
NZZ Akzent· Folge 1696
Netanyahu und kein Ende: Wer gewinnt die Knesset-Wahl in Israel?
Freitag, 16. Oktober 2026 · 18 min
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Shownotes
Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas wählt Israel am 27. Oktober ein neues Parlament. Die anstehende Knesset-Wahl gilt vor allem als Richtungsentscheidung und persönliche Abstimmung über Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Viele Israelis machen Netanyahu persönlich für das damalige Sicherheitsversagen verantwortlich, da sein jahrzehntelanges Schutzversprechen gebrochen wurde. Der Israel-Korrespondent Johannes C. Bockenheimer berichtet im Gespräch mit Sarah Ziegler direkt aus dem emotional geladenen Wahlkampf. In den Umfragen zeichnet sich eine Pattsituation ab: Netanjahus Likud-Block kommt ebenso wie das gegnerische Lager auf derzeit rund 52 Sitze, wodurch arabischen und ultraorthodoxen Parteien eine Schlüsselrolle zukommt. Als aussichtsreichster Herausforderer gilt der frühere Armeechef Gadi Eisenkot mit seiner neu gegründeten Partei Yashar. Eisenkot, der sowohl seinen Sohn als auch seinen Neffen im Gazakrieg verlor, punktet bei vielen Wählern durch ein unaufgeregtes Auftreten.
Gast: Johannes C. Bockenheimer, Israel-Korrespondent
Host: Sarah Ziegler
Redaktion: Dominik Schottner, Simon Schaffer
Foto Thumbnail: Debbie Hill
Alle Texte von Johannes C. Bockenheimer aus Israel hier lesen bei der NZZ (nzz.ch/impressum/johannes-c-bockenheimer-ld.17…).
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Dieser Podcast wird präsentiert von der Hochschule für Wirtschaft FH&W, Fachwissen Praxisorientierung und hochkarätige Dozierende für ihren nächsten Karrierschritt. Kurz vor dem siebten Oktober in Jerusalem sind bei einer offiziellen Gedenkveranstaltung viele Menschen zusammengekommen. Sie alle wollen an den Terrorangriff der Hamas auf Israel erinnern.
Und auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu spricht hier. Er und seine Frau Sarah, so sagt Netanyau, stünden an der Seite des Volkes mit einem großen Schmerz im Herzen. Dann auf einmal nähert sich ganz ungeplant ein Mann aus dem Publikum der Bühne. Eine Sicherheitskraft ist alarmiert und eilt ihm ganz schnell hinterher, versucht ihn einzuholen.
Dieser Mann ist ein Vater, dessen Sohn beim Hamas-Angriff getötet wurde. Er ruft Netanyahu über eine Absperrung hinweg zu... Sie haben meinen Sohn am siebten Oktober nicht beschützt! Johannes, in rund zwei Wochen da wählen die Israelis das neue Parlament die Knesset. So ein Moment wie der hier. was bedeutet er im Wahlkampf für Benjamin Netanyahu?
Ja ich glaube diese Szene zeigt tatsächlich ziemlich gut worum es bei dieser Wahl geht. drei Jahre nach dem Massaker vom siebten Oktober gibt das im Land nicht wenige die Benjamin Netanyao persönlich für das damalige Versagen auch verantwortlich machen. und Durchaus ist ja auch ein guter Grund, denn Netanyahu oder Bibiwia hier von vielen genannt wird hat ihn ja über Jahre immer wieder genau das versprochen.
Dass sie unter seiner Führung in Sicherheit sind und dass sie sich nicht sorgen müssen. Und diese Hoffnung wurde durch das Massaker bei vielen dann auch enttäuscht. und zugleich weigert sich Bibi aber auch die politische Verantwortung zu übernehmen. Das könnte sich jetzt tatsächlich rechen! Am siebenundzwanzigsten Oktober wählt Israel ein neues Parlament.
Schafft es Benjamin Netanyahu noch einmal, Ministerpräsident zu bleiben oder übernimmt die Opposition? Unser Israel-Korrespondent Johannes C. Bockenheimer beobachtet den Wahlkampf für uns! Ich bin Sarah Ziegler und das ist NZZ-Aktzent. Ja, man kann ihm tatsächlich nicht entgehen in diesen Tagen. Bei mir um die Eckart gerade der Likud also die Partei von Bibi ein riesiges Plakat von Netanyahu an einem Hochhaus aufgehängt.
ich schätze mal das sind so zwanzig Meter oder so. da sieht man dann Bibi drauf mit der Botschaft wir werden nicht aufgeben Und ja, der Balkan wird ausgesprochen emotional und persönlich geführt. Netanyahu ist wichtigster Herausforderer. Gar die Eisencourt heißt. er hat ihn gerade öffentlich zu einem Fernseh-Duell aufgefordert und auf einen solchen Auftritt hat Netanyau aber bislang nicht so wirklich Lust scheint es weshalb Eisencord dann auch noch mal mit neuen Plakaten nachgelegt hat.
Auf dem steht sinngemäß netanyahu warum hast du Angst vor einer Debatte? Dann lass uns aber die Emotionen jetzt einmal gerade noch kurz rausnehmen und über die nackten Zahlen sprechen. Wie steht Benjamin Netanyahu denn aktuell in den Umfragen damit seiner Likud-Partei? Nicht allzu gut, Netanyah ist likut und die Parteien mit denen er bisher regiert und die unterstützen kommen in den U-Fragen zusammen auf etwa ja so zweiundfünfzig Sitze.
Und das is zu wenig wenn man Regierungsschaff werden will Denn die Knesset hat hundertzwanzig Abgeordnete. Für eine Regierungsmehrheit braucht man also eine Mehrheit von mindestens einundsechzig Sitzen. Ja, allerdings auch in der Opposition läuft es nicht so gut. Der Block von Parteien die Bibi aus dem Amtjagen wollen kommen ebenfalls nur so auf zweiundfünfzig Sitze.
das schwankte in den vergangenen Wochen immer mal wieder so ein bisschen. im Großen und Ganzen aber steht das Land vor ja so einer Patsituation. Entscheidend könnten deshalb die Arabischen und auch die ultraorthodoxen Parteien werden, denn ohne ihre Stimmen bekommt wohl keines der beiden Lager eine Mehrheit später.
Allerdings gibt es hier dann das Problem dass viele Oppositionspolitiker weder mit den einen noch mit den anderen zusammenarbeiten wollen. und ja das macht die Regierungsbildung ziemlich schwierig. Worauf führst du das denn zurück? Dass die Liquidpartei und Netanyahu und seine Koalition gerade eher schlecht dastehen.
Ist es dieses Szene vom Anfang? ist es der siebte Oktober, der seine Umfragewerte gerade so beeinflusst? Absolut! Der spielt eine ganz entscheidende Rolle. Viele Israelis werfen dann ja auch vor dass er das Massaker nicht verändert hat obwohl er eigentlich gewarnt wurde von den eigenen Sicherheitsbehörden, aber auch von anderen Staaten.
Es gab gerade diese Woche beispielsweise einen Bericht darüber dass der ägyptische Geheimnischef kurz vor dem Angriff nach Israel gereist sein soll um vor einer Attacke der Hamas zu wahren. Netanyahu hat in einem Fernsehinterview zwar bestätigt was es diesen Besuch gab Er bestreitet allerdings selbst mit dem Geheimnäherchef gesprochen zu haben.
Hinzu kommt, dass viele Israelis aber auch natürlich mit der Kriegsführung in Gaza unzufrieden sind etwa mit seinem Umgang mit den Gaiseln und den Verhandlungen über ihre Freilassung. Aber der siebte Oktober ist nicht das einzige was das Land gerade umtreibt. Das gibt noch ganz andere große innenpolitische Konflikte.
Was sind diese innenpolitischen Konflikten? Der größte sicherlich der über die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer. Bislang wurden sie vom Dienst an der Waffe ausgenommen, was aber viel im Land als ja unfair erachten gerade auch weil Sie selbst mittlerweile drei Jahre zum Reservedienst oder zur Wehrflicht antreten müssen.
Darüber wird seit Monaten diskutiert und die streng religiösen legen hier auch in regelmäßigen Abständen bei ihren Demos das Land lahm. Darüber hinaus sorgen aber auch die hohen Lebenshaltungskosten seit langen für Unmut. nur mal ein Beispiel zu nennen. Ich habe mir kürzliche Weintrauben gekauft und musste dafür, was waren es?
Sechsundfünfzig Schäkel hinblättern das sind umgerechnet etwa fünfzehn Franken. Wie viele Kilo hast du denn gekauft? Ein einziges Kilo war's! Und das sind halt leider nicht nur die Weintraum sondern egal ob Du Lebensmittel, Mieten oder Dienstleistungen zahlen solls alles ist hier verdammt teuer im Land.
Gleichzeitig wurde das nie wirklich angepackt von der Regierung, was natürlich dann auch für ziemlich einen Unmunt sorgt. Jetzt ist Netanyahu mit einer ungefähr einjährigen Unterbrechung seit zwei tausend neun Ministerpräsidenten von Israel und er war es vorher auch schon mal. also dieser Mann prägt seit Jahrzehnten das Land.
Gibt es da jemanden, der ihm wirklich gefährlich werden kann in dieser Wahl? Du sprachst eben schonmal gar die Eisencourt an! Genau, den hatte ich eben schon mal angesprochen. Es gibt aber auch noch mehr Kandidaten, es gibt den ehemaligen Ministerpräsidenten Naftali Bennett zum Beispiel. Aber der wichtigste und aussichtsreichste Herausforderer ist tatsächlich momentan Gadi Eisenkott, den wir eben schon erwähnt hatten.
Eisenkot hat sein Berufsleben in der Armee verbracht, war sogar mal unter Netanyahu Armeeschef und hat dann im vergangenen Jahr die Partei ja schar gegründet was auf Aprilisch so viel heißt wie geradeaus, die positioniert sich in der politischen Mitte und liegt in den Umfragen derzeit sogar noch vor Netanyahu.
Jedenfalls die meiste Zeit. Was hat Gardy Eisenkott denn dazu gebracht selber eine Partei zu gründen und sich jetzt politisch so zu organisieren als ehemaliger Armee-Chef? Ja für Eisenkot war der siebte Oktober definitiv ein Einschnitt einerseits politisch natürlich, aber andererseits auch ganz persönlich.
Denn er hat auch seinen Sohn im Krieg gegen die Hamas verloren – sprich, er ist als Soldat um Gassastreifen getötet worden. Ja wir hören im Hintergrund gerade einen Mitschnitt von der Beerdigung bei der auch Gardi Eisenkott gesprochen hat. Sein Sohn Gal sollte im Gaza-Streifen in einem Tunnel nach israelischen Geißen suchen damals und gerät aber dann in eine Sprengpfeile und wurde davon auch getötet.
Es ist nicht der einzige Todesfall in der Familie, einen Tag später fehlt dann noch ein Neffe von Gardi Eisenkott im Kampf gegen die Hamas, sprich der Politiker doch ziemlich stark gezeichnet von diesem Konflikt und dieser Auseinandersetzung mit der Hamas. Was hat er denn aus diesem persönlichen Schicksal für seine Politik mitgenommen?
Was will er mit seiner Partei Yashar in der israelischen Politik erreichen? Ich glaube man kann sagen, dass er seit dem Massaker politisch zumindest in einigen Fragen auch deutlich konservativer geworden ist als er es davor war. Früher hat er sich zum Beispiel gegen den Ausbau der israelischen Unsiedlungen im Westjordanland ausgesprochen.
Heute sagt er, dass ein palästinzischer Staat unter den gegenwärtigen Umständen nicht infrage kommt. und ja das ist übrigens auch eine Haltung die inzwischen viele Israelis mit dem teilen. Insofern ist es da also gar nicht so weit entfernt mehr von Netanyahu und Demlikut und was auch für andere Fragen in der Sicherheitspolitik übrigens zutrifft.
Inpolitisch gibt es allerdings doch noch deutliche Unterschiede zwischen ihm und Bibi, so will Eisencourt beispielsweise das auch ultraorthodoxen Männer Militärdienst leisten müssen. Vor allem aber unterscheidet er sich in seinem Auftreten glaube ich denn Eisencott ist eigentlich das genaue Gegenteil von Nathan Yauer.
er ist ein ziemlich Sprüder-Typer redet wenig, wirkt manchmal fast langweilig, aber genau damit kommt er wahrscheinlich dann auch bei vielen Israelis gut an. Denn nach all den Jahren mit Netanyahu einem Politiker der ständig polarisiert und provoziert wünschen sich viele offenbar jemanden, der so ein bisschen unaufgeregter agiert.
Ist diese Wahl dann am siebenundzwanzigsten Oktober eigentlich noch eine Parlamentswahl? Oder ist es eine Wahl pro oder anti Netanyahu. Also rein formell, ist das natürlich weiterhin eine Parlamentswahl? ja aber man kann schon sagen dass es nicht zuletzt einer Amtstimmung auch über Netanyahou selbst ist.
die entscheidende Frage ist für viele Wähler wirklich ob dieser Mann nach all den Jahren weiter regieren soll oder nicht. Aber das zeigt dann eben auch, wie stark Netanyahu die israelische Politik noch immer prägt. Selbst bei dieser Wahl prät sich fast alles um ihn. Gleich geht's weiter! Lass uns jetzt mal weiterdenken.
Wie realistisch ist es denn, dass der nächste Ministerpräsident Israels nicht mehr Benjamin Netanyahu heißt? Sondern Gadi Eisenkott! Ziemlich schwierige Frage auf die ich leider keine eindeutige Antwort habe. Eisenkots Partei liegt in den Umfragen knapp vor Netanyah aus Lykota aber Netanyau hat noch immer eine sehr loyale Wählerschaft gerade unter den ultraorthodoxen Wählern, die machen allein etwa elf Prozent der Wählerschaft von ihm aus.
Ich habe darüber kürzlich mit Minachem Lasar gesprochen, einem der bekanntesten Meinungsforscher hier im Land und er hat mich an die Wahl zweitausendfünfzehnärmert. Damals gab es einen ganz ähnlichen Fall. Viele Likudwähler sind zu Hause geblieben, weil sie dachten, Netanyahu wäre das ohnehin gewinnen die Wahlen.
Dann aber saß im letzten Moment doch nicht mehr so aus. Die Position kam voran und konnte viele Wähler mobilisieren. Im letzten Moment bekam Netanyau dann Muffensausen veröffentlichte am Wahltag eine Videobotschaft und warnte davor, dass arabische Wählern Scharen zu den Urnen stürmen würden. Und der Trick gelang ja, mobilisierte seine Anhänger und am Ende gewann der Likud dann doch noch.
Heißt er hat im Grunde immer noch ein Ass im Ärmel? Ja auf jeden Fall. Netanyahu ist seinen Herausforderen einfach politisch um Jahrzehnte voraus. Er kennt das politische Geschäft. Wir. kaum ein anderer weiß wie man Gegner gegeneinander ausspielt Mehrheiten organisiert und selbst aus einer scheinbar aussichtslosen Situation wieder herauskommt.
Mehnachten Lazar hat ihn im Gespräch mit mir sogar als einen politischen Magier bezeichnet, das trifft es ganz gut finde ich.". Und Eisencott ist noch kein politischer Magier dann wahrscheinlich? Nein, ganz und gar nicht. Eisenkott war Armee-Chef aber seine eigene Partei hatte er erst vor einem Jahr gegründet.
bedeutet ihm fehlt es einfach an politische Erfahrungen und selbst wenn Yasha jetzt stärkste Kraft wird braucht er Koalitionspartner um letztendlich auf die nötigen einsechzig Sitze im Parlament zu kommen. da ist dann aber noch nicht einmal sicher welcher seiner möglichen Partner überhaupt den Einzug ins Parlament auch schafft.
klar Mit Netanjau will Eisenkott nicht regieren und weil er die Wehrpflicht für Ultradox durchsetzen will, kommen auch deren Parteien als Partner kaum in Frage. Eisenkot muss also nicht nur die Wahl gewinnen sondern anschließend eine Mehrheit zusammenbekommen. Genau darin hat Netanjao sehr viel mehr Erfahrung und da fehlt es Eisenkotto einfach an Zauberfähigkeiten.
Zauberei hin oder her, am Ende entscheiden ja erst mal die Wähler wie sich die Knesset bald zusammensetzen wird. Was wird denn da jetzt am Ende wirklich den Ausschlag geben? Ich glaube entscheidend würde es sein wem die Israelis am ehesten zutrauen für ihre Sicherheit zu sorgen. Interessant ist dabei dass viele Wähler in Umfragen eigentlich ganz andere Prioritäten nennen.
darüber habe ich auch mit. Er sagt, fragt man die Israelis was ihnen bei der Wahl am wichtigsten sein und viele die Wirtschaft vor allem die hohen Lebenshaltungskosten. Also er glaubt aber das am Ende doch die Sicherheit in Ausschlag geben wird. Das zeigt sich gerade am vereitelten Anschlag auf diesen Fly to Buy Flug.
Die Opposition fragt, wie konnte ein solcher Pilot überhaupt nach Israel fliegen? Die Regierung dagegen feiert die Vereidlungen als ihren eigenen Erfolg. Es geht also um zwei völlig unterschiedliche Bewertungen des selben Vorfalls und dann hat darum dürfte es auch am Wahltag gehen, wem vertrauen die Menschen ihre Sicherheit an?
Vielen Dank Johannes Sehr sehr gerne. Johannes beobachtet den Israel, den Wahlkampf und selbstverständlich auch die Wahl am siebenundzwanzigsten Oktober. Ihr könnt das alles bei der NZZ verfolgen – schon jetzt mit einem Siebentage gratis Abo! Dass wir nur euch Podcast-Hörand schenken? Niemandem sonst natürlich!
Ohne jede Verpflichtung. und ich verlinke euch neben diesem Gratis-Abo in den Shownotes auch noch eine Podcastfolge zur Wehrpflicht für die ultraorthodoxen Juden. Das war NZZ-Aktzent, ich bin Sarah Ziegler, macht's gut!