
Machtmenschen – Mit Franziska Reich
Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg – Was macht Krieg mit der Seele?
Freitag, 23. Oktober 2026 · 54 min
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Shownotes
Während die Politik über Aufrüstung und „Kriegstüchtigkeit“ debattiert, stellt sich eine fundamentale Frage: Wer schützt das Gewissen derer, die unsere Demokratie im Ernstfall mit der Waffe verteidigen sollen?
In der neuen Folge von „Machtmenschen“ ist der Evangelische Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg zu Gast. Er ist Seelsorger für rund 55.000 Soldatinnen und Soldaten sowie Mitglied des Deutschen Ethikrats. Im Gespräch mit FOCUS-Politikchef Markus Hurek, der in dieser Folge Franziska Reich vertritt, warnt Felmberg vor einem „falschen Frieden“ in der Ukraine. Ein Diktatfrieden, so seine These, zementiere Unrecht, statt es zu beenden. Felmberg erklärt, wie sich christlicher Glaube mit Kriegsdienst vereinbaren lässt, wie er mit Soldaten über das Töten spricht und welche Grenzen er beim Einsatz autonomer Kampfdrohnen zieht.
Neben Fragen der „Zeitenwende“ geht es aber auch um Glauben im Fußball – Felmberg ist Stadionpfarrer beim Hertha BSC – und um seine Faszination für Queens „Bohemian Rhapsody“. Der Seelsorger erklärt, wie er Soldaten im Kriegsdienst Mut macht und ihren Familien Kraft schenkt. Was rät er Menschen, die inmitten der aktuellen Krisen unter Zukunftsängsten leiden? Hören Sie das und mehr in der neuen Folge „Machtmenschen“.
Quellen der Einspieler:
• „Bohemian Rhapsody“ von Queen (youtube.com/watch?v=fJ9rUzIMcZQ)
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Redaktion: Annica Kramer
Post Production: Marvin Schwarz
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Drohnen entwickeln sich in einem drei bis vier Wochenrhythmus, immer weiter im Krieg zwischen der Ukraine und Russland. Da Schritt zu halten, auch ethisch Schritt zu halten, zu sehen, was eigentlich passiert, ist eine enorm anspruchsvolle Aufgabe. Ich glaube, wenn man über seine Angst spricht und beim Gegenüber Nachfragen bekommt, die die Angst konkretisieren, kann es häufig sein, dass die Angst an, Brutalität, an Dunkelheit und an Kälte verliert.
Herzlich willkommen zu Machtmenschen, dem Politik-Podcast von Fokus. Ich bin Franziska Reich und treffe hier jede Woche Menschen, von denen es heißt, sie hätten Macht. Ja, einen wunderschönen guten Tag. Heute begrüßt Sie hier Markus Hurek. Ich bin Ressortleiter Politik beim Fokus Magazin und darf Franziska Reich vertreten.
Seit der sicherheitspolitischen Zeitenwende diskutiert Deutschland intensiv über Aufrüstung, über Sondervermögen, über die Brigade Litauen und die Rückkehr der Wehrpflicht. Doch während die Politik über Waffen, Milliardensummen und Kriegstüchtigkeit spricht, stellt sich eine fundamentale menschliche Frage.
Wer schützt das Gewissen und die Seelen derer, die unsere Demokratie im Ernstfall mit der Waffe verteidigen sollen? Mein heutiger Gast leitet die evangelische Seelsorge mit über 100 Militärpfarrerinnen und Pfarrern für rund 50.000 Soldatinnen und Soldaten an über 100 Standorten, darunter auch in den USA, in Litauen, Italien und Belgien.
Er ist unabhängiges Gegenüber der Führung. Er ist Mitglied im Deutschen Ethikrat und ehrenamtlicher Stadionpfarrer bei Hertha BSC ist er auch. Es ist Dr. Bernhard Fellberg, der evangelische Militärbischof der Bundeswehr. Herzlich willkommen bei Machtmenschen. Schön, dass Sie da sind. Herzlichen Dank.
Wie spricht man Sie eigentlich an? Also eigentlich ganz normal, Herr Dr. Fellberg. Viele katholisch geprägte Generale und Admirale sagen Exzellenz. Und wir als Protestanten sind da aber gegenüber deutschen Begriffen etwas zurückhaltender. Von daher bin ich immer froh, wenn Sie entweder sagen Herr Bischof oder Herr Dr. Fellberg.
Exzellenz ist ungewohnt, oder? Exzellenz ist sehr ungewohnt. Aber manchmal klingt es. Hier bei Machtmenschen hat jeder Gast zu Beginn die Möglichkeit, drei Dinge über sich zu verraten, die wichtig sind. Was also sollten alle, die uns jetzt zuhören, über Dr. Bernhard Fellberg wissen? Dr. Bernhard Fellberg ist 61 Jahre alt. Er ist in dem damaligen West-Berlin in Berlin-Wilmersdorf geboren.
Er ist verheiratet und freut sich an seinem Beruf und ist Fan von Hertha BSC und damit auch im Berliner Olympiastadion aktiv. Wir fangen richtig gut an. Das waren schon mal sechs Dinge, die man über Sie wissen soll. Wunderbar. Sie sind jetzt seit ziemlich genau sechs Jahren im Amt des Militärbischofs.
Sie kommen aus der Theologie, waren im Bundesentwicklungsministerium und bei der EKD. Was finden Sie bis heute am System Bundeswehr am gewöhnungsbedürftigsten? Ich glaube, dass man sich immer wieder daran gewöhnen muss, wenn man in neue Arbeitsbereiche kommt, wie dort gesprochen wird, wie dort abgekürzt wird, wie sich verhalten wird.
Und das ist bei der Bundeswehr natürlich anders als im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. was sie vereint, die beiden Bereiche sind, dass Abkürzungen geliebt werden und dass man hinter die Bedeutung von Abkürzungen steigen muss. Und ich glaube, da ist die Bundeswehr absoluter Spitzenreiter in Gesamtdeutschland.
Gibt es eine lustige Abkürzung, die Ihnen da einfällt? Also eine lautet zum Beispiel E-Loser, da denkt man vielleicht eher an einen Frauennamen und der heißt Einsatzland unspezifischer Ausbildungen. Es gibt so viele Dienstgrade und Uffs und weiß ich was alles, das dauert eine Weile, bis man es braucht.
Aber es macht auch Spaß, weil man merkt, wie sehr die Leute in ihrem System auch leben. Aber da ein Gegenüber zu sein in diesem System und Dinge zu hinterfragen oder zu fragen, warum macht ihr das eigentlich oder warum redet ihr so, das macht schon auch Eindruck und Spaß. Jetzt sind Sie der Militärbischof für die evangelischen Christen.
Sie haben einen katholischen Kollegen. Gibt es auch Seelsorger für Juden, für Muslime in der Bundeswehr? Ja, es gibt seit 2019 die jüdische Militärseelsorge und damit auch einen Bundesoberrabiner. Das ist eine wertvolle Ergänzung der Militärseelsorgen. Und wir haben natürlich inzwischen auch viele Muslime in der Bundeswehr.
Und hierfür hat das Bundesministerium auch eine Lösung gefunden, dass auch hier militärseelsorgerisch tätig werden. Wer kümmert sich? Wer sind die Ansprechpartner für Muslime? Da wird es einen Imam geben, der hierfür zur Verfügung steht und der wird, soweit ich informiert bin, seinen Sitz im Zentrum Innere Führung in Koblenz haben.
Okay, jetzt gibt es aber natürlich auch Menschen in der Truppe, die der Kirche fernstehen. Wer kümmert sich um die seelsorgerisch? Also wir haben rund 51 Prozent aller Soldatinnen und Soldaten, die konfessionell gebunden sind. Und diejenigen, die nicht konfessionell gebunden sind, haben häufig auch ein sehr, sehr gutes Verhältnis zur Militärseelsorge, auch zu den christlichen und zur jüdischen Militärseelsorge.
Wir haben am Anfang des Jahres herausgegeben ein Buch, das heißt Militärseelsorge wirkt. Und da wird der Militärseelsorge bescheinigt im Auslandseinsatz, dass 96 Prozent aller Soldaten die Arbeit der Militärseelsorge wichtig finden. 91 Prozent, wie man so schön sagt, im Grundbetrieb, also hier in Deutschland.
Das sind sehr, sehr viel mehr, als konfessionell gebunden sind. Und von daher fühlen sich sehr, sehr viele Soldaten auch über die Konfessionsgrenzen hinweg bei uns gut aufgehoben. Was sind denn in Friedenszeiten so typische Anliegen von Soldaten, die an ihre Seelsorge herangetragen werden? Typische Fragestellungen und Anliegen haben mit dem Dienstbetrieb zu tun, mit dem kameradschaftlichen Miteinander.
Da müssen Sie sich ja vorstellen, gibt es häufig Beförderungswünsche, Versetzungswünsche. Wie kann man Beruf und Familie vereinbaren und das alles zu besprechen? Auch die Themen, die sozusagen damit zusammenhängen, nämlich dass man vielleicht Berufspendler ist, dass man nur am Wochenende zu Hause ist, dass man einen Einsatzort hat, der in Füssen liegt, aber der Heimatort ist in Rostock.
All das belastet Soldatinnen und Soldaten und von daher ist es das tägliche, normale, menschliche Leben im Beruf als auch im Privaten, was Pfarrerinnen und Pfarrer zu hören bekommen. Und das ist ja eine ganze Menge. Ja klar, wenn es jetzt zu Übergriffen kommt, man hört davon, Mund zu Lagerkoller, zu rassistischen Vorfällen, Sind das auch Fälle, wo Seelsorger mit einbezogen werden oder geht das dann seinen disziplinarischen Weg bei der Bundeswehr?
Also wenn es öffentlich ist, dann geht es ganz klar seinen disziplinarischen Gang und da gehört es auch hin. Was wesentlich ist, dass im seelsorgerlichen Gespräch Vertraulichkeit und das Vertrauen und das Beichtgeheimnis vorrangig ist. Und von daher ist die Situation der Soldaten folgende, dass sie gerade das Gespräch mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin wichtig finden, weil sie wissen, dass diese Gespräche erst einmal vertraulich sind, außer man wird vom Schweige Geheimnis entbunden, um dann auch andere mit hinzuziehen zu können.
Jetzt tragen Sie keinen militärischen Dienstgrad, bewegen sich aber täglich unter Generälen. Und auch im Verteidigungsminister. Wie würden Sie das eigentlich beschreiben? Was unterscheidet die Macht eines Bischofs von der Macht eines Generals? Bei mir ist es das Wort, was entscheidend ist. Ich habe keine Macht innerhalb der Bundeswehr im Sinne von Befehlsgewalt.
Das ist typisch Hierarchie. Die Militärseelsorge steht außerhalb der Hierarchie der Bundeswehr und der Bischof steht auf der Payroll der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und von daher bin ich ein Gegenüber. Ich bin jemand, der im System lebt und auch dabei ist, aber nicht vom System und im System aufgeht.
Von daher ist es der große Vorteil von mir, dass ich sehen kann, was passiert. Und ich kann mit den entsprechenden hierarchischen Ebenen frei sprechen. Ich bin für diejenigen manchmal ein freies Radikal. Genau dazu kommen wir sofort. Zuvor würde ich, bevor wir tiefer einsteigen, mit Ihnen gerne die erste schnelle Runde beginnen.
Ich gebe Ihnen jetzt einige Satzanfänge vor, die Sie so spontan wie möglich vervollständigen. Wir haben auf unserer Stoppuhr, ich sag mal eine Minute. Los geht's. Ein Gottesdienst ist für mich Die Verkündigung des Wortes Gottes, die Feier der Gegenwart Gottes und ein wunderschönes Erlebnis. Das größte Missverständnis über die Militärseelsorge ist Dass wir in irgendeiner Form dem Staate so dienen, dass wir ihm gegenüber gehorsam sind.
Nein, das sind wir nicht. Wir nutzen die Freiräume, die wir haben. Wenn der Verteidigungsminister von Kriegstüchtigkeit spricht, mahne ich als Bischof, dass Verteidigungstüchtigkeit gereicht hätte und wir sprechen von Friedenstüchtigkeit. Dass 95 Prozent der Soldaten im Einsatz der Seelsorgevertrauen liegt vor allem an Der guten Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer, die vor Ort deutlich machen, wie gut Militärseelsorge ist durch ihre Person und durch ihre Arbeit.
Wenn ein junger Soldat im vertraulichen Gespräch sagt, dass er den Kriegsdienst verweigern möchte, antworte ich ihm? Dass er sein Gewissen prüfen soll. Und wenn er sein Gewissen geprüft hat, dann werden wir alles dafür tun, dass er diesen Weg gehen kann. Wenn eine Kampfdrohne ein Ziel erfasst, darf niemals ein Algorithmus entscheiden, weil ….
Die menschliche Entscheidung eine ist, die menschliche Kategorien mit allen bezieht und damit der Technik die letzte Möglichkeit genommen wird, alles zu tun und der Mensch bleibt Letztentscheider. Einem Politiker, der über Auslandseinsätze abstimmt, ohne je in einem Feldlager gewesen zu sein, rate ich.
Genau dorthin zu fahren, sich zu informieren, zu sehen, wie Menschen leben und dann mit gutem Gewissen all das zu entscheiden, was für ihn wichtig ist. Bei einer Aufstockung der Truppe auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten fordere ich von der Politik zwingend, dass sie 42 Militärgeistliche sofort einstellt und Dienstposten dafür schafft.
Wenn mir Pazifisten in meiner eigenen Kirche vorwerfen, Gewalt zu legitimieren, antworte ich. Ich sorge dafür, dass Deutschland Soldaten hat, die wertorientiert sich verhalten, und dass wir dadurch, dass wir unsere Bundeswehr aufbauen, dafür sorgen, dass dauerhaft Frieden in Europa herrscht. Das Beichtgeheimnis und die absolute Schweigepflicht gebe ich nicht einmal auf, wenn….
Alle Teufel der Welt darum fordern würden, sie aufzugeben. Das ist unverbrüchlich und gehört zu uns als Markenkern. Zuversicht schöpfe ich vor allem aus? Meinem christlichen Glauben und der Hoffnung, dass Gott immer noch ein Ass im Ärmel hat, wenn ich keins mehr sehe. Wenn ich dem Verteidigungsminister heute unter vier Augen einen Rat geben müsste, wäre das?
Dass er seinen Blick immer schön auf die Militärseelsorge zu richten hat und dort sieht, wie gute Arbeit wir leisten, um sie weiter zu fördern. Bei Ihrer letzten Antwort bleiben wir direkt stehen. Wenn Sie dem Verteidigungsminister unter vier Augen einen Rat geben, staatskirchenrechtlich sind Sie kein Beamter.
Sie stehen also Boris Pistorius vollkommen unabhängig gegenüber. Wie häufig begegnen Sie einander und stimmt es, dass Sie jederzeit einen Termin bekommen? Wir begegnen uns regelmäßig und wir grüßen uns freundlich und wir haben viele Gelegenheiten dazu. Dass ich immer sofort einen Termin bekomme, würde ich zu dieser Zeit nicht bejahen.
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Ihnen beschreiben? Freundlich, aufgeräumt und den Themen bezogen, ehrlich und offen. Die aktuelle Militärseelsorgestudie zeigt, dass, Sie sagten es gerade, 95 Prozent der Soldatinnen und Soldaten die Unabhängigkeit von der militärischen Befehlshierarchie für unverzichtbar halten.
Nun brechen Sie das Geheimnis natürlich nicht, das Beichtgeheimnis, aber geben Sie in solchen Gesprächen mit dem Minister auch reale Zustände in der Truppe wieder? Oder weisen Sie ihn auch auf Missstände hin? In Gesprächen nicht nur mit dem Minister, sondern mit Abteilungsleitern, mit Generalen, auch mit dem Generalinspekteur, weise ich auf Dinge hin, die mir wichtig geworden sind oder frage, ob folgende Sachverhalte bekannt sind.
Und daraus ergibt sich in der Regel immer ein sehr hörbereites Gespräch, weil mein Gegenüber immer weiß, dass ich nicht einfach irgendwelche Dinge anspreche, sondern Dinge, die von Gewicht sind. Und von daher habe ich auch immer den Eindruck, dass er zugehört wird und meinem Votum auch aufmerksam geschenkt wird.
Wo können Sie als Bischof dem Verteidigungsminister widersprechen und wann müssen Sie das tun? Sie haben vorhin einen Satz angesprochen, wenn eine Sprache gewählt wird, die vielleicht unangemessen ist, wenn Entscheidungen getroffen werden würden, die, nicht mehr im Bereich dessen sind, was wir als christliche Kirche unterstützen können.
Ansonsten gehört der Widerspruch in der Regel immer ins Gespräch unter vier Augen. Die Truppe soll ja, wir sprachen schon drüber, in nächster Zeit auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Und für diesen Fall gibt es von Ihrer Seite ja auch eine ganz klare Forderung. Sie sagten schon, 42 neue Fahrstellen für die Seelsorge.
Und Sie mahnen auch ganz praktische Dinge an. Zum Beispiel habe ich gelesen, die Kitas bei der Brigade Litauen mögen doch bitte um 6.15 Uhr öffnen, um also den soldatischen Belangen gerecht zu werden. Wenden Sie sich mit solchen Forderungen direkt an den Minister? Und welche Möglichkeit haben Sie eigentlich, solchen Forderungen Nachdruck zu verleihen?
Also, ich wende mich in der Regel nicht direkt an den Minister. Wir haben sehr viele Gesprächsebenen, auf denen wir sprechen. Häufig ist es Generalität, häufig sind es Abteilungsleiter, häufig sind es auch, Staatssekretäre, die für die jeweiligen Bereiche zuständig sind. Und da bringen wir unser Anliegen vor. Mein Nachdruck ist das Wort und die Meinung, die mir aus der Truppe mitgegeben wird. Ich bin ja immer auch ein Fürsprecher.
Das heißt, wenn der Bischof kommt, dann wird ernst genommen, was ich anspreche. Und häufig werden die Themen und Punkte, die ich anspreche, auch als wichtig anerkannt. Und von daher gelingt uns an der einen oder anderen Stelle schon was. Und ich bin dankbar, dass wir zum Beispiel in Litauen zwei evangelische Pfarrstellen und Dienstposten bekommen haben. Das gilt auch für die katholische Seite und einen Dienstposten für die jüdische Seite.
Da ist klar, dass das Ministerium auch an die Militärseelsorge denkt, denn Militärseelsorge ist wesentlicher Bestandteil der Versorgung der Truppe und hat auch damit zu tun, dass Familien, die in ein fremdes Land gehen, ein Stück Heimat, kulturelle Identität und Verbundenheit mit der Militärseelsorge verspüren. Vielen Dank.
Der Minister spricht von Kriegstüchtigkeit, die Bundeswehr wächst. Wir kennen die Herausforderungen, die durch den Ukraine-Krieg und andere Bedrohungen auch auf Soldatinnen und Soldaten lasten. Und so wundert es auch nicht, dass die Zahl derer, die darüber nachdenken, den Kriegsdienst zu verweigern, wächst, auch in der Truppe.
Wie erleben Ihre Pfarrerinnen und Pfarrer das gerade? Also in der Regel verweigern momentan, wir sind ja noch nicht in einer Wehrpflichtsituation, viele Reservistinnen und Reservisten den Kriegsdienst im Nachhinein, weil sie im höheren Alter sind und sich dann überlegen, was passieren könnte. Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer merken im kleinen Bereich, dass der eine oder die andere darüber nachdenkt.
Das fällt es aber auf einer ganz anderen Seite. Kriegsdienstverweigerung ist ja ein wesentlicher Bestandteil unseres Grundgesetzes. Also es gibt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Und von daher ist es wichtig, dass den jungen Leuten, die jetzt überlegen, in die Bundeswehr zu gehen oder eben nicht in die Bundeswehr zu gehen, hier eine gute Beratung zuteil werden zu lassen.
Das ist aber in dem Bereich noch nicht Aufgabe der Militärseelsorge, sondern zum Beispiel der Landeskirchen. Und ich weiß, dass viele Landeskirchen die Angebote an junge Leute ausgegeben haben, dass sie doch ihr Gewissen schärfen sollen. Und die Friedensdenkschrift, die die Evangelische Kirche in Deutschland herausgegeben hat, hat genau Kapitel, wo jeder sich fragen kann, soll ich zum Wehrdienst gehen, ja oder nein?
Was ist das Richtige für mein Leben? Und ich glaube, wenn junge Menschen verantwortlich handeln, werden sie für sich einen Weg finden. Ob der nun innerhalb der Bundeswehr ist, ob der im klassischen anderen Bereich, im zivilen Bereich ist. Denn letztlich brauchen wir junge Leute als auch ältere Leute, die Verantwortung für unser Land, für diese Demokratie übernehmen und sich nicht wegducken.
Und damit kommen wir zu unserem nächsten Schwerpunkt. Das macht Thema der Stunde. Ich möchte Ihnen dazu zwei Sätze vorlesen, die Sie in einer Predigt in Potsdam gesagt haben. Ich hoffe, ich zitiere richtig. Ein Diktatfrieden ist die Friedhofsruhe der Tyrannei. Wer mit einem solchen vermeintlichen Frieden Unrecht zementiert, schafft keinen Frieden, sondern vertagt nur den nächsten Krieg.
In Teilen der Gesellschaft wächst die Müdigkeit angesichts des Ukraine-Krieges. Können Sie die Sehnsucht nach Frieden verstehen? Die Sehnsucht nach Frieden kann ich verstehen, die verspüre ich in mir ja auch. Ich bin in einer Generation groß geworden, zwar kalter Krieg, West-Berlin, Mauer, aber auf der anderen Seite immer im Bewusstsein, Frieden ist nicht nur möglich, sondern Frieden wird gelebt.
Und nach der Wiedervereinigung haben wir gedacht, es wird nichts anderes mehr denkbar sein als Frieden auf Erden, quasi schon das Himmelreich auf Erden. Und dass das jetzt alles in Frage steht, bricht sozusagen die Lebensbiografien einer gesamten Generation, wenn nicht sogar mehrerer Generationen. Und dass eine Gesellschaft damit Schwierigkeiten hat, auch innerlich, auch äußerlich damit klarzukommen, verstehe ich absolut.
Die Frage ist nur, was für einen Frieden meinen wir? Meinen wir wirklich, dass das, was wir heute erleben, noch ein Frieden ist, wie wir ihn vielleicht von vor 10 oder 15 Jahren kennen. Nein, das ist kein Frieden mehr in dem Sinne. Wir merken, es gibt Cyberbedrohungen, Angriffe auf verschiedenste Art, auch auf unsere Meinung etc.
Von Russland, von China, Nordkorea und anderen. Und von daher ist die Beschäftigung mit der neuen Weltsituation etwas, was wir selber uns zumuten müssen. Wer meint, es gibt ein Zurück in die selige Zeit von, der wird sich irren. Ich glaube, es wird schwer sein, in diese neue Situation weiterzukommen und.
Einen gerechten Frieden zu leben. Hoffnung habe ich natürlich und deshalb sind wir hoffnungsfroh, dass gerechter Frieden auch vielleicht irgendwann der Ukraine zuteil wird. Jetzt mache ich es mir als bibeltreuer Christ vielleicht ganz einfach, indem ich sage, wir haben doch die zehn Gebote in der Bibel, in denen es unmissverständlich heißt, du sollst nicht töten.
Wie verträgt sich dieses zentrale Gottesgebot denn theologisch und ganz persönlich mit einem Dienst an der Waffe? Also wir haben ja dieses Gebot, was auch übersetzt heißt, du sollst nicht morden. Und das heißt natürlich, du sollst auch nicht morden lassen. Das heißt, derjenige, der für sich selber die Entscheidung trifft, anderen die Gewalt erleiden, es zuzulassen, dass sie weiter Gewalt erleiden, behält keine sauberen Hände.
Sondern man muss sich klar werden, dass man in dieser Welt immer Schuld auf sich lädt, indem man Dinge tut oder indem man Dinge unterlässt. Und von daher ist dieses Gebot für uns als Christen ein wesentliches. Aber ich darf auch nicht morden lassen. Das heißt, ich muss nicht nur den verbinden, hat Bonhoeffer gesagt, der unter das Rad, unter die Räder kommt, sondern ich muss dem Rad vielleicht manchmal auch in die Speichen greifen.
Und auch das ist christliche Verantwortung, die mit dem Gebot Jesu einhergeht. Wie bereiten Sie Menschen darauf vor, im Notfall töten zu müssen? Ich bereite Menschen nicht darauf vor, mit der Waffe töten zu müssen. Ich kann Menschen, die zu mir kommen und ihre Gewissensnöte damit haben, Menschen zu töten, beraten, ob dann der Beruf des Soldaten für ihn oder sie das Richtige ist.
Denn das ist ja klar, wenn ich das aus meiner Glaubensüberzeugung, aus meiner Art und Weise, wie ich meine Werte erlebe, nicht vertreten kann, dann habe ich das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern und etwas anderes dafür zu tun. Das ist legitim und diese Gewissensgründe, die sind festgeschrieben und gelten.
Das ist wesentlich. Von daher ist es eher die Frage, wie ein Soldat damit umgeht, wenn er Dinge erlebt hat, die seine eigene moralische Integrität belasten oder zerbrechen. Wie man damit umgeht. Wir haben viele Gespräche mit Militärgeistlichen gehabt über Einsätze in Afghanistan und Mali, wo Soldaten Dinge gesehen haben, wo sie nicht eingreifen durften, die im Rahmen der Zivilbevölkerung geschehen sind, was sozusagen eine Moral Injury auslöst, eine moralische Verletzung.
Und das kann eben auch zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Daran leiden dann viele Soldatinnen und Soldaten, die Dinge gesehen haben, die sie für sich in ihrem eigenen Wertegerüst nicht anerkennen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat Ende 2025 eine neue Friedensdenkschrift unter dem Titel Welt in Unordnung vorgelegt.
In der alten Denkschrift galt der waffenlose Dienst noch als das, Zitat, ich zitiere es häufig richtig, deutlichere Zeichen christlichen Friedenshandelns. Davon rückt die Kirche nun ab und rückt die staatliche Schutzpflicht sowie das Recht auf Verteidigung in den Vordergrund. Im Grunde, wie Sie es gerade ausführten, hilft Ihnen diese Abkehr bei Ihrer täglichen Arbeit?
Wichtig ist, dass wir in der christlichen Kirche das Friedensgebot Jesu ganz nach vorn stellen. Wesentlich ist, dass wir in all dem, was wir tun, wissen, Gewalt kann nur Ultima Ratio sein, also das letzte Mittel, bevor alle anderen zivilen und diplomatischen Mittel erschöpft sind. Und von daher ist es gut, dass in dieser Friedensdenkschrift die Realitäten, wie sie momentan herrschen, anerkannt worden sind, ohne gleichzeitig all das, was christliche Werte angeht, über Bord zu schmeißen.
Mir ist deutlich, dass diese Friedensdenkschrift versucht, nicht Gewissheiten zu proklamieren, sondern die Gewissen der Menschen zu bilden. Sie bildet Gewissen der Menschen, indem sie deutlich macht, dass in dieser Welt Realitäten existieren, die wir zur Kenntnis zu nehmen haben. Das gilt übrigens auch für die Sündhaftigkeit des Menschen. Der Mensch ist eben nicht nur gut.
Und das erleben wir immer wieder und sind aber dann ganz erstaunt, wenn wir uns fragen, warum konnte im 20. Jahrhundert das passieren? Warum konnte im 21. Jahrhundert das passieren? Martin Luther hat da sehr nüchtern drauf geschaut. Martin Luther hat gesagt, der Mensch ist simul justus et peccator, er ist gerechter und sünder zugleich.
Und diese Verfasstheit des Menschen ändert sich nicht durch einige Ethikstunden. Diese Verfasstheit des Menschen kommt immer wieder zum Tragen in den verschiedenen Jahrhunderten. Und deswegen ist es so wichtig, dass diese Friedensdenkschrift einen realistischen Blick auf den Menschen hat, einen realistischen Blick auf die Welt hat und damit auch Wege zeigt, wie man damit umzugehen hat.
Die Friedensdenkschrift hat sich verändert und den Gegebenheiten angepasst. Die Militärtechnik tut das auch. Wir sprachen in der ersten schnellen Runde über Drohnen. Ich habe sie ganz kurz gefragt. Bei der Debatte um bewaffnete Kampfdrohnen und KI-Systeme beziehen Sie ja klar Stellung. Sie sagen, die Tötungsentscheidung muss zwingend beim Menschen verbleiben, weil Maschinen keine Empathie besitzen. So würde ich das übersetzen.
Wie verschaffen Sie dieser ethischen Grenze Gehör, wenn der Krieg im digitalen Raum immer schneller wird? Und warum gehen Sie nicht davon aus, dass die KI auch Empathie lernen kann? Im Prinzip ist dieser Kampf, wenn man ehrlich ist, eigentlich verloren, weil die meisten Waffensysteme, die es in Zukunft geben wird, dadurch, dass sie eine enorme Schnelligkeit vorlegen müssen, KI-gesteuert oder mit Algorithmen gesteuert sein werden.
Wesentlich ist die Frage, wie sind diese Systeme durch Menschen gesteuert? Was ist sozusagen eingegeben? Und das Wesentliche ist, wer programmiert und wie wird programmiert? Und diese Programmierung ist in der Hand der Menschen. Und deshalb muss diese Programmierung auch dem menschlichen Ethos entspringen und entsprechen.
Aber die Entwicklung in diesem Bereich ist derartig schnell. Drohnen entwickeln sich in einem drei bis vier Wochenrhythmus. Immer weiter im Krieg zwischen der Ukraine und Russland. Da einen Schritt zu halten, auch ethisch Schritt zu halten, zu sehen, was eigentlich passiert, ist eine enorm anspruchsvolle Aufgabe.
Und der wird aber sich unsere Gesellschaft stellen müssen. Sonst werden wir, von Algorithmen bestimmt werden. Und das ist allgemein zu beobachten. Das heißt aber auch im Praktischen, dass der Militärseelsorger unter Umständen nicht nur dem Infanteristen gegenüber sitzt, sondern auch dem Programmierer.
Auch Menschen, die eigentlich Jobs haben, wo man sagen würde, die sitzen ja im Warmen. Der Militärseelsorger und die Militärseelsorgerin sitzt sowohl dem Grenadier als auch dem Soldaten gegenüber, der im Cyber-Informationsraum arbeitet. Und die Vorstellung, dass je weiter man von einem Ort weg ist, wo Menschen zu Schaden kommen oder getötet werden, ist ein Falscher, wenn man dann meint, die eigene Seele würde nicht belastet werden.
Unsere Erfahrungen sind genau das Gegenteil. Wenn Soldatinnen und Soldaten Dinge in Bildschirmen und auf Bildschirmen sehen, dann belasten die sehr wohl, weil man das, was man gesehen hat, mitnimmt nach Hause. Abends sitzt man beim Abendbrottisch mit seiner Familie und nimmt diese Bilder mit. Und das sind Dinge, die einen auch posttraumatisch belasten können.
Und von daher ist die Arbeit der Militärseesorge in allen Bereichen der Bundeswehr, in allen Teilschreitkräften, auch im Cyber-Informationsraum, sehr, sehr wichtig. Weil dort Dinge gesehen werden, die einfach man nicht sehen möchte jeden Tag. Lassen Sie uns kurz Luft holen und in eine zweite kurze Runde gehen.
Ich gebe Ihnen diesmal entweder oder vor und Sie entscheiden sich bitte ganz spontan. Seelsorge im Einsatz. Lieber Flecktarn ohne Rangabzeichen oder Zivilkleidung mit Kreuz? Flecktarn ohne Rangaktzeichen mit Kreuz Bei Gewissensbedenken in der Truppe zum Verweigerungsantrag raten oder zum Durchhalten ermutigen.
Zur Gewissensprüfung. Lieber Beratungsgespräch im Verteidigungsministerium oder Feldgottesdienst in Litauen? Feldgottesdienst in Litauen. Wehrpflicht wieder einführen oder reine Freiwilligkeitsarmee belassen? Reine Freiwilligkeitsarmee belassen, wenn die Zahlen erreicht werden. Bei ethischen Konflikten lieber leise Diplomatie hinter den Kulissen oder offenes Visier in den Medien? Immer leise.
Lieber großer Zapfenstreich oder kleine Runde unter Freunden? Das kommt auf den Abend drauf an. Ein Spiel von Hertha BSC oder ein Kinoabend? Hertha BSC. Eine Predigt vor Generälen oder eine Andacht mit Rekruten? Andacht vor Rekruten. Hoffnung aus der Politik oder Trost aus dem Glauben? Trost aus dem Glauben.
Zwischen Spitzenpolitik, Kirchenführung und Hertha BSC liegt eine vielseitige Biografie. Darüber wollen wir jetzt sprechen. Kommen wir zu unserer nächsten Rubrik. Sie sind 1965 in West-Berlin geboren und im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen. Wie muss man sich Bernhard Fellnberg als Kind vorstellen?
Was war typisch für Ihre Kindheit in der geteilten Stadt? Gibt es ein Bild? Gibt es einen Geruch? Was erinnern Sie? Also ich erinnere mich natürlich an unser Pfarrhaus, an dem ich groß geworden bin. Auenkirche, Wilmersdorf, große Wiese, viel Fußball auf der Wiese mit Freunden, viel draußen gewesen, Gymnasium nur ein Schlag weit entfernt, viel in der Gemeinde gemacht, große Jugendgottesdienste, daran erinnere ich mich.
Und Geruch ist damit verbunden. Also Geruch von. Dem Wilmersdorf, wo viele Wiesen sind und Bäume stehen und eine Glocke schlägt und nachts der Organist so übt, dass ich im Bett das gehört habe und sowas prägt. Sie beantworten schon gleich zumindest, wenn ich das richtig sehe, was Ihr Vater von Beruf war. Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht und haben Sie Geschwister?
Mein Vater war Pfarrer an der Auenkirche in Wilmersdorf, 28 Jahre. Meine Mutter war Lehrerin und ist dann allerdings, wie es in der Generation auch üblich war, war nach der Heirat mit meinem Vater Pfarrfrau geworden und hat in der Auenkirche den Beruf der Pfarrfrau gelebt und ausgelebt. Und ich habe eine Schwester, Elisabeth, die ist zwei Jahre jünger als ich.
Und was macht die heute, wenn ich fragen darf? Die ist auch im schulischen Bereich unterwegs. Das ist in unserer Familie seit Generationen der Fall. Sie haben es ja schon so ein bisschen angedeutet. Gibt es eine prägende Erinnerung, die Ihnen bis heute geblieben ist? Aus dieser Zeit in der Familie, im Pfarrhaus?
Das sind vor allen Dingen Gesprächsabende. Also in einem Pfarrhaus wird viel geredet, wird viel gesprochen. Über Politik, über den Glauben, über Gott und die Welt. Und dieses Miteinander im Gespräch sein, das habe ich sehr, sehr gut in Erinnerung. Und natürlich auch Geburtstagsfeiern in einem Pfarrhaus, die wunderbar und groß waren. Standen Sie als Sohn in Opposition zum Vater?
Nein, ich stand nicht in Opposition zum Vater. Ich musste mir das nicht erarbeiten. Ich fand den Beruf meines Vaters sehr interessant. Er hat mich immer fasziniert, und ich gehöre zu denen, die sich an ihren Eltern nur selten abgearbeitet haben. Also wir haben dadurch, dass wir eine sehr gute Gesprächskultur hatten, auch unterschiedliche Meinungen ausdiskutieren können, wie man so schön gesagt hat. Und das hat mir sehr gut getan.
Die Mauer stand damals quasi direkt vor der Haustür. Wie hat diese Atmosphäre, dieser isolierten Insel West-Berlin, ihr Aufwachsen geprägt und ihr Blick auf Freiheit und Demokratie? Also Freiheit und Demokratie ist sehr einfach zu beantworten. Wir haben in Wilmersdorf die Engländer gesehen, wir haben in Zehlendorf die Amerikaner gesehen, in Reinickendorf die Franzosen.
Wir wussten genau, dass diese Alliierten für die Freiheit und die Demokratie unserer eingemauerten Stadt stehen. Mit Blick auf das Großwerden ist es erstaunlich, wie selbstverständlich man in West-Berlin groß geworden ist, ohne sich dauernd an der Mauer abzuarbeiten. Aus Wilmersdorf kommend hat man die Mauer auch nicht jeden Tag gesehen.
Wenn man Freunde besucht hat im Gymnasium, die in Kreuzberg gewohnt haben oder so, Oranienplatz, dann hat man mal einen Blick auf die Mauer gesehen. Ansonsten war es immer etwas, gerade wenn man im Urlaub war, schön, weil man ein gewisser Exot war. Keiner wollte eigentlich in eine Stadt, die ummauert war. Und alle sagten, wie schrecklich das sein muss. Und wir haben diese Stadt einfach nur genossen. Es war großartig.
Von daher war das immer so ein bisschen Exoten-Status. Du kommst aus West-Berlin. Sie sind ja Mitglied der CDU. Wann sind Sie eingetreten und was hat Sie politisiert? Ich bin Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises der CDU-CSU geworden. Das heißt, wie alt waren Sie da? Mitte, also 40 glaube ich. Okay, das heißt, Sie sind also nicht als junger Mensch in die CDU eingetreten, sondern im Laufe Ihrer beruflichen Laufbahn?
Also ich bin gewählt worden als Bundesgeschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises der CDU-CSU und war damals nicht Mitglied der CDU. Okay. Und der damalige Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises, Jochen Borchardt, ehemaliger Landwirtschaftsminister unter der Regierung Helmut Kohl, hat gesagt, und das hat mich eben auch fasziniert, hat gesagt, wir haben sie eingestellt, obwohl sie nicht Mitglied unserer Partei sind.
Und wenn Sie im Laufe der Jahre erleben, dass Ihnen das gefällt, was Sie sehen, denken Sie darüber nach. Und so war es dann auch. Ich glaube, ich bin ein Jahr später dann in die CDU eingetreten und habe dann in den kirchlichen Ämtern meine Parteimitgliedschaft ruhen lassen, um auch zu signalisieren, Offenheit für diejenigen, die mir begegnen.
Sie haben 1983, wenn ich das richtig weiß, Ihr Abitur gemacht. Und direkt im Jahr darauf, mit gerade mal 19 Jahren, an der Kirchlichen Hochschule Berlin Theologie studiert. Wann wussten Sie, ich will das? Gab es diesen einen Moment, in dem Sie erkannt haben, ich möchte mein künftiges Leben der Beschäftigung mit Gott widmen?
Das war kein Saulus- und Paulus-Erlebnis. Ja, oder macht man es, weil der Vater Pfarrer ist? Also ich habe mich informiert. Damals gab es ein Berufsinformationszentrum an einem Platz in Berlin. War das am Ernst-Reuter-Platz? Genau, Ernst-Reuter-Platz. Da war ich auch. Ernst-Reuter-Platz und habe mir Jura angeguckt und Theologie und noch ein paar andere Sachen.
Dann bin ich nach Hause und dann sagte mein Vater, als er mitbekam, dass ich Jura im Auge hatte, dann sagte er, überlege dir gut, was du tust. Die Bibel hat vorne einen Deckel und hinten einen Deckel und alles, was dazwischen ist, bleibt auch so. Das ist bei Jura anders. Also es war eher scherzhaft. Und ich habe mich mit Freude entschlossen, Theologie zu studieren und habe das auch sehr genossen.
Ich habe das als ein breites Studium wahrgenommen, wo ich Philosophie, Dogmengeschichte, Kirchengeschichte, Neues Testament, Altes Testament, praktische Theologie, so vieles lernen konnte, was mich dann, sehr bereichert hat und mich bis heute trägt. Es waren die 80er Jahre, wenn wir zurückblicken, in denen Sie studiert haben, die waren ja sehr politisiert. Ich denke an die Hochphase der Friedensbewegung, an den NATO-Doppelbeschluss, an leidenschaftliche Debatten auch in der Kirche.
Wie haben Sie damals als junger Christ und Student über Krieg und Frieden und vor allen Dingen auch über die Bundeswehr gedacht? Waren Sie auch, wie viele, eher pazifistisch eingestellt? Naja, Pazifist heißt ja für mich durchaus dafür zu sein, dass in dem Fall durch den NATO-Doppelbeschluss, Dinge verhindert werden konnten, die andere nur dadurch gesehen haben, dass man sagt, Frieden schaffen ohne Waffen.
Für mich war da eher die Haltung von Helmut Schmidt und anderen prägend, die sich für den NATO-Doppelbeschluss eingesetzt haben. Die Auseinandersetzung war für mich seit der Schule eigentlich sehr, sehr klar. Ich erinnere mich an eine Situation, da gab es diese ganzen Demonstrationen, tu was und tu nix und so.
Mit 200.000 Leuten, das muss man sich vorstellen. Und wir haben mit einem Freund und ich mit der Amerika-Fahne gewunken. Das war intensiv. Da warst du die Diskussion. Ja, da war ich Opposition und zwar wirklich sehr, sehr klein. Aber man lernt daraus. Wir haben dann in der politischen Weltkunde gerade über diese Dinge auch sehr intensiv diskutiert.
Und das war ein Fach, was mir sehr viel Freude gemacht hat. Damals 15 Punkte abgeräumt. Das hat mir Freude gemacht, auch so den Stachel zu löcken und ein bisschen gegen den Mainstream zu sein. Aber das heißt, es gab in Ihrem Leben nicht so ein persönliches Zeitenwende-Moment, sondern es ist fast eher ein Kontinuum von der Jugend über die Amerika-Fahne bis in das Amt des Militärbischofs.
Ja, so ist es. Ich habe zu Amerika immer eine enge Beziehung gehabt. Ich war lange Jahre bei den Schöneberger Sängerknaben. Und einer meiner wesentlichen als Zwölfjähriger gereist zu sein nach New York und Washington, hat mich sehr beeindruckt. Hat mich sehr beeindruckt. Wir haben damals in der Auf der Stäubenparade gesungen.
Als Berliner Chor und all das zu sehen, auf dem World Trade Center gewesen zu sein, Rockefeller Center und all das. Allerdings auch die Armut zu sehen und Obdachlose, die mitten auf der Straße liegen. Das war in den 70er Jahren in New York gang und gäbe. Das ist das, was ich heute hier wieder erkenne, wenn ich aus der Haustür gehe, hier in der Jebensstraße hinter dem Bahnhof Zoo.
Und das alles hat beeindruckt, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Und trotzdem ist diese enge Bindung an Amerika und das Bewusstsein, dass Alliierte für Freiheit und Demokratie stehen und dafür gesorgt haben, dass Deutschland demokratisch wird. Und zwar nicht mit Blick auf Verhandlungen, sondern nur durch die totale Kapitulation.
Das ist mir schon sehr eingängig in meiner Biografie hängen geblieben und bleibt für mich auch weiterhin leitend. Jetzt haben wir gesprochen über das Studium, wir haben gesprochen über verschiedene berufliche Stationen, über eines, das haben Sie anklingen lassen, haben wir aber noch nicht gesprochen, dass Sie, vielen Berlinern schlicht als der Hertha-Pfarrer bekannt sind, als jemand, der die Kapelle im Berliner Olympiastadion mitinitiiert hat und der, wenn ich das weiß, regelmäßig dort Gottesdienste für Hertha-Fans feiert.
Und jetzt möchte ich wissen, warum und warum Hertha BSC? Naja, wenn man in West-Berlin geboren ist und in Wilmersdorf, dann ist das Olympiastadion nicht weit und Hertha BSC ist der Verein schlechthin und das ist ja auch geblieben. Und da gibt es viele Sachen. Ich hatte Sportleistungsgruß zum Abitur. Wir haben im Olympiastadion auch trainiert, Leichtathletik.
Es gab immer auch mal Begegnungen mit Spielern von Hertha BSC. Das war schon sehr beeindruckend. Und als die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 entferne auftauchte und meine Kirche mich schon 1999 zum Sportbeauftragten, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gemacht hatte, war die Idee, einfach in dieses Olympiastadion eine christliche Kapelle zu setzen.
So und dann habe ich natürlich ein bisschen geklingelt, auch über, Medien und da gab es einige, die die Idee sehr gut fanden und dann bin ich, darf man als Berliner kaum sagen, bin ich nach Schalke gefahren und habe mir angeguckt, da gab es nämlich schon eine Kapelle, mit einem sehr engagierten Pfarrer und habe da mir erzählen lassen, was nötig ist. Dann dachte ich, das ist eine ganz einfache Sache.
Man sagt einfach, man möchte sowas und dann kommt ein großer Verein, der natürlich Millionen hat und setzt einem hin, so wie es in Schalke war. So einfach war es nicht, oder? Nee, das war überhaupt nicht so. Und die sagten eigentlich eher, wir können hier so einen Abstellraum noch zur Verfügung stehen, so eine Besenkammer.
Und dann gingen die Gespräche los. Das war eine unheimlich intensive Zeit. Lange Rede, kurzer Sinn. Im Jahr 2006, im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Berlin, haben wir diese Stadionkapelle eingeweiht. Wir haben viele Spenden gesammelt. Das war nicht ein einziger Euro von Hertha BSC oder anderen, aber von Firmen, von Privatpersonen und so weiter.
Es war wirklich ein Segen. Am Ende hat die Deutsche Klassenlotterie Berlin noch wesentlich geholfen und dann konnten wir einige hunderttausend Euro sammeln und dann diese Kapelle hinsetzen. Und Volkwin Mark war sozusagen derjenige, der gesagt hat, wir machen beim Umbau des Olympiastadions diese Kapelle auch noch.
Und nach dem Motto, hier machen wir nicht so einen Churchy-Raum, sondern das muss ein Fünf-Sterne-Stadion mit einer Fünf-Sterne-Kapelle sein. Und lieber Bernhard Fellberg, du kümmerst dich darum, dass das alles finanziell läuft. Und das war für mich Ansporn genug. Allerdings zwischendurch habe ich manchmal gedacht, was hast du da losgetreten?
Hättest du mal nichts gesagt. Aber heute, über 20 Jahre danach, machen wir weiterhin Gottesdienste bei jedem Heimspiel von HWSC. Und ich war jetzt gerade am Sonntag da. Die Hütte war voll, fast 100 Leute in der Kapelle. Also es macht Spaß, es war die richtige Entscheidung. Und da kommen Fans oder auch Profispieler?
Gemischtes Bild. Segnen Sie den Ball? Nein, ich segne keinen Ball, ich segne auch keine Waffen. Ich segne Menschen, die sozusagen darum bitten oder das Wort des Herrn gehört haben. Und dort haben wir nun schon so viel Erfahrung mit Hatter BSC. Ich habe am Sonntag gesagt, da haben wir über das Vaterunser gesprochen.
Ich bin so oft mit Gebet abgestiegen und mit Gebet aufgestiegen. Das zeigt, dass das Gebet nicht der Wunschautomat ist, der dann in der Bundesliga immer sofort greift. Aber wir merken ja jetzt, dass man sich wieder viel stärker zu Hertha BSC bekennt. Aber wir, dann kommen die anderen und dazu gehöre ich auch. Wir haben natürlich schon so viel Erfahrung und so viele zweite, dritte Liga damit gemacht.
Aber eben auch erste und das ist wunderbar. Das heißt, Hertha und Gottvertrauen geht zusammen. Hertha und Gottvertrauen geht zusammen, beziehungsweise Gottvertrauen braucht man, um bei Hertha BSC ewig Fan zu sein. Sie haben uns einen Musikwunsch mitgebracht, ein Lieblingslied, das auf den ersten Blick vielleicht überrascht, aber unheimlich viel tiefer hat. Hören wir doch mal kurz rein.
Jetzt bin ich kein Musikhermeneutiker, aber ich habe mich mal informiert. Der Song ist eine Art psychologisches Porträt eines jungen Mannes, der einen Mord begeht. Seiner Mutter davon erzählt und mit Schuld, Angst, Verurteilung und dem nahenden Ende ringt. Jetzt gibt es eine verbreitete Lesart, die diesen Mord als Metapher versteht.
Und zwar tötet der Erzähler, so heißt es in der Hermeneutik, symbolisch sein altes Ich, um eine neue Identität anzunehmen. Bei Freddie Mercury sah man da in Bezug zu seiner Bisexualität in einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich stark tabuisiert war. Was verbindet Sie persönlich mit dem Song?
Ich bin groß geworden in einer Zeit, wo die großen Bands und Rockbands die Welt eroberten. Und ich bin ja jemand, der aus dem kirchlichen Milieu kommt. Also klassische Musik liebt Bach und alles, was dazugehört. Ich habe jahrelang in der Kantorei gesungen, auch in Wilmersdorf in der Auenkirche. Und auf der anderen Seite auch viel Hardrock gehört in meiner Jugend.
Und ich fand bei Queen immer, gerade in diesem Song, diese Verbindung, das Klassische und das Rock, fantastisch. Und deswegen habe ich dieses Lied ausgesucht, weil beide Seiten meiner Musikleidenschaft, der Klassik und des Hardrocks, da in einer wunderbaren Symbiose zu hören sind. Wenn der junge Theologiestudent Bernhard Fellberg aus dem Jahr 1984 ihn heute begegnen könnte, worüber wäre er wohl am meisten erstaunt und wovor müssten Sie sich vor ihm rechtfertigen?
Na, ich glaube, ich wäre erstaunt, wie apodiktisch dieser junge Bernhard Fellberg manchmal unterwegs war. Und das ist doch eine Lehre, wenn man jetzt inzwischen 61 ist, dass das Leben so vielfältig und bunt ist, dass man Lebensentwürfe verschiedener Menschen im christlichen Glauben auch akzeptieren kann und barmherziger, und sanftmütiger auf Lebensentwürfe und überhaupt aufs Leben guckt.
Müssen Sie sich rechtfertigen für etwas? Ich glaube, jeder hat in seinem Leben mal Verhaltensweisen gegenüber Menschen an den Tag gelegt, wo man im Nachhinein sagen würde, ein bisschen weniger wäre auch gut gewesen. Und da würde ich sagen, da würden mir ein paar Beispiele einfallen, wo ich sage, mal die Klappe gehalten oder mal ein bisschen weniger dick aufgetragen wäre gut gewesen.
Und ich glaube andererseits, dass das auch zur Jugend oder zum Jungleben gehört, dieses manchmal sehr, klare Sprechen, das ist mir heute auch noch eigen, aber dieses Überzeugtsein von einer Sache und der anderen Meinung vielleicht nicht den Raum zu geben, da würde ich sagen, ein bisschen mehr Gelassenheit, Bernhard Fellberg, hätte dir damals gut getan.
Okay, jetzt sprechen wir in diesem Podcast naturgemäß viel über Politik und Strategien. Aber viele Menschen, die uns zuhören, suchen in diesen unsicheren Zeiten auch nach ganz persönlichem Halt. Und jetzt habe ich ja das Glück, mit jemandem zu sprechen, dessen Job es ist, persönlich Halt zu geben. Wenn Sie und Ihre Militärfahrerinnen und Fahrer mit jungen Soldaten sprechen, die Angst haben, was ist da Ihre wichtigste Haltung? Ist es das gesprochene Wort, das gemeinsame Aushalten von Sprachlosigkeit oder die Kraft eines persönlichen Segens?
Es ist erstmal grundsätzlich, dass Angst artikuliert wird, dass gesprochen wird und das ist in der Seelsorge wesentlich. Ich habe einige Jahre in der Telefonseelsorge hier in Berlin gearbeitet, auch mit Nachtschichten. Und da gab es immer einen Fragebogen, den wir danach ankreizen mussten, was war das Anliegen des Gesprächs.
Und da kam eigentlich der Begriff der emotionalen Entlastung immer ganz vorne. Ich glaube, wenn man über seine Angst spricht und beim Gegenüber Nachfragen bekommt, die die Angst konkretisieren, kann es häufig sein, dass die Angst an Brutalität, an Dunkelheit und an Kälte verliert. Und solche Gespräche, die die Angst fokussieren und sie damit beherrschbar werden lassen, Das ist vielleicht eine Chance in der Seelsorge.
In den Auslandseinsätzen sind bislang 120 Bundeswehrangehörige ums Leben gekommen. Wie trösten Sie Familienangehörige und Kameraden, wenn eine Soldatin oder ein Soldat fällt? Gibt es da Handlungsanweisungen? Da gibt es Handlungsanweisungen mit Blick auf die Begleitung der Überbringung einer Todesnachricht. Und es gibt natürlich eine Betreuung, die eben nicht nur bei der Überbringung der Todesnachricht endet.
Ich habe das erlebt bei Militärgeistlichen, die sich um Familienangehörige kümmern, die in Afghanistan Brüder, Söhne, Väter verloren haben. Und in der Regel ist das Begleiten von Menschen, das Dabeibleiben, wo andere quasi in den Alltag übergehen wieder, das Leben geht weiter, das Wesentliche. Das Leben geht nämlich für viele Menschen erstmal nicht weiter, sondern sie halten sich fest an dem Schmerz der Trauer, die empfunden wird.
Und in diesem Schmerz zu begleiten und das Leben weiter zu begleiten, sodass es dann wirklich wieder zurückgeht. Weitergehen kann in einem anderen Sinne. Das ist die Kraft auch von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, Menschen nicht nur kurzfristig zu unterstützen, zu trösten, die Hoffnung auszusprechen, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand, sondern das Leben weitergeht, weil man wieder die Kraft hat, Leben zu führen.
Und da ist der christliche Glaube gerade mit dem, was unser Zentrum ist, Jesus Christus, eine enorm starke Botschaft, weil eben der christliche Glaube nicht davon ausgeht, dass im Tod das Ende ist, sondern dass immer wieder Auferstehung folgt. Und diese Auferstehung, die kann man als Hoffnungsbotschaft mit den Menschen durchbeten.
Und dann ist natürlich am Ende immer der Segen wesentlich. Der Segen ist in der Bundeswehr was ganz Großes. Ich kenne einen Pfarrer, der hat mal in Mali einen Versuch gestartet. Bevor die Bundeswehrsoldaten raus in die Landschaft gefahren sind, hat er zwei Körbe gehabt. Einen mit einem Kreuz, also mit einem Segen oder mit Gummibärchen.
Alle haben das Kreuz gegriffen und einen Segen gewollt. Und der Segen spielt in diesen Zeiten, die so manchmal gottverlassen sind oder scheinen, eine wesentliche Rolle. Und deshalb sind auch bei den Gottesdiensten, die ich mache mit Soldatinnen und Soldaten oder mit Familien, Segenshandlungen immer Zentrum von geistlicher Zuwendung.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie ohne Ihren christlichen Glaube im Leben oft schon Trübsal geblasen hätten. Was ist Ihre persönliche Kraftquelle und dann ganz konkret, was tröstet Sie selbst? Also meine Kraftquelle ist unterschiedlich. Es ist das Gebet, es ist der Sonntagsgottesdienst, es ist das Gespräch über den Glauben.
Und was mich selbst tröstet, ist genau das, dass ich weiß, dass egal wie andere Menschen über mich denken, dass egal wie andere Menschen mich behandeln, ich bei einem so gesehen werde, wie ich wirklich bin, vor dem ich mich auch nicht rechtfertigen muss, sondern der mich nimmt als Bernhard Fellberg, so wie ich bin.
Und das ist Jesus Christus. Und der kennt all mein Denken, mein Hoffen und mein Sagen hinter der Fassade, die ich manchmal vielleicht für andere Leute aufbaue. Und das ist eine große Erleichterung, dass diese Offenheit und Ehrlichkeit und Treue man von seinem Gott spürt. Haben Sie schon einmal an Ihrem Gott gezweifelt?
Ja, ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Christ nicht schon an seinem Gott gezweifelt hätte. Alleine der Blick auf diese Welt lässt so viele Fragen zu und so viele Zweifel. Und Luther hat gesagt, der Zweifel ist ganz normal, gehört zum Glauben dazu. Du musst nur aufpassen, dass der Zweifel nicht in seinen Dornen und seinen Disteln so groß wird, dass der Glauben erdrückt und erstickt wird.
Und darauf zu achten, ist vielleicht eine gute Geschichte und eine Balance zwischen Glauben und Hoffnung und Zweifel zu haben, ist gut und richtig. Ich bin ein großer Freund von Kalendersprüchen. Gibt es einen Sinnspruch, der Ihnen Halt gibt? Es gab einen Kalenderspruch bei uns in der Küche, bei meiner Mutter.
Tröste dich, die Stunden eilen und alles, was dich drücken mag. Auch das Schlimmste kann nicht weilen und es folgt ein neuer Tag. Theodor Fontane. Herrlich. Welchen ganz praktischen Rat oder Impuls geben Sie einer Hörerin oder einem Hörer mit, der heute Abend wegen Zukunftsängsten nicht schlafen kann?
Die Hände zu falten. Die Ängste Gott gegenüber zu benennen. Und zu wissen, dass die Sorgen, die ich habe, ich vor Gottes Füße werfen kann. Und wenn ich das in einem Gebet tue, in dem ich die Beziehung zu Gott pflege, wird mir deutlich, dass ich dann erstens weiß, woher kommen meine Ängste und zweitens, wohin ich sie adressieren kann.
Denn die meisten leiden ja darunter, dass sie ihre Ängste nicht artikulieren können und auch nicht adressieren können. Und das erleichtert die Seele und nimmt auch Aggression raus. Und das täte jedem Einzelnen gut und unserem Land vielleicht noch mehr. Zum Abschluss. Wenn wir uns vielleicht in einigen Jahren wiedersehen, was müsste sich in Politik und Gesellschaft verändert haben, damit ein Soldat, eine Soldatin im Einsatz nie daran zweifelt, dass sein Dienst von dieser Gesellschaft geachtet und getragen wird?
Wenn wir der Überzeugung sind, dass die Demokratie, dass die Freiheit, dass Gerechtigkeit, dass die Lebensweise, die wir hier in diesem Land führen, für uns etwas ist, auf das wir nie wieder verzichten wollen, dann sollten wir all diejenigen stärken, die dafür eintreten. In der Sicherheit nach außen, in der Sicherheit nach innen, bei all denen, die zivil unterwegs sind und in den Berufsgruppen, die sich dafür einsetzen.
Und das heißt auch, dass Bundeswehrsoldaten nicht nur das Gefühl haben, sondern in der täglichen Begegnung merken, dass man ihnen für das, was sie leisten wollen und was sie jeden Tag leisten, auch Respekt und Anerkennung zollt. Und zu wissen, dass man umgeben ist von Menschen, die respektieren, wofür man sich selbst entschieden hat, nämlich im Notfall sein eigenes Leben dafür zu lassen, dass andere in Freiheit leben können.
Wenn man das spürt als Soldat, glaube ich, dann hat man viel erreicht. Nun sind wir am Ende eines intensiven Gesprächs über Verantwortung und Gewissen über die Härte des Militärdienstes und darüber, wie Seelsorge Halt geben kann, wo der Orientierungsdruck am größten ist. Lieber Herr Militärbischof Dr. Bernhard Fellberg, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das offene Gespräch. Dankeschön und bitteschön.
Das war Machtmenschen, der Politik-Podcast von Fokus, heute mit Markus Hurek. In Vertretung für Franziska Reich. Haben Sie vielen Dank fürs Zuhören. Abonnieren Sie uns gerne und bis zum nächsten Mal. Vielen Dank.