
Im Krisenmodus· Folge 156
Posad-Pokrowsk: Aufbau im Visier russischer Drohnen
Mittwoch, 17. Juni 2026 · 24 min
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Shownotes
Posad-Pokrowsk bei Cherson sollte zum Symbol des ukrainischen Wiederaufbaus werden. Als Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen) das Dorf vor einem Jahr besuchte, standen hier noch Rohbauten und große Hoffnungen. Heute sind viele Häuser fertig, Familien zurückgekehrt und Kinder wieder auf den Straßen.
Doch der Krieg ist nicht verschwunden. FPV-Drohnen greifen Tankstellen, Geschäfte und andere zivile Orte an. Bewohner berichten von neuer Angst, fehlendem Schutz und den Herausforderungen des Alltags.
In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Kriegsreporter Jan Jessen mit Menschen, die geblieben oder zurückgekehrt sind. Sie erzählen von Wiederaufbau und Verlust, von fehlender Infrastruktur und von der Frage, warum sie ihre Heimat trotz allem nicht verlassen wollen.
Eine Reportage über ein Dorf zwischen Hoffnung und Bedrohung – und darüber, was Wiederaufbau in einem andauernden Krieg wirklich bedeutet.
Stimmen im Podcast:
Oleh Dolholutskyi (41), Initiative „Mehr Taten, weniger Worte“: über Trauer, Schutzlücken und Netze, die noch ohne Pfeiler lagern.
Iwan, Tankwart an der Ukrnafta-Tankstelle: über den nächtlichen Drohnentreffer und seine erste Splitterschutzweste.
Vadym: über den Alltag mit Drohnen und Kamikaze-Drohnen.
Wolodymyr Mikheiew (62): über fehlende Infrastruktur und die Forderung, Militärfahrzeuge nicht direkt vor den Laden zu fahren.
Lena: über den Weg von Ruinen zu Kinderlachen und die Perspektive von zehn weiteren Jahren Wiederaufbau – wenn Hilfe kommt.
Oleksandra („Sasha“): über Heimat und die Entscheidung, mit der Familie im Ort zu leben.
Wassyl Rakovskyi: über den Park, die Kinder und die Bäume, die in Bombentrichtern wurzeln.
Swetlana, Abgeordnete der Siedlung Promin: über das Kinderkino als kurzen Moment Normalität.
Host:
Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter der FUNKE Mediengruppe.
🧭 Kapitelübersicht
1 | Zurück in Posad-Pokrowsk
Vor einem Jahr war das Dorf ein Symbol für den Wiederaufbau. Jan Jessen kehrt zurück und fragt: Was ist aus den Hoffnungen von damals geworden?
2 | Alltag unter Drohnen
Tankstellen, Geschäfte und Straßen geraten wieder ins Visier von FPV-Drohnen. Bewohner berichten, wie sie mit der ständigen Bedrohung leben.
3 | Neue Häuser, alte Probleme
Der Wiederaufbau ist sichtbar. Doch viele Menschen kämpfen weiterhin mit fehlender Infrastruktur, unsicherer Wasserversorgung und mangelndem Schutz.
4 | Warum die Menschen bleiben
Trotz Krieg, Angst und Zerstörung kehren Familien zurück. Bewohner erzählen, warum sie ihre Heimat nicht aufgeben wollen.
5 | Kino im Bus: Wenn Kinder im Krieg wieder lachen
Parks, Filmabende und neue Begegnungsorte sollen den Kindern etwas zurückgeben, das der Krieg ihnen genommen hat: Alltag.
6 | Ein Dorf zwischen Hoffnung und Krieg
Posad-Pokrowsk verändert sich. Doch die Angriffe gehen weiter. Was braucht es, damit Wiederaufbau mehr wird als nur neue Häuser?
🎧 Hör-Empfehlungen
„Drei Jahre Krieg: Wut, Müdigkeit, Durchhalten" (morgenpost.de/podcast/article408342856/drei-ja…)
„Leben unter Beschuss: Stimmen aus Cherson" (nrz.de/podcast/article409068822/leben-unter-be…)
„Ukraine: Posad-Pokrowsk - Dorf unter Beschuss" (nrz.de/podcast/article410067933/ukraine-posad-…)
„Vier Jahre Krieg in der Ukraine" (morgenpost.de/podcast/article411288670/vier-ja…)
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Im Krisenmodus ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe
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Nun, bei mir ist es auch so, dass, tja, da ist eine gewisse innere Angst, weil meine Familie hier ist, meine Kinder hier sind. Und wenn ich sehe, was hier passiert, besonders vor zwei Tagen, als eine Drohne in ein Geschäft geflogen ist. Wieder einmal Nachlässigkeit seitens unserer Polizei, des Militärs, unserer Behörden.
Denn niemand macht sich Gedanken über die Sicherheitslage. Niemand denkt daran, grundlegende, nun ja, wichtige Orte zu schützen. Elementarische, wichtigste Mission. Ich war immer wieder in Posapokrovsk, diesem kleinen Dorf im Süden der Ukraine, gelegen zwischen Mikolaev und Kherson. Und im vergangenen Jahr, als ich da war, das letzte Mal, da habe ich das Dorf so als Dorf der Hoffnung verlassen. Heute stehe ich jetzt wieder hier, es sind neue Häuser gebaut worden, es sind Straßen repariert worden.
Aber während ich da war, sind immer wieder Drohnen eingeschlagen und so ist Posapokrovsk jetzt für mich so ein Symbol für wäre das Leben zwischen Hoffnung und Bange sein in der Ukraine. Hallo, ich bin Jan Jessen, Kriegs- und Krisenreporter für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meine Reportagen in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt.
Ich bin zurück in Posapokrovs. Das ist ein Ort, den kennt ihr. Den haben wir schon mehrfach in diesem Podcast vorgestellt. Das packen wir euch auf jeden Fall in die Shownotes rein. Und ja, wie gesagt, dieses Dorf liegt im Süden der Ukraine, ein paar Kilometer entfernt von Kherson, einer Stadt, die nahezu jeden Tag unter Beschuss ist.
Und Posapokowsk war ein Dorf, das 2022 Frontdorf war. Also in diesem Dorf haben sich russische und ukrainische Einheiten gegenübergelegen. Es gab jeden Tag um die 400 Einschläge, fast jedes Haus war beschädigt. Es war so alles komplett zerstört, das Kulturzentrum, die Schule, der Kindergarten, alles.
Und viele der Einwohnerinnen und Einwohner, 2400 Menschen haben hier mal gelebt, sind damals geflohen, aber es sind jetzt doch einige hundert zurückgekommen. Und ich kann mich erinnern, Ende 2022, als wir nach Possat zum ersten Mal kamen, beziehungsweise wir sind eigentlich nur durchgefahren und wollten Richtung Reherson.
Und da habe ich dann eben gesehen, dass da Menschen in den Trümmern waren. Und das fand ich total spannend, dass also Menschen dahin zurückkehren, wo eigentlich nur noch eine Ruinenlandschaft ist. Und seitdem begleiten wir dieses Dorf und begleiten einige der Einwohnerinnen und Einwohner und schauen eben immer wieder mal nach, wie geht es mit dem Wiederaufbau weiter.
Und wir sehen die Zukunftsperspektiven dieser Leute aus. Als ich jetzt da war, ja, ich habe es ja schon eingangs gesagt, hat sich so ein bisschen die Stimmung verändert, weil Pursa Pokorsk wieder in Reichweite russischer Drohnen ist. Es war irgendwie sehr skurril. Also auf der einen Seite hat man Kinder gesehen, die in einem Park waren, da kommen wir gleich noch drauf. Ein wunderbares, hoffnungsmachendes Projekt.
Und auf der anderen Seite stand ich in einer Tankstelle, in der wir auch zigmal waren. und diese Tankstelle war eine Ruine, also total zerstört. Und zwar erst am 5. Juni. Da ist eine russische Scheid- oder Geran-Drohne eingeschlagen. Vier Menschen sind da gestorben bei diesem Angriff. Und auch Menschen, eine Frau jedenfalls, die ich kannte, die, wie gesagt, wir waren oft da, weil es leckere Hotdogs gehabt und Kaffee.
Und eine der Verkäuferinnen, die ich da kennengelernt habe, die ist eben gestorben bei diesem Angriff am 5. Juni. Und das ist eben nicht die einzige Tankstelle, die angegriffen worden ist. Während ich da war, jetzt in Posapokrovsk, gab es die Attacke auf eine weitere Tankstelle im Dorf. Es gab zwei. Und diese zweite Tankstelle ist auch angegriffen worden.
Und ich habe mich mit dem Tankwart dort unterhalten, Ivan. Und Ivan, der stand an dem Morgen, nachdem das passiert ist. Auf dem Tankstellengelände. Es waren schon Arbeiter dabei, die Reparaturen zu machen. Und Ivan hatte eine schusssichere Weste an, bzw. eine Splitterschutzweste. Und das war das erste Mal, dass er so eine Weste getragen hat.
Und irgendwie versucht er natürlich, dass der Alltag weitergeht. Mitten in der Nacht ist eine FPV-Drohne auf das Vordach gestürzt. Ja, wir haben hier Splitter abbekommen. Nun alle sind wohl auf, Gott sei Dank. Die Scheiben und Fenster sind jetzt mit OSB-Platten verkleidet und alles wird gut. Und so läuft der Betrieb an der Tankstelle weiter.
Diese FPV-Drohnen, von denen er spricht, das sind diese kleinen Kamikaze-Drohnen. Die haben eigentlich keine besonders große Reichweite, vielleicht 20 Kilometer oder so, tragen Sprengladung mit sich und die werden dann eben in die Ziele reingesteuert von den Piloten. Was neu ist, dass die Russen jetzt Molnir-Drohnen einsetzen.
Das sind Billig-Drohnen, auch Kamikaze-Drohnen, aber das sind so Starrflügel-Dinger, aus Aluminiumrohren und aus Sperrholz. Also wirklich Billigprodukte kosten 500 Dollar das Stück. Und die haben allerdings eine größere Reichweite als die herkömmlichen FPV-Drohnen. Und das ist wohl einer der Gründe, weswegen Professor Pukrovskis wieder angegriffen wird.
Das Dorf ist eigentlich relativ weit von der Frontlinie entfernt, mehr als 30 Kilometer. Aber wie gesagt, jetzt kommen offensichtlich diese Molnir-Drohnen in das Dorf rein und attackieren da eben Ziele. Die Shai-Drohnen, von denen ich von erzählt habe, bzw. Geran-Drohnen, das sind Langstrecken-Drohnen. Die haben also wesentlich größere Sprengköpfe als diese FPV-Drohnen.
Und das war eben eine dieser Drohnen, die die Andertankstelle komplett zerstört hatte. Ivan hat im Grunde genommen so ein bisschen Glück gehabt, aber Ivan sagt ihm auch, dass alle Tankstellen als rote Punkte markiert seien, das heißt als mögliche militärische Ziele. Und er sagte mir auch, naja, also er wisse jetzt auch nicht, wie es weitergeht, ob möglicherweise jetzt seine Tankstelle auch mit der Scheid- oder Gerandrohne angegriffen wird und dann eben entsprechend zerstört wird.
Aber er hat auch ganz fatalistisch gesagt, das passiert eben. Aber es werden eben nicht nur die Tankstellen angegriffen, sondern an dem Tag, als ich da angekommen bin, am Morgen, wurde auch der Dorfladen im Zentrum von Posapokowsk angegriffen. Also ein ganz kleiner, wie so eine Art Tante-Emma-Laden, wo man eben alles kaufen kann, was man so zum täglichen Bedarf braucht.
Und als ich da hingekommen bin, hat man eben noch sehr deutlich gesehen, was da passiert ist. Also das ganze Glas war zersplittert und dann mittlerweile eben durch Sperrholzplatten ersetzt worden. Es gab in den Auslagen noch starke Spuren von Schattenhällen und auch in dem Gebäude selber, so sagt man eben sehr deutlich, da war dieser Ausblick vernarbt.
Also da gab es dann eben auch Einschlagspuren. Und das Spannende war eben auch da, wie mit der Tankstelle, dass die noch am Abend, also als diese Drohne da einschlägt, eine Verkäuferin ist ja auch verletzt worden und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Aber noch am Abend haben die eben aufgeräumt und am nächsten Tag die Laden wieder aufgemacht.
Weil die Menschen eben einkaufen müssen und weil aufgeben keine Option ist. Wadim, das ist ein Mensch, der zusammen mit Oleg arbeitet, den ihr eingangs gehört habt. Oleg, über den haben wir auch schon mehrmals in diesem Podcast berichtet. Der hat eine Initiative gegründet, ein Dorfverwohner auch, hat eine Initiative gegründet mit seinen Freunden.
Mehr Taten, weniger Worte haben sie das genannt. Und die haben dann in den vergangenen Jahren immer wieder Aufbauarbeiten gemacht. Und Wadim hilft Oleg, ist einer derjenigen, die in dieser Initiative sind. Und er spricht völlig entspannt und ohne Drama. Mein Name ist Wadim. Mein Name ist Vadim, ich lebe jetzt im dritten Jahr hier in Posad-Pokrovsk.
Was soll ich sagen, in den letzten Monaten, vielleicht sogar Wochen, ist die Lage nicht gerade gut. Drohnen und Kamikaze-Drohnen fliegen hier herum, leider hat es bereits tödliche Vorfälle gegeben. Nun, im Großen und Ganzen halten wir durch. Eigentlich überall in der Ukraine immer wieder begegnet, eben dieser, wie soll man sagen, diese Schicksalsergebenheit, der Fatalismus, dass man sagt, okay, wir wissen, dass wir in Gefahr sind, auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite, wir müssen eben weitermachen.
Allerdings merkt man eben auch, jetzt wiederum in Posit-Pokowsk, dass die Menschen auch ein bisschen bütend auf ihre eigene Regierung sind. Also in Posit liegt das unter anderem auch daran, dass die Regierung sehr, sehr viel versprochen hat, was den Wiederaufbau angeht. Aber bislang relativ wenig passiert ist. Es ist doch einiges jetzt geschehen.
Es gibt um die 100 neue Häuser, die teilweise mit staatlichen Geldern aufgebaut worden sind. Aber sie haben sich, glaube ich, schon deutlich mehr versprochen, insbesondere weil der ukrainische Präsident Zelensky auch mal im Dorf war und wie gesagt den Menschen eine große Versprechung gemacht hat. Und was Oleg jetzt wiederum umtreibt, ist, dass, er die Behörden kritisiert, sagt, also diese Behörden würden nicht genug tun, um das Dorf zu schützen, insbesondere die neureigischen Punkte im Dorf, also wie diesen Laden beispielsweise oder auch die Tankstellen.
Und er sagte. Wir können dabei helfen, wichtige Gebäude zu schützen. Dabei geht es um Geschäfte oder vielleicht sogar Tankstellen, die schon längst hätten geschützt werden müssen. Doch aus irgendeinem Grund denkt niemand daran. Die Inkompetenz unserer Behörden ist daher erschreckend. Aber alles in allem tun wir natürlich unser Bestes und ich hoffe, dass bei uns alles gut gehen wird.
Es gibt eigentlich ein relativ einfaches Hilfsmittel, was zurzeit in den Frontlandstädten, und Dörfern in der Ukraine eingesetzt wird, das sind Netze. Und zwar bauen die so Netztunnel, die beispielsweise in Kherson, die Stadt, die ganz in der Nähe von Portabokrovsk ist, mittlerweile über den Straßen hängen, beziehungsweise die Seiten auch schützen. Wie gesagt, Netztunnel.
Die sind zwar kein Schutz gegen diese großen Scheiddrohnen oder gegen ballistische Raketen oder sowas, aber die fangen auf jeden Fall FPV-Drohnen ab und mindern da die Explosionswucht. Und das rettet Leben und ist eigentlich eine sehr, sehr gute Sache. Und Oleg selbst hatte für seine Initiative relativ viele von diesen Netzen gespendet bekommen von einer norwegischen Organisation und leider fehlen ihm zum einen die Arbeiter und auch die Pfeiler, um diese, Sachen aufzubauen, diese Netze, diesen Netztunnel.
Und das, wie gesagt, ärgert ihn, also dass die Regierung da nicht genug unternimmt, um dieses dort zu schützen. Was Oleg auch umtreibt, ist eigentlich ein ganz anderes Thema. Und wie ich sagte ja gerade, die haben auch Probleme, Arbeiter zu finden. Derzeit werden viele, viele Männer im wehrfähigen Alter abgegriffen von den Rekrutierungsbehörden.
Und deswegen gibt es auch mittlerweile einen Mangel an Freiwilligen für die Initiative von Oleg und seinen Freunden. Auch das ist ein immer größeres Problem. Und auch das sorgt mittlerweile für sehr, sehr viel Kritik. Also dass die sogenannten TZK, diese territorialen Rekrutierungsbehörden, dass die eben sehr robust vorgehen und dann die Männer abgreifen, Trainingscamps bringen und dann direkt in die Front schicken.
Oleg macht aber trotzdem weiter mit seiner Initiative und in der Vergangenheit haben die Wasserleitung gelegt, sie haben Dächer gedeckt, sie haben Hilfslieferungen gebracht an Leute in den benachbarten Dörfern und auch bedürftige Menschen in ihrem Dorf selbst, in Posapokowsk. Sie haben auch beispielsweise, was ich auch echt ein tolles Projekt fand, ein mobiles Kino ins Leben gerufen.
Also fahren mit ihrem Bus, den sie haben, unter Leinwand und einem Beamer dann in die Dörfer in der Peripherie und lassen die Kinder dann eben Kinofilme gucken. Ich war dann in Lusch dabei, das ist so ein Dorf direkt in der Nachbarschaft zu Posapokowsk, wo nur 230 Leute leben, da unter 16 Kinder. Und da habe ich mir das dann eben auch angeschaut. Also einige von den Kindern waren da und waren total happy, Die haben wirklich Spaß gehabt bei dieser Kino-Vorführung.
Und das sagt auch eine Dame, die in dem lokalen Kulturzentrum arbeitet, wo diese Kino-Vorführung stattgefunden hat. Für die Kinder ist das ein sehr wichtiges Projekt, denn in der aktuellen Situation haben die Kinder nirgendwo die Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Sie wissen ja, wie die Lage gerade ist.
Die Kinder können also kommen, einen Film anschauen, Spaß haben und die Ereignisse hier in der Ukraine für einen Moment vergessen. Das ist im Moment sehr wichtig für sie. Aber zurück nach Portnopokows. Und wenn man heute durch Portnopokows fährt, sieht man vieles gleichzeitig. Einmal diese Zerstörung, von der ich gerade gesprochen habe, also die frische Zerstörung.
Ob das jetzt die Tankstellen waren oder eben der Laden. Gleichzeitig sieht man auch eine ganze Menge Ruinen noch aus der Zeit von dem Jahr 2022. Also, wie gesagt, die Schule, der Kindergarten zerstört, das Kulturzentrum, das Lokale zerstört. Aber man sieht eben, wie gesagt, auch noch viele Privathäuser, die noch kaputt sind.
Aber auf der anderen Seite sieht man neue Häuser, Fritzverputzer, Fassaden, Kinderfahrräder vor den Häusern. Und man sieht, dass schon einiges passiert ist. Also die Straßen sind mittlerweile asphaltiert und einigermaßen in Ordnung. Die Stromversorgung ist stabil. All das hat eine Zeit gebraucht, aber man merkt schon, dass sich auch was zum Positiven verändert hat.
Und das sagt auch eine Dame, die ich getroffen habe, Lena, eine Frau, eine Ältere, die mit ihrer Enkelin in einem Park war, den Oleg mit seinen Freunden errichtet hat. Auch, wie gesagt, ein wunderschönes Projekt. Da haben sie Holzpavillons aufgebaut, einen Kinderspielplatz aufgebaut, Turngeräte, also einfach ein schönes Ding, wo Leute entspannen können, wo mittlerweile auch viele mit ihren Kindern hinkommen und unter anderem war eben Lena da.
Die mit ihrer Enkelin in den Park gekommen war. Guten Tag, ich bin Lena. Ich lebe schon lange in Posad-Pokrovsk. Heute ist es hier viel besser als zu der Zeit, als wir zurückgekommen sind. Als wir ankamen, gab es nur Ruinen. Wir haben uns sehr darum bemüht, unter normalen Bedingungen zu leben. Natürlich fehlt noch einiges, aber dennoch ist der Anblick, der sich jetzt bietet, erfreulich. Denn früher, wenn wir zum Laden gegangen sind, habe ich einfach geweint.
Ich habe all die zerstörten Häuser gesehen und geweint. Es war ein trauriger Anblick. Jetzt ist es etwas besser. Ich freue mich, dass hier Kinder zu sehen sind. Abends hört man Lieder und Gelächter und es sind junge Leute da. Insgesamt gibt es natürlich viel mehr. Wir werden wohl bestimmt zehn Jahre lang wieder aufbauen müssen. Vorausgesetzt, man hilft uns, denn wir allein werden das alles nicht wieder aufbauen können. Es ist aber alles da.
Weil wir das nicht selbst beziehen. Ja, und es war nicht nur Lenas Enkelin da, sondern etliche andere Kinder. Und das war wirklich toll zu sehen. Also auch eigentlich, ja, es ist zwar schön, aber natürlich auch ein bisschen skurril, wenn man weiß, also morgen ist da noch in dem Dorf eine Drohne eingeschlagen und jetzt ist der Spielplatz voll mit Kindern.
Aber es war halt auch ein tolles Zeichen, dass es mit dem Dorf wieder nach vorne geht. Also die Kinder haben da gespielt, haben gelacht, haben die ganzen Spielgeräte benutzt. Und das war wirklich schön zu sehen und wo man auch gemerkt hat, dass Oleg und seine Leute da sehr, sehr stolz auf dieses Projekt waren, weil das eben auch ein Stück weit das Leben erst darauf zurückbringt.
Aber die Frage ist natürlich, reicht Wiederaufbau alleine? Die Menschen müssen sich natürlich auch sicher fühlen können. Und das ist jetzt eben ein Problem. Also Oleg hatte auch so ein Drohnen-Detektor dabei, so ein kleines Gerät. Was akustische Signale sendet, wenn eine Drohne im Anflug ist. Und man hat immer wieder gehört, wie das Ding alarmgeschlagen hat.
Also dass Drohnen da in unmittelbarer Nachbarschaft des Dorfes unterwegs waren, die nicht alle dann reingekommen sind. Aber wo man eben schon gemerkt hat, da ist die Gefahr tatsächlich, ja, die konnte man hören. Also ein komisches piepsendes Geräusch. Dann kann man auf dem Gerät sehen, die Drohne ist noch zwei Kilometer entfernt, drei Kilometer entfernt.
Und ja, also das ist dann natürlich auch wieder so ein bisschen beängstigend. Einer der Freunde von Oleg, der später auch dazugekommen ist in dem Park, der hat auch nochmal sehr deutlich gemacht, was ihm am Dorf noch fehlt und wo er die großen Probleme sieht. Die Situation ist sehr leicht. Wir haben einfach eine Situation.
Es ist eine typische Dorfsituation. Es gibt keine Arbeitsplätze, keine Fabrik oder ähnliches. Wie soll ich sagen, es gibt keine Schule, keine Kindergärten. Was die Wasserversorgung angeht, nun ich weiß nicht recht. Die Wassertürme sind alt. Um ein vernünftiges Wassersystem aufzubauen, bräuchte man örtliche Brunnen, damit die Menschen leichter einen Hausanschluss bekommen könnten.
Gerade ältere Menschen könnten Hilfe gebrauchen, um Wasserleitungen bis zu ihren Häusern verlegt zu bekommen. Abgesehen davon gibt es noch sehr, sehr viele Dinge, die nicht erledigt wurden. Und das fängt schon bei den einfachsten Sachen an. Das Militär muss einfach vorsichtiger im Umgang mit der Zivilbevölkerung sein.
Vor allem sollten sie mit Militärfahrzeugen nicht direkt bis vor die Laden fahren. Sie sollten ganz normale Fahrzeuge benutzen. Man könnte die Militärfahrzeuge irgendwo in der Nähe abstellen und dann ein Stück zu Fuß gehen. Denn wer leidet am meisten? Die Zivilbevölkerung. und hinterher zahlt das Militär keinen einzigen Kopeken für die entstandenen Schäden.
Was er da gerade angesprochen hat, das gehört natürlich auch zur Wahrheit dazu. Also eine Tankstelle anzugreifen, diese Occo-Tankstelle, die komplett zerstört worden ist. An einem frühen Nachmittag, wie das eben der 5. Juni war, als das passierte. Wo man weiß, da sind ganz viele, auch zivile Kunden, die da tanken oder einkaufen wollen.
Das geht natürlich gar nicht, aber auf der anderen Seite muss man nur sagen, Gerade diese Tankstellen sind auch Anlaufstellen für Soldaten, die bei den Tankstellen dann ganz häufig Essen oder Kaffee kostenlos bekommen. Und das macht das Ganze dann natürlich zu einem militärischen Ziel und das ist eben das, was Boloromir, wie ihr gerade gehört habt, kritisiert hat.
Man kann sich natürlich die Frage stellen, wenn das wirklich jetzt wieder so kritisch wird in dem Dorf, warum bleiben die Leute eigentlich da? Das ist eine Frage, die ich mir ganz häufig gestellt habe, wenn ich in der Ukraine unterwegs war. Und gerade in den Städten oder Dörfern, wo die Front ganz nah herangerückt war, wo es wirklich lebensgefährlich war, habe ich immer wieder Leute getroffen und mit denen gesprochen.
Und ich finde es immer wieder faszinierend, dass Menschen eben da bleiben, dass Menschen sich nicht entscheiden zu fliehen. Und eine junge Frau, die ich getroffen habe, auch in dem Park übrigens, die war da mit ihren beiden Kindern, Alexander, die ist vor ein paar Jahren zurückgekehrt. Und die hat mir erzählt, warum. sie in Wiesendorf bleiben wird und will.
Denn das hier ist unsere Heimat. Unsere Eltern sind hier. Wir sind hier aufgewachsen, wir sind hier geboren. Und anders gesagt, nirgendwo sonst werden wir noch gebraucht. Wir sind ja auch weggegangen und die Leute verstehen nicht, wie es ist, seine Heimat zu verlieren, alles zu verlieren, zwei Taschen zu packen und mit den Kindern auf dem Arm fortzugehen.
Und dann noch die Gefahr überall sonst. Nun, unsere Seele ist eben hier wahrscheinlich. Hier kann man nun ja jeder, man kennt hier jeden, man kann zu seinen Eltern gehen, zu den Verwandten. Ja, bleiben braucht Orte für Kinder und das sagt auch Basile. Basile ist auch einer der Mitarbeiter von Oleg, der auch in dieser Initiative mitarbeitet.
Der hatte den Hintergrund, dass sein eigener Sohn gestorben ist, gefallen ist. Und der ist insbesondere sehr engagiert eben für die Kinder. Und der hat mir dann auch gesagt, warum er das macht. Damals schlug Oleg vor, dass ich als Ausbilder zur Organisation komme und so arbeite ich nun schon lange mit ihm zusammen, also schon eine ganze Weile.
Wir haben uns gegenseitig durch alle Schwierigkeiten geholfen und ja, man macht das ja für Welter eigentlich. Wir tun das für die Kinder, einfach für alle, für unsere eigenen, für alle eben, kurz gesagt für die Kinder, damit sie kommen und abends hier spazieren gehen. Man sieht das ja. Kinder kommen und gehen mit ihren Müttern spazieren, große wie kleine.
Es gibt Vorführungen, die Kinder können mitmachen. Das ist es. Wir haben Weihnachtsbäume gepflanzt. Bäume gepflanzt. Als es dann Abend geworden ist, dann haben wir auch zusammengesessen lange. Es gab Barbecue. Wir haben den einen oder anderen Wodka dann zusammen getrunken. Es war sehr gemütlich, war sehr schön. Der Sohn von Oleg hat Musik gemacht, spielt ziemlich gut Gitarre.
Und man hat dann eben auch die Eltern gesehen, die auf den Bänken sitzen mit den Kindern, man hat die Jugend gesehen, die da unterwegs war und da hat Posa Pokrovs plötzlich gewirkt wie so ein ganz normales Dorf, ein schönes Dorf, ganz idyllisch, also auch dieser Park. Das war dann ein richtig schöner Abend, aber natürlich weiß man, es wird jetzt wieder schwieriger in Posa.
Und das fand ich eben einigermaßen sehr tragisch, also dass dieses Dorf, was sich gerade wieder berappelt hat, was gerade wieder auf dem Weg war, in die Normalität zurück, dass dieses Dorf jetzt wieder in der Reichweite von russischen Drohnen ist, dass diese russischen Drohnen dieses Dorf auch mal wieder attackieren und den Menschen da das Leben schwer machen, dass sie die Menschen einfach nicht in Frieden lassen.
Und ich weiß nicht, wie das jetzt weitergeht in dem Dorf. Also ich glaube, wenn das jetzt wieder schlimmer werden wird, mit den Drohnenangriffen werden sich doch wieder einige Leute entscheiden, das Dorf zu verlassen, einfach auch um ihre Kinder zu schützen. Aber ich hoffe einfach, dass das jetzt eben nicht geschehen wird, sondern dass eben das ganze Positive, was man eben in POSAD auch gesehen hat.
Dass sich verstetigt und dass POSAD die Menschen dort irgendwie die Möglichkeit haben, ein normales Leben zu leben, in Frieden zu leben und in Sicherheit zu leben. Und das wünsche ich diesen Menschen da und wir halten euch auf jeden Fall auf dem Laufenden. Also ich werde mit Sicherheit demnächst wieder nach Posa fahren, nach Posa Pokrovsk und dann werde ich euch erzählen, wie es den Menschen jetzt weiter ergangen ist.
Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeister. Er ist Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe. Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked uns und folgt uns. Das hilft, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
Wenn Heimatschutz braucht, um Heimat zu bleiben, wer trägt aus eurer Sicht die Verantwortung dafür? Staat, Militär, internationale Hilfe oder zuerst die Menschen vor Ort? Schreibt mir, woran ihr das festmacht. Krisenmodus at funkemedien.de Passt auf euch auf. Bis bald. Ciao, ciao.