NZZ Akzent· Folge 1621
Paradoxes Finnland: Das glücklichste Land hat am meisten Arbeitslose
Dienstag, 14. Juli 2026 · 17 min
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Shownotes
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Finnland gilt laut Weltglücksbericht als das glücklichste Land der Welt. Doch eigentlich steckt das Land in einer wirtschaftlichen Krise, es hat die höchste Arbeitslosenquote in ganz Europa. Besonders der Einbruch der Handelsbeziehungen zu Russland nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die heimische Holz- und Baubranche schwer getroffen.
Die sozialen Folgen dieser Entwicklung sind gravierend, die Jugendarbeitslosigkeit hat mittlerweile die 20-Prozent-Marke überschritten. Ein extrem ausgebautes Sozialsystem fängt die Betroffenen zwar finanziell auf, nimmt vielen jedoch auch den Anreiz zur aktiven Arbeitssuche. Inmitten von Lethargie und zunehmenden psychischen Problemen der jüngeren Generation droht die traditionelle finnische Eigenschaft «Sisu» – der unbändige Wille, niemals aufzugeben – verloren zu gehen. Doch es gibt auch noch Erfolgsgeschichten.
Gast: Linda Koponen, Nordeuropa-Korrespondentin
Host: Antonia Moser
Redaktion: Marlen Oehler
Hier findet ihr Lindas Finland-Reportage zum Nachlesen in der NZZ (nzz.ch/international/finnland-gluecklichstes-l…).
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Dieser Podcast wird Ihnen präsentiert von den Wutwasversicherungen, dem Versicherer für KMU und Selbstständige. NZZ-Ochzent Die glücklichsten Menschen der Welt leben laut Weltglücksbericht in Finnland. Trotz Dunkelheit und Kälte in ihrer Heimat sind die Finnen weiterhin das glücklichste Volk der Welt.
Macht Finnland immer mal Widerschlagzeilen. Alle Jahre wieder kann man eigentlich schon fast sagen, anscheinend ist Finnland ja das glücklichste Land der Welt. Linda du hast aber ein ziemlich anderes Finnland gesehen? Ja das ist so. ich war in Hejnola dass es zu einer kleinen Stadt etwa zwei Autostunden von Helsinki entfernt.
und Finnland hat ja im Moment die höchste arbeitslosen Quote in Europa mit zehn Komma acht Prozent. In Heinola ist sie noch etwas höher, nämlich fünfzehn Komma Acht Prozent was selbst für finnische Verhältnisse wirklich sehr viel isst und das es schon ein ziemlicher Kontrast zu diesem Bild dass immer gezeichnet wird vom glücklichsten Land der Welt.
Mehr als zehn Prozent der Finnen und Finninen haben keine Arbeit. Was ist da schiefgelaufen? Unsere Nordeuropa-Korrespondentin Linda Koppern ist deshalb nach Hainola gereist, wo sich diese Probleme exemplarisch zeigen. Ich bin Antonia Mosa. Linda von Hainolah habe ich noch nie gehört! Wie muss ich mir diesen Ort vorstellen?
Ja, Hainolla ist wirklich seine sehr typische finnische Kleinstadt mit achtzehntausend Einwohner ... die auf einer Fläche leben, die halb so groß ist wie der Kanton Zürich. Innerhalb von hundert Metern gibt es dort um den Marktplatz herum drei Bestattungsinstitute. des Sportgeschäftes verkauft neben Wanderschuhen auch Jagdgewehre.
im Stadtbild sieht man eigentlich hauptsächlich Senioren. Es gibt auch teilweise ... Rantständige Menschen, weil Hennola sehr erschwinglich ist. Was die Mieten anbelangt. Man kann eigentlich sagen, Hennolah hat so ziemlich alles nur keine Arbeit. In deiner Reportage gibt es auch Bilder aus Haenola, die diese Atmosphäre in diesem Ort ein bisschen einfangen und mit einem siebentägigen Gratis-Probeabug kann man die auch anschauen.
Das gibt's noch jetzt im Juli. Die Details sind dann in den Show Notes. Seht man denn jetzt in Heinola auch die hohe Arbeitslosigkeit irgendwie? Ja, also Heinolada ist eine alte Industriestadt. Da gab es früher sehr viele Fabriken, die zum Beispiel so im Holzbereich etwas hergestellt haben und viele dieser Fabriker haben jetzt zugemacht Jahren und in der Stadt hat man schon so das Gefühl, dass da nicht wahnsinnig viel läuft.
Also da gibt es viele Senioren aber sonst ist da eigentlich im Moment nicht so sehr viel los. Du hast ja auch mit Leuten gesprochen in Hennula. was erzählen sie dir dann? Ich habe zum Beispiel die achtundzwanzigjährige Marta Laura getroffen. Sie ist Lkw-Fahrerin, wir haben uns in einem Kaffee verabredet den Marta Lara auch.
Sie hat im Moment keine Arbeit, also sie hat da Zeit sich auch am Tag zu treffen und sie hat mir dann erzählt dass eigentlich sehr optimistisch war als sie diese Ausbildung gemacht hat. man hat ihr da wirklich sichere Chancen auf dem Arbeitsmarkt Versprochen, aber nun ist ihr Abschluss zehn Monate her.
Sie hat fast hundert Bewerbungen geschrieben und sie hat trotzdem keinen Job gefunden. Aber warum? Wie erklärt sich das? Man muss da vielleicht etwas ausholen. Die Wirtschaftslage in Finnland ist wirklich sehr schwierig. Es gibt seit bald zwanzig Jahren ... kein Wirtschaftswachstum mehr. Und dann kam eben auch noch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine dazu, dieser Krieg dauerte ja jetzt schon seit Jahren und im Folge der Sanktionen hat auch Finnland die Handelsbeziehungen zu Russland abgebrochen und das hat vor allem die Holzindustrie und die Baubranche besonders hart getroffen weil diese den Zugang zu billigem Holz verloren haben.
Und das hat dann Auswirkungen natürlich auf den ganzen Arbeitsmarkt, also auch auf Lkw-Fahrer die viel weniger zu transportieren haben. Marta Laura was macht sie jetzt? Sie lebt im Moment von Sozialgeldern. Sie hat die Auflage bekommen vom Arbeitsamt dass sie sich einmal im Monat bewerben muss. aber Sie hat mir erzählt, dass auch das sehr schwierig ist.
Weil es einfach keine Stellen gibt. Ich habe da im Gespräch schon gespürt, dass sie sehr niedrgeschlagen ist und dass hier wirklich die Perspektive fehlt. Sie hat gesagt, sie sei ja auch offen um in eine andere Stadt umzuziehen aber auch dort hat sie bis jetzt nichts gefunden. Jetzt verbringt sie ihre Tage, damit sie hekelt und passt.
Dann hat sie noch einen Hund und eine Katze, die ihr Gesellschaft leisten. Aber da fehlt schon so die Perspektive.". Aber kann sie denn von diesem arbeitslosen Geld leben? Also reicht das irgendwie? Das ist natürlich nicht viel Geld, das sie da bekommt. Sie bekommt Arbeitslosengeld und dann bekommt sie noch etwas Wohngeld.
Das reicht so, dass sie gerade so durchkommt. Das ist individuell im Finnland sehr unterschiedlich. also es gibt auch noch ganz viele andere Zuschüsse die man je nach Lebenssituation bekommen kann. Wenn du sagst andere Zuschüssen, d.h., da gibts relativ viele Mittel für Arbeitslosen Ja, also nicht nur für Arbeitslose.
dieser ganze Sozialhilfe-Katalog umfasst über hundert verschiedene Beihilfen. Und das wurde kontinuierlich eigentlich seit den sechziger Jahren so ausgebaut und das hat jetzt dazu geführt dass sich für manche Personen die Arbeit tatsächlich gar nicht mehr lohnt weil sie mehr Geld bekommen wenn sie eben von Arbeitslosengeld und Sozialhilfen.
Und das ist auch ein großer Kritikpunkt in Finnland, dass diese Anreize fehlen um zu arbeiten. Also es wird wenig gefordert und man bekommt trotzdem relativ viel Geld. Aber kann sich Finnland das überhaupt leisten so viel Geld dafür auszugeben? Ja also Finnland ist heute hochverschuldet. Die Schuldenquote liegt bei neunzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Wenn man mit der Schweiz vergleicht, dann sind es in der Schweiz sechzehn Prozent. Also man merkt da schon einen gewaltigen Unterschied. Das ist wahnsinnig viel! Hat denn die Regierung da nichts gemacht? Ja, die neue Regierung hat da schon ein Systemwechsel angekündigt. Die Rechtskonservativen sind eigentlich auch... mit diesem Thema gewählt worden.
Sie haben versprochen, dass es hunderttausend neue Jobs im Finnland geben soll in ihrer Amtszeit. Da sind jetzt drei Jahre mittlerweile vergangen und das ist eigentlich nicht viel passiert außer, dass so eine Rezession kam. Das bedeutet, dass tendenziell die Arbeitslosigkeit noch weiter steigt. junge Menschen, die im Moment arbeitslos sind.
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Finnland seit Monaten über zwanzig Prozent und das sind eben Menschen, welche noch nie gearbeitet haben in ihrem Leben. Wir sind gleich zurück! Als Selbstständigerwerbende sind Sie hundert Prozent bei Ihrem Projekt – wir hundert prozent bei Ihren Schutz. Bei der Wuduas begleiten wir sie umfassend und ein Leben lang mit einer Ansprechperson, die ihre Bedürfnisse kennt Als selbstständig Erwerbende und als Menschen.
Eine schlechte Wirtschaftslage in Finnland, hast du gesagt? Der Ukrainekrieg kam noch dazu und dann eben auch noch fehlender Anreize vom Staat. Und manche junge Menschen haben in ihrem Leben noch nie gearbeitet. Gibt es da einen Ausweg aus dieser Situation? Also wird da was gemacht? Die Situation ist wirklich sehr schwierig und ich habe auch den Eindruck, dass das Problem mehr gemanagt wird als dass da wirklich etwas getan wird.
Ich war dort zu Besuch in einer Werkstatt für lang Zeit arbeitslose und ich hab dort die Leiterin dieser Werkstatte getroffen, Paula Thouminen. Und die hat mir auch so ein bisschen erzählt, wie das dort so abläuft. Also diese Werkstatt ist keine Strafe sondern die versteht sich wirklich als Angebot wo man auch verschiedene Berufe ausprobieren kann.
also man kann da Gärtnern oder Kochen lernen oder in der Medienwerkstatt lernt man verschiedene Computerprogramme bedienen. und das Ziel sagt Dominan sei eben, dass die arbeitslosen Arbeitsfake bleiben. Es kommt jetzt drauf an wie wir funktionieren definieren wollen. also es ist so das im Moment nur drei von zehn Personen dort einen Job finden auf dem regulären Arbeitsmarkt.
Dominan hat auch ganz klar gesagt, dass es mehr darum geht. Dass die Menschen eine Alltagsstruktur haben. aber auch das funktioniert so sehr mäßig weil sie sagt, dass viele zu spät kommen oder praktisch alle zu späht kommen. manche tauchen gar nicht auf die melden sich auch nicht ab. also ja das ist schon eher schwierig dort Also irgendwie gar keine Motivation mehr irgendwas zu machen.
Ja, das war dort auch sehr deutlich spürbar. Also es herrscht wirklich so eine Lethargie und Niedergeschlagenheit. Ich habe da vor allem mit diesen jungen Menschen versucht ins Gespräch zu kommen und da wurde ich auch vorgewarnt dass wahrscheinlich niemand mit mir sprechen möchte. und es gab auch einige die hingen in den Sesseln und hat dann irgendwie die Kapuzen über den Kopf gezogen, sich so wie dahinter versteckt.
Die konnten nicht mal wirklich so deutlich ihren Namen sagen, also wie sie heißen. Es gab aber tatsächlich zwei junge Menschen, die mit mir gesprochen haben, Pinnia und Alexi. Was erzählen Sie dir? Ich habe so auch die beiden, die haben noch nie gearbeitet. Sie haben aber durchaus Träume. Also sie bin ja träumt von einem eigenen Blumenladen eher vom eigenen Tattoo-Studio.
Aber da hab ich auch gemerkt dass ihnen so die Kraft irgendwie fehlt. also beide kämpfen mit psychischen Problemen. Er hatte bis vor kurzem jedes mal eine Panikattacke wenn er das Haus verließ hat der mir erzählt und Diese Niedergeschlagenheit oder diese depressive Stimmung führt dann auch dazu, dass sie Probleme haben wirklich sich an Abmachungen zu halten und das macht es natürlich schwierig einen Job zu finden.
Also wirklich so psychische Probleme verbunden oder ausgehend von dieser Arbeitslosigkeit? Und wie eine Spirale aus der Sie nicht mehr rauskommen stimmt dieses Bild? Ja, das ist schon das Bild, dass ich eigentlich vermittelt bekommen habe bei diesem Besuch. Und es ist noch interessant, weil es gibt so ein Wort auf Finnish, d.h., sie sucht.
Das beschreibt eine innere Entschlossenheit in einer auswechslosen Situation nicht aufzugeben. Das ist zu einer Charaktereigenschaft, die die Finnen sehr stolz sind und im heutigen Finland hat sich... etwas verändert. Das kann man auch spüren, also es gibt Leute die sagen dass dieser Sozialstaat eigentlich dieses Sisu wie erstickt hat diese innere Entschlossenheit und das dieses Gefühl verloren gegangen ist.
und ja man hat so den Eindruck dass irgendwie so der Antrieb fehlt es wenigstens zu versuchen. Das stimmt einem nicht gerade sehr hoffnungsvoll wenn man das hört. für Finnland Nein, also das war schon eher etwas deprimierend. Aber zum Glück habe ich auch noch einen jungen Mann getroffen den neunzehnjährigen Anselmi Rainio.
Und er ist eigentlich für mich irgendwie so dieser Imbegriff vom Sisu wenn man das so sagen kann. Er ist Legastheniker, er hat eine visuelle Lernstörung und in der Berufsschule hat ihm der Lehrer gesagt dass er keine Chance hat auf einen Abschluss was irgendwie auch sehr bezeichnend ist für das heutige Finnland.
Und Anselmi hätte natürlich auch sagen können ja gut dann versuche ich es nicht mal aber bei ihm hat das eigentlich so die gegenteilige Reaktion ausgelöst. Dem zeige ich es. Und er hat sich ein Lehrmeister gesucht, hat sich das Handwerk in der Praxis zeigen lassen und hat dann seinen Abschluss als Zimmermann ein Jahr früher gemacht als seine Klassenkameraden.
Jetzt hat er sich mittlerweile selbstständig gemacht in Heinola und hat auch schon erste Aufträge erhalten. also bei ihm läuft es eigentlich sehr gut. Das klingt jetzt doch noch Positiv. Was ging denn dir durch den Kopf, als du aus Hennola wieder abgereist bist? Ja ich muss schon sagen dass diese Lethargie mich so ein bisschen erschlagen hat.
also ich habe da schon gemerkt das wird für Finnland einen sehr sehr weiter Weg aus dieser Krise irgendwie wieder rauszukommen. ja ich hatte schon auch teilweise den Eindruck dass man vielleicht etwas mehr fordern und fördern müsste. Also es ist sicher sehr gut, dass man über die psychischen Probleme spricht, dass auch auf Neurodiversität und so Sachen sensibilisiert ist.
Das finde ich eigentlich nicht schlechtes. Gleichzeitig hat das aber auch ein bisschen im Finnland glaube ich dazu geführt, dass den Leuten auch die Chance nimmt sich zu beweisen. Und ich finde zum Beispiel Anselmi, er zeigt ja eigentlich sehr gut dass man auch mit Einschränkungen zum Erfolg kommen kann und das es eben wichtig ist, dass man versucht die Stärken zu suchen und sich nicht einfach ständig auf die Schwächen berufen.
Ich glaube, das ist der einzige Weg diese Spirale zu durchbrechen. Linda, ganz herzlichen Dank und Grüße nach Finnland! Danke Antonia Das war unser Akzent mit Nordeuropa-Korrespondentin Linda Koponen. Ich bin Antonia Mosa, bis bald!