posapokowsk zwischen Kherson und Mikolaev, da haben wir ja auch Hilfe geleistet und da war das eben genau so, also diese unglaubliche Dankbarkeit, die einem da hingegen schlägt, das ist berührend, das ist auch ein bisschen beschämt, muss man sagen, aber es ist eben natürlich ein Ansporn auch weiterzumachen und immer wieder zu kommen, zu helfen, Geschichten aufzuschreiben und die Leute nicht ins Vergessen absinken zu lassen.

An diesem Morgen, als wir da waren, waren um die 150 Frauen mit ihren Kindern da, auch ein paar Ehemänner, die da mit unterwegs waren. Sie hatten Babys auf den Armen, die waren mit Kinderwagen da, mit Kleinkindern an der Hand und viele von denen haben eben auch kleine Geschenke mitgebracht. Es gab also einen kleinen Karton in diesem Raum, wo sich die Hilfsgüter stapelten.

Der war gefüllt mit kleinen Geschenken, die die Leute mitgebracht haben, kleinen Bildern, Süßigkeiten und anderen Sachen und das war natürlich toll. Auf dem Hof draußen stand eben auch Katja, die ihr ganz am Anfang gehört habt. Die hatte ihre kleine Tochter dabei. Und ja, es war eine junge Frau, wie gesagt 25 Jahre alt, drei Kinder.

Und Kolja, der sechs Jahre alt ist, Paulina, die Kleine, die sie da an der Hand hatte, vier. Und Vladek, der gerade mal zwei Jahre alt war. Und ihr Mann, das hat sie erzählt, hatte sich am ersten Tag der russischen Invasion freiwillig zum Militär gemeldet. Und ich habe sie gefragt, wie ihr Leben sich in Kiew heute anfühlt.

Und ja, da hat sie dann eben geweint. Und das war schon so ein Moment, wo man auch, ich warte dann immer so ein bisschen ab, was passiert, aber wo man auch erstmal nicht so richtig weiß, wie soll man reagieren. Also wie gesagt, das habt ihr am Anfang gehört, als sie erzählt, dass ihr Mann beim Militär ist, hat sie eben bitterlich angefangen zu weinen.

Und die kleine Tochter, die guckte sie auch an, so von unten, mit großen Augen, und wusste auch nicht so richtig, wie sie mit der Situation umgehen soll. Dass Mama weint, das hat sie wahrscheinlich noch nicht so oft gesehen. Jedenfalls hat mir Katja dann auch erzählt, wie die Situation jetzt aktuell aussieht.

Ja, Katja sagt, es sei sehr schwer. Ständig flögen, Raketen oder Drohnen. Überall höre man Beschuss und nachts könnte man kaum schlafen. Auch in den Kindergärten müssten die Kinder wegen dem Luftalarm immer wieder in die Schutzräume gehen. Und das, sagt sie, ist sehr anstrengend, sehr erschöpfend. Für die Kinder gibt es eben keinen Alltag ohne Krieg. Wie gesagt, der Älteste ist Kolja, der ist gerade mal sechs.

Der Krieg dauert jetzt schon gut viereinhalb Jahre. Und im Grunde genommen kann er sich schon nicht mehr an eine Zeit ohne Krieg erinnern. Er kennt Luftalarm, Schutzräume, Nächte, in denen niemand richtig schläft. Und trotzdem muss am nächsten Tag wieder Kindergarten sein oder Schule oder einfach leben.

Und das gilt natürlich umso mehr für die beiden kleineren Kinder, die einfach überhaupt nichts anderes kennen als diesen Krieg. Kurze Zeit später, nachdem ich Katja getroffen habe, habe ich dann zwei andere Frauen getroffen, Freundinnen, die gemeinsam gekommen waren und das waren Natalia und Christina.

Beide haben eben auch gewartet, bis sie an der Reihe waren und beide erzählen mir ihre unterschiedlichen Geschichten. Natalia ist 26, die kommt ursprünglich aus der Region Sumi im Nordosten der Ukraine. Das ist eine Region, die bis heute massiv immer wieder unter Feuer liegt. Und zu Beginn ihres Krieges ist sie mit ihrer Familie nach Kiew geflohen, also mit ihrem Mann.

Und ihr Heimatdorf heißt Nowomykolaivka, oder besser gesagt, es hieß Nowomykolaivka, weil dieses Dorf einfach nicht mehr existiert. Ihre Großmütter und ihre drei Brüder, auch sie mussten fliehen. Heute leben sie irgendwo in einem Gemeinschaftshaus. Ich frage Natalia, ob sie eines Tages zurückgehen möchte. Sie antwortet sofort.

Mein Mann ist hier. Er dient irgendwo hier in der Nähe. Ich glaube, wir bleiben einfach hier. Das ist jetzt unser Leben. Das ist natürlich nicht, weil sie ihre Heimat vergessen hat, sondern weil ihr Leben mittlerweile in Kiew stattfindet. Und ihr Mann, der dient in der Armee, die Kinder wachsen in Kiew auf.

Der Krieg hat ihren Lebensmittelpunkt verschoben und das vielleicht für immer. Neben Natalia steht Christina, 39 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann in Kiew schon immer. Und die beiden haben sich, also Natalia und Christina, die haben sich eben in Kiew kennengelernt, in diesem Stadtteil, wo sie eben gemeinsam immer wieder kommen, um sich Unterstützung abzuholen.

Und Christinas Tochter Milana ist fünf Jahre alt, hat Autismus. Ihr Sohn ist zwei Jahre und sieben Monate. Er musste direkt nach seiner Geburt, am Herzen operiert werden. Und ich habe Christina gefragt, wie der Krieg sich in Kiew anfühlt. Viele Menschen außerhalb der Ukraine glauben, die Hauptstadt sei vergleichsweise sicher.

Und wie gesagt, wenn man die Bilder aus Kiew sieht, offene Restaurants, offene Cafés, offene Geschäfte, Leute, die, tagsüber da geschäftlich rumrennen und in den Büros arbeiten und so, dann könnte man das natürlich auch meinen. Aber Christina erlebt das anders. Als die Invasion begonnen hat, sind wir mit den Kindern zuerst aufs Dorf gefahren.

Als wir einmal aus dem Haus gekommen sind, ist eine Rakete direkt über uns hinweg geflogen. Ich hatte solche Angst. Und für Milana ist das alles besonders schwer. Sie erschrickt bei jeder Sirene. Sie zeigt dann sofort auf das Fenster. Mittlerweile hat auch mein kleiner Sohn Angst. Es ist sehr schwer mit kleinen Kindern.

Die kleine Milana hat gelernt, was Sirenen bedeuten. Sie weiß, dass gleich wieder etwas passieren könnte. Und Sascha, der kleine Junge, der wächst inzwischen mit derselben Angst auf. Was glaube ich auch wichtig ist, ist, dass, wie gesagt, Milana ist ein autistisches Kind und die sind ja ganz besonders sensibel.

Und das hat Christina eben auch gesagt, dass Milana, auch wenn das für sie Alltag ist, diese Sirenen und auch der Beschuss, die Arbeit der Luftabwehr, das sind ja auch immer dann Explosionen. Obwohl sie es eigentlich daran gewöhnt ist, erschreckt sie sich immer wieder und hat dann furchtbare Angst und versucht sich zu verstecken und so.

Also gerade für solche Kinder ist das natürlich besonders brutal. Christinas Mann hat vor einiger Zeit seine Arbeit verloren und sie selbst ist in Elternzeit. Wir schlagen uns irgendwie durch, hat sie mir gesagt. Ein kurzer Satz, mehr sagt sie dazu aber nicht. Während weiter die nächsten Familien ihre Pakete abholen, erzählt mir Natalia noch etwas, das ich nicht erwartet hätte.

Sie ist zweimal schwanger gewesen, mitten in diesem Krieg. Die wirkt eigentlich relativ robust, sehr energisch, als sie mit uns gesprochen hat. Also nicht wie Katja, die ja in Tränen ausgebrochen ist, sondern sie war schon sehr gefasst und hat die krassen Sachen, die sie mir erzählt, in einem sehr ruhigen Ton berichtet.

Als ich hier in Kyiv war, war ich mit meinem ersten Valentin, ihm jetzt 3,10 Uhr, sehr stark. Ich bin in der Verlangenheit, war es nicht in der Verlangenheit, sondern in der Verlangenheit, wo die Fahrzeuge haben. Als die russische Invasion begann, war ich mit meinem ersten Sohn schwanger. Heute ist er drei Jahre und zehn Monate alt. Damals wurde Kiew schwer bombardiert.

Wir saßen in einem Schutzraum. Eigentlich war es gar kein richtiger Schutzraum, sondern nur ein Parkhaus. Als das Gebäude getroffen wurde und die Türen herausgerissen wurden, hatte ich einfach nur Angst. Ich habe geweint. Ich dachte nur, hoffentlich töten sie mich jetzt nicht. Aber ich habe überlebt. Und später habe ich mich sogar entschieden, noch ein zweites Kind zu bekommen.

Ich habe noch einen Sino, mein Ruman. Er hat jetzt 8 Monate. Und so leben wir. Wir leben. Die войn geht. Wir müssen halten, halten, halten. Und zu überleben, wie es sich in dieser Zeit verletzt hat. Ja, alles ist diesem Krieg untergeordnet, auch die Geburt von Kindern, die Schwangerschaften, all das. Und wie gesagt, ich war ganz erstaunt, dass Natalia das eben in so einem ruhigen Ton erzählt hat.

Christina übrigens auch, also auch die hat mir ihre Geschichte mit fester Stimme erzählt, ohne zu weinen und irgendwie so. Als sei sie so ein bisschen schicksalsergeben. Und auch das fand ich spannend. Ich war ein Freund mit einem, Mann, wenn ich in der Familie bin bin, ich hatte sehr viele Bombeil, ich hatte sehr Angst zu gehen, Als ich mit meinem zweiten Sohn im Krankenhaus gelegen habe und ihn zur Welt gebracht habe, wurde wieder schwer bombardiert.

Ich hatte große Angst, in den Schutzraum zu gehen. Er war so überfüllt. Wir sind einfach auf den Flur gerannt. Kurz nach der Geburt musste er am Herzen operiert werden. Es hatte sich entzündet. Wir lagen ein zweites Mal im Herzzentrum und währenddessen wurde wieder heftig bombardiert. Der Junge lag auf der Intensivstation, ich allein auf der Normalstation. Es war sehr schlimm.

Vielleicht ist das eben auch die Art von Natalia und Christina, mit diesen Änderungen umzugehen. Dass man das natürlich nicht vergessen kann, nicht vergessen will. Ganz klar auch, dass beide traumatisiert sind von dem, was sie da erlebt haben, mit Sicherheit auch die Kinder. Aber das eben so zu erzählen, so zu berichten, so nüchtern, ist glaube ich auch so ein Weg, damit umzugehen, um nicht ganz verrückt zu werden.

Wenn man an diesem Vormittag zuhört, dann begegnen einem immer wieder dieselben Worte. Angst, Schlafmangel, Sirenen und trotzdem stehen diese Frauen hier mit ihren Kindern. Sie haben dann schon Ihre Windeln dabei, die Babynahrung, etwas Kleidung, die Sie sich da abgeholt haben. Und danach gehen Sie wieder nach Hause, in einen Alltag, den man sich in Deutschland kaum vorstellen kann.

Die Verteilung ist dann natürlich weitergegangen, Karton für Karton, Windelpaket für Windelpaket. Für die Helfer ist das Routine, für viele Familien nicht. Damit dieser Sonntag überhaupt stattfinden kann, braucht es jemand, der all das organisiert. Und diese Frau heißt Maria Makynkova. Und Maria ist auch so eine, energische, sehr quirlige, energiegeladene junge Frau, hat so orangefarbene Haare, die Fingernägel sind gemacht und ist also sehr, sehr engagiert.

Und sie hat die Organisation Sergei Marie gegründet, auf Deutsch Herz Marias, und zwar kurz nach Beginn der russischen Invasion im Februar 22. Die hat also erst mit Freundinnen und Freunden zusammen in zerstörten Dörfern geholfen, als die Invasion begann hat. Und dann haben sie sich überlegt, dass sie sich eben auf die Arbeit mit Müttern, mit kleinen Kindern konzentrieren wollen.

Und wie gesagt, also von denen, ihr habt ja vorhin schon von Natalia gehört, die aus dem Dorf von Inzumi abgehauen ist. Also viele von denen sind Binnenvertriebene, andere, die leben in Kiew und viele haben eben auch Männer, die an der Front kämpfen. Und ich habe Maria gefragt, wie sie die Stimmung im Land nach mehr als vier Jahren Krieg beschreibt.

Die Menschen, die geblieben sind, sind starke Menschen. Sie lassen sich nicht in die Verzweiflung treiben. Sie halten zusammen und unterstützen einander. Darauf baut unsere Gesellschaft im Moment auf. Und wir werden, dass wir die Verkäufe haben und wir alle anderen unterstützen können. Wir helfen uns mit einem anderen. Das ist jetzt unser Besuch.

Diesen Zusammenhalt, den erlebt auch Matthias, Mattes, Marun seit drei Jahren immer wieder. Doch er merkt auch, dass es schwieriger wird, die Hilfsfahrten zu organisieren. Ich habe ihn gefragt, ob die Spendenbereitschaft in Deutschland nachlässt. Ja, kann man, glaube ich, definitiv feststellen. Gerade im letzten Jahr ist es extrem gewesen. Ich weiß nicht, woran es liegt.

Wir machen unsere eigenen Gedanken, hängt natürlich mit Gazastreifen, Israel, Libanon, Iran. Das alles spielt natürlich eine Rolle, weil die Leute andere Sachen im Kopf haben. Auch die Ebola-Geschichte in Afrika spielt sicherlich eine Rolle. Und ich glaube, je länger so ein Krieg dauert, umso mehr sagen die Leute, was willst du machen, da können wir auch nicht helfen. Was natürlich Quatsch ist, weil die Leute hier haben immer dieselben Probleme.

Genau diese Probleme haben natürlich Katja, Natalia, Christina und all die anderen Frauen, die ich an diesem Vormittag getroffen habe und vielleicht ist das ja das Schwierige. Also der Krieg dauert inzwischen so lange, dass er für viele Menschen außerhalb der Ukraine, zu einem Alltag geworden ist, dass man diese Meldung von Bombardements auf Kiew, auf andere ukrainische Städte mittlerweile so als eine Art gottgegebene Geschichte hinnimmt.

Ein bisschen genervt ist auch, dass da immer noch darüber berichtet wird, weil es gibt ja doch andere Probleme. Und das macht das Ganze natürlich schwierig, insbesondere für humanitäre Helferinnen und Helfer wie Mattes oder Wolfgang Kinscher. Und das Problem ist einfach für die Menschen in der Ukraine, ist der Kriegsbeschuld inzwischen natürlich auch Alltag, aber, das ist etwas, woran man sich nicht gewöhnen kann und wo man einfach immer noch jede Nacht, jeden Tag mit dem Luftalarm leben muss, wo man eben nicht vernünftig zum Schlafen kommt, wo man Kinder hat, die Angst vor Sirenen haben und wo Männer an der Front sterben und verkrüppelt werden.

Und das ist natürlich irgendwas, auch wenn es alter ist, da können die Menschen sich nicht dran gewöhnen und deswegen gibt es immer auch Menschen wie Katja, die einfach anfangen zu weinen, wenn sie über das berichten, was ihnen da jeden Tag passiert. Bevor Mattes weitergefahren, sie waren so nach drei Stunden fertig mit ihrer Lebensmittelverteilung, sind dann weiter nach Riewne gefahren, wie gesagt die Partnerstadt von Essen und haben da noch verschiedene Projekte besucht, die sie unterstützt haben.

Aber bevor er weitergefahren ist, da hat er mir noch eine Geschichte erzählt, die ihn besonders bewegt hat. Das war im Februar in diesem Jahr. Ihr könnt euch erinnern, damals haben die Russen ziemlich heftig die kritische Infrastruktur in der Ukraine bombardiert, haben die Stromversorgung, die Heizungsversorgung, die Wärmeversorgung.

Die Wasserversorgung kaputt gemacht und es war bitterkalt im Februar. Und ja, das hat natürlich massive Auswirkungen gehabt auf den Alltag der Menschen, insbesondere diejenigen in Kiew. Da gibt es also sehr, sehr viele große Hochhäuser. Manche sind wirklich 20, 25 Stockwerke hoch. Und Mattes hat damals eine Mutter getroffen, die im 23. Stock lebte. Und ihre Geschichte hat ihn sehr, sehr bewegt.

Und ein Fall, der mich extrem beschäftigt hat, war der einer Mutter, die mit ihren Kindern unterwegs war. Sie hat drei autistische Kinder, also insgesamt fünf Kinder, davon drei autistisch. Und sie sagte, das sei unfassbar, was sie da leisten musste, weil sie ständig hoch und runter laufen musste. Von den Kindern war der älteste Sohn, der konnte ja helfen. Die anderen waren nicht in der Lage, also musste sie nicht nur die Kinder hochschleppen, sondern eben auch das Wasser holen, die Lebensmittel holen und so.

Das hat mich tief erschüttert, weil ich weiß gar nicht, wie die Frau klargekommen ist. Jetzt ist sie leider heute, ich hatte gehofft, sie kommt und ich könnte mal nachfragen, wie es aus ihr geworden ist oder wie es das alles bewältigt hat. Aber sie ist heute nicht gekommen. Er hatte zwar gehofft, sie wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihr geht.

Mehr wollte er eigentlich nicht, aber aus welchem Grund auch immer ist diese Frau an diesem Tag nicht gekommen. Und dann haben die Jungs ihre letzten Kartons eingeladen, den Transporter wieder gepackt und sind wieder aufgebrochen. Wie gesagt, nach Rivne haben da noch Projekte besucht, unter anderem im Krankenhaus.

Von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit hatten sie an Bord Teile, für eine neue Reha-Station im Krankenhaus Nummer 2. Das ist ein Krankenhausentgriff, was von der Aktion Ukraine, wir kommen, schon länger unterstützt wird. Und das haben sie dahin gefahren, haben auch ein Piano dabei gehabt und andere Musikinstrumente, die sie in ein Zentrum für Kinder mit Behinderung gebracht haben.

Und haben außerdem noch eine Einrichtung besucht. Für erwachsene Menschen mit Behinderung, die sie auch unterstützt haben. Und dann sind sie eben direkt weiter zurück nach Deutschland. Diese Touren, die die beiden machen, dauern immer so vier, fünf Tage. Das sind sehr, sehr intensive Reisen. Also von Essen bis Rivne sind es 1600 Kilometer.

Kiew sind nochmal 200 Kilometer on top. Und wenn man dann über die Grenze fährt, hin und zurück, das dauert manchmal Stunden. Also Wolfgang hat mir erzählt, die hatten mal einmal eine Tour, wo sie 16 Stunden an der Grenze warten mussten. Bei der Tour waren es gerade mal vier Stunden, aber bei prallem Sonnenschein ist auch das anstrengend. Und doch, dennoch fahren sie eben immer wieder.

Also Wolfgang hat mir auch gesagt, naja, also manchmal, wenn man dann zu Hause ankommt, denkt man sich, oh Gott, das war jetzt erstmal die letzte Tour für lange Zeit. Aber tatsächlich fahren sie dann doch wieder alle zwei, drei, vier Monate und helfen der Ukrainer und den Ukrainerinnen. Was bedeutet Hilfe, wenn ein Krieg schon so lange dauert, dass viele Menschen kaum noch hinschauen?

Ich glaube, ich habe an diesem Sonntagmorgen eine Antwort gefunden. Hilfe sieht manchmal erstaunlich einfach aus. Ein Paket Windeln, Babynahrung, ein Stofftier, ein paar warme Decken oder einfach die Gewissheit, dass jemand einen weiten Weg aus Deutschland auf sich nimmt. Und ich persönlich denke auch, das ist das Wichtigste. Also diese Botschaft, Menschen werden nicht vergessen.

Es gibt Menschen in Deutschland, die trotz dieser viereinhalb Jahre Krieg das Schicksal der Menschen in der Ukraine nicht aus dem Blick verlieren. Immer noch Hilfe leisten, immer noch Unterstützung leisten. Und ich glaube, das ist das Wichtigste. Das merke ich auch bei den Begegnungen. Persönlich, wenn ich in der Ukraine unterwegs bin, diese Angst, dass sie vergessen werden. und diese Freude darüber, dass sich eben noch Menschen für ihr Schicksal interessieren.

Ich muss dabei an die Geschichte von Mattes denken, an die hochschwangere Frau. Sie bekommt ein Lebensmittelpaket und sie beginnt zu singen. Kein großes Dankeschön, keine langen Worte, nur ein Lied. Ich glaube, ich habe verstanden, warum Matthias Marun dieses Lied bis heute nicht vergessen hat. Es verändert keine Front, aber es zeigt einen Menschen.

Du bist nicht vergessen. Und manchmal ist genau das Hilfe. Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist auch Journalist und arbeitet beim Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch diese Folge etwas gegeben hat, liked und folgt uns.

Das hilft uns wirklich, unsere Arbeit sichtbarer zu machen. Wenn ihr Menschen kennt, deren Geschichte in diesem Podcast gehört, schreibt mir. Die Adresse ist krisenmodus.funkemedien.de. Passt auf euch auf. Bis bald. Macht's gut. Ciao, ciao.

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