Machtmenschen – Mit Franziska Reich

Integrationsbeauftragte Natalie Pawlik – Wer darf in Deutschland bleiben und wer muss gehen?

Freitag, 30. Oktober 2026 · 1 h 03

MP3

Shownotes

Trotz rückläufiger Zahlen bleibt Migration eines der größten Reizthemen. Wer darf bleiben, wer muss gehen? Das ist eine der Fragen, die auch Natalie Pawlik beschäftigt. Sie ist Staatsministerin und Bundesbeauftragte für für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Natalie Pawlik kam mit sechs Jahren aus Sibirien nach Deutschland. Wenn sie über Menschen spricht, die nach Deutschland kommen, weiß sie, was diese brauchen. Welchen Hürden sie begegnen. In dieser Folge „Machtmenschen“ blickt die SPD-Politikerin, gemeinsam mit Focus-Chefredakteurin Franziska Reich, auf die Erfolge und Defizite der deutschen Migrationspolitik. Was lief seit 2015 falsch? Und hat Friedrich Merz nicht vielleicht doch einen Punkt, wenn er von einem „Problem im Stadtbild“ spricht?

Natalie Pawlik erklärt, wie die Politik mit Clankriminalität und Parallelgesellschaften umgehen kann, ohne alle Probleme pauschal Migranten zuzuschreiben. Welche Rolle der muslimische Glauben in Deutschland spielt. Und warum Geflüchtete auch dann eine Bleibeperspektive erhalten sollten, wenn sie sich nicht komplett selbst versorgen können. Thema sind auch Pawliks Kindheit in Russland und die Schwierigkeiten, denen sie nach ihrer Ankunft in Deutschland begegnen musste. Wann sie Innenminister Alexander Dobrindt zuletzt widersprochen hat? Hören Sie das und mehr in der neuen Folge „Machtmenschen“.

Quellen der Einspieler:
• Stadtbild (youtube.com/watch?v=qE4Ws_jcJPY)
• „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros (youtube.com/watch?v=mTyZMjezn6c)
• Dobrindt (youtube.com/watch?v=x4m5-3oQjUQ)

„Machtmenschen“, der Politik-Podcast von FOCUS erscheint jeden Freitag, überall dort, wo es Podcast gibt. Jetzt abonnieren und keine Folge verpassen!

Sie haben Fragen, Kritik oder Themenvorschläge? Schreiben Sie uns an machtmenschen@focus-magazin.de.

Redaktion: Annica Kramer
Post Production: Marvin Schwarz

Treten Sie unserer Community bei Campfire FM bei, um weitere Einblicke zu erhalten und gemeinsam zu diskutieren.

Impressum: focusplus.de/impressum, (focusplus.de/impressum,) Datenschutz: focusplus.de/datenschutz (focusplus.de/datenschutz)

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Ich glaube, es wurde auch lange Zeit geleugnet, dass muslimisches Leben Teil der deutschen Gesellschaft ist und dass es dazu ja auch beispielsweise eine Imam-Ausbildung in Deutschland braucht. Und ich kannte kein Wort Deutsch oder kaum Wörter Deutsch und kam dann erst einmal in so eine Integrationsklasse.

Herzlich willkommen zu Machtmenschen, dem Politik-Podcast von Fokus. Ich bin Franziska Reich und treffe hier jede Woche Menschen, von denen es heißt, sie hätten Macht. Und das Thema, über das ich mit meinem heutigen Gast sprechen werde, beschäftigt uns seit einigen Jahren in jedem Wahlkampf. Nathalie Pavlik ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie Antirassismus.

Sie ist in Sibirien geboren, kam mit sechs Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland und ist heute Staatsministerin. Über Migration werden wir auf jeden Fall reden, denn ich glaube, wir reden sehr oft so über genau dieses Thema, als wäre längst klar, wer genau damit gemeint ist und was alles schiefläuft.

Wir wollen heute aber mal genauer hinschauen, wer kommt, was gelingt, was misslingt, wer führt hier welches Leben und wer führt welche politischen Debatten und wer trägt die Verantwortung. Liebe Frau Pavlik, herzlich Willkommen bei Machtmenschen. Schön, dass Sie da sind. Hallo, ich freue mich auch. Hier bei Machtmenschen hat zu Beginn jeder Gast die Möglichkeit, drei Dinge über sich zu verraten, die wichtig sind im Laufe des Gesprächs über sie zu wissen.

Was also sollten alle, die uns jetzt zuhören, über Nathalie Pavlik wissen? Ich bin sehr leistungsorientiert, liegt vielleicht auch an meiner Biografie. Ich hatte als Kind eine Kuh. Wow, wie hieß sie? Die hieß Vizda, das bedeutet, kommt aus dem russischen Stern, Sternschnuppe. In welcher Sprache träumen Sie? In Deutsch. In Deutsch.

Aber Russisch noch immer? Also ich kann Russisch, ich war halt sechs Jahre alt, das heißt, ich spreche viel auf dem Niveau eines sechsjährigen Kindes. Also mir fehlt einfach Vokabular, um zum Beispiel akademische, politische Debatten zu führen. Aber im Alltag komme ich gut mit dem Russischen auch zurecht. Das auf jeden Fall.

Eigentlich bin ich auch Läuferin. Bevor ich mein Kind bekommen habe, auch Halbmarathon gelaufen. Oh wow, okay. Wollen wir loslegen mit einer kleinen Spielrunde? Ja, gerne. Die schnelle Runde. Und da gebe ich Ihnen zehn Satzanfänge vor und Sie vervollständigen Sie ganz, wie Sie wollen. Eine Minute haben wir Zeit, die Stoppuhr läuft.

Wenn wieder einmal mehr Abschiebungen gefordert werden, denke ich, muss das wirklich sein? Das größte Integrationsproblem ist aus meiner Sicht mangelnde Sprachkenntnisse. Wenn Menschen nach 20 Jahren in Deutschland noch kein Deutsch sprechen, ist das ein Problem für ihre Teilhabe. Der wichtigste Schlüssel zur Integration ist Sprache, Bildung, Arbeit. Wenn Friedrich Merz vom Stadtbild spricht, sehe ich...

Schüren von Ressentiments und weniger die lösungsorientierte Debatte anhand von Problemen. Alexander Dobrindt sollte einmal einen Tag lang... Ein Integrationsprojekt besuchen. Den Satz, die Sorgen der Menschen ernst nehmen, glaube ich erst, wenn tatsächlich der Alltag der Menschen durch Politik besser wird.

Wer über Migration redet, ohne die Zahlen zu kennen sollte sich die Zahlen anschauen. Der SPD verzeihe ich vieles aber nicht, wenn sie gegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Politik macht. Wenn die Regierung Integration erschwert, also durch Abziehen von Mitteln, dann haben wir ein gesellschaftliches Problem.

Und Sie würden aktiv wie? Mehr in die Integrationsstrukturen vor Ort investieren und dafür sorgen, dass Integration gelingt. Wenn die Regierung Integration erschwert, ab welchem Punkt würde es Ihnen nicht mehr reichen, intern auch zu widersprechen? Also wenn Sie das Gefühl haben, es werden Mittel abgezogen, es werden Kurse gestrichen, es wird einfach erschwert, tatsächlich Teilhabe zu ermöglichen für Menschen, die hier teilhaben wollen.

Wo wäre für Sie der Punkt, dass Sie sagen, da müsste ich wirklich öffentlich was zu sagen? Wenn es wirklich keinen Sinn machen würde, wir hatten auch so einen Punkt in der Regierung tatsächlich schon gehabt, Das war der Zulassungsstopp für die freiwilligen Teilnehmenden zu den Integrationskursen. Und ich meine, es ist überall bekannt, dass Sprache der Zugang zur Gesellschaft ist und dass es wichtig ist, da auch rein zu investieren, um natürlich den Menschen zum einen ein selbstständiges Leben hier zu ermöglichen, zum anderen, damit sie aber auch hier arbeiten können, hier ankommen können und eben unabhängig vom Staat leben können.

Und da bin ich auch öffentlich gegen den Innenminister rausgegangen und habe mich sehr stark dafür gemacht, dass das wieder rückgängig gemacht wird. War das eine reine finanzielle Frage eigentlich, dass eben Menschen nicht mehr freiwillig irgendwie an diesen Kursen teilnehmen durften? Ging es nur um das Geld oder was war der Hintergrund dessen?

Nein, das ging an der Stelle nicht nur ums Geld. Ich glaube, da ging es auch tatsächlich um unterschiedliche Vorstellungen davon, wer die Gruppen sein sollen, die tatsächlich an so einem Integrationskurs teilnehmen können, sollten. Was dachten Sie und was dachte der Innenminister? Also wie waren diese Vorstellungen, inwiefern waren die so unterschiedlich?

Also wir haben ja unterschiedliche Gruppen, die vorher vorgesehen waren, dass sie an diesen Kursen teilnehmen können. Dazu gehörten EU-Bürgerinnen zum Beispiel, Ukrainerinnen und Ukrainer und auch Menschen im Verfahren. Das wurde von der vorherigen Regierung auch ermöglicht, weil die Verfahren super lange dauern und es keinen Sinn macht, dass Menschen in der Zeit keinen Zugang zur Sprache haben.

Und wir haben da tatsächlich eine Kompromiss, eine Lösung gefunden, was ich sehr nachvollziehbar finde. Aber ich glaube, was dahinter steht, ist einfach die unterschiedliche Vorstellung davon, welche Menschen tatsächlich hier auch diese Unterstützung bekommen sollten oder nicht. Und aus meiner Sicht sollten alle, die hier sind, die hier auch perspektivisch länger bleiben, auch die Möglichkeit eines Zugangs zur Sprache bekommen.

Und der Innenminister sieht es halt anders. Der Innenminister sieht es dann vielleicht eher so, dass die Menschen halt wieder dann irgendwann zurückgehen sollen und deswegen gar nicht die Sprache hier unbedingt lernen müssen? Kann sein, aber das macht ja keinen Sinn, wenn Sie jahrelang hier sind, Ihnen den Zugang zu verwehren, weil Sie in der Zeit dann auch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, hier weniger, teilhaben können und am Ende man Sie eigentlich in der Abhängigkeit von dem deutschen Staat lässt, statt Ihnen den Weg in den Arbeitsmarkt zu öffnen und Ihnen ein selbstbestimmtes Leben hier auch zu ermöglichen.

Das ist ja nicht effizient, meiner Meinung nach, an der Stelle zu kürzen oder die Zugänge zu verwehren. Kommen wir damit doch zu unserem ersten großen Thema, zu... Das macht Thema der Stunde. Und da hören wir, was Friedrich Merz am 14. Oktober 2025, also im vergangenen Jahr, beim Antrittsbesuch in Brandenburg sagte.

Es waren folgende Sätze. Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht. Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem. Das Stadtbild, das hatten wir gerade kurz auch in der Schnellfragerunde.

Das war der Bundeskanzler vor einem Jahr. Jetzt hat der hessische Ministerpräsident Boris Rhein die Debatte wieder aufgerufen mit einem Interview in der Bild am Sonntag. Da hat er nämlich gesagt, da sind wir wieder bei einem Thema und das ist das Stadtbild. Daraufhin gab es auch Umfragen. Menschen sagten ja, das Stadtbild ist weiterhin ein Problem.

Wie sehen Sie das? Ist das eine wichtige Diskussion, die man führen muss oder ist es Stimmungsmache? Ich finde, wir müssen natürlich über die Probleme, die wir auch in unseren Städten, Großstädten haben. Wohnungslosigkeit, Vermüllung, Sicherheitsbedürfnisse von Menschen, natürlich müssen wir über solche Probleme diskutieren, reden und im besten Fall natürlich auch Lösungen finden.

Das im Zusammenhang nur mit Migration zu betrachten, halte ich für verkürzt. Und ich halte das tatsächlich auch für ein Schüren von Ressentiments, weil man Probleme, die es gibt, natürlich vor Ort gibt, einer Gruppe zuschreibt. Und eben nicht über Lösungen und die tatsächlichen Ursachen spricht, sondern halt eben nur über einzelne Menschengruppen. Und das halte ich für falsch.

Ich teile auch nicht die Auffassung von Boris Rhein, dass es irgendwie in der SPD oder in anderen politischen Gruppen jetzt nicht das Bedürfnis darüber gibt, auch über diese Probleme zu sprechen. Aber es kommt schon auf das Wie an. Und in einem Atemzug das schlechte Stadtbild zu erwähnen und Migration, halte ich für keine gute Kommunikation.

Und das schürt am Ende Ressentiments und führt ja nicht dazu, dass wir tatsächlich über Lösungen von Problemen diskutieren oder auch im besten Fall diese Probleme dann auch lösen. Dann schauen wir uns einmal die Probleme tatsächlich an, das reale Problem. In der polizeilichen Kriminalstatistik 2025, also aus dem vergangenen Jahr, lag die tatverdächtigen Belastung der hier wohnenden Nichtdeutschen bei Gewaltkriminalität ungefähr viermal so hoch wie die der Bundesbürger.

Ja, rechnet man aufenthaltsspezifische Delikte auch raus, sind es immer noch 2,6-fach. Also es ist einfach eine höhere Zahl. Das sind die Zahlen. Wie ordnen Sie das ein, wenn Sie sagen, okay, wir müssen diese Probleme benennen, aber wir müssen einen anderen Kontext schaffen? Die Zahlen sagen ja tatsächlich, wir haben ein Problem mit der Gewaltkriminalität, oder?

Ja, natürlich. Und da muss man die Ursachen betrachten, die dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden. Da spielen natürlich auch soziale Verhältnisse eine große Rolle. Und ja, wir haben schon auch die Situation, dass Menschen ohne Staatsangehörigkeit oder ohne einen Aufenthaltstitel natürlich auch in ganz, zum Teil schwierigeren Verhältnissen leben als andere.

Und sowas ganzheitlich zu betrachten, halte ich für wichtig. Und trotzdem müssen wir natürlich, also mich beunruhigen diese Zahlen auch. Und natürlich finde ich das auch nicht richtig, sie zu verschweigen. Aber ich glaube, Kriminalität als solche ist ein großes Problem. Die Ursachen von Kriminalität liegen aber nicht in Gruppen von Menschen, sondern die liegen auch in vielen sozialen Kontexten. Und über die müssen wir auch reden.

Aus meiner Sicht ist das zu einfach immer, auch Kriminalität nur bestimmten Menschengruppen, in dem Fall Migrantinnen und Migranten, zuzuschieben. Nun gab es ein ganz besonderes Ereignis, das schon längere Zeit zurückliegt. Ich rede von der Silvesternacht in Köln auf der Domplatte. Und das war ja tatsächlich eigentlich nach einer Phase 2015, in der viele Menschen in dieses Land gekommen sind und auch eigentlich eine große Bereitschaft vorhanden war, war das wie so ein Kipppunkt.

Und danach war die, ich würde sagen, es gab ein Vorher und ein Nachher, war die Diskussion eine andere. Da ging es genau um spezifische Migrantengruppen aus spezifischen Regionen, spezifisch Geschlecht, nämlich männlich, jung, mit einem spezifischen Deliktverhalten. Sie sagen, man kann es nicht einfach nur auf Migranten oder bestimmte Gruppen reduzieren, aber wie sprechen wir denn über diese tatsächlich dann vorhandenen spezifischen Delikte, die wir in migrantischen Milieus, vielleicht sogar aus bestimmten.

Ländern stammen, die wir hier feststellen? Erstmal möchte ich betonen, dass es schrecklich war, was damals in Köln passiert ist. Das ist ganz furchtbar. Und ist schon auch etwas, wo wir auch mit der Härte unseres Rechtsstaates auf jeden Fall vorgehen müssen. Und natürlich müssen wir auch über solche Taten und auch Gruppenspezifika, wie Sie das gerade angesprochen haben, also dass es zu solchen Taten kommt und wie es dazu gekommen ist, das Aufarbeiten darüber auch sprechen können.

Aber die Schlussfolgerung daraus darf nicht heißen, alle Migranten seien so, sondern natürlich haben wir, Sie haben jetzt gerade das Thema Männer angesprochen, auch da Probleme. Und definitiv gibt es auch unter Migranten auch Probleme in dem Bereich. Aber zu verallgemeinern und daraus zu schließen, alle Migranten seien mehr krimineller als andere, das halte ich für verkürzt.

Und was mich ehrlicherweise auch stört, ist, dass wir mittlerweile teilweise einen Punkt erreicht haben, wo wir oder wo auch im Deutschen Bundestag zum Beispiel über, das Thema Kriminalität auch bewusst von manchen Gruppen nur in einem migrantischen Kontext gesprochen wird. Und das, finde ich, wird dem Thema nicht gereucht. An den denken Sie da, also vor allen Dingen an die AfD?

Vor allen Dingen an die AfD. Inwiefern ist es so, dass Sie nur im migrantischen Kontext darüber sprechen? Naja, weil die letzten Debatten, die wir so hatten, da ging es immer um Migration in dem gleichen Atemzug, wird über Gruppenvergewaltigung gesprochen, zum Beispiel. Und das wird aus meiner Sicht diesem Thema nicht gerecht, auch der Kriminalität nicht gerecht, auch der Frage zur Lösung von diesen Problemen nicht gerecht, Weil das eben die Themen auf bestimmte Gruppen reduziert und wir weniger über die, ganzheitlichen Ursachen und wie lösen wir eigentlich das Problem sprechen, sondern wir schreiben einfach Probleme bestimmten Gruppen zu und das finde ich problematisch.

Der wird ja dann auch schon immer mit Statistiken operiert. Ich kann das jetzt bei Gruppenvergewaltigungen gar nicht verifizieren. Sie vielleicht, ich weiß es nicht, ob wieder die Verteilung ist. Aber am Ende in diesen Debatten wird ja dann immer darauf hingewiesen, dass eben die Belastung bei migrantischen Gruppen in den Statistiken höher ist.

Und wir bleiben aber ja letztlich bei der Beschreibung dessen stehen. Was bräuchte es denn in der politischen Diskussion darüber, um zu Lösungsansätzen zu kommen? Ja, ich glaube, da müssen wir darüber sprechen, warum ist das so? Woher kommt das und was können wir dagegen tun, dass wir eben die Ursachen dessen bekämpfen und nicht nur eine Gruppe problematisieren, sondern tatsächlich über die Lösung der Probleme sprechen?

Und ich finde schon, dass auch da ganz natürlich auch bestimmte Vorstellungen, eine Rolle spielen, aber vor allem soziale Verhältnisse. Also das sind ganz unterschiedliche Strukturen auch, in denen zum Beispiel bestimmte Delikte stattfinden. Ich hatte gestern einen Austausch gehabt, auch zur Frage von Clankriminalität.

Da stecken einfach unterschiedliche Strukturen dahinter, über die wir sprechen müssen, die am Ende dieses Phänomen beschreiben und wie wir dem auch begegnen ganzheitlich, ohne das immer nur bestimmten Gruppen zuzuschreiben. Werden wir da mal konkret bei der Clankriminalität und den Strukturen dahinter.

Welche Strukturen sind denn entscheidend? Also wo müsste man ansetzen, jenseits von Strafverfolgung? Naja, das Problem ist ja auch eine Art Kultur, die dahinter steckt, also im Sinne von patriarchale Strukturen. Da sind Menschen, die werden in Familien reingeboren, die dort auch groß werden und wenig Möglichkeiten haben, sich dem zu entziehen.

Wo wir erleben, auch in manchen Bezirken, auch hier in Berlin, dass dann eben auch die Delikte, das ist nicht immer die große organisierte Kriminalität, sondern das sind ganz oft auch Dominanzverhalten im Straßenverkehr zum Beispiel und so weiter. Also all das gehört ganzheitlich dazu und ich glaube, wenn wir wirklich über Lösungen oder Lösungen herbeiführen wollen, müssen wir das auch ganzheitlich betrachten und es eben nicht dabei belassen, das bestimmten Gruppen zuzuschreiben.

Ist am Ende aber nicht Familie, also beispielsweise bestimmte Männerbilder, die einfach auch von Kindesbeinen an zur Erziehung gehören, ist Familie nicht immer so viel mächtiger, wirkmächtiger als Staat oder staatliche Institutionen sein können? Würde ich nicht betrachten. Ich glaube schon, dass der Staat auch wirken kann.

Und natürlich ist die Familie sehr prägend für jeden Menschen. Aber ich glaube schon, dass wir auch mit staatlichen Mitteln unterstützen können, auch bestimmte Bilder, Vorstellungen, Werte auch zu verändern. Wir sprechen ja immer über den Überbegriff der Migration. Was wir wenig sehen oder was wir vielleicht auch zu wenig diskutieren, sind die unterschiedlichen Beweggründe und auch die unterschiedlichen Hintergründe, aus denen Menschen hierher kommen.

Also da gibt es irgendwie Menschen, die hier gerne arbeiten wollen oder es gibt Kriegssituationen, da kommen die Menschen hierher. Es gab die Einwanderung von Spätaussiedlern, Flucht dann eben, wie ich gerade sagte, aus Syrien und der Ukraine. Welchen Fehler hat denn Deutschland bei diesen verschiedenen auch Zuwanderungsphasen hinweg gemacht? Ja.

Also das ist ja eine lange, eigentlich eine lange Einwanderungs- oder auch Zuwanderungs-, eine lange Migrationsgeschichte dieses Landes. Können Sie sagen, wo welche Dinge schiefgelaufen sind von Seiten des Staates? Wissen Sie, ich finde, Sie haben gerade einen wichtigen Punkt gemacht, der mir persönlich auch in meiner Arbeit sehr, sehr wichtig ist.

Der eigentliche Kern und der ist für mich sehr zentral ist, dass es vor allem auch um die Integration geht, um die Menschen, die hier sind, dass wir nicht nur gucken, wie kommen die Menschen hier hin. Müssen wir auch machen und der Ordnung herbeischaffen. Aber es gibt ja auch den Punkt danach, wo die Menschen hier sind, die berechtigterweise hier sind, und auch hier perspektivisch bleiben.

Und da geht das halt eben auch um die Integration. Und da finde ich schon, dass auch in der Vergangenheit nicht immer alles richtig gemacht worden ist. Bestes Beispiel auch der Zugang zu Sprachkursen. Wenn wir bei der Gastarbeitergeneration anfangen, gibt es da ja auch den berüchtigten Satz, wir haben Arbeiter gerufen, aber es kamen Menschen. Also weil das Thema Integration kaum eine Rolle gespielt hat. Die Menschen wurden separiert.

Die haben keinen Zugang zu Sprachkursen gehabt, zu Teilhabemöglichkeiten. Und auch was die Frage der Arbeitsmarktintegration angeht, sind wir ja viel, viel besser geworden als zum Beispiel Ende der 90er, als wir nach Deutschland gekommen sind. Und die Frage, was ist eine gut funktionierende Integrationsstruktur vor Ort und was braucht es dafür, Stichwort Investitionen, aber auch Sprache, Bildung, Arbeit sind meine Schwerpunkte, das ist etwas, was mir sehr wichtig ist, eben dass wir über Integration sprechen und nicht immer nur über Migration.

2015 war dann irgendwann der Punkt erreicht, da wurde immer vom Kontrollverlust des deutschen Staates im Nachhinein gesprochen, also da würde mich auch Ihre Einschätzung zu interessieren, gab es einen Kontrollverlust damals? Ich glaube schon, dass damals eine sehr, sehr schwierige Phase war und am Ende auch gerade Städte und Gemeinden sehr an ihre Grenzen gekommen sind.

Aber man muss das im gesamten Kontext betrachten, finde ich. Und in der Zeit der Ampelregierung gab es immer wieder auch letztlich Hilferufe aus Kommunen. Wir kommen hier mit der Anzahl der Menschen, die ankommen, nicht mehr zurecht. Wir haben gar keine Möglichkeiten mehr, sie unterzubringen. Wie ist heute die Situation?

Naja, die Zahlen sinken ja seit 2023, auch weil Maßnahmen unter der damaligen Ampelregierung umgesetzt worden sind, die auch härtere Migrationspolitik ermöglicht haben. Das heißt, die Zahlen sinken seit 2023. Die Lage hat sich schon entspannt. Und trotzdem braucht es jetzt auch eine gute aufgestellte Integrationsstruktur vor Ort. Und wir haben ein ganzheitliches Problem, was die Frage der Finanzierung von Städten und Gemeinden in unserem Land angeht.

Mit massiven Investitionsbedarfen in sämtlichsten Bereichen. Und ich glaube schon, dass das auch vor Ort eine Rolle spielt. Also die Frage, was können sich Städte eigentlich noch leisten? Und wie steht das eigentlich um den Zugang zur Sprache, um die Arbeitsmarktintegration vor Ort? Und wir haben leider auch das Problem, dass viele, zumindest in Hessen, Angebote, die sehr fördernd sind für Integration.

Also zum Beispiel habe ich selber vor allem Deutsch gelernt, weil ich einen kostenlosen Zugang zu unserer städtischen Bücherei hatte, wo ich viel auch mit deutschen Büchern in Berührung gekommen bin und da sehr viel Zeit verbracht habe. Das ist eine freiwillige Leistung für die Stadt gewesen. Also die Stadt legt quasi selber finanziell drauf. Das ist keine Pflichtaufgabe.

Und in Zeiten von schwierigen Haushalten sind das genau die Projekte, die oft gekürzt werden. Da werden dann die Büchereien geschlossen. Also nicht Büchereien geschlossen, aber man spricht schon darüber, ob der kostenlose Zugang für Kinder jetzt bezahlbar ist oder nicht. Und all das sind schon zentrale Aspekte, genauso wie Integrationsarbeit vor Ort, Begegnungszentren und so weiter. All das ist jetzt nicht der Bereich, der gut ausfinanziert ist, sondern da geht es am Ende, wenn wir über Mittel diskutieren, immer auch um einen Wettbewerb.

Wo setzt man das Geld hin oder wo werden Investitionen getätigt und wo eben nicht? Was immer wieder auch diskutiert wird, ist die Frage, wie schafft man es eigentlich mit Parallelgesellschaften umzugehen? Es gibt Strukturen, in denen halt tatsächlich andere Regeln, andere Kultur, andere Sprache gesprochen wird.

Wo ist das okay und wo ist es aber auch hinderlich für die Integration? Was würden Sie sagen bei der Frage, das ist vor allem ein großstädtisches Problem, oder? Von Parallelgesellschaften. Wo beobachten Sie das? Es ist eher in den Städten als im ländlichen Raum, aber ich glaube, am Ende sind es vor allem Bedingungen, die dazu führen, dass Parallelgesellschaften entstehen können.

Beispielsweise, dass der bezahlbarste Wohnraum dann am Ende doch in dem Brennpunktviertel ist. Und wir natürlich die Situation haben, dass eben viele Menschen, die auch hierher kommen, jetzt nicht mit den besten Mitteln ausgestattet sind, dass sie jetzt nicht in die Bezirke ziehen können, in denen die Wohnungen teurer sind.

Und bloß, dass man dann meistens dann auch noch Netzwerke hat und ja, manche Stadtteile ja auch bestimmte Gruppen dann auch noch weiter anziehen, weil man dort einfach Leute kennt, man kennt die Sprache und so weiter. Ich glaube, man muss... Darüber sprechen, wie entstehen Parallelgesellschaften und wodurch und was braucht es dafür, um dem zu begegnen.

Und ich würde gerne über Lösungen bei Muslimen und Strukturen sprechen und quasi nicht wieder Parallelgesellschaften, Gruppen zuzuschreiben. Und damit war es das, so wie manche Debatten geführt werden. Aber wie könnten Lösungen, die ja aufgrund von Bedingungen, wie Sie gerade sagten, also billiger Wohnraum, wo finde ich den?

Wie können da Lösungen aussehen? Das ist ja eigentlich die Frage, die sich dann jeden Tag von Neuem stellt. Und Sie sind jetzt in einer Position, wo Sie ja schon versuchen können, eben an den Strukturen auch was zu verändern. Aber was sind da Stellschrauben? Total. Also ich finde zum Beispiel die Frage von Stadtentwicklung total wichtig.

Also Quartiersarbeit zu gucken. Natürlich die ganzheitliche Frage ist das Thema bezahlbarer Wohnraum in der Fläche. Also dass wir einfach auch mehr in diesem Bereich tun müssen. Aber auch die Frage von Quartiersarbeit. Ein Beispiel, ich komme aus der Kommunalpolitik und wir haben eine Stadt bei mir vor Ort, die hatte ein Quartier auf so einem ehemaligen Kasernegelände, wo die Amerikaner mal stationiert waren.

Das war so ein sogenanntes Brennpunktviertel, wo viele Menschen, die auch mit großen sozialen Herausforderungen leben und gelebt haben. Und die haben das geschafft durch eine aktive Stadtentwicklung, zum Beispiel durch Erschließung von neuen Baugebieten, wo man eben auch Eigentümer werben konnte oder Bauplätze, eine gute Durchmischung hinbekommen.

Dass man eben nicht nur die Mehrfamilienhäuser hatte, wo am Ende Menschen mit großen sozialen Bedarfen gewohnt haben, sondern eben auch dann Menschen, die auch Eigentum erworben haben. Die haben auch viel in die Sanierung zum Beispiel investiert, allein rein äußerlich, was am Ende auch dazu geführt hat, dass da auch andere Gruppen hingezogen sind.

Und so eine soziale Durchmischung hinbekommen plus aktive Quartiersmanagementarbeit. Also das heißt auch soziale Angebote für unterschiedlichste Menschengruppen von Seniorencafé bis Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ich glaube schon, dass man da aktiv auch was dagegen tun kann, dass sich eben... Ausgegrenzte Parallelgesellschaften bilden. Und Stadtentwicklung gehört dazu.

Bildungspolitik ist ebenfalls sehr zentral. Und da halt eben auch die notwendigen Investitionen. Nun kann von Seiten des Staates oder auch von Ihrer Seite kann Verschiedenes angeschoben werden. Wie sehen Sie die Rolle, nehmen wir als Beispiel in der türkischen Community von DITIB, bei der Frage von Integration oder Integrationshemmnissen?

Ich glaube, das Problem ist, dass wir lange Zeit, auch die Frage muslimisches Leben in Deutschland ihr nicht die notwendige Aufmerksamkeit gegeben haben und eben nicht dafür gesorgt haben, dass es für Menschen die Möglichkeit gibt, beispielsweise durch hier ausgebildete Theologen ihre Religion zu erlernen.

Sondern wir haben das Thema muslimisches Leben schon sehr auch zum Beispiel DITIB überlassen. Aber die haben es auch beansprucht, oder? Auch natürlich, aber ich glaube, es wurde auch lange Zeit geleugnet, dass muslimisches Leben Teil der deutschen Gesellschaft ist und dass es dazu ja auch beispielsweise eine Imam-Ausbildung in Deutschland braucht.

Das ist auch mit der Frage, wo lernen eigentlich Kinder ihre Religion und welche Strukturen finden sie davor und wo können wir auch unterstützen mit unseren Strukturen, dass das schon lange vernachlässigt wurde. Und deswegen auch so Verbände, die zum Teil ja schon auch massiv durchs Ausland gesteuert werden, auch den entsprechenden Einfluss haben, den sie jetzt heutzutage haben, eben weil wir auch in der Vergangenheit verpasst haben, das selbst zu gestalten.

Und die übernehmen heutzutage schon viele Aufgaben, die ich glaube, ja auch eigentlich von der deutschen Gesellschaft oder von uns zusammen hätte mehr übernommen werden können, um auch den Einfluss von außen zu schmälern. Aber leider sind es Fehler, die in der Vergangenheit begangen worden sind. Wie schnell kann man dagegen Programme setzen, die jetzt dann eben meinetwegen, also IMAN-Ausbildung in Deutschland ist ja möglich, aber es müsste ja schon eigentlich richtig mit einem Programm unterfüttert werden, oder?

Genau, es gibt ja Lehrstühle, die ja auch unterstützt werden, die ich auch für richtig halte. Ich glaube, also was mir zum Beispiel wichtig ist, ist schon auch Migrantenorganisationen. Zum Beispiel, wir haben ja auch viele Vereine, also einer der zentralen Akteuren in Deutschland in der Integrationspolitik sind Migrantinnen und Migranten selbst.

Und da gibt es auch Organisationen, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Ich auch in meinem Arbeitsbereich, die wichtige Brücken bauen, auch zu bestimmten Gruppen, sowohl in der Ansprache, aber auch in den Angeboten, die sie bieten. Und das finde ich schon wichtig, auch als Ressource zu sehen und zu nutzen und die als Partner zu haben.

Es gibt ja nun seit 20 Jahren die Islamkonferenz. Das wird, ich glaube, jetzt auch irgendwie die Tage mal gefeiert, das Bestehen seit 20 Jahren. Oder ist es schon gefeiert worden? Ich weiß es gar nicht. Da gab es ja Veränderungen im Innenministerium. Und es gibt aber auch große, große Kritik an genau diesem Format.

Wie sehen Sie die Rolle dieses Formats? Naja, die Islamkonferenz als solche existiert ja so nicht mehr. Es gibt einen Arbeitskreis im Innenministerium, wo es Kritik gibt auch an der Besetzung, weil es da sehr, vor allem überwiegend islamkritische Stimmen sind. Ich persönlich finde, dass wir das Thema muslimisches Leben in Deutschland breiter betrachten müssen als die Frage Bekämpfung von Islamismus.

Islamismus ist ein Problem. Wir müssen dagegen auch mehr tun. Für mich persönlich ist es wichtig, dass wir da vor allem auch in den präventiven Bereich blicken und eben natürlich bei der Frage von Gesetzesverschärfung da, wo es notwendig ist, handeln. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass sich zum Beispiel Jugendliche gar nicht erst radikalisieren.

Und da finde ich schon, dass es da mehr braucht, als den Arbeitskreis, so wie der jetzt arbeitet. Bei dieser Prävention, was bräuchte es da? Bräuchte es mehr Lehrer an Schulen? Oder was genau stellt man sich da vor? mehr Boxprojekte oder ich weiß es nicht. Was genau würde da helfen? Ganzheitlich, ja.

Also zum Beispiel für mich sehr, sehr wichtig ist die Frage von Islamismusprävention auch im digitalen Raum. Es ist schon so, dass sich heute junge Menschen vor allem in digitalen Räumen radikalisieren. Und das betrifft auch den Islamismusbereich. Und da ist es wichtig, dass wir zum Beispiel Projekte unterstützen, die in dem Bereich tätig sind.

Ich habe ein Projekt kennengelernt. Die arbeiten auch mit Theologen, mit muslimischen Theologen zusammen, die zum Beispiel auch jungen Menschen. Tiefe theologische Fragen beantworten, also wie im Verhältnis Islam und Alkohol trinken oder Umgang mit Frauen im digitalen Raum. Also die auch dahin gehen, wo Jugendliche auch nach Antworten suchen in den Kommentarspalten und meistens leider nur zum Teil Islamisten vorfinden.

Oder die Verzahnung von analoger Jugendarbeit und Digitalisierung. Also das heißt, Menschen oder junge Menschen, die zum Beispiel Einsamkeit erleben, radikalisieren sich viel häufiger, sind viel anfälliger für zum Beispiel islamistische Prediger im Internet als Jugendliche, also die ein relativ gutes Leben haben ohne Probleme.

Und das heißt, dass wir da einfach auch in die Jugendarbeit investieren müssen. Wir müssen natürlich auch die Plattformen zur Verantwortung ziehen und so weiter. Das sehe ich auch. Aber ich glaube, wir müssen auch diese klassische soziale Arbeit sowohl analog als auch digital stärken. Welche migrationspolitische Entscheidung dieser Koalition halten Sie für nicht richtig?

Also ich hatte schon große Bedenken und Schwierigkeiten. Diese Entscheidung ist mir auch sehr schwer gefallen, aber die war nun mal ein Kompromiss auch in dieser Koalition, ist die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiäre Schutzbedürftige. Ich halte es für falsch, Eltern von ihren Kindern zu trennen, und finde das, und das zeigen ja auch zahlreiche Studien, dass Menschen, die auch stabile Familienverhältnisse haben, die sich nicht sorgen müssen um ihre Angehörigen in Krisengebieten, dass die natürlich auch mehr den Fokus darauf legen können, sich hier zu integrieren.

Und diese Entscheidung ist mir persönlich sehr, sehr schwer gefallen und ich finde es auch richtig, dass das nach zwei Jahren wieder zurückgeführt wird. Und welche Entscheidung ist zum Glück so getroffen worden? Ich glaube, wohinter ich auch stehe, ich glaube, es ist richtig, dass wir die Gias-Reform gemacht haben.

Dass wir eine gemeinsame europäische Asylpolitik haben, auf die sich auch Staaten geeinigt haben. Das war ja lange Zeit nicht der Fall, dass es einen Solidaritätsmechanismus gibt, dass man eben die Staaten, die an den Außengrenzen liegen, nicht alleine lässt. Und ja, da auch guckt, wie kann man sich gegenseitig unterstützen?

Wie schaffen wir auch Standards hinter Unterbringung, in der Verteilung? Das halte ich für richtig. Also ich glaube, wir brauchen auch bei der Frage, wie gestalten wir Migration, europäische Antworten und GEAS ist dann ein richtiger Schlüssel für. Machen wir nochmal eine schnelle Runde. Frau Pavlik, diesmal entweder oder, ist eigentlich einfach.

Im Kabinett die unbequeme Kollegin sein oder die Kollegin, die hinterher Recht hatte? Die unbequeme Kollegin sein. Einen Tag lang Dobrindts Kalender übernehmen oder einen Tag lang März Reden schreiben? Dobrindts Kalender übernehmen. Im Wahlkampf 100 Haustüren oder jeden Tag ein Reel? 100 Haustüren. Wenn die Partei Geschlossenheit verlangt, erst nachfragen oder sofort misstrauisch werden? Kommt drauf an.

Aufstieg in Deutschland, mehr Leistung belohnen oder weniger Türen verschließen? Mehr Leistung belohnen. Bei einer schwierigen Verhandlung offene Feldschlacht, also mit Karacho in die Debatte oder vorsichtige Nadelstiche gegen den Gegner? Vorsichtige Nadelstiche. Bei Gegenwind, eine Nacht drüber schlafen oder zehn Kilometer dagegen anlaufen?

Zehn Kilometer dagegen anlaufen. Für einen freien Nachmittag auf einen Berg steigen oder sich von einem Alpaka ignorieren lassen? Auf einen Berg steigen. Wenn Ihnen jemand typisch Russisch sagt, ausführlich erklären oder mit sehr deutschem Humor antworten? Mit sehr deutschem Humor antworten. Für Ihr Leben endlich irgendwo angekommen sein oder sich immer noch was Neues zutrauen?

Sich immer noch was Neues zutrauen. Und stopp. Und zwischen Ankommen und Aufbrechen liegt ja eine ganze Biografie bei Ihnen, eine interessante. Und über die wollen wir jetzt sprechen. Die Machtfrage ihres Lebens. Und wir bitten jeden Gast, der herkommt, ein besonderes Lied mitzubringen. Ein für den jeweiligen Menschen besonderes Lied.

Auch Sie haben uns ein Lied genannt und das hören wir jetzt. Das war Vicky Leandrus. Ich liebe das Leben. Was genau lieben Sie denn an Ihrem Leben? Oh, einiges. Meine Familie, meine Freunde. Ich liebe auch meinen Job. Ich finde, es ist ein großes Privileg, Bundespolitik mitgestalten zu dürfen. Das war in meinem Leben nicht selbstverständlich und ich genieße das schon.

Sie haben bis zu Ihrem sechsten Lebensjahr in Sibirien gelebt. Was ist der Geruch, den Sie damit verbinden? Der Geruch von selbstgemachtem Essen. Was gab es da so? Alles. Wir hatten einen eigenen Garten und haben alles selber angebaut. Und da gab es ganz viel Eingelegtes. Das ist ja klassisch auch für die osteuropäische Küche.

Viel eingelegte Gurken beispielsweise, wie Kartoffeln. Was halten Sie denn von der Spreewaldgurke hier? Also super. Ich liebe Spreewaldgurken, ich liebe Gewürzgurken. Würzgorken, alles was eingelegt, super. Also viel selbst gemacht. Wir hatten, also ich meine, bei uns war tiefstes Sibirien. Wir waren ziemlich abgelegen, die Infrastruktur war schlecht.

Wir hatten kaum Lebensmittelläden, in denen du einfach mal gut einkaufen gehen konntest. Du warst immer auf das angewiesen, was du selber vorher erzeugt hast. Und deswegen liebe ich auch selbstgemachtes Essen, meistens von meiner Mutter. Das ist bis heute so. Diese sibirische Landschaft, wie erinnern Sie die?

Was taucht da vor Ihrem Inneren? Viel Natur, viel Wald, viel Fläche, viel Feld auch. Ja, das ist viel Erde. Was mochten Sie so ganz besonders gerne an dieser Landschaft? Die Freiheit. Sie haben beschrieben, die Kindheit von Ihnen war in Sibirien tatsächlich materiell einfach, aber glücklich. Was hat Sie genauso glücklich gemacht?

Die große Liebe meiner Eltern. Sind Sie Einzelkind? Nee, ich habe eine ältere Schwester. Und wir waren zwar arm, aber wir haben ganz viel Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit von unseren Eltern bekommen. Und das war schön. Ja, bloß dann halt, es war schon schön, auch in einem Haus mit ganz viel Feld, Garten und so weiter zu leben, mit Tieren groß zu werden. Das war toll.

Auch wenn es natürlich trotzdem, es war trotzdem Armut. Also wir hatten eine, wirklich schlechte Infrastruktur da. Wir hatten keine asphaltierten Straßen, wir hatten die klassischen Plumpstoiletten. Das ist eine ganz andere Welt, als ich sie hier erleben kann und konnte. Ja, aber ich glaube, am Ende dieses Miteinander, auch diese Wärme von den Menschen, die mit uns in diesem Dorf gelebt haben, das war schon einzigartig und schön.

Ihre Eltern haben dann entschieden, nach Deutschland zu gehen. Erinnern Sie sich daran, wie Sie davon erfahren haben, dass Sie diese Heimat verlassen werden? Ja, also wir mussten ja ein längeres Verfahren durchlaufen. Also wir sind sogenannte Spätaussiedler und das heißt, bei der Ausreise musstest du vorher nachweisen, dass du eben ein besonderes Kriegsfolgenschicksal in der Familie erlebt hast.

Dass man die deutsche Sprache kann, dass ja eben auch alles, was im Rahmen des Bundesvertriebenengesetzes notwendig ist, erfüllt ist und erst dann nach einem jahrelangen Verfahren hast du dann die Bestätigung bekommen als Familie, dass wir ausreisen. Das heißt, dass wir ausreisen wollten oder meine Mutter vor allem ausreisen wollte, das wusste ich schon länger und als das dann klar war, wir machen das, dann wurde das mit uns auch besprochen, also auch mit uns Kinder.

Und erinnern Sie sich an das Gefühl, das da bei Ihnen aufkam? War das Freude? War das Angst? War das Trauer darum, dass man Abschied nehmen würde? Also ich war ehrlicherweise relativ froh, weil ich ja meine Familie mit um mich hatte. Und das war schon wichtig. Und bei uns sind ja auch noch meine Großeltern mit ausgereist, zur gleichen Zeit mein Onkel mit seiner Familie.

Also es war schon, dass man als Familie diesen Schritt zusammen geht. Das war sehr, sehr wichtig für mich. Und natürlich war es aber trotzdem komisch, als wir dann die Sachen zum Beispiel verkauft haben. Was ist aus der Kuh geworden? Die wurde verkauft. Die wurde verkauft, ja. Und sowas war aber schon traurig.

Das hat dann einen natürlich auch mit runtergerissen. Es war sehr aufregend. Also ich glaube, ich müsste das im Nachhinein auch so, für mich selber nochmal aufarbeiten, wie die einzelnen Schritte waren, weil so ganz genau erinnere ich mich jetzt auch nicht mehr. Aber das war schon eine sehr aufregende Zeit. Und ich glaube, was mir am schwierigsten gefallen ist, ist, dass wir, ich habe ja auch noch Cousinen und einen anderen Teil der Großeltern, die drüben sind, sich von denen zu trennen. Das war, glaube ich, das emotional herausforderndste.

Aber ansonsten war ich froh, mit bei meiner Familie zu sein. Sie sind dann nach Deutschland gekommen. Wie waren diese ersten Tage da? Haben Sie daran Erinnerungen? Ja, wir sind in Hannover gelandet. Damals, weil wir in die Erstaufnahmeeinrichtung, in Friedland gekommen sind und dort aufgenommen worden sind.

Das war die zentrale Aufnahmeeinrichtung gewesen, wonach danach die Menschen auf die Bundesländer verteilt wurden. Und was mir sehr in Erinnerung geblieben ist, es war dunkel und es gab so viele Lichter. Und ich meine, ich komme aus einem Dorf. Wir hatten eine Straße, die vielleicht mit Laternen irgendwie beleuchtet war und ansonsten war es immer dunkel, wenn es dunkel war.

Diese Masse an Lichtern zu sehen in dieser Stadt allein schon aus dem Flugzeug, und die vielen unterschiedlichsten Menschen am Flughafen, das hat mich schon sehr geprägt. Das war sehr aufregend, das war sehr, sehr neu. Wie lange waren Sie dann in dieser Erstaufnahmeeinrichtung? Um die drei Wochen ungefähr. Und wie ging es dann weiter?

Genau, dann wurden wir nach Hessen verteilt in einen Aussiedlerwohnheim. Die gesamte Familie auch? Also auch mit Onkel und Großeltern? Sie konnten zusammenbleiben? Ja, der Punkt war, dass wir schon eine Tante und einen Onkel hatten, die quasi zwei Jahre vor uns ungefähr, ich meine, das war zwei Jahre, kann auch länger gewesen sein, die aber auf jeden Fall schon vor uns hier waren.

Konnten Sie Deutsch zu dem Zeitpunkt? Also haben Sie mit Ihren Eltern irgendwie vorher Deutsch gesprochen? Nee, ich konnte Ja und Nein. Und meine Mutter hat es zwar versucht, weil sie sehr altes, so wolgerdeutsches Deutsch von ihrer Großmutter kannte. Und die hat das versucht, aber ich konnte, ehrlicherweise, ich konnte die Basics, wie gesagt, ja, nein, hallo, aber ansonsten jetzt nicht wirklich was.

Und Ihre Mutter aber konnte Deutsch. Und Sie sagten vorhin, Ihre Mutter wollte vor allen Dingen hierher. Was war denn mit Ihrem Vater? Der ist dann mitgekommen. Ja, okay. Aber ich glaube, der wollte jetzt, also es war jetzt nicht sein Traum, nach Deutschland zu kommen. Das glaube ich nicht. Der hat zwar auch, also seine Vorfahren sind auch Volga-Deutsche Und seine Mutter und vor allem Großmutter, die haben auch Deutsch gesprochen.

Aber ich glaube, der wollte eigentlich, also wenn es nach ihm gingen, müsste das jetzt nicht sein mit der Ausreise. Aber meine Mama war da schon das Zugpferd. Und hat sich Ihr Vater denn schnell anfreunden können mit dem Deutschland hier? Ja, schon. Wie ging es weiter in Hessen? Sie sind dort angekommen, Sie mussten die erste Klasse nochmal machen, oder? Ja.

Genau, also wir sind angekommen im Aussiedlerwohnheim und haben dann da ungefähr zweieinhalb, drei Jahre zu viert in einem Zimmer gelebt, in diesem Aussiedlerwohnheim mit so einer Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsduschen. Und ich wurde damals, weil ich ja sechs Jahre alt war, wir sind im März gekommen und im August ungefähr wurde ich eingeschult.

Und ich kannte kein Wort Deutsch oder kaum Wörter Deutsch, und kam dann erst einmal in so eine Integrationsklasse, in der damals jahrgangsübergreifend sämtlichste Kinder mit Einwanderungsgeschichte zusammen unterrichtet wurden. Also wir hatten Kinder, die aus dem ehemaligen Jugoslawien da waren, türkischstämmige Kinder.

Mit denen war ich dann in so einer Integrationsklasse und habe dann erst mal Deutsch gelernt. Und dadurch auch den Anschluss in der anderen Klasse, quasi meiner eigentlichen Klasse, verloren gehabt. Oder beziehungsweise ich war dann lange raus, das erste halbe Jahr oder so war ich dann raus. Und dann hat meine Mutter entschieden, dass ich die erste Klasse nochmal mache, um einfach da eine Stabilität zu haben.

Das war für mich als Kind nicht so schön, weil man dann direkt beim Einstieg in die schulische Laufbahn mit so einer Negativität konfrontiert wird. Deswegen ist es für mich bis heute wichtig, dass wir es hinbekommen, dass Kinder vor der Einschulung die deutsche Sprache erlernen können und da gefördert werden.

Und was wäre denn der richtige Weg, wenn Sie es nicht bis zur Einschulung geschafft hätten, Deutsch zu sprechen? Also jetzt nicht Sie persönlich, sondern wenn Kinder es bis dahin eben nicht geschafft haben. Wie sollte man dann damit umgehen? Ist es ein Weg, extra Klassen zu bilden oder wie sehen Sie das auch aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus?

Ich finde, dass es wichtig ist, dafür die gegebenen Strukturen zu verändern. Also ich finde individuelle Förderung grundsätzlich richtig, unabhängig von nur für Kinder mit Migrationshintergrund oder nicht. Und ich finde bei den Klassengrößen, die wir heutzutage haben, das halte ich wirklich für ein Problem, dass die Klassen zu groß sind für eine Lehrkraft, dass wir da eben einen anderen Schlüssel brauchen, damit individuelle Förderung möglich ist.

Und das, finde ich, ist natürlich dann auch hilfreich für die Integration und das Erlernen der deutschen Sprache. Zu viert im Aussiedlerheim, in einem Zimmer. War es für Sie ärmer als in Sibirien? Anstrengender, nerviger, enger, weniger frei? Oder war es wärmer wegen Heizung? Keine Ahnung. Licht hatte man auf Knopfdruck, was auch immer. Also wie haben Sie das als Kind gesehen?

Ich fand das ehrlicherweise am Anfang insgesamt gar nicht so schlimm. Ich fand es eigentlich schön, weil ich hatte da auch viele andere Kinder, mit denen wir dann auf dem Hof gespielt haben. Wir hatten den Internationalen Bund, der mit uns damals Integrationsarbeit gemacht hat, mit uns Kindern. Also wir haben Ausflüge und die evangelische Kirche war sehr stark beteiligt.

Wir hatten Ausflüge gemacht, wir haben zusammen Theater gespielt. Also es war total schön für mich als Kind, wo ich gemerkt habe, wir sind auch irgendwie anders, als ich das erste Mal von einer Klassenfreundin zu sich nach Hause eingeladen wurde. Und die hatten ein ganz großes Haus mit Garten und die hatte ein enges Zimmer.

Da habe ich gemerkt, irgendwie sind wir anders. Und das hat mich dann schon geprägt, aber war trotzdem schön. Natürlich war es eng und wir hatten auch so Metallhochbetten, in denen wir geschlafen haben und so. Aber ich habe trotzdem dadurch, dass ich wirklich diese Wärme in der Familie hatte, teilweise Menschen, die ich dort kennengelernt habe, mit denen ich immer noch befreundet bin.

Das war rückwirkend als Kind auch okay. Das war schön. Aber ich glaube, wenn ich jetzt politisch entscheiden müsste, würde ich sagen, dass das jetzt nicht die beste Wohnform war, was irgendwie die Teilhabe fördert. Ihre Mutter war oder ist Erzieherin, also war ausgebildete Erzieherin, aber sie konnte nicht sofort in diesem Beruf wieder arbeiten, oder? Hier in Deutschland? Genau. Der Abschluss wurde nicht anerkannt.

Und ihr war es dann aber auch persönlich wichtig, nochmal die deutsche Ausbildung zu machen, um eben auch die deutschen pädagogischen Konzepte zu lernen. Aber meine Mama, die hat ja einen ganz anderen oder keinen geradlinigen Berufsweg gehabt, auch hier in Deutschland. Also die ist ja angekommen. Und für meine Eltern war es ganz, ganz wichtig, dass sie direkt arbeiten, dass sie kaum abhängig sind.

Das ist, glaube ich, auch so eine Stimmung gewesen in der Gesellschaft, auch bei den Aussiedlern nicht aufzufallen, möglichst schnell sich zu integrieren und bloß keine Probleme für den deutschen Staat zu schaffen. Zumindest war das für uns sehr, sehr wichtig. Und deswegen haben die schnell, versucht, eine Arbeitsstelle zu finden.

Also meine Mutter hat Rosen am Straßenrand verkauft. Die war Zimmermädchen in einer Pension, hat als Reinigungskraft gearbeitet und eine örtliche Fachhochschule geputzt, was vielleicht für mich auch ein Thema war, weswegen ich unbedingt studieren wollte, weil ich das damals gesehen habe mit den Hörsälen und weiter unbedingt hin.

Genau, und dann hat sie, die war eine der letzten Schleckerfrauen tatsächlich und hat im Einzelhandel bei Schlecker gearbeitet und hat, durch eine Bekannterfahren, dass es in Frankfurt eine Schule gibt, in der sie die Erzieherausbildung, also in der sie sich Teile anerkennen lassen kann, weil sie also in Russland da auch schon als Erzieherin gearbeitet hat und die Ausbildung nicht in fünf Jahre schulische Ausbildung, sondern in drei Jahren mit viel Praktika absolvieren kann.

Und fünf Jahre Schule wäre nicht drin gewesen, auch finanziell bei uns nicht drin gewesen. Aber eben diese drei Jahre plus, dass sie auch in der Kita direkt auch mitarbeiten konnte und da Unterstützung bekommen hat, das war schon der Anreiz für sie, das zu machen. Und den Weg hat sie dann gewählt. Aber das ist quasi durch eine zufällige Begegnung entstanden, weil sie eine Bekanntheit an der Kasse getroffen hat.

Und das finde ich kann nicht sein. Also hängt Aufstieg auch mit Glück dann zusammen? Mit Zufällen und das sollte es nicht. Und deswegen, das prägt mich auch bis heute. Also sozialer Aufstieg darf niemals von Zufällen abhängen, sondern da muss strukturell gefördert werden. Sie sagten gerade, Sie haben heute noch Kontakt mit Menschen, die Sie damals aus dieser Aussiedlerunterkunft kennen.

Was würden Sie sagen, bei wie vielen ist es gut gegangen? Also wie viele haben es tatsächlich geschafft, hier einen guten Lebensweg irgendwie hinzukriegen, ob durch Zufälle oder gefördert oder wie auch immer? Und bei wie vielen würden Sie sagen, da gibt es ein Versagen von egal welcher Seite? Ich würde sagen, bei 95 Prozent, die ich kenne, hat es geklappt.

Ganz, ganz tolle Entwicklungen. Und die wenigen, wo es nicht geklappt hat, da ist einfach auch viel schief gelaufen. Und was war für Sie entscheidend, es zu schaffen? Sie sagten vorhin, Leistungsbereitschaft spielt in Ihrem Leben eine Rolle. Das ist ja was sehr Individuelles. Aber gab es bestimmte Figuren, bestimmte Jahre, in denen Sie sagen würden, hey, da hat sich entschieden, dass ich tatsächlich hier einen guten Weg nehmen kann?

Also wie gesagt, da war schon der Anspruch von meiner Mutter und das ist glaube ich etwas, das auch zentral ist. Meine Mutter wollte ja unbedingt nach Deutschland auch, um uns Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als das in einem sibirischen Dorf möglich wäre. Und sie selber wollte zum Beispiel damals auch eine weiterführende Schule besuchen, durfte das aber Familie ja nicht und die Ressourcen haben einfach gefehlt.

Und ich glaube, dieser Aspekt, viel in Bildung zu investieren und dass die Kinder einen guten Lebensweg gehen, den hat sie uns mitgegeben von klein auf. Und das heißt, ich habe schon mich sehr bemüht, schnell Deutsch zu lernen, meine Schwester ganz genauso und die hatten zwar keine Ahnung von dem deutschen Bildungssystem, aber das Gymnasium war irgendwie dann doch das Beste aus deren Perspektive.

Deswegen war das schon wichtig, also da war schon auch ein familiärer Druck da, was jetzt die schulische Bildung betrifft und das hat mich dann am Ende auch geprägt. Ich hatte jetzt nicht den geradlinigen Bildungsweg, da bin ich, glaube ich, auch an den schulischen, an den System gescheitert, auch an manchen Stellen dem Deutschen.

Aber so was aus dem Leben zu machen, diese Chance zu nutzen und auch zu sehen, welche Anstrengungen meine Eltern unternommen haben, dass wir diese Möglichkeiten haben, die sie nie hatten, das hat mich sehr geprägt. Und das hat mich auch angetrieben, da auch mehr draus zu machen. Aber tatsächlich quasi, um den Weg auch in die Politik zu gehen.

Das hat bei mir sehr früh angefangen, war eigentlich auch ein Zufall. Also ich habe eine Schule besucht, die ja keinen guten Ruf hatte bei uns im Landkreis. Und wir hatten ganz furchtbare Schultoiletten. Die waren ganz schlimm. Wir hatten keine Seife, kein Toilettenpapier. Und da habe ich mich mit Freunden zusammengetan und wir sind in die Schülervertretung gegangen, um uns dafür einzusetzen, dass es saubere, bessere Schultoiletten gibt.

Und das war ein Kampf, wo ich aber gelernt habe, wie wichtig es ist, sich auch für die eigenen Interesse als junger Mensch stark zu machen. Und ich würde sagen, das war schon ein entscheidender Punkt, wo ich mich dann eben auch in diese Schülervertretungsstrukturen begeben habe. Und wir haben nicht nur an den Schulen Vertretungsstrukturen in Hessen, sondern auch auf Landkreisebene und Landesebene.

Und da bin ich auf einmal mit jungen Menschen in Berührung gekommen, die sehr politisch waren. Die meisten waren auf einem Gymnasium. Ich war damals auf der Realschule. Und das hat mich sehr inspiriert, so das politische Engagement für Bildungsgerechtigkeit. Und ich würde sagen, das ist bis heute so die Triebfeder gewesen, die mich auch aus meinem sozialen Umfeld rausgeholt hatte und auch angetrieben hatte, da auch mehr zu machen.

Sie haben sich dann für die SPD entschieden. Warum für die SPD? Weil das für mich die Partei des sozialen Aufstiegs ist. Okay. Sie haben nicht gezögert, mal bei den Grünen vorbeigeguckt? Doch, das habe ich schon. Also für mich war klar, ich war in erster Linie stellvertretende hessische Landesschulsprecherin und habe mich für Bildungsinteressen für die Schülerinnen und Schüler in Hessen eingesetzt.

Und irgendwann wusste ich, diese schulische Laufbahn geht irgendwann vorbei und mir macht es aber Spaß, mich politisch zu engagieren. Und dann habe ich mir die Jugendorganisationen bei uns vor Ort angeschaut, weil ich genauso wie die meisten Jugendliche irgendwie mit Parteien zur damaligen Zeit nur bedingt was anfangen konnte, und bin dann zu den Jugendorganisationen gegangen und wir hatten tatsächlich auf meine Nachricht, hat dann nur die Junge Union und die Jusos, also in der SPD, geantwortet.

Und da bin ich bei beiden hingegangen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Also die Junge Union hat sich damals zum All-You-Can-Eat bei so einem chinesischen Restaurant getroffen. Das war für mich, ich habe gekellnert und deswegen habe ich gedacht, okay, dann nutze ich jetzt eines der Gelder.

Aber das wäre eigentlich was zu kostspielig schon für mich, daran teilzunehmen. Ich habe es trotzdem gemacht und die Jusos haben sich in so einem Hinterhofraum getroffen und über Karl Marx geredet. Das war auch nicht meine Welt. Und am Ende war es tatsächlich die Bildungspolitik. Ich habe die verglichen, die Programme, habe mit den Leuten, die ich da kennengelernt habe, auch zu bildungspolitischen Themen gesprochen.

Und es war die Bildungspolitik der SPD, die mich überzeugt hat, da mitzumachen. Dann war ich nur in der Jugendorganisation aktiv. Bin dann irgendwann den Schritt in die Partei gegangen, weil ich auch kommunalpolitisch was bewegen wollte. Ich fand total erstaunlich jetzt bei so Umfragen vor den Landtagswahlen und auch nach den Landtagswahlen, wie viele Menschen aus migrantischem Hintergrund tatsächlich eben auch AfD gewählt haben.

Da gab es viele O-Töne auch, gerade auch aus der türkischen Community, aber auch aus der Aussiedler-Community, die eben ja tatsächlich fanden, die AfD biete die besten Konzepte an, auch wegen Chaos, wegen zu viel Migration hier, wegen. Einfach wirklich einem aus ihrer Sicht nicht richtig funktionierenden Staat.

Wie kommt das? Das ist doch ganz klar, also diese Partei macht keinen Hehl daraus, wie sie in Migrationsfragen tickt. Wie kann das passieren? Sie haben den Weg zur SPD gefunden, Sie haben sich auch die Union angeguckt. Aber warum ist das so? Ja, ich glaube, die Gründe sind da sehr vielseitig. Also natürlich sind das auch Menschen, die hier sehr viel leisten geleistet haben, aber trotzdem nicht die Anerkennung oder den Aufstieg hingekriegt haben, wie sie sich das vielleicht am Anfang vorgestellt hatten oder gerne gewünscht hätten.

Wir haben ja das Problem, dass diejenigen, die schon etablierter hier leben, das Gefühl haben, die neu hierher kommen, kriegen alles und wir hatten damals nichts. Dieses Gefühl steckt da drin und deswegen gibt es da auch so migrationsfeindliche Diskurse, natürlich auch unter den Migranten selber. Und da ist die letzte schnelle Runde. Diesmal gebe ich Ihnen zehn Begriffe, zu denen Sie jeweils einen Satz sagen dürfen. Bereit?

Heimat, ohne dass jemand ausgeschlossen wird. Wie geht das? Indem nicht die Herkunft eine Rolle spielt, sondern wer du bist. Leistung. Was wird in Deutschland dabei zu oft übersehen? Dass Menschen, die sehr, sehr viel leisten, am Ende des Tages eben doch nicht den Aufstieg erleben, den sie verdient hätten oder die Anerkennung bekommen, die sie verdient hätten.

Dankbarkeit. Was darf ein Staat von Zugewanderten erwarten? Dass Menschen sich einbringen und sich auch um Integration bemühen. Religion. Wo endet für sie die Toleranz? Da, wo die Freiheit des Anderen eingeschränkt wird und wo das Handeln einer Religion gegen unsere grundgesetzlichen Regelungen verstoßt.

Sicherheit. Wessen Angst hören wir zu selten? Die Angst der Menschen, die gerade massiv unter der Stimmungslage, die am Ende auch zum Beispiel zu Gewalt vor Ort führt, leiden. Friedrich Merz, was sollte er über Zugehörigkeit verstehen? Dass es etwas ist, was ja irgendwann auch nicht mehr infrage gestellt werden darf.

Die SPD, wofür muss sie wiedererkennbar stehen? Für sozialen Aufstieg und dafür, dass sich Leistung auch lohnt. Die Stimmung im Land, was macht Ihnen Hoffnung? Die vielen Menschen, die sich gerade trotz allem für Demokratie, für Zusammenhalt, für ein gutes Miteinander vor Ort einsetzen. Humanität, was darf sie uns kosten?

Das, was notwendig ist. Nun gibt es viele, die tatsächlich hier bleiben wollen, aber auch viele, die gehen müssen, laut Gesetz oder gar nicht kommen dürfen, auch laut Gesetz. Kommen wir damit zu unserem letzten großen Thema. Es heißt von Macht und Ohnmacht. Und da hören wir zuerst einmal rein, was Bundesinnenminister Alexander Dobrindt vergangenes Jahr zum Thema Migration gesagt hat.

Und dazu gehören auch, dass wir Rückführungen vornehmen. Die Basis ist der Koalitionsvertrag. Da ist das formuliert. Ich habe mit den Rückführungen nach Afghanistan bereits begonnen. Wir haben im Juli einen Abschiebeflug organisiert für Straftäter, zum Teil schwere Straftäter. Und wir sind auch dabei, mit Syrien Vereinbarungen zu machen, die die Rückführungen nach Syrien auch ermöglichen.

Das war Alexander Dobrindt im November 2025. Am 21. September dieses Jahres kündigte er an, den Schutzstatus weiterer Syrer überprüfen zu lassen. Er sprach insbesondere über alleinreisende junge Männer, denen er zutraut, so sagte er, ihren Lebensunterhalt in Syrien zu bestreiten. Wie schauen Sie auf die Initiative Ihres Kollegen?

Ich finde, wir müssen über sowas auch sprechen und sprechen können. Und natürlich ist für mich wichtig, dass man die Lage in Syrien da ganz genau betrachtet. Also ist das sicher für die Menschen, wie gestaltet sich dort das Leben, dass sie zurückgeführt werden können. Da gibt es ja auch manchmal unterschiedliche Einstufungen oder Einschätzungen zwischen Bundesinnenministerium und dem Auswärtigen Amt.

Also ich glaube, die Lage in Syrien selber zu betrachten und wenn die das hergibt, dann finde ich, gehört das eben auch dazu, dass es nach unseren gesetzlichen Regelungen Menschen gibt, die hier halt eben dann auch keinen Schutz vornehmen. Und dann auch zurückgeführt werden müssen. Wer genau entscheidet das, wie in Syrien jetzt gerade die Situation ist?

Also Außenminister Wadephul hat das ja erheblich anders gesehen, als es eben Innenminister Dobrindt erkannt hat oder sehen wollte oder ich weiß es nicht. Aber es muss ja belastbare Kriterien geben, entlang derer man entscheidet, ob Syrer wieder zurückgeschickt werden. Genau, also eigentlich spielt das schon die Einschützung des Auswärtigen Amtes eine zentrale Rolle.

Da ist die Frage, ob die jetzt quasi zu dem Status, den es gab damals, ob sich da Veränderungen ergeben haben, dass es jetzt sicherer geworden ist. Und dann spielt das natürlich auch eine Rolle bei der Frage, können Rückführungen getätigt werden oder nicht. Am Ende ist es immer auch ein individuelles Asylverfahren, was geprüft wird.

Und ja, daran entscheidet sich das auch. Und ich finde, das gehört halt eben zum Recht auf Asyl, dass diejenigen, die eben kein Recht auf Asyl haben, dann auch entsprechend nicht hier bleiben können. Und trotzdem müssen wir Wege finden, pragmatisch Lösungen zu finden für die Fälle, die zum Beispiel hier schon seit Jahren sind, hier Fuß gefasst haben, die Sprache gelernt haben und hier arbeiten.

Das heißt für mich, und da spreche ich auch für die SPD-Bundestagsfraktion, ist es wichtig, dass wir einen Weg finden, dass wer hier arbeitet, auch hier bleiben können soll. Ich finde dann auch für mich persönlich sehr zentral, und dafür kämpfe ich auch, dass wir Lösungen auch für humanitäre Fälle finden.

Unser Bleiberecht ist leider auch ziemlich ungerecht, was Frauen betrifft. Also wir haben alleinerziehende Frauen, die eben nicht komplett vollständig ihren Lebensunterhalt sichern können. Und denen zu sagen, die dürfen dann hier nicht bleiben, halte ich nicht für richtig. Ich glaube, da müssen wir auch Lösungen für finden.

Und daran arbeite ich auch. Also die Frage, wie können wir ein modernes Bleiberecht schaffen, was eben auch die Leistung, die die Menschen hier schon erbracht haben, mit berücksichtigt. Daran arbeite ich und da führe ich auch Gespräche mit dem Bundesinnenminister. Aber Sie würden sagen, auch wenn man nicht komplett aufkommen kann für seinen Lebensunterhalt, sollte man aber eine Bleibeperspektive bekommen, wenn man jedenfalls einen Teil selber erwirtschaftet.

Ja, das finde ich schon. Und ich finde, wir müssen auch Regelungen für humanitäre Fälle finden. Auch Fragebeispielsweise, ich habe gerade die alleinerziehenden Frauen genannt, aber wir haben ja auch Menschen, die jetzt schon auch ziemlich alt zum Beispiel sind und gebrechlich, die man jetzt nicht einfach mal so nach Syrien zurückführen sollte.

Also ich finde, für diese individuellen Fälle sollten wir auch betrachten und hineinbeziehen. Und am Ende ist es eine Verhandlung, die wir führen werden miteinander. Und trotzdem müssen wir uns bleibe recht dran, aus meiner Perspektive. Eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie hat bei einer anderen großen Gruppe an Menschen, die aus dem Krieg hierher geflüchtet sind, nämlich Ukrainerinnen und Ukrainern, belegt, dass von den 2022 angekommenen ukrainischen Geflüchteten nach dreieinhalb Jahren etwa 50 Prozent arbeiten in Deutschland.

In Polen ist die Quote deutlich höher. Was fehlt hier? Was muss man da machen? Oder gibt es gar nicht den politischen Willen? Doch, klar, den politischen Willen gibt es. Aber ich glaube, es gibt unterschiedlichste Bedingungen, die dazu führen, warum Menschen jetzt hier nicht arbeiten. Und ich finde schon, von Menschen, die hierher kommen, die arbeitserwerbsfähig sind, muss man auch den Anspruch stellen, dass die arbeiten gehen sollten.

Dann haben wir aber gerade bei dem Fall Ukrainer Kinderinnen vor allem, also es sind ja ganz oft Frauen mit Kindern geflohen oder ältere Menschen, wo es zum Beispiel dann auch an der Kinderbetreuung scheitert. Und solche Fragen spielen da mit rein und Integration und auch Arbeitsmarktintegration ist eben auch ein Prozess.

Wir haben da durch den Job-Turbo viel gemacht, was jetzt auch wirkt, aber natürlich müssen wir da auch noch mehr tun, um eben Menschen aus diesem Leistungsbezug herauszuholen und ihnen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, beziehungsweise, dass sie einen Arbeitsplatz finden, wo sie dann eben auch nicht mehr abhängig sind von staatlichen Leistungen.

Und da kann man auch einfordern von denjenigen, die das können, auch arbeiten zu gehen. Das finde ich schon richtig. Von den rund 259.000 ausreisepflichtigen Menschen hatten Ende Juni etwa 77 Prozent eine Duldung. Welches Hindernis wird politisch am häufigsten unterschätzt? Fehlende Papiere, fehlende Aufnahmebereitschaft in den Herkunftsländern oder auch rechtliche oder gesundheitliche Gründe?

Unterschätzt? Ja. Na gut, ein Großteil. Also wir haben, ich würde sagen, alle Themenfelder, die Sie jetzt eben genannt haben, spielen eine Rolle. Ja, also wenn wir auch überlegen, warum Menschen nicht zurückgeführt werden können, ist diese Frage, die haben keine Papiere oder das Herkunftsland kooperiert nicht. Das sind ganz zentrale Fragen.

Und das ist aber eine zentrale Frage, bei der man so wenig tun kann, oder? Also was sind da Ansatzpunkte? Naja, Ansatzpunkte sind ja zum Beispiel auch Verhandlungen mit den Ländern auf unterschiedlichsten Ebenen. Die haben oft ja auch zum Beispiel auch wirtschaftliche Interessen, mit uns zu kooperieren. Da kann man, finde ich, schon auch als Bedingung machen, dass die halt eben auch die Leute, die von uns zurückgeführt werden müssten, auch aufzurückläsern, oder?

Ja, das funktioniert auch nicht immer. Die Staaten wehren sich ja auch häufig und das ist leider nicht so einfach. Das ist auch gerade für die Länder, die quasi für Abschiebungen zuständig sind, ein großes Problem fällt. Und da ist aber ja auch durch Geas zum Beispiel gemeinsam auch, wenn es zum Beispiel um Abkommen mit Ländern geht, solche Punkte mit aufzunehmen.

Das sind so Instrumente, die wir zur Verfügung haben, aber es ist mühselig und funktioniert leider oft auch nicht. Seit dem 12. Juni wird genau dieses reformierte gemeinsame europäische Asylsystem, also kurz GEAS, angewendet. Welche konkreten Verbesserungen sollten wir in einem Jahr tatsächlich sehen können?

Dass ja die Aufnahme von Geflüchteten in Europa geordneter funktioniert, dass wir eine Solidarität innerhalb der Staaten haben. Das heißt, dass die Länder, die an den Außengrenzen liegen, nicht alleine gelassen werden bei der Aufnahme von Geflüchteten, sondern auch diejenigen, die, also einfach alle Länder Europas, da auch mit in die Verantwortung genommen werden.

Was ich wichtig finde für die GEAS-Umsetzung auch bei uns vor Ort, ist, dass wir das hingekriegt haben zum Beispiel auch, da kommt es jetzt auf die Umsetzung in den Ländern an, die Frage von Beschulung von gepflichteten Kindern mit aufzunehmen. Also dass Kinder aus den Einrichtungen einfach ein Recht auf Beschulung bekommen und dann binnen weniger Monate auch einen Platz an Schulen, weil das so ganz praktische Herausforderungen oder Zugang zu Gesundheit.

Das genau sind alles Punkte, die bei der GS-Reform mit eine Rolle spielen. Und ich hoffe, dass wir da besser werden in einem Jahr und zurückblicken können und sagen können, da läuft vieles geordneter und auch humanitärer. Es wird ja im Moment auch über neue Abschiebezentren verhandelt, die in anderen Ländern aufgebaut werden sollen. Kenia, Uganda und Ruanda sind da irgendwie im Gespräch.

Welche Bedingungen müssten denn aus Ihrer Sicht für solche Return-Hubs zwingend erfüllt sein? Ist es überhaupt ein Modell? Also verschiedene Länder haben es ja schon ausprobiert, aber... Wie sehen Sie das? Na ja, menschenrechtliche Standards. Aber kann man die gewährleisten? Die muss man dann gewährleisten, wenn man sich auf diesem Weg verständigt, meiner Meinung nach.

Und ich finde, das große Problem an der Geschichte ist ja, dass aufgrund der fehlenden Kooperation mit den Herkunftsländern, aufgrund auch von unterschiedlichen politischen Interessen, jetzt quasi Menschen, die Leidtragenden sind in so einem System, Das ist schon schwierig, also einfach in der gesamtheitlichen Analyse.

Und wenn es diesen Weg gibt, dann müssen humanitäre Standards garantiert werden. Klar, wenn man sich auf so ein System einigt. Sonst verstößen wir ja auch gegen Menschenrechte, gegen Flüchtlingskonventionen und all den Regelungen, die wir uns seinerzeit auch selbst aus guten Gründen gegeben haben. In den kommenden Jahren, aus welchen Regionen der Welt werden besonders viele Menschen fliehen müssen? Gibt es da Szenarien?

Also ich glaube, wir erleben das ja jetzt schon. Also wir erleben ja Kriege, Krisen. Wir haben unterschiedlichste Krisen und Kriegsgebiete in der Welt, die Menschen zur Flucht treiben. Wir werden auch durch den Klimawandel Veränderungen haben, weil Menschen einfach, beispielsweise kleinen Inselstaaten dort einfach auch keine Lebensperspektive, mehr haben werden, wenn wir nichts da auch in dem Bereich zum Beispiel Klimapolitik unternehmen und da, auch sie mit unterstützen.

Und das wird dann auch dazu führen, dass Menschen zur Flucht getrieben werden. Deswegen finde ich, es ist auch ganz, ganz wichtig, in den Debatten über Fluchtursachen zu sprechen und nicht immer nur, wie bekämpfen wir eigentlich die Menschen, sondern wie bekämpfen wir eigentlich die Ursachen dessen, dass Menschen zur Flucht getrieben werden.

Haben Sie vielen, vielen Dank für dieses Gespräch, für diese ganze Stunde, die wir jetzt miteinander verbraucht haben. Über Herkunft und Heimat haben wir gesprochen, über die Zumutung des Ankommens und aber auch über die Chancen und über die Frage, wie eigentlich Politik aussehen muss, damit Migration, aber auch vor allen Dingen Integration gelingen kann.

Das war Macht Menschen, der Politik Podcast von FOCUS. Ich bin Franziska Reich, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

0:00 / 0:00