
NZZ Akzent· Folge 1697
Provokation Kopftuchverbot: Aserbaidschan verärgert Iran und Türkei
Montag, 19. Oktober 2026 · 15 min
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Shownotes
Das autoritäre Regime in Aserbaidschan verbietet religiös anmutende Kleidung in Schulen. Das löst im Land selbst Proteste aus - und provoziert die Nachbarn Iran und Türkei. Doch Aserbaidschan gibt sich selbstbewusst, auch weil es wegen der Kriege in Iran und der Ukraine eine neue Rolle in der Geopolitik einnimmt und Kritik von seinen Partnern nicht wirklich fürchten muss, sagt NZZ-Korrespondent Volker Pabst in dieser Folge von «NZZ Akzent».
Gast: Volker Pabst, NZZ-Korrespondent
Host: Dominik Schottner
Redaktion: Simon Schaffer, Lillybelle Eisele
Den Text von Volker Pabst zu den Protesten in Aserbaidschan könnt ihr auf der Seite der NZZ nachlesen (nzz.ch/international/kopftuchstreit-in-aserbai…).
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Dieser Podcast wird präsentiert von der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Fachwissen, Praxisorientierung und hochkarätige Dozierende für ihren nächsten Karrierschritt. Diese Szene wirken seltsam vertraut. Protestierende Schülerinnen und Schüler ganz offensichtlich vor oder auch in ihren Schulen. Türen fliegen auf und Sprechköre werden geschmettert.
Aber hier geht es nicht um den miserablen Zustand von Schulen und der Lehre im Allgemeinen, sondern... Es geht um einen Teil der Kleidung der Schülerinnen. Und zwar das Kopftuch! Und wir sind Volker auch nicht in Frankreich, sondern dieses Szene. kommen wir Social Media aus Azerbaijan zu uns. Azerbaijan muss man sagen ist ein mehrheitlich muslimisches aber eben sekulares Land.
Da sind viele Menschen zwar muslimischen Glaubens, aber praktizieren ihn nicht wirklich. Warum demonstrieren denn die Schülerin hier so vehement? In Azerbaijan gilt seit einigen Wochen eine neue Kleiderordnung für Schulen. Und diese neue Ordnung richtet sich nicht direkt gegen das Kopftuch, aber letztlich hat es genau diesen Effekt nämlich darf keine Kleidung getragen werden die gegen den säkularen Charakter des Bildungswesens verstößt.
und weil das Kopffuch ein religiöses Symbol ist dürfen dass die Frauen, das sind Schülerinnen aber auch Lehrerinnen nicht mehr tragen. Das ist besonders interessant, weil wenn man sich überlegt wo sich Azerbaijan befindet das liegt im Norden von Iran und dort gab es ja diese großen Proteste auch wegen des Kopftuchs aber nicht.
Weil Leute dafür demonstrierten es tragen zu dürfen sondern weil sie dagegen demonstrieren erstragen zu müssen. Es ist quasi ein Kopftuchtstreit mit umgekehrten Vorzeichen. Warum das eigentlich muslimische Land Aserbaycan den Frauen in den Schulen Kopftücher verbietet und was es auch mit der aktuellen Lage in Aserbajans Nachbau- und Bruderländern Iran und Türkei zu tun hat, das erklärt uns in dieser Folge von NSZ-Aktzent unser Krosponent Volker Papst.
Ich bin Dominik Schottner. Hallo! Volker lass uns Aserbaijan einmal ganz kurz geografisch verorten. Es liegt im Südkaukasus am Karzbischen Meer. Im Norden haben wir Russland und Georgien im Westen Armenien und im Süden eben Der Iran, was müssen wir denn noch Grundlegendes wissen um die Proteste rund ums Kopftuch zu verstehen?
Ja du hast es schon erwähnt. Das Land ist hauptsächlich muslimisch geprägt also bei Janus ein türkisches Volk und schiitisch wie der Iran. das land ist aber sehr säkulares befand sich fast zwei hundert Jahre unter russischer Herrschaften sowiethische Herrschaft. Es gab aber und das ist etwas dass sich in allen ehemaligen sowjetrepubliken beobachten lässt eine gewisse Rückbesinnung auf traditionelle Kultur, auf die nationalen Eigenheiten seit der Unabhängigkeit in den neunziger Jahren und das geht auch einher mit einer gewissen Rückbesindung auf den Islam.
Also es gibt vereinzelte Bevölkerungsgruppe, die vielleicht jetzt in Islam für sich wieder neu entdecken Und all das findet in einem Land statt und das gehört auch dazu, dass sehr autoritär regiert wird. Also der Präsident Ilham Aliyev ist der Sohn des ersten Präsidenten Haidar Aliye vor ihm. Der regiert das Land mit sehr harte Hand.
Ich glaube man darf nur da im Polizeistart sprechen. also säkularis land muslimisch geprägt wenig individuelle Freiheiten Das ist ungefähr der Kontext. Und in diesem Land sind jetzt also die Leute zum Teil wenigstens auf die Straße gegangen, um gegen dieses Kopftuchverbot zu demonstrieren. Wie hat denn dieses Regime das du eben beschrieben hast?
Jetzt auf diese vereinzelnden Demos reagiert. Wie es zu erwarten war sehr rabiat. als die ersten Proteste auftauchten gab es Massenverhaftung. wie. das Innenministerium hat dann eine Stellungnahme veröffentlicht dass sieben und dreißig Personen verhaftet worden seien. Auf unabhängigen Medienportalen war aber auch von zweihundert Leuten die Rede.
Es gab Einschränkungen beim Internet, also bei gewissen sozialen Medien, die glaube ich auch für die Organisation dieser Proteste vielleicht eine Rolle gespielt haben. Also da wurde schon sehr hart durchgegriffen. Man muss auch sagen es ist nicht ganz einfach sich ein Bild darüber zu machen was für einen Ausmaß diese Proteste haben, weil das ein sehr aufgeladenes und politisiertes Thema ist.
Und je nachdem wer darüber in den sozialen Medien Aufnahmen teilt macht es mit einem gewissen Hintergedanken. also es gab auch Bilder die vielleicht ein etwas größeres Ausmaß der Proteste suggerieren als es wirklich stattgefunden hat. Es wurden teilweise auch Aufnahmen geteilt die eigentlich gar nicht von diesen Protesten stammen.
Also es ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen was man sagen kann. es gab diese Entscheidung die hat Unmut ausgelöst in gewissen Kreisen sehr hart gegen diesen Unmut. Mhm, denn lass uns in das Nachbarland schauen Iran du hattest es schon angedeutet da gibt's eine sogenannte aserische Minderheit also mit starken Wurzeln im nachbarland Azerbaijan.
In Azerbaijan selber ist die Bevölkerungsmehrheit aber schiitisch auch das hast Du schon gesagt. Das heißt da gibt es ne Menge Verbindendes zwischen den beiden Ländern. was aber trennt sie denn? Ich glaube es sind dieselben Sachen. Also du hast schon erwähnt Es gibt in Iran der Nordwesten ist eigentlich Die Bevölkerung dort ist aserbajanisch oder azerisch.
Das heißt, die sprechen dieselbe Sprache wie in Aserbaycan. Iran hat vor zweieinhalb Jahren auch mal das Gebiet des heutigen Azar-Bajans kontrolliert. Das war Teil des eigenen Reiches und es ist eine türkische Sprache, die die Azeri sprechen also völlig anders als eigentlich das Persische aber sehr nah am türkischen aus der Türkei.
man versteht sich auch Türk und Aseres verstehen sich ohne große Mühe ich würde sagen Wahrscheinlich sogar besser als ein Norddeutscher und ein Schweizer sich verstehen. Und in Iran gab es immer eine Sorge, dass Azerbaijan das eigenständiges Land mit eigener asierischer Identität vielleicht auch Abspaltungstendenzen fördern könnte in der asärischen Minderheit in Iran.
Also das ist ein Grund für dieses komplizierte Verhältnis geht aber auch darüber hinaus. Sie haben schon gesprochen. Azerbaijan ist stark säkulare geprägt, postzuwirtig geprägt. Iran ist ne theokratische Diktatur also da gibt's wenig Verbindendes Und auch geopolitisch sind die Allianzen völlig anders.
Azerbaijan ist eng mit Israel verbündet, dem Todfeind Iran's. Also da gibt es viel Konfliktpotenzial. Aber kannst du noch mal erklären wie der Iran dann versucht in Azerbaijan Einfluss zu nehmen? Also gibt es da vielleicht Medien oder gibt es hier irgendwelche Bewegungen, die Iran unterstützt? Azerbaijan ist das einzige Land mit einer schädlichen Bevölkerungsmehrheit oder selbst mit einer großen schädischen Minderheit, wo es keine iranische Proxies gibt.
Es gibt keinen iranischen Parteien oder pro-iranischer Parteien, es gibt keine pro-iranischen Milizen – also zum Beispiel in Lebanon gibts den Hezbollah, in Yemen gibts die Houthis. Das gibts in Azerbaijan nicht. Iran möchte aber Einfluss nehmen auf dieses Land im Norden genau weil es halt so viele Konfliktpunkte gibt und dass Einfachste Mittel für Iran, Einfluss zu nehmen ist durch die Religion.
Durch die Förderung des politischen Islam in diesem Land und genau davor hat man in Aserbaycan Angst. Man reagiert sehr hellhörig, sehr dünnhäutig auf religiöse oder auf Tendenzen, die zur einer Stärkung der religiösen Identität hinweisen könnten. Und ich denke auch dass das der Hauptgrund ist für dieses neue Gesetz.
also es geht da weniger um die Kleidung an Schulen sondern um die Bedeutung der Religion und was das an möglichem Einfluß Irans bedeuten könnte. Wir sind gleich zurück. Heben Sie mit uns ab! Mit einer Weiterbildung an der Hochschule für Wirtschaft, FHNW bringen sie ihre Karriere auf die nächste Stufe.
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Ein Bruderstaat ist ja auch die Türkei, auch das haben wir schon angesprochen. Wie steht dass im Zusammenhang? Türkeil und Azerbaijan sind sehr eng. Das Verhältnis wird immer beschrieben mit der Formel Wir sind ein Volk die in zwei Staaten leben also uns trennt nix. aber Die türkei war ja selber früher ein erdsekulares land Gegründet von Attaturk, die säkularen Prinzipien der Republik waren unheimlich wichtig.
Die aber vom Erdogan, dem jetzigen Präsidenten stark aufgeweicht wurden und dazu gehört auch das Kopftuchverbot. Das Kopftucht ist in der Türkei bis heute ein sehr, sehr starkes Symbol dieses Kulturkampfs, der das Land unglaublich beschäftigt. Und jetzt passiert also... In diesem Bruderstaat wird das Kopfftuch an Schulen verboten während die Türkeis ein ähnliches Verbot vor etwa zwanzig Jahren aufgehoben hat Und das hat einiges ausgelöst.
Es gab Kritik von türkischen Medien, es gab Proteste vor der aserischen Botschaft in Ankara – das sind Dinge die's früher nie gab! Die Regierungspartei in Asarbaidschan wiederum hatten ziemlich scharf formulierte Stellungnahme geschickt und sagten wir lassen uns nicht reinreden und verbitten uns jegliche Einmischungen von außen.
Also da ist einiges passiert wegen dieses Kopftuchverbot.". Bruderstaaten versteht? Also ich glaube, das ist auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Das es in Aserbaycan gab. Das Land hat zehn Millionen Einwohner, die Türkei hat achtzig Millionen. Es war klar immer der Juniorpartner aber so nennt man sich überhaupt nicht mehr wahr und das lässt sich auch begründen.
Das land ist sehr sehr wohlhabend geworden verfügt über große Gasgeserben Öl ist ein wichtiger Partner des Westens. Krieg mit Armenien oder in den Kriegen. Mit Armenien hat ja zwei große Siege errungen und hat Bergkarabach diese Provinz, die zu Azerbaijan gehört aber eigentlich von Armenien bevölkert war wieder zurückerobert.
Und seit diesen Siegen tritt man einfach mit sehr großem Selbstbewusstsein auf und ich glaube ... Man sieht sich auch überhaupt nicht mehr als Juniorpartner der Türkei sondern bestenfalls auf ein Partner-auf-Augenhöhe. Ein Partner auf Augenhöhe. Kürzlich im Sommer auch in Deutschland war Präsident Aliyev bei Bundeskanzler Friedrich Merz, um da über die Lieferung von noch mehr Öl- und Gasgespräche zu führen.
Herzlich willkommen! Ich freue mich, dass ich heute in Berlin den Staatspräsidenten von Azerbaijan Ilama Yilev herzlich Willkommen heißen darf. Wir holen heute solche Gespräche, solche Partnerschaften, Absichtserklärungen – das stärkt natürlich den Rücken oder? Auf jeden Fall Im Verhältnis zum Westen ist einfach Azerbaijan ein sehr wichtiges Land geworden.
Das hat mit dem Krieg in der Ukraine zu tun und das Russland als Lieferant von Rohstoffen nicht mehr gern gesehen ist nachliegenderweise in Europa, dann muss man sich nach Alternativen umsehen und der große Profiteur davon ist Azerbaijan. Deswegen ist man im Westen auch sehr vorsichtig mit Kritik an diesem Land, obwohl sich dieses Land ... Ich hab schon gesagt es sind Polizeistar, das ist in der Rangliste der Pressefreiheit auf dem onehundert-einundsiebzigem Platz.
also da gibt's nicht viele Länder. wo es noch schlechter ist hat ja auch diesen Krieg mit Armenien geführt und hat dabei Nagornikarabach diese Enklave nicht nur zurückerobert, sondern ethnisch gesäubert. Hat einfach alle christlichen Armenier eigentlich rausgeschmissen. Und das sind alles Praktiken die man in Europas Nachbarschaft im XXI Jahrhundert eigentlich nicht mehr sehen möchte.
Trotzdem schweigt man dazu weil Asserbaycan sehr wichtig ist. Gleichzeitig, der Krieg gegen Armenien wurde auch dank israelischen Waffen gewonnen. Das heißt man hat eine sehr enge Partnerschaft. Israel profitiert auch davon weil man denkt durch die Stärkung dieses Landes im Norden von Iran kann man Iran ein bisschen einhegen immerhin der Tod fein.
und das wiederum ist ein weiteres oder vielleicht eigentlich das noch größere Problem dass Azerbaijan mit der Türkei hat Weil Erdogan ja seit dem Gaza-Krieg ein unheimlich Scharfer-Kritiker, das ist eigentlich noch freundlich formuliert. Ein ätzender Kritiker. Israel ist in jeder Hinsicht und nettern Jao war jeder Gelegenheit als Völkermörder bezichtig Und von der muslimischen Welt irgendwie auch erwartet dass man da mitzieht.
und eines der ganz wenigen Länder die das nicht machen ist Aserbaycan. aus all diesen beschriebenen Gründen hält aserbaycans wie israel Und der Kopftuchstreit ist eher ein Detail, aber an dem ist es jetzt ausgebrochen. Israel ist eine viel größere Meinungsverschiedenheit, aber es zeigt einfach dass Assad sich nicht als Juniorpartner versteht und das auch gar nicht mehr nötig hat weil er es über die Ressourcen und über das Ansehen im Besten verfügt um selbstständig aufzutreten und ich glaube das illustriert diese Geschichte.
Jetzt sind wir einen weiten Weg gekommen von einem Kopftuchverbot vermeintlich auf einem niedrigen Level in den Schulen angesiedelt hin zur großen geopolitischen Lage, wo alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Welche Wucht kann dieser Streit ums Kopftuchen in Aserbaycan entfalten? Eine ähnliche wie im Iran, wo das zwar brutal niedergeknüppelt wurde, wo so meine Wahrnehmung es aber dauerhaft eine Art von Widerstandsgeist geweckt hat!
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Aus unterschiedlichen Gründen. erstens die Mehrheit der Bevölkerung ist sekular. Das Kopftuch ist für ganz viele einfach nicht so ein richtiges Thema. Es stimmt dass Leute die den Regime kritisch gegenübergestellt sind haben sich zum Teil mit diesen Gegnern des Kopftuchsverbot solidarisiert Einfach auch weil es einen Austrug ist gegen diesen autoritären Staat.
Aber dass das eine große Massenwirkungen faltet erwarte ich eher nicht. Ich glaube aber auf außenpolitischer Ebene könnte das durchaus längerfristige Folgen haben. Das Verhältnis zu Türkei ist stark angespannt und wenn man schaut, was in der türkischen Twittersphäre los ist wie plötzlich über Azerbaijan gesprochen wird – das ist doch eine starke Veränderung zu früher!
Und ich habe es gefühlt dass sich in diesem sehr wichtigen bilateralen Verhältnis für diese Region sich da einiges noch verändern könnte. Volker Papst, danke dir! Vielen Dank Und folgers Text über die Pro-Kopftuchbewegung Aserbaycan findet ihr natürlich auf NZZ.ch. in der Folgenbeschreibung, verlinke ich euch auch die Informationen zu unserem unverbindlichen sieben Tage Probeabo!
Ich bin Dominic Schottner, vielen Dank fürs Zuhören.